Für unsere Mütter und Hausfrauen O O O O Nr. 6 。。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit ooooooo °°°°°°°° Beilage Inhaltsverzeichnis: Goethe über den Krieg. Mayer. Von Felix Linke. Für die Hausfrau. Das rote Lachen. Von Leonid Andrejew.( Schluß.) Goethe über den Krieg. Julius Robert Feuilleton: „ Kriegslieder schreiben," sagte Goethe zu Eckermann, und im Zimmer sitzen! Das wäre meine Art gewesen! Aus dem Biwak heraus, wo man nachts die Pferde der feindlichen Vorposten wiehern hört: da hätte ich es mir gefallen lassen! Aber das war nicht mein Leben und nicht meine Sache, sondern die von Theodor Körner. Ihn kleiden seine Kriegslieder auch ganz vollkommen. Bei mir aber, der ich keine kriegerische Natur bin und keinen kriegerischen Sinn habe, würden Kriegslieder eine Maske gewesen sein, die mir sehr schlecht zu Gesicht gestanden hätte."" Ich habe in meiner Poesie nie affetttert.... Wie hätte ich nun Lieder des Hasses schreiben können ohne Haß! Und, unter uns, ich haßte die Franzosen nicht, wiewohl ich Gott dankte, als wir sie los waren. Wie hätte auch ich, dem nur Kultur und Barbarei Dinge von Bedeutung sind, eine Nation hassen können, die zu den kultiviertesten der Erde gehört und der ich einen so großen Teil meiner eigenen Bildung verdankte!" überhaupt" fuhr Goethe fort„ ist es mit dem Nationalhaß ein eigenes Ding. Auf den untersten Stufen der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet und wo man gewissermaßen über den Nationen steht, und man ein Glück oder ein Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet. Diese Kulturstufe war meiner Natur gemäß, und ich hatte mich darin lange befestigt, ehe ich mein sechzigstes Jahr erreicht hatte."" Lord Bristol kam durch Jena, wünschte meine Bekanntschaft zu machen und veranlaßte mich, ihn eines Abends zu besuchen. Er gefiel sich darin, gelegentlich grob zu sein; wenn man ihm aber ebenso grob entgegentrat, so war er ganz traktabel. Er wollte mir im Laufe unseres Gespräche eine Predigt über den Werther halten und es mir ins Gewissen schieben, daß ich dadurch die Menschen zum Selbstmord verleitet habe. Der Werther, sagte er, ist ein ganz unmoralisches, verdammenswürdiges Buch! Und Halt! rief ich. Wenn Ihr so über den armen Werther redet, welchen Ton wollt Ihr denn gegen die Großen dieser Erde anstimmen, die durch einen einzigen Federzug hunderttausend Menschen ins Feld schicken, wovon achtzigtausend sich töten und sich gegenseitig zu Mord, Brand und Plünderung anreizen. Ihr danket Gott nach solchen Greueln und singt ein Tedeum darauf! ferner, wenn Ihr durch Eure Predigten über die Schrecken der Höllenstrafen die schwachen Seelen Eurer Gemeinden ängstigt, so daß sie darüber den Verstand verlieren und ihr armseliges Dasein zuletzt in einem Tollhause endigen!- Oder wenn Ihr durch manche Eurer orthodoxen, vor der Vernunft unhaltbaren Lehrsäße in die Gemüter Eurer christlichen Zuhörer die verderbliche Saat des Zweifels säet, so daß diese halb starken, halb schwachen Seelen sich in einem Labyrinth verlieren, aus dem für sie kein Ausweg ist als der Tod! Was sagt Ihr da zu Euch selber, und welche Strafrede haltet Ihr Euch da? Dieser Ausfall tat auf meinen Bischof eine herrliche Wirkung. Er ward so sanft wie ein Lamm." " 000 Julius Robert Mayer. Von Felix Linke. An einem herrlichen Julitage des Jahres 1840 lief der Kauffahrer Java" aus Rotterdam in die Bucht von Surabaya ein, an der Nordküste der großen Sunda- Insel Java. In Surabaya sollte das Schiff Zucker laden. Zwar erkrankte von der Besatzung der " Java" niemand, aber immerhin mußte der Schiffsarzt des öfteren bei den Matrosen zu dem damals allgemein üblichen Mittel des Aderlasses greifen. Jedesmal sah er dabei das Venenblut so hell aus den Adern springen, daß er zuerst eine Arterie getroffen zu haben glaubte. Denn in unseren Breiten ist das Blut, das in den Venen, den Blutadern, zum Herzen zurückfließt, um von dort in die Lunge zur Auffrischung zu gelangen, beträchtlich dunkler als das Blut, das aus dem Herzen durch die Arterien, die Schlagadern, strömt. Von den Ärzten in Surabaya erfuhr der Schiffsarzt, daß diese Hellfärbung eine allgemeine Eigenschaft des venösen Blutes in den Tropen sei. 1914 Mit dieser„ Erklärung" hatten sich die anderen stets zufrieden gegeben, wie sich ehedem alle Menschen bis Newton gedankenlos damit abgefunden hatten, daß der Apfel zur Erde fallen müsse. Nicht so der Schiffsarzt der" Java", ein Dr. Julius Robert Mayer aus der schwäbischen Stadt Heilbronn. In dessen selbständig dentenden Geist weckte die beobachtete Erscheinung ganz plöglich einen Gedanken auf, der den jungen Weltreisenden so gefangen nahm, daß er feinen Sinn mehr hatte, für die ihm unbekannten Wunder des fremden Landes, sondern auf dem häßlichen Frachtsegelschiff saß, auf das er schon vier Monate gebannt war, und angestrengt grübelte. Während andere Streifzüge in der herrlichen tropischen Gegend unternahmen, blieb Mayer in seiner Kabine. Er schrieb darüber einst selbst an einen seiner Freunde:„ Ich hing dem Gegenstand mit solcher Vorliebe nach, daß ich, worüber mich mancher auslachen mag, wenig nach dem fernen Weltteil fragte, sondern mich am liebsten an Bord aufhielt, wo ich unausgesezt arbeiten konnte, und wo ich mich in manchen Stunden gleichsam inspiriert fühlte, wie ich mich zuvor oder später nie an etwas ähnliches erinnern fann." Was das hieß, auf dem Schiffe zu sitzen, erfährt man aus dem Tagebuch, in dem Mayer erzählt, daß die Schwüle in den Räumen so groß war, daß selbst das Briefschreiben eine erhebliche Arbeit war! Mayer fühlte sich durch sein Nachdenken begeistert und gehoben und konnte die Zeit nicht erwarten, da er wieder nach Hause zurückkehren durfte. Es muß also etwas ganz Außergewöhn liches gewesen sein, was den Mann beschäftigte. Und das war cs auch wirklich! Freilich, wollte man nach dem Urteil der Welt, insonderheit nach den Zeugnissen der Schulmeister gehen, so war der Dr. Mayer zu allem anderen eher befähigt, als zu einer wissenschaftlichen Großtat. Der jüngste Sohn des Apothekers Mayer aus der ehemals freien Reichsstadt Heilbronn war fein Wunderkind, dem staunende Muhmen spätere Größe prophezeiten. Er war ein guter Sohn, seines heiteren Wesens wegen von Bekannten und Verwandten gern gesehen, von Gesundheit und Kraft strozzend, scheinbar ohne besondere Begabung, ja ein schlechter Schüler! In den unteren Klassen des Gymnasiums war Robert Mayer ein mittelmäßiger Schüler, in den oberen gehörte er gar zu den schlechtesten, war fast immer vorlegter oder letzter. Trotzdem war er bei seinen Lehrern nicht unbeliebt, was schon auf ein ungewöhnliches Maß liebenswerter persönlicher Eigenschaften schließen läßt. Denn damals ging es den schlechten Schülern" noch schlimmer als heute; wer im Lateinischen und Griechischen„ nichts taugte", durfte es zu nichts bringen, selbst wenn er wie Mayer in der Mathematik gut, sogar sehr gut war. Glücklicherweise ist es Mayer wie vielen anderen gegangen, die ebenfalls als hoffnungslose Erziehungsfrüchte des humanistischen Schulbetriebs schlechte Schüler waren. Es gelang ihm, mit Ach und Krach die künstlich aufgerichteten Examensklippen zu umschiffen. Ein wirklicher Erzieher allerdings hätte an Robert Maher schätzbare Fähigkeiten entdecken können. Dieser zeigte dieselben Anlagen wie sein Vater: nämlich unbezwingliche Lust und außergewöhnliches Geschick zum Experimentieren, eine rege Phantasie, die ihn eigentümliche Gedankensprünge machen ließ, und Kombinationsgabe, das heißt die Fähigkeit, weit auseinanderliegende Dinge zu verknüpfen. Für industrielle Betriebe befundete der Jüngling großes Interesse. Aber all das wie auch seine körperliche Ausdauer waren Dinge, die den verknöcherten Schulmeistern wenig galten, und so blieb Robert Mayer doch nur ein schlechter Schüler". Aber auch als Medizinstudent in Tübingen ließ er noch nicht erkennen, wer und was er wirklich war. Er fiel höchstens durch seine Starrköpfigkeit auf. Zu seiner weiteren ärztlichen Ausbildung hielt sich Mayer in München, Wien und Paris auf und ging dann als Schiffsarzt, als„ Offizier von der Gesundheit", nach Niederländisch- Indien. Damals war die Reise nach Java nicht so kurz wie heute, die Hin- und Rückfahrt dauerte 8 Monate, und dazu kam noch ein Aufenthalt in den Haupthäfen der Insel von 4 Monaten. Während der Fahrt war Mayer ganz auf sich angewiesen, er hatte sich reichlich mit wissenschaftlichen Büchern und physikalischen Instrumenten versehen. Nur ein einziges wertvolles Erlebnis im Verkehr mit der Schiffsmannschaft weiß er zu berichten, nämlich die gelegentliche Bemerkung eines alten Steuermannes,„ daß die vom Sturme gepeitschten Wellen wärmer als die ruhige See seien". Ein anderer wäre daran gleichgültig vorbeigegangen, bei Mayer scheint das die große Erkenntnis vorbereitet zu haben, die in Surabaya infolge 22 Für unsere Mütter und Hausfrauen der beim Aderlaß gemachten Beobachtung wie eine plögliche Erleuchtung über ihn kam. Die dunklere Farbe des in den Venen fließenden Blutes ist dadurch bedingt, daß es weniger Sauerstoff enthält als das durch die Arterien strömende Blut. In den Kapillaren, den allerfeinsten Blutgefäßen, die in der Blutbahn zwischen Arterien und Venen eingeschaltet sind, gibt das Blut an die Körpergewebe Sauerstoff ab, den es in der Lunge dann wieder ergänzt. Den Sauerstoff be= nötigen die Gewebe zur Verbrennung, durch die wie man seit Lavoisier, dem großen französischen Chemiker annahm die Körperwärme erzeugt wird. Ist das venöse Blut also heller gefärbt als gewöhnlich, so muß das Blut weniger Sauerstoff an die Körpergewebe abgegeben haben. In diesen findet eine schwächere Verbrennung statt, es wird weniger Wärme erzeugt, und zwar deswegen, weil der Körper in dem heißen Klima der Tropen weniger Wärme verliert. So schloß Mayer. Doch blieb er nicht dabei stehen, einen Beweis für die Richtigkeit der Theorie Lavoisiers über die Entstehung der Körperwärme erbracht zu haben, eine Theorie, die damals keineswegs allgemein anerkannt war. Sein schöpferischer Geist baute sofort auf dem gefestigten Grund weiter. Maher sagte sich, daß der Verbrennungsprozeß in den Körpergeweben nicht allein dazu dienen könne, die Körperwärme zu unterhalten, er erkannte in ihm auch die Quelle der Bewegungen des Organismus, der körperlichen Arbeit. Mechanische Arbeit entsteht aus Wärme, wie umgekehrt auch Wärme aus Arbeit entsteht, und zwar ist die Umwandlung der beiden Kräfte ineinander ein geseßmäßig verlaufender Prozeß: einer bestimmten Wärmemenge entspricht immer ein und dasselbe Arbeitsquantum, Wärme und Arbeit sind nur verschiedene Formen einer Sache. Diese Erkenntnis, die Maher wie eine Erleuchtung überkam, ist heute jedem physikalisch Gebildeten geläufig; damals bedurfte es, um zu ihr zu gelangen, eines kühnen Geistesschritts, eines Geistesschritts, der von unermeßlicher Bedeutung für die Naturwissenschaften wurde. Ebenso verwegen war es von Maher, die Lebenserscheinungen als einen chemisch- physikalischen Prozeß zu deuten, die Ursache der Bewegungen des Organismus in einem Verbrennungsvorgang zu suchen. Zwar hatte zwölf Jahre zuvor Wöhler durch die künstliche Herstellung des Harnstoffes erwiesen, daß es möglich sei, die Stoffe des Belebten aus Unbelebtem zu erzeugen, daß also keine unüberschreitbare Kluft die Stoffe des Belebten und Unbelebten trenne. Um so zäher klammerte sich die damals herrschende Naturphilosophie daran, in den Kräften der Organismen, in den Lebenserscheinungen äußerungen einer geheimnisvollen Lebenskraft" zu sehen. Jene Kräfte den gleichen Gesetzen wie die Erscheinungen des Unbelebten unterwerfen zu wollen, erschien ihr als Gotteslästerung. Maher war sich der Tragweite seiner Erkenntnis wohl bewußt. Um so schärfer empfand er das Bedürfnis, das, was er doch erst mehr instinktiv erfaßt hatte, in unwiderlegbaren Gedankengängen auszuarbeiten. Vor allem galt es, das Verhältnis zwischen Wärme und Arbeit zu bestimmen; erst wenn es gelang, ein festes, immer gültiges Umwandlungsverhältnis zwischen den beiden Kräften feftzustellen, stand seine Erkenntnis unanfechtbar da, konnte sie für die Forschung fruchtbar gemacht werden. Man versteht, daß die weitere Reise für den jungen Forscher, der mit so großen Gedanken schwanger ging, fein Interesse mehr hatte, daß er die Zeit nicht erwarten konnte, da er den Boden der Heimat wieder betreten würde, um sich in die Arbeit zu stürzen, die er als seine Lebensaufgabe ansah. Seine Gedanken auszuarbeiten und in die Form einer Mitteilung zu bringen, sollte für ihn aber nicht so leicht werden. Denn während seiner Studienzeit hatte er keinen ordentlichen Physikunterricht genossen. So machte ihm die Darlegung namentlich auf dem Gebiet der Mechanik außerordentliche Schwierigkeiten. Die Begriffe Kraft, Ursache, Arbeit, Bewegungsgröße, Moment usw. waren damals noch sehr wenig geklärt, und es ist kein Wunder, daß sich Mayer darin verhaspelte. Seine erste Arbeit, die er an die führende physikalische wissenschaftliche Zeitschrift sandte, war also in dieser Hinsicht noch mangelhaft. Der Leiter dieser Zeitschrift nahm wohl aus diesem Grunde die Arbeit nicht auf, gab sie aber auch nicht zurück, so daß Maher gezwungen war, die Arbeit neu zu machen. In zahlreichen Diskussionen mit Physikern und wissenschaftlichen Freunden klärten sich seine Ansichten. Anfang des Jahres 1842 war er sich über alles völlig klar; er schrieb seine Gedanken nunmehr von neuem auf und schickte sie an Justus Liebig, den großen Chemiker, der sie sofort in seine Annalen der Chemie und Pharmazie" aufnahm und Maher in der freundschaftlichsten Weise zur Weiterarbeit ermunterte. Nr. 6 In diesem Aufsaß mit dem Titel„ Bemerkungen über die Kräfte der unbelebten Natur" sprach Maher als erster mit voller Klarheit den Satz aus, daß Wärme und mechanische Arbeit gleichwertig sind. Aus einem bestimmten Arbeitsquantum gewinnt man immer ein und dieselbe Wärmemenge. Durch die mechanische Fallarbeit eines Gewichtes aus bestimmter Höhe wird immer dieselbe Menge Wärme erzeugt, ob man das Gewicht fallen und auf den Boden aufschlagen oder ob man es dabei selbst sich reiben oder auf eine Welle wirken und diese sich reiben läßt. Und umgekehrt entspricht dieser Wärmemenge wieder eine Arbeitsmenge, die gleich der zur Erzeugung der Wärme aufgewendeten ist. Des weiteren berechnete Mayer das Zahlenverhältnis zwischen den beiden Kräften, das ,, mechanische Äquivalent der Wärme". Als Folgerung aus der Maherschen Entdeckung hat sich ergeben, daß die physikalischen Kräfte insgesamt ineinander verwandelbar sind, daß die mechanische Arbeit, die Wärme, die Elektrizität verschiedene Grscheinungsformen einer Naturkraft sind, die wir heute allgemein als die Energie" zu bezeichnen pflegen, und daß die Verwandlungen der verschiedenen Erscheinungsformen in bestimmten Verhältnissen vor sich gehen, die nicht etwa willkürlich sind, sondern immer dieselben bleiben. " Was bedeutet diese Tatsache aber noch weiter? Nun, wenn zwischen den Naturkräften immer dieselben Umwandlungsverhältnisse herrschen, so kann bei ihrer Umwandlung ineinander nichts verloren gehen oder nichts gewonnen werden. Was an solchen Kräften in der Welt vorhanden ist, kann nicht verloren gehen, ebensowenig wie man etwas gewinnen kann, ohne dafür anderes auszugeben. Es ist sehr wichtig, zu beachten, daß dabei die ganze Welt zu betrachten ist. Für einen bestimmten Körper kann wohl etwas verloren gehen, nie aber für die ganze Welt. Ein Körper fann kälter werden als er war, ohne daß er dafür andere Energie gewinnt, das heißt er kann Energie verlieren ebenso wie er solche wieder gewinnen kann, zum Beispiel durch Erwärmung. Die von ihm genommene Energie aber geht nicht spurlos verloren, sondern findet sich irgendwo in der Welt wieder. Andererseits kann aber auch der Gewinn irgend eines Körpers an Wärme nicht aus dem Nichts geschehen, sondern die Wärme kommt irgendwo aus dem Weltall her, von einem anderen irdischen Körper oder von einem anderen Himmelskörper, wie der Sonne. In diesem weiteren Sinne heißt also Mahers Gesetz das Gesetz von der Erhaltung der Energie", weil es aussagt, daß von der in der Welt vorhandenen Energie nichts verloren gehen kann, daß die Gesamtsumme aller in der Welt vorhandenen Energie immer gleich groß bleibt. Man kann Arbeit nicht spurlos verschwinden lassen, ebensowenig wie man welche aus dem Nichts zu erzeugen vermag. " Lavoisier hatte nachgewiesen, daß bei stofflichen Umsetzungen nichts verloren gehen könne, daß die Materie, der Stoff unzerstörbar sei. Nun hatte Maher für die Energie, die Kraft dieselbe Leistung vollbracht. Was kühne Geister vorausgeahnt hatten, war nun zur flaren Form wissenschaftlicher Anschauung erhoben, die zum fruchtbaren Forschungsprinzip wurde. Kraft und Stoff sind unzerstörbar, oder wie der römische Dichter Lukvez vor bald zweitausend Jahren gesungen: Keine Gewalt ist fähig, die Summe der Dinge zu ändern." ( Schluß folgt.) Für die Hausfrau. Eine neue Kartoffelschälmaschine. Der Gedanke ist nicht neu, die Arbeit des Schälens von Kartoffeln und anderen Wurzel gewächsen durch eine Maschine bewerkstelligen zu lassen. Es gibt schon lange Maschinen, in denen die Kartoffeln aufgespießt und dann mittels eines sich bewegenden Messers mechanisch von der Schale befreit werden. Eine sehr große praktische Bedeutung haben solche Schälmaschinen wohl nur dann, wenn eine künstliche Kraftquelle zur Verfügung steht. Auf einer Kochkunstausstellung in Berlin habe ich jedoch eine Schälmaschine gesehen, die auf einem ganz anderen Grundsaß aufgebaut ist und deren kleinstes Modell etwa ein Kilogramm Kartoffeln auf einmal zu schälen ermöglicht. Man könnte fast an das Ei des Kolumbus denken, so einfach scheint die Maschine. Ein Schleifstein bewegt sich unter Wasser um eine senkrechte Achse; die Kartoffeln werden auf ihn geschichtet, dann wird alles mit einem Deckel geschlossen und binnen einer Minute sind die Schalen im großen und ganzen entfernt. Es muß nur noch wenig nachgeputzt werden, was in den Vertiefungen bleibt. Die Maschine verkürzt nicht nur die Arbeit des Schälens, sondern was noch viel wichtiger ist, das neue Schälverfahren erspart eine große Menge des Nährstoffes. Der Erfinder, der natürlich seine Ware lobte, sprach von 25 Prozent, die bei dem üblichen Abschälen mit der Hand verloren gehen sollen. Die Maschine führt den Namen Nr. 6 Für unsere Mütter und Hausfrauen Schälmaschine„ Mirakel" und ist vom Mirakelvertrieb, SüdendeBerlin, Öhlerstraße 25, zu beziehen. Leider macht sie ihr Preis für biele der Frauen unerschwinglich, die sie am nötigsten brauchen könnten. Die Maschine kostet nämlich ein Dußend Mark. Aber könnten nicht mehrere Proletarierfamilien gemeinsam eine Maschine anschaffen? Die Ausgabe würde sich bezahlt machen. j. h. Kürbismarmelade. Es ist wenig bekannt, daß die billigste aller Marmeladen sich aus Kürbis herstellen läßt. Sie kostet etwa 15 bis 18 Pf. das Pfund, je nachdem man den Kürbis einkauft. Jm ganzen kostet Kürbis etwa 3 Pf. das Pfund, ausgewogen 5 Pf. und mehr. Der nicht gar zu große grünschalige Kürbis ist für alle Einmachzwecke dem gröberen gelben vorzuziehen. Im Dezember erreicht der Kürbis durch Lagerreife den höchsten Wohlgeschmack und die größte Bartheit. Auf 5 Pfund geschältes Kürbisfleisch rechnet man 4 Pfund ungebläuten gemahlenen Zucker, etwas abgeriebene Zitronenschale und den Saft von 3 bis 4 Saftzitronen. Einen sauberen Einmachtopf füllt man 1 bis 2 Finger hoch mit faltem Wasser und läßt den Kürbis darin weich kochen. Dann wird er durch ein Sieb ge= trieben, mit Zucker, Zitronensaft und Zitronenschale nochmals zum Feuer gebracht und unter Rühren so lange eingekocht, bis die Masse breit vom Löffel fließt. Die Marmelade wird noch heiß in Gläser oder Töpfe gefüllt und nach dem Erkalten mit einem in Weingeist oder Rum getauchten Papier bedeckt. Dann verschließt man die Gläser luftdicht mit dünnem Schreibpapier oder dem käuflichen ,, Butterbrotpapier". Man schneidet daraus eine Scheibe, die den Rand des Gefäßes gerade bedeckt und eine etwas größere. Der Rand des Einmachglases wird mit Eiweiß bestrichen und die kleine Papierscheibe darauf gelegt. Die größere wird durch Eiweiß gezogen und darüber gelegt, wobei man sie an den Seiten fest andrückt. Will man die Kürbismarmelade sehr lange aufbewahren, so gießt man auf die erkaltete Fruchtmasse etwas geschmolzenen Talk oder Paraffin. Wir müssen in der Kriegszeit mit einem Ausfall der Fettzufuhr rechnen, die wir in Höhe von 175 Millionen Kilogramm alljährlich aus dem Ausland erhielten in Gestalt von amerikanischem Schmalz, sibirischer Butter und den zur Herstellung von Pflanzenbutter nötigen Fetten und Ölen. Fett wird also knapp und sehr teuer werden. Da nach wissenschaftlichen Forschungen Fette und Kohlenhydrate sich bis zu einer gewissen Grenze vertreten können, und da Zucker ein reines und verhältnismäßig billiges Kohlenhydrat ist, so ist ein zuckerhaltiger Brotaufstrich ein zweckmäßiger teilweiser Ersatz für Butter und Schmalz. Die Marmeladen dürften also eine größere Rolle in der Volksernährung spielen als jemals zuvor. Die oben empfohlene Kürbismarmelade ist sehr wohlschmeckend und vielen doppelt und dreifach so teuren käuflichen Marmeladen weit vorzuziehen. M. Kt. *** Feuilleton Das rote Lachen. Bon Leonid Andrejew. 屈 (@ chluß.) Es waren in der Tat die Unsrigen. In dem tollen Wirrwarr, der während des letzten Monats in den Bewegungen beider Armeen, der unsrigen sowohl wie der feindlichen, geherrscht und alle Dispofitionen und Pläne gestört hatte, waren wir fest davon überzeugt gewesen, daß der Feind und zwar das vierte feindliche Korps gegen uns heranrücke. Schon war alles zum Angriff bereit, als jemand durchs Fernrohr deutlich unsere Uniformen erkannte, und zehn Minuten später war die Vermutung uns zur beruhigenden Gewißheit geworden, daß es wirklich unsere Leute waren, die auf uns zu marschierten. Und auch sie hatten uns offenbar erkannt: sie kamen in aller Ruhe an uns heran, und aus dieser ruhigen Belvegung fühlte man gewissermaßen die gleiche Freude über die unerwartete Begegnung heraus, die wir selbst empfanden Und als sie dann zu schießen anfingen, konnten wir eine Zeitlang gar nicht begreifen, was das bedeute, und lächelten noch als plötzlich ein Hagel von Schrapnells und Kugeln über uns hertam und uns zu Hunderten niedermähte. Irgend jemand schrie, es liege ein Mißverständnis vor, aber nun sahen wir schon alle ich erinnere mich dessen ganz genau daß es der Feind war, daß es seine Uniform, nicht die unsrige war, und wir erwiderten sofort das Feuer. Fünfzehn Minuten etwa nach dem Beginn dieses merkwürdigen Kampfes wurden mir beide Beine weggeriffen, und ich kam erst im Lazarett, nach der Amputation, wieder zum Bewußtsein. Ich fragte, wie der Kampf geendet habe, aber man gab mir eine ausweichende, beschwichtigende Antwort, aus der ich entnahm, daß wir geschlagen waren; und dann gab ich mich ganz der 23 Freude darüber hin, daß man mich nun, wenn auch ohne Beine, nach Hause schicken würde, daß ich doch wenigstens noch am Leben war und vielleicht noch lange, lange leben würde. Erst eine Woche später vernahm ich einige Einzelheiten, die von neuem allerhand Zweifel in mir erregten und eine mir bisher fremde Befürchtung und Unruhe in mir weckten. Ja, es scheint wirklich, daß es die Unsrigen waren eine unserer eigenen Granaten, aus einem unserer Geschütze, hatte mir die Beine weggerissen, und einer unserer Soldaten hatte es ab= gefeuert. Und niemand vermochte Auskunft darüber zu geben, wie das nur geschehen konnte. Irgend etwas war da eingetreten, irgend etwas hatte die Blicke getrübt, und zwei Regimenter derselben Armee, die sich auf eine Werst Entfernung gegenüberstanden, hatten sich eine ganze Stunde lang gegenseitig unter ein mörderisches Feuer genommen, in der festen überzeugung, daß sie es mit dem Feinde zu tun hätten. Man sprach von diesem Zwischenfall nicht gern, nur so in Andeutungen, und was das Sonderbarste war: es herrschte die Empfindung vor, als ob viele von denen, die über die Angelegenheit sprachen, den Irrtum noch immer nicht zugeben wollten. Oder vielmehr, sie gaben ihn wohl zu, doch meinten sie, das Mißverständnis sei erst später einge= treten. Im Anfang hätten sie es wirklich mit dem Feinde zu tun gehabt, der in der allgemeinen Verwirrung irgendwohin verschwunden sei, so daß wir nun den Geschossen unserer eigenen Landsleute preisgegeben waren. Etliche sprachen ganz offen davon, wobei sie ausführliche Schilderungen gaben, die ihnen selbst durchaus wahrscheinlich und klar erschienen. Ich selbst kann es bis heute nicht mit voller Bestimmtheit sagen, wie dieses verhängnisvolle Mißverständnis begonnen hatte, da ich mit gleicher Deutlichkeit zuerst unsere roten und dann die orangefarbigen feindlichen Uniformen gesehen hatte. Sehr bald wurde der Vorfall von allen vergessen, so zwar, daß man von ihm nur noch wie von einem wirklichen Treffen sprach, und in diesem Sinne wurden auch zahl= reiche, durchaus aufrichtig gemeinte Korrespondenzen abgesandt; ich habe später, als ich schon daheim war, einige davon gelesen. Gegen uns, die wir in diesem Kampfe verwundet worden waren, verhielt man sich anfangs ein wenig sonderbar es war, als ob man uns weniger bemitleidete als die übrigen Blessierten, doch glich auch dieser Unterschied sich sehr bald aus. Nur der Umstand, daß bald neue, ähnliche Vorfälle sich ereigneten, daß beispielsweise bei der feindlichen Armee zwei Detachements zur Nachtzeit ganz dicht aufeinander gerieten und sich buchstäblich aufrieben nur dieser Umstand berechtigt mich zu der Annahme, daß in der Tat ein Mißverständnis vorlag.... Unser Arzt derselbe, der die Amputation ausgeführt hatte, ein magerer, knochiger, alter Herr, der ganz abscheulich nach Jodoform, Tabakrauch und Karbol roch und beständig unter seinem gelbgrauen, dünnen Schnurrbart über irgend etwas lächelte, sagte mir mit pfiffigem Augenblinzeln: ,, Seien Sie froh, daß Sie nach Hause fahren dürfen! Hier ist es nicht recht geheuer..." Wieso denn?" So...' s ist nicht geheuer. Zu unserer Zeit war das alles viel einfacher." Er hatte vor einem Vierteljahrhundert an unserem letzten europäischen Kriege teilgenommen und gab gern seine Erinnerungen aus jener Zeit zum besten. Diesem jezigen Kriege jedoch stand er ohne Verständnis gegenüber, ja er fürchtete ihn sogar, wie ich beobachten konnte. " Ja, es ist hier etwas nicht in Ordnung," sprach er dumpf aus einer Wolke von Tabakqualm hervor und zog finster die Brauen zusammen. Ich selbst würde mich aus dem Staube machen, wenn ich nur könnte." Dann neigte er sich über mich und flüsterte unter seinem gelben, verräucherten Schnurrbart hervor: „ Es wird bald ein Moment eintreten, da niemand mehr von hier fortkönnen wird. Ja- weder ich, noch sonst jemand" und in seinen kurzsichtigen alten Augen bemerkte ich jenen starren Ausdruck dumpfen Erstaunens, den ich schon früher bei anderen beobachtet hatte. Und eine Vorstellung, graufig, unerträglich- die Borstellung von einem jähen, furchtbaren Zusammenbruch zuckte durch mein Hirn, und vor Angst erschauernd flüsterte ich: „ Das rote Lachen... 412 Und er war der erste, der mich verstand. Er nickte hastig mit dem Kopfe und sagte beipflichtend: Ja... das rote Lachen!" Er setzte sich ganz dicht neben mich, sah sich nach allen Seiten um und sagte im Flüsterton, während sein spiker grauer Kinnbart trampfhaft zudte: 24 Für unsere Mütter und Hausfrauen „ Sie werden bald von hier wegkommen, Ihnen kann ich's also fagen. Haben Sie einmal zugesehen, wenn sich die Leute im TollHaus prügeln? Nein? Ich hab's gesehen. Sie prügeln sich ganz so wie die Gefunden verstehen Sie: ganz wie die Gesunden..." Er wiederholte diesen Ausdruck mehrmals mit vielsagender Miene. „ Und was weiter?" fragte ich, gleichfalls flüsternd und erschrocken. " Nichts weiter. Wie die Gesunden..." „ Das rote Lachen," sagte ich. " Man mußte sie mit Wasser begießen, um sie zu trennen." Ich dachte an den Regen, der uns so erschreckt hatte, und wurde ärgerlich über die Geheimniskrämerei des Doktors. „ Sie haben den Verstand verloren, Doktor," sagte ich. „ Nicht mehr als Sic," versetzte er. Jedenfalls nicht mehr als Sie!" Er schlug seine Arme um die spizen, alterssteifen Knie und ficherte; und indem er mich, immer noch das seltsame, peinliche Lächeln um die mageren Lippen, über die Schulter hinweg anschielte, blinzelte er mir mehrmals listig zu, als ob wir beide, er und ich, irgend etwas sehr Lustiges wüßten, was sonst niemand bekannt war. Dann hob er mit der Feierlichkeit eines Zauberkünstlers, der seine Taschenspielerstückchen produziert, die Arme hoch empor, senfte sie langsam herab und berührte vorsichtig mit zwei Fingern die Stelle der Bettdecke, an der meine Beine hätten sein müssen, wenn man mir sie nicht abgesägt hätte. ,, Und das verstehen Sie das da?" fragte er geheimnisvoll. Dann strich er ebenso feierlich und bedeutsam mit der Hand über die Reihe der Betten hin, auf denen die übrigen Verwundeten lagen, und wiederholte: ,, Und das können Sie das erklären?" " Das sind Verwundete," sagte ich,„ Verwundete..." ,, Verwundete..." flang es wie ein Echo aus seinem Munde „ ja, Verwundete. Menschen ohne Beine, ohne Arme, mit zerrissenem Unterleib, zerschmetterter Brust, herausgerissenen Augen. Verstehen Sie das? Sollte mich freuen! Dann werden Sie auch das da verstehen?!" Mit einer Gewandtheit, die man seinen Jahren nicht mehr zugetraut hätte, überschlug er sich plötzlich, stand vor mir auf den Händen und balancierte mit den Beinen in der Luft. Der weiße Kittel glitt über seinen Nacken, das Blut stieg ihm ins Gesicht, und indem er seine unheimlich rollenden Augen starr auf mich heftete, warf er mit Mühe die abgerissenen Worte hin: „ Und das da... das Laufen auf den Armen... verstehen Sie ... das?" „ Hören Sie auf," flüsterte ich erschrocken, sonst schrei' ich!" Er überschlug sich, nahm wieder seine natürliche Haltung ein, setzte sich an mein Bett, räusperte sich heftig und sagte in lehrhaftem Tone: ,, Niemand, sag' ich Ihnen, niemand versteht das, was hier vorgeht!" ,, Gestern wurde wieder geschossen," versetzte ich. „ Gestern wurde geschossen... und vorgestern wurde ge= schossen..." meinte er und nickte mit dem Kopfe. " Ich möchte nun bald nach Hause fahren," sagte ich voll unruhiger Sehnsucht. ,, Doktor, lieber Doktor ich will nach Hause! Ich darf nicht länger hier bleiben! Ich glaube es beinahe nicht mehr, daß es für mich ein Heim... ein Zuhause gibt!" Seine Gedanken weilten irgendwo weit ab, und er antwortete mir nicht. Ich begann zu weinen. „ O Gott, ich bin ein Krüppel fuhr so gern auf dem Zweirad, mich so gern im Dauerlauf ein Mensch ohne Beine! Ich machte so gern Fußtouren, übte und nun habe ich keine Beine! Auf meinem linken Bein ließ ich immer meinen Sohn reiten, worüber er jedesmal so vergnügt lachte- und nun?... Fluch über euch! Was soll ich nun zu Hause? Ich zähle kaum dreißig Jahre Fluch über euch!" Und ich schluchzte, als ich so an meine fräftigen, flinken Beine, meine lieben, guten Beine dachte. Wer hat sie mir abgenommen? Wer war's, der es wagte, sie mir abzunehmen? Hören Sie mal," sagte der Doktor, indem er zur Seite sah, ..gestern sprach hier bei uns ein verrückt gewordener Soldat vor. Gin feindlicher Soldat. Er. war fast ganz nackt, hatte am ganzen Körper nichts als Beulen und Schrammen und war hungrig wie ein Wolf; er war ganz mit Haaren bedeckt, wie wir alle, und glich völlig einem Wilden, einem Urmenschen, einem Affen. Er fuchtelte mit den Armen in der Luft, schnitt Grimassen, sang und schrie und suchte mit uns Händel. Man gab ihm zu essen und trieb ihn wieder hinaus, ins Feld. Was soll man mit diesen armen Nr. 6 Burschen anfangen? Tag und Nacht irren sie gleich zerlumpten, unheimlichen Gespenstern auf den Hügeln umher, dahin und dorthin, immer querfeldein, ohne Weg, ohne Ziel, ohne Unterkunft. Sie fuchteln mit den Armen, lachen, schreien und singen, und wenn sie einander begegnen, dann prügeln sie sich, oder sie sehen sich gegenseitig gar nicht und gehen aneinander vorüber. Wovon sie sich nähren? Wahrscheinlich von gar nichts, oder vielleicht von den Leichen der Gefallenen, zusammen mit den wilden Tieren und mit diesen vollgefressenen, verwilderten Hunden, die sich zur Nachtzeit heulend und winselnd auf den Hügeln herumtreiben. Gleich Vögeln, die der Sturm aufgejagt hat, oder gleich mißgestalteten, ruppigen Motten sammeln sie sich zur kühlen Nachtzeit um die Wachtfeuer; man braucht nur solch ein Feuer anzuzünden, und in einer halben Stunde tauchen wohl ein Dußend dieser schreienden, zerlumpten, wüsten, halbverfrorenen, affenähnlichen Gestalten davor auf. Man schießt bisweilen nach ihnen aus Versehen oder auch absichtlich, wenn ihr törichtes, beängstigendes Geschrei schon gar zu sehr die Geduld erschöpft..." " Ich will heimfahren!" schrie ich, mir die Ohren zuhaltend. Aber wie durch Wattepfropfen, dumpf und unheimlich, drangen immer aufs neue seine schauerlichen Worte in mein gequältes Hirn: „ So viel, so viele sind ihrer! Sie sterben zu Hunderten in den Schluchten und Wolfsgruben, die doch für die Gesunden, Nichtverrückten bestimmt sind, und in den Stacheldrahthecken; fie mischen sich unter die regulären, vernünftigen Streiter und schlagen sich wie die Helden; immer sind sie voran im Kampf, immer furchtlos und tapfer- nur daß sie häufig ihren eigenen Leuten die Schädel einschlagen. Das sind Kerle nach meinem Geschmack! Ich size hier nur noch so lange plaudernd bei Ihnen, bis ich vollends verrückt geworden bin dann, wenn das letzte Fünfchen Vernunft zum Teufel ist, zieh' ich hinaus ins Feld, hinaus, und lasse einen Schrei ertönen, einen Schrei so gellend wild, und sammle sie alle um mich, diese Tapferen, diese Ritter ohne Furcht und Tadel, und erkläre der ganzen Welt den Krieg. Mit Musik und Schlachtgesang werden wir in die Städte und Dörfer einbrechen, und wo wir auftauchen, dort wird alles rot aufleuchten, dort wird alles wirbeln und tanzen wie des Feuers Gluten. Wer, noch nicht tot ist, wird sich uns anschließen, und unser tapferes Heer wird wachsen wie eine Lawine, und es wird über die ganze Welt wie ein reinigendes Gewitter hinfegen. Wer hat's denn gesagt, daß man nicht morden, sengen und rauben dürfe?..." Er schrie ganz laut, dieser verrückte Doktor, und rief mit seinem Geschrei gleichsam den schlummernden Schmerz all der Unglücklichen wach, die ringsum mit zerschmetterter Brust, zerrissenem Unterleib, herausgerissenen Augen und amputierten Beinen auf ihren Betten lagen. Ein knirschendes, schluchzendes, dumpfes Stöhnen erfüllte die Baracke, und von allen Seiten wandten sich bleiche, gelbe, erschöpfte Gesichter nach uns um, manche ohne Augen, andere auf andere Weise so furchtbar entstellt, als ob sie aus der Hölle zurückgekehrt wären. Sie stöhnten und hörten zu, und durch die offene Tür spähte verstohlen der schwarze, formlose Schatten herein, der sich über der Welt erhoben. Und der verrückte Alte schrie, die Arme weit ausstreckend: „ Wer hat's denn gesagt, daß man nicht morden, sengen und rauben dürfe? Wir werden morden, und auch rauben, und sengen. Eine fröhliche, sorglose Schar von tapferen Recken, werden wir alles in Grund und Boden vernichten: ihre Etaatsgebäude, ihre Universitäten und Museen, und auf den Nuinen werden wir, tolle Kinder der Lust, voll feurigen Lachens einen Tanz aufführen. Das Tollhaus werde ich zu unserem Vaterland proklamieren, und wer noch nicht den Verstand verloren hat, den werde ich für einen Verrückten und Vaterlandsfeind erklären; und wenn ich endlich als der große, unüberwindliche Triumphator, als der einzige Herr und Gebieter den Weltenthron besteige ha, welch ein unbändiges Lachen wird dann das Weltall erschüttern!" ,, Das rote Lachen!" schrie ich, ihn unterbrechend.„ Rettet mich! Jch hör' es wieder, das rote Lachen!" " Freunde!" fuhr der Doktor fort, indem er sich zu den stöhnenden, verstümmelten Schatten ringsum wandte" Freunde! Wir werden einen roten Mond und eine rote Sonne haben, und die Tieve werden ein so spassiges rotes Fell haben, und wer uns zu weiß, uns nicht rot genug ist- dem werden wir einfach das Fell abziehen!... Habt ihr schon einmal Menschenblut getrunken? Es ist ein bißchen klebrig, und ein bißchen warm, aber es ist rot, und es hat ein so lustiges, rotes Lachen!..." Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betfin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. 6.m.b.8. in Stuttgart.