Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 7 。。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit Inhaltsverzeichnis: Krieg und Christentum. Von Friedrich Bodenstedt. Julius Robert Maher. Von Felix Linke.( Schluß.) DerHospitalismus der Säuglingsheime. Von Edmund Fischer. Feuilleton: Seine Söhne. Von Maxim Gorki. Krieg und Christentum. Don friedrich Bodenstedt. Jhr mögt von Kriegs- und Heldenruhm So viel und wie ihr wollt verkünden, Nur schweigt von eurem Christentum, Gepredigt aus Kanonenschlünden! Bedürft ihr Proben eures Muts, So schlagt euch wie die Heiden weiland, Vergießt so viel ihr müßt des Bluts, Nur redet nicht dabei vom Heiland. Noch gläubig schlägt das Türkenheer Die Schlacht zum Ruhme feines Allah, Wir haben keinen Odin mehr, Tot sind die Götter der Walhalla. Seid was ihr wollt, doch ganz und frei Auf dieser Seite wie auf jener, Verhaßt ist mir die Heuchelei Der kriegerischen Nazarener. O O O Julius Robert Mayer. Von Felir Linke. ( Schluß.) Für Mayer war das Gesetz von der Erhaltung der Energie, das er entdeckt hatte, nicht eine abstrakte physikalische Formel, es war ihm lebendige Anschauung. Nachdem er seine Erkenntnis in wissenschaftliche Form gefaßt hatte, suchte sein weitspannender Geist mittels ihrer die Fülle der Erscheinungen der Natur einheitlich zu meistern. Während man bis dahin den Kreislauf der Natur höch= stens von seiner stofflichen Seite erfaßte, sonst aber in den Erscheinungen der Natur unzusammenhängende Vorgänge sah, schmiedete die Kraft seines Denkens sie in eine unzerreißbare Kette gesetzmäßiger Energieumwandlungen um, eine Kette, die Bewegtes mit Unbewegtem, Belebtes mit Unbelebtem, Pflanze mit Tier, die Erde mit der Sonne, dem Weltall lebendig verknüpfte. So legte Mayer in seiner zweiten Schrift dar, wie alle von Tieren und Pflanzen auf der Erde umgesetzte Energie von der Sonne stammt, die sie uns durch ihre Strahlung zusendet. Dieser Gedanke ist uns heute durch die Fortschritte der Naturwissenschaften ganz geläufig geworden, damals fand er so wenig Beachtung wie Mayers Entdeckungen überhaupt. Die Sonnenwärme lockt die Keime der Pflanzen aus dem Boden. Nur im Sonnenlichte bilden die Pflanzen das Blattgrün, und nur mit Hilfe der Energie des Sonnenlichtes vermag dieses Blattgrün aus der der Luft entnommenen Kohlensäure den Kohlenstoff abzuspalten und aus ihm und dem Wasser und den Nährsalzen des Bodens die Stoffe zusammenzusetzen, die die Pflanze zu Aufbau und Leben benötigt. In den Stoffen der Pflanzen steckt mithin Energie der Sonnenwärme und des Sonnenlichtes, aber nicht frei, sondern gebunden, umgewandelt in die chemische Kraft, die die stofflichen Verbindungen zusammenhält. Diese Energie wird zum Teil in der Pflanze selbst umgesetzt, wenn im Stoffwechsel die zusammengesezten Verbindungen abgebaut, verbrannt werden und die in ihnen enthaltene Kraft in den Lebensäußerungen der Pflanze wirft. Gin anderer Teil der von der Sonne stammenden und durch die Pflanzen gebundenen Energie wird in den Tieren frei. Die Tiere leben von den Pflanzen, unmittelbar oder mittelbar, und zwar entnehmen sie den Pflanzen nicht nur die Stoffe, deren sie zum Aufbau ihres Körpers bedürfen, sondern mit diesen Stoffen zugleich die Kräfte, die in ihren Lebenserscheinungen sich äußern. Sie verzehren diese Stoffe, wandeln sie bei der Verdauung in arteigene um und unterhalten durch sie den Stoffwechsel. Durch den Stoffwechsel, der letzten Endes eine Verbrennung ist, werden jene zusammengesetzten Verbindungen in einfachere zerlegt, die Energie, die sie zusammenhielt und die die Pflanze dem Sonnenlicht entnahm, wird frei und in tierische Wärme, Bewegung der Muskeln, Arbeit der Nerven, kurz in Leben umgewandelt. O O O O O O O O 1914 Wenn wir heute eine Lehre von der Ernährung besitzen, die die jeweiligen Anforderungen an die Nahrung wissenschaftlich be= gründet, die den Wert der verschiedenen Nahrungsmittel bestimmt, ihn in Wärmeeinheiten mißt und das Gleichgewicht zwischen Arbeitsleistung und Ernährung planmäßig herzustellen strebt, so verdanken wir das dem Siege der Maherschen Anschauungen. Überhaupt haben diese für die Lehre von den Lebenserscheinungen insgesamt mit den wissenschaftlichen Boden gelegt. Die Energie, die uns die Sonne durch ihre Strahlen zusendet, wirft nicht nur im Körper des Menschen, wir stoßen auf sie auch überall, wo dieser die Naturkräfte in seinen Dienst stellt, sei es nun die Kraft des Feuers, des Wassers, des Dampfes, des Windes, der Elektrizität. Unsere Brenn- und Heizstoffe entstammen zum größten Teil dem Pflanzenreich, so Holz, Torf, Braunkohle und Steinkohle. Die Wärme, die wir aus ihnen gewinnen, ist die umgewandelte Energie des Sonnenlichts, die die Pflanzen beim Aufbau ihrer Stoffe in sich aufnahmen. Vor Jahrmillionen grünten die„ Steinkohlenwälder", tranken die Lichtfülle eines tropischen Himmels, sanken ins Grab der Erde und verkohlten. Wir heben die Kohle und machen die in ihr aufgespeicherte Energie als Wärme in unseren Herden, Öfen, den Kesselfeuerungen der Dampfmaschinen frei. In der Dampfmaschine wird diese Energie in die Spannkraft des Dampfes und damit in mechanische Arbeit umgewandelt. Mit der Dampfmaschine treiben wir Arbeitsmaschinen, Dynamomaschinen, die uns Elektrizität liefern, und diese Elektrizität können wir wieder in jede andere Form der Energie, in mechanische Arbeit, Wärme, Licht verwandeln. Aus dem Glühfaden der elektrischen Lampe so gut wie aus dem Glühstrumpf des Gasbrenners strahlt uns so das Licht der Sonne entgegen, das vor Millionen von Jahren auf Wälder herniederflutete. Doch auch wenn unsere elektrische Lampe mit Elektrizität gespeist wird, die wir vermittelst Turbinen aus der Kraft eines Wasserfalls gewonnen haben, leuchtet uns aus ihrem Lichte um= gewandelte Sonnenenergie entgegen. Denn die Sonnenwärme ist ja der Motor, der den Kreislauf des Wassers auf der Erde treibt. Die Sonnenwärme läßt das Wasser an der Oberfläche der Gewässer verdampfen und hebt es in die Höhe, von wo es als Regen und Schnee wieder niederstürzt, Quellen speisend, Bäche und Flüsse bildend und mit seiner Fallkraft Mühlen, Fabriken, Turbinen treibend. Die Sonne ist es auch, die durch ungleiche Erwärmung der Luft an der Erdoberfläche die Winde entstehen läßt, deren Kraft wir in den Segelschiffen und in der Windmühle ausnutzen. Eine der Voraussetzungen dafür, daß es uns heute möglich ist, diese Naturkräfte planvoll auszubeuten, war das Durchdringen der Mayerschen Erkenntnis und Feststellung, daß bei der Umwandlung der verschiedenen Energieformen ineinander feste Umjehungsverhältnisse bestehen. Wie es eine feste Umseßungszahl zwischen mechanischer Arbeit und Wärme gibt, das mechanische Wärmeäquivalent, so besteht eine solche auch zwischen Elektrizität und Wärme und zwischen Elektrizität und mechanischer Arbeit. Erst als man diese Umsetzungsverhältnisse ermittelt hatte, wurde cs der Technik möglich, die Naturkräfte planmäßig anzuwenden, die Leistung einer Kraftquelle wie die Bedürfnisse der Industrie rechnerisch festzulegen und einander anzupassen. Vor der Sonne, deren Allmacht auf Erden Mayer dargelegt hatte, machte aber sein Forschungstrieb nicht Halt. Was ist die Quelle der Sonnenwärme, frug er sich, und er ist einer der crsten, der wissenschaftliche Ansichten über dieses Problem ge= äußert hat, das bis heute keine allgemein befriedigende Lösung gefunden hat. Mayer suchte die Entstehung der Sonnenwärme aus mechanischen Vorgängen zu erklären. Wärme kann aus der mechanischen Arbeit entstehen, die ein fallender Körper leistet. Prallt dieser auf einen anderen Körper, so setzt sich seine Bewegungsenergie zum Teil in Wärme um. Das auf den Panzer schlagende Geschoß kann sich so erhißen, daß es mit diesem manchmal verschweißt. Fallen mun aus dem Weltenraum Meteore auf die Sonne, so verwandelt sich ihre mechanische Energie beim Aufprall in Wärme um, die die Sonne gewinnt. Fallen genügend Meteore auf die Sonne, so kann diese aus ihrer Energie die gesamte ausgestrahlte Wärme decken. So dachte sich Maher den Ersatz des scheinbar unerschöpflichen Wärmevorrats der Sonne. Wir nehmen zwar an, daß die Sonne nicht ewig gleich heiß bleibt, daß sie allmählich erkalten wird. Nun aber muß die Strah 26 Für unsere Mütter und Hausfrauen lung der Sonne während der Zeit, da das Leben auf Erden besteht, und das sind Millionen und Millionen von Jahren, an= nähernd gleich geblieben sein, und das, obwohl die Sonne in jeder Sekunde ungeheure Wärmemengen in den Weltraum hinausstrahlt. Für die Deckung dieser Energieverluste kann der oben angeführte Vorgang nur von untergeordneter Bedeutung sein. Oder aber es müßten riesige Massen von Meteoren auf die Sonne stürzen, der Weltraum müßte so von ihnen erfüllt sein, daß auch die Erde viele abbekäme und heißer und heißer würde und kein Leben mehr auf ihr bestehen könnte. Dennoch ist die in diesem Falle irrige Anschauung Mayers genial wie alle seine Gedanken. Und sicherlich wird wohl ein Teil des Wärmeverlustes der Sonne aus mechanischer Energie gedeckt. Indem die Sonne Wärme ausstrahlt und kälter wird, zieht sie sich zusammen; ihre Teilchen fallen da= bei gegen ihren Mittelpunkt, leisten sich gegenseitig Widerstand, wodurch ihre mechanische Energie in Wärme umgewandelt wird. Mayer teilte das Schicksal so manchen Genies in der bürgerlichen Gesellschaft: seine Ideen bleiben erst unbeachtet, stoßen auf Widerstand, finden Spott und Hohn; dann kommen andere und crwerben Ruhm mit diesen Ideen, während sein Verdienst verschwiegen wird, und er wird in einen Kampf hineingezwungen, der ihn bis an den Rand des Grabes und ins Jrrenhaus führt; als endlich Verständnis und Anerkennung sich einstellen, ist die Kraft zu weiteren Gedankenflügen gebrochen, zu denen sein Geist die Flügel spannte. Die Zeit, da Mayer seine Gedanken in sich trug, sie klärte und ausarbeitete, war die glücklichste seines Lebens. Auch äußerlich. Er verheiratete sich damals, war als Arzt gesucht und erhielt die Stelle cines Oberamtswundarztes zu Heilbronn. Wir erwähnten schon, daß seine erste Abhandlung auf der Redaktion der führenden naturwissenschaftlichen Zeitschrift ihr Grab fand. In Liebigs Annalen blieb dann Mayers geniales Erstlingswerk ziemlich unbeachtet. Dasselbe Schicksal hatte seine großzügige Schrift„ Die organische Bewegung in ihrem Zusammenhang mit dem Stoffwechsel", die er in Heilbronn auf eigene Kosten herausgab. Die Erkenntnisse Mayers mußten in ihren Konsequenzen so manches heilige Dogma der Wissenschaft zerstören, und sie fanden um so weniger Verständnis oder Sympathie, als er zu feiner bestimmten Gelehrtenzunft gehörte und seine Gedankengänge die Schranken zwischen den einzelnen Wissenschaften durchbrachen. In Heidelberg erklärte die staatlich patentierte Universitätsgelahrtheit den Mayer für einen Narren". Doch Mayer sollte noch bitterere Erfahrungen machen. Im Jahre 1843 hatte der Engländer Joule, gleichfalls kein Fachphysiker, sondern von Beruf ein Brauer, selbständig das mechanische Wärmeäquivalent entdeckt und berechnet. Er teilte dies 1847 der Akademie der Wissenschaften zu Paris mit; als aber Maher auf die Priorität seiner Entdeckung hinwies, nahm die Akademie davon keine Kenntnis. Fünf Jahre nachdem Maher seine erste Schrift veröffentlicht hatte, begründete Helmholtz seinen wissenschaftlichen Ruf mit einer Abhandlung, in der das Prinzip von der„ Erhaltung der Kraft" in mathematischer Form ent= wickelt wurde, Maher aber mit feinem Wort erwähnt war. Als Mayer sein Erstgeburtsrecht verteidigte, setzte eine Hetze der Fachgelehrten gegen den Dilettanten" ein. Leute, die ihn überhaupt nicht verstanden hatten, bezeichneten seine Arbeiten als„ vollfommen unwissenschaftlich". Bis in die Tagespresse setzten sich diese Angriffe fort und richteten Maher auch in den Augen der Laien. Als Mayer es nicht erreichen konnte, daß seine Entgegnung auf einen besonders gemeinen Angriff aufgenommen wurde, verfiel er in krankhafte Erregung und stürzte sich nachts in einem Anfall von Verzweiflung unangekleidet zwei Stockwerke hoch aus dem Fenster auf das Straßenpflaster. Er genaß nach monatelangem Krankenlager dank seines kräftigen Körpers, behielt jedoch infolge der starken Verstauchung seiner Beine zeitlebens einen schleppenden Gang. Im folgenden Jahre, 1851, zwang ihn eine Gehirnhautentzündung aufs Krankenlager, aber auch diese überwand er. Doch man brachte Mayer nun in eine private Jrrenanstalt und später zwangsweise in die staatliche in Winnental. Dort wurde er ein ganzes Jahr lang mißhandelt. Man steckte ihn in die Zwangsjacke und schnallte ihn in den Zwangsstuhl. Aber nicht nur körperlich, auch seelisch wurde er gefoltert. Der Leiter der Anstalt suchte Mayer die Erklärung abzupressen, sein Anspruch auf eine große wissenschaftliche Entdeckung beruhe auf Größenwahn. Vergeblich flehte Mayer seine Frau und andere Besucher an, ihn aus dieser Hölle zu befreien; sie rührten keinen Finger, wie er ja bei seiner enggeistigen Umgebung nie Verständnis gefunden hatte. Endlich wurde Maher als Todeskandidat" entlassen. Er hat aber nachdem noch 25 Jahre gelebt. Nr. 7 Nun da es in der Gelehrtenwelt hieß, Maher sei im Irrenhaus gestorben, fanden seine Verdienste allmählich Anerkennung. Neben Justus Liebig und Clausius war es der Engländer Tyndall, der dem großen Forscher zu seinem Recht verhalf. Auch die äußerlichen Anerkennungen blieben nicht aus, aber das Wertvollste war doch, daß Mayer noch das siegreiche Durchdringen seiner Ideen auf dem gesamten Gebiet der Wissenschaften erlebte. Heute ist es nicht mehr bestritten, daß er als erster unabhängig und selbständig dan Gedanken gefunden, der den größten neueren Fortschritt der Naturwissenschaft bedingte". 000 Der Hospitalismus der Säuglingsheime. Die Frage, ob gute Anstalts- oder Familienpflege für die körperliche und geistige Entwicklung des Kindes von größerem Werte sei, ist wohl niemals ernstlich für den Säugling aufgeworfen worden. Daß das neugeborene Kind an der Mutterbrust genährt werden, bei der Mutter bleiben soll, steht fest, es entspricht den natürlichen Verhältnissen selbst. Die Sozialdemokratie ist deshalb auch stets für einen möglichst langen Wöchnerinnenschutz eingetreten, der es der Mutter ermöglicht, den Säugling zu nähren und zu pflegen. Aber die Berufstätigkeit der Frauen läßt sich mit einer dauernden Pflege der kleinen Kinder in der Familie nur sehr schwer oder überhaupt nicht vereinen. Die Anstaltspflege in irgendeiner Form, eine vollständige oder teilweise, muß also von einem bestimmten Alter des Säuglings an Platz greifen, sofern die Mutter ihre Berufstätigkeit nicht für längere Zeit aufgeben kann oder will. Damit wird die Anstaltspflege der Kinder zu einer sehr ernsten " Frage", für die praktische Erfahrungen die Antwort geben müssen. Zu einer Anstaltspflege, die in jeder Beziehung einwandfrei und dienlich ist, wird man nur auf Grund dieser Erfahrungen kom= men können. Ihnen muß die größte Beachtung und natürlich auch kritische Beleuchtung zu teil werden. Man begreift es, daß die Anstaltspflege, vor allem die der Kinder, in feinem guten Rufe stehen konnte, solange die Hygiene noch schwach entwickelt, die moderne Bakteriologie unbekannt war. Selbst die für ihre Zeit gut eingerichteten Findelhäuser waren reine Mördergruben, in denen achtzig und mehr Prozent der Pfleglinge zugrunde gingen. Bis in die Neuzeit hinein jedenfalls in der ganzen vorantiseptischen und voraseptischen Zeit- traten in allen Anstalten öfters Seuchen auf, durch die Ansteckung verursacht, dazu verschiedene Krankheiten, die auf die ungenügende und unzweckmäßige Ernährung zurückzuführen waren, Fast kein Kind blieb dort von Ausschlägen aller Art verschont. Dieser„ Hospitalismus"( Hospitalfrankheiten) tritt heute wohl noch in den schlecht ge= leiteten Anstalten auf, im allgemeinen jedoch kann er als überwunden gelten. Zwar gibt es in Deutschland noch keine Säuglingsheime großen Stiles. Staatliche Mittel werden für solche Anstalten nur in verschwindend fleinem Maße aufgewendet, und auch die Kommunen überlassen zum großen Teil noch der privaten Wohltätigkeit, Säuglingsheime zu errichten. Aber es muß anerkannt werden, daß eine Anzahl der modernen Säuglingsheime auf das beste eingerichtet sind und von hervorragenden Kinderärzten vorzüglich ge= leitet und verwaltet werden. In diesen Anstalten finden alle Grundsäße der modernen Hygiene verständnisvolle und gewissenhafte Anwendung, sowohl in bezug auf Ernährung wie auf Reinlichkeit, Pflege und ärztliche Überwachung. Trotzdem tritt in diesen Anstalten eine Erscheinung zutage, die Birk in der Monats= schrift für Kinderheilkunde, Band 12, folgendermaßen charakterifiert:„ Die letzten Jahre haben uns ein Krankheitsbild kennen gelehrt, das unter dem Namen Hospitalismus einen Komplex pathologischer Erscheinungen vereinigt, die mit der Ernährung scheinbar nur in losem Zusammenhang stehend gleichwohl den Erfolg der Ernährung in entscheidendem Maße zu beeinflussen im= stande ist." über diesen Hospitalismus" der Säuglingsheime berichtet ausführlich im 5. und 6. Heft des Zentralblattes für allgemeine Ge= fundheitspflege" Dr. Walter Kaupe auf Grund seiner Erfahrungen im Säuglingsheim und der Kinderabteilung des Lungstrasstiftes in Bonn, wo er als Spezialarzt für Kinder tätig ist. Er kommt zu denselben Ergebnissen wie Birk. In den vortrefflich eingerichteten Säuglingsheimen hat es sich nach den beiden Darstellungen gezeigt, daß Säuglinge nach anfäng= lichem Wohlbehagen und guten Zunahmen bald nicht mehr recht gedeihen wollten, daß es mit ihnen zurückgeht, ja daß sie einen geradezu kranken Eindruck machen. Birk ist der Meinung, daß das Zurückgehen der Kinder nach einem Aufenthalt in einem Säuglingsheim in der Hauptsache durch mangelnde oder ungenügende Nr. 7 Für unsere Mütter und Hausfrauen psychische Beeinflussung des Pfleglings herbeigeführt werde. Nach seiner Ansicht genügt aber nicht die Unterbringung der Kinder in Einzelaußenpflege, um die Folgen dieses Mangels zu beheben. Er fordert, daß die Pflege auch so geartet sein müsse, daß sie bei dem Kinde wirklich eine Art innerer Befriedigung auslöst. Sie muß auf die Individualität desselben abgestimmt sein, was am ehesten natürlich da der Fall ist, wo die Mutter sich um ihr Kind bemüht." Diese Auffassung soll durch die Beobachtung in Bonn gestüßt werden. Im dortigen Säuglingsheim befinden sich nur Kinder, die in der Anstalt geboren sind, daselbst mit ihren Müttern ver= bleiben, von ihnen genährt und im allgemeinen auch solange ge= pflegt werden, bis die Mütter wieder in Stellung gehen. Im eigentlichen Säuglingsalter etwa bis zum neunten Monat entwickeln sich die Kinder nach den vorliegenden Erfahrungen sehr gut. Sie gedeihen recht gut in der Mehrzahl bei ausschließlicher Brusternährung, in geringerer Zahl bei Zwiemilchernährung, endlich in felteneren Fällen bei künstlicher Ernährung allein. Ihr Gesundheitszustand ist derart, daß Magen- und Darmerkrankungen fast unbekannt sind, und daß nur eine sehr geringe Zahl Todesfälle zu beklagen ist, die auf Rechnung von ganz unvermeidlichen Ursachen kommen, wie angeborene Syphilis und Tuberkulose, dazu noch Lungenentzündung. In dem eigentlichen Säuglingsalter, das Dr. Kaupe als die Zeit des mehr vegetativen Daseins bezeichnet, gibt das Befinden der Kinder nur selten Anlaß zur Klage. Sobald jedoch die Mutter das Heim verlassen hat, tritt ein Stillstand in der körperlichen und geistigen Entwicklung ein. Der beobachtete Stillstand in der körperlichen Entwicklung ist ganz eigener Art. Er zeigt sich nämlich weniger im Gewicht, das meist weiterhin normal zuzunehmen pflegt, als im allgemeinen Wachstum, in der Entwicklung des Knochenbaus, in einer fast immer bald eintretenden Blutarmut nicht geringen Grades und vor allem in einer Unkenntnis im Gebrauch der Gliedmaßen, die dem Alter durchaus nicht entspricht. Troz streng durchgeführter natürlicher Ernährung und streng vermiedener Unterernährung, trot unbedingt zweckmäßiger fünstlicher Ernährung, wenn die Brustnahrung nicht möglich ist und in den späteren Monaten: trotz allem und anderer Vorzüge der Pflege noch müssen die Ärzte nur zu oft die erwähnte Blutarmut, aufgedunsenes, graues Aussehen und das Auftreten der englischen Krankheit feststellen. Den angegebenen körperlichen Symptomen gesellen sich in nicht geringerem Grade Erscheinungen auf seelischer Grundlage hinzu. Als Säuglinge hatten sich die Kinder geistig befriedigend entwickelt, normales Erkennungsvermögen für ihre Umgebung gezeigt, mit den Spielsachen sehr wohl umzugehen gewußt, Stimmen unterschieden; sie lachten viel und waren überhaupt heiteren Temperaments. In der Zeit, wo das mehr vegetative Dasein des Kindes in die Periode des sich regenden geistigen Lebens, des bewußten Willens, der zwedmäßigen Betätigung übergeht, bleiben dagegen die Pfleglinge ungeachtet guter Ernährung und Fürsorge zurüd, fie bleiben gewissermaßen bedeutend länger Säuglinge. Sie wissen mit komplizierteren Spielzeugen nichts anzufangen, lernen meist nicht vor dem 16. bis 18. Monat laufen, und die Sprache bleibt bei ihnen ungewöhnlich lang auf der untersten Stufe der Lautbildung. Wirkliche Worte oder gar Säße sprechen sie kaum vor 2/2 Jahren. Auffallend ist ferner, daß so viele Pfleglinge des Säuglingsheims ausgesprochen kaufaul sind und oft geradezu durch Hunger gezwungen werden müssen, zu gegebener Zeit feste Nahrung zu sich zu nehmen. Das ist der moderne„ Hospitalismus" der Säuglingsheime. Birk und Dr. Kaupe betrachten ihn als eine Folge der zu geringen seelischen Beeinflussung des Kindes. In der Anstalt, sagen sie, fehle das Individuelle, das Persönliche, das Band, das sich zwischen Pflegerin der Mutter und Kind draußen bilde. Die Mutter oder Pflegerin, die nur ein Kind im Säuglingsalter zu versorgen hat- höchstens zwei Kleine, widmet sich ganz dem Pflegling, spielt, scherzt und lacht mit ihm in einem fort oder doch öfters längere Zeit. In der Anstalt aber hat eine Pflegerin mehrere Kinder zu versorgen, die Kinder müssen sehr viel auf dem Rücken liegen und der sehr notwendigen psychischen Anregung entbehren. Der Mangel an seelischer Befriedigung, an innerem Glücksempfinden, wirkt verstimmend auf den Magen und die Verdauung, daraus läßt sich wohl der Stillstand in der körperlichen Entwicklung erklären. Birk und Kaupe vertreten aus diesen Gründen die Anschauung, daß das Kind am besten bei der Mutter aufgehoben und die Einzelpflege von einem bestimmten Alter an 9 Monate der Anstaltspflege vorzuziehen sei. Die Frage ist mit den vorliegenden Beobachtungen freilich noch nicht genügend geklärt. Es liegen bis jetzt nur die Erfahrungen 9 27 einzelner Ärzte vor. Dr. Kaupe glaubt auch, der moderne„ Hospitalismus" der Säuglingsheime könne überwunden werden, und zwar vor allem dadurch, daß mehr Pflegerinnen angestellt würden. Geschieht das, so werden allerdings die Kosten der Anstaltspflege für die Säuglinge erheblich wachsen, so daß man dafür Mutter und Kind zusammen unterhalten könnte! Jedenfalls verdienen die Untersuchungen von Birk und Kaupe besondere Beachtung. Man muß fordern, daß in allen Säuglingsheimen genaue Beobachtungen vorgenommen und systematisch zum Zwecke gründlicher Durcharbeitung fortgesetzt werden. Edmund Fischer. Feuilleton Seine Söhne.* Bon Marim Gorki. In heiliger Ruhe geht die Sonne auf, und von den Felsen der Insel steigt ein graublauer Nebel empor, gesättigt mit dem süßen Duft der goldgelben Blüte des Ginsters. Inmitten einer dunklen, schläfrigen Wasserfläche hingelagert sieht die Insel unter der blauen Himmelskuppel einem Opferaltar des Sonnengottes ähnlich. Soeben sind die Sterne erloschen, aber noch glänzt die hellfunkelnde Venus, einsam in den kalten Höhen, hinter einer durchsichtigen Schicht leichter Wölfchen verschwindend. Die rosig angehauchten Wolken flammen im Feuer des ersten Sonnenstrahles auf, und in dem ruhigen Schoß des Meeres spiegeln sie sich wie Perlmutter wider, die aus den blauen Tiefen emporgetaucht ist. Die Gräschen und die Blumenblättchen, beschwert mit silbernem Tau, strecken sich sehnsüchtig der Sonne entgegen. Helle Tautropfen hängen an den Stielen, füllen sich und fallen auf den Erdboden, der nach heißem Schlaf in Schweiß gebadet ist. Man möchte das leise Klingen beim Aufschlagen der Tropfen hören und ist traurig, daß man das nicht kann. Die Vögel sind erwacht; sie flattern und singen im Laube der Olivenbäume, von unten her aber ertönen die tiefen Seufzer der See, die unter den Küffen der Sonnenstrahlen erwacht ist. Und dennoch ist es still ringsum; die Menschen schlafen noch, und in der Frische des Morgens ist der Duft der Blüten und Gräser stärker vernehmbar als Töne und Geräusche. Aus der Tür eines von Weinlaub überwucherten weißen Häuschens, das wie ein Boot aus grünen Wellen hervorlugt, tritt Ettore Cecco, ein Einsiedler mit langen Affenarmen, dem nackten Schädel eines Weisen und einem mit Runzeln und Falten bedeckten Antlitz in den sonnigen Morgen hinaus. Langsam hebt er die braune haarige Hand zur Stirne empor, blickt lange auf den sich rosig färbenden Himmel und dann nach allen Seiten hin. Vor ihm ergießt sich eine Flut goldigen und smaragdenen Lichtes in allen Schattierungen über das graue, lilafarbene Gestein der Insel; rosafarbene, gelbe und rote Blüten leuchten überall hervor; das dunkle Antlitz des Alten zittert in gutmütigem Lächeln; er nickt zufrieden mit dem runden, schweren Kopfe. Als trüge er eine schwere Last auf dem Rücken, so steht er da, den Oberkörper ein wenig gebeugt, die Beine breit auseinandergestreckt. Ringsum aber kündigt sich immer lauter und froher der junge Tag an; heller glänzt das Grün der Weinberge, lauter zwitschern die Buchfinken und Zeisige, im Gesträuch der Brombeere, Waldrebe und Wolfsmilch schlagen Wachteln an, irgendwo pfeift die Amsel, elegant und sorglos wie ein Neapolitaner. Der alte Cecco streckt die langen, müden Arme über den Kopf empor, dehnt und reckt sich, als wollte er nach unten fliegen, zum Meere, das wie Wein in einer Schale vor ihm ruht. Dann sett er sich auf einen Stein vor der Tür, zieht eine Postfarte aus der Tasche, hält sie weit von sich, kneift die Augen zusammen und betrachtet die Schrift, lautlos die Lippen bewegend. Auf seinem großen, schon lange nicht rasierten, wie mit Silber bedeckten Gesicht ruht jetzt ein neues Lächeln, in dem sich Liebe, Trauer und Stolz eigenartig vereinen. Auf dem Stück Pappe vor ihm sind zwei breitschultrige Burschen in blauer Farbe abgebildet. Sie sißen Schulter an Schulter nebeneinander und lächeln frohgemut, beide fraushaarig und großköpfig wie der alte Cecco. über ihnen steht in großer, deutlicher Druckschrift: „ Arturo und Enrico Cecco, zwei edle Kämpfer für die Intereffen ihrer Klasse. Sie organisierten 25 000 Textilarbeiter, deren Wochenlohn 6 Dollar betrug, und wurden dafür ins Gefängnis gesperrt.. Ein Hoch den Kämpfern für die soziale Gerechtigkeit!" Aus Magim Gorki: Märchen der Wirklichkeit. Berlin, Verlag von J. Ladyschnikow. 28 Für unsere Mütter und Hausfrauen Der alte Cecco versteht nicht zu lesen, auch ist die Inschrift in einer fremden Sprache verfaßt. Aber er errät den Inhalt, jedes Wort scheint ihm bekannt und klingt laut tönend in seinen Ohren. Diese blaue Karte hat dem Alten viel Unruhe und Sorge bereitet. Er erhielt sie vor etwa zwei Monaten und erriet sofort instinktiv, daß etwas nicht in Ordnung war. Werden doch die Bilder der Armen nur dann veröffentlicht, wenn sie gegen die Gesetze verstoßen. Cecco steckte die Karte in die Tasche, sie lastete aber wie ein Stein auf seiner Seele und bedrückte ihn mit jedem Tage immer mehr. Schon mehrmals wollte er die Karte dem Priester zeigen, aber die Erfahrung seines langen Lebens hatte ihn von der Richtigkeit des Spruches überzeugt:" Möglich, daß der Priester Gott die Wahrheit über die Menschen berichtet, den Menschen jedocht sagt er sie nie." Der erste, den er nach dem rätselhaften Sinne der Karte befragte, war ein blonder Künstler, ein langer, Hagerer Ausländer, der oft zu Ceccos Häuschen kam, seine Staffelei aufstellte und sich zum Schlafen niederlegte, den Kopf in dem viereckigen Schatten des begonnenen Bildes versteckend. „ Herr," fragte er den Künstler, was haben diese Menschen bes gangen?" Der Künstler betrachtete die lustigen Gesichter der Burschen und sagte: " Wahrscheinlich irgendeinen lustigen Streich...." „ Was steht denn darüber aufgedruckt?" " Das ist englisch. Außer dem Engländer kennt diese Sprache nur Gott und meine Frau, wenn sie in diesem Falle die Wahrheit spricht. In allen anderen Fällen tut sie es nicht...." Der Künstler war schwazhaft wie ein Zeisig und konnte offenbar über nichts ernst sprechen. Der Alte ging finster von ihm fort und erschien am folgenden Tage bei der Frau des Künstlers, einer dicken Dame, die in ein weites, durchsichtiges, weißes Gewand gehüllt im Garten in der Hängematte lag, vor Hize zerschmolz und mit ihren blauen Augen wütend zum Himmel emporsah. " Diese Leute sind ins Gefängnis gesperrt," erklärte sie ihm in gebrochenem Jtalienisch. Dem Alten zitterten die Beine, als bebe die ganze Insel unter cinem plötzlichen Erdstoß. Dennoch fand er die Kraft zu einer zweiten Frage: ..Haben sie einen Diebstahl oder einen Mord begangen?" „ D, weder das eine, noch das andere. Sie sind einfach Sozialisten." ,, Was ist das Sozialisten?" " Das gehört schon zur Politik," sagte die Dame mit ersterbender Stimme und schloß die Augen. Cecco wußte, daß die Ausländer ein einfältiges Volk sind, noch dümmer als die Kalabrier, er wollte aber die Wahrheit über seine Kinder erfahren und wartete deshalb geduldig, bis die Signora wieder ihre großen, schläfrigen Augen öffnete. In diesem Augenblick wies er mit dem Finger auf die Karte und fragte: " Ist das ehrlich?" " Ich weiß nicht," entgegnete sie ägerlich. Ich sagte dir schon, das ist Politik, verstehst du nun?" Nein, er verstand nichts. Die Politik machten die Minister und Sie reichen Leute in Rom, um die Steuerlast der Armen zu erhöhen. Seine Jungen aber waren Arbeiter, prächtige Burschen, die in Amerika lebten mas hatten sie mit der Politik zu tun? Die ganze Nacht saß er bei Mondenschein und mit dem Bildnis seiner Kinder in den Händen, das ihm nun schwarz erschien und noch finsterere Gedanken einflößte. Am folgenden Morgen entschloß er sich, den Geistlichen zu befragen. Der schwarze Mann im Priestergewand entgegnete ihm kurz und streng: " Die Sozialisten sind Menschen, die Gottes Willen leugnen. Das genügt dir zu wissen." Und noch strengeren Tones rief er dem sich entfernenden Alten nach: " ,, Du solltest dich in deinen Jahren schämen, dich um solche Dinge zu kümmern...." " , Gut, daß ich ihm nicht das Bild gezeigt habe," dachte Cecco. Nach drei Tagen begab er sich zu dem Barbier, einem Stuber und Windbeutel. Von diesem Burschen, der kräftig war wie ein Esel, hieß es, er verkaufe seine Liebe für Geld an alte Amerifanerinnen, die angeblich hierher kamen, um die Schönheiten des Meeres zu genießen, die es aber in Wirklichkeit auf Abenteuer mit armen Burschen abgesehen hatten. ,, GottAllmächtiger!" rief dieser verdorbene Mensch aus, als er die Karte fah, und seine Wangen färbten sich rot. Das sind Arturo und Enrico, meine Kameraden! O, ich beglückwünsche Guch von ganzem Herzen, Vater Ettore, Euch und mich! Nun habe ich noch zwei berühmte Landsleute, soll ich nicht stolz sein davauf?" Nr. 7 „ Sprich feinen Unsinn," warnte der Alte. Aber jener schrie, mit den Händen durch die Luft fuchtelnd: „ Das ist ausgezeichnet!" " Was steht auf der Karte aufgedruckt?" " Ich kann es nicht lesen, ich bin aber überzeugt, daß es die Wahrheit ist. Arme Kerle müssen große Helden sein, damit man endlich die Wahrheit über sie sagt!" „ Schweig still, ich bitte dich!" rief Cecco und entfernte sich, wütend mit den Holzpantinen über das Pflaster klappernd. Er ging zu einem russischen Signor, von dem es hieß, er sei ein guter, ehrlicher Mensch. Er trat ein, setzte sich an das Lager, auf dem das Leben des Russen langsam erlosch, und fragte: ,, Was ist hier über diese Leute aufgedruckt?" Der Russe kniff die vor Krankheit farblos gewordenen, traurigen Augen zusammen, las mit schwacher Stimme die Inschrift auf der Karte und wandte sich mit gütigem Lächeln an den Alten, der- nun bat: „ Signor, Sie sehen, ich bin sehr alt und werde schon bald zu meinem Gotte abgerufen werden. Wenn die Madonna mich fragt, was ich mit meinen Kindern getan, werde ich ihr alles wahrheitsgemäß und ausführlich erzählen müssen. Das sind meine Söhne, die hier auf der Karte abgebildet sind, ich begreife aber nicht, was sie getan und weshalb sie ins Gefängnis gesperrt sind." Der Russe sprach darauf ernst und einfach: „ Sagt der Madonna, Eure Kinder hätten das Hauptgebot ihres Sohnes erfüllt: sie lieben ihre Nächsten in werftätiger Liebe...." Eine Lüge kann nicht einfach ausgesprochen werden: sie erfordert Phrasen und Ausschmückungen. Der Alte schenkte deshalb dem Russen Glauben und drückte kräftig dessen kleine Hand, die die Arbeit nicht kannte. ,, Es ist also keine Schande für sie, daß sie im Gefängnis sind?" „ Nein," sprach der Russe,„ Sie wissen ja, die Reichen kommen nur dann ins Gefängnis, wenn sie zu viel Böses getan und es nicht zu verbergen verstanden haben. Die Armen jedoch kommen in den Kerker, wenn sie auch nur ein wenig Gutes haben tun wollen. Sie sind ein glücklicher Vater, das sage ich Ihnen." Und noch lange sprach er mit seiner schwachen Stimme zu Cecco; er erzählte ihm, wie die ehrlichen Menschen kämpfen, die die Armut, die Dummheit und all das Furchtbare, Böse besiegen wollen, das von Dummheit und Armut in die Welt gebracht wird. Die Sonne brennt am Himmel wie eine feurige Blume und stveut den Goldstaub ihrer Strahlen auf die grauen Felsen, aus deren Spalten smaragdene Gräser und himmelblaue Blumen sich der Sonne entgegenstrecken. Die goldenen Lichtfunken flammen auf und erlöschen in den vollen Tropfen des kristallenen Taus. Der Alte verfolgt aufmerksam, wie alles ringsum die lebendige Kraft des Lichtes einsaugt, wie die Vögel arbeitsam umherschwirren, ihre Nester bauen und fingen. Er denkt an seine Söhne, die jenseits des Ozeans im Gefängnis der großen Stadt siben. Das ist schlecht für ihre Gesundheit, sehr schlecht.... Sie sind aber im Gefängnis, weil sie ehrliche Burschen sind, genau so wie ihr Vater sein lebenlang. Das ist gut für sie und für ihn. Und das braune Antlitz des Alten zerschmilzt in stolzem Lächeln. „ Die Erde ist reich, der Mensch arm, die Sonne gut, der Mensch böse. Mein lebenlang dachte ich daran, sprach es aber nicht aus, und sie errieten die Gedanken des Vaters. Sechs Dollar in der Woche, das sind vierzig Lire oho! Sie aber fanden, daß das zu wenig ist, und fünfundzwanzigtausend ebensolcher Burschen wie sie stimmten ihnen bei: dies ist zu wenig für einen Menschen, der gut leben will...." Der Alte ist überzeugt, daß die verborgenen Gedanken seines Herzens in seinen Söhnen groß geworden sind. Er ist stolz darauf, da er aber weiß, wie wenig die Menschen den von ihnen selbst täglich geschaffenen Märchen Glauben schenken, spricht er darüber nicht. Nur bisweilen, wenn sein altes Herz übervoll ist von den Gedanken an die Zukunft seiner Kinder, erhebt sich der alte Cecco, biegt den arbeitsmüden Rücken gerade, sammelt die letzten Kräfte und schreit heiser in die Ferne hinaus, an seine Kinder weit übers Meer: „ Valio ― o!" Die Sonne lächelt, sich immer höher über das dichte, weiche Wasser des Meeres erhebend, und die Leute in den Weinbergen antworten dem Alten: „ Di- i!" Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.6. in Stuttgart.