Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 9 oooooooo Beilage zur Gleichheit ooooooo oo 1915 Inhaltsverzeichnis: Herder über den Patriotismus. Einiges vom Blute. Von Dr. Aler. Lipschüß. Die Naturforscherin Amalie Dietrich. Von Anna Blos. Für die Hausfrau. leton: Der Jäger. Von Olive Schreiner.( Schluß.) Herder über den Patriotismus. Feuil Der Patriotismus muß sich notwendig immer von Schladen reinigen und läutern. Jede Nation muß es fühlen lernen, daß sie nicht im Auge anderer, nicht im Munde der Nachwelt, sondern nur in fich, in sich selbst groß, schön, edel, reich, wohlgeordnet und glücklich werde; und daß sodann die fremde wie die späte Achtung ihr wie der Schatten dem Körper folge.... Lächerlich und verächtlich muß er werden, wenn Einheimische sich über ausländische Angelegenheiten, die sie weder kennen noch verstehen, in denen sie nichts ändern können und sie gar nichts angehen, sich entzweien, haffen, verfolgen, verschwärzen und verleumden.... Jede Nation muß allgemach es als unangenehm empfinden, wenn eine andere Nation beschimpft und beleidigt wird; es muß allmählich ein ge= meines Gefühl erwachen, daß jede sich an der Stelle jeder anderen fühle. Hassen wird man den frechen übertreter fremder Rechte, den Zerstörer fremder Wohlfahrt, den kecken Beleidiger fremder Sitten und Meinungen, den prahlenden Aufdränger seiner eigenen Vorzüge an Völker, die diese nicht begehren. Unter welchem Vorwand jemand über die Grenze tritt, dem Nachbar als einem Sklaven das Haar abzuscheren, ihm seine Götter aufzugzwingen und ihm dafür feine Nationalheiligtümer in Religion, Kunst, Borstellungsart und Lebensweise zu entwenden: im Herzen jeder Nation wird er einen Feind finden, der in seinen eigenen Busen blickt und sagt:, Wie, wenn das mir geschähe?' Wächst dies Gefühl, so wird unvermerft eine Allianz aller gebildeten Nationen gegen jede einzelne anmaßende Macht."( Briefe zur Beförderung der Humanität.) 000 Einiges vom Blute. Bon Dr. Aleg, Lipschils. Unser Körper besteht aus tausend und abertausend Zellen. Jede dieser vielen Zellen ist ein lebendiges Wesen für sich, gleichsam wie ein Bakterium oder sonst ein kleines Lebewesen, daß man nur mit dem Mikroskop zu sehen vermag, und jede dieser Zellen braucht Nahrung und braucht Sauerstoff zum Leben. Woher sollen aber alle diese kleinen Zellen die Nahrung und den Sauerstoff be= fommen, wenn sie in großen, dichten Haufen in unserem Störper beisammenliegen? Da muß es im Störper viele Straßen geben, auf denen den Bellen alles zugeführt werden kann, was sie an Nährstoffen und Sauerstoff brauchen. Und wirklich, die Zellen unferes Körpers find an ein ganzes weitverzweigtes Netwerk solcher Straßen angeschlossen. Dieses große Mezwerk von Zufuhrstraßen für Nährstoffe und Sauerstoff wird von den Blutgefäßen gebildet, und das Blut ist es, das den stofflichen Verkehr zwischen den vielen Zellen unseres Körpers und der Außenwelt vermittelt. Wie sieht das Blut aus? Es ist eine dunkelrote Flüssigkeit, etwas dicker als Wasser das weiß jedermann. Aber über unseren Körper fann man nur richtig aussagen, wenn man ein Mikroskop zu Hilfe nimmt. So machen wir es auch beim Blute. Ein Tröpfchen Blut unters Mikroskop, und wir bekommen etwas ganz neues zu sehen. Wir sehen, daß das Blut gar nicht bloß eine Flüssigkeit ist, sondern cine Flüssigkeit mit fleinen runden Körperchen, kleinen runden, roten Scheiben darin. Diese roten Scheiben sind die sogenannten roten Blutkörperchen. Soviel sind von den roten Blutförperchen in jedem Tröpfchen Blut enthalten, daß sie sich in der Blutflüssigkeit drängen und wie die Münzen einer Geldrolle eng aufeinander liegen. Die roten Blutkörperchen werden auch als rote Blutzellen bezeichnet, unterscheiden sich aber von den sonstigen Zellen in unserem Körper durch ein wesentliches Merkmal. Die eigentlichen Zellen enthalten in ihrem Innern stets einen Stern. Die roten Blutkörperchen haben keinen Kern; aber Zellen sind sie ihrer Entstehung nach doch: sie gehen aus fernhaltigen Zellen hervor. Untersucht man das Blut eines menschlichen Embryo, der Frucht im Leibe, unter dem Mikroskop, so bemerkt man, daß hier die roten Blutkörperchen Kerne haben, Zellen sind, wie die Zellen sonst in unserem Körper. Bei den Vögeln haben auch die roten Blutkörperchen der erwachsenen Tiere ihre Kerne. So ist es ebenfalls beim Frosch und überhaupt bei allen Wirbeltieren mit Ausnahme der Säugetiere. Die roten Blutkörperchen des menschlichen Blutes sind also Bellen, die ihren Kern eingebüßt haben. Welche Aufgabe haben die roten Blutkörperchen in unserem Störper? Die roten Blutkörperchen sind, wie wir heute wissen, die Vermittler bei der Atmung der Zellen in unserem Körper. Im Blutstrom werden die roten Blutkörperchen durch die Herzpumpe in die Lungen getrieben, hier entnehmen sie Sauerstoff aus der beim Atmen eingesogenen Luft und werden dann mit diesem Sauerstoff beladen in alle Teile des Körpers getragen. Den Sauerstoff geben die roten Blutkörperchen an die Zellen ab, die seiner zum Unterhalt des Stoffwechsels bedürfen. Von den Zellen gelangen die roten Blutkörperchen wieder in die Lungen, nehmen dort abermals Sauerstoff auf und bringen ihn zu den Zellen: und so geht der Kreislauf fort ohne Ruh und ohne Rast. Daß die roten Blutkörperchen solche Tausendkünstler sind, das verdanken sie dem roten Farbstoff, der in ihnen enthalten ist. Der Blutfarbstoff ist dadurch ausgezeichnet, daß er sich sehr gierig mit Sauerstoff verbindet und daß er ihn leicht wieder abgibt so gelingt es den roten Blutkörperchen, Sauerstoff aus der Atemluft aufzu= nehmen und ihn an die Zellen abzugeben. Der Körper eines erwachsenen Menschen enthält ungefähr fünf Liter Blut, und in jedem Liter Blut gibt es fünf Billionen, das heißt fünf Millionen mal Million roter Blutkörperchen. Wir haben also eine gehörige Menge davon! Aber außer den roten Blutförperchen sind im Blut noch farblose vorhanden, die sogenannten weißen Blutkörperchen. Das sind schon richtige kleine Lebewesen: jedes farblose Blutkörperchen enthält nicht nur einen Stern, sondern ist auch freibeweglich. Die Aufgaben, die den weißen Blutkörperchen im Blute zukommen, sind natürlich ganz anderer Art als die der roten Blutkörperchen. Aber was die weißen Blutförperchen in unserem Körper zu tun haben, das ist heute noch eine Streitfrage, so recht weiß man es noch nicht. Aber mancherlei weiß man schließlich doch bereits davon, so unter anderm, daß die weißen Blutkörperchen dort überall im Körper auftauchen, wo es etwas wegzuräumen gibt, wo Fremdstoffe, zum Beispiel Bakterien, in den Körper hineingelangt sind. Und zwar vermögen sie zu diesem Zwecke die Wandungen der Blutgefäße zu durchbohren und in die Körpergewebe einzuwandern. Sind Bakterien in den Körper eingedrungen, so kommen die weißen Blutkörperchen heranspaziert und fressen die Batterien einfach auf. Und wenn sie einmal das gerade nicht tun- denn manche Bakterien sind auch für weiße Blutkörperchen nicht zu verdauen- so scheiden sie Stoffe aus, die die Bakterien töten. Jedenfalls verstehen es die weißen Blutförperchen besser als die anderen Zellen im Körper, mit schädlichen Dingen fertig zu werden, die in den Körper hineingeraten. Die Eiterflüssigkeit, der Eiter, ist an solchen weißen Blutförperchen besonders reich. Der Eiter entsteht ja überall dort im Körper, wo bestimmte Bakterien erscheinen. Und wo Bakterien sind, da sind auch die weißen Blutkörperchen da. Sie kommen, wie gesagt, um jene zu fressen, oder um sie durch ihre Ausscheidungen zu töten. Das alles hatten wir mit dem Mikroskope dem Blute abgeguckt. Aber was wir noch vom Blute erfahren wollen, das kann uns nicht mehr das Mikroskop sagen- da müssen wir uns an den Chemiker wenden. Der gibt uns weitere Auskunft über die Zusammensezungen des Bluts. Zunächst sagt uns der Chemifer, daß im Blut sehr viel Eiweiß enthalten ist. Eiweiß? Da schüttelt mancher das Haupt: Eiweiß kennt er ja bloß vom Hühnerei her. Eiweiß im Blut? Ja, Eiweiß im Blut, damit die Zellen im Körper etwas zu essen haben. Die lebendige Substanz besteht zum größten Teil aus demselben chemischen Stoff, aus dem das Weiß des Hühnereies besteht, und wenn die Zellen den Verbrauch decken sollen, den sie im Lebensprozeß erfahren, so brauchen sie eben Eiweiß als Nahrung. Dieses Eiweiß bringt ihnen das Blut ins Haus. Und nicht nur Eiweiß auch Zucker und Fett. Ferner enthält das Blut Salze, Stochsalz vor allen Dingen, in Hülle und Fülle. Aber wie und woher kommen denn diese Stoffe ins Blut hinein? Durch die Verdauung aus dem Darm. In der Nahrung werden all die verschiedenen Nährstoffe, die die Zellen unseres Körpers brauchen, in den Darm aufgenommen, verdaut und von dort ins Blut hineingesogen die Nahrung, die wir essen, wird einfach zu Blut. Der wunderbaren Erscheinungen im Blute sind jedoch noch viel mehr. Jedermann weiß, daß das Hühnerei beim Kochen fest wird: 34 Für unsere Mütter und Hausfrauen das Eiweiß des Hühnereies gerinnt. Auch die Blutflüssigkeit, das Bluteiweiß kann gerinnen. Und zwar bedarf es dazu nicht des Kochens, das Bluteiweiß gerinnt schon dann, wenn das Blut einfach aus den Blutgefäßen durch eine Wunde nach außen fließt. Wir haben uns in den Finger geschnitten. Wenn die Wunde nicht allzu groß ist, dann hört das Blut bald zu fließen auf: die Wunde ist geschlossen. Wie? Einfach dadurch, daß das Blut in der Schnittöffnung des fleinen angeschnittenen Blutgefäßes geronnen ist und das dabei entstandene kleine Blutgerinnsel wie ein Stopfen wirkt. So leistet die Gerinnung des Blutes ausgezeichnete Dienste im Zellenstaat. Aber nur dann, wenn die Wunde in der Wandung der Blutgefäße nicht zu groß ist. Ist die Wunde sehr groß, so wird das Blutgerinnsel vom Blutstrom, der immer wieder aus der Ader fommt, hinweggerissen und der blutende Spalt schließt sich nicht. ( Schluß folgt.) 0 0 0 Die Naturforscherin Amalie Dietrich. Von Anna Blos. Daß Frauen studieren, daß sie den Doktortitel erwerben und sich auf den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten auszeichnen, ist heutzutage nichts Seltenes, wenn es allerdings auch heute noch zu den Ausnahmen gehört, wenn trop großer Begabung ein Mädchen aus armer Familie die Möglichkeit zum Studieren findet. Die Wissenschaft ist auch heute noch ein Vorrecht der besitzenden Klassen. Aber auch vermögenden Mädchen war noch vor wenigen Jahren das Tor zur Universität verschlossen. Man duldete nur männliche Hörer auf den Hochschulen. Wollte eine Frau das Wissen erwerben, das den Männern zugänglich war, so mußte sie entweder in das Ausland gehen oder sich durch private Studien bilden, wozu natürlich erst recht große Mittel gehörten. Um so bemerkenswerter ist es, daß in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ein armes Proletariermädchen ganz auf eigene Kraft gestellt, mit der bittersten Not tämpfend und von widrigem Schicksal verfolgt, ein so außer ordentliches Wissen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften erlangte, daß die bedeutendsten Gelehrten ihrer Zeit ihr einen Ehrenplay in ihrer Mitte einräumten. Im Konversationslerikon fand ich den Namen dieses Mädchens nicht. Dort ist der Name des reichen Hamburgers Godeffroy erwähnt, für dessen Museum Amalie Dietrich eine Reihe seltener Pflanzen und Insekten lieferte, die zum Teil nach ihr genannt sind. Die arme gelehrte Proletarierin wäre heute vergessen, wenn nicht vor mehreren Jahren ihre Tochter eine Lebensgeschichte der seltenen Frau herausgegeben hätte, die im Verlag von Grothe erschienen ist. Diese Lebensgeschichte liest sich wie ein Roman und wirkte auf mich, wie etwa in meiner Kinderzeit die Abenteuer des Robinson Crusoe meine Phantasie beschäftigten. Nur find die Erlebnisse von Amalie Dietrich nicht die Erfindungen eines begabten Schriftstellers, sondern wirkliches Geschehen. Und weil diese Erlebnisse den Lebensgang einer armen Proletarierin wiedergeben, wünschte ich, daß die Geschichte von Amalie Dietrich gerade unter den Frauen des werktätigen Volkes viel gelesen würde. Sie können daraus sehen, wieviel eine schwache Frau vermag, der das Schicksal nur Steine in den Weg türmte. Bewunderung wird sie erfüllen darüber, wie Amalie Dietrich sich ihren Weg bahnte, wie sie sich mit Heldenmut ganz in den Dienst der Wissenschaft stellte, und wie sie aufrecht und stolz aus all dem Schweren hervorging, das ihr auferlegt wurde.* Amalie war die Tochter des sächsischen Beutlers Nelle und wurde in Siebenlehn geboren. Ihre Mutter hatte vor ihrer Verheiratung als Magd im dortigen Pfarrhaus gedient. Sie hatte bei ihrer Dienstherrschaft gelernt, wie man Salben tocht, Schröpftöpfe und Blutegel setzt und Krankenkost bereitet. Denn in früherer Zeit war der Pfarrer auf dem Dorfe und in Landstädtchen häufig auch Stellvertreter des Arztes und hatte allerhand Mittel für die Patienten im Hause. Kordel, die Magd, war mit der Pfarrfrau zu den Kranken gegangen, und da sie im Pfarrhaus auch viele fromme Sprüche und Lieder gelernt hatte, so galt sie für sehr gebildet und wurde auch nach ihrer Verheiratung viel zu den Kranken geholt. Zur Bereitung der heilsamen Salben und Tränklein suchte sie allerhand Kräuter und Wurzeln in Wald und Feld, und ihre Tochter half ihr früh die Pflanzen sammeln. Bei ihren eigenen Kindern hatte Frau Kordel Nelle nicht viel Erfolg mit ihrer Wissenschaft, denn sie verlor sehr früh drei prächtige Buben. Nur der älteste Sohn blieb ihr erhalten, und zu ihm gesellte sich viel später als fleine Nachzüglerin das Töchterchen Amalie. * Amalie Dietrich. Von Charitas Bischoff, geb. Dietrich. Verlag von Grothe in Berlin, 1909. Diesem vortrefflichen Werke, in dem die Tochter den Lebenslauf der Mutter liebevoll geschildert hat, sind die tatsächlichen Angaben dieses Aufsages entnommen. Nr. 9 So freudig das Mädchen begrüßt wurde, so viel Sorge machte doch seine Erziehung den Eltern. Zwar lernte die kleine„ Nellen" vorzüglich in der Schule, aber da sie zu den armen Kindern gehörte, mußte sie unten sigen, und ihre Empörung darüber war groß. Das Schulgeld betrug damals wöchentlich einen Sechser, dazu kamen jeden Monat drei Pfennig für Benützung der Gänsefedern und ein Pfennig für Tinte. Wie viele begabte Kinder hatte die kleine Amalie eine Leidenschaft für Bücher. Die fromme Mutter verties fie auf Bibel und Gesangbuch, das war aber nicht die Lektüre, die das Kind brauchte. Es gab eine Art Leihbibliothek im Dorfe bei einem Buchbinder, der für einen Pfennig Leihgebühr Bücher ausgab. Nun las Amalie den ganzen Tag Räuber- und Rittergeschichten, Reisebeschreibungen und was sie sonst sand, statt dem Vater beim Ledernähen zu helfen, worüber dieser sehr ungehalten war. Er beflagte sich bei dem Pfarrer, der Amalie Konfirmantenunterricht erteilte. Dieser schenkte seiner Lieblingsschülerin Zschokkes„ Stunden der Andacht" und nahm ihr das Versprechen ab, nichts anderes zu lesen. Eine Zeitlang folgte sie seinem Wunsche und vertiefte sich so in das Buch, daß sie sich auch beim Sprechen den getragenen Stil angewöhnte, in dem es geschrieben war. Man prophezeite daher im Dorfe, daß aus der Nellenmale eine Komödiantin werden würde. Amalie kümmerte sich wenig um das Gerede und hatte überhaupt feinen Verkehr mit ihren Altersgenossinnen im Dorfe, die nur Liebesgeschichten im Kopfe hatten. Auch sie hatte Verehrer und Freier, aber sie wies alle ab zum großen Ärger der Eltern, die in den Büchern den Grund für ihre Überspanntheit" suchten. " Da Amaliens Bruder sich auf die Wanderschaft begeben hatte, sollte Amalie an seiner Stelle dem Vater helfen; aber während sie Leder nähte, hatte sie in der Schublade ein Buch versteckt, das sie hervorholte, sobald sie allein war. Noch lebhafter als die Bücher interessierten sie aber die Briefe des Bruders aus den fernen Ländern, die er durchwanderte, und oft bedauerte sie, ein Mädchen zu sein und nicht auch hinaus zu kommen, um die Welt kennen zu lernen. Der Bruder fand sein Glück auf dieser Wanderschaft. Als er in Bukarest arbeitete, gewann er das Herz der Tochter seines Meisters, und nachdem er zum katholischen Glauben übergetreten war, hei= ratete er sie und wurde Geschäftsteilhaber. In dem kleinen Siebenlehn erregte die Nachricht von der reichen Heirat des Beutlersohnes viel Neid und Staunen, doch sprach man nicht lange davon, da es bald anderen Gesprächsstoff gab. Diesen lieferte ein seltsamer Fremder, der sich im Orte niedergelassen hatte. Er nannte sich W. A. S. Dietrich und gab an, Naturforscher zu sein. Er sammelte in den umliegenden Wäldern Insekten und Schlangen, die er in Spiritus aufbewahrte, und Pflanzen, die er trodnete. Da man im Dorfe dafür kein Verständnis hatte, wurde Dietrich bald für einen Herenmeister erklärt, und er erschien den Leuten sehr unheimlich. Nur eine fürchtete sich nicht vor ihm, hatte im Gegenteil das größte Interesse für seine Tätigkeit, das war Malchen Nelle. Bufällig traf sie den Zugewanderten beim Pilzesuchen im Walde, und da sie von ihrer Mutter den Standort manch seltener Pflanze kannte, fam sie bald mit Dietrich ins Gespräch. Als dieser merkte, welch großes Verständnis er bei dem einfachen Dorfmädchen fand, suchte er Malchen so oft als möglich auf, und eines Abends drückte er ihr einen Zettel in die Hand mit den Worten:„ Dein ist mein Herz." Am nächsten Morgen bat er die Eltern feierlich um Amaliens Hand. Wider sein Erwarten fand er Nelles nur ungern bereit, ihm ihre Tochter anzubertrauen. Sie fühlten den Unterschied zwischen sich und dem vielgereisten Fremden, der aus ganz anderen Kreisen stammte als sie selbst. Dietrich war der Sohn eines Rechtsanwalts aus Zwenkau bei Leipzig. Er hatte eine Zeitlang Medizin studiert, fich dann aber dem Studium der Naturgeschichte zugewandt, das schon viele seiner Vorfahren mit Leidenschaft betrieben hatten. Zwei seiner noch lebenden Onkel waren ebenfalls Naturforscher. Einer von diesen hatte schon früh Berühmtheit durch die Aufmerksamkeit erlangt, die Goethe ihm zuwandte. Seine Kenntnisse sezten den Dichter so sehr in Erstaunen, daß er den Knaben mit nach Karlsbad nahm, als er mit Senebel dorthin reiste. Der junge Dietrich wurde später Schriftsteller, erwarb den Doktortitel und erhielt das Amt als Direktor der herzoglichen Gärten in Eisenach. Dem Freier von Amalie Nelle lag also das Interesse für die Naturwissenschaften im Blut. Aber Geld hatten ihm seine großen Kenntnisse noch nicht eingebracht. Trotz der ungewissen Zukunft zögerte Amalie nicht, Dietrichs Gattin zu werden, der bei der Verlobung von ihr verlangte, daß sie auf alles äußere Wohlleben verzichten und ganz in seinem Beruf aufgehen müßte. Er mietete ein großes, einsam gelegenes Gebäude, mitten im Walde, und dorthin zogen die jungen Leute und mit ihnen das Ehepaar Nelle. Dietrich legte sofort Beschlag auf alle Schränke für seine Insekten und Pflanzensammlungen. Wo seine junge Frau ihre Kleider und Wäsche ließ, kümmerte ihn nicht. Sie mußte ihn Nr. 9 Für unsere Mütter und Hausfrauen den ganzen Tag auf seinen Forschungswanderungen begleiten, wurde von ihrem Mann im Aufbewahren der Pflanzen und Tiere unterrichtet, im Ordnen der Sammlungen, und bald bekam sie eine große Geschicklichkeit im Zusammenstellen der Namen, Klassen und Ordnungen. Dietrich konnte sich keine gelehrigere Schülerin, keine intelligentere Gefährtin wünschen, als er in seiner Frau gefunden hatte. Seine Verwandten freilich waren sehr unzufrieden, daß er das arme ungebildete Dorfmädchen geheiratet hatte. Natürlich blieb der jungen Frau bei der Arbeit, die sie ihrem Manne leistete, keine Zeit, sich um ihren Haushalt zu kümmern. Diese Sorge nahm ihr ihre Mutter vollständig ab. Aber gleich im Beginn der Ehe stellten sich finanzielle Schwierigkeiten ein. Die wertvollen Sammlungen Dietrichs brachten fein Geld ein. Dazu kam die große Hungersnot von 1847, von der namentlich Sachsen schwer betroffen wurde. Die einfachen Beutlersleute mußten schließlich den vornehmen Schwiegersohn noch unterstützen, so gut sie konnten. Darunter litt Dietrich sehr. Er wurde wieder besserer Stimmung, als Amalie sich Mutter fühlte, denn er wünschte sich einen Sohn und Geisteserben, den er im Sinne Goethes, Humboldts und der berühmten Dietrichs zum Naturforscher erziehen wollte. Um so größer war seine Enttäuschung, als ihm ein kleines Mädchen geboren wurde. Er kümmerte sich gar nicht um das Töchterchen und nahm nach wie vor die Hilfe seiner Frau so sehr in Anspruch, daß das Kind, das den Namen Charitas erhielt, ganz der Sorge der Großeltern überlassen blieb. Es ging alles gut, solange Amaliens Mutter lebte. Aber sie starb, als die kleine Charitas vier Jahre alt war. Nun sollte die junge Frau zu ihren sonstigen Pflichten noch die Sorgen des Haushaltes auf sich nehmen und für das Kind sorgen. Dazu fehlte ihr nicht nur die Zeit, sondern auch die Erfahrung. Sie verstand es meisterhaft, Herbarien anzulegen und die Insekten zu konservieren, aber sie hatte sich nie um die Arbeit und Leitung des Haushaltes gefümmert. Dabei war Dietrich auch darin anspruchsvoll und geriet außer sich über eine verspätete oder mißratene Mahlzeit oder über einen fehlenden Hemdenknopf. In ihrer Not geriet Amalie auf den Ausweg, eine Stüße für den Haushalt zu suchen. Sie fand ein junges, hübsches Mädchen, das ihr für die Stellung geeignet schien. Die Gehilfin im Hause verstand es aber bald, Dietrich so zu fesseln, daß die junge Frau sie entließ. Das Mädchen reiste ab, aber Dietrich folgte ihm. Als Amalie von seiner Treulosigkeit erfuhr, entschloß sie sich zur Trennung. Sie, die in allen praktischen Dingen so unerfahren war, verschaffte sich mit großer Mühe einen Paß und machte sich mit ihrem fleinen Töchterchen auf, um nach Bukarest zu ihrem Bruder zu reisen. Was ein solche Reise in damaliger Zeit bedeutete, davon kann man sich heute schwer eine Vorstellung machen. Sie war um so schwieriger, da Frau Dietrich nur sehr geringe Geldmittel besaß. Von Siebenlehn ging die Reise im Omnibus bis nach Dresden, von da im Bummelzug über Prag nach Wien. In Wien mußte sich Amalie Dietrich einen türkischen Paß verschaffen und konnte dann mit der Bahn weiterreisen bis Budapest. Dort mußte sie mit einem Dampfer weiterfahren. Zum Glück machte sie die Bekanntschaft eines ungarischen Kaufmanns, der auf der langen Fahrt sich freundlich ihrer und ihres fleinen Mädchens annahm. Über Belgrad ging es bis zum Eisernen Tor. In Giurgewo erwarteten Ochsenwagen die Reisenden nach Bukarest. Tagelang fuhren sie nun auf schlechten Wegen durch die Walachei. Endlich erreichten fie Bukarest, und ein halbwüchsiger Bursche geleitete auf die Weisung des Ungarn Frau Dietrich und ihr Kind durch viele Straßen mit fremdländischen Namen. Schon gab Amalie die Hoffnung auf, ihren Bruder zu finden, da leuchtete ihr ein deutsches Schild entgegen:„ Karl Nelle, Handschuhmacher." Wie groß war ihre Freude!( Fortsegung folgt.) Für die Hausfrau. Kürbis- Orangenmarmelade. Da Sürbis selbst teinen ausgeprägten Geschmack hat, nimmt er leicht jedes Fruchtaroma an. Man kann deshalb andere Marmeladen in rationeller Weise durch Kürbiszusag verbilligen. Seit Anfang Dezember erscheinen die ersten Apfelsinen aus Italien auf den Märkten. In ähnlicher Weise wie bei der in Nr. 6 beschriebenen Kürbis- Zitronenmarmelade kann man durch Zusatz von Apfelsinen eine Marmelade herstellen, die im Geschmack der von vielen hochgeschätzten Orangenmarmelade sehr nahe kommt. Auf jedes Pfund geschälter Kürbisstückchen rechnet man etwa eine Apfelfine. Die gelbe Schale einiger Früchte wird feingerieben, am besten auf hartem Zucker, und der breiweich gefochten Kürbismasse zugesetzt. Alles Pelzige und Weiße wird sorgsam von den geschälten Apfelfinen entfernt. Dann schneidet man sie quer durch, nimmt die Kerne heraus und schneidet die einzelnen Spalten in feine Scheiben. Dies 35 alles tocht man nun mit dem nötigen Zucker, wie in Nr. 6 angegeben, zu einem dicken Fruchtbrei. M. Kt. Sauce and Milch von grünen Heringen gibt zusammen mit Salz oder Bellkartoffeln ein billiges und wohlschmeckendes Gericht. Die Milch wird mit feingeschnittenen Speckwürfeln und etwas Zwiebel zusammen unter fleißigem Umrühren gedünstet, dann mit Pfeffer und Salz abgeschmeckt und kurz vor dem Anrichten mit ein wenig Wasser oder Fleischbrühe usw. aufgelassen. Man muß darauf achten, daß die Milch so fein wie möglich zerrührt wird, damit man eine gut ge= bundene gleichmäßige Sauce erhält. Wer einen pikanten Geschmack liebt, kann der Sauce einen Schuß Essig oder etwas Zitronensaft hinzufügen. 38 Feuilleton Der Jäger. Bon Olive Schreiner. E. W. ( Schluß.) Er wandte sich zum Gehen, aber johlend umkreiste ihn das Volk. " Tor, Hund, wahnsinniger Narr!" schrien sie. Wie konntest du wagen, den Käfig zu zertrümmern und die Vögel fliegen zu lassen?" Der Jäger sprach; doch sie hörten ihn nicht. " Wahrheit", was ist das? Vermag sie Hunger zu stillen oder Durst zu löschen? Wer hat sie gesehen? Deine Vögel aber waren Wirklichkeiten: alle konnten sie singen hören! O du Narr, häßliches Reptil, Atheist," schrie es durcheinander, du verpestest die Luft!" ,, Steiniget ihn," riefen einige. Was geht es uns an," sagten andere. Laßt den Simpel laufen," und sie gingen fort. Die Zu rückbleibenden aber hoben Steine und Kot auf und bewarfen ihn. Gebrochen und verwundet schlich der Jäger endlich in den Wald. Es dämmerte um ihn her. Weiter und weiter wanderte er, und die Schatten wurden tiefer und tiefer; jetzt befand er sich an den Grenzen des Reiches ewiger Nacht. Da er eintrat, umfing ihn tiefe Dunkelheit, und er tastete mit seinen Händen umher; doch jeder Ast brach unter seiner Berührung, und der Boden war mit Asche bedeckt. Sein Fuß sant bei jedem Schritt ein, und kleine Wölkchen leichter Asche wirbelten in sein Gesicht. Er wandelte in Finsternis. Endlich ließ er sich auf einen Stein sinken und vergrub sein Gesicht in den Händen, um hier mitten im Reiche des Zweifels und der Verneinung zu warten, bis es Licht würde. Und auch in seinem Herzen war es Nacht. Aus den Sümpfen zu beiden Seiten stiegen falte Nebel auf, ein feiner, unsichtbarer Regen fiel und sammelte sich in großen Tropfen in seinem Haar und auf seinen Kleidern. Sein Herz schlug schwach, und seine Glieder fingen an zu erstarren. Als er einmal aufsah, tanzten zwei lustige Irrlichter heran. Er erhob den Kopf und schaute zu, wie sie näher und näher heranhuschten. Sie glichen kleinen Feuersternen, wie sie so glühend und schimmernd daherkamen. Dicht vor ihm machten sie Halt. Ein lachendes Frauenantlitz mit Grübchen und wallendem Goldhaar blickte ihm aus dem Herzen des einen Flämmchens entgegen, während der Kern des anderen leicht bewegt schien wie perlender Wein im Glase. Und sie tanzten um ihn her. „ Wer seid Jhr," fragte der Jäger, die Ihr allein mich aufsucht in Einsamkeit und Finsternis?"" Wir sind die Zwillinge Sinnlichkeit. Unseres Vaters Name ist Menschliche Natur, und unsere Mutter nennt sich 2 ust. Wir sind so alt wie Berg und Fluß, so alt wie der erste Mensch, und wir verlöschen nie," so ficherten sie. " Laß dich in meine Arme schließen," lockte die eine; sie sind weich und warm. Ich will dein erstarrtes Herz wieder schlagen machen. Komm! o komm zu mir!" Meine heiße Lebensglut will ich dir einhauchen," zischelte die andere. Dein Hirn ist stumpf, und deine Glieder sind starr, aber freies, ungestümes Leben soll sie durchströmen. O laß dich damit erfüllen." " Folge uns", lockten sie, und lebe mit uns. Edlere Herzen noch als das Deine, die in Finsternis Harrten, sind zu uns gekommen und wir zu ihnen, und nie mehr haben sie uns verlassen, nimmermehr."" Alles andere ist nur ein Wahn, aber wir sind wirklich, wir sind wahrhaftig. Wahrheit ist ein Wahn; in den Tälern des Aberglaubens spielt man ein Bossenspiel; die Erde ist Staub und Asche die Bäume alle verfault; aber wir berühr uns wir leben! Uns kannst du nicht anzweifeln; fühle, wie warm wir sind; komm, o fomm zu uns, komm!" 36 Für unsere Mütter und Hausfrauen Näher, immer näher umschwebten sie seinen Kopf, daß die kalten Tropfen auf seiner Stirn trockneten. Das funkelnde Licht blendete feine Augen, und sein erstarrtes Blut fam in Bewegung." Ja," sagte er, warum sollte ich hier in dieser schrecklichen Finsternis vergehen? Sie sind warm, sie hauchen Leben in meine Adern!" Und schon streckte er seine Hände aus, nach ihnen zu greifen - im selben Augenblick, stieg das Vild seiner Liebe vor ihm auf und seine Hände sanken nieder. Komm, o fomm zu uns!" riefen sie. da Er aber verhüllte sein Antlik." Ihr blendet meine Augen, Ihr erwärmt mein Herz; aber was ich erstrebe, könnt Ihr mir nicht geben. Ich will hier ausharren harren bis ans Ende- geht!" Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen, um nichts mehr zu hören, und als er endlich wieder ausblickte, sah er awei flimmernde Sterne in der Ferne verschwinden. Und wieder lagerte sich um ihn die dunkle Nacht. Alle, die das Tal des Aberglaubens verlassen, müssen durch jenes dunkle Land; einige durchmessen es in wenigen Tagen, andere berweilen dort Monate und Jahre, und wieder andere verlassen es nur mit dem Tode. Dem Harrenden erglomm endlich ein schwacher Lichtschein am Horizont, und der Jäger erhob sich, um demselben zu folgen. Schließlich erreichte er das Licht und schritt hinaus in den hellen Sonnenschein. Dort erhob sich der riesige Gebirgsstod der Wirklichfeit, in Licht gebadet, die Gipfel umwölft und an ihrem Fuße viele Pfade sichtbar, die alle in die Höhe führen mußten. Ein Jubelschrei entrang sich des Jägers Brust. Auf dem kürzesten Wege cilte er dem Gebirge zu und begann zu steigen; Felsen und Berge widerhallten von seinem Gesang. Weisheit hatte übertrieben; schließlich war es gar nicht so hoch, noch der Weg so steil! Wenige Tage, wenige Wochen, einige Monate höchstens, und er erreichte den Gipfel! Nicht nur eine Feder würde er aufheben; er wollte alle sammeln, die andere Menschen vor ihm gefunden hatten das Netz knoten Wahrheit einfangen fie festhalten mit seinen Händen berühren und sie an sich drücken! sie Er lachte im heiteren Sonnenschein und sang laut. Der Sieg schien sehr nahe. Doch nach einiger Zeit begann der Pfad steiler zu werden. Er bedurfte seines vollen Atems zum Steigen, und fein Gesang berstummte. Zur Nechten und zur Linken erhoben sich nadte, gigantische Felswände, und in dem labaartigen Boden gähnten Abgründe auf. Hier und dort glänzten ihm weiß gebleichte Gerippe entgegen. Auch der Weg wurde weniger und weniger fenntlich. Er ward zu einer bloßen Fährte, auf welcher sich hin und wieder Fußspuren fanden, und verlor sich schließlich ganz. Der Jäger sang nicht mehr; denn er bahnte sich jetzt selbst den Weg, bis er an eine mächtige Felswand kam, völlig glatt und steil abfallend, die sich hinzog, soweit das Auge reichte. Ich will", sagte er tapfer,„ Stufen bauen; und wenn ich diese Wand erklommen habe, dann werbe ich fast oben sein." " 7 Und er machte sich ans Werk. Mit dem. Werkzeug seiner Einbildungskraft begann er Steine zu hämmern und aufzuschichten; aber die Hälfte davon wollte nicht passen, und die Arbeit halber Monate stürzte zusammen, weil zum Unterbau nicht die rechten gewählt worben waren. Troßdem arbeitete der Jäger rüstig weiter und sprach sich selber zu:„ Erst diese Wand crklettert, und ich werde das Ziel beinahe erreicht haben; dann wird das große Werk vollendet sein!" Endlich hatte er die Höhe gewonnen und schaute um sich. Tief unten wogten weiße Nebel über den Stätten des Aberglaubens, und hoch über ihm türmten sich die Gipfel. Früher waren sie ihm niedrig erschienen, während sie feht unermeßlich empor ragten, in ungeheuern Felsterrassen, Schicht um Schicht übereinander türmend. Ewiger Sonnenschein umspielte sie. Da stieß der Jäger einen wilden Schrei aus, warf sich auf die Erde, und als er sich endlich wieder erhob, war sein Antlig bleich und fahl. Er war nun ganz still geworden. Die dünne Luft jener Hochregionen ist für den Talgebornen schwer einzuatmen; jeder Atemzug schmerzte ihn, und unter seinen Fingernägeln drang das Blut hervor. Bei der nächsten Felswand begann er wieder zu arbeiten; ihre Höhe schien unendlich, und er schwieg. Tag und Nacht erklang sein Werkzeug auf dem ehernen Felsen, in den er Stufen schlug. Die Jahre gingen über ihn hin, und er arbeitete immer weiter; aber die Wand ragte vor ihm gen Himmel, nach wie vor. Zuweilen betete er, daß ein kleines Moos, eine Slechte, auf diesen kahlen Steinen sprießen und ihm Gefährte und Augentrost sein möchte; aber es erblühte ihm nie. So strichen bie Jahre dahin. Er zählte sie an den Stufen, die er gehauen hatte; einige wenige im Jahre nur wenige. Er sang nicht mehr, er sagte auch nicht mehr ich will dies oder das tun" 1 Nr. 9 er arbeitete nur. Und zur Nachtzeit, wenn die Dämmerung sich ausbreitete, reckten sich ihm aus jeder Höhle und aus jedem Felsenspalt wilde, fraßenhafte Gefichter entgegen. Halt ein in deiner Arbeit, einsamer Mann, und sprich mit uns," so raunte es. „ Meine Erlösung ist die Arbeit. Wenn ich nur einen Augenblick aussette, würdet Ihr an mir hinauffrieden," gab er zurück. Und ihre langen Hälse redten sich noch weiter vor. „ Blick in die Schlucht zu deinen Füßen," sagten sie; siehst du, was dort unten ruht weißes Gebein! Ein Mann, so bapfer und start wie du, stieg bis an diese Felsen, und als er emporblickte, sah er, daß all sein Streben vergebens war, daß er die Wahrheit niemals fassen, sie niemals schauen, sie niemals finden würde. Da legte er sich hier nieder, denn er war sehr müde. Er schlief ein für immer. Er schläferte sich selbst ein, denn im Schlafe ist Ruhe. Man ist nicht einsam, wenn man schläft, und weder die Hände noch das Herz tun weh." Da knirschte der Jäger zwischen den Zähnen:" Hab' ich mir darum alles Teuerste vom Herzen gerissen? Darum bin ich allein durchs Land ewiger Nacht gepilgert, hab' ich der Versuchung widerstanden und da geweilt, wo feine Stimme meines Geschlechts hinzubringen vermag? Hab' ich darum einsam gearbeitet, um mich niederzulegen als Fraß für euch, ihr Harphien?" Er lachte wild auf und die Stimmen der Verzweiflung verflangen in der Ferne, denn das Lachen eines mutigen, starken Herzens jagt sie in die Flucht. Doch alsbald schlichen die Frazen wieder heran und sahen gierig nach ihm hin. 2 Weißt du auch, daß dein Haar weiß ist," frächsten sie, daß deine Hände wie die eines Kindes zu zittern beginnen? Siehst du, daß dein Werkzeug stumpf geworden und schon gesprungen ist? Wenn du jemals diese Wand erklimmen solltest, so wird es die letzte sein, und du wirst keine weitere mehr ersteigen." Seine Antwort aber war:" Ich weiß es," und er arbeitete weiter. Die alten, dürren Hände beklopften den Stein schlecht und ungleich; denn die Finger waren steif und krumm. Schönheit und Kraft des Mannes waren verschwunden. Endlich, endlich gudte ein altes, eingesunkenes Gesicht über den obersten Rand der Felswand. Es sah vor sich neue Klüfte und die ewigen Gipfel über sich, in weißem Gewölf verschwimmend; aber sein Tagewerk war getan. Der alte Jäger faltete seine müden Hände und legte sich neben dem Abgrund, über welchem er sich ums Leben gearbeitet hatte, zur Ruhe. Endlich war es Schlafenszeit. Unter ihm wallte dicker Nebel über den Tälern. Mit einemmal gerriß der Schleier, und durch die Lücke im Gewölf erschaute der. Jäger mit brechenden Augen die Bäume und Felder seiner Kinderzeit. Aus weiter Ferne schien der Nuf seiner wilden Vögel zu ihm zu dringen und das Geräusch singender und tanzender Menschen. Dazwischen glaubte er die Stimmen seiner früheren Jagdgefährten zu vernehmen, und weit, weit weg sah er seine alte Heimat im Sonnenlichte liegen. In des Jägers Augen traten Tränen.„ Ach, die dort sterben, sterben nicht allein," rief er aus. Da wogten die Nebel wieder ineinander, und er wandte seine Augen ab. Ich habe geforscht", sagte er, und lange Jahre gearbeitet; aber gefunden habe ich nicht. Ich habe nicht geruht und nicht gerastet, aber ich habe nicht geschaut; jezt ist meine Kraft dahin. Wo ich entfräftet hinfinke, werden andere, junge und frische Menschen stehen. Auf den Stufen, die ich gehauen habe, werden sie hinaufflimmen; auf dem Pfade, den ich gebahnt habe, werden sie in die Höhe steigen. Sie werden den Namen des Mannes, der dies baute, nicht kennen, werden die ungeschickte Arbeit verlachen, und wenn meine Stufen wanken, werden sie mir fluchen. Aber sie werden sich erheben, und mittels meiner Arbeit; sie werden in die Höhe kommen, und auf meinem Pfade! Sie werden Wahrheit finden, und durch mich! Denn siehe, kein Mensch lebt sich selbst, und kein Mensch stirbt sich selbst." Schwere Tränen quollen ihm unter den rungligen Augenlidern hervor. Wenn die Wahrheit jetzt über ihm in den Wolken erschienen wäre, er hätte sie nicht mehr schauen können; denn schon lagen über seinen Augen die Schleier des Todes. ,, Meine Seele hört ihren fröhlichen Schritt nahen," murmelte er, und sie werden zur Höhe gelangen, sie werden sie ersteigen." Er hob die welte Hand an seine Augen: sachte, sachte sentte fich aus dem blauen Himmel über ihm ein Etwas durch die stille Luft hernieder. Sanft schwebte es abwärts und fiel auf die Brust des sterbenden Mannes. Er betastete es: es war eine Feder, wie Silber, glänzend. Sie in seinen Händen haltend, verschied er. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Betkin( Bundel), Wilhelmshöhe, Boft Degerloch bet Stuttgart. Drud und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. 6.m.b.8. in Stuttgart.