Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 19 。。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit 。。。。。。 o 1915 Inhaltsverzeichnis: Vor Bazeilles. Gedicht von Heinrich v. Neder. Die neue Frau. Die Frau im alten Rom. Feuilleton: Wieviel Erde braucht der Mensch? Erzählung von Leo Tolstoi. Vor Bazeilles. Don heinrich von Reder. Vor Bazeilles im Straßengraben Lag erstarrt ein junger Jäger, Einer von den blauen Teufeln", Die bei Weißenburg gefochten. Auf dem braunen Odel schwammen Seine blonden Ringellocken, Und dazwischen hingen schmierig Giftiggrün Kartoffelknollen. Größer kaum wie Marmelschusser, Die den Kindern find ein Spielwerk, Grub er sie beim Halt im Marsche Mit den Fingern aus dem feld. Aufbewahrt fürs nächste Biwak, Waren sie aus seinem Brotsack, Als er stürzte, ausgeronnen Jn das Gold von seinen Locken. An der Grabenböschung lagen Mancher Turko und Zuave Steif in ihren Pluderhofen, In den Händen noch den Chassepot. Jhre feuchten Reisrationen Hingen aus den Blechgeschirren Grau und klumpig am Tornister, Besser kaum als die Kartoffeln. Hier und da braunrote Tupfen Klebten auf den Uniformen, Schmutzbedeckt vom Staub der Straße Und dem letzten Lagerplatz. Sohn der Alpen, Sohn der Wüste, Du verloren Pariser Kind! Rimmer kann ich euch vergessen Mit dem Totenfleckgesicht. Plaudernd ritt ein Stab vorüber, War gefolgt von einem Wagen, Angefüllt mit Dienstpapieren, Rotwein, Schinken und Konserven. O O O Die Frau im alten Rom. I. Über die älteste Geschichte des römischen Weltreichs wissen wir so gut wie nichts. Was uns spätere Schriftsteller über die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse im alten Rom berichten, gehört zum großen Teil ins Reich der Sage. Nur so viel ist aus den Schilderungen der Königszeit zu entnehmen, daß Rom damals diese Entwicklung durchmachte: aus einem kleinbäuerlichen Stammesstaat, in dem verschiedene Geschlechterverbände zusammengeschlossen waren, wurde es zu einem feudalen Adelsstaat, in dem die Großgrundbesizer, die Patrizier, an der Spize ihrer Hörigen und Hinterfassen, den Klienten, das Heft in der Hand hatten. Die Patrizier waren bestrebt, die Masse der Kleinbauern und Handwerker vollkommen rechtlos zu machen. Durch eine Adelsrevolution wurde 510 vor Christo die aufgeklärte Despotie eines Tarquinius gestürzt, dem seine Feinde den Beinamen des Hochmütigen gaben. Die Republik trat an ihre Stelle. Um diese Zeit waren die alten naturwirtschaftlichen Verhältnisse in voller Auflösung begriffen. Die einzelne Großfamilie hatte in steigendem Maße die Bedeutung und einen Teil der Aufgaben der alten Geschlechterverbände und Markgenossenschaften übernommen, das Privateigentum dehnte sich aus und befestigte sich. War früher das Vieh der Hauptreichtum und das eigentliche Tauschmittel der römischen Bauernschaften gewesen, so tritt jezt das Metallgeld an dessen Stelle. Einst war der Grund und Boden unveräußerlich, denn er gehörte nicht dem einzelnen Bauern, sondern seiner Sippe, jeg wird auch er als Erbgut( heredium) zur fäuflichen Ware. t Den Vorteil aus der neuen Produktionsweise erntete der Großgrundbesitzer. Er verleiht Geld gegen Wucherzinsen an die Kleinbanern, die bei den steigenden Bodenpreisen und der eigenen Geldknappheit bald nimmer ein noch aus wissen. Sie geraten in die Schuldknechtschaft des Adels. Die herrschende Klasse formuliert den denkbar schärfsten Begriff des Eigentumsrechtes: der Gläubiger darf den Schuldner ins Gefängnis werfen, ihm Haus und Hof verkaufen, ihn selbst mit Weib und Kind zum Sklaven machen. Wer einmal notgedrungen Geld geborgt hat, tommt bei dem hohen Zinsfuß sein Leben lang nicht mehr aus Verschuldung heraus. Um so leichter kann der Adel seine wirtschaftliche Überlegenheit zur Geltung bringen, da seit der Adelsrevolution alle Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung in seiner Hand liegt. Die Klassenunterschiede werden aufs schärfste herausgebildet, die herrschenden Patrizier von der gemeinen Plebs sorgfältig abgesondert. Nicht einmal Ehen dürfen zwischen den Klassen der Besitzenden und der Nichtbesigenden abgeschlossen werden. Die Patrizier hatten aber den Bogen überspannt. Dieselbe Macht, die sie zu unbedingten Herren des Staates machte, die auftommende Geldwirtschaft, schuf aus den Reihen der Plebs eine immer größere Zahl von Handwerkern und Händlern. Das gewerbe- und handeltreibende Kleinbürgertum brachte es ebenfalls zu Kapitalanhäufungen, und bald übernahm das Handelskapital die Führung in dem zähen und erbitterten Klassenkampf zwischen Plebejern und Patriziern. Um 300 vor Christo ist der erbitterte Klassenkampf in der Form zugunsten der Plebs entschieden. Aber die Plebs war ja keine einheitliche Masse. Trotz aller gelegentlichen Schuldaufhebungen und gesetzlichen Beschränkungen des Güterantaufs gingen die kleinbäuerlichen Bevölkerungsschichten rasch zugrunde. Die Patrizier trieben eine außerordentlich friegerische Politit. Als Handelsvorort des reinbäuerlichen Latiums war Rom sowieso den Nachbarn wirtschaftlich und staatlich voraus und überlegen, und je mehr Stonzessionen die Patrizier der Demokratie im Innern machen mußten, desto größer war ihr Interesse an der kriegerischen Eroberung und Ausbeutung der umwohnenden Völkerschaften. Dem besiegten Feind wurde regelmäßig Grund und Boden abgenommen, der als Staatsländerei formell sämtlichen Bürgern gehörte. In Wirklichkeit natürlich teilten die römischen Junker das Land unter sich, fauften soviel wie möglich auf und rundeten ihre Güter ab. Die plebejischen Kleinbauern aber wurden durch die fortgefeßten Striege ruiniert, trotz der rechtlichen Besserstellung und der Demokratisierung des Staates, eben weil sie wirtschaftstechnisch überholt und durch den Militarismus geschwächt waren. Den eigentlichen Vorteil von der errungenen Demokratie hatten diejenigen bürgerlichen Kreise, die der Schiffahrt und dem Handel oblagen. Sie waren bereits vermögend und teilten sich mun mit dem Großgrundbesig in die politische Macht, ja sie verschmolzen sogar teilweise mit ihm zu einem neuen Adel. Unter ihrer energischen Führung ging im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christo Rom daran, nicht nur das bäuerliche Mittelitalien sich dienstbar zu machen, sondern auch den Etruskern, Puniern und süditalischen Griechen ihre Handelsherrschaft im Mittelmeer zu entreißen. Da auch die Masse der kleinen Händler, Gewerbetreibenden und Lohnarbeiter manchen Nutzen aus dem kommerziellen Aufschwung zogen, standen sie wie ein Mann hinier den führenden Klassen. Jeder fluge und tatkräftige Kopf sah den Weg zu Reichtum, Amt und Würden vor sich offen. Die Zeit ähnelt dem Aufschwung der Niederlande oder Englands im sechzehnten Jahrhundert. Sie ist es, die von den römischen Schriftstellern der sogenannten Klassischen Periode als„ bie gute alte Zeit" gepriesen wird. Erst im Jahre 133 vor Christo kam es wieder zu schwerem innerem Zusammenprall. Aber bis dahin hatte sich die gesamte wirtschaftliche, soziale und politische Struktur Noms verändert. * * Der römische Dichter Horaz sagte einmal, bie römischen Frauen hätten durch ihre Kindererziehung Hannibal und Antiochus besiegt. Er will damit sagen, daß die Niederwerfung der karthagischen und griechischen Handelsmächte durch die Tüchtigkeit der römischen Hausfrau und Mutter wesentlich mitbedingt gewesen sei. Horaz hatte recht, denn in der kleinbäuerlich- demokratischen Periode Roms spielte die Frau tatsächlich eine wichtige Rolle im Produktionsprozeß. Sie besaß infolgedessen auch einen bedeutenden geistigen Einfluß auf Mann und Kinder und dadurch mittelbar auf die Gesellschaft. Nicht 74 Für unsere Mütter und Hausfrauen nur in den ertverbenden Klassen lag ein großer Teil der produktiven Arbeit in der Hand der Frau. Die Frau mußte spinnen und weben, mahlen und baden, schlachten und kochen, das Vieh besorgen, oft dem Mann im Handwerk helfen. Auch bei den befizenden Klassen war sie so recht die Seele der ausgedehnten Haus- und Hofwirtschaft. Der Großgrundbejizz hatte noch eine mäßige Ausdehnung und stand unter unmittelbarer Zeitung des Besitzers. Die Frau, die allen hauswirtschaftlichen Arbeiten vorstand, nahm tätigen Anteil at den verschiedensten Verrichtungen. So zeigt uns die Sage Lit tretia beim Wollekämmen in der Mitte ihrer Mägde. Symbolisch wird die wirtschaftliche Bedeutung des Weibes darin ausgedrückt, daß sie als Hüterin des Herdfeuers gilt. In alter Zeit war nämlich das Feuer eine sehr tosibare Sache. Man durfte es beileibe nicht ausgehen lassen, denn das Neuanfachen fostete viel Zeit und Mühe. Auch in der Kleidung kam die produktive Tätigkeit der Frau zum Ausdruck. Die alte römische Hausfrau trug ein furzes ärmelloses Gewand, das sie bei der Arbeit nicht behinderte. Erst als die Arbeit auf den Gütern und in den Haushaltungen von Sklaven und Stlavinnen verrichtet wurde, als die Frauen der besitzenden Klassen sich mehr und mehr von jeder Handarbeit fernhielten, fie sogar als eine Schande empfanden, kam das lange, bis zu den Füßen reichende römische Frauengewand, die Stola auf. Als das Dirnenwesen in Rom immer mehr überhandnahm, wurde das einstige Arbeitskleid der römischen Frau, die Toga, zum Kennzeichen der Prostituierten. Die Prostituierten rekrutierten sich aus den ärmeren Bolfsschichten, wo die furze Toga fich länger erhielt. Eine nebelhafte Erinnerung an die graue Vorzeit ist noch aufbewahrt in der Sage vom Raub der Sabinerinnen. Nach der Grünbung Roms habe es den Römern an Frauen gefehlt, so meldet dicse Sage. Sie hätten daher ihre Nachbarn bei einem ländlichen Feste überfallen und ihnen die Jungfrauen geraubt. Es scheint also, daß auch bei den alten römischen Sippschaften, wie bei den Blutsgemein schaften anderer Völker, das Verbot bestand, innerhalb des Geschlechts zu heiraten. Die Frauen wurden daher durch Raub oder Kauf von den Nachbarn erworben. Auf dieser Kulturstufe ist die Frau noch durchaus ein unfelbständiges Glied ihrer Sippengemeinschaft. Sie tritt bei der Ehe nicht unter die Gewalt des Mannes, sondern fie bleibt Angehörige ihres Geschlechtsverbandes, wenn Mutterrecht gift, und tritt in die Sippe des Gatten ein, wenn, wie bei den Römern, Waterrecht besteht. Bei den alten Römern finden wir starfe überrefte der vaterrechtlichen Sippe. Darum konnte bei ihnen die Fran nicht erben, denn das Eigentum ihres Vaters gehörte dem ganzen Verband und durfte diesem nicht verloren gehen. Mit der Entwicklung des Privateigentums innd der Einzelfamilie erlangte der Familienvater, das Haupt dieser Großfamilie, eine unumschränkte Herrschaftsgewalt über alle Glieder der Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft. Er wird zum Erben und Bertreter der alten Sippenmacht. Die Frau wurde zu einem Stück Privateigentum des Mannes und unterstand lebenslang seiner väterlichen Gewalt" ebenso wie die Kinder und Stiaven. Bei der Heirat tourde sie zur Gemeinschaft des Wassers und Feuers durch das heilige Salzmeht" „ in die Hand" des Gatten gegeben; bei der feierlichen religiösen Eheschließung wurde das symbolisch durch Handauflegen angedeutet. Auf ihrem Ehebruch stand der Tod, der Mann dagegen wurde dafür nur insofern bestraft, als er das patriarchalische Recht eines anderen Mannes verletzt hatte. Erst später wurde das Recht des Gatten, die Ehebrecherin zu töten, auf die ordentlichen Gerichte und den Vater übertragen. In keinem Kulturstaate war der Eigentumsbegriff des Mannes an der Frau so scharf ausgeprägt wie in Rom. Noch in verhältnismäßig späterer Zeit hören wir, daß ein Römer seine Frau ungestraft mit der Faust erschlug, weil sie aus einem Struge- Wein genippt hatte. Den römischen Frauen war wie den Stiaven das Weintrinken verboten. Auch nach dem Tode des Gattent genoß die verheiratete Frau im alten Rom feine Selbständigkeit, blieb vielmehr lebenslänglich unter männlicher Vormundschaft. Sehr oft wird die eheliche Treue der alten Germanen in Gegensatz zu der„ Verkommenheit", dem Sittenverfall der Römer gesetzt und überschwenglich gepriesen. Mit Unrecht. Das Lob hat nur den Schein der Berechtigung für sich, wenn man zum Vergleich die Sitten in der Verfallzeit des römischen Reichs heranzieht. Die alten Germanen hatten die Einehe bei weitem nicht so streng und rein ausgebildet wie die Römer, als sie in das Licht der Geschichte traten. In den ältesten historischen Zeiten finden wir bei ihnen die Einehe, die als innigste und untrennbare Lebensgemeinschaft der Gatten nach göttlichem und menschlichem Recht erklärt wurde. Das Kontubinat war gestattet, aber nur mit einer Frau und neben ihm durfte dann feine Che bestehen. Unter der alten Geschlechterverfassung war die Frau nicht erb. berechtigt gewesen. Das ändert sich mit dem Aufkommen des Privat Nr. 19 eigentums. Auch die Form der Eheschließung ändert sich. Hatte früher der Mann dem Vater die Braut abgekauft, nur um die wertvolle Hilfskraft der Frau zu bekommen, so ist es jetzt der Vater, der, um die Tochter loszuschlagen, ihr eine Mitgift mit in die Ghe gibt. Die Frau wird jetzt weniger nach ihrer wirtschaftlichen Tüchtigfeit als nach dem Vermögen bewertet, das sie mitbringt. Bezeich nend ist aber für die starke Nachwirkung der alten Geschlechtervers fassung, daß die Mitgift der Braut nicht mit ihr in die Hände des Gatten gelangt, sondern unter vormundschaftlicher Verwaltung des Vaters oder eines ihrer männlichen Anverwandten bleibt. Dies gibt der Frau gegenüber der„ väterlichen Gewalt" des Ehemannes eine gewisse Unabhängigkeit, die um so notwendiger war, als die Ehescheidung ursprünglich nur vom Manne ausgehen konnte, und als dieser auch in späterer Zeit noch das Recht hatte, die unfruchtbare oder untreue Frau zu verstoßen. Übrigens sollen nach Plutarch schon die Gesetze des Romulus die Scheidungsgründe festgesezt und die unbefugte Scheidung mit Strafe belegt haben. Die vermögensrechtliche Stellung der römischen Frau war das Einfallstor, durch das sie in die Burg des männlichen Absolutismus eindrang. Nachdem die bejizende Frau einmal das Recht erreicht hatte, sich den Verwalter ihres Vermögens selbst zu wählen, war es nur ein kleiner Schritt zum vollkommen freien Verfügungsrecht über ihr Hab und Gut. War die Frau aber einmal vermögensrechtlich frei, so mußte der alte strenge Begriff der Ehe und weiblicher Unterordnung fallen. Tatsächlich kommt denn auch mit der zunehmenden Geldwirtschaft eine neue Form der Ehe auf, die neben der alten sich immer mehr ausbreitet. Die religiösen Zeremonien fallen dabei weg, die Frau ist nicht mehr fürs ganze Leben an den Mann gebunden. Die Eheleute leben zuerst ein Jahr auf Probe miteinander, dann erst gilt der Vertrag als dauernd geschlossen, und nun erst fällt die Frau unter das mundium, die Vormundschaft des Mannes. Sie fann sich jedoch dieser auf die Dauer entziehen durch das sogenannte Trinoftium, den Dreinächtebrauch, nämlich dadurch, daß sie jedes Jahr drei Nächte außerhalb der gemeinsamen Wohnung verlebt. Dieser Brauch nahm immer mehr überhand, da er der Frau ein ver hältnismäßig freics Verfügungsrecht über ihre Person sicherte. Die nichtreligiöse Ehe konnte wie irgendein anderer geschäftlicher Vertrag gekündigt werden. Bei dieser Form der Ehe blieb das Vermögen der Frau ihr Eigentum oder das ihres Vaters, mit Ausnahme der Mitgift, die aber bei Scheidung oder bei Tod des Maunes meist zurückgegeben wurde. Die Gattin kam nur so weit in die Gewalt des Mannes, als dies der Zweck der Ehe mit sich brachte und der einheitliche Wille in der Familie erheischte". Im übrigen blieb sie unter der Gewalt ihres Vaters oder der Vormundschaft ihrer männlichen Anverwandten. Mit Hilfe des Vaters oder der genannten Verwandten konnte sie die Scheidung auch gegen den Willen des Gatten durchsetzen. Ehescheidungen und Wiederverheiratungen werden im Laufe der Zeit so häufig, wie sie früher selten waren. Natürlich galt die rein weltliche Eheform unter den hochkonservativen Patriziern nie für ganz anständig, sie entsprach aber den Interessen der Geschäftswelt am besten. In den ärmeren Kreisen gab es noch eine dritte Form der Eheschließung, die eine Art gegenseitigen Kauf symbolisierte. Bei der Hochzeit gaben Mann und Weib sich gegenseitig einige Geldmünzen und das Versprechen, Eheleute sein zu wollen. Hatten sie einander fatt, so gingen sie wieder auseinander. Als Mutter nahm die römische Frau eine hochgeachtete Stellung ein; das kommt in dem Ehrennamen der verheirateten Frau deutlich zum Ausdruck. Sie heißt matron a von mater, die Mutter. Die römische Sage, Dichtung und Geschichtschreibung weiß viel von edlen und flugen Müttern zu erzählen, deren Einfluß auf die Söhne gar nicht hoch genug zu veranschlagen sei. Bekannt ist die Sage von Koriolan, der an der Spitze eines feindlichen Heeres gegen Rom zieht und von seiner ihm entgegeneilenden Mutter zum Abzug bewogen wird. Von der Mutter der beiden Volksführer und Sozialreformer, des Tiberius und Gajus Gracchus, wird eine hübsche Anekdote erzählt. Eines Tages ward sie von einer reichen Dame besucht, die mit ihrem Schmuck und ihren Schätzen prahlte. Die Mutter der Gracchen aber nahm ihre beiden Söhne an der Hand und erklärte: Das sind meine Schätze. Die hohe Achtung der Mutterschaft ist zum Teil ein Rest aus der Zeit der sogenannten mutterrechtlichen Geschlechterverfassung. Diese ist höchstwahrscheinlich auch in Nom der vaterrechtlichen Sippe vorausgegangen. So soll zum Beispiel der Ausdruck Patrizier, das ist Watersöhne von den Reichen und Vornehmen zur Unterscheidung von den Armen zu einer Zeit gewählt worden sein, wo die Plebejer noch an der mutterrechtlichen Geschlechtsgenossenschaft festhielten. Bei dieser wurden die Kinder nach der Mutter Nr. 19 Für unsere Mütter und Hausfrauen genannt, und die Väter heiraten ins Geschlecht der Mutter Hincin. Aber von dem Einfluß der mutterrechtlichen Sippe auf die Bewertung der Frau abgesehen, war auch später noch für ein so friegerisches Volk wie die Römer die Mutterschaft eine überaus wichtige Sache, die von Religion und Sitte geheiligt wurde. Der Nachwuchs an fräftigen, friegstüchtigen Männern war eine Lebensbedingung des römischen Staates, soweit die Interessen der herrschenden Klassen in Betracht kamen. Nicht nur einmal schwebte Rom am Rande des Unterganges, und immer war es der unerschöpfliche Vorrat an kriegstüchtigem Nachtonchs, der ihm das Aushalten möglich machte. Aus demselben Grunde war ja auch die Stellung der Frau in dem griechischen Militärstaat Sparta so frei und unabhängig. Die neue Frau.* Von Olive Schreiner. In den Versuchen der Neuanpassung der Frau an das Leben spricht man oft von den Führerinnen als von der„ Neuen Frau", und zwar so, als ob sie etwas Unheilverkündendes, Unerhörtes in der Menschengeschichte wäre. In Wahrheit sind wir aber gar nicht ncu. Wir, die wir die heutige Bewegung leiten, sind von jenen alten, alten Frauengeschlechtern, die vor zwanzig Jahrhunderten an der Seite ihrer männlichen Gefährten ihren Weg durch Europas Wälder und Moräste bahnten.... Wir sind von einem Weibergeschlecht, das von alters her feine Zurcht kannte, den Tod nicht fürchtete, ein großes Leben lebte und hohe Hoffnungen nährte, und wenn auch heute manche von uns gesunken sind in böser, entarteter Zeit, so pocht doch noch das alte Blut in uns. Und stehen wir auch heute nicht auf dem Schlachtfeld, und geht der Marsch auch nicht durch Wälder und Moräste, so ist es doch der alte Geist, der ungetrübt durch zwei Jahrtausende sich in uns rührt, nur in tieferer und feinerer Weise. Wenn auch heute für uns alle das Schlachtfeld in Laboratorien und Werkstätten, im Gerichtshof oder Studierzimmer liegt, im Versammlungssaal, auf dem Markt oder der politischen Arena, wenn wir auch mit der Feder anstatt mit dem Schwert, mit dem Kopf, nicht mit dem Arm kämpfen, so stehen wir doch den Männern, die wir lieben, zur Seite,„ mit ihnen im Kampfe zu wagen und im Frieden zu leiden".... Diese Frauen, von denen uns die alten Schriftsteller erzählen, daß sie barfuß und weiß gekleidet dem nordischen Heerbann auf dem langen Marsche nach Italien voranschritten, sie waren von dem Gedanken beseelt, ihr Volk in ein Land zu führen, in dem die Sonne wärmer scheint und reichere Früchte gedeihen; und wir heute glauben, ein Land zu erkennen, das in herrlicheres als in leuchtendes Sonnenlicht gebadet ist und reichere Früchte trägt, als die Sinne erfassen können; und hinter uns, glauben wir, folgt uns eine längere Heerschar als irgendeine unseres Volkes oder Geschlechts; der Schall der Tritle, den wir hinter uns hören, ist der der Frauen der ganzen Erde, die in sich die ganze Menschheit tragen. Der noch kaum sichtbare Pfad, den wir heute austreten, wird, so glauben wir, die breileste und ebenste Straße des Lebens fein, auf der die Menschenkinder in höherer Gemeinschaft und Harmonie dahinschreiten werben.... Man wird vielleicht einwenden:" Sind nicht Frauen unter euch, die das Losungswort Freiheit und Arbeit nur benutzen werden, damit sich ihnen die Tore zu noch größerer, raffinierterer Genußsucht, zu noch gewinnbringenderem und genußreicherem Parafitismus öffnen? Gibt es nicht Frauen, die unter dem Schein von Arbeit nur nach neuen Wegen zu finnlicher Lust und Zügellosigfeit suchen, für die die Bildung des Geistes und die Erschließung neuer Arbeitsfelder an der Seite des Mannes nur neue Mitte! find, um sich bemerkbar zu machen und zu schmarotzen?" Unsere Antwort ist: Es mag sein, daß solche unter uns find, aber- fie gehören nicht zu uns. Wir selbst wenigstens laffen uns selten von ihnen täuschen; die Schafe erkennen gewöhnlich den Wolf, so sorgfältig er sich in den Schafspelz fleidet, wenn sie ihn auch nicht immer aus der Herde zu vertreiben vermögen, und wenn der Zuschauer ihn auch nicht erkennt! Die Außenstehenden mögen durch * Aus„ Die Frau und die Arbeit", übersetzt von Leopoldine Kulla. Verlag Eugen Diederichs, Jena. Dieses Buch fordert an mehr als einer Stelle die Kritik heraus, und das nicht etwa bloß, wenn man die Maßstäbe des historischen Materialismus anlegt, sondern nach den Anforderungen strenger Wissenschaftlichkeit überhaupt wertet. Und dennoch ist es ein gutes Buch, das vielen mehr geben fann als jene Gelehrsamkeit moderner höherer Töchter, die hinter nachgeplapperten neuesten Forschungsergebnissen und Erkenntnissen nur die eigene Geistes- und Gefühlsarmut verbirgt. Denn dieses Buch sprüht von einem eigenen reichen, tiefen Leben. Ströme erweckender und anfeuernder Kraft gehen von ihm aus. 75 fie irregeführt werden; wir, die Echulter an Echulter mit ihnen stehen, fennen fie schon; es sind ihrer weder viele, noch sind sie etwas Neues. Sie gehören zu den ältesten überbleibseln, zum Urbestand der Menschheit. Sie sind so alt wie Loki unter den Göttern, wie Luzifer unter den Kindern des Lichts, wie die Schlange im Garten Eden, wie Pein und Verirrung im Gang des menschlichen Lebens.... Beim heiligen Abendmahl saßen der Meister und scheinbar zwölf Apostel; in Wahrheit aber waren allesamt nur zwölf von der Gemeinde, und einer war nicht von den Ihrigen. Einen solchen Dreizehnten gab es seit jeher bei jeder heiligen Gemeinschaft, seitdem die Welt besteht, wo immer die Träger einer großen Sache geistiges Brot gebrochen haben; aber es ist die Frage, ob je dieser Dreizehnte imftande war, irgendeine große Bewegung zu zerstören oder auch nur aufzuhalten. Judas konnte den Meister durch einen Kuz ans Kreuz liefern; aber seine Stimme fonnte er nicht zum Schweigen bringen, durch Jahrtausende flang sie aus diesem judäischen Grab heraus. Wieder und wieder, in sozialen, politischen, geistigen Bewegungen verrät der Verräter, aber die Sache schreitet vorwärts, über seinen Leib hinweg. Es gibt Frauen, wie es Männer gibt, deren politische, soziale, wissenschaftliche oder philanthropische Arbeit die Schminke ist, die sie auflegen wie die Dirne die Farbe, und zu keinem anderen 8wed: aber sie können den Fortschritt der großen Masse lebensvoller und ehrlicher Frauen so wenig aufhalten, als das Treibholz auf der Oberfläche eines mächtigen Stromes seine Wasser hindern kann, das Meer zu erreichen. о Feuilleton O Wieviel Erde braucht der Mensch? Erzählung von Leo Tolstoi. I. Die ältere Schwester aus der Stadt besuchte ihre jüngere Schwester im Dorfe. Die ältere war mit einem Kaufmann in der Stadt verheiratet und die jüngere mit einem Bauern im Dorfe. Die Schwestern tranfen Tee und kamen ins Gespräch. Die ältere Schicester begann zu prahlen und ihr Leben in der Stadt zu rühmen: wie geräumig und wie reinlich sie in der Stadt wohne, wie schön sie sich fleide und ihre Kinder puzze, wie gut fie effe und trinke und wie sie Spazierfahrten und Vergnügungen mitmache und Theatervorstellungen besuche. Die jüngere Schwester fühlte sich dadurch verletzt, und sie begann das Kaufmannsleben herabzusehen und ihr eigenes Bauernleben zu rühmen. „ Ich würde um nichts in der Welt", so sagte sie, mein Leben mit dem deinigen vertauschen. Es ist ja wahr, daß wir nicht besonders schön wohnen, dafür kennen wir auch keine Sorge. Ihr lebt allerdings schöner und sauberer, dafür könnt ihr heute vicl Geld verdienen, morgen aber alles verlieren. Es gibt auch ein Sprichwort: der Verlust ist der ältere Bruder des Gewinns. Es fommt ja wirklich vor, daß jemand heute reich ist und morgen betteln geht. Unser Bauernleben ist viel sicherer: das Leben des Bauern ist farg, doch lang. Reich werden wir nie werden, dafür aber immer zu essen haben." Darauf entgegnete die ältere Schwester: " Ja, doch welch ein Essen ist es: aus einem Troge mit den Schweinen und Kälbern! Denn ihr lebt in Schmutz und ohne Manieren. Wie sehr sich dein Bauer auch abmüht, ihr werdet doch nicht anders als auf dem Misthaufen leben und werdet auch auf dem Misthausen sterben. Und euren Kindern wird es nicht anders gehen." " Was macht denn das?" erwiderte die Jüngere.„ Unser Leben ist einmal so. Dafür leben wir sicher, brauchen uns vor niemand zu bücken und fürchten niemand. Ihr lebt aber in der Stadt in ständiger Anfechtung; heute lebt ihr gut, und morgen kommt der Böse und verführt deinen Mann zum Kartenspiel oder zum Trunk oder gar zu einer Liebschaft. Und gleich ist euer ganzer Wohlstand zu Ende.... Das kommt doch vor?" Der Bauer Bachom lag auf dem Ofen und hörte dem Gespräch der beiden Frauen zu. „ Es ist ja alles wahr," sagte er sich. Unsereiner hat von Kind auf mit der Erde zu schaffen, und daher kommen ihm solche Narrheiten nie in den Sinn. Eines ist nur traurig: wir haben zu wenig Land! Wenn ich genug Land hätte, so fürchtete ich niemand, nicht einmal den Teufel!" Die Weiber tranken ihren Tee aus, schwazten noch von Puz und Kleidern, räumten das Geschirr weg und legten sich schlafen. 76 Für unsere Mütter und Hausfrauen Der Teufel hatte aber hinter dem Ofen gesessen und alles ge= hört. Er freute sich, daß die Bäuerin ihren Mann zum Prahlen verleitet hatte: er prahlte ja, daß, wenn er genug Land hätte, so würde ihn auch der Teufel nicht holen können. „ Es ist gut," sagte sich der Teufel, wir wollen sehen: ich will dir viel Land geben und dich gerade damit fangen." II. In der Nachbarschaft wohnte eine Gutsbesißerin. Sie war nicht sehr reich und besaß etwa hundertundzwanzig Deßjatinen Land. Anfangs bertrug sie sich mit den Bauern sehr gut und tat ihnen nie etwas zuleide. Nun stellte sie sich aber einen verabschiedeten Soldaten als Verwalter an, und dieser begann die Bauern mit Geldstrafen zu plagen. Wie sehr sich auch Pachom in acht nahm, kam es doch jeden Tag vor, daß entweder sein Pferd in den fremden Hafer ging, seine Kuh sich in den Garten verirrte oder die Kälber auf der fremden Wiese weideten; jedesmal gab es Geldstrafen. Bachom zahlte die Strafen und ließ seinen Ärger an seinen Hausgenossen aus. Gar oft hatte sich Bachom im Laufe des Sommers um dieses Verwalters willen an den Seinen versündigt. Als das Vich im Herbst in den Stall fam, atmete er erleichtert auf: das Futter kostete zwar Geld, dafür aber hörte die ewige Angst auf. Im Winter hieß es plötzlich, daß die Gutsbesitzerin ihr Land verkaufen wolle und daß der Besitzer der Herberge an der Landstraße mit ihr darüber verhandle. Als die Bauern davon hörten, begannen sie zu jammern und sagten:„ Wenn der Wirt das Gut bekommt, wird er uns noch viel ärger zusehen als die Gutsherrin. Wir können ohne dieses Land nicht auskommen, denn unser Besitz ist darin von allen Seiten eingeschlossen." Die Bauern gingen nun alle zur Gutsherrin und baten, sie möchte das Land nicht dem Wirt, sondern ihnen verkaufen; sie versprachen auch, einen höheren Preis zu zahlen. Die Gutsherrin ging darauf ein. Die Bauern wollten das Land als Gemeindegut crwerben; sie versammelten sich einige Male, um die Sache zu besprechen, konnten aber nicht einig werden. Jedesmal kam es zu Streitigkeiten, denn der Böse hatte seine Hand im Spiele. Darauf beschlossen die Bauern, daß ein jeder auf eigene Rechnung je nach seinem Vermögen kaufen solle. Auch darauf ging die Gutsherrin ein. Pachom hörte, daß sein Nachbar der Gutsherrin zwanzig Deßjatinen abgekauft hatte, wobei er die Hälfte des Kaufpreises in jährlichen Raten bezahlen durfte. Pachoni wurde neidisch. Sie werden", denkt er sich,„ das ganze Land aufkaufen und mir nichts übriglassen." Und er beriet sich mit seiner Frau. " Da alle Leute kaufen," sagte er ihr, müssen wir auch an die zehu Deßjatineu kaufen. Sonst ist es ja wirklich kein Leben: der Verwalter hat uns mit den Geldstrafen fast zugrunde gerichtet." Und sie überlegten sich, wie sie es anstellen sollten. Sie hatten hundert Nubel erspart; nun verkauften sie ein Füllen und die Hälfte der Bienenstöcke, verdingten den Sohn als Arbeiter, borgten sich noch etwas beim Schwager und brachten auf diese Weise die Hälfte der Kaufsumme auf. Als Pachom das Geld beisammen hatte, suchte er sich ein Stück Land nach seinem Geschmack aus es waren fünfzehn Deßjatinen mit einem kleinen Wald und begab sich zur Gutsherrin, um über den Kauf zu verhandeln. Sie wurden handelseinig, und er gab ihr eine Anzahlung auf die fünfzehn Deßjatinen. Dann fuhren sie in die Stadt und schlossen den Kaufvertrag ab; Pachom zahlte die Hälfte des Preises und verpflichtete sich, den Nest innerhalb zweier Jahre abzuzahlen. Nun hatte Pachom ein ordentliches Stück Land. Er verschaffte fich Saat auf Kredit und besäte den gekauften Grund. Schon die erste Ernte war so gut, daß er gleich im ersten Jahr sowohl der Gutsherrin als auch dem Schwager die Schuld bezahlen konnte. So wurde Pachom Gutsbesizer: der Boden, den er bebaute, auf dem er mähte, sein Holz fällte und sein Vieh weidete, gehörte nun ihm. So oft Pachom auf sein eigenes Land hinausfuhr, um zu pflügen oder um die Saat und das Gras anzusehen, war er stolz und gücklich. Es schien ihm, daß auf seinem Grund und Boden ganz anderes Gras wachse und andere Blumen blühten als sonst irgendwo. Als er noch vor einem Jahre an diesem Stück Land vorbeigefahren, schien ihm das Land ganz gewöhnlich; jezt war es aber ein gesegnetes Land. III. So lebte Pachom in Freuden. Er wäre wohl ganz zufrieden gewesen, wenn ihm die Bauern nicht ständig mit den vielen Flur schäden zugesetzt hätten. Pachom ersuchte sie auf die freundlichste Weise, seine Felder und Wiesen in Ruhe zu lassen; es half aber alles nichts: bald ließen die Hirten die Kühe auf seinen Wiesen grafen, bald verirrten sich nachts die Pferde in sein Korn. Pachom Nr. 19 beschränkte sich darauf, daß er das fremde Vieh wegtrieb; er verzieh den Bauern immer wieder und zeigte sie nie an; auf die Dauer wurde es ihm aber zu dumm, und er begann, die Schuldigen bei der Dorfpolizei anzuzeigen. Er wußte zwar, daß die Bauern es nicht mit böser Absicht taten, und daß es nur daher kam, weil sie so dicht beieinander wohnten; und doch mußte er sich sagen:„ Das kann ja wirklich nicht so weitergehen! Wenn ich es ihnen jedesmal verzeihe, werden sie bald mein ganzes Land ruimieren. Ich muß ihnen doch einmal eine Lehre geben!" Er zeigte einen Bauern an, dann einen anderen, und beiden wurden Geldstrafen zudiktiert. Das ärgerte die Nachbarn, und von nun an kam es vor, daß sie ihn mit Absicht schädigten. Jemand fam nachts in sein Wäldchen und fällte zehn junge Linden, um sich aus ihrer Ninde Past zu machen. Als Pachom am nächsten Tage an dieser Stelle vorbeifuhr, sah er etwas weiß schimmern. Wie er näher kommt, liegen die abgeschälten Stämme auf der Erde, nur die Stümpfe ragen noch aus dem Boden. Wenn der Dieb wenigstens die äußersten Stämme vom Gebüsch gefällt und die mittleren stehen gelassen hätte; er hatte aber alle der Neihe nach abgehauen. Pachom wurde wütend. „ Wenn ich nur wüßte, wer es war! Dem möchte ich einen ordentlichen Denfzettel geben!" Er überlegte hin und her und sagte sich schließlich:„ Es ist niemand anders als Ssemjon gewesen." Er ging zu Sfemjon, durchsuchte seinen Hof, fand aber nichts; es fam nur zu einem Streit. Pachom war erst recht davon überzeugt, daß Ssemjon der Täter war. Er reichte eine Klage ein. Es fam zur Verhandlung, und die Richter mußten Ssemjon freisprechen, da jeglicher Beweis für seine Schuld fehlte. Darob geriet Bachom noch mehr in Zorn, und er fing einen Streit mit dem Schulzen und den Richtern an. Er sagte ihnen:" Ihr steht unter einer Decke mit den Dieben. Wenn ihr anständig wäret, würdet ihr den Dieb nicht freisprechen!" Nun war Pachom mit den Richtern und den Nachbarn verzankt. Die Bauern drohten ihm mit dem roten Hahn. Pachom hatte zwar auf seinem Grund und Boden genügend Raum, doch in der Gemeinde wurde es ihm zu enge. Um jene Zeit kam das Gerücht auf, daß viele Bauern weiter nach Osten auswanderten. Und Pachom sagte sich: Ich selbst brauche ja nicht auszuwandern, denn ich habe auch hier genügend Land; wenn aber jemand von den Nachbarn auswandern wollte, würde es hier geräumiger werden. Ich würde das Land der Auswandernden auftaufen und damit meinen Besitz abrunden; ich würde es dann bequemer haben, denn jetzt ist es wirklich zu engi" Als Pachom einmal zu Hause saß, flopfte bei ihm ein durchreisender Bauer an. Pachom gewährte ihm Nachtquartier, gab ihm zu essen und zu trinken und fragte ihn, woher er des Weges tomme. Der Bauer sagte, daß er aus dem unteren Wolgagebict komme, wo er auf Arbeit gewesen. Sie tamen ins Gespräch, und der Bauer erzählte von den Verhältnissen der Einwanderer in jener Gegend. Viele Leute aus seinem Dorfe seien hingezogen; man habe sie ohne Schwierigkeiten in die Gemeinde aufgenom men und einem jeden zehn Deßjatinen Land zugeteilt. Der Boden sei dort sehr fruchtbar: zwischen den Kornähren könne sich ein Pferd verbergen, und fünf Handvoll ähren gäben eine Garbe ab. Ein Bauer, der gänzlich verarmt und mit leeren Händen hingekommen sei, besize jetzt sechs Pferde und zwei Kühe. Pachoms Herz entbrannte. Er sagte sich:" Was soll ich mich hier in der Enge plagen, wenn ich anderswo viel besser leben kann? Ich will meinen hiesigen Besitz verkaufen und mich mit dem Erlös drüben einrichten. Denn hier in der Enge wird man ständig zu Streitigkeiten verleitet. Nur muß ich zuerst selbst hin und mir die Sache näher anschauen." Als die Sommerarbeiten zu Ende waren, machte sich Pachom auf den Weg. Er fuhr bis Ssamara die Wolga hinab und ging von dort etwa vierhundert Werst zu Fuß. Er kam in die Gegend. Alles stimmte. Die Bauern hatten dort viel Land. Einem jeden waren zehn Deßiatinen zugeteilt, und Fremde wurden ohne Schwierigkeiten in die Gemeinde aufgenommen. Wer aber auch noch Geld mitbrachte, durfte außer den angewiesenen zehn Deßjatinen noch so viel Land kaufen als er wollte; eine Deßiatine bester Erde kostete nur drei Rubel. Als Bachom alles an Ort und Stelle kennen gelernt hatte, fehrte er zum Herbst nach Hause zurück und begann, seinen Besitz zu verkaufen. Er verkaufte sein Land mit Gewinn, verkaufte sein Gehöft, sein Vieh, trat aus der Gemeinde aus und zog im nächsten Frühjahr mit seiner Familie in die neue Heimat.( Forts. folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. 6.m.b.8. in Stuttgart.