Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 25 о O O O O O O O • Beilage zur Gleichheit Inhaltsverzeichnis: Zuruf. Von Wolfgang v. Goethe. Die Schule und der Krieg. I. Von Frizz Elsner. Geisterfurcht und Geisterabwehr. Von B. Sommer.( Schluß.) Feuilleton: Beim Gemeindevorsteher. Von Jeppe Aakjaer.( Fortsetzung.) 3uruf. Durch mächt'ges Wort, durch kräft'ge Tat errege Der tiefgebeugten Herzen eigne Kraft; Vereine die 3erstreuten um dich her, Verbinde sie einander, alle dir. Denn wenn ein Wunder in der Welt geschieht, Geschieht's durch liebevolle, treue Herzen. Die Größe der Gefahr betracht' ich nicht, Und meine Schwäche darf ich nicht bedenken: Das alles wird ein günstiges Geschick 3u rechter 3eit auf hohe 3iele leiten. Wolfgang v. Goethe( Die natürliche Tochter). о 0 0 Die Schule und der Krieg. I. Wenn man verstehen will, welche Bedeutung der Weltkrieg für unsere Schule gewonnen hat, und in welches Verhältnis sie notwendig zu diesem ungeheuren Weltgeschehen treten mußte, so ist es gut, vorerst die Frage zu beantworten: Worin sah die deutsche Schule bis zum Kriege das oberste Ziel ihrer Erziehungsarbeit? Wir wissen: teine menschliche Organisation kann auf die Dauer ohne eine leitende, alle Einzelarbeit zusammenfassende Idee bestehen. Was wäre etwa eine politische Partei von noch so großer Anhängerschar und noch so glanzvoller Gliederung der Funktionen ohne ein klares, Richtung gebendes Programm? Was die kunstvollste militärische Maschinerie ohne den einheitlichen Siegeswillen von Leitung und Mannschaft? Eine Weile würde das Räderwerk solch seelenlosen Gebildes wohl fortklappern, aber an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!" So ist's auch mit der öffentlichen Schule. Man hat wohl im Laufe der Geschichte der Erziehung die verschiedensten Aufgaben gestellt; denn mit dem Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse änderten sich auch die Ziele der Jugendbildung. Aber darin sind die pädagogischen Systeme aller Zeiten einig: der Heranwachsende Zögling soll nicht nur mit bestimmten, für sein Wirken in der Gesellschaft ersprießlichen Kenntnissen und Fertigkeiten ausgestattet werden, sondern alle diese nüglichen Einzelleistungen zielen hin auf einen obersten menschlichen Wert, dem sie sich unterordnen; dieser bestimmt die Auswahl des Lehrstoffes und seine Gestaltung und schafft gewissermaßen die geistige Atmosphäre, in der das Kind seine Kräfte sammeln soll. Gerade damit sah es nun in unseren Schulen zu Beginn des neuen Jahrhunderts sehr böse aus trotz des redlich vergossenen Schweißes einer mit dem Ol der Erziehungsweisheit aller Jahrtausende gesalbten Lehrerschaft. Woher sollte man auch in einer, von tiefsten Gegensägen zerrissenen Gesellschaft ein menschliches Ideal nehmen, das der Erziehungsarbeit als Leitstern dienen konnte! Solche Dinge lassen sich beim besten Willen nicht erfinden oder vergangenen Zeiten entlehnen. Und wenn es schon wahr ist, daß die menschliche Gesellschaft von heute, um die Worte eines alten Römers zu gebrauchen, auf dem„ verfluchten Hunger nach Gold" aufgebaut ist, so kann man schließlich doch damit pädagogisch keinen Staat machen, am wenigsten vor den Volksschichten, die bei diesem allgemeinen Wettlauf von vornherein in der zweiten Reihe stehen oder überhaupt nicht an den Startplag gelangen. Da hat denn bis in die neueste Zeit hinein die Kirche bereitwillig mit ihrem geistigen Rüstzeug ausgeholfen nicht ohne sich dadurch ein gut Stück Herrschaft über die Schule zu sichern. Zwar spielt, wie jeder Ehrliche ohne weiteres zugeben muß, die religiöse Vorstellungswelt in unserem Leben gar keine Rolle mehr; im Zeitalter der Technik und Statistik ist jeder Art von Wunderglauben der Boden gründlich entzogen. Aber auf die christliche Jugendlehre fonnte und wollte die Schule nicht verzichten. Die Tugend im Sinne des modernen Christentums, jenes de- und wehmütige Sünderoooooooo 1915 bewußtseins gegenüber den himmlischen und irdischen Gewalten, die das Leben als eine Vorbereitung auf ein je nachdem höllisches oder höchst genußreiches Jenseits betrachtet, ist offiziell auch heute noch das oberste Erziehungsziel. Wenigstens in den Volksschulen. Hier nimmt ja der Religionsunterricht noch immer einen ungebührlich breiten Raum ein, und das religiöse Denken beherrscht hier im ganzen auch noch den deutschen und geschichtlichen, ja selbst den naturkundlichen Unterricht. Zu start ist das Interesse daran, dem Volfe die Religion zu erhalten". Dagegen gibt man sich bei den höheren Schulen kaum noch ernstliche Mühe, den christlichen Charakter zu wahren. Hier ist der christliche Geist fein säuberlich in die zwei Religionsstunden und die unvermeidlichen Morgenandachten gebannt: was für ein Unheil würde er auch in der Mathematik und Physik, in der Biologie, der Geschichte und gar der Goethelektüre anrichten! Die Religion spielt hier die Rolle des Bratenrocks, den man mur bei offiziellen Gelegenheiten mit dem Gefühl des Geniertseins anlegt. Einen Ersatz bot dem alten Gymnasium jahrhundertelang die Antife. Einst hatte das bürgerliche Denken in seinem Kampfe gegen die geistigen Fesseln des kirchlich feudalen Mittelalters aus dem Studium der alten Griechen und Römer starke Kräfte gesogen; denn hier entdeckte man eine Welt ohne Hölle und Teufel, welt- und sinnenfroh, voller politischer, wissenschaftlicher, künstlerischer Kraft. Gewiß, was davon den Schulen der Gymnasien geboten wurde, verhielt sich zur wahren Antife wie eine Topftanne zur ragenden Bergessichte. Aber sie spürten doch immerhin einen Hauch des Geistes eines Homer und Plato, eines Phidias und Perikles. Und daneben trat, in enger seelischer Fühlung, die Gedankenwelt unserer Klassiker, eines Lessing, Schiller und Goethe: die große Jdee der Humanität, der edlen reinen Menschlichkeit, die nicht zwischen religiösen, nationalen, politischen Schranken, sondern mur in Freiheit gedeiht. Heute gehört auch dies Jdeal bereits der Vergangenheit an und führt daher auch in der Schule nur noch ein schattenhaftes Dasein. Es war eben das Jdeal der geistigen Führerschaft eines von politischer Macht und materiellem Überfluß noch ausgeschlossenen, gegen feudales Junkertum und fürstlichen Absolutismus fämpfenden Seleinbürgertums. Als aber seit der Gründung des neuen Deutschen Reiches der rasche kapitalistische Aufschwung einsette, der seit den neunziger Jahren ein noch bedeutend verschärftes Tempo annahm, als sich eine mächtige Großbourgeoisie entwickelte und schließlich der Kampf der Nationen um den Weltmarkt auf neuer, breiterer, auf imperialistischer Basis einsette da erhob sich auch in der Schulpädagogik der Ruf nach stärkerer Betonung der modernen Sprachen und der Naturwissenschaften, wie es der Kaufmann und Techniker braucht. Neben das Gymnasium, an Bedeutung für die Masse der Bürgersöhne es bald überflügelnd, traten gleichberechtigte Realgymnasien und Oberrealschulen. Wo aber ein neues zentrales Fach und, wenn nicht das, so doch eine Idee hernehmen, durch die Einheitlichkeit und Zusammenhang in die beängstigende Häufung der Unterrichtsgegenstände kommen fonnte? Hier segte mit immer stärkerer Wucht die Betonung des nationalen Charakters unserer Schule ein, in Abkehr von einer als„ weltfremd" verspotteten, iveltbürgerlich angehauchten Humanität. Man muß sagen, daß Wilhelm II. selbst recht früh das Bedürfnis der bürgerlichen Gesellschaft erkannt und der Schule den Weg ge= wiesen hat. Das war auf der berühmten Schulkonferenz von 1890. Damals verlangte der junge Kaiser, das Deutsche solle in den Mittelpunkt des Unterrichts treten und die Geschichte solle von der Betrachtung der Gegenwart ausgehen. In diesen beiden Forderungen steckt in der Tat das neue Programm: die höhere Schule erhält das verknüpfende geistige Band in der nationalen Staatsidee und damit zugleich die stärfere Einstellung auf die Gegenwart, als deren Biel die größtmögliche Entfaltung des deutschen Wesens" in der Welt erscheint. Bis zum Ausbruch des Krieges war ohne größere Änderungen im äußeren Aufbau des Schulwesens die Durchdringung der höheren und zum Teil auch schon der Volksschulen mit diesem Geiste bereits so gut wie vollendet. Gewiß, auch früher war die Pflege nationaler, staatserhaltender Gesinnung ein wesentlicher Bestandteil der öffentlichen Erziehung. Aber einmal wurde jezt die Pflege dieses Nationalismus viel nachdrücklicher und zielbewußter betrieben, und dann war sein Wesen ein ganz anderes geworden. Das darzulegen, ist hier nicht der Ort, wir müßten sonst den Weg der deutschen Ge 98 Für unsere Mütter und Sausfrauen schichte von der Zeit des Strebens nach nationaler Einigung bis zur Weltmachtspolitik des neuen Jahrhunderts darlegen. Es gab, vielleicht mit Ausnahme der reinen Mathematik, bald kein Fach, das nicht dem nationalen oder, wie man heute sagt, dem ,, deutschen Gedanken" dienstbar gemacht wurde. Nicht nur, daß be= reits vor dem Kriege in allen Schulgattungen einschließlich der Fortbildungsschulen„ Bürgerkunde" getrieben wurde, die Geschichte wurde unter den Händen manches jüngeren Oberlehrers zu einer Art Vorschule der Politik. Die Erdkunde wurde zur„ nationalen Geographie", das heißt die Betrachtung der Erde wurde um Deutschland und seine ,, weltwirtschaftlichen Bedürfnisse" gruppiert. An diesem Fache hat fich ganz besonders gezeigt, daß auch die Schule nicht auf einer pädagogischen Insel außerhalb der imperialistischen Strömungen liegt. Derselbe Einfluß verrät sich auch in den neueren deutschen Lesebüchern; zu den schon immer start vertretenen geschichtlichen und patriotischen Stoffen sind solche wirtschaftlicher, sozialpolitischer, bür gerkundlicher Art getreten. Selbst Religion und Naturkunde blieben nicht vom nationalistischen Geiste verschont. Nimmt man noch die Zusammensetzung der Schülerbibliotheken, den militaristischen Zug des Schulturnens und den Einfluß der Bestrebungen des Jungdeutschlandbundes und ähnlicher Vereine auf die Schuljugend hinzu, so fann man sagen: Die Erziehung zum„ Staatsbürger", die Bewertung aller Dinge unter„ nationalem" Gesichtspunkt war auf dem besten Wege, zum Leitmotiv der gesamten öffentlichen Erziehung zu werden. Man hält nichts mehr von der Erziehung zur Persönlichkeit im christ lichen oder griechisch- goetheschen Sinne. Unserer heutigen Jugend zeigte man Bismarck als idealen Helden, erfüllte sie mit Begeisterung für Kolonien und Flotte, für Krupp und Ballin und pflegte die Überzeugung vom höheren Wert der germanischen Rasse. In sittlicher Beziehung fand die Lehre von der Rechtfertigung jeder Handlung durch nationale oder staatliche„ Notwendigkeit" in der Schule Eingang. Eine beachtenswerte Leistung der neuesten Phase des modernen Kapitalismus, des Imperialismus, daß er dem Bürgertum sozusagen ein neues geistiges Rückgrat auch für seine Schule geliefert hat! Es er übrigt, zu betonen, daß der Krieg und alles, was dazu gehört, ein fester Bestandteil dieser Gedankenwelt ist. Geisterfurcht und Geisterabwehr. Bon B. Sommer. ( Schluß.) Die fortgesetzten Versuche, wie man sich der Totenseelen am besten erwehren könne, mußten schließlich manche Völker auf den Gedanken führen: Wie, wenn man die Seele gar nicht erst aus dem Körper ausfahren ließe? In der Tat pressen heute noch die brasilianischen Tschiriguano den Sterbenden gewaltsam in eine Urne und die in der Nähe wohnenden Abiponen erstiden ihn unter einer schweren Tierhaut. Auch das Einschließen in enge Baumsärge wird hierher gehören. In einzelnen Gegenden Polynesiens werden bereits die Sterbenden gefesselt. Anderwärts macht man sofort nach der Beerdigung eine feste Umzäunung um das Grab, meinend, die Seele werde sie nicht durchbrechen können. Selbstverständlich spielt hier auch die früher erwähnte Zauberkraft der überlebenden eine Rolle. Der ostafrikanische Wadschagga legt den Toten auf die rechte Seite ins Grab und verstopft ihm das linke Ohr mit einer Bohne so hört er nichts von der Außenwelt und wacht nicht wieder auf. Aber die„ Erfahrung" man soll dieses Wort stets nur mit Vorsicht gebrauchen lehrt den Wilden, daß die Seelen trotz aller Vorsicht dennoch wirksam waren. Man sucht deshalb der Seele mit Schlauheit oder Gewalt den Rückweg vom Grabe zur Wohnung der Lebenden zu verlegen. In Südafrika, Siam und anderwärts wird der Tote nicht durch die Tür, sondern durch ein Loch in der Hüttenwand, das man sofort wieder schließt, fortgebracht. Der von Goethe im Faust benutzte Gedanke, daß die Geister dort wieder hinaus müssen, wo sie herein gekommen, ist nur eine Umkehrung der älteren Meinung. Oft, so auch in Siam, läuft man mit der Leiche mehrmals schnell um das Haus, damit sie die Orientierung verliere. Wenn auch bei uns noch die Leiche stets mit den Füßen zuerst fortgebracht werden muß, so deshalb, damit sie den Rückweg nicht sieht. Selbstmörder, die am leichtesten zum Spufen neigen, durften des. halb früher nicht über Treppe und Tür, sondern mußten durch das Fenster ins Freie gebracht werden. Auch bei den asiatischen Polarvölfern wird der Tote irregeführt. Die Träger friechen mit ihm durch enge Zäune usw. springen durch Feuer mit ihm, auch verbarrikadiert man den Weg in verschiedener Weise. Vielerorts glaubt man, die Seele könne ein fließendes oder überhaupt Wasser nicht überschreiten, weshalb man gern einen Bach auf einem Brett passiert, das dann einfach weggenommen wird; auch schafft man einen künstlichen Wasserlauf, indem man Wasser Nr. 25 hinter dem Toten ausgießt.( Umgekehrt zieht man auf höherer Stufe, wenn jemand auswärts gestorben, Fäden über die Wasserläufe, da mit die Seele sie überschreiten könne; so auf den Fitschiinseln, in Indien, auch teilweise in Europa.) Anderwärts wieder, sowohl unter Wilden als noch heute bei Zivilisierten glaubt man das Wiederkommen des Toten zu verhindern, wenn man Asche hinter ihm her streut. Auch um das Grab streut man Asche, um die etwaigen Fußtapfen zu ersehen, ob der Tote spukt, worauf man das Grab noch fester stampft oder andere, gräßlichere Maßnahmen trifft: die Leiche mit einem Pfahl durchbohrt usw. Nach den Grundsägen: Nüßt es nichts, so schadet es doch nichts und Doppelt hält besser! werden neben neu auffommenden Sitten sehr oft auch die alten noch fortgesetzt. So kommt es, daß oft die widersprechendsten Totenbräuche nebeneinander im Schwange sind. Da aber ihr wirklicher Sinn meist eben nicht mehr verstanden wird, so vertragen sich diese, den verschiedenen Stufen der menschlichen Lebensfürsorge, Denkweise und Gesittung entstammenden Reste ganz gut miteinander. Auch das Jrreführen der Seele erweist sich meist als ungenügend. Zum Glück für den Wilden sind seine Geister nicht überklug. Sie lassen sich verscheuchen durch Lärm oder Drohung. Lärm wird gemacht mit allerlei Instrumenten, vielen Arten von Trommeln und Rasseln, auch einfach aneinandergeschlagenen Scheiten. Als besonders wirksam werden gehalten die Schwirrhölzer, die unseren Waldteufeln oder Brummtöpfen gleichen, nur daß sie nicht hohl sind. Unser erwähntes Kinderspielzeug hatte einst den gleichen Zweck wird es doch auch heute nur zu Fests, das sind aber Geisterzeiten hervor geholt. Gleich nach dem Tode eines Volfsgenossen erheben also gewisse Stämme einen fürchterlichen Lärm, der so lange anhält, bis man völlig erschöpft ist und dasselbe auch vom Toten annimmt. Solche Geisteraustreibungsfeste werden bei gewissen afrikanischen Stämmen ganz regelmäßig gefeiert. Man darf nicht glauben, daß das christliche Glockenläuten von dem Negergedanken allzu weit entfernt ist. Der Jnder, dessen„ Gong" das Urbild unserer Glocken ist, schlägt diesen in der Tat zum Zwecke jenes vertreibenden Lärms. Der Tanz ist bei Wilden nie bloßes Vergnügen, sondern in der Hauptsache religiöse, zauberische Übung. Die freundlichen Seelen werden dadurch unterhalten, die lästige Seele aber verscheucht. Kampftänze, um der Seele Schrecken einzujagen, werden vielfach bei Bestattungen abgehalten. Auch mit brennenden Fackeln, die selbst noch in chriftlichen Leichenzügen mitgeführt werden, wird die Seele fortgescheucht und vor Rückkehr verwarnt. Man schreckt sogar nicht davor zurück, die Leiche zu schlagen, um der Seele die Lust zur Wiederkehr zu nehmen. Kleine Geister fürchten natürlich einen größerent. Auf den Nikobaren pflegen die Einwohner eine Art Vogelscheuche aufzustellen, um die Jwis, die Seelen, von ihren Dörfern abzuhalten. Die Geister des Wilden sind weder allwissend und allgegenwärtig, noch allzu mächtig. Wie sie sich fesseln und durch Lärm einschüchtern lassen, so kann man sie auch mit bloßen Drohungen schrecken. Hier zürnt man ihnen, weil sie den Tod eines beliebten Häuptlings zugelassen haben, dort, weil die Feldfrüchte nicht geraten find. Meist straft man sie durch Verweigerung der üblichen Gaben. Die Be= tschuanen fluchen während eines Gewitters den Geistern, Minkopies und Namaquas schossen mit giftigen Pfeilen gegen den Sturm. Chinesen wie auch minder Zivilisierte, so viele Indianerstämme, erheben bei den in ihren Gegenden häufigeren Sonnenfinsternissen einen bedeutenden Lärm, um das Ungeheuer von bösem Geist, das die Sonne verschlingen will, zu erschrecken und es zu veranlassen, sie wieder auszuspeien, was zum Glück bisher noch jedesmal gelang. Auch tadeln Indianer ihren großen Geist, wenn er nicht will wie fie, aufs heftigste und bedrohen ihn. Der Neger läßt eine schlimme Tat seinen Fetischgott meist nicht sehen, deckt ihn dabei zu; er schlägt ihn wohl gar, wenn er ihm seine Wünsche nicht erfüllt. Immer bricht der alte Gedanke wieder durch, daß der Mensch auch eine gewisse Zauberfraft befize. Wenn bei uns in Deutschland heute ein altes Kelten- oder Germanengrab entdeckt wird, so bilden die darin enthaltenen Waffen, Schmudgegenstände, Münzen, Speiseschüsseln und Geräte den wertvollsten Teil des Fundes. Fast unsere ganze Kenntnis von den Lebensverhältnissen des vorgeschichtlichen Menschen, aber auch viele Urkunden aus geschichtlicher Zeit stammen aus solchen Grabfunden. In allen Ländern der Welt hat die Sitte bestanden, dem Toten seine Waffen, Eßgeräte, Schmuckgegenstände, ja selbst seine Frauen, Sklaven, Pferde mit auf den Weg zu geben. Auf der Kulturstufe der patriarchalischen Großfamilie gilt es vielfach als Ehrenpflicht der Ehefrau, ihrem verstorbenen Eheherrn ins Grab zu folgen, eine Sitte, die allen Bemühungen der englischen Regierung zum Trozz in Indien noch nicht ausgerottet ist, und die in China heute noch von Staats wegen mit einer Ehrenpforte belohnt wird. Ursprünglich sind alle Nr. 25 Für unsere Mütter und Bausfrauen solche Sitten ficher Abwehrmaßregeln der Geister gewesen. Man wollte der Totenseele soviel wie möglich Annehmlichkeiten ins Jenseits mitgeben, um fie freundlich zu stimmen und ihr Heimweh nach der schönen Erde zu verringern. Die Furcht vor der fortlebenden Seele hat auch eine andere Art von Handlungen hervorgerufen, die wir als Trauerbräuche bezeichnen und die doch nichts anderes sind als Abwehrmaßnahmen. So die Trauerkleidung, die von der gewöhnlichen, mehr oder weniger bunten völlig abweicht, meist ganz weiß oder ganz schwarz ist. Sie soll den Träger der abgeschiedenen Seele unkenntlich, vielleicht ganz unsichtbar machen und ihn so vor ihren Belästigungen schüßen. Besonders die Witwen verschleiern sich überall sehr dicht. In Kamerun ist die Trauertoilette, wenigstens für die Weiber, völlige Nacktheit; in der Tat sind dann auch die Einzelpersönlichkeiten recht schwer zu unterscheiden. Anderswo schert man sich die Haare- auch das macht unkenntlich. Den Juden der Bibel wurde das verboten, dafür sollten sie eine bestimmte Zeit lang die Haare wachsen lassen. Auch diese Vorschrift hatte denselben Zweck, genau so, wie das vielfach übliche Nichtwaschen. Von der Trauerkleidung der Deutschen sowohl im Altertum wie im Mittelalter wissen wir recht wenig; Frauen verhüllten um 1350 den Kopf nach Nonnenart und trugen ein dunkles Kleid. Die eigent liche Trauerfarbe war violett. Um 1500 fam die schwarze Trauertracht auf. Die Männer zu Augsburg trugen zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts zum Zeichen der Trauer eine regelrechte Verkleidung, nämlich sogenannte Nebel- oder Gugelfappen, eine Art schwarze Kapuzen, die das Gesicht ganz oder größtenteils verdeckten. Ähnlich gehen ja noch gewisse Mönche, besonders bei Begräbnissen oder Prozessionen angezogen, mit vorn völlig geschlossener Kapuze, die nur für die Augen zwei Löcher aufweist. Man gibt diesem Aufzug heute natürlich eine symbolische Bedeutung. Das Schwarz und der Schleier sollen die ernste Abkehr von den weltlichen Zustbarkeiten darstellen. Der Ursprung dieser Sitten liegt aber zweifellos in der Geisterfurcht. Zu den häufigsten Abwehrhandlungen gehört auch die Vermeidung des Namenszaubers.„ Namen bedeuten" heute freilich nur noch dem Naturmenschen. Wir mit unseren abgeschliffenen und ab= gegriffenen Sprachen vermögen die Bedeutung der Worte ohne wissenschaftliches Studium überhaupt nicht mehr zu erkennen Tennen die meisten doch nicht einmal die Bedeutung ihrer eigenen, ihnen bei der Taufe beigelegten Namen. Hier ist uns alles mechanisch geworden. Aber der Wilde kennt die Bedeutung seines Namens, dent das ist sein Ich, sein Selbst, seine Seele. Viele Naturmenschen verhehlen deshalb auch ihre Namen, weil man glaubt, wer diesen wisse, erhalte eine Gewalt über dessen Träger, sei es ein Mensch, sei es ein Geist. In einem Kriege der Engländer mit dem indischen Lande Nepal fing man einen Brief von dessen Fürsten an seine Untertanen ab, der anbefahl:„ Sucht den Namen des britischen Generals zu erfahren, schreibt denselben auf ein Stück Papier, nehmt dieses mit etwas Reis und Safran und sprecht darüber dreimal die große Beschwörungsformel. Ist das geschehen, so laßt Pflaumenholz kommen und verbrennt alles miteinander." Auch heute noch legen christliche Gesundbeter und ähnliche Leute Wert darauf, daß der Name genannt werde, als ob der liebe Gott seine Geschöpfe nicht auch ohne Namen tennen könnte. Die Verstorbenen kennen ihre Verwandten mit Namen und können ihnen so durch Zauber schaden deshalb legen diese oft, wie sie sich schon in der Kleidung unkenntlich machen, auch ihre alten Namen аб nunmehr werden Seele wie Zauber sie einfach nicht mehr auffinden. Darum erhalten auch, so bei den Eskimos, Schwerkranke einen anderen Namen, damit der plagende Geist, meinend er sei an falschem Plage eingelehrt, ausfahre und den Richtigen" suche. Darum besitzen die Jakuten überhaupt zwei Namen: einen richtigen, der aber nur im Notfall angewendet wird, und einen anderen zur Täuschung der Geister. Aber umgekehrt wird auch der Name eines Verstorbenen bei den Unkultivierten selten genannt; der Australier spricht ihn immer nur mit Scheu aus. Man glaubt mit dem Aussprechen des Namens die Seele zu rufen und will doch mit ihr so wenig wie möglich zu tun haben. Bei den Polarvölkern erhalten deshalb alle, die wie der Tote heißen, einen neuen Namen. Bei den südamerikanischen Indianern, vielen Südseestämmen, nordasiatischen Völkern und Kaffern dürfen sogar meist die einzelnen Silben des Namens von Verstorbenen nicht gebraucht werden, und man muß für Dinge, deren Namen die verbotenen Silben enthalten, neue Namen erfinden, was meist Sache der bejahrten Frauen ist. Aus dieser Ursache sind auch die Sprachen vieler benachbarten Gruppen oft so verschieden voneinander und ändern sich binnen wenigen Jahrzehnten völlig in ihrem Wortschatze. Als auf der Insel Tahiti die Königin Bomare gestorben 99 war, entstand große Verwirrung, weil man auch das Wort Po, das die Nacht und die Nachtgottheit bezeichnet, nicht mehr gebrauchen durfte. Bon unangenehmen, besonders das Geisterreich angehenden Dingen möglichst wenig zu reden, ist fast überall allgemeine Volksfitte. Auch bei uns warnt das Sprichwort:„ Wenn man den Wolf nennt, kommnt er gerennt," vor unnötigem Erwähnen der Geister. Der Wolf ist ein und jedenfalls das unangenehmste Geisttier bei den alten Germanen. Bis in die Neuzeit glaubt das Volk, daß schlimme Menschen, besonders Heren, sich in„ Werwölfe" verwandeln. Auch heute noch erwähnt man in Boltstreifen bei uns Verstorbene möglichst wenig; ist man dazu genötigt, so nennt man sie nicht beim Namen, sondern braucht Umschreibungen, von denen die christliche Form der Selige die häufigste ist, ein Beweis, wie lange fich Vorstellungen, Redensarten und Gebräuche noch erhalten können, deren wirklicher Zweck und ursprüngliche Bedeutung längst vergessen ist. Fast alle religiösen und abergläubischen Zeremonien sind überlebsel und Weiterbildungen einstiger Mittel, mit denen der Urmensch seine Geister zu bannen suchte. Die Gespensterfurcht des Urmenschen war ein Produkt seiner Unwissenheit und Schreckhaftigkeit, die ihn in allen Vorgängen der Natur und Gesellschaft das Walten unsichtbarer Seelen erblicken ließ. Je mehr die Menschen den Vorgängen in der Natur und in der menschlichen Gesellschaft wissenschaftlich auf den Leib rücken, desto weniger Neigung ist mehr vorhanden zu Gespenstergeschichten, Herenwahn und mystischem„ Gruseln". Feuilleton Beim Gemeindevorsteher. ( Fortsetzung) Der Nachmittag ist herangekommen, und mit einemmal geht ein heftiger Plazregen über den Acker nieder. Schon lange hatten Per und die anderen Kartoffelgräber mit mißtrauischen Blicken die dicken Regenstreifen beobachtet, die im Südosten hingen, den Kettenfäden eines Riesengewebes gleich. Die schweren Tropfen fallen zischend und flatschend in die schwarzen Kartoffelstauden und dringen den zur Erde Gebückten bis auf die Haut. Sie schütteln sich ein bißchen und kriechen dann wie erschreckte Igel zusammen. Als aber der Regenschauer länger anhält, legen sie wieder Hand an die schwarzen, kantigen Kartoffelstengel. Wolle Skajbaek drückt seine Befriedigung aus, daß sie doch dem Wetter den Rücken zukehren. „ Ja, der kann's noch am ehesten aushalten," meint die GaloppSofie. Fort und fort schüttet es vom Himmel herunter. Nun ist der Acker lauter Morast. Die Erde legt sich wie Brotteig zwischen die Finger. Der Stoß an den Kleidern der Frauen schleppt in langen Streifen und bildet eine kleine Rille im Sande hinter jeder von ihnen. Rücken und Füße sind wie Eis; auch die Zunge ist förm= lich eingefroren, niemand spricht mehr ein Wort; selbst das Fallen der Kartoffeln wider die nassen Dauben schallt nun tot und dumpf. Die Augen des alten Ywer rinnen immer stärker, jeden Augenblick erhebt er sich auf den steifen Knien und klopft sich mit den Pulswärmern unter die Achselhöhlen, wie ein Gänserich auf dem Teich sich mit den Flügeln schlägt. Die blasse Line hüstelt nun ohne Unterlaß. Das Fallen der Kartoffeln schallt immer toter, und die Stille wird nur durch den Klang der eisernen Henkel unterbrochen, wenn ein Eimer über die Stauden hingeworfen wird. Per schlägt der Regen gerade ins Geficht. Die Tropfen zerplazen an seinem Müßenschirm und seinen braunen Fingerfnöcheln und rinnen in klebrigen Strömen am Forkenschaft hinab. Die anderen schauen zu ihm auf, ob er die Arbeit denn wirklich unter solchen Verhältnissen fortsetzen wolle. Per blickt nach der grauen Wolkenwand hin. " Ist das eine überschwemmung!" sagt er und spuckt das in den Mund gefickerte Regenwasser aus. „ Na, höher als bis zum Bauche reicht's doch noch nicht!" meint die Galopp- Sofie. " Ist wahrhaftig auch mehr als genug," erklärt Wolle Skajbaek mit Nachdruck. " Ich hab geglaubt, es wird gleich, wieder aus sein," bemerkte Per. Und hat man mit dem Arbeiten ausgesezt, so sind dann die Glieder gar zu steif, wann's wieder dran gehen heißt." " Nja- a!" brummen alle. ,, Könntet euch vielleicht für eine Weile beim Wagen unterstellen?" Dazu waren alle schnell bereit. Unter den schüßenden Brettern des schweren Leiterwagens stellt sich bald wieder etwas von jenem 100 Für unsere Mütter und Hausfrauen leichten Sinn und guten Mut ein, der selten ausbleibt, wo ein Haufen Leute beisammen sitzt. „ Donnerwetter, Mette, mir scheint gar, deine Hosen gehen auf eigenen Beinen davon," läßt sich Wolle Stajbaek vernehmen, indem er ein langes Stück zerfetzter Besatzborte von Mettes Unterrock in die Höhe hält. Mette zieht rasch das kokett vorgestreckte Bein zurück und beugt sich herab, um den Fezzen abzureißen, den sie dann Wolle ums Ohr schlägt. Die Galopp- Sofie wird hintenaus mitgetroffen, daß ihr das kotige Band einen schmußigen Streif quer über den vorstehenden Badenknochen zieht. Die Rücken dampfen, und der muffige Armeleutgeruch dunstet aus den wollenen Umschlagtüchern und den durchweichten Kapuzen. Franz Danggaard, der seine wenigen Tabakreste zu einem Priem zusammenzufügen trachtet, ist unversehens auf einen Rockzipfel Mettes zu sitzen gekommen. Mette reißt ihn wütend an sich, wirft einen bösen Blick auf Franz und beugt sich dann zu Sofie hinüber, der sie zuflüstert:„ Er ist ja laufig, der Mensch!" Das Gneisel sitt an der äußersten Ecke, spuckt mit großem Ingrimm in die Radspeichen und flucht, daß ihn der Teufel zerreißen möge, wenn es nicht das letzte Jahr sei, an dem er zum Vorsteher Kartoffel ausnehmen fäme:„ Es kriegt eins doch so keinen Pfifferling dafür." ,, Was," fragt Per verwundert, ihr kriegt nichts für eure Arbeit? Wieso? Nehmt ihr denn nicht wie jeder andere seinen Taglohn?" " Ja, wieso," sett Wolle Skajbaek auseinander, weil die Art Arbeit ja für nichts gerechnet wird; und dann denkt auch so ein Großmächtiger, liegt eins schon ohnehin auf der Gemeinde, warum soll er nicht so gut wie jeder andere einen ausnüßen dürfen." „ Eine saubere Erklärung das," meint Per. Warum sagt ihr denn aber nicht nein, wenn er euch ruft?" " " Dem Gemeindevorsteher, nein' fagen! Das käm einem teuer zu stehen!" gibt Wolle zurück. " Nein," sagt Line, die still dagesessen hat und auf der einen Seite die Tropfen von sich abrinnen läßt, solche Leute, die verlangen, daß alles nach ihrem Kopf geht." " Da haben wir's!" ruft Per." Ihr Angstmeier, ihr! Seid imstand und laẞt euch ins erste beste tiefe Wasser hineintreiben, wenn nur dem Gemeindevorsteher seine Müße zur Tennenluke hinausschaut!" „ Aber ihr anderen ihr Dienstleute, ihr vielleicht nicht?" fragte die Galopp- Sofie. " Ja, gewiß, kann schon was dran sein! Wir halten alle miteinand zu wenig auf unser Recht," pflichtet Per ihr bei. " Da müßt ihr aber zu eurem Recht schauen, so lang ihr jung seid; denn seid ihr erst alt worden, nachher ist's wohl zu spät," erklärte Ywer, sich die triefenden Augen mit dem Pulswärmer trocknend. „ Ein wahres Wort," versetzte Ber.„ Aber versucht es nur heut abend, jeder besonders, euren Lohn zu verlangen; wir werden ja dann sehen, wie er's aufnimmt." " Ich trau mich nicht, was zu verlangen," sagte Line, denn ich hab Angst, er läßt uns dann nichts mehr von der freien Armenlasse zukommen, und da wüßt ich mir nach keiner Seite einen Ausweg, solang der Anders feiern muß. Die anderen verhalten sich schweigend. Der Regen ist vorbei. Die triefend nassen Menschen kriechen zwischen den Rädern hervor und fangen aufs neue an, im Kartoffelkraut zu wühlen. Die Arbeit geht freudlos und verdrossen vonstatten, solange das nasse Zeug sich allenthalben an den Körper klebt. " O jemine, wie gut tät einem jetzt ein Schluck Schnaps!" seufzt Wolle Stajbaek. Diese Worte erwecken offenbar ein in ihnen allen schlummerndes Sehnen. Ganz eigenartig schmachtend schweifen die Blicke über den Acer hin. ,, Könnt nicht am Ende einer im Eßkober sein?" flüstert Franz Dangaard. " Da hast du aber meiner Seel einen Gedanken! Könnt schon sein", meint Wolle, und eilt, den Deckel des Storbes zu öffnen. Alle halten einen Augenblick mit der Arbeit inne und schauen mit stockendem Atem auf Wolle. „ Nein! Auch nicht ein Tropfen." Mit zornigem Wurf schmeißt er den Deckel zu. Ein unmutiges Murren geht durch die ganze Reihe:„ Hab mir's denken können!" Der alte Ywer trocknet sich enttäuscht den zahnlosen Mund mit seinem Fäustling. Franz reißt mit den Nägeln Schabseln aus den Kartoffeln, so wütend fährt er in die Erdschollen. „ Ach, Gneisel," sagt Wolle Sfajbaek, du bist ja so fest auf den Beinen, du könntest wirklich hinüberspringen zum Konsum und uns eine Flasche Branntwein holen." Nr. 25 Die anderen wieherten freudige Zustimmung. Das Gneisel sendete eine Spucksalve gleich einem Strahl aus einem Storchbürzel sieben Klafter weit ins Pflugland hinein und schwur:„ Übernehmt ihr der= weil meinen Ackerstrich, so soll mich der Deibel holen, wenn ich nicht wieder da bin, so geschwind wie der Wind." " Ja- a, das will mir nicht zum allerbesten gefallen, wendete Per ein.„ Nicht daß ich euch euern Branntwein nicht gönn, aber ich fürcht, die Arbeit könnt sich dadurch verziehen, und das käm dann auf unſereinen." „ Ja," entgegnete Wolle,„ du hast gut dagegen sein; du bist nicht halb so naß wie wir. Wahrhaftig, mir ist so kalt, daß ich nicht weiß, hab ich einen Rücken oder hab ich keinen?" ,, Und ich bin bis aufs Hemd naß; ich mein, man könnt es auswinden", erklärte Mette. Per gab den Widerstand bald auf. Aber nun handelte es sich um das Geld. Wolle hatte keines. Gneis fand fünf Ore unter ettvas Tabakasche in der Westentasche; die übrigen waren gänzlich blank. So mußte denn Per die Zeche bezahlen. " Du sollst wahrhaftig nicht allein herhalten müssen," versicherte Wolle, es wird eins doch auch wieder mal einen Groschen zum Heimzahlen haben." " Das Gneisel buckelte sich zum Laden fort. Die Zurückgebliebenen kosteten die Süßigkeiten der Erwartung, indes die Kartoffeln in lustigem Bogen nach den undichten Dauben der Eimer flogen. Wie sie so im besten Zuge sind, ruft Per, der mit einemmmal wie an die Forke genagelt steht: Hol's der Teufel, jetzt können wir uns freuen! Wißt ihr, wer da gegangen kommt?" Die ganze Reihe dreht sich um und sieht Hans Nielsen über den Weggraben springen und in das Feld, wo sie arbeiten, einbiegen. " D Jeses, Kinder!" piept Line und duckt sich wie vor dem Bösen. " Jetzt wird's was sezen!" flüsterte Wolle.„ Ach, Per, du darfst nichts sagen, daß ich sie eingefädelt hab, die Geschichte mit dem Branntwein. Hörst du?" Bers Oberlippe fräufelte sich in verächtlichem Lächeln. Langsam, wie eine drohende Wolfe, kam der Armenvorsteher über den Acker daher. Eine echte Kuhländer Pfeife baumelte in seinem Mundwinkel. Die Nachmittagssonne fiel von rückwärts in seinen roten Backenbart, daß jedes Haar leuchtete. Bei jedem zweiten Schritt beugte er sich herab und nahm eine vergessene Kartoffel vom Boden auf; nach der großen Regenwäsche lagen sie so tenntlich zwischen den Schollen da. Bald hatte er seine beiden sommersprossigen Hände voll, so daß er die Pleife allein mit den Zähnen festhalten mußte. Die Kartoffelgräber wühlten in der Erde, daß sie nach allen Seiten aufstob. Ihre Nasen berührten fast den Boden, ihre Hinterteile ragten in die Höhe, daß sie sich ausnahmen wie riesengroße Heuschrecken. Ab und zu flüstern sie sich heiser etwas zu, wie im Dunkel hockende Vögel, die fühlen, daß ihnen etwas Feindliches auf der Spur ist. Auf einmal wirft Hans Nielsen seine Handvoll Kartoffeln über die Köpfe der Gräber in den Eimer, daß drei oder vier polternd von den Dauben zurückspringen. Ein leises Zucken geht durch die ganze Reihe. " Die habe ich jetzt allein nur auf dem kleinen Ende Weg gefunden. Gebt ordentlich acht, daß ihr alle mit aufflaubt. Von dem, was am Acker liegen bleibt, läßt sich nicht fett werden. Am ärgsten ist's auf der Seite da." Er deutete mit dem Holzschuhschnabel nach dem von Gneis verlassenen Ackerstrich:" Wessen ist der? Ist niemand dabei? Wo ist der Gneis?" Ein Schauer durchläuft Wolle Skajbaek; er schaut bittend zu Per auf. „ Ach, er hat nur einen Sprung in den Konsumverein gemacht", sagt Per. " So- o! In den Konsumverein! Läßt du die Leute mitten in der Arbeitszeit so herumspazieren: Da kann ich freilich verstehen, warum so wenig geschafft worden ist; es ist der Wagen ja kaum noch halb voll, ob der Tag auch gleich schon dreiviertel vorbei ist." „ Es hat ja doch geregnet", sagt Per entschuldigend. " Geregnet! Ist der auch der Rede wert, der Spritzer, der gekommen ist?" sagt Hans Nielsen. ,, Da ist eins wahrhaftig schön naß geworden von außen und von innen", erklärte Sophie als die mutigste des ganzen Kreises. " So- oo!" enigegnet der Vorsteher beißend, innen auch? Das, habe ich geglaubt, kommt erst, wenn der Gneis aus dem Konsum zurück ist." Der Satan", raunt Sophie dem Wolle Stajbaek zu; der aber, besorgt, Hans Nielsen tönnte gehört haben, daß Sophie ihn zu ihrem Vertrauten mache, senkt die Nase noch tiefer auf die Kartoffeln hinab. ( Fortsetzung folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Jn Bertretung Hanna Buchheim in Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.g. in Stuttgart.