Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 4 Beilage zur Gleichheit O O O O O O O O Inhaltsverzeichnis: Schwert und Buch. Gedicht von Ludwig Pfau. Karoline Schlegel- Schelling. Von Anna Blos.( Schluß.) Hauswirtschaftliche Sorgen und Forderungen.( Schluß.)- Mut. Bon Jean Jaurès.- Feuilleton: Es ist sehr möglich. Von Heinrich Bschotte. Spruch. Von A. Feuerbach. Schwert und Buch. In einem Winkel hing ein Degen lang und schwer, Bedeckt' mit Staub und Rost von Tag zu Tag Sich mehr und mehr. 3um Buche, das in seiner Nähe lag, Begann er einst: Wie hass' ich diese Ruh', 3n der hier tatlos meine Kraft verschmachtet! Auf dich, Plebejer, geht man freundlich zu, 3ch liege hier verlassen und verachtet; Und dennoch bin ich nützlicher als du. Ich dringe stark zum Ziele wie ein Held. Dor mir erzittert alle Welt. O könnt' ich mich von kühlen Mauern heben Und herrlich, wie voreinst, von Blut und Schlachten leben!" ,, Des Schwertes 3eit ist um so sprach zu ihm das BuchDrum, edler Ritter, wollt dem tapfern Herzen wehren; Das Faustrecht kann jetzt niemand mehr bekehren. 3hr seht nur Feinde, wo Ihr geht und steht, Und hinter Euch zieht Rache, Haß und Fluch, Indes aus meinem Mund das Wort des Friedens geht. Erhebt Ihr Euch zu blutigem Derheeren, Will ich die Menschheit bessern und belehren. Behaltet Euren Rost und lasset ab vom Kriege, Denn ohne Blut erkämpf' ich größre Siege. Du hast den schweren Grund mit Graben und mit Roden, Ein wackrer Pflüger, wohl gewendet; Ich bin als Sämann ausgesendet, Und streu des Wortes Korn in den gefurchten Boden. mit goldnen Ahren will ich alle Stirnen säumen, Mir laß die Zukunft, du magst auf dem Lorbeer träumen!" Karoline Schlegel- Schelling. Ludwig Plau ( Schluß.) Ein Lebensbild aus Deutschlands klassischer Zeit. Von Anna Blos. Schelling brachte seine Frau zunächst zu seinen Eltern auf die Prälatur in Murrhardt, einem schwäbischen Städtchen. Karoline wurde dort, wie sie ihrer Schwester mitteilt, über alle Beschreibung wohl und herrlich empfangen. Sie gab sich ganz dem Frieden hin, der sie in dem Schellingschen Familienkreise und in der lieblichen Landschaft umgab. Bei einem Besuch in Stuttgart sah sie ihre einstige Jugendfreundin Therese wieder. Sie hatten sich in Mainz in Unfrieden getrennt. Therese hatte inzwischen nach der Scheidung von Forster den Schriftsteller Huber geheiratet, mit dem zusammen fie in Stuttgart das Morgenblatt" herausgab. Zu viel Leid und Freude hatten die beiden Frauen miteinander durchlebt, als daß sie nun nach Jahren sich nicht wieder zueinander gefunden hätten. Schelling erhielt einen Ruf nach Würzburg an die Universität. Karoline folgte ihm um so lieber dorthin, als eine halbe Tagereise davon, in Bamberg, ihre Tochter Auguste begraben lag. Der Bildhauer Fink hatte eine Büste von dem jungen Mädchen geschaffen, die zu seinen besten Werken gehört. Die Kriegsunruhen der NapoTeonszeit ließen aber das Wirten Schellings und seiner Frau nicht zu rechter Entfaltung kommen. Es fehlte an Zuhörern in Schellings Vorlesungen, die studierende Jugend blieb aus. Die Teuerung nahm überhand. Aber wenn auch der arme friedliche Gelehrte unter Verhältnissen am schlimmsten daran ist, wo nichts mehr gilt als Sengen und Brennen, so ist doch beider Interesse an dem, was vorgeht, so groß, daß sie sich nicht zur Melancholie stimmen lassen. Die äußeren Unruhen lassen die beiden um so mehr Trost und Frieden beieinander suchen, und Karoline brach in die begeisterten Worte aus:„ Schelling ist sehr lustig und doch ungemein gesezt, ernst und sanft, unerschütterlich und würdiger, als ich aussprechen kann." Die durch den Krieg hervorgerufenen unruhigen Zustände ließen bald die Fortdauer der Universität Würzburg zweifelhaft erscheinen, und Schelling erhielt einen Ruf nach München. Die übersiedlung O O O O O O O O 1915 dorthin machte eine kurze Trennung der Gatten notwendig. Die Briefe, die Karoline dem Geliebten während dieser Zeit schickte, gehören zu den schönsten Liebesbriefen unserer Literatur. Es ist, als ob sie eine Ahnung hätte, daß ihr keine allzu lange Spanne Lebenszeit mehr beschieden wäre. So findet sie für den Trennungsschmerz wie für ihre Sehnsucht den rührendsten Ausdruck. Von dem Tage der Trennung sagt sie, daß aus Morgen und Abend ein entfeßlich langer Tag wurde in ihrer nicht Schöpfungs-, sondern Vernichtungsgeschichte". Und sie schließt den ersten Brief mit den Worten:„ Lebe wohl, mein Herz, meine Seele, mein Geist, ja auch mein Wille." Als Schelling ihr den Reiseplan entwirft, da findet sie die tiefempfundene Antwort:" Von allen Herbergen kann mir eine nur wieder Erquidung geben, wenn ich zuletzt in deine Arme einkehre." Während ein großer Teil Deutschlands, auch der, in dem Karoline ihre Jugend verlebte, zu ihrem großen Schmerz von Krieg und Verwüstung heimgesucht war, begann das Ehepaar Schelling sich in München unter friedlicheren Verhältnissen einzurichten. Aber in allem Glück verließ Karoline die bange Todesahnung nicht mehr. Ihr ist, als ob sie sich nirgends mehr ansiedeln möchte und es ganz buchstäblich nehmen, daß wir nur Pilger sind. Wie wenig Wert die Menschen jener Zeit überhaupt auf äußerlichkeiten legten, das geht auch aus dem Brief hervor, den Goethe während der Tage der Schlacht von Jena im Jahre 1806 an Schelling richtete. Fest und unerschütterlich war er auch in diesem Sturme geblieben, trotzdem man in Weimar 72 Stunden gleichsam in Todesangst zubrachte. Geld und Geldeswert verschmerzt man," schrieb Goethe, wenn man nur das Teuerste und Liebste durchbringt." Er hatte sich am Tage der Schlacht mit Christiane Vulpius trauen lassen, als wenn er Bande noch hätte knüpfen und fester anziehen wollen in einem Augenblick, wo alle Bande gelöst scheinen". Die kriegerischen Ereignisse regten Schelling an, mit seiner Frau die Geschichte des Siebenjährigen Krieges zu lesen. Das war ein anderer Kampf, wie dieser siebentägige, meint Karoline. Oft alles verloren, aber dann durch den Geist wieder alles gerettet, der nicht unterging, der letzte Funken aus der Asche wieder angefacht und in helle Flammen verwandelt." " Die beiden bedeutenden Persönlichkeiten begannen bald in München einen Kreis bedeutender und interessanter Menschen um sich zu sammeln, und wenige der vielen Durchreisenden versäumten, ihren Besuch im Schellingschen Hause abzustatten. Bemerkenswert unter diesen Besuchen ist der von Frau v. Staël, die in Begleitung Aug. Wilh. Schlegels ihre bekannte Reise durch Deutschland unternahm. Das Wiedersehen zwischen Karoline und ihrem einstigen Gatten gestaltete sich freundlich und ohne alle Spannung. Er und Schelling waren unzertrennlich. Über Frau v. Staël äußerte sich Karoline: Sie hat über allen Geist hinaus, den sie besitzt, auch noch den Geist und das Herz gehabt, Schelling sehr lieb zu gewinnen. Sie ist ein Phänomen von Lebenskraft, Egoismus und unauf hörlich geistiger Regsamkeit. Ihr Äußeres wird durch ihr Inneres verklärt und bedarf es wohl; es gibt Momente oder Kleidung vielmehr, wo sie wie eine Marketenderin aussieht, und man sich doch zugleich denken kann, daß sie die Phädra im höchsten tragischen Sinne darzustellen fähig ist." Karoline prophezeite, daß München bald alles an sich ziehen würde, wie einst Jena und Weimar. Zu den Männern, die damals einen Namen hatten, der noch heute einen guten Klang hat, und die sich bei Schellings aufhielten, gehörten die Brüder Tieck, der eine Dichter, der andere Bildhauer, der eine schöne Büste von Schelling anfertigte. Ferner kamen die Brentanos. Klemens Brentano, der mit seinem späteren Schwager Achim v. Arnim die Gedichtsammlung„ Des Knaben Wunderhorn" Herausgab, und Bettina Brentano, die Enkelin von Sophie La Roche, Wielands Jugendliebe. Bettina hatte die Schwärmerei ihrer Mutter Maximiliane für Goethe geerbt und war viel bei ihm in Weimar ein und aus gegangen. Ihre Erinnerungen an diese Zeit hat sie in„ Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" veröffentlicht, einem wunderlichen Gemisch von Dichtung und Wahrheit! Karolinens Urteil über Bettina war scharf:" Bettina sieht aus wie eine kleine Berliner Jüdin und stellt sich auf den Kopf, um wißig zu sein, nicht ohne Geist, tout au contraire, aber es ist ein Jammer, daß sie sich so verkehrt und verreckt und gespannt damit hat; alle die Brentanos sind höchst unnatürliche Naturen." Im Jahre 1809 unternahm Schelling mit seiner Frau eine Reise nach Maulbronn zu seinen Eltern. Hier erfüllte sich Starolinens 14 Für unsere Mütter und Hausfrauen Ahnung, daß ihre Pilgerfahrt auf Erden ein rasches Ende nehmen würde. Mitten im höchsten Glück, umgeben von Menschen, die sie auf Händen trugen, gesünder und wohler als je zuvor, wurde sie von einem epidemischen Nervenfieber mit Ruhr verbunden ergriffen und starb in den Armen ihres verzweifelnden Gatten. Schellings alte Mutter mußte das schmerzliche Geschäft auf sich nehmen, den Freunden die Todesnachricht zu vermitteln. Nicht nur unsere Tränen fließen um sie," schrieb Frau Liebeskind, Karolinens Freundin in München in ihrer Antwort.„ Alles, was sie gekannt hat, war bei der Nachricht tief erschüttert, und jedermann zollt ihrem ewig teuren Andenken den Tribut der hohen Achtung, die ein Weib von so seltenen Vorzügen verdient."" Jede Stunde ihres Umgangs war reiner Gewinn für Herz und Geist, ihm verdanke ich sehr viel, später auch meine Kinder," so äußerte sich die Jugendfreundin Luise Gotter. Am tiefsten und nachhaltigsten war Schellings Trauer. Als dieser Schmerz dann aber Worte fand, als er sich in stille Wehmut zu lösen begann, da war das, was Schelling ausdrückte, auch von 3artester, tiefster Empfindung. So schrieb er ihrem Bruder über die Verstorbene:" In je größere Ferne sie mir tritt, desto lebhafter fühle ich ihren Verlust. Sie war ein eigenes einziges Wesen, man mußte sie ganz oder gar nicht lieben. Diese Gewalt, das Herz im Mittelpunkt zu treffen, behielt fie bis ans Ende. Wir waren durch die heiligsten Bande vereinigt; im höchsten Schmerz alle Wunden und im tiefsten Unglück einander treu geblieben bluten neu, seitdem sie von meiner Seite gerissen ist. Wäre sie mir nicht gewesen, was sie war, ich müßte als Mensch fie beweinen, trauern, daß dies Meisterstück der Geister nicht mehr ist, dieses seltene Weib von männlicher Seelengröße, von dem stärksten Geist, mit der Weichheit des weiblichsten, zartesten, liebevollsten Herzen bereinigt. O, etwas der Art kommt nie wieder!" Schelling hat geirrt, wenn er meinte, etwas der Art käme nicht wieder. Was an Karoline unsterblich war, das lebt noch heute fort. Ihre Briefe halten noch heute ihr Andenken lebendig, denn sie sind reich an wichtigen Beiträgen zur Geschichte der vielen namhaften Persönlichkeiten, mit. denen Karoline in Berührung gekommen war. Sie tragen zur Kenntnis der literarischen und sozialen Zustände um die Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert bei. Die Verhältnisse der Schriftsteller und der Universitäten, mitunter auch die politischen Ereignisse der Zeit erhalten hier helle Beleuchtung. Vor allem aber spiegeln diese Briefe das Bild einer Frau wieder, die sich durchzusetzen verstand gegen alle Vorurteile und alle Kleinlichkeit. Wenn heute die Frau etwas gilt als Persönlichkeit, wenn sie es wagen darf, ihr eigenes Leben zu leben, wenn sie als Individualität Recht und Geltung hat, nicht zum mindesten verdankt sie es den Geschlechtsgenossinnen, die den dornenbollen Weg der Bahnbrecherin unbeirrt gegangen sind. Zu den bedeutendsten dieser Bahnbrecherinnen gehört Karoline SchlegelSchelling, die nicht durch Wort und Schrift kämpfte, sondern deren ganzes Leben ein Kampf war, eine Tat, deren Saat nicht berloren ging. So lebt ihre Art noch heute fort in allen Frauen, die strebend sich bemühen, selbst etwas zu sein und zu leisten und durch ihr Leben der Gesamtheit zu nützen. Ich möchte unter das Lebensbild, das ich von Karoline zu geben mich bemühte und das in harter Zeit die Aufmerksamkeit auf die feltene Frau ziehen soll, die hoffnungsvollen Worte setzen, die sie in einem ihrer letzten Briefe aussprach:„ Ich glaub doch noch an den Frieden, und unseres Landes einzige Hoffnung ist er allerdings!" 000 Hauswirtschaftliche Sorgen und Forderungen. ( Schluß.) Das elektrische Licht läßt sich billig und billiger herstellen, je mehr die Quellen elektrischer Kraft ausgenutzt werden. Die Überlandzentralen der Elektrizitätswerke ermöglichen es, die Wasserfraft in steigendem Maße zur Erzeugung von Elektrizität zu ver= wenden, die vom Entstehungsort weit fortgeleitet wird. Wir haben schon jetzt Gegenden in Deutschland, wo die Kraft starten Gefälles in Elektrizität verwandelt wird und die Überlandzentrale das elektrische Licht auch in das abgelegenste Dorf, in jedes Haus und bis in die Ställe trägt. Die aufgespeicherte Sonnenwärme kann in Elektrizität umgesetzt werden, und diese läßt sich aus so manchem Verbrennungsprozeß gewinnen. Von 200 Kehrichtverbrennungsanstalten in England wandeln gegen zwei Drittel die entstehende Hize in Elektrizität um, die außerordentlich wohlfeil zu stehen kommt, geradezu auf der Straße aufgehoben wird. Kurz, man braucht weder nach dem Lande Nirgendwo zu wandern, noch bis zum Jahre 2000 zu warten, um allen die Nächte mit elektrischem Licht zu erhellen. Nr. 4 Die meisten Hausfrauen, die sich heute noch mit dem Buben und Richten der Petroleumlampen quälen und schon das Gaslicht in ihrem Heim als großen Fortschritt begrüßen würden, wissen wahrscheinlich nicht, in welchem gewaltigen Umfang in Deutschland die Elektrizität bereits der Beleuchtung nutzbar gemacht wird. Nach einer Abhandlung von Dr. Mag Lebh über" Die Bedeutung der elektrischen Industrie", Septemberheft der Zeitschrift„ Technik und Wirtschaft", kann man die Zahl der angeschlossenen elektrischen Glühlampen auf 75 Millionen schäzen, die Zahl der Gasglühlampen beträgt 27 Millionen, die der Petroleumlampen rund 21 Millionen und die Zahl der Spiritusflammen rund 500 000. Diese Ziffern sind ein schlagender Beweis für die große überlegenheit des elektrischen Lichtes über alle anderen Beleuchtungsarten. In raschem Siegeslauf verdrängt es Gas und erst recht das Petroleum, dessen Einfuhr in Deutschland nur bis 1898 eine Steigerung erfahren hat, bis 1908 annähernd gleich hoch blieb und nun in der Abnahme begriffen ist. Durch den Ausbau der überlandkraftwerke geht die Verwendung von Petroleum in den Dörfern zurüd. Die Versorgung der Wohnungen mit Gas oder noch besser mit Elektrizität hat für die Hausfrau noch einen anderen großen Vorteil. Auf Gas und Elektrizität läßt sich kochen. Auch dabei wird beträchtlich an Geld und allerhand Arbeit gespart. Die Hausmutter, die jetzt am Gasherd wirtschaftet, weiß das sehr gut. Sie kann die Ersparnis in allem nachrechnen, wenn sie sich erinnert, wieviel F früher für Anzündholz, Kohlen usw. berausgaben mußte, wieviel Zeit mit dem Anzünden, Nachlegen, Schüren und Regulieren des Feuers verging. Und wie oft geschah es trotz aller Erfahrung und Achtsamkeit, daß dieses nicht recht brennen wollte, daß es im unrechten Augenblick verlöschte, zu viel oder zu wenig Size gab. Auch bei der größten Sparsamkeit verbrannte mehr, als nötig war. Wie müde machte das Kohlenschleppen, zumal viele Treppen hinauf! Dann das ewige Händewaschen, wenn die Frau zwischen Herd und Nähmaschine hin und her mußte. Wie bequem und rasch läßt die Flamme sich beim Gasherd oder Gaskocher regeln. Ein Drud der Hand, und nicht für einen Pfennig mehr braucht verbrannt zu werden, als wirklich erforderlich ist. Bei einiger Aufmerksamkeit ist fein Anbrennen zu befürchten, und die Hände bleiben sauber. Jedoch auch vom Kochen auf Gas heißt es, daß das Bessere des Guten Feind ist. Für das Kochen ist die Elektrizität dem Gas ebenfalls überlegen. Häufig meint man allerdings, ihrer Verwendung in der Küche stehe heute noch ein großes Hindernis im Wege. Nämlich der hohe Preis. Von angesehenen Fachleuten ist jedoch berechnet worden, daß das Kochen mit Elektrizität auch wirtschaftlich vorteilhaft ist, wenn die Kilowattstunde wie vielerorts 10 Pf. fostet. Der Preis könnte aber noch erheblich niedriger sein, wenn mehr elektrische Kraftquellen erschlossen und in erster Linie dem Allgemeinwohl dienstbar gemacht würden und nicht dem Profitbegehren einiger großer Elektrizitätsgesellschaften. Wenn das Kochen auf Elektrizität sich nicht auszahlte, so wäre zehn gegen eins zu wetten, daß es die großen Schiffahrtsgesellschaften nicht immer mehr auf ihren Dampfern einführen würden. Die Dividenden zeigen ja, welch gute Rechenmeister diese Gesellschaften sind. Auch die Staaten verwenden in steigendem Maße Elektrizität in der Küche ihrer Kriegsschiffe. Wir können jedoch ein besonders beweisträftiges Beispiel anführen, von dem genaue Berechnungen vorliegen. In Zwickau in Sachsen hat die Elektrizitäts- und StraßenbahnAktiengesellschaft Versuche darüber angestellt, wie teuer das elettrische Kochen kommt. Und zwar vernünftigerweise dort, wo die Neuerung am nötigsten wäre: nämlich in Arbeiterhaushaltungen. Der Kostenberechnung ist der Preis von 10 Pf. für die Kilowattstunde Elektrizität zugrunde gelegt worden. Das Kaffeekochen für zwei Personen tam auf einen ganzen Pfennig zu stehen, es dauerte zehn Minuten; für vier Personen kostete es bei zwanzig Minuten Dauer 2 Pf. Für 11 Pf. Elektrizität wurde bei der Herstellung eines Mittagessens für vier Personen verbraucht, die Kochdauer betrug eine Stunde 15 Minuten, das Mittagessen bestand aus Nudelfuppe, Schweinsfoteletten, Salzkartoffeln und Kaffee. Die Kosten des elektrischen Kochens stellten fich für ein anderes Mittagsmahl auf 8 Pf. Es war nur für zwei Personen bestimmt, auf den Tisch tamen Reissuppe, Schellfisch, Buttersauce und Salzkartoffeln; Kochdauer eine Stunde 20 Minuten. Bei dem Versuche wurde während eines Monats zu 31 Tagen Kaffee und Mittagessen täglich gefocht und zehnmal warmes Abendessen. Die Aufwendung für die elektrische Kraft betrug 3,80 Mt. gegen 5,31 Mt., die früher für das Nochen wie folgt verausgabt werden mußten: 100 Pfund KohTen 3,40 mt., 4 Flaschen Spiritus 1,20 Mt., Holz 80 Pf., Streichhölzer 12 Pf., Plättkohlen 15 Pf. Die Ersparnis beträgt also 1,51 Mart, ein Betrag, mit dem heute manche Hausmutter den Nahrungsbedarf der Familie für einen Tag bestreiten muß. Dazu stelle Nr. 4 Für unsere Mütter und KauSfrauen 15 man sich die Einfachheit und Annehmlichkeit des Kochens mit Elek trizität vor. Wäre es nicht geradezu eine Erlösung für die Frau im Haus halt des kleinen Mannes, wenn sie zur Beleuchtung und zum Kochen Elektrizität oder doch wenigstens Gas verwendete? Eine Erlösung von mancher Geldnot, namentlich aber von zeitraubenden, müh samen und unangenehmen Verrichtungen. Warum entgehen im all gemeinen die großen Vorteile der Verwendung von Gas und von Elektrizität gerade der Hausfrau, die vielbeschäftigt, vielgeplagt und sorgenbebürdet der Entlastung am meisten bedürfte? Etwa weil diese Frau mit verschlossenem Sinn am Alten klebt und die so beträchtlichen Vorzüge des Neuen nicht zu würdigen vermag? Die Frage beantwortet sich selbst. Des Lebens Not öffnet die Augen für daS Zweckmäßige. Gar manche von Arbeit und Sorgen zu Boden gedrückte Hausmutter blickt sehnsüchtig nach den vornehmen Häu sern und öffentlichen Gebäuden, durch die Ströme elektrischen Lichtes fluten, bleibt bewundernd vor den Schaufenstern stehen, hinter denen ebenso praktische als hübsche Apparate, Töpfe, Pfan nen usw. für Kochen auf Gas und Elektrizität stehen. Wie gern würde sie Wohnräume und Küche auf die neueste und beste Art ein richten. Sie fühlt es in den Gliedern: das leichtere Wirtschaften wäre eine Ersparnis und Erhaltung von Gesundheit und Lebens kraft. Zwischen Wunsch und Erfüllung steht aber eine„ganze Welt", die den Armen und Kleinen feindlich ist. Allerdings: wo in ländlichen Gegenden elektrische Kraftwerke die Dörfer mit dem leuchtenden und hitzendcn Strom versorgen, kann auch in der armen Hütte das helle elektrische Licht scheinen, denn es kommt nicht zu teuer. Seltener, viel seltener ist auch dort die Verwendung der Elektrizität zum Kochen und Plätten. Die dazu nötige Einrichtung ist gewöhnlich zu kostspielig. Und wie sieht eS in den Städten aus? Gewiß, die meisten, wenn nicht alle haben heute Gas oder Elektrizität, viele beides. In den Wohnungen der Wenigbemitteltcn und Armen gibt es trotzdem häufig weder Gas noch Elektrizität. Obgleich eS nachgewiesen ist, daß die Mietkascr- nen in den Arbeiter- und Kleinhandwerkervierteln die höchste Ver zinsung einbringen, sparen gerade hier recht viele Hausbesitzer die Aufwendungen für die Anlage von Gasbeleuchtung und Gasherd. Wo die Leitung vorhanden ist, müssen die Mieter oft genug die Ausgabe für die weitere Einrichtung fürchten, es sei denn, daß eine Gasautomatcngesellschaft sie ihnen erleichtert, wie das hier und da der Fall ist. In den ärmeren Stadtbezirken verstehen sich die we nigsten Hausbesitzer dazu, daS Gas durch Elektrizität zu ersetzen, in der Kriegszeit scheuen sie die Kosten dafür erst recht, und wir geben zu, daß da mancher von ihnen mehr die Dornen als die Rosen sei nes Eigentums fühlt. Wenn schon die Wohnung mit elektrischer Anlage verschen ist, fehlt eS den Mietern an den Mitteln, um die weiteren Anschaffungen für Beleuchtung, Kochen und Plätten zu machen. Die zweckmäßige und auf die Dauer auch finanziell vorteilhafte Neueinrichtung ist leider nicht bloß eine Frage des Bedürfnisses, sondern des Geldes. Immer wieder greift letzten Endes die näm liche starke Macht ein und verhindert, daß die Hausfrau des kleinen Mannes die beste technische Möglichkeit zur Beleuchtung und zum Kochen ausnutzt. Diese Macht ist Privateigentum und Privatinter esse. Die großen Mittel zur Erzeugung alles dessen, was dem Lebensunterhalt und der Lebensfürsorge dient, sind das Eigentum einzelner und werden in erster Linie zum Vorteil einzelner ge nützt, ohne Rücksicht auf das Wohl der vielen, der Allgemeinheit. Soll die Hausfrau des arbeitenden Volkes sich mit dieser Ant wort bescheiden und die Dinge gehen lasse», wie es der Privatvor- tcil weniger und der Zufall will? Wir sagen nein! Not muß for- dcrn lernen. Es ist das Recht und die Pflicht unserer Hausmütter, darauf zu drängen, daß der drohenden Bcleuchtungsnot, daß der riesigen Verteuerung des Brennmaterials durch die Ausnutzung der größten möglichen Fortschritte begegnet wird. In dieser Hinsicht kann viel geschehen. So gut wie Staats- und Gemeindebehörden behilflich sein wollen, die Spiritusbrenner unter die breitesten Massen zu bringen, können sie auch die Verwendung von Gas und Elektrizität im Hause zu Preisen fördern, die dem kleinen Geld beutel erschwinglich sind. Staat und Gemeinde können Verein barungen treffen, Maßnahmen ergreifen, die es den Hausbesitzern erleichtern, ihr Anwesen mit Gas oder Elektrizität zu versorgen. vorhandene ungenutzte Quellen elektrischer Kraft können er schlossen und dem Haushalt dienstbar gemacht werden, und zwar womöglich durch gcmeinwirtschaftlichen Betrieb. Die öffentlichen Gewalten können durchsetzen, daß Gas und Elektrizität den Ver brauchern zu mäßigen Preisen zur Verfügung stehen. Abmachungen können bestimme», daß die Apparate und Einrichtungsstücke billig und auf Abzahlung zu erhalten sind. Maßregeln dieser und ähnlicher Art„können" durchgeführt wer den, ohne daß die bürgerliche Ordnung in Scherben, geht, und sie würden in ihren Folgen für die Hauswirtschaft mit der Kraft der Mütter Volkskraft schützen und sparen. Allein ob dieses„Können" Wirklichkeit wird, steht auf einem anderen Blatt. Daß man darauf ja lesen kann, hängt wesentlich von den Frauen selbst ab. Sie müssen mit den entsprechenden Forderungen in die Öffentlichkeit treten. Im Namen des Vaterlandes verlangt man heute von ihnen, daß sie schweigend dulden. Jedoch nicht durch Verzichten und Ent behren nützen sie ihrer Heimat am meisten, vielmehr dadurch, daß sie die Entwicklung in der Richtung des Fortschritts vorwärts treiben. Die Mittel dazu sind vorhanden und können aufgewendet werden. Das beweisen die fabelhaften Unsummen, die der Krieg verschlingt. Wenn man ohne zu feilschen Milliarden verausgabt, um Menschen zu töten, um zu vernichten, was die Kulturarbeit in Jahrtausenden geschaffen hat, mutz man auch die verhältnismäßig bescheidenen Beträge bereitstellen, die die Kultur fördern, und durch die Möglichkeit besserer Lebensfürsorge dazu beitragen, Menschen- kraft zu eehalten. o o o Mut. Mut haben heißt, seinen Willen nicht dem Zufall der Augenblicks- eindrücke und der Kräfte ausliefern; heißt in den unvermeidlichen Stunden der Müdigkeit den Willen zur Arbeit und zur Tat be wahren. Mut haben heißt, in der grenzenlosen Unterordnung, die das Ge- scllschaftsleben von dem einzelnen fordert, irgendeinen Beruf wäh len und darin tüchtig werden; heißt die Abneigung überwinden, in die kleinlich und eintönig scheinenden Einzelheiten einer Sache ein zudringen. Mut haben heißt, so gut inan kann vollkoinmen tüchtig in seinem Beruf werden; heißt jenes Gesetz der Arbeitsteilung ver stehen und sich ihm unterwerfen, das die Vorbedingung nützlichen TunS ist. Mut haben heißt, bei alledem noch Zeit finden, seinen Blick, seinen Geist über den Beruf hinaus auf die weite Welt zu richten und von einer höheren Warte aus ein ausgedehnteres Reich zu betrachten. Mut haben heißt, welchen Beruf auch immer man treibe, zugleich ein Praktiker und Philosoph zu sein. Mut haben heißt, sein eigenes Leben begreifen, lenken und ver tiefen; heißt aufrecht stehen und trotzdem sein Leben in Einklang bringen mit dem großen Ganzen alles Lebens. Mut haben heißt, seine Spinn- und Webmaschine genau über wachen, damit kein Fädchen zerreiße, und doch eine größere und brüderlichere sozial« Ordnung vorbereiten, wo die Maschine die ge- meinsame Dienerin der befreiten Arbeiter sein wird. Mut haben heißt, die neuen Bedingungen beachten, die daS Leben für Wissenschaft und Kunst schafft; heißt die fast unendliche Ver wicklung der Tatsachen und Einzelheiten der gesellschaftlichen Wirk lichkeit erforschen und erfassen. Mut haben heißt, diese ungeheure, verworrene Wirklichkeit mit großen Ideen durchleuchten, sie orga nisieren und erhöhen durch die erhaben« Schönheit ihrer Formen und unter Beobachtung ihrer gleichmäßigen Bewegungen. Mut haben heißt, seine eigenen Fehler einsehen, an ihnen leiden, sie meistern, sich von ihnen nicht überwältigen lassen, vielmehr seinen Weg weitergehen. Mut haben heißt, das Leben lieben und dem Tode mit Ruhe ins Auge schauen; heißt tätig sein, sich großen Zielen widmen, ohne zu wissen, welcher Lohn unserem Streben im tiefen, unergründlichen Weltall bereitet sein wird. Mut haben heißt, die Wahrheit suchen und sie sagen, sich nicht dem vorübergehenden Gesetz der triumphierenden Lüge unterwerfen, unsere Seele, unfern Mund und unsere Hände nicht zum Widerhall des einfältigen Beifalls und des fanatischen Hohnes machen. Jean Jaurös. Feuilleton Es ist sehr möglich. Von Seinrtq» Zscholke. Der Staatsrat Strhk führte fast bei jeder Gelegenheit die ihm zur Gewohnheit gewordene Redensart im Munde: Es ist sehr mö- lich. Nicht selten li«f sie sogar in sein« amtlichen Vorträge mit unter, di« er über BerwaltungSgegenständ« dem Landesherrn schriftlich oder im Kreise der übrigen Amtsgenossen und der Mini ster machte. Dann gab es, auch bei den allerernstesten Anlässen, ein stille» Lächeln, wi« ein Lächeln bei des Nachbar» Schwächen zu 16 Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 4 sein pflegt. Das konnte nicht fehlen. Gewisse Leute sehen des Nach- nischen Gesinnungen ihr dienstwilliges Wörtchen an den Mann bars Schwächen mit stets verjüngtem Vergnügen. Inzwischen was und blieb der Staatsrat Stryk ein angesehener, hochachtbarer Mann. Die nacheinander folgenden Landesfürsten schätzten ihn und zogen ihn immer wieder hervor, weil er mit seinen Kenntnissen, mit seiner Gewandtheit in Geschäften wesentliche Dienste leisten konnte. Jedermann gab zu, er sei ein gelehrter Mann, ein Mann von Taft, wie man ihn wegen der ihm eigenen Menschenkenntnis nannte, die er so richtig anzuwenden wußte. Ja, man hielt ihn für gelehrter, als er war, für flüger, als er war; selbst gute Köpfe hatten nicht nur Ehrfurcht und Achtung für ihn, sondern sogar eine gewisse Scheu, weil sie denen nicht recht trauen, die klüger sind als sie. Und doch war der Staatsmann Stryk ein grundredlicher, offener, gewissenhafter Mann, dem man nichts Böses nachsagen konnte. Aber eben daß man das nicht konnte, galt wieder als Beweis seiner Erzfeinheit, und als triftiger Grund, sich vor dem Manne in acht zu nehmen. Der Glaube an seine Klugheit ging so weit, daß man ihn allgemein für den weitestsehenden Politifer, für einen wahren Propheten hielt. Und an dem allen war seine sprichwörtliche Redensart schuld: Es ist sehr möglich! Inzwischen zog ihm sein Sprichwort doch zuweilen auch manchen Verdruß zu, was wenigstens andern Leuten wohl Verdruß gewesen wäre. Aber ihn focht nichts leicht an. Zum Beispiel war er eines Tages in der Ministerialversammlung, welcher der Kurfürst beiwohnte. Es war zur Zeit der franzö sischen Revolution. Man sprach nach aufgehobener Sizung von den neuesten Vorfällen in Paris, in Lyon, in Straßburg; sprach von der ungeheuren Verwandlung der französischen Nation, von der chemaligen Abgötterei, die sie mit ihren Königen getrieben, und von ihrer nunmehrigen Freudetrunkenheit beim Sturz des Thrones. Das ist das schändlichste Volk auf Gottes Erdboden! rief der Kurfürst: Kein anderes Volk könnte das. Denk' ich an meine Untertanen nie, des rin ich gewiß, werden sie von solchem Schwindel ergriffen werden, nie vor einem andern kniebeugen. Halten Sie es für möglich? Was meinen Sie, Stryk? Der Staatsrat hatte in dem Augenblick an etwas anderes gedacht, die Worte seines Herrn nur halb gehört, und zuckte verlegen die Achseln, indem er nach seiner Gewohnheit sagte: Es ist doch sehr möglich! Der Kurfürst stuzte. Wie verstehen Sie das? rief er: Glauben Sie, es werde ein Augenblick kommen, da meine Untertanen froh sein können, mich verloren zu haben? Es ist sehr möglich! sagte Stryk mit Besonnenheit: Man kann nichts voraus wissen. Niemand ist unzuverlässiger, als ein Volk; denn das Volk besteht aus Menschen, von denen sich jeder selbst mehr liebt, als den Fürsten. Eine neue Ordnung der Dinge bringt neue Hoffnungen; und immer sind Hoffnungen verführerischer, als der Besitz des Gutes selber. So sehr Ew. Kurfürstliche Durchlaucht von allen ihren Untertanen geliebt werden, und so sehr Sie die Liebe derselben verdienen; doch wollte ich nicht schwören, daß nicht bei verwandelten Umständen dies Volk alle Wohtaten veressen und zu Ehren einer Republik, oder eines andern Herrn, Freudenfeste und Illuminationen anstellen, die kurfürstlichen Wappen abreißen und beschimpfen könnte. O ja, es ist sehr möglich. Sie sind nicht gescheit! versetzte der Kurfürst heftig und wandte ihm den Rücken. Stryk fiel in Ungnade. Jedermann sagte damals: Stryk ist ein Narr. Einige Jahre nachher drangen die Franzosen glücklich über den Rhein. Der Kurfürst mit seinem Hofstaat flüchtete. Man jauchzte Freiheit und Gleichheit hinter ihm her, stellte Freudenfeste und Illuminationen an und riß die Kurfürstlichen Wappen ab. Stryk, als ein fenntnisvoller, brauchbarer Mann, fand auch unter der neuen Ordnung der Dinge seine Anstellung, und um so mehr, da bekannt geworden, weswegen er beim vertriebenen Landesherrn in Ungnade gefallen war. Man betrachtete ihn gewissermaßen als ein Schlachtopfer des Fürstendespotismus. Das Neue befestigte fich, und Stryk trug durch seine Tätigkeit und Geschäftskunde dazu nicht wenig bei. Ungeachtet seines natürlichen Feuers ließ er sich doch nie zur politischen Schwärmerei hinreißen. Er hielt es auch nie mit einer Bartei; das mußte ihn jeder Partei verdächtig machen. Die Jakobiner hießen ihn einen verkappten Royalisten, die Royalisten hießen ihn einen verkappten Jakobiner. Er lachte zu beiden Titeln und tat seine Pflicht. Eines Tages tam ein Regierungskommissär in das Departement, dem man, wie sich von selbst versteht, die größten Ehrenbezeigungen erwies. Jeder drängte sich zu demselben; jeder suchte sich bei ihm einige Wichtigkeit zu geben. Mitunter fehlte es auch nicht an Leuten, die über den braven Stryk und die Bweideutigkeit seiner republikabrachten. Der Kommissär, da er einst mit Stryk in großer, glänzen. der Gesellschaft zusammentraf, wo mancher feurige Toast auf die Freiheit der Welt, auf die Rechte der Völker, auf die Siege der Republik ausgebracht worden war, wandte sich auch zu Stryk. Ich wundere mich nur, sagte er, daß die Könige es noch wagen, wider uns zu streiten. Denn sie beschleunigen damit ihren eigenen Sturz. Die Revolution macht die Runde um die Welt. Was hoffen denn die Leute? Bilden sie sich ein, die große Nation mit den Waffen zu beugen und die Bourbonen zurückzuführen? Die Toren! Eher würde ganz Europa untergehen. Was meinen Sie, Bürger: ist es einem vernünftigen Manne gedenkbar, daß in Frankreich jemals wieder ein Thron aufgebauet werde? Unwahrscheinlich allerdings, sagte Strht, aber es ist sehr möglich. Was? sehr möglich? schrie der Kommissär mit donnernber Stimme, daß die ganze Gesellschaft zusammenfuhr: Wer an der Dauer der Freiheit zweifelt, hat sie noch nicht geliebt. Es tut mir leid, daß einer der ersten Beamten solche Gesinnungen nährt. Wie können Sie sich auch nur entschuldigen? Entschuldigen? sagt Stryt ganz ruhig; das ist sehr möglich. Das freie Athen gewöhnte sich erst an einen Perikles, dann an einen König von Mazedonien. Rom hatte erst Triumvirate, dann einen Cäsar und zuletzt Neronen, England tötete seinen König, hatte einen Cromwell, hintennach wieder Könige. Was wollen Sie mit Ihren Römern, Athenern und Engländern? rief der Kommissär: Was wollen Sie mit diesen elenden, charakterlosen Völkern, die der Ketten wert waren? Sie werden sie doch nicht mit den Franzosen in Vergleich setzen? Aber ich verzeihe Ihnen Ihre schiefe Ansicht. Sie sind kein geborener Franzose. Es war jedoch dem Kommissär mit dem Verzeihen kein besonderer Ernst; denn Stryk verlor bald darauf seine Stelle. Er mußte sich sogar gefallen lassen, wegen verdächtiger Reden in Verhaft und peinliche Untersuchungen zu geraten. Ginige Jahre nachher ward Bonaparte erster Konsul, erst für zehn Jahre, dann für Lebenszeit, dann Kaiser und König. Stryk ward gleich anfangs wegen seiner Einsicht, Rechtschaffenheit, und weil er von jeher zu denen gehört hatte, die man die Gemäßigten nannte, wieder in Amt und Würden eingesetzt. Von dieser Zeit an genoß er in seinem Kreise höhere Achtung als je. So manches, was er zuvor gesagt hatte, war erfüllt. Man hielt ihn für einen politischen Fernseher. Napoleon verwandelte die Welt und verschenkte Kronen. Auch Stryk war der Diener einer dieser Kronen und genoß die größten Ehren. Nun war kein Mensch mehr Republikaner. Jeder kroch bor dem neuen Herrscher. Ja, niemand wollte jemals zu den Republifanern gehört haben, sondern jeglicher behauptete, von dem Schwindel, der einst alle befallen hatte, freigeblieben zu sein. Man rechnete es zur bittersten Schande, nicht allezeit gut föniglich gedacht zu haben. Ich finde darin keine Schande, sagte Stryk, als sich einst darüber zwischen seinen besten Freunden Vorwürfe und Wortwechsel erhoben: ich glaube, ihr alle habt, da der Schnupfen umging, davon befallen werden können. Und kommt ähnliche Witterung wieder, könnet ihr auch den Schnupfen noch einmal bekommen. Es ist sehr möglich. Wie? Halten Sie uns alle für so schwache, arme Sünder? riefen fie insgesamt. Wahrscheinlich, ich für meine Person, setzte jeder hinzu, lasse mich nicht leicht von dem politischen Modefieber besiegen! Da fällt mir, sagte Stryt, immer aus Addisons Zuschauer der Sultan von Ägypten ein. Dieser Sultan tat sich etwas darauf zugute, ein starker Geist zu sein. Nichts war ihm lächerlicher, als was der Koran von des Propheten Mohammed überirdischer Reise erzählt. Laut der Sure des Korans ward der Prophet nämlich, da er eines Morgens im Bette lag, vom Engel Gabriel durch Paradies und Hölle und alle sieben Himmel geführt; er hörte, er sah da alles, was vorging, hielt mit Gott neunzigtausend Unterredungen, und das alles in so kurzer Zeit, daß der Prophet sein Bett noch warm fand, da ihn der Engel Gabriel wieder hineinlegte, ja, daß das Waffer eines Kruges, den er bei Anfang der Himmelfahrt vor seinem Bette umgestoßen hatte, noch nicht einmal ganz ausgeflossen war. Spruch. ( Schluß folgt.) Ein gutes Wort wirkt schöpferisch und weckt neue Ideen. Eine alberne Bemerkung kann eine ganze Saat verwüsten. A. Feuerbach. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druckt und Verlag von J. H. W. Diet Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart.