Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 6 oooooooo Beilage zur Gleichheit oooooooo Inhaltsverzeichnis: Flandrisches Dorf. Gedicht von Otto Krille. über ansteckende Krankheiten. Von Alex. Lipschütz. Weihnachtsgaben. Von-hl-.-Feuilleton: Im Gefängnis. Von F. W. Flandrisches Dorf. Wie seltsam ist das alles um mich her! Ein deutscher Abend sinkt aufs Dorf hernieder, Und meine Schritte hallen traulich wider Wie vor der Mutter Haus auf blanken Steinen. Geht hier ein Plaudern, bänglich Kinderweinen? Fließt dort ein Brunnen filberkühl und schwer? Verschüttet Leben will sich wieder rühren. O heimlich Warten vor den offnen Türen, Als müßten Söhne, Gatten heimwärtskehren! Sind's unfre Mütter, die sich scheu verzehren, Und unfre frauen mit den feuchten Blicken? Jch geh als Feind vorbei! Ein flüchtig Nicken, Ein fremder Gruß, ein fremder Laut! Und doch, Er sprengt der Sehnsucht riegelschweres Joch. Jch bin daheim, ich kann es lächelnd wähnen. Da bricht ein Donner durch den frieden jach, Und heulend kommt das Schrecknis nach Geschrei! Vernichtung!- Tod und Tränen! 000 Otto Krille( im felde). Lleber ansteckende Krankheiten. Von Alex. Lipschüß. Wir sind immer wieder Augenzeugen davon, daß ganze Gruppen der Bevölkerung gleichzeitig von ein und derselben Krankheit befallen werden. Wir sprechen dann von einer Epidemie. Man wird da zunächst an den Typhus und an die Cholera denken oder an die Diphtherie und an den Scharlach, die unsere Kinder befallen, und an manche andere Krankheit, die den gesunden Organismus plötzlich trifft wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Bei solchen Krantheiten ist uns der Gedanke geläufig, daß etwas von außen in den Organismus hineingekommen sein muß, um diesen krank zu machen. Es muß eine Anste d ung stattgefunden haben. In dem Worte„ Ansteckung" liegt ja die Auffassung, daß bei diesen Krankheiten etwas von außen den Weg in den bisher gesunden Körper gefunden habe. Die heutige wissenschaftliche Medizin hat uns nun mit aller Sicherheit gezeigt, daß es tatsächlich eine ganze Reihe bon Krankheiten gibt, die so entstehen, daß in unseren Körper etwas " bon außen" hineingelangt, daß sich fremde Lebewesen in unserem Körper festsetzen. Der bisher gesunde Organismus wird angesteckt", er wird von den Lebewesen„ infiziert". Die ansteckenden Krankheiten sind in der Regel Batterien frankheiten, das heißt fie entstehen dadurch, daß allerkleinste Lebewesen, eben die Bakterien, in den bisher gesunden Körper hineingelangen. Natürlich ist nicht jede Krankheit, die gleichzeitig eine größere Gruppe von Menschen an einem bestimmten Orte befällt, eine ansteckende Krankheit, obwohl dies auf den ersten Blick so erscheinen mag. Es sei an dieser Stelle an die in Italien sehr verbreitete Bellagra erinnert, der alljährlich Zehntausende von Menschen zum Opfer fallen. Und doch wissen wir, daß diese Krankheit keinesfalls durch ein Lebewesen hervorgerufen wird, sondern daß sie dort zu Hause ist, wo sich die Bevölkerung vorwiegend mit Mais ernährt. Ebenso kennt man in Ostasien die Beri- Beri- Krankheit, die in Japan, in China, in manchen Teilen von Indien und auf den Philippinen sehr verbreitet ist und eine ganz ungeheure Zahl von Opfern fordert. Von dieser Volkskrankheit weiß man mit aller Sicherheit, daß sie bedingt wird durch den Genuß von minderwer tigem Reis, und daß Bakterien dabei gar nicht mit im Spiele find. Also: Nicht jede Krankheit, die gleichzeitig größere Gruppen der Bevölkerung befällt, ist eine anstedende Krankheit; denn unter anstedenden Krankheiten verstehen wir solche, die durch irgend ein Lebewesen hervorgerufen werden, bas von einem Kranten direkt oder durch Ver1915 mittlung von Gegenständen auf bisher gesunde Personen übertragen werden kann. Man wird sich nun vor allen Dingen fragen, wie man feststellen kann, daß eine bestimmte Krankheit eine ansteckende Krankheit oder eine Infektionskrankheit" ist. Eine jede Krankheit, die gleichzeitig eine größere oder kleinere Gruppe der Bevölferung plötzlich befällt, wird natürlich den Verdacht auf sich lenken, eine Infektionskrankheit zu sein. Um das aber sicher behaupten zu können, ist eine ganze Reihe eingehender wissenschaftlicher Untersuchungen nötig. Es muß vor allen Dingen nachgewiesen werden, daß bei der betreffenden Krankheit im Körper der Patienten stets ein und derselbe Bazillus oder Bakterie, ein und dasselbe mikroskopisch kleine Lebewesen vorhanden ist. Wenn zum Beispiel behauptet wird, daß die Cholera eine Infektionskrank heit ist, so muß der Nachweis gelungen sein, daß im Organismus der Cholerakranken stets ein und derselbe Bazillus vorhanden ist. Ein zweiter Schritt wird dann sein, daß man den Bazillus, den man in den Organen, im Blute, in den Geweben oder auch in den Ausscheidungen bei der betreffenden Krankheit vorfindet, in allen seinen Eigenschaften genauer zu studieren sucht. Der Bakteriologe, der die Eigenschaften der Bakterien zu seinem Spezialstudium gemacht hat, wird auch versuchen, die betreffende Bakterienart außerhalb des Organismus zu fultivieren, zu züchten, um dann mit dieser Bakterienart die verschiedenartigsten Versuche anzustellen. Zunächst wird er versuchen, Tiere mit den gezüchteten Bakterien zu infizieren. Die Tiere erkranken zwar nicht immer an derselben Krankheit, die der betreffende Bazillus beim Menschen hervorruft; manchmal sind sie sogar für Bazillen, die den Menschen frank machen, ganz unempfänglich. Sehr häufig aber erkranken sie an ähnlichen Erscheinungen wie der Mensch oder an ganz bestimmten, für diesen Bazillus bei dieser Tierart charak teristischen Erscheinungen, und der Arzt kann auf Grund der Erkrankung, die an einem Tiere, zum Beispiel an einem Meerschweinchen durch Bazillen hervorgerufen worden ist, aussagen, um we lchen Bazillus es sich gehandelt haben muß. So kann man, wenn man im ersten Augenblick nicht ganz sicher ist, Meerschweinchen mit Cholerabazillen infizieren und auf Grund der Erscheinungen, die man dabei beobachtet, mit aller Sicherheit aussagen, daß die be= treffenden Bazillen Cholerabazillen sind. Die bekanntesten Infektionskrankheiten in unserer Gegend find folgende: der Typhus, der namentlich Erwachsene, aber auch Kinder befällt, die Diphtherie, die als eigentliche Kinderkrantheit gelten kann, die Influenza, die manchmal eine harmlose, leichte Erkältungskrankheit ist, manchmal aber auch zu den schwersten Erscheinungen führt, die den Patienten ins Grab bringen; die epidemische Genickstarre, die so zahlreiche Opfer zu for dern vermag, wenn sie sich an einem bestimmten Orte für einige Beit festgesetzt hat. Das sind alles die sogenannten„ a kuten Infektionskrankheiten". Sie treten mehr oder weniger plötzlich auf, werfen den Patienten schnell aufs Krankenlager und halten einige Wochen an. Der Patient ist in kurzer Zeit entweder genesen oder dahingerafft. Den akuten Infektionskrankheiten stehen gegenüber die sogenannten„ chronischen Infektionskrankheiten", zu denen in erster Linie die so verbreitete Tuberkulose zu rechnen ist. Bei den chronischen Infektionskrankheiten entwickelt sich das Krankheitsbild ganz allmählich, und die Krankheit erstreckt fich auf eine längere Zeitdauer, zuweilen auf viele Jahre. Dabei ist der Patient bald bettlägerig, bald wieder so weit hergestellt, daß er zu seinem Beruf zurückkehren und sich des Lebens freuen kann, bald sieht er wieder seine Kräfte schwinden, so daß er aufs neue das Krankenlager aufsuchen muß. Wir haben oben gesagt, daß man eine Krankheit nur dann zu den Infektionskrankheiten rechnen kann, wenn man bei ihr stets einen und denselben Bazillus zu finden vermag. Nun gibt es aber ein ganze Reihe von Krankheiten, die wir, nach allerlei Anzeichen zu urteilen, zu den Infektionskrankheiten rechnen müssen, ohne daß es uns bisher gelungen ist, bestimmte Bazillen bei den Patienten nachzuweisen. Man denke nur an den Scharlach, den schrecklichen Feind unserer Kinder; man denke an die Masern, die bei uns so außerordentlich verbreitet sind; an die Pocken, die wir im Laufe des letzten Jahrhunderts durch Impfung so erfolgreich zu bekämpfen gelernt haben, so daß sie beinahe verschwunden sind; an 2Z Für unsere Muller und Äausfrauen Nr. 6 den Flecktyphus, der gerade jetzt so ungeheuer viele Opfer for dert. Trotzdem ma» in den Organen oder in den Ausscheidungen der Patienten keine Bakterien gefunden hat, die für die betreffende Krankheit charakteristisch find, so müssen wir diese Krankheiten doch zu den Infektionskrankheiten rechnen, weil uns der Augen schein lehrt, datz sie von einem Patienten auf den andern über tragen werden. Wenn zum Beispiel ein Kind, das Masern hat, mit einem gesunden Kinde auch nur ans kurz« Zeit zusammen ist, so wird letzteres mit Masern angesteckt. Dasselbe gilt für den Schar lach und für die anderen erwähnten Krankheiten. Ansteckende Krankheiten können von einschneidender Bedeutung für das ganze Volksleben sein; es sei hier cm erster Stelle erinnert an die Bedeutung, die die P e st im Mittelalter gehabt hat. Die Pest ist eine ansteckende Krankheit, die in unserer Gegend heute vollständig erloschen ist, während sie in Asien, im tropischen Amerika und in anderen tropischen Gegenden auch heute noch vor kommt. Im Mittelalter dagegen war die Pest ein unheimlicher Gast in Europa. Ganze Städte starben aus, ganze Länderstriche von Deutschland, Italien und der Schweiz wurden menschenleer. Stadt und Land waren von Leichen bedeckt. Es war der„schwarze Tod", den Meister Holbcin in so grauenvoller Weise gezeichnet hat. In dem Haupthcrde der Pest, in Indien, fordert sie auch heute noch Millionen von Opfern. Sehr verbreitet ist in Indien auch heute noch eine andere Infektionskrankheit, die bei unS nur noch selten vorkommt, die Cholera. Sie hat sich in Nussland augenscheinlich ziemlich festgesetzt, wo von Zeit zu Zeit stärkere Choleraausbrüche vorkommen. Von Rußland werden auch einzelne Fälle von Cholera nach Deutschland verschleppt. Dank den verschiedenen Vorbeugungs- maßregeln, die man im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte gegen diese ansteckenden Krankheiten in Europa ergriffen hat, kommen sie hier nur vereinzelt vor oder in kleineren Epidemien, die durch ein zelne verschleppte Fälle hervorgerufen werden. Sobald aber die Vorbeugungsmaßregcln nachlassen, gewinnen diese Infektions krankheiten ihre alte verderbliche Bedeutung für das Leben der Völker. Man denke sich einen einzelnen Typhusfall, der nicht in einer Isolierbaracke von der Außenwelt abgeschnitten wird. Sofort ist die Möglichkeit gegeben, datz die ganze Stadt vom Typhus be fallen wird. Man denke sich, datz die Geschwister eines scharlach- krankcn Kindes in die Schule kommen und mit anderen Kindern verkehren— die ganze Schule erkrankt an Scharlach. Besonders deutlich sieht man das jetzt während des Krieges. Da ist es natür lich ausgeschlossen, datz man alle jene Vorbeugungsmatzregeln er greift, die in normalen Zeiten möglich sind. Wir sehen deshalb über all Infektionskrankheiten, wie Cholera, Dysenterie, Typhus, Fleck typhus usw., stärker auftreten, als eS sonst der Fall ist. Schon allein die Ansammlung ungeheurer Mcnschcnmassen, die der moderne Krieg mit sich bringt, das Zusammenwürfeln verschiedener Nationen bei der Gefangennahme größerer Truppenmassen usw., unterstützen die Verbreitung von Infektionskrankheiten.(Schluß folgt.) o o o Weihnachtsgaben. Weihnachten steht vor der Tür. Ein blutiges, freudloses Weih nachten. Nur die Augen der Kinder leuchten in alter Weihnachts hoffnung; und im Ausmalen der Weihnachtsherrlichkeiten, in, Auf stellen heimlicher Wunschzettel, im zweifelnden Bangen, ob das Christkind auch wirklich sie nicht vergessen werde, nehmen ihre Herzen sich das beste und reinste Stück der Weihnachtsfreude ahnungslos vorweg. In wje mancher Kanimer wird diesmal der heilige Abend düster und frostig sein! Wie viele proletarisch« Mütter— und die Zahl ist Heuer weit größer als sonst— werden mit leeren Händen vor ihren Kindern stehen und zu allem anderen Kummer hin den Schmerz empfinden, ihren Lieblingen nicht« schenken zu können! Gewiß werden überall ein Dutzend oder mehr wohltätiger Vereine sich auch dieses Jahr anstrengen, um den.armen Kindern" eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Man wird ermitteln, wer es.nötig hat", und in einem großen Saal werden ein paar große Lichter bäume stehen— mit elektrischen Glühkerzen natürlich— und an langen Tischen werden allerhand nützlich« Gaben hübsch geordnet der Verteilung harren. Es wird vielleicht auch nicht an bescheidenen Spielsachen und etwaS Backwerk fehlen, auch nicht an einer kleinen erbaulichen Ansprache und erbaulichen Liedern. Damen und Herren werden mit süßen Mienen sich in christlicher Nächstenliebe und.so zialer Hilfstätigkeit" üben und der ehrlichen Meinung sein, an diesem einen Abend ihr redliches Teil zur Qberbrückung der Klassengegen sätze geleistet zu haben. Man wird später in den Vereinsberichten lesen, datz während des Krieges soundso viel tausend oder gar zehn lausend.arme Kinder" reichlich beschenkt wurden. Gewiß, die Herren und Damen meinen cS gut, und eS wird ja auch Proletariereltem geben, die dankbar sind für die„Brosamen, die von des Reichen Tische fallen". Diese Arme-Lazarusseelen sind schon zu mürbe gemacht und abgestumpft, um daS Demütigende solcher WeihnachtSalmosen noch voll zu empfinden. Sie sehen keine Beleidigung darin, daß ihnen hier ein Mitgefühl bewiesen werden soll, das die harte Not des Lebens doch täglich Lügen straft. Mouche Proletariereltern freilich gehen nur hin— um ihrer Kinder willen. Sie wollen ihnen die Weihnachtsfreude nicht ganz versagen, und da sie selber nichts geben können, so sollen die Kinder hier wenig stens froh werden. Wer könnte sich in die Seele solcher Mütter nicht hineinfühlen? Wer seine Kinder lieb hat, dem ist es kein geringer Schmerz, ihnen eine Freude, eine langgehegte Erwartung versagen zu müssen, lins Alte lehrt die erbarmungslose Schule des Lebens auf Freuden ver zichten. Aber Kinder haben ein Recht auf Freude. Freude ist für die kindliche Seele, was der warme Mairegen für ein frisch bepflanztes Beet ist. Alle Geistes- und Körperkräfte gedeihen erst vollkommen unter dem belebenden Regenschauer der Freude. Aber die Eltern dürfen nicht vergessen, daß nicht alle Freude gleich gut ist. Es gibt auch Scheinfreuden, die wie billige Fabrikware sind, wie Zucker zeug, das man mit giftigen Farbstoffen vermengt hat. Derart sind die genannten Christbescherungen. Sollen wir denn wirklich unser- Kinder dazu anleiten,.Wohltaten" zu empfangen, gar„Wohle taten" zu erwarten, und zwar aus den Händen einer Gesellschaft, die nur durch unsere eigene Arbeit und Armut in den Stand ge setzt wird, Wohltaten zu spenden? Wo bleibt da unser proletarischer Stolz, unser sozialistischer Anspruch auf vollen Anteil an allen Lebensgütern? Hier wird Freudeversagen zur gebieterischen Pflicht für proletarische Eltern zugunsten einer besseren, höheren Freude, die darin besteht, daß wir unsere Kinder schon frühe mit dem trotzigen Geiste der Selbsthilfe, mit dem schönen Stolze erfüllen, der auf alle Bettelsiippen verzichtet, und seien sie noch so verlockend und mit noch so süßen Worten dargereicht. Viele Eltern wähnen auch mir, sie seien nicht imstande, ihren Kin dern eine Weihnachtsfreude zu bereiten. Sie zählen die wenigen Groschen, die sie verdienen und die gerade zum Allernötigstcn aus reichen, manchmal nicht einmal dazu. Sie lesen die Preise der Spiel waren in den Schaufenstern, aber alles, was schön und gut und verlockend aussieht, ist unerschwinglich teuer. Wie herzlich wenig verstehen diese Eltern von Spiel und Wesen des Kindes! Als ob es darauf ankäme, was ein Ding kostet, als ob die„Kunst", die der Hersteller daran verschwendet hat, maßgebend sei für den Spiel wert des Gegenstandes! Ist es nicht oft gerade umgekehrt? Wir Er wachsenen beurteilen die Spielwaren allzusehr nach unserem mehr oder minder verdorbenen Alten-Geschmack, schätzen sie von unserem Standpunkt aus, glauben, was unS gefällt, müsse auch als Spiel zeug in den Händen unserer Knaben und Mädchen das Beste sein. Sehen wir uns einmal ein großes, modernes Spiclwarenschau- fenster an. Da kreisen elektrische Bahnen durch Tunnels, die mit Glühbirnen elektrisch erleuchtet sind. Alles, der Bahnhof, die Weichen-" wärterstelle, die Signale, die Güter- und Personenwagen, die Loko motive und der Tender sind bis ins kleinste eine peinlich genaue Nachahmung der Wirklichkeit. Gewiß, eine Leistung, die unsere Be wunderung hervorrufen mutz. Und auch die Kinder werden mit Staunen, ja Interesse vor dem Schauspiel stehen bleiben. Eignet sich das teure Machwerk darum zum Spielzeug?— Freilich, man cher Knabe wird seufzen:„Ach, wenn ich das nur hätte!" und der Jubel würbe kein Ende nehmen, könnten wir ihm eine solche Eisen bahn auf den Weihnachtstisch legen. Aber beobachten wir doch nach her, was daS Kind damit anfängt! ES hat im besten Fall eine Uirterhaltung, einen Zeitvertreib. Spiel soll aber weit mehr sein; das wahre Spiel ist eine Qbung aller Kräfte, ein geistiges Arbeiten des KindeS mit kindlichen Mitteln. ErfindungSgeist, Phantasie, Hand fertigkeit, Selbstvertrauen, Gewandtheit, tausend kleine, aber wich tig« Lebenserfahrungen vermittelt das Spiel, das echte, gute Spiel dem Kinde. Aber was arbeitet die Phantasie des Kindes, wenn es die Eisenbahn dreißigmal im Kreise laufen läßt? Noch weniger sind jen« anderen teuern Spielzeuge wert, die eigentlich nur zum Anstaunen da sind, mit denen daS Kind überhaupt nichts anfangen kann. Bon der erschreckend rohen Idee, künstliche Schlachtfelder vor dem kindlichen Auge aufzubauen, wollen wir ganz schweigen. Dieses aber ist daS Haupterfordenns jedes Spielzeugs: das Kind nwß etwas damit anfangen können, mutz ungeniert damit herum hantieren dürfen. Ein Spielzeug, daS zu„kostbar" dazu ist, hat keinen Sinn, ist eben gar kein Spielzeug. ES soll damit durchaus nicht gesagt werden, daß eS nicht auch brauchbare, teure Spielsachen, zumal für ältere Kinder gibt, zum Beispiel manche Werkzeug- und Baukästen zur Selbstherstellung einfacher Maschinen, elektrischer Ap- Nr. 6 Für unsere Mütter und Bausfrauen parate und sonstiger technischer Gegenstände. Leider kommen aber diese ausgezeichneten Mittel, die Fähigkeiten unserer Kinder zu ente wickeln, ihr schöpferisches Interesse wachzurufen, für die allerwenig sten Arbeitereltern in Betracht. An dieser Stelle soll deshalb vor allem gewarnt werden vor jener falschen Ansicht, als ob ein Spielzeug besonders, naturgetreu" sein müsse, als ob es darauf ankomme, dem Kinde eine möglichst genaue Nachahmung der Wirklichkeit in die Hand zu drücken. Im Gegenteil! Das tötet ja gerade die Phantasie, lähmt den schöpferischen Trieb des Kindes. Das Spielzeug muß dem Kinde die Möglichkeit geben, handelnd und bästelnd mit ihm umzugehen. Warum zerbrechen fleine Kinder denn mit Vorliebe ihr Spielzeug, und je gründlicher, desto lieber? Aus angeborener Bosheit? Bewahre! Weil der Entdeckungsgeist des Kindes sich regt, weil es wissen möchte, wie das Ding innen aussieht", weil es seine Kräfte daran erproben will, weil es die geschenkten Sachen in seiner Art verbessert. Sobald die Sachen„ kaputt" sind, beginnt das Kind mit Wiederher stellungsversuchen, lernt die Folgen seiner Handlungsweise fennen; Phantasie und Nachdenken erwachen in ihm. An vielen Spielsachen ist es noch das beste, daß sie kaputt zu machen sind. Wer also seinen Kindern zu Weihnachten kein Spielzeug kaufen fann, braucht deshalb noch lange nicht darauf verzichten, seinen Kindern eine Freude zu machen. Vorausgesetzt, daß auch die Eltern ein wenig Erfindungsgabe besitzen und gewillt sind, ihren Kindern ein flein wenig Zeit zu opfern. Es soll nicht geleugnet werden, daß die vielgeplagte, abgehegte Arbeiterin, Mutter und Hausfrau im Drang und Zwang ihres dreifachen Berufs herzlich wenig Zeit erübrigen kann, um sie dem Spiel ihrer Kinder zu widmen. Es ist aber auch eine Tatsache, daß oft gerade die gehegtesten Arbeitermütter es sind, die sich noch da und dort ein halbes Stündchen abzwaden, um ihren Kleinen neben dem Notwendigen auch etwas überflüffiges", wie Puppentleidchen oder sonst was, zu verfertigen. Und sie finden Erholung und Freude bei dieser Liebesarbeit, Freude im Bewußtsein, eine Freude zu machen. Man glaube ja nicht, ein Spielzeug sei etwas überflüssiges. Es sei genug getan, wenn wir unsere Kinder mit dem Notwendigen und Nützlichen versehen. Nein, das Spielzeug ist für die geistige Entwicklung des Kindes genau so nötig wie warme Kleider und Schuhe für den Leib. Am schönsten aber ist es, wenn wir unseren Kindern helfen, ihr Spielzeug selber zu verfertigen. Es ist außer Zweifel, daß die Freude des Knaben am selbstgefertigten Papierdrachen, Schild und Speer, am selbstgebastelten Kaufladen hundertmal größer ist, als an ge fauften Dingen. Und wieviel hübsche Sachen lassen sich von Kinderhand herstellen aus ein bischen Pappdedel, Holzstäbchen, leeren Bigarrentistchen, leeren Fadenrollen! Mit einer kleinen, billigen Laubsäge, einem einzigen Schnißmesser lassen sich nachhaltigere Weihnachtsfreuden bereiten als mit den schön lackierten Blechwaren, den feldgrauen Uniformen, den Helmen, den funstvoll gegliederten Charakterpuppen". Wie reizende Puppenfüchen, Wiegen, fleine Somoden und so weiter lassen sich mit Hilfe von kleinen Stoffresten, einer Zigarrenschachtel, leeren Zündholzschächtelchen usw. Herstellen. Wie reizend ist es, wenn die ganze Kinderschar eifrig zusammenarbeitet, um einige Brettchen in ein kleines Haus zu verwandeln mit Fenstern, Türen, Schornstein und allem Nötigen. Wie schöne Tischchen, Stühle, Schränke entstehen oft aus den seltsamsten Materialien! Und wie unerschöpflich ist unser aller Freund, der winterliche Wald, im Darbieten von Gaben. Da sind die grauen, so wunderboll vielgestaltig geästelten Baumflechten, die verschiedenen Moose, Stückchen Rinde, Eicheln, Bucheln, Tannen- und Föhrenzapfen, mit deren Hilfe sich die allerliebsten Gärtchen und Ställchen zusammenfleistern lassen. Auch die Weihnachtsvorfreude können wir unseren Kindern verlängern und vertiefen. Nichts Köstlicheres und für das Selbstver frauen wie für die Hingabefähigkeit des Kindes Gesünderes, als wenn es das Ergebnis seiner wochenlangen Spielarbeit den Eltern auf den Weihnachtstisch stellen tann: Sieh, das habe ich für euch gemacht! Und es müßten seltsame Eltern sein, die feinen Sinn für den Stolz und die Freude des Kindes hätten, auch wenn das Gemachte noch so wunderlich dreinschaut. Wie gut läßt sich auch der Christbaumputz von Kinderhänden herstellen: Ein bißchen Silberoder Bronzefarbe, und die rauhen Bucheckern, die offenen und geschlossenen Föhrenzapfen gewinnen ein festliches Aussehen. Welch lustige fleine Figuren, Umrißbildchen, Sterne usw. lassen sich aus Bapier schneiden oder zusammenfalten! Aus den leeren Schalen einer Nuß lassen sich fleine Miniaturjegelschiffe herstellen. Die schöpferischen Möglichkeiten sind unendlich. Dft bedarf es nur der aufmunternden Worte, nur eines Hinweises, um das Kind dazu zu bringen, sich mit Fenereifer an diese Arbeiten heranzumachen. Man schaue sich 23 doch nur einmal die selbstgemachten Flugzeuge unserer Knaben auf der Straße an! Wie viel technisches Geschick, Erfindungsgeist steckt darin! Und wie sind sie unablässig beschäftigt, so ein Werk der eigenen Hand zu verbessern, neue Verwendungsmöglichkeiten zu er finden! Ja, da ist echtes Spiel und echte Freude! Das wahre Spielzeug also hat nichts oder doch nur wenig mit dem Geldwert zu tun. Die Frage ist nicht die: Was hat's gekostet? und ein Kind sollte überhaupt nie erfahren, was sein Spielzeug kostet, sondern die Frage lautet: Ist das Spielzeug geeignet, die Fertigkeiten und geistigen Anlagen des Kindes entwickeln zu helfen, es an schöpferische Tätigkeit zu gewöhnen, ihm neue Erfahrungen zuzuführen, ihm eine dauernde, echte Freude zu bereiten? Wir wollen nie, auch nicht bei den Weihnachtsgaben, das Ziel unserer Erziehung aus den Augen lassen: geistig und körperlich voll entwickelte, selb ständig handelnde, frohe und gütige Menschen heranzubilden. Darum wollen wir nicht nur selber unseren Kindern eine Weihnachtsfreude machen, sondern unsere Gaben so einrichten, daß sie die Kinder instand setzen, auch andere damit zu erfreuen. Nichts Häßlicheres, als wenn die Kinder nach Weihnachten herumstehen und sich mit Kapitalistenstolz erzählen: Wieviel's gekostet hat. Die ganze schmierige Spießerseele kündet sich damit an. Die anderen sollen sie beneiden. Das Maß aller Dinge ist das Geld. Nichts Verderblicheres für den kindlichen Charakter, wenn die Hauptfreude darin besteht, andere eifersüchtig zu machen. Dazu führen aber alle jene Spielzeuge, die eine glitzernde Außenseite haben, dem Kinde aber feine Möglichkeit geben, sich bildend und schaffend damit zu betätigen. Denn die Tätigkeit führt das Kind zur Gemeinsamkeit, die Gemeinsamkeit zur Kameradschaft. Die kindliche Kameradschaft aber ist die Vorschule der erdumspannenden Klassensolidarität und des tiefen Menschlichkeitsgefühls, die der erwachsenen Arbeiterschaft -hl-. Stolz und Waffe sein sollen. Feuilleton Im Gefängnis. Der erste Tag. Knarrend schließt sich die eisenbeschlagene Tür hinter mir. Der Schlüsselbund flirrt, der Riegel schnappt ein... die Tritte des Wärters verhallen. Nun eisige Stille... ich bin allein.... Der Abend dämmert; er saugt die Helle aus Ecken und Winkeln und taucht die Zelle in ein ungewisses Zwielicht. Fünf Schritte in der Länge mißt der Raum, drei in der Breite. Das Fensterchen an der Zellendecke ist mit starken Eisenstäben vergittert. Ein Stückchen Abendhimmel lugt durchs Fenstergitter. Ein Tischlein und ein Bänkchen, an der Seitenwand mit Scharnieren befestigt; eine Matratze auf einem eisernen Bandrost, ein Kopfteil, zwei Wolldecken, zwei Bettücher, das Bett gleichfalls mit der Mauer fest verbunden, aufgeklappt und mit Kette und Schloß an die Wand geschlossen, endlich ein Wandschränklein mit zwei Efnäpfen und dem Wasserkrug bilden die Ausstattung der Zelle. Ein gußeisernes Rohr im Eck dient als Ofen, ein starker, in die Wand eingelassener Blechkasten birgt den Unrateimer. Hier also soll ich Tage, Wochen, vielleicht Monate zubringen, während draußen das Leben brandet und braust, um das Schicksal der Völker, ja der Menschheit mit titanenhafter Kraft und Leidenschaft gerungen wird? Ein paar harte durchdringende Glockenschläge im Hof drunten befehlen: zur Ruhe! Der Schlüffel raffelt im Schloß, der Riegel fliegt zurück. Der Aufseher öffnet das Schnappschloß an der Wand und läßt das Bett nieder. Das Licht verlöscht, die Schritte entfernen sich. Bleierne Stille preßt das Hirn zusammen. Ich werfe mich auf die Matraze. Und ein Gott hat Erbarmen: tiefer, traumloser Schlaf taucht alle Qual ins Dunkel der Vergessenheit.... Der Spaziergang. Wenn der Tag graut, höre ich das Stapfen und Schlürfen viel: r Füße im Hof drunten. Eine halbe Stunde„ Bewegung im Freien" täglich schreibt die Gefängnisordnung vor. Die Sträflinge machen ihren Spaziergang, immer rundum, immer rundum.... Nachmittags um drei Uhr öffnet der Aufseher meine Zelle. An vielen kleinen Türen mit schweren eisernen Beschlägen geht es vorbei. Die Hoftüre wird geöffnet und wieder geschlossen. Dann gehe ich denselben Weg, den morgens die vielen gegangen sind, immer rundum.... Man kann ihn nicht verfehlen, die Tritte der vielen haben ihn eingegraben in den harten Stein.... Moose und Flechten suchen 24 Für unsere Mütter und Hausfrauen das Pflaster rechts und links mit ihrem bescheidenen Graugrün einzuhüllen. Zwischen den Steinen wagt sich sogar hier und da ein Grashalm ans Licht. Wo aber die vielen gehen, da grünt kein Moos und lebt kein Halm. Eine Rinne haben die vielen Füße in den harten Stein geschlagen, und durch diese Rinne ergießt sich jeden Morgen aufs neue hoffnungslose Verzweiflung, wilder Troß, wehes Hoffen, müdes Entsagen. Es wandert mit den vielen, einen Tag wie den andern, ein Jahr wie das andere, immer rundum, immer rundum.... Zwölf Steine sind in einer Ecke des Hofes in den Boden einge= lassen, je zwei und zwei, in zwei Reihen. Sie bilden das Fundament der Guillotine. In diesem Winkel des Hofes wird das Blutgerüst aufgeschlagen. Auf einem der Steine hockt eine langbeinige Spinne, regungslos, und wartet.... Der Weg führt dran vorbei, immer rundum.... Nachtgedanken. Durchs Fenstergitter kriecht die Nacht. Die Buchstaben verschwimmen mir vor den Augen. Ein gelblich- weißer Fleck leuchtet das aufgeschlagene Buch durch die Dämmerung. Ein merkwürdiges Buch, dem kein zweites gleicht. Wieviel Licht und Segen ist von seinen Seiten ausgegangen, aber auch wieviel Haß, Blut und Tränen. Aus jahrtausendealter Vorzeit gibt das Buch Kunde, das cine Mal im Gewand blühender orientalischer Dichtung, das andere Mal in kurzen straffen Zügen, und doch voll Blut und Leben. Die Gebeine der Menschen, die damals gelitten, geliebt und gehaßt haben, sind längst verdorrt. Vielhundertmal mag die ewige Natur ihren Staub zum Bau neuer Geschöpfe verwendet haben, die sich gleichfalls wieder des goldenen Lichtes freuten, liebten, haßten und litten, um wieder zu Staub zu werden, ein Blühen und Verwelken ohne Anfang und ohne Ende. Aber der Geist der Menschen, von denen das Buch berichtet, ist nicht gestorben; er lebt in den schwarzen Schriftzeilen ein ewiges Leben.... Wie verstand man doch damals zu hassen, mitleidslos, vernich tend wie der glühend heiße Wüstenwind:" So zeuch nun hin und schlage die Amalekiter, und verbrenne sie mit allem, das sie haben. Schone ihrer nicht, sondern töte beide, Mann und Weib, Kinder und Säuglinge, Ochsen und Schafe, Kamele und Esel." So befiehlt der Rachegott dieses Volkes dem König Saul. Tod und Vernichtung auch dem Kind im Mutterleibe- das ist religiöse Pflicht. Wie der Haß, so auch die Liebe. Wie glutet das Hohelied Salomos in schwüler Sinnlichkeit und morgenländischer Farbenpracht. Und dann in grellem übergang der fühle, messerscharfe Verstand, der hoffnungslose Pessimismus, in falter, funkelnder Pracht wie die ewigen Sterne am Wüstenhimmel um Mitternacht:„ Es ist alles ganz eite!!... Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller.... Was ist's, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist's, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird; und geschieht nichts Neues unter der Sonne.... Denn es gehet dem Menschen wie dem Vieh; wie dies stirbt, so stirbt er auch, und haben alle einerlei Odem; und der Mensch hat nichts mehr denn das Vieh. Denn es ist alles eitel. Es fährt alles an einen Ort; es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub." So spricht der mächtigste und weiseste König Israels, dessen Ruhmt das Morgenland füllt. Vor dem Throne aus Ebenholz und Gold knien vornehme Fremdlinge aus fernen Landen. Kostbare Geschenke in silbernen und goldenen Schalen recken sie empor, um dafür Weisheit einzutauschen aus dem Munde des Weisesten, den ein Weib gebar. Müde und gleichgültig gleitet der Blick des königlichen Greises auf dem Thron über die gebeugten Rücken seiner Sklaven, über die bewaffneten Hüter am Thron, die starr und unbeweglich gleich Bildsäulen verharren, über die Fremdlinge aus fernen Landen. Auf den Kostbarkeiten in den silbernen und goldenen Gefäßen bleibt sein Auge ein wenig haften; kaum merkbar umzuckt ein leichtes Spottlächeln den schmalen Greisenmund:„ Es ist alles ganz eitel... es ist alles von Staub gemacht und wird wieder zu Staub...." Müde sinkt das Haupt des Königs mit der schweren goldenen Krone auf die Brust... der Herrscherstab entgleitet sacht den ringgeschmückten Greisenfingern... stille ist es in der weiten KönigsHalle... der Flügel des Todes rauscht vorüber... Staub zu Staub.... Tausend Jahre sind ins Meer der Ewigkeit gesunken. Ein ander Bild ringt sich aus den Schriftzeichen des Buches vor mir los, nimmt Farbe und Gestalt an. Auf blühender Aue ein Greis, faſt neunzigjährig. Ein Baumstumpf sein Thron, der Hirtenstab sein Nr. 6 Zepter. Friede wohnt auf der hohen Stirne unter dem wallenden Silberhaar. Um den Mund spielt ein gütiges Kinderlächeln. Die Augen aber blicken tot und starr, sie sehen nicht die Blumenpracht zu Füßen, nicht das goldige Sonnenlicht und das silberschimmernde Meer, dessen Wellen sich plätschernd am Ufer brechen. Und doch sind diese Augen nicht tot; ein inneres Licht glüht in den großen dunkelblauen Augensternen, als blickten sie weit, weit in ein fernes dunkles Land voll süßer und schauriger Geheimnisse. Kinder spielen zu Füßen des Alten; ein kleines Mädchen rect sich auf die Zehenspitzen, um das Haupt mit dem Silberhaar mit einem Kranz duftender Frühlingsblumen zu krönen. Ein Knabe, ans Knie des Greises geschmiegt, bittet:„ Vater Johannes, du bist mit dem Herrn unter Menschen gewandelt; erzähle uns...." Daz kindlich frohe Lächeln um den Greisenmund vertieft sich noch. Einen Augenblick scheinen die toten Augen tief in die Vergangenheit zu tauchen. Dann erzählt der Greis von den seligen Tagen am See Genezareth, von den wonnigen Wanderfahrten durch die wogenden Kornfelder Galiläas, vom Heißen Streit mit den Schriftgelehrten und Pharisäern, und dann vom bitteren Leiden und Sterben am Kreuz, dem Galgen für Mörder und Empörer.„ Von allen Jüngern weiß ich allein, wie schwer dem Meister das Sterben geworden ist; alle anderen standen von weitem, denn sie fürchteten sich vor den Juden und Kriegsleuten, vor der Schmach und dem Hohn. Ich aber sah seine Hände bluten und sein Herz zucken. Ich sah aber auch, daß nicht die Dornenkrone auf seinem Haupt und die zerfetzten Hände am verfluchten Holz ihm den größten Schmerz bereiteten. Nein, Kinderlein, sein Auge verriet die Qual, die Menschen könnten der Liebe vergessen, die er allen Armen und Elenden gebracht hat. Die Menschen könnten troß seinem qualvollen Tod vergessen, daß sie alle Brüder und Schwestern sind, so weit der Himmel blaut und der Wind weht. Er fürchtete, alle die Armen und Elenden könnten sich wieder hassen und morden, wie sie das vordem ge tan haben. Dann wäre sein Leben und Sterben umsonst gewesen, dann müßte er am Kreuz hängen von Ewigkeit zu Ewigkeit, bis Himmel und Erde vergehen...." Segnend ruht die Greisenhand auf dem lockigen Scheitel des Knaben.„ Das ist die Botschaft, die ihr gehört habt von Anfang, daß wir uns untereinander lieben sollen. Nicht wie Kain, der von dem Argen war und erwürgte seinen Bruder. Kindlein, liebet euch untereinander!" Fern am Horizont, hat sich schwarzblaues Gewölf zusammen. gezogen. Ein fahler Schein huscht von Zeit zu Zeit über Meer und Wald und Wiese, hinterm Wald grollt es leise. Wolfenfeßen reißen sich von der blauschwarzen Wand überm Wasser los, ballen sich wieder zusammen, strecken und formen sich zu phantastischen Ungeheuern in stets wechselnder Gestalt. Auf dem Rücken des Sturmwinds kommen sie angerast, mit den schäumenden und brausenden Wellen rennen sie um die Wette. Jezt faßt der Sturm den Wald; es heult und pfeift und stöhnt, krachend splittern Ast und Stamm.... Die Kinderschar drängt sich ängstlich um den Greis:„ Komm, Vater Johannes, komm heim!" Der Alte steht aufrecht, die toten Augen starr in die Ferne gerichtet. Ha, Meister, bist du es? Soll ich dich wiederkehren sehen in Kraft und Herrlichkeit, wie du mir die Reiter auf schwarversprochen hast? Meister...! Ha, dort zem, auf rotem, auf fahlem Roß! Euch höllische Geister kenne ich! Wehe dir, Welt, dort reiten sie, der Haß, der Brudermord, der Hunger, die Best...! Nun, Erde, speie aus, was du an Unreinem birgst. Menschen! Menschen! Menschen, Haß im Auge, Mord im Hirn! Ha, wie fie rasen! So mordet euch denn, mordet euch, daß die Acer dampfen von Menschenblut und der Rauch der Verwesung bie Sonne verdunkelt! Menschen, dafür also starb der Meister? Seht dort, der Himmel spaltet sich seht das Kreuz, es streckt seine Arme bis an der Welt Ende- und dort angenagelt der Meister wie das Blut aus den Wunden quillt, wie es zur Erde niedertropft immer noch, ewig am Kreuz ewig....!" Aus quälendem Traume fahre ich auf. Am Tisch über dem Buch war ich eingeschlummert. Nun liegt das Buch zur Seite auf dem Boden der Gefängniszelle. Durch die Nacht dringt der Lärm des Bapfenstreichs, eine kriegerische Weise, das Geschrei des Volkes. Dann beginnen auch die Glocken der christlichen Kirchen zu tönen F.W. und zu jubeln: Sieg! Sieg! Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Drud und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. in Stuttgart. ร = 3 g 10 11 r e C 11 11