»»»»-- 5ür unsere Mütter und hausstauen Nr. 9 oooooooo Beilage zur Gleichheit oooooooo igig Inhaltsverzeichnis: Die stille Stadt. Gedicht von Rich. Dehmel.— Krieg und Geschlechtskrankheiten. Von dl. Xt.— Die Volkslieder der Serben. Von Alwin Rudolph.— Zum Nachdenken.— Feuilleton: Vier Tage auf dem Schlachtfeld. Von Wsewolod Garschin.(Forts.) Die stille Stadt. Liegt eine Stadt im Tale, Ein blasser Tag vergeht? Es wird nicht lange dauern mehr, Bis weder Mond noch Sterne, Nur Nacht am Himmel steht. Bon allen Bergen drücken Nebel auf die Stadt? Es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus, Kein Laut aus ihrem Rauch heraus, Kaum Türme noch und Brücken. Doch als dem Wandrer graute, Da ging ein Lichtlein auf im Grund, Und durch den Rauch und Nebel Begann ein leiser Lobgesang Aus Kindermund. mch-ud o O o Krieg und Geschlechtskrankheiten. Dem aufmerksamen Beobachter drängen sich seit längerer Zeit deutliche Anzeichen einer zunehmenden geschlechtlichen Verwilde rung, einer Lockerung der sexuellen Moral auf. Sie sind eine na türliche Folge der langen Dauer des Krieges. Fast alle Männer in der Vollreise ihres Geschlechts stehen unter den Waffen, auf lange ungewisse Zeit getrennt von ihren Frauen und Geliebten. Nicht nur der Tod auf dem Schlachtfeld zerreißt Ehe- und Liebesbünd nisse, der Krieg beschwört schlinunere und folgenschwerere Kata strophen herauf für die Beziehungen zwischen Mann und Weib. Heute rot, morgen tot, denkt so mancher Soldat und betäubt das aufsteigende Grauen vor der drohenden Vernichtung durch zügel losen Lebensgenuß, wo er sich ihm bietet. Geschieht das schon in der Heimat an allen Orten mit größeren Ansammlungen waffen tragender Männer, so erst recht im Kriegsgebiet. Daß überdies Mi litarismus und Völkermord einer Verfeinerung der sexuellen Be ziehungen günstig wären, haben auch die Schmücke der Kricgs- romantik vom Schlage der Sombart und Fendrich noch nicht zu behaupten gewagt. Roher als sonst äußert sich einer der stärksten Triebe des Menschen im Kriege, und seine außereheliche Befriedi gung ist die Regel. In allen Kriegen hat man bisher für die sexu ellen Bedürfnisse der Soldaten käufliche Frauen bereit gehalten, um die Mannschaften in ihrem grausigen Handwerk bei guter Laune zu erhalten. Das war in der Neuzeit Kriegsbrauch unter aickerem bei den Engländern im indischen und im Burenkrieg und bekanntlich auch im deutschen Chinafeldzug, wie in der Sitzung des Reichstags vom 1. März ISOll von sozialdemokratischer Seite fest gestellt wurde.(Siehe„Gleichheit" Nr. 15 vom 15. April 1912 und Nr. 18 vom 27. April 1914.) Der durch abnorme Verhältnisse abnorm gesteigerten Nachfrage der Männer entspricht nach allen bisherigen Kriegserfahrungen eine gewaltige Zunahme des Angebots von Prostituierten. Große Not unter den Frauen, deren Männer auS ihrer Erwerbsarbeit herausgerissen werden und in den Krieg ziehen müssen, das Da niederliegen vieler Industrien, die zahllose fleißige Arbeiterinnen beschäftigt hatten, die nun keinen ehrlichen Erwerb mehr haben oder für Hungerlöhne schanzen müssen, die Zerstörung großer blühender Landesteile im Kriegsgebiet, Teuerung und Hungersnot bereiten dem Anschwellen der Prostitution den Boden. Und nun dieser Krieg, der schlechthin alles in den Schatten stellt, was die Welt an gewalttätigen Schrecknissen je erlebt hat, ja der alles über bietet, was die ausschweifende Phantasie je an Gräßlichkeiten gebarl Was gelten geschlechtliches Verantwortungsgefühl, Treue, Frauen ehre, Scham, wenn täglich Menschenblut in Strömen fließt und so viele mühsam errungene Kulturgüter brutal zerstampft werden? Mit der Zunahme der Prostitution geht ein mächtiges Anschwel len der schlimmsten Volksseuchen, der Geschlechtskrank heiten mit Naturnotwendigkeit einher. Und hier beginnt die tra gische Fernwirkung der geschlechtlichen Verwilderung. Abgesehen von den schweren Folgen für die von einer Geschlechtskrankheit un mittelbar Betroffenen erstrecken diese Seuchen ihre Verheerungen oft noch über mehrere Generationen hinaus.„Jahwe wird dich heimsuchen an deinen Kindern bis ins dritte und vierte Glied", dieses Bibelwort kennzeichnet treffend die gefährlichen Nachwir kungen vor allem der Syphilis. Diese ist die schlimmste aller Geschlechtskrankheiten wegen ihrer Durchseuchung des ganzen Kör pers, ihres schleichenden Verlaufs, ihrer tückischen Rückfälle, Nach- und Folgekrankheiten. Vor ihnen ist der einmal von dieser Krank heit Befallene oft nach Jahrzehnten noch nicht gesichert, ja nicht selten geht die Krankheit in tödliches Siechtum über. Die Syphilis verschuldet eine Menge Geistesstörungen, sogar so schwere unheil- bare Krankheiten wie Gehirnerweichung und Rückenmarksschwind sucht. Die Syphilis führt aber auch zu Früh- und Totgeburten, sie wird vererbt und beschert den unschuldigen lebendgeborencn Kin dern syphilitischer Eltern oft das grauenvolle Schicksal der Ver blödung und Verkrüppelung. Vom Volke unterschätzt wird die Wirkung der so außerordent lich verbreiteten Gonorrhöe, des Trippers. Der oft leichtfertig bespöttelte Tripper kann zu langwierigen schweren Leiden bei Mann und Frau führen. Besonders viele untcrlcibskranke Frauen verdanken ihr schmerzenreiches Siechtum einer Trippcransteckung. Die Gonorrhöe ist häufig von Unfruchtbarkeit begleitet. Noch mehr: wenn das Trippergift beim Geburtsakt in die Augen des Neuge borenen dringt und von der Geburtshilfe nicht sofort ein Gegen gift angewendet wird, so kann das Kind blind werden. Die meisten Blindgeborenen verdanken einer unbeachtet gebliebenen mütter lichen Tripperinfektion ihr Schicksal. Je länger der Krieg dauert— und er wird voraussichtlich noch sehr lange dauern—, desto größer wird die Gefährdung der Volksgcsundhcit, so daß es schließlich zu einer allgemeinen Durchseuchung und Degeneration des Volkes kommen kann. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern für alle von der Kriegsfurie verheerten Länder. Selbst die kleine Schweiz, die bisher nur mobilisiert hat, beklagt eine sehr starke Zunahme der Geschlechtskrankheiten. Mit der Frage der Abwchrmaßregeln gegen die durch den Krieg herbeigeführte Steigerung der Geschlechtskrankheiten beschäftigen sich zwei Broschüren namhafter Fachleute. Professor vr. A. Blaschko-Berlin schrieb:„Welche Aufgaben erwach sen dem Kampf gegen die Geschlechtskrankheiten aus dem Krieg?"(Verlag von Joh. Ambrosius Barth, Leipzig 1915.) Geh. Medizinalrat Professor vr. Albert Neißer veröffentlichte in der Sammlung politischer Flugschriften von Ernst Jäckh ein Heft„Der Krieg und die Geschlechtskrank heiten". Auf der kürzlich in Berlin abgehaltenen Jahresver sammlung der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Gc- schlechtskrankheiten verbreiteten beide Arzte sich noch einmal über die so ungeheuer wichtige Frage. Blaschko außerdem noch auf der Tagung für Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft. Genaue zahlenmäßige Angaben über das Anschwellen der Ge- schlechtskrankheiten vermögen die Verfasser begreiflicherweise noch nicht zu erbringen. Mit Ende des Krieges muß nach allen bisherigen Erfahrungen noch eine sehr bedeutende Zunahme erwartet werden. Von den Krankenkassen wird berichtet, daß im Heimatland eine Zu nahme der venerischen Krankheiten, namentlich bei den weiblichen Versicherten geradezu auffällt. Um dem Rück gang der Geburten entgegenzuwirken, wurden in diesem Jahre viele verheiratete Soldaten beurlaubt, von denen so mancher als lebenslängliches Andenken an den Krieg seiner Frau eine Ge schlechtskrankheit mitbrachte. Ebenso häufig kommt es aber auch vor, daß Beurlaubte und von ihren Wunden Genesende sich in der Heimat anstecken. Jedenfalls ist die Zahl der Verheirateten unter den geschlechtskranken Soldaten groß. Sie betrug in den von Wolff aus einigen Reservelazaretten gesammelten Angaben fast ein Drittel, in der von Neißer geleiteten Breslauer Klinik etwas mehr als ein Drittel der Gesamtbelegschaft. Die Größe 34 Für unsere Mütter und Äausfrauen Nr. 9 der Gefährdung unserer Volksgesundheit enthüllt sich aber erst ganz, wenn wir bedenken, daß der überwiegende Teil der Soldaten, der gesunden wie der kranken, vom Lande und aus kleinen Städten stammt, wo im Frieden Geschlechtskrankheiten wenig oder gar nicht bekannt waren. War doch in den Großstädten die Zahl der Vene rischen mindestens fünfzigmal so groß als auf dem Lande. Das wird nach diesem Kriege mit seinem ungeheuren Menschenverbrauch anders werden. Durch das Rückströmen so vieler Geschlechtskranker wird nun auch da? Land durchseucht. Neitzer rechnet auch mit der Möglichkeit, daß infolge der durch den Krieg bedingten Überanstrengung des Herzens und der Nerven und durch die all gemeinen Organschädigungen infolge der Strapazen die schweren Nachkrankheiten der inneren Organe und de? Nervensystems sich häufiger einstellen werden als im Frieden, zumal auch die Syphi- lisbehandlung sich im Felde nicht immer mit der nötigen Sorg samkeit durchführen lassen wird.„Es ist ein geradezu furchtbares Schreckbild, was sich vor unS auftut/ schreibt der genannte Arzt, „wenn wir an diese so sehr drohende Möglichkeit denken, daß viele Tausende diesem elenden Schicksal verfallen könnten, als erwerbs unfähige Krüppel herumlaufend, die Irrenhäuser bevölkernd, vor zeitig dahinsterbend, ihre Familien im Elend zurücklassend." Die erhöhte Gefährdung der Volksgesundheit sollte besonders energische Abwehrmaßregeln erfordern, deren Anordnung im Kriege Sache der Heeresleitung und ihrer ärztlichen Sachverstän digen ist. Leider sind diese Instanzen in einem Hauptpunkt nicht scharf genug vorgegangen, in der Bekämpfung des Alkoholismus. Nutzland hat sein Alkoholverbot, Frankreich sein Absinthverbot, und auch im deutschen Heere war zu Beginn des Krieges der Alkohol genuß verboten. Später setzte im Inland eine mächtige Agitation des Alkoholkapitals ein, und bald wurde der Schnaps wieder er laubt. Aber viele Ärzte sind der Meinung, daß der Volksgesund heit damit nicht gedient war. Denn Alkohol, Prostitution und Ge schlechtskrankheiten gehören eng zusammen. Blaschko schreibt: .Übereinstimmend wird von allen Seiten, Ärzten sowohl wie Sol daten berichtet, daß ein sehr erheblicher Teil der venerischen Infek tion(Ansteckung), namentlich bei den Verheirateten, im Rausch oder doch in leichter Angetrunkenheit stattgefunden hat." Aus dem Briefe eines Arztes führt Blaschko folgende Stelle an: „Wir wissen aus der Befragung der Kranken, daß der Alkohol bei der Erwerbung der Geschlechtskrankheiten die Hauptrolle spielt, in dem er ihnen den Boden ebnet, den Soldaten die Hemmungen und Widerstände raubt, die sie sonst dem außerehelichen Geschlechts verkehr entgegenstellen würden." Auch Neißer stellt fest, es sei nicht einer, der sich nicht mit der Angetrunkenheit entschuldigt und viel leicht hinzusetzt:„Ja, wir im Felde, bei unseren Strapazen, wir können ohne Alkohol nicht auskommen." Wenn nun auch während 'dieser großer Strapazen, Gewaltmärsche und Gefechte keine Ge legenheit zu geschlechtlichen Ausschreitungen vorhanden ist, so doch später, wenn die Truppen sich in Ruhestellungen hinter der Front befinden. Der Alkoholgenuß, an den sie nun einmal gewöhnt sind, wird dann für viele zum Kuppler und reißt sie nicht selten ins Ver derben.„Es kann gar keinem Zweifel unterliegen," sagt Neißer, .daß Tausende und aber Tausende den Geschlechtskrankheiten ent gehen würden, wenn sie nicht der Verführung des.verfluchten' Al kohols unterlegen wären." Ärztliche Belehrungen über die Gefahren der Geschlechtskrank heiten, geschickt abgefaßte Merkblätter, moralische Vorhaltungen, die Einrichtung alkoholfreier Soldatenheime, Beschränkung des Ur laubs usw. haben zweifellos inzwischen manches Gute gewirkt, aber wenn ein Krieg Jahr und Tag dauert, müssen sie bei der großen Masse versagen. Von Anfang an richtete die Heeresverwaltung ihr Augenmerk auf die„Sanierung" der Prostitution. Das war na türlich leichter gesagt als getan. Gelang es auch, einen Teil der Straßenprostitution durch polizeiliche Reglementierung möglichst unschädlich zu machen, so blühte die noch gefährlichere Winkelprosti tution weiter; kein Wunder, solange ihr die Not immer neue Scharen von Frauen und Mädchen zutreibt. Von der allgemeinen Einrichtung von Bordellen hat man schließlich Abstand genommen. Neitz.r ist ein eifriger Fürsprecher für die Kascrnierung der Pro stitution und für sorgfältig überwachte Bordelle mit Gesundhcits- kontrolle der männlichen Besucher. Blaschko ist ein ebenso entschie dener Gegner aller Bordelle, weil sie„immer die stärkste Verfüh rung zum außerehelichen Geschlechtsverkehr darstellen". Da man nach alledem mit massenhaftem außerehelichen Verkehr bei den Truppen rechnen muß, so ist man vielfach den Anstren gungen der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechts krankheiten gefolgt und hat txn Soldaten mechanische und chemische Schutzmittel zur Verhütung von geschlechtlicher Ansteckung zur Perfügung gestellt. Es sind dies zum großen Teil dieselben Mittel, die vor zwei Jahren bei dem Regicrungsfeldzug gegen den Ge burtenrückgang verboten werden sollten, weil sie auch zur Ver hütung der Empfängnis dienen. Jetzt haben sie die Aufgabe, das Volk vor der allgemeinen Verseuchung durch Syphilis und Trip per zu retten. In der Tat soll die Anwendung jener Mittel, ob wohl sie keinen absolut sicheren Schutz vor Ansteckung gewähren, seit dem Frühjahr lälö ein Sinken der Erkrankungsziffer zur Folge gehabt haben Was soll nun geschehen, wenn der Krieg ausgetobt hat und die vielen Millionen von Soldaten von ihrer Blutarbeit zurückkehren in ihre Heimat, zu ihren Familien, zur Arbeit des Friedens? Von den draußen geschlechtskrank Gewordenen wird ein sehr großer Teil nicht ausgeheilt sein so daß mit einer Massenübertragung von Syphilis und Tripper auf die Frauen und Geliebten der Heim kehrenden gerechnet werden muß, wenn nicht ganz besondere Maß nahmen dagegen ergriffen werden. Als erste Forderung müßte nach Blaschko aufgestellt werden, daß kein noch Ansteckungsfähigcr aus dem Armeeverband entlassen werde. Ein so radikaler Eingriff in die persönliche Freiheit mutz natürlich zu großen Härten für den einzelnen führen, ganz abgesehen davon, daß der Nachweis der Ansteckungsfähigkeit besonders bei Syphilis nicht immer leicht ist. Für weniger bedenkliche Erkrankungen soll ärztliche Behandlung in der Heimat zur Pflicht gemacht und unter Mitwirkung der Krankenkassen und der Versicherungsanstalten durchgeführt wer den. Schon planen die Landesvcrsicherungsanstalten Beratungs und Fürsorgestellen, die alle während des Krieges geschlechtskrank Gewordenen in dauernde hygienische Überwachung nehmen sollen. In den Nahmen dieser Maßnahmen sollten organisch eingegliedert werden die Maßregeln zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten unter den Prostituierten(auch der gelegentlichen), indem man ihnen vor allem Gelegenheit zur kostenlosen Behandlung durch den Arzt oder im Spital verschafft. Ein Gesundheitsamt müßte ge schaffen werden, das an Stell« der Polizei die gesundheitliche Über wachung und die zwangsweise Durchfichrung der ärztlichen Be handlung zu übernehmen hätte. Die heutige, allein der Polizei überlassene Aufsicht über die Prostitution hat nicht nur längst ver sagt, sondern auch unendliches Unheil angerichtet, und die Frage ihrer Reform wird mit dem Ende diese? Krieges brennender denn je. Fragt sich nur, ob man sich angesichts der so ungemein er höhten Bedrohung der Volksgesundheit endlich entschließen wird, mit dem alten Schlendrian in der Bekämpfung der venerischen Krankheiten aufzuräumen. Mit diesen Maßnahmen allein ist es aber nicht getan. Schwere wirtschaftliche Krisen werden nach dem Kriege über das Volk hereinbrechen. Es wird insbesondere arbeits lose Frauen in noch nie dagewesener Zahl geben, und die Teuerung wird anhalten. Das aber bedeutet nichts anderes als ein neues riesenhaftes Anschwellen der Prostitution und damit auch der Ge schlechtskrankheiten. Die Geschlechtskrankheiten aber sind, wie be reits angedeutet wurde, bösartige fressende Schäden an der Volks kraft, indem sie viele Ehen unfruchtbar machen oder einen minder wertigen Nachwuchs aus ihnen hervorgehen lassen. Halten wir diese Tatsachen zusammen mit der ohnehin durch den Krieg direkt bewirkten Massenvernichtung Hundcrttausendcr zeugungSkräftigcr Männer und der körperlichen Zerrüttung und Schwächung von Mil lionen durch die Nachwirkungen der erlittenen Verwundungen und Strapazen, so müssen wir mit einem weiteren Ansteigen des Ge burtenrückgangs und einer ganz erheblichen Verschlechterung des Nachwuchses rechnen. Der Zusammenhang des BevölkcrungS- und Fortpflanzungsproblems mit den Geschlechtskrankheiten ist klar. Ter Staat ist in seinem eigensten Interesse an ihrer Bekämpfung und damit an der Eindämmung der Prostitution interessiert. Eine wirksame Einschränkung beider ist aber nur möglich durch Hebung der wirtschaftlichen und der sittlichen Verhältnisse in der Bevölke rung. Nur so können Angebot und Nachfrage verringert, die wirt schaftlichen Nötigungen und die unnatürlichen Lebensbedingungen, die zur Prostitution führen, vermindert werden. Voraussetzung dafür ist ein baldiger, dauernder Frieden. Sonst wird für so dringende Aufgaben wie die Bekämpfung von Prostitution und Geschlechtskrankheiten durch Wohnungsrcfarm, Jugendfürsorge, inners Kolonisation, Mutterschutz, Bekämpfung des Alkoholismus und ähnliches mehr wenig oder nichts übrig bleiben. Wollen wir gesundere wirtschaftliche Zustände als Vor bedingung gesunderer sexueller Verhältnisse schaffen, so werden wir, je länger der Krieg dauert, desto härter darum zu ringen haben. Aber auch der schwerste Kampf soll uns nicht schrecken im Hinblick auf unser Ziel, die Heraufführung wahrer Kultur und hoher Ge sittung durch den Sozialismus. Zck. Lt. o o o Nr. 9 Für unsere Mütter und Kausfrauen 35 Die Volkslieder der Serben. Vor hundert Jahren stand das kleine Volk der Serben, über das jetzt so unsägliches Elend hereingebrochen ist, im Vordergrund des literarischen Interesses. Es erschien damals die erste Sammlung serbischer Volkslieder, wovon bald darauf eine dreibändige, metrisch ins Deutsche übertragene Ausgabe in Leipzig herauskam. Von der Existenz des serbischen Volkes hatte man bis dahin im Abendland wenig vernommen; kein Wunder, daß diese Liedersammlung in ihrer Fülle, Mannigfaltigkeit und Schönheit überall das größte Er staunen auslöste. Nur wenige Jahre früher war in Deutschland die Sammlung deutscher Volkslieder„DeS Knaben Wunderhorn" her ausgekommen, und nun zeigte sich ein kaum beachtetes Völkchen ebenbürtig, sogar überlegen. An Reichtum und Mannigfaltigkeit kam„Des Knaben Wunderhorn" nicht mit, an Kraft und Schönheit des Ausdrucks und der Gliederung erwiesen sich die serbischen Volks lieder mindestens ebenbürtig. Sie waren das Zeugnis einer alten, hochstehenden Kultur, die durch widrige Schicksalsschläge später in Verfall geraten war. Ja, die serbischen Heldengcsänge übertreffen scgar die deutschen. Hier müssen wir anerkennen, daß wir in jeder Hinsicht zurückstehen. Bekannt ist, wie begeistert Goethe war, als er von den serbischen Volksliedern Kunde erhielt, und wie hoch er sie schätzte. Jakob Grimm, der Sprachforscher und Sammler unserer heimischen Märchen, zählte die serbischen Volks- und Heldenlieder zu den rührendsten Gesängen der Weltliteratur. In Deutschland hat die Masse der Gebildeten, wie es scheint, diese Tatsache vergessen, anders hätte es einem so berühmten Pro fessor wie Sombart nicht passieren können, daß er in einer Lobrede auf die deutsche Kultur von den Serben geringschätzig meinte, sie seien in Europa nur als Mausefallenhändler und derlei bekannt. Die aus Serbien zurückkehrenden Feldgrauen werden ihn in zwischen eines anderen belehrt haben. In der Tat können die Ser ben wie kein zweites Donauvolk auf ein Zeitalter hoher völkischer Blüte und Kultur zurückblicken, der freilich eine viele Jahrhunderte dauernde Unterdrückung teils durch Ungarn, teils durch Türken folgte. ES ist ein Beweis der hohen Widerstandsfähigkeit und Be gabung dieses Volkes, daß es trotz etwa sechshundertjähriger Fremd herrschaft, fortgesetzten feindlichen Überfällen, Ausraubungcn und Bedrückungen seine Eigenart zu behaupten vermochte und ein Kulturdenkmal bewahrte, womit es sich wahrlich nicht in den Schat ten zu stellen braucht. Und dabei war es den im Gebirge zer streuten und nur mühsam ihr Leben fristenden Serben nicht ein mal möglich, die Dichtungen durch Schrift oder Druck zu erhalten, zu verbreiten, zu überliefern, sie aus Büchern zu lernen oder zu lehren. Nur durch die mündliche Übertragung sind sie im Volke lebendig geblieben. Selbst eine einheitliche Sprache fehlte diesem Volke, das sich trotz allem zu erhalten und am Anfang des letzten Jahrhunderts(1804 bis 1812) zu befreien vermochte. Erst um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts erhielt das Volk einige Bücher. Die nach Ungarn ausgewanderten Serben hatten dort eine nationale Bewegung geschaffen, serbische Schulen gegründet und sich um eine eigen« serbische Literatur bemüht. Aber diese Literatur war nicht urwüchsiges Gut. Es waren Bücher von Schriftstellern, die sich ihre Kenntnisse auf den Schulen des Abend landes geholt und die nun ihrem Volke nützen wollten. Zudem waren sie in der dem Volke unbekannten Kirchensprache abgefaßt. Und doch soll sich das Volk mit fast religiöser Inbrunst an diese Bücher angeschlossen haben, waren sie doch endlich einmal etwas, das zu ihm sprechen sollte und sich mit ihm beschäftigte. Der erste wirklich nationale Schriftsteller war der 1739 geborene Dositheus Obradowitsch. Selbst ein Sohn des Volkes, begann er in der Sprache des Volkes Bücher zu schreiben. Er hatte beinahe ganz Europa durchwandert, hatte reiche Erfahrungen und Kenntnisse gesammelt und wollte damit seinem Volke dienen. Seine Lehren, moralische Wahrheiten und Gemeinsinn, kleidete er in kleine Fabeln, die vom Volke mit heißem Verlangen aufgenommen wur den. Diese seine Tat brachte eine vollständige Umwälzung für die serbische Literatur. Jetzt begann eine neue Epoche für sie. Andere Schriftsteller, Geschichtschreiber, folgten seinem Beispiel und schrie ben ebenfalls in der Sprache des Volkes. Auf dem einmal betretenen Wege wurde fortgefahren. Jetzt erst hatte das Volk seine Sprache gefunden und machte sich als Volk geltend; eS war gleichsam entdeckt. Aber was Dositheus getan, war nur der Anfang. Den eigentlichen kühnen Wurf sollte ein anderer Serbe tun, Stephanowitsch Karadschitsch, mit der schon erwähnten Herausgabe der Volkslieder. Karadschitsch war ein Sohn des Volkes mit nur einfacher Bildung. Aber er gab seinem Volke mehr denn alle andern. Seine ganze Tätigkeit während dreißig Jahren rich tete sich nur darauf, der Gesamtheit des Serbenvolkcs eine ein heitliche Sprache zu geben, es in einer Sprache zu vereinen. Er zeigte, wie man schreiben mußte, um vom Volke verstanden zu wer den. Er schrieb als erster reine Volkssprache. Zugleich mit der ersten Sammlung von Volksliedern, 1814, erschien von ihm dieGrammatik der serbischen Sprache und einige Jahre später das Wörterbuch, eine Rechtschreibung, dann wieder einige Bände Volkslieder und zuletzt eine Sammlung serbischer Sprichwörter. Da zugleich die erste serbische Zeitung herauskam, deren Mitredakteur Karadschitsch war, sammelte sich um ihn ein Kreis von Dichtern und Gelehrten, nunmehr die geistige Zentrale der Serben. Als Karadschitsch Nord deutschland bereiste, erschien unter seiner Leitung in Leipzig die deutsche Ausgabe dieser Volkslieder in drei starken Bänden. Von dem Alter dieser Volkslieder wird mitgeteilt, daß es mit Bestimmtheit nicht mehr festzustellen ist. Angenommen wird auf Grund ziemliche Sicherheit bietender Forschungen, daß eine ganze Anzahl, besonders die Hochzcits- und Festgesänge, dem grauen Altertum entstammen. Obwohl sich die Feierlichkeiten und Ge bräuche durch die Jahrhunderte erhalten, haben sie doch mancherlei Veränderungen erfahren. Aus der heidnischen Zeit überliefert, wurden sie dem Christentum angepaßt. Diese Veränderungen mach ten die Gesänge nicht mit. Dem Volke war wohl gegeben, sich in andere Gebräuche zu schicken, nicht aber, die Gesänge umzudichten. Diese Tatsache gibt einigen Anhalt, den Zeitpunkt des Entstehens zu erforschen. Unter den kleinen Liedern herrschen natürlich wie in allen Volkspocsien die Lobgesänge auf die Schönheit der Ge liebten, auf die Taten und die Kraft des jungen Mannes vor. Manche machen uns mit den eigenartigen Sitten der Serben be kannt und sind uns nur durch Anmerkungen verständlich. Die Lieder zeugen von einer außerordentlichen Naivität, wie sie eben nicht sehr kriegerischen Naturkindern oder unterdrückten Volks- stämmcn eigen ist. Eine große Einfachheit in dem Empfinden und den Sitten prägt sich in ihnen aus. Viel ist von unglücklicher Liebe die Rede, was darin seine Erklärung findet, daß die jungen Leute nicht nach eigener Wahl, sondern sich nach dem strengen Gebot der Eltern verbanden. Ein Ton von Schwermut und Klage geht durch die Dichtungen, ein Klang von Abgeschlossenheit und Enge. Was in den Liedern anderer Völker der Böse, der Teufel ist, das ist hier der Türke. Ihm, der im Lande grausigen Schrecken verbreitet, sollen die Übeltäter in die Hände fallen und die bösen Kinder. Helden lieder aus frühesten und späteren Zeiten berichten von kühnen Kriegstaten, von Befreiern, todesmutigen Kämpfern und von un glücklich verlaufenen Schlachten. Besonders die Schlacht auf dem Amselfeld(1389), mit der das alte Reich zusammenbrach und die Unterjochung des serbischen Volkes begann, wird sehr oft erwähnt. Ergreifend sind die Klaggesänge, in denen dieses blutigen Ringens gedacht wird. Selten drückt sich eine Hoffnung aus auf eine künf tige Befreiung, man scheint nicht daran gedacht zu haben. Eher klingt stilles Ergeben in das Schicksal durch und der Wunsch, vor weiterem Unheil bewahrt zu sein. All diese Gesänge wurden in den freudlosen Tagen geübt und besonders die Heldenlieder in träumerischem Rückerinnern an längst entschwundene, schier sagen haft« Herrlichkeit gesungen. Aus Volksgesängen wurden sie zu eigentlichen Nationalliedern, in denen die Sehnsucht nach der alten Größe serbischen Königtums manchen Vers umbildete. Die Lieder waren im Volke lebendig. Sie bildeten das einzig« Bindemittel unter den Volksgenossen. Da ist es erklärlich, daß Bestrebungen nach Einheit und Eigenheit der Sprache freudigen Widerhall fanden und die Sammlung der Volksgesänge wie eine Erlösung begrüßt wurde. Vieles mag bis dahin verloren gegangen sein, vieles ist aber durch die Sammlung erhalten geblieben. Es ist Serbiens tragisches Schick sal, daß fast genau ein Jahrhundert, nachdem es seine nationale Eigenart wiedergefunden und der Weltliteratur einen so wert vollen Beitrag geliefert hatte, dieses Volk, nicht ohne Mitschuld der eigenen herrschenden Klassen, in den blutigen Wirbel imperialisti- scher Auseinandersetzungen hineingcrissen und auf dem Altar des Weltkriegs geopfert wurde. Alwin Rudolph. ovo Zum Nachdenken. Der Gescheitere gibt nach! Eine traurige Wahrheit, sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit. Marx. Leben heißt wirken und vernünftig wirken. Nach unserer Weise heißt es aber leiden und unvernünftig leiden. Z.«. Seume. Der Schlimmere ist nicht der, der mich in Ketten schlägt; der mich die Ketten liebgewinnen macht, der ist der Gefährliche. O.Luvwtg. Umsonst bist du von edler Glut entbrannt, Wenn du nicht sonnenklar dein Ziel erkannt. Uhlanv. 36 Für unsere Mütter und Kausfrauen Nr. 9 Feuilleton Vier Tage auf dem Schlachtfeld. Von Wsewolod Garschw. lFortsetzung.) ES wird heiß. Die Sonne brennt. Ich öffne die Augen, sehe die selben Sträucher, denselben Himmel, nur bei Tagesbeleuchtung. Ah, da ist auch mein Nachbar. Ja, das ist ein Türke, ein Toter. Wie ungeheuer groß er ist! Ich erkenne ihn, das ist derselbe.... Vor mir liegt ein von mir getöteter Mensch. Weshalb habe ich ihn getötet? Er liegt hier tot, blutübergossen. Warum hat das Schicksal ihn hierher gejagt? Wer ist es? Vielleicht hat er auch, wie ich, eine alte Mutter? Lange wird sie an den Abenden an der Türe ihrer armseligen Hütte sitzen und nach dem weiten Norden hinschauen: Kommt nicht ihr Herzenssohn, ihre Hilfe und ihr Ernährer?... Ich aber? Auch ich____ Ich würde sogar mit ihm tauschen. Wie glücklich ist er! Er hört nichts, fühlt nicht den Schmerz der Wun den, weder die tödliche Sehnsucht, noch Durst.... Das Bajonett ist ihm direkt ins Herz gedrungen____ Da auf dem Uniformrock ist ein großes schwarzes Loch; rings darum aber ist Blut. Das habe ich getan. Ich wollte es nicht. Ich wünschte niemand BöseS, als ich zum Kampf ging. Der Gedanke, daß auch ich Menschen töten müsse, schwand von mir. Ich stellte mir nur vor, wie ich meine Brust den Kugeln entgegenstellen werde. Und ich ging hin und tat es. Nun, und was geschah? O Tor, o Narr! Dieser unglückliche Fellah aber— er hat die ägyptische Uniform an— er ist noch weniger schuld. Bevor man sie, wie die Heringe in eine Tonne, auf den Dampfer steckte und nach Konstantinopel brachte, hatte er nie weder von Rußland, noch Bulgarien gehört. Man befahl ihm zu gehen, und er ging. Wenn er nicht gegangen wäre, man hätte ihn mit Stöcken geschlagen oder vielleicht hätte irgendein Pascha aus einem Revolver eine Kugel auf ihn abgefeuert. Er machte den langen schweren Marsch von Stambul bis Rustschuk. Wir machten einen Uberfall, er verteidigte sich. Als er aber sah, daß wir schreckliche Menschen, die sich vor seinem patentierten englischen Gewehr nicht fürchten, vielmehr immer vorwärts und vorwärts drängten, geriet er in Entsetzen. Als er fortgehen wollte, sprang irgendein kleiner Mensch, den er mit einem Schlage seiner schwarzen Faust nieder schlagen konnte, heran und stieß ihm das Bajonett ins Herz. Was hat er denn für Schuld? Und welche Schuld trifft mich, obgleich ich ihn ja getötet habe? Welche Schuld habe ich auf mich geladen?... Wofür quält mich der Durst? Der Durst! Wer weiß, was dies Wort zu bedeuten hat? Damals sogar, als wir durch Rumänien zogen, als wir in der schrecklichen Hitze von vierzig Grad Märsche von fünfzig Werst machten, damals stand ich nicht das aus, was ich jetzt ausstehe. Ach, wenn doch jemand kommen würde! Mein Gott! Ja, er wird sicher Wasser in dieser großen Flasche haben! Aber man muß erst zu ihm hin können. Was wird das für eine Mühe kosten! Einerlei, ich krieche hin. Ich krieche. Die Füße schleifen nach, der unbewegliche Körper vermag kaum, sich auf den schlaffen Händen fortzubewegen. Bis zu dem Toten sind es zwei Klafter, für mich jedoch ist es mehr— nicht mehr, aber schlimmer— als Dutzende Werst. Aber es muß sein. Der Hals brennt unausstehlich, wie von Feuer. Ja, und man stirbt ohne Wasser eher. Dennoch, vielleicht ____ Und ich krieche. Die Füße� stoßen auf die Erde und jede Bewe gung ruft einen unerträglichen Schmerz hervor. Ich schreie, schreie und heule, aber dennoch krieche ich weiter. Endlich, da ist er. Da ist die Feldflasche... es ist Wasser darin— und wieviell ES scheint, mehr als die halbe Flasche. Ol Das Wasser reicht lange vor.... bis zum Tode! Du rettest mich, mein Opfer!... Ich begann, auf einen Ell bogen gestützt, die Flasche loszulösen, und plötzlich verlor ich das Gleichgewicht und fiel mit dem Gesicht auf die Brust meines Retters. Es ging schon ein starker Leichnamsgeruch von ihm aus. Ich hatte getrunken. Das Wasser war warm, aber noch nicht ver dorben und außerdem war es viel. Ich werde noch einige Tage leben. Ich entsinne mich, in der„Physiologie des täglichen Lebens" heißt es, daß der Mensch ohne Nahrung, nur mit Wasser, länger als eine Woche leben kann. Ja, da steht auch die Geschichte von dem Selbstmörder, der den freiwilligen Hungertod gestorben ist. Er lebte noch sehr lange, weil er trank. Nun, was ist dabei? Wenn ich noch fünf— sechs Tage lebe, Was kommt dabei heraus? Die Unsrigen sind weggegangen, die Bulgaren sind fortgelaufen. Einen Weg gibt es nicht in der Nähe. Einerlei— gestorben mutz sein. Nur habe ich mir statt eines drei tägigen Todeskampfes einen achttägigen bereitet. Ist es nicht besser, ein Ende zu machen? Neben meinem Nachbar liegt sein Ge wehr, ein ausgezeichnetes englisches Erzeugnis. Ich brauche nur die Hand auszustrecken; dann— eine Sekunde, und das Ende ist da. Patronen liegen in Haufen hier herum. Er hat nicht alle ab geschossen. Also ein Ende machen oder— warten? Was? Erlösung? Tod? Warten, bis die Türken kommen und anfangen, die Haut von meinen verwundeten Füßen abzuziehen? Besser tut man eS selbst. Nein, man mutz den Mut nicht sinken lassen; ich werde bis zu Ende kämpfen, bis die Kräfte versagen. Wenn man mich findet, bin ich gerettet. Vielleicht sind die Knochen nicht getroffen und man wird mich heilen. Ich werde die Heimat, die Mutter, Mascha wie dersehen.... Herrgott, laß sie nicht die ganze Wahrheit erfahren! Mögen sie denken, daß ich auf der Stelle getötet bin. Was wird in ihrer Seele vorgehen, wenn sie erfahren, daß ich mich zwei, drei, vier Tage ge quält Habel Mein Kopf schwindelt; meine Reise zu dem Nachbarn hat mich vollständig ermattet. Und noch dazu dieser schreckliche Geruch hier! Wie schwarz er geworden ist... wie wird er morgen oder über morgen aussehen? Und ich liege jetzt nur deshalb hier, weil mir die Kraft fehlt, wegzukriechen. Ich will mich ausruhen und dann krieche ich auf meinen alten Platz zurück; es ist gut, der Wind weht von dort und wird den Gestank von mir wegtreiben. Ich liege vollständig ermattet da. Die Sonne brennt mir auf Gesicht und Hände. Ich habe nichts, um mich zu bedecken. Wenn die Nacht doch bald käme: das wird, wie es scheint, die zweite sein. Die Gedanken verschwimmen, und ich verliere das Bewußtsein. Ich hatte lange geschlafen, denn als ich erwachte, war es schon Nacht. Es ist alles wie vorher, die Wunden schmerzen, der Nachbar liegt ebenso ungeheuer groß und unbeweglich da. Ich vermag meine Gedanken nicht von ihm loszureißen. Habe ich denn alles Liebe, Teure verlassen, bin ich nach einem langen Marsche hierhergekommen, habe ich gehungert, gefroren, unter der Hitze gelitten; liege ich endlich jetzt hier mit diesen Ovalen— nur damit dieser Unglückliche aufhört zu leben? Ja, habe ich denn irgend etwas im militärischen Sinne Nützliches getan, außer diesem Mord? Mord, Mörder.... Und wer? Ich! Als ich beschloß, in den Kampf zu ziehen, haben mich die Mutter und Mascha nicht zurückgehalten, obgleich sie um mich weinten. Geblendet von der Idee, sah ich diese Tränen nicht. Ich hatte keinen Begriff— jetzt habe ich ihn—, was ich denen getan habe, die mir am Liebsten sind. Ja, sollte man eigentlich daran denken? Was vergangen ist, holt nian nicht zurück. Und was für ein sonderbares Verhalten zeigten viele Bekannte meinem Entschluß gegenüber. „Na, der ist auch verrückt! Läuft mit und weiß nicht weshalb!" Wie konnten sie das sagen? Wie verhalten sich solche Worte zu ihren Vorstellungen von Heldentum, Vaterlandsliebe und ande ren Dingen? In ihren Augen vertrat ich doch alle diese Tugen den. Und trotz alledem— bin ich„verrückt". Und da fahre ich nach Kischineff, man packt mir einen Ranzen und allerhand militärische Sachen auf. Und ich gehe zusammen mit Tausenden, unter denen vielleicht einige wenige zu finden sind, die gleich mir freiwillig gehen. Die übrigen würden zu Hause ge blieben sein, wenn man es ihnen gestattet hätte. Aber sie gehen ebenso wie wir,„die Zielbewußten", marschieren tausende Werst und kämpfen ebenso wie wir, oder sogar noch besser. Sie erfüllen ihre Pflichten, ungeachtet, daß sie sofort alles im Stiche gelassen hätten und fortgegangen wären— wenn man es nur gestattet hätte. Es wehte ein scharfer Morgenwind. Die Sträucher bewegten sich, ein halbverschlafenes Vögelchen huschte auf. Die Sterne waren erloschen. Der dunkelblaue Himmel war lichtgrau, hatte sich mit zarten Federwölkchen bedeckt; eine graue Halbdämmerung entstieg der Erde. ES begann der dritte Tag meines... Wie soll man es nennen? Leben? Todeskampf? Der dritte____ Wieviel sind noch übrig? Jedenfalls nicht viel. Ich bin sehr schwach geworden, und wie es scheint werde ich nicht einmal von dem Leichnam wegrücken können. Bald werden wir beide einander gleich und uns nicht mehr unangenehm sein. Ich mutz trinken. Ich werde dreimal am Tage trinken! Morgens, mittags und abends.