Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 14 0 0 OOOOO Beilage zur Gleichheit Inhaltsverzeichnis: Hinauf und vorwärts. Aus Goethes" Faust" erster Teil. Wie tief wir in den Himmel sehen. Von Felir Linke. Gleichberechtigung in der Kinderstube. Bon J. Str. Feuilleton: Luch Stone.( Fortsetzung.) hinauf und vorwärts. Oglücklich, wer noch hoffen kann, Aus diesem Meer des Jrrtums aufzutauchen! Was man nicht weiß, das eben brauchte man, Und was man weiß, kann man nicht brauchen. Doch laß uns dieser Stunde schönes Gut Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern! Betrachte, wie in Abendsonneglut Die grünumgebenen Hütten schimmern. Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt, Dort eilt sie hin und fördert neues Leben. O daß kein Flügel mich vom Boden hebt, Jhr nach und immer nach zu streben! Jch säh' im ewigen Abendstrahl Die stille Welt zu meinen Füßen, Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal, Den Silberbach in goldne Ströme fließen. Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten; Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten Vor den erstaunten Augen auf. Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken; Allein der neue Trieb erwacht, Jch eile fort, ihr er'ges Licht zu trinken, Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht, Den Himmel über mir und unter mir die Wellen. Ein schöner Traum, indessen sie entweicht. Ach! Zu des Geistes Flügeln wird so leicht Kein körperlicher Flügel sich gesellen. Doch ist es jedem eingeboren, Daß sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt, Wenn über uns, im blauen Raum verloren, Jhr schmetternd Lied die Lerche singt, Wenn über schroffen Fichtenhöhen Der Adler ausgebreitet schwebt, Und über Flächen, über Seen Der Kranich nach der Heimat strebt. Aus Goethes ,, fauft" erfter Teil. Wie tief wir in den Himmel sehen. Von Felix Linte. Wenn wir an einem recht klaren Tage auf erhöhtem Standpunkt stehen und unsern Blick in die Ferne schweifen lassen, so haben wir das Gefühl, daß wir sehr, sehr weit sehen können. Steht man auf einem isoliert liegenden Berge, der rings von ebenem Lande umgeben ist, wie etwa die Landeskrone bei Görlig, und blickt an solchen klaren Tagen nach Südosten, so kann man unter Umständen die Schneekoppe zu Gesicht bekommen. Dann sieht man schon 70 Kilometer weit. Man hat dann ganz deutlich die Empfin= dung, daß man von dieser Entfernung selbst keinen klaren Begriff mehr hat, daß so gut man sonst vielleicht gewisse Entfernungen zu schätzen vermag hier die Anschauung schon versagt. Die Roppe erscheint nicht mehr als Berg, nicht mehr als plastisches räumliches Gebilde, sondern wie ein Schatten, den man ebensogut aus Papier schneiden und an ihre Stelle sezen könnte. Aus diesem Beispiel erkennen wir, daß uns etwas verloren geht, wenn wir über eine gewisse Entfernung hinaussehen. Und das ist die Anschauung für die Tiefe, die tatsächlich auch viel schneller versagt, als jene Raumvorstellungen, die sich wesentlich in die Breite erstrecken. Da glaubt man gemeinhin nicht so leicht an eine Grenze der Wahrnehmbarkeit, weil die Alltagserscheinungen uns zu wenig Gelegenheit geben, derartige Erfahrungen zu sammeln. Die Silhuette des entfernten Gebirges behält immer eine beträchtliche Ausdehnung in die Breite, solange wir sie überhaupt noch sehen. Und in dem Gebirgskamm finden wir immer ein paar auffallende Punkte, die uns vortäuschen, daß wir noch alle Abstände dort zu O O O O O O O O 1916 unterscheiden vermögen. Diese Erscheinung ist nicht verwunderlich; die Erde bietet eben wegen der Trübungen der Luft und wegen der Erdkrümmung so gut wie gar keine Gelegenheit, genauere Anschauungen in diesen Dingen zu bilden. Anders wird es sofort, wenn wir in den Himmel schreiten. Da fehlt uns für Entfernungsvorstellungen jegliche Anschauung. Kein Mensch kann aus dem bloßen Anblick heraus sagen, welcher Stere näher oder weiter von uns weg ist; alle erscheinen gleich weit entfernt, oder vielmehr: die eigenartigen Verhältnisse lassen beim bloßen Anblic gar nicht so leicht den Gedanken an Entfernungen aufkommen, weil wir eben keine Gelegenheit haben, dort Entfernungen zu vergleichen. Wir vereinigen woh! gewisse Sterne zu Sternbildern, Gruppen, aber ihre absolute Entfernung voneinander und von uns kommt dabei gar nicht zum Bewußtsein. Wir sehen sehr tief in den Himmel hinein; es fragt sich nur, was wir dann noch sehen! Unsere Wahrnehmungsgrenzen hängen eben ab von der Schärfe unserer Sehorgane, in erster Reihe also von derjenigen unseres Auges. Die Physiologie und die Anatomie beweisen, daß unser Unterscheidungsvermögen für Lichtreize, die von benachbarten Punkten ausgehen, nicht unbegrenzt ist. Die ungeheure Anzahl der sehempfindlichen Nervenfasern, die in unserem Auge enden und die auf sie fallenden Lichtreize aufnehmen und dem Gehirn übermitteln, wo sie uns zum Bewußtsein kommen, bedecken ja immer, wenn auch enorm kleine Flächenbezirke. Sind nun zwei leuchtende Punkte einander so nahe, daß die von ihnen ausgehenden Lichtreize auf denselben Bezirk fallen, so werden sie nicht mehr getrennt wahrgenommen. Wenden wir das auf den Himmel an. Wir sehen dabei von allen Störungen ab, die die Eigenschaften unserer Atmosphäre hervorrufen. Ein normales Auge müßte dann zwei benachbarte nicht zu helle Sterne voneinander unterscheiden können, wenn der scheinbare Abstand zwischen ihnen nicht größer wäre als der dreißigste bis vierzigste Teil der Vollmondscheibe. Das wäre das gleiche, wie wenn man zwei leuchtende Punkte, die einen Zentimeter voneinander entfernt sind, aus 35 Meter Entfernung betrachten. In Wirklichkeit aber dürfen sie gar nicht so nahe stehen; wir können zwei solche Sterne nur noch voneinander unterscheiden, wenn sie etwa ein Zehntel bis ein Fünfzehntel der Vollmondbreite voneinander abstehen, andernfalls fließen sie für das Auge in einen Stern zusammen. Dazu wirken die mannigfachsten physiologischen Erscheinungen mit. Aber nehmen wir an, das Auge sei imstande, zwei leuchtende Punkte als getrennt zu erkennen, die den Abstand von ein Vierzigstel der Vollmondscheibe haben, und wenden dies auf unser Sehen mit Fernrohren an. Mit einem Fernrohr kann man unter günstigen Umständen auf hohen Bergen eine höchstens tausendfache Vergrößerung erzielen. Auf dem Monde selbst fönnte man dann in der Mitte der Mondscheibe noch Gegenstände voneinander trennen, deren Abstand nicht geringer als ein Vierzigtausendstel der Mondscheibe ist. Der Monddurchmesser ist 3500 Kilometer lang, so daß die Punkte wenigstens einen Abstand von 80 bis 90 Meter haben müssen. Schreiten wir weiter hinaus in den Weltraum, so kommen wir zu unsern Nachbarplaneten Venus und Mars. Unsere Entfernung von der Venus beträgt in der größten für die Untersuchung der Oberfläche dieses Planeten noch verwertbaren Erdnähe rund hundertzwanzigmal soviel wie die mittlere Entfernung des Mondes von uns; für Mars ergibt sich eine hundertfünfzigfache Entfernung. Unter denselben Voraussetzungen ergibt sich also, daß die kleinsten noch wahrnehmbaren Gebilde auf der Venusoberfläche eine Ausdehnung von 12 Kilometer, auf der Marsoberfläche von 15 Kilometer haben müssen. Auf der Sonne, die vierhundertmal weiter absteht von uns als der Mond, erweitert sich das Maß der höchsten noch sichtbaren Gebilde auf 40 Kilometer. Das sind Größen, die wir schon als makrokosmische bezeichnen können. Denn es fliegen innerhalb und außerhalb unseres Planetensystems viele Weltensplitter herum, die diese Größe lange nicht erreichen. Dazu gehört zum Beispiel eine große Zahl der kleinen Planeten, die fast alle ihre Bahnen zwischen Mars und Jupiter ziehen. Schreiten wir zu den entferntesten Planeten unseres Sonnensystems hinaus, zum Neptun, der dreißigmal weiter ist als die Sonne, so nehmen die kleinsten noch als solche erkennbaren Gebilde schon die Größe von 1200 Kilometer an, also Ausmaße, die von derjenigen unseres Mondes nicht sehr verschieden sind. 54 Für unsere Mütter und Hausfrauen Bei allen diesen Beobachtungen blieben wir noch innerhalb unseres Sonnensystems und sahen, wie wenig uns die direkte Beobachtung zur Erforschung der Oberfläche der Himmelsförper berhelfen kann. Schon in nächster Nähe versagen unsere jetzigen Hilfsmittel, und wir dürfen nicht hoffen, jemals auch nur die Grenzen unseres Sonnensystems einigermaßen zu beherrschen. Was sollen wir da erst erwarten, wenn wir in Figsternräume eintreten? Wir wissen, daß die nächsten Firsterne etwa 200 000 Sonnenentfernungen von uns abstehen, daß das Licht selbst Jahre braucht, um von ihnen bis zu uns zu gelangen. Daß wir da noch Oberflächenbeobachtungen machen wollen, ist natürlich einfach ausgeschlossen. Und würden wir bei einem Firstern Wahrnehmungen über Gestalt und Ausdehnungen machen, selbst bei den unmöglichen Vergrößerungen von 2000 oder 5000, so müßten diese Körper Dimensionen haben, welche diejenigen unseres riesigen Sonnenballs noch ganz weit hinter sich laffen würden. Glücklicherweise ist das für den Fortschritt der Wissenschaft nicht unbedingt nötig, weil wir andere Methoden haben, die uns zwar nicht alles, aber doch außerordentlich viel leisten. Wir dürfen mit unseren Feststellungen über das Erkennen nicht die Wahrnehmungsmöglichkeit von Gegenständen verwechseln. Denn wir nehmen die meisten Himmelskörper wahr, ohne sie als räumliche Gebilde sehen zu können, wir sehen sie nur gestaltlos! Das Wesentliche aber ist, daß wir sie doch wahrnehmen. Und für dieses Wahrnehmen gibt es eigentlich faum Grenzen. Alles hängt nämlich von der Stärke des Lichtes ab, das ein Körper aussendet. Darum fann auch ein fast beliebig weit entfernter Körper zur Wahrnehmung gelangen, wenn nur sein Licht dazu stark ge= nug ist. Einen wesentlichen Anteil daran nimmt die Unvollkommenheit, mit der unser Auge gebaut ist. Auch ein verschwindend kleiner leuchtender Bildpunkt, der seiner Ausdehnung nach für unser Auge unerkennbar wäre, gelangt doch zu unserem Bewußtsein, weil der Reiz einer Nervenfaser, auf die allein der Lichtstrahl vielleicht fällt, so stark ist, daß er weitere mit anzuregen vermag. Wir sehen dann eigentlich nur noch die Öffnung unseres eigenen Auges im Lichte jenes Gegenstandes. Unter diesen Umständen können wir also scheinbar außerordentlich kleine Körperchen sehen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Marsmonde, die im Jahre 1877 entdeckt wurden. Phobos, der innere, dem Mars nähere, hat einen Durchmesser von 9/2 Kilometer, Deimos, der äußere, gar nur von 8 Kilometer. Wenn wir aber auf dem Mars nach unseren vorhergehenden Feststellungen nur noch Gebilde sehen können, die mindestens 18 Kilometer groß sind, warum sehen wir dann die noch nicht halb so großen Monde überhaupt? Nun, eben weil sie lichtstark genug sind! Mit denselben Hilfsmitteln, die sie entdeckten, würden wir sie auch sehen, wenn sie noch fleiner wären. Die Firsterne haben nun gewöhnlich eine verhältnismäßig sehr viel intensivere Leuchtkraft. Daher senden uns aus den unmeßbaren Fernen des Weltalls so viele Sonnen ihre Lichtbotschaften zu. Schon die mit bloßem Auge sichtbaren Sterne haben vielfach Entfernungen, die das Licht drei Jahrhunderte unterwegs sein laffen müssen, um zu uns gelangen und gesehen zu werden. Würde solch ein Stern jetzt plötzlich erlöschen, wir würden's erst nach dreihundert Jahren merken! Aber das ist noch wenig! Schreiten wir bis zu den äußersten Grenzen unseres Fixsternsystems- die Milchstraße vor, in deren Mitte wir etwa stehen, so braucht das Licht etwa 22 000 Jahre, um uns davon Kunde zu geben! Um nun die Zahlen anzugeben, was das heißt, sei folgendes be= merkt: Das Licht legt in einer Sekunde eine Wegstrecke von 300 000 Kilometer zurück. Da nun ein Jahr 365 X 24 X 60 X 60= 31 536 000 Sekunden hat, legt ein Lichtblik innerhalb dieser Zeit 31 536 000 X 300 000 9 460 800 000 000 Kilometer zurück, das heißt rund 9/2 Billionen Kilometer. Dreihundert Lichtjahre wären also rund 2900 Billionen Kilometer, 22 000 Lichtjahre 209 000 Billionen Kilometer! = Der Andromedanebel, der vielleicht ein gleiches Sternsystem darstellt wie unser Milchstraßensystem, ist von uns etwa zwanzigmal so weit entfernt als die äußersten Grenzen der Milchstraße, das sind rund eine halbe Million Lichtjahre( 4 250 000 Billionen Kilometer). Und der Spiralnebel in den Jagdhunden, den wir wahrscheinlich auch als ein gleiches System ansehen müssen, ist vielleicht noch dreihundertmal so weit, also 6/2 Millionen Lichtjahre( 61% Trillionen Kilometer). Diese Entfernungen sind unvorstellbar, gerade so gut wie schon diejenige von uns bis zur Sonne. Wir erkennen aber, daß die Tiefe unserer Blicke in den Himmel in der Tat so gut wie unendlich ist. Und in den ungeheuren Entfernungen des Andromedanebels und des Nebels in den Jagdhunden sehen wir sogar noch Nr. 14 Gestaltungen! Ja sogar Gestaltungs änderungen bemerken wir, wenn auch nicht in so großen Fernen in kurzer Zeit. Aber der neue Stern vom Jahre 1901 hat uns solche Wandlungen in Tagen gezeigt. Wir erkennen daraus, daß die dort vor sich gehenden Prozesse und die in ihnen tätigen Kräfte von einer unbe= schreiblichen Gewaltigkeit sein müssen. Die Geschwindigkeiten, die dabei auftreten müssen, übersteigen alle in unserem Sonnensystem bekannten. Trotzdem bemerken wir von solchen Veränderungen an vielen Gebilden nichts; sie scheinen ewig unveränderlich zu sein. Und dennoch sind sie es nicht. In diesen Entfernungen vermögen selbst die ungeheuerlichsten Geschwindigkeiten nicht, sich unseren Meßwerkzeugen, auch den feinsten ihrer Art nicht, bemerkbar zumachen; Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende gehören dazu. Und erst die Vergleichungen unserer Feststellungen mit denjenigen nach Jahrhunderten und Jahrtausenden vermögen Änderungen. erkennen zu lassen- ein guter Trost für den Zukunftkurs dieser unserer scheinbar zwedlosen Gegenwartarbeit! Um so wunderbarer ist es, daß wir schon heute in der Spektralanalyse, die auf der Zerlegung des von den Körpern ausgestrahlten Lichtes beruht, eine Methode befizen, die uns in Verbindung mit anderen Untersuchungsarten tiefe Einblicke gewährt in die Entwicklungs- und Gestaltungsprozesse der Weltkörper, und uns Vorgänge enthüllt, die wir sonst wahrscheinlich nie zu unserer Kennt nis hätten bringen können. Dabei ist die Entfernung schon in hohem Maße ausgeschaltet; die Eigenart der Methode ersetzt, was uns die räumliche Anordnung versagt. Dürfen wir wohl hoffen, daß uns die physikalische Forschung noch weitere ähnliche Methoden beschert, die sich ebenso furchtbar erweisen wie die Spektralanalyse? Nach den schönen neuen Errungenschaften möchte ich sagen: Mir scheint's so! Gleichberechtigung in der Kinderstube. Der dreijährige Ali wird zu einem Spaziergang angekleidet. Da es ungewöhnlich kalt ist, will ihm seine Mutter ein Kopftuch um= binden. Er verwahrt sich aber dagegen:" Da werden alle Leute glauben, daß ich ein Mädchen bin."" Nun, und," sagt die Mutter, ,, ist es denn eine Schande ein Mädchen zu sein?" Ali stampft mit dem Fuß auf:„ Ein Bub ist ein Bub und ein Mädel ist ein Mädel." Wer wüßte nicht ein ähnliches Geschichtchen aus der Kinderstube, das zeigt, welch starkes männliches" Selbstbewußtsein diese kleinen Bürschchen, die kaum plappern und laufen können, besitzen. Mitleidig, stolz oder begönnernd betrachten sie das Schwesterchen, ja oft auch die große Schwester und die Mutter, die nur Weiber" sind. Und wer kennt nicht das Gegenstück dazu: das kleine Mädchen, das weint, weil es kein Bub ist, und die Mutter bittet, Hosen tragen zu dürfen wie der Bruder. Daß es so ist, daß schon kleine Kinder, deren Vorstellung von der Verschiedenheit der Geschlechter doch ganz unklar ist, es für erniedrigend halten, eine Frau zu sein, ist ganz natürlich. Denn früher noch als sprechen, lernt das Kind beobachten. Und da ist nun eine Erscheinung unseres gesellschaftlichen Lebens, die sich ihm tagtäglich auf der Gasse, im Hause, überall geradezu aufdrängen muß: der Vorrang des Mannes. Mit ehrfürchtigem Staunen be= trachtet das Kind den Straßenbahnschaffner mit seiner Knipszange, den säbelrasselnden Offizier, den allmächtigen Schuhmann. Manch sehnsüchtig bewundernder Blick trifft den Kutscher auf seinem erhöhten Siz. Dem Vater verleiht seine Tätigkeit, mag er nun daheim ein Handwerk betreiben oder ins Geschäft oder in die Fabrik gehen, in den Augen des Kindes eine besondere Würde, die ihn über die Mutter erhebt, die vielleicht„ nur“ die Hausarbeit versieht. Am entscheidendsten aber wird das Urteil des Kindes beeinflußt von dem, was es von dem gegenseitigen Verhalten der Eltern wahrnimmt. Es hat bald heraus, ob der Vater die Mutter als gleichwertigen Menschen behandelt oder ob er sich auf den Herren hinausspielt und fie tyrannisiert. Hat das Kind Gelegen. heit, das letztere zu beobachten, so wird, wenn nicht seine Sympathie, so doch seine Furcht, sein Respekt dem Vater gelten. In ihm, dem Manne, wird es den Starken, den überlegenen sehen, in der Mutter, der Frau, die Schwache und Untergebene. Aber auch dann, wenn Vater und Mutter in gutem Einvernehmen leben, wird das Kind meist beobachten können, daß es der Vater ist, der anordnet und bestimmt, und die Mutter, die sich fügt. Es wird daraus den Schluß ziehen, daß der Mann zum Befehlen, die Frau zum Gehorchen da ist. Oft ist es die Mutter selbst, die dem Kinde die Herrenstellung des Mannes bestätigt. Wart, ich werd's dem Vater sagen", droht sie, und bedenkt nicht, daß sie, indem sie den Vater zur obersten Instanz erhebt, ihre eigene Macht und Autorität in den Augen des Kindes herabsetzt. Nr. 14 Für unsere Mütter und Hausfrauen überhaupt find Redensarten der Erwachsenen häufig mitschuldig an dem Vorurteil des Kindes. O je, ein Mädel"," was, du bist ein Bub und heulst wie ein Mädel, schämst du dich nicht!" Diese und ähnliche pädagogische Ermahnungen" müssen natürlich in den Kindern die Meinung erwecken, daß es nicht gerade besonders ehrenvoll ist, als Mädchen zur Welt zu kommen. Dieselbe Wirkung müssen Neckereien haben, die man mit fleinen Kindern treibt, die sich noch im Zweifel sind, ob sie sich zu den Buben oder zu den Mädels zu rechnen haben.„ Wart, wenn du nicht brav bist, wirst du in ein Mädel verwandelt werden," pflegt in Gegenwart der fleinen Schwester eine Mutter ihrem dreijährigen Buben zu sagen, der über diese Drohung stets sehr aufgebracht ist. Ob die Mutter wohl selbst der Meinung ist, daß es eine Schande bedeutet, eine Frau zu sein? Vielleicht ist sie es, vielleicht ist sie überzeugt, daß die Frau ein minderwertiges Geschöpf ist, daß Geringschäßung und Unterdrückung ihr gerechtes Los sind. Dann verfährt sie ganz logisch, wenn sie ihren Buben frühzeitig lehrt, auf die Mädchen herabsehen, und wenn sie ihrem Töchterchen zu verstehen gibt, daß es nicht besonders ehrenvoll ist, ein Mädchen zu sein. Sie erzieht dann ihre Kinder in Übereinstimmung mit den Einrichtungen und Anschauungen der bürgerlichen Gesellschaft, die die Frau rechtlich den Minderjährigen und Idioten gleichstellt. Klassenbewußte Proletarierinnen denken anders über den Wert der Frau. Sie wissen, daß die Frau weder geistig noch moralisch minderwertig ist, und daß nur unsere widrigen sozialen Verhältnisse ihr nicht gestatten, ihre Persönlichkeit voll zu entwickeln. Sie wissen, daß nicht Gleichwertigkeit mit dem Manne, sondern Gleichberechtigung mit dem Manne der Frau mangelt. Sie wissen, daß nur die Frau, nur der Mann, die beide das Vorurteil von der Minderwertigkeit der Frau überwunden haben, auch fähig sind, zäh und erfolgreich für die Gleichberechtigung der Frau einzutreten. Die proletarische Mutter muß also, will sie, daß ihre Kinder dereinst für dieselbe Sache kämpfen wie sie, vor allem darauf bedacht sein, in ihren Buben und Mädchen von klein auf das Gefühl der Gleichberechtigung der Geschlechter zu wecken. Durch eine solche Erziehung erspart sie ihren erwachsenen Kindern nicht nur dereinst die schwere Arbeit des Umdenkenmüssens, sie bewahrt sie auch vor verhängnisvollen Schädigungen ihres Charakters. Forschungen von Nervenärzten und Pädagogen haben nämlich ergeben, daß biele sogenannte Kinderiiarten mit dadurch entstehen, daß das Kind, gleichgültig ob Bub oder Mädchen, es für herabseßend hält, eine Frau zu sein. Es verachtet deshalb Eigenschaften, die ihm weibisch" erscheinen, wie zum Beispiel Fügsamfeit, Bescheidenheit, Zärtlichkeit, und übertreibt Gigenschaften, die es für besonders männlich" hält, wie zum Beispiel Troz, Unverträglichkeit, Ehrgeiz. Es will überall der Erste sein, tyrannisiert seine Mitmenschen und ist selbst überaus empfindlich gegen Kränkungen seines Selbstgefühls. Wird diesen Unarten nicht durch eine fluge und liebevolle Erziehung entgegengewirkt, so können fie zu Charakterfehlern des Erwachsenen ausarten, die den Träger und anderen das Leben sauer machen und die sozialen Leistungen beeinträchtigen. Viele von den sogenannten„ männlichen“ und ..weiblichen" Untugenden, wie Egoismus und Brutalität des Mannes, Zanfsucht und Launenhaftigkeit der Frau, auch Hysterie und andere nervöse Leiden lassen sich somit zum großen Teil zurückführen auf die falsche Auffassung des Kindes von dem Wert der Frau. Wodurch aber, so müßten sich die Eltern fragen, können wir unseren Kindern das Gefühl der Gleichberechtigung der Geschlechter geben? Die erziehliche Macht der proletarischen Eltern ist heute sehr beschränkt. Viele jener Zustände, die bewirken, daß schon das fleine Kind es als herabsehend empfindet, ein Mädchen zu sein, können sie nicht von heute auf morgen ändern. Sie können auch nicht ohne weiteres unser verrücktes Schulsystem umgestalten, das durch die Trennung der beiden Geschlechter die künstliche Kluft zwischen beiden noch mehr erweitert. Nur innerhalb der vier Wände ihres Hauses haben die Eltern einen direkten Einfluß auf die Erziehung ihrer Kinder, einen Einfluß, der allerdings durch die widrigen sozialen Lebensverhältnisse immer mehr beeinträchtigt wird. Hier können sie vor allem durch das Beispiel wirken. Und das Beispiel ist gerade, was die Erziehung der Kinder zu jenem Gleichberechtigungsgefühl anbetrifft, besonders wichtig. Dazu gehört auch, daß die Eltern in Gegenwart der Kinder alle herabseßende Bemerkungen über den Wert der Frau, mögen sie auch scherzhaft gemeint sein, unterlassen. Vor allem wichtig aber ist es, daß sie, soweit es in ihrer Macht steht, in der Familie die gleichartige Erziehung von Buben und Mädchen durchführen. Bei Spiel und Arbeit sollte kein Unterschied zwischen Buben. und Mädchen gemacht werden. Die Arbeitsteilung, die bei den häuslichen Geschäften nötig ist, sollte einzig durch die Rücksicht " 1 55 auf das Alter und die Kraft des Kindes bestimmt werden. Die Herren Buben sollen sich nicht für zu gut" halten für gewisse Arbeiten wie Staubwischen oder Bettmachen, und sich dadurch ange= wöhnen, über die Weiberarbeit" die Nase zu rümpfen. Achtung vor der Arbeit der Frau muß ein Proletarierkind vor allem lernen, wenn es überhaupt Achtung vor der Frau haben soll. Auch mit dem bürgerlichen Vorurteil, dies und jenes schickt sich nicht für Mädchen", sollte aufgeräumt werden. Das Selbstgefühl der Mädchen kann unmöglich dadurch gehoben werden, daß man ihnen hundert Dinge verbietet, weil sie nur Mädchen" sind, und ebensowenig wird die Bescheidenheit der Buben dadurch gesteigert, daß man ihnen alles erlaubt, weil sie Buben sind. Spiele, die sich für Mädchen nicht eignen, weil sie roh oder unschön sind, passen ebensowenig für Knaben. Dagegen ist das, was für Knaben gesund ist, wie Taufen und springen, turnen und boren, auch für Mädchen gut und. notwendig. Es stimmt auch im allgemeinen nicht, daß die Mädchen von Natur aus schwächer und schmächtiger sind als Knaben. Wenn man sie aber zum Stillfißen, zu meist ebenso ungesunden wie unnötigen weiblichen Handarbeiten" verurteilt, so müssen sie schwächere Lungen und Muskeln bekommen als die Buben, die sich bei Wind und Wetter draußen tummeln dürfen. Es ist hier nicht der Ort, alle die Vorteile der gemeinsamen Erziehung von Knaben und Mädchen aufzuzählen. Nur darauf soll hingewiesen werden, daß das gemeinsame Spiel( Sport) zwischen Knaben und Mädchen ungeheuer viel dazu beiträgt, das Gefühl der Gleichberechtigung zu stärken, jenes Gefühl, das ja zugleich ein starkes Selbstbewußtseint und eine ehrliche Achtung vor dem anderen Geschlecht in sich schließt. Eines versteht sich natürlich von selbst, daß die Eltern streng ge= recht sein müssen gegen ihre Kinder, daß weder der Bub noch das Mädel vorgezogen werden darf. Aber diese Bemerkung ist in diesem Zusammenhang eigentlich unnötig. Denn wenn auch in der proletarischen Familie die Unfitte der Vorzichens und Zurüdsetzens leider noch oft genug zu finden ist, so ist doch der Grund der Parteilichkeit meistens nicht der, daß das eine Kind ein Bub, das andere„ nur ein Mädel" ist. Im Gegensatz zu der bürgerlichen, der großbäuerlichen, der feudalen Familie wird ja im proletarischen Hause die Geburt eines Buben im allgemeinen nicht freudiger begrüßt als die eines Mädchens. Warum auch? Auf die Forteristenz des Familiennamens legt der Arbeiter Schmidt oder Müller im Gegensatz zum Grafen von und zu Hohenheim wenig Wert, und die Hinterlassenschaft, das heißt in diesem Falle die elterliche Tüchtigkeit kann ein Proletariermädel so gut erben und verwalten wie ein Proletarierbub. Ebenso begreiflich wie es nun von Bourgeoisie und Aristokratie ist, daß fie ihren Klasseninteressen gemäß von Haus aus Söhne und Töchter verschieden werten, und daß sie ihre Kinder in dem Gefühl auferziehen, daß zwischen Buben und Mädchen ein Unterschied des Wertes besteht, ebenso unbegreiflich ist es, wenn in Proletarierfamilien diese Erziehung nachgeahmt wird, anstatt daß den künftigen Arbeitern und Arbeiterinnen, die einmal für die gleichen Intereffen gemeinsam kämpfen sollen, von flein auf das Gefühl der Gleichberechtigung der Geschlechter eingeimpft wird. Daß sich die Erkenntnis von der Notwendigkeit einer solchen Erziehung im Proletariat jest mehr und mehr Bahn bricht, davon zeugen die Organisation der Kinderfreunde in Österreich, in der Buben und Mädels gemeinsam spielen und beschäftigt werden, und die gemeinsame Jugendorganisation, wie sie in Deutschland und seit neuester Zeit auch in Österreich besteht. Feuilleton Lucy Stone. J. Str. ( Fortsetzung.) Eine nordamerikanische Bahnbrecherin der Frauenbewegung. Den Anstoß dazu, in der Unfreiheit und Rechtlosigkeit der Frau die Schlange des Unrechts" zu erblicken, empfing Ruch schon als Kind in ihrer Familie. Das Leben der Stones als Farmer war das der freien, eigenwirtschaftenden Bauern in der vorkapitaliſtischen Zeit. Nicht schrankenlose Ausbeutung fremder Arbeitskräfte war die Quelle ihres Wohlstandes, sondern die treue, produktive Arbeit aller Familienmitglieder. Niemand durfte müßig gehen, jeder mußte die Hände regen, den Geist anspannen, damit die Felder und Herden gediehen, die Kasten und Scheuern gefüllt waren, Ordnung und Behagen im Hause herrschten. Von früher Jugend an nahmen die Kinder nach dem Maße ihrer Kräfte an dem arbeitsreichen Leben der Eltern teil. Die mannigfaltige, ab= wechslungsreiche, schaffende ländliche Arbeit war ihre Haupterzieherin. An ihr erprobten sich und erstarkten die körperlichen Kräfte; sie regte immer wieder aufs neue eigenes Beobachten, Nach 56 Für unsere Mütter und Hausfrauen denken, Beurteilen und Handeln an; sie stellte die Kleinen mitten in die Natur und schloß sie mit den Nächsten zu gemeinsamen Zielen zusammen; sie beflügelte die Phantasie und trieb zum Gestalten, gewöhnte an die Eingliederung des Handinhandwirkens und an Selbständigkeit. Auch Luch genoß wie ihre Brüder und Schwestern diesen strengen, aber nicht harten Anschauungs- und Erziehungsunterricht der Tatsachen. Sie trieb die Herden auf die Weide, oft wenn noch die letzten Sterne am Himmel funkelten und der Nachtbau so talt auf den Wiesen lag, daß das Mädchen abwechselnd den linken und rechten Fuß in die Höhe zog und an dem andern rieb, um ihn zu wärmen. Sie ging der Mutter bei ihren Verrichtungen in Hof und Garten, in Haus und Stall fleißig und geschickt zur Hand. Dabei dämmerte ihr das Verständnis auf, wie groß, wie erdrückend die Arbeitslast war, die auf dieser ruhte. Als Luch ungefähr zwölf Jahre zählte, drohte die Gesundheit der Mutter unter der schweren Pflichtbürde zusammenzubrechen. In der ihr eigenen Art dachte die Kleine darüber nach und sagte sich, daß wenn schon jemand an einem übermaß von Arbeit sterben müsse, die Mutter weniger entbehrt werden könne als sie selbst. Da sie ein kräftiges Mädchen war, nahm sie von nun an die schwersten Arbeiten der Mutter auf sich. Sie stand so vor Tag auf, um vor dem Weg zur Schule die Wäsche der ganzen Familie zu waschen. Wenn sie mittags heimkam, holte sie die getrockneten Stücke von der Leine, ehe sie zum Nachmittagsunterricht ging. Manchmal drohten die müden, schmerzenden Glieder den Dienst zu versagen, aber geschickt verstand sie es, Schwächeanwandlungen der mühsalbelasteten, kränkelnden Mutter zu verbergen. Luch lernte aber in der stillen Frau nicht bloß die treubesorgte, fluge Schaffensgenossin des Vaters schäßen, deren Wirken an Wert für das Gedeihen der Familie wahrlich nicht hinter dem seinigen zurückstand. Schon frühzeitig ahnte und empfand sie in ihr die stumme, geduldige Kreuzträgerin, deren eigenes Dasein ganz unter den Willen des Mannes gebeugt war, deren Persönlichkeit gleichsam durch die seine völlig ausgelöscht wurde. In den Familien der Verwandten, der befreundeten Farmer das gleiche Schauspiel. An dem schroffen Gegensatz zwischen dem mühereichen Pflichtkreis der eigenwirtschaftenden Bäuerin und ihrer Unterordnung unter den Mann entzündete sich in Luchs kindlicher Seele die Erkenntnis von der bitteren Ungerechtigkeit, die Frau als eine angeblich Minderwertige in Unfreiheit und Rechtlosigkeit zu halten. Diese Erkenntnis erfüllte schon das Kind mit leidenschaftlicher Empörung, und sie wurde zur lodernden Flamme, die Luch Stones Wesen Glut und Glanz verlich, eine unvergleichliche Kämpferin für das Recht des Weibes zu werden. Das Bild der arbeitenden, wirkenden Frau stand vor ihrem Geiste, wenn sie für ihr Geschlecht freie Bahn forderte. Die arbeitende Frau wollte sie zum Ningen für diese Forderung rufen. Die arbeitende Frau wertete sie als die in Wirklichkeit treibende und tragende Kraft der Frauenbewegung. Es tamen später die Beiten, wo die Frauenbewegung in den Vereinigten Staaten mächtig in die Breite schwoll. Gleich einem stark flutenden Strom riß sie viele mit fort, die sich berufen dünkten, aber nicht auserwählt waren. Dollarjagender Emporkömmlinge Frauen und Töchter, die in Wahrheit als Almosenempfängerinnen der Gatten und Väter einen rasch erbeuteten Reichtum schmarozend verzehrten; Lippenbekennerinnen moderner Jdeen", die sich in müßigen Stunden dillettantisch mit Wissenschaft, Kunst, Politit, Wohlfahrtseinrichtungen beschäftigten, wie die Dirne sich schminkt, und zu dem gleichen Zwed; selbstsüchtige Rechenmeisterinnen, die da wähnten, sich mit Wohltätigkeitsbrofamen von nichterarbeitetem Vermögen einen billigen Ablaß für ihre sozial unnüße, ja schädliche Eristenz erkaufen zu können, und die für die Sache nicht ihre Person, sondern höchstens Splitter eines Geldes einsetzten, das ihnen juristisch gehören mag, auf das sie moralisch kein Anrecht hatten. Sie alle in ihren verschiedenen Spielarten waren für Luch Stone nur das Weibchen", aber nicht das Weib, nicht die Frau, die ihre Freiheit denken, wollen und erkämpfen muß. Es war für sie selbstverständlich wie ein Naturgeseh, höchstes Sittlichkeitsgebot, daß die Arbeit allein die unerschütterliche Grundlage des Wertes und der Würde der Frau ist, der feste Eckstein ihrer Rechtsforderung. In so engem, unlösbarem inneren Zusammenhang empfand schon das Kind Arbeit und Recht des Weibes, daß Luch heftig die Möglichkeit bestritt, die geltenden Geseze könnten die Mutter dem Willen des Vaters unterwerfen. Noch weniger wollte sie glauben, was Gesetz und Sitte über die Stellung der Frau sagten, sei der Ausfluß göttlichen Willens. Ihr tief religiöses Gemüt rebellierte gegen die Vorstellung, der allgütige und allweise Vater im Himmel, zu dem sie Morgens und Abends betete, die VerkörpeNr. 14 rung höchster Gerechtigkeit, fönne für die Hälfte des Menschengeschlechts Knechtschaft und Rechtlosigkeit gewollt haben. Die be= rühmte Bibelstelle und er soll ihr Herr sein", beruhte ihrer überzeugung nach auf einer falschen und gefälschten Übersetzung. Luch beschloß zu studieren, griechisch und hebräisch zu lernen, um die Bibel im Urtext zu lesen und das lautere Wort Gottes wieder herzustellen. Luchs Brüder besuchten die Universität. Das fanden die Eltern ganz in der Ordnung. Als aber die Schwester den Wunsch äußerte, ebenfalls zu studieren, entfuhr dem Vater die vollkommen ernstgemeinte Frage: Ist denn das Kind verrückt? Damit war für ihn die Sache abgetan. Allein Luch ließ nicht locker. Sie beschloß, das nötige Geld selbst zu verdienen, pflüdte Beeren und Nüsse und kaufte sich Bücher für den Erlös. Jahrelang erteilte sie Unterricht an den Bezirksschulen, abwechslungsweise lernend und lehrend. Bald war sie als tüchtige Lehrkraft bekannt. Es war keine Kleinigkeit, die wilden Farmersjungen im Baume zu halten. Die älteren Jahresklassen waren den Sommer über bei der Feldarbeit beschäftigt und besuchten die Schule nur im Winter. Mancher Lehrer wurde mit ihnen nicht fertig. Einmal war es in einer Winterschule" vorgekommen, daß die großen Jungen ihren Lehrer zum Fenster hinauswarfen, kopfüber in den tiefen Schnee. Luch Stone zauderte nicht, gerade diese schwierige Klasse zu übernehmen. Bisher hatte man weibliche Hilfskräfte nur für die jüngeren Altersklassen verwandt, man traute ihnen nicht die persönliche Autorität zu, mit solchen wilden Burschen fertig zu werden. Luch Stone erbrachte den Beweis, daß es beim Erzieher nicht auf die physische Kraft, sondern auf die geistig- sittliche ÜberTegenheit ankommt, und daß ein Weib diese Fähigkeiten mindestens ebensogut besiken kann wie ein Mann. In wenigen Tagen hatte sie die aufsässige Klasse vollkommen in der Gewalt, die großen Jungen wurden ihre ergebensten Knappen. Troßdem erhielt Luch Stone nur einen Teil des Gehalts, den ihr unglücklicher männlicher Vorgänger bezogen hatte. Die Agitation zur Befreiung der Negersklaven bewegte damals alle Gemüter. Furchtlose und edeldenkende Männer und Frauen erhoben leidenschaftlich die Stimme zugunsten der farbigen Volksgenossen. Ebenso heftig waren die Verteidiger der Sklaverei. Ihren tiefsten Grund hatte diese Bewegung in dem wachsenden wirtschaftlichen Gegensatz zwischen den Plantagenbau treibenden Großgrundbesitzern, die in den Südstaaten vorwogen, und den fapitalistischen Industriellen der Nordstaaten, die für ihre Zwede des freien Lohnarbeiters" bedurften. Geführt wurde der Kampf aber auf beiden Seiten vorwiegend mit ideologischen Gründen, die den Grundsäßen der Religion und Moral entnommen waren. Wie überall stellte auch hier die Geistlichkeit sich mit Vorliebe auf Seite der reaktionären Tendenzen. Besonderes Argernis erregte die lebhafte Agitation zweier Schwestern, Sara und Angelina Grimke aus Südkarolina, die ihre Sklaven freigelassen hatten und nun nach dem Norden gekommen waren, um Vorträge gegen die Sklaverei zu halten. Die Geistlichkeit in Massachusetts hatte, um diesen tapferen Vorkämpferinnen der Menschlichkeit den Mund zu stopfen, 1837 einen Hirtenbrief erlassen gegen das öffentliche Reden von Frauen. Auf einer Kirchensynode in Northbrookfield wurde der Hirtenbrief öffentlich verlesen. Luch Stone befand sich mit einer Kusine unter den Zuhörern auf der Galerie. Kaum konnte sie ihre Entrüstung beherrschen. Zum Schluß erklärte Luch, daß wenn sie je etwas in der Öffentlichkeit zu sagen hätte, sie es sagen würde, dem Hirtenbrief zum Troß und jetzt erst recht. Kurz darauf wurde gegen einen bekannten Geistlichen ein Verfahren eingeleitet wegen seiner lebhaften Agitation für die Sklavenbefreiung. Verschiedene Gemeindeversammlungen sollten entscheiden. Luch Stone war seit dem neunzehnten Jahre Mitglied dieser Kirche, und als es zur Abstimmung kam, erhob auch sie ihre Hand. Der vorsitzende Geistliche stand auf, deutete nach ihr und belehrte den, Mann, der die Stimmen zählte, daß er ihre Stimme nicht mitzählen dürfe. „ Warum," fragte der Mann, ist sie denn kein Mitglied?"„ Gewiß," antwortete der Geistliche, aber kein stimmberechtigtes." Der höhnische Ton, in dem dies gesagt wurde, stachelte Luchs Trotz. Sie hatte doch auch eine Meinung, sie war Mitglied, sie hatte also ein Recht. Sechsmal kam es zur Abstimung und sechsmal erhob Luch ihre Hand. Ebensooft wurde sie übergangen. Diese eine weibliche Hand war damals die einzige Möglichkeit gegen die Entrechtung der Frau in der Kirche zu protestieren. Seither haben sich auch hier die Dinge geändert. Heute haben fast überall in den amerikanischen Kirchen Frauen das Stimmrecht.( Schluß folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bei Stuttgart. N Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.H. in Stuttgart.