Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 15 oooooooo Beilage zur Gleichheit Inhaltsverzeichnis: Wir heißen euch hoffen! Gedicht von Goethe. Für Babys Wünsche. II. Von Schwester Lydia Ruehland. die Hausfrau. Notizen.- Feuilleton: Lucy Stone.( Forts.) Wir heißen euch hoffen! Die Zukunft decket Schmerzen und Glück Schrittweis dem Blick. Doch ungeschreckt dringen wir vorwärts. Und schwer und fern Hängt eine Hülle. In Ehrfurcht still ruhn oben die Sterne Und unten die Gräber... Es rufen von droben die Stimmen der Geister, Die Stimmen der Meister: ,, Versäumt nicht zu üben Die Kräfte des Guten! Dort flechten sich Kronen in ewiger Stille, Die sollen mit Fülle die Tätigen lohnen! Wir heißen euch hoffen!" 000 Babys Wünsche. Bon Schwester Lydia Ruebland. II. Goethe. Schon wieder Wünsche, denkst du, vielgeplagte Mutter, und zichst die Stirne in Falten- sei beruhigt. Was Baby heute wünscht, foftet nicht nur nichts, sondern die Erfüllung seiner Wünsche erspart dir noch unnüße Ausgaben. Die Sonne lockt so warm, besonders in den Mittagstunden, die Kinder treiben ihre Kreisel und freuen sich des munteren Spieles. Allerdings begreifen auch die größeren Kinder den hohen gesundheitlichen Wert der Sonnenstrahlen noch nicht in wünschenswerter Weise, immer und wieder muß man sie ermahnen:" Spiele nicht im Schatten, sondern gehe in die Sonne"." Ja, aber da schwitze ich so", antworten sie mit unwilliger Miene. Und sie haben recht. Darum müssen sie immer den Hals frei tragen. Unter dem Halstuch kommt das spielende Kind leicht zum Schwißen. Streicht dann die kalte Luft zwischen Tuch und Hals hindurch, so wird der Temperaturunterschied zwischen der äußeren Haut und dem Innern der Mundhöhle und damit auch der Halsschleimhaut zu groß, eine Erkältung ist fast unausbleiblich. Darum fort mit den Halstüchern. Nur Abhärtung schützt gegen Erkältung. Das gilt natürlich auch schon für Baby. Es wünscht sich keine breiten Bindebänder an seinem Häubchen. Die sind ihm nur im Wege, oft direkt lästig, es zupft und zieht daran, aber der stumme Appell dringt nicht zu Mutters Ohren und Augen. Im Gegenteil: Mutter ist von ihrer Autorität so stark überzeugt, daß sie scheltend und wohl gar mit leichtem Klaps auf Babys niedliche Wurstfingerchen immer aufs neue die Riefenbandschleife knüpft. Liebe Mutter, nimm eine schmale Baumwollizze nicht leinenes Band, damit schließe das Häubchen, es ist viel billiger und bei weitem zweckmäßiger. Kümmere dich nicht um Nachbars Märchen, der unter seiner Vivatschleife stöhnt und darum verdrießlich dreinblickt, oder um Nachbars Gretel, die ihre schöne Bandschluppe als Lutschbeutel ansieht und verwendet. Mit der Schleifenmode hat es sowieso seine Schwierigkeit, denn Baby hat ja noch keinen Hals. Das Köpfchen sitzt ihm direkt auf den Schultern, also genügt ein Bändchen vollauf. Und das Hälschen härtet sich allmählich ab. Und das andere, entgegengesetzte Ende des fleinen Menschleins, die Füße und die Beinchen? Was mußte ich da kürzlich in einer sie steckBeratungsstunde erleben! Alle kleinen Wickelbabys ten noch sämtlich im Windelbündel-- trugen schon Strümpfe!! Bei den teuren Zeiten! Und, weil sie vernünftigerweise sich da= gegen wehrten und die unbequemen, meist verfilzten Dinger von den Füßen strampelten, hatten alle Mütter Strumpfbänder, richtig gehende Gummistrumpfbänder unterm Knie befestigt!! Und wie befestigt! Babys Blutkreislauf ist noch gar leise, darum darf kein Glied des Körperchens eingeengt werden. Ich erlebte einmal in OOOOOOOO 1916 einer Mutterberatungsstunde, wie ein Baby, wenige Minuten vorher noch frisch und rosig, uns fast sterbend auf den Untersuchungstisch gelegt wurde. Zunächst war ich ratlos, aber nur für den Augenblick eines kurzen Gedankens. Dann erkannte ich die Not des fleinen hilflosen Wesens: die Mutter hatte ihm beim Wiederankleiden die Schnur vom Hemdchen so fest zugezogen, daß es dem Ersticken nahe war. Zwölf Kinder nannte die Mutter ihr eigen, das so leichtsinnig gefährdete war ein Pflegekind ihr war das Ganze ein Rätsel, und mir lag der Schreck tagelang in allen Gliedern. Die Halseinschnürung machte sich sofort bemerkbar die Beinchen antworten so schnell wohl kaum. Darum muß die Mutter denken bei allem, was mit dem so unendlich hilflosen Baby zusammenhängt. Strumpfbänder bekämpfen wir in gleicher Weise bei Erwachsenen wie auch bei Kindern, sie führen zu Stauungen und legen häufig den Grund zu unheilbaren Erkrankungen der Blutadern, die eine große Zahl von Müttern nur zu gut tennen unter dem Namen Krampfadern. Das eingewidelte Baby braucht noch keine Strümpfe, und in borgeschrittenerem Alter genügt ein Wollschnürchen von Luftmaschen gehäkelt, um die Strümpfe vor dem Rutschen zu bewahren, später werden sie am Leibchen befestigt. Die Industrie fabriziert natürlich Babystrümpfchen was fabriziert sie nicht! Deshalb braucht die denkende Mutter noch lange keine zu kaufen. Ein Baby ist weder Puppe noch Kleiderstock, all die unnüßen Dinge haben Zeit, bis Baby„ aus den Windeln" gewachsen ist. Leider wird noch biel, ja allzuviel des Guten am Anzug Babys getan! Der Aberglaube, daß Luft, Licht und Wasser dem kleinen Säugling schadet, unterstützt die Unfitte einer dicken Vermummung. Wir Menschen, groß und klein, atmen doch nicht nur durch die Lungen, auch unsere Haut mit ihren unzähligen Poren hilft uns den wichtigen Sauerstoff aufnehmen Werden die Poren künstlich verstopft durch unzweckmäßige dichte Kleidung, so entsteht Sauerstoffhunger, der Mensch wird frank. Das widerstandslose Baby erst recht. Armes Baby! Jedes junge Tier ist besser daran als du, wenn deine Mutter sich dem Denken und der Überlegung verschließt. Das junge Füllen springt frei auf der Weide umher, die kleinen Rüden tummeln sich, kaum dem Ei entschlüpft, im warmen Sonnenschein nur Baby wird fest verbündelt und verpackt unter warme Federbetten in die heiße Küche möglichst nahe dem Herd verstaut. In diesem furchtbaren Kriege fallen Mauern und Bollwerke, die als uneinnehmbar galten so ist die tröstliche Hoffnung vorhanden, daß in absehbarer Zeit auch die Festungsmauer stürzt, der Wall von Aberglauben und Gedankenlosigkeit, der die Kinderstube umgibt. Nun hätte Baby gern noch einige Wünsche geäußert, bescheiden, wie es sich geziemt für kleine Menschen, aber doch mit ziemlicher Dringlichkeit. Da ist nämlich seine Mittelpartie, an der, wahrscheinlich ihrer Unsichtbarkeit wegen, noch unerhört gesündigt wird. Hat da nämlich eine findige Industrie ein Mittel entdeckt, das der geruchsempfindlichen Außenwelt jeden Geruch fernhält, wenn Baby ein Bedürfnis verrichtet hat. Das tut Baby natürlich öfter am Tage, ohne eine Ahnung davon zu haben, denn es hat ja seine Schließmuskulatur noch nicht in der Gewalt. Darum ist dem Sechsmonatkind erlaubt, was beim Sechsjahrkind eine Ungehörigfeit sein würde. Ist aber das Malheur geschehen, so wünscht Baby doch baldige Entfernung der Verdauungsprodukte und Erlösung aus seiner Ungemütlichkeit. Ja, da hat Baby gut wünschen, die liebevolle Industrie schuf ja das Leder, das Gummituch und die wasserdichte" Windelhose--- diese häßlichen Dinge riechen auch ohne Malheur", die Nase gewöhnt sich an den üblen Geruch und nimmt Schlimmeres kaum noch wahr. Und Mutter schont" auf diese Art die Wäsche. Sie selbst würde sich wehren und bedanken, wenn sie in den Tagen ihrer Hilflosigkeit einfach in ein Gummituch gepact stundenlang in Babys Verfassung zubringen sollte, bloß um Wäsche zu schonen". Aber Baby? Ja, wer denkt darüber nach, wie es ihm zumute ist in seiner weichen und doch scharfen, fast beigenden Verpackung. Und so bittet Baby inständigst: hat Mutter wenig Zeit, daß sie nicht immer nachschauen kann, wie es um Babys Mittelpunkt bcstellt ist, so soll sie die Verpackung so lose wie nur möglich legen, damit Baby sich durch Strampeln von seiner Last befreien und der Umgebung durch, baldige übermittlung der unvermeidlichen Ge rüche das Geschehene künden kann. 58 Send fat to that Für unsere Mütter und Hausfrauen Sonst soll sich Mutter nicht wundern, wenn Baby die Geduld verliert, verdrießlich wird und nebenbei noch wunde Gliederchen bekommt. Jm Schlafe beschmußt es sich nie, das geschieht nur im wachen Zustand. Will man den älteren Säugling an Sauberkeit gewöhnen durch Abhalten, so muß beim Anlernen immer der Moment des Erwachens dazu gewählt werden. Bald ge= wöhnt sich das Kind daran, seine Bedürfnisse nicht mehr in der Liegelage zu erledigen, es wird unruhig, meldet sich und spart der Mutter auf diese Weise viel Wäsche. Da Babys rosig- samtweiche Haut sehr empfindlich ist, muß sie nach erfolgter Beschmukung immer mit Wasser und Watte gereinigt, getrocknet und gepudert werden. Reines Mehl ist kein ge= eignetes Pudermittel, es schmiert in feuchtem Zustand. Die Mineralpuder sind gut, aber leider viel zu teuer. Die Mutter kauft daher beim Drogisten entweder: vier Teile Stärkemehl, ein Teil Borsäure oder fünf Teile Stärkemehl, ein Teil Zinkoryd. Bei sehr empfindlichen Säuglingen muß man ab und an ein wenig Salbe verwenden, um die Haut zu fetten, es empfiehlt sich in solchen Fällen die Zinkpaste. Aber meist kommt man mit Puder aus; die Trockenbehandlung ist immer vorzuziehen. über das Ankleiden beim Ausfahren äußerte sich Baby bereits in dem vorigen Artikel. Und Mutter sah ein, daß man aus Baby tein Rollmöpschen machen darf. wenn es an die Luft gebracht wird. Sie ließ das Federbett wirklich und wahrhaftig daheim, nahm statt dessen eine Steppdecke und eine Wärmkruke an den Füßchen und legte obenauf noch eine schöne blendendweiße Wagendecke blendendweiß. So geht es hinaus, an die Sonne, die aber zum Verdruß Babys auch blendet. Die Sonnenstrahlen lassen sich häuslich nieder auf der schönen weißen Wagendede und wetteifern miteinander im Leuchten und Glißern. Und Baby wendet das Köpfchen, blinzelt und blinkt, um den harten Lichtstrahlen zu entgehen, es ist eine Qual, eine Folter geradezu, immer auf die Decke sehen zu müssen. Und wahrhaftig schon kleine Falten zieht die junge Stirn, Falten, die doch eigentlich Runenzeichen harter Lebenserfahrung sein sollen. Baby muß frühe schon solche Erfahrungen machen, kein Leid bleibt seinem Kinderseelchen erspart, wenn Mutter nicht denkt, wenn sie nachäfft, was gedankenlose Mode und ebenso gedanken- und gewissenlose Industrie vorschreiben. Die Antwort auf die Gedankenlosigkeit bleibt aber selten aus, sie erfolgt, wenn Baby später bebrillt zur Schule laufen muß. Hier erinnere ich mich unseres alten Hausarztes, der mir nach Diphtherie mit schweren Lähmungserscheinungen, besonders der Sehnerven, Spaziergänge auf Rafen oder im Wald empfahl. Ich war damals zwölf Jahre alt, Mutter führte mich immer durch die engsten Gänge einer Riesengartenanlage. Das Grün der Sträucher tat den kranken Augen so gut. Nach der Rückkehr ins Häusermeer der Stadt verlor fich das wohltuende Gefühl leider immer wieder. Was vom kranken Menschen gilt, trifft hier beim gesunden in gleicher Weise zu. Verlangen doch neuerdings Autoritäten unter den Kinderärzten die Abschaffung der weißen Farbe in den Säuglingszimmern, Sie haben gefunden, daß die starke Helle die Augen der Kleinen schädigt, und schlagen Lichtgrau und Lichtgrün vor. Was dem Musterzimmersäugling recht ist, muß dem Proletarierbaby nur billig sein. Will Mutter auf Spißen und Stickerei nicht verzichten, was man ihr nachempfinden kann, denn auch die ärmste Frau will ihr Kind schmücken, so kann sie ja ringsum dergleichen anbringen. Nötig ist es sicher nicht, eine Falbel vom gleichen Stoff tut es auch. Wenn Baby die Mutter von der Unzweckmäßigkeit der weißen Wagendece überzeugen könnte, so daß sie ihm eine solche in gedämpften Farben vor seine kleinen blanken Gucäuglein legte, seine Dankbarkeit für die Erhaltung seines Augenglanzes ging ihr nach, solange sie lebte, und sie sparte ihr Geld für Brillengläser. Und da wir gerade von den Augen reden, so bittet Baby die Mutter, doch nicht solch blödsinnig dummen Hampelmann oder bunten Ball am Wagenverded aufzuhängen. Solch ein zappelndes Ding fortwährend anzuschauen, ist Baby ganz unmöglich, es irrlichtert mit seinen Augelchen hin und her, vergeblich sucht sein Blick den ruhenden Punkt, an dem er haften kann. Bekanntlich bertreibt sich das gesunde Kind eine ganze Reihe Stunden, indem es einfach„ Löcher in die Luft" guckt. Das wird ihm dort zur Unmöglichkeit, wo ein baumelndes Etwas ihm den freien Blick und jede Ruhe nimmt. Du wirst nun sagen, liebe Mutter: ja, das hat ihm die Tante mitgebracht oder Gott sonst wer, es hat doch sein Geld gekostet! Ja, das ist eben das Unglüd! Daß für solche nicht nur unnützen, sondern direkt schädlichen Dinge auch noch das sauer genug verdiente Geld ausgegeben wird! Die liebevoll auf ihren Profit bedachte Industrie spekuliert ja geradezu auf die Gedankenlosigkeit der Mütter. Ob das Spielzeug etwas nüße ist oder nicht, macht dem Nr. 15 Fabrikanten teine Kopfschmerzen. Wenn es nur Geld bringt, viel Geld. Und in der Tat bringt der wertloseste Plunder immer noch Profit genug, nur nicht dem, der ihn kauft und damit spielt. Und wenn du schon Spielzeug kaufst, liebe Mutter, so schau zu, daß etwa verwendete Farben auch giftfrei sind. Am besten find die einfachen naturfarbenen Holzfachen, die lassen sich abwaschen. Baby ist ja nun mal dumm und will immer wissen, wie eine Sache schmeckt. Alles wird von ihm beledt, darin gleicht es ganz dem jungen Tier, nur mit dem Unterschied: das Tier läßt seine Zunge davon, wenn ihm eine Sache ungenießbar scheint, Baby aber leckt weiter. Oft zu seinem Schaden. In meiner Fürsorgetätigkeit erlebte ich einmal folgendes: Ein sonst gut gediehenes Kind von neun Monaten litt wochenlang an Darmkatarrh. Nichts schlug an. Die Mutter war sauber und zuverlässig. Der Verdacht auf Fehler in der Ernährung hinfällig. Auch der Arzt stand wie vor einem Rätsel. Eines Tages besuche ich das Kind. Während ich mich mit der Mutter unterhalte, beginnt es zu schreien, die Mutter reicht ihm als Beruhigungsmittel die Klapper, es stedt sie sofort in den Mund, und da wurde uns des Rätsels Lösung: die Farben der ladierten Klapper, knallgrün und rot, waren nur noch leise vorhanden, die Hauptsache hatte das Kind abgeleckt. Das kann auch der gesündeste Darm nicht vertragen, dabei muß er erkranken. Die Mutter sagte freilich damals:„ Nein, daß ich da nicht von selber daraufgekommen bin!" Aus dem gleichen Grunde handelt die Mutter nur vernünftig, wenn sie Babys fleine Fingernägelchen sauber und kurz hält. Auch die Finger wandern tagsüber wie oft ins Mäulchen und werden herzhaft ausgesaugt mit allem Schmutz und unzähligen Bakterien, die dem zarten Darm so leicht gefährlich werden. Sieht doch solch ein kleines Menschlein häufig aus wie ein Kohlenarbeiter, so topfschwarz sind seine Nägel; und lange Krallen hat es noch dazu wie Struwwelpeter. Aha, ich sehe dich weise lächeln, liebe Mutter: die Nägel dürfen nicht verschnitten werden unterm Jahr! So will es ein sonderbarer Gesetzesparagraph aus alter Zeit. Baby verliert sonst die Kraft" oder„ es lernt stehlen" und dergleichen mehr. Diesen überbleibseln alten Aberglaubens aus dunkler Zeit begegnet man noch täglich, und bei scheinbar sonst ganz verständig sein wollenden Müttern. Ein Zeichen, wie tief solche Vorstellungen in der Seele des Volkes haften und wie mangelhaft die Schule die Menschen vorbereitet fürs wirkliche Leben. Schmußige und womöglich auch lange Fingernägel bedeuten unter allen Umständen eine Gefahr für Magen und Darm des Kindes. Über diesen Mangel an einfachster Sauberkeit täuschen weder Spigen noch Bändchen hinweg. Hier bittet Baby nicht, hier fordert es ganz energisch. Sonst muß es sich später immer Vorwürfe machen lassen, welch Sorgenfind es war, wie es in einem fort etwas am Magen und am Darm gehabt und der Arzt ständig Gast gewesen ist. Nichts kränkt so bitter wie unverdiente Vorwürfe. Für heute will Baby es genug sein lassen mit seinen Wünschen, es möchte die Mutter sonst ungeduldig werden. 000 Für die Hausfrau. Verwendung von Apfelsinenschalen. In diesem Jahre find Apfelsinen teurer als sonst, da sie erst auf dem Umweg über das neutrale Ausland zu uns kommen. Um so wichtiger ist es, die Frucht so vollkommen als möglich auszunüßen. Dies geschieht, indem man die sonst achtlos weggeworfenen Schalen zu Essenzen verarbeitet, die sich teils zum Würzen von Gebäck, süßen Speisen und Suppen, teils zu Kühlgetränken eignen. Verwendet wird immer nur das Gelbe der Schale, das mit scharfem Messer so fein wie möglich abgeschält werden muß. Je weniger von dem Weißen hineinkommt, desto besser wird die Essenz. Die Früchte oder die abgelösten Schalen werden selbstverständlich vorher sauber gewaschen und abgetrocknet. Apfelsinenessenz 1. Das abgeschälte Gelbe von acht Apfelfinen wird nach und nach in eine weithalsige Flasche oder in ein Einmachglas getan und mit einem halben Liter Weingeist übergoffen. Das Gefäß wird jedesmal gut verschlossen, und wenn man Schalen genug hat, ungefähr drei Wochen lang fortgestellt, am besten in die Sonne. Dann seiht man den Saft ab und füllt ihn in fleine Flaschen, die man fest verkorkt. Diese Essenz wird tropfenweise als Würze verwendet. Zu Limonadenegtrakt gibt man einen Eklöffel davon in eine gekochte Lösung von einem Pfund Zucker auf einen halben Liter Wasser, fügt ungefähr 20 Gramm kristallisierte Zitronensäure( aus der Drogenhandlung) hinzu und füllt nach dem Abkühlen auf Flaschen, die verforft werden. Ein Teelöffel von diesem Limonadeneɣtraft gibt mit einem 4 Nr. 15 Für unsere Mütter und Hausfrauen Glas kalten oder heißen Wassers ein erquickendes, durststillendes Getränk. Der Alkohol, der zum ersten Ansetzen der Essenz verwendet wird, kann bei der nachfolgenden starken Verdünnung keinerlei schädliche Wirkungen mehr ausüben. Apfelsinenessenz 2. Diese ist ganz alkoholfrei. Die dünn abgeschälte gelbe Schale von 15 Apfelfinen und ein bis zwei Bitronen wird nach und nach gesammelt und stark eingezuckert aufgehoben. Dann kocht man drei bis vier Pfund Zuder mit 30 bis 40 Gramm fristallisierter Zitronensäure( aus der Drogenhandlung) in einem Liter Wasser auf und gießt dies über die Schalen. Acht Tage lang wird die Masse täglich einmal umgerührt. Nach dieser Frist seiht man die Flüssigkeit ab und füllt sie in gereinigte Flaschen. Die weitere Verwendung ist wie vorher. Apfelsinenessig. Das Gelbe von 12 bis 15 Apfelsinen wird nach und nach in Flaschen oder Einmachgläser gefüllt und mit einem Liter Weinessig übergossen aufgehoben. Man läßt die Masse einige Wochen möglichst an der Sonne stehen, seiht sie ab und füllt sie auf Flaschen. Auch hiervon läßt sich eine billige Limonade bereiten. Die nach dem Abseihen zurückbleibenden Schalen enthalten noch so viel Aroma, daß man sie kleingeschnitten unter Apfelsinenmarmelade vorteilhaft verwerten kann, die man rein oder mit Äpfeln oder Mohrrüben gemischt herstellt. Auf daß nichts umtomme, hebe man auch die weißen pelzigen Teile der frischen Schale auf, trodne fie hart und benutze sie als Feueranzünder. Notizen. M. Kt. Geburtenzahl und Kindersterblichkeit bei oberschlesischen Walzwerkarbeitern. Als 153. Band der Schriften des Vereins für Sozialpolitik( Untersuchungen über Auslese und Anpassung der Arbeiter in den verschiedenen Zweigen der Großindustrie) sind zwei Arbeiten vereinigt worden, die sich mit der Erfurter Schuhindustrie und mit der oberschlesischen Eisenindustrie beschäftigen. Der Gewerbeinspektor Dr. Sh= rup- Gleiwitz untersucht die soziale Lage der seßhaften Arbeiterschaft eines Walzwerkes, wobei auch deren Familienverhältnisse gewürdigt werden. Bekannt ist die Fruchtbarkeit der oberschlesischen Arbeiterehen. Von den Ehen, die 243 verheiratete oder verwitwete Arbeiter des untersuchten Werkes eingegangen waren, find 7 unfruchtbar geblieben und eine kinderlos, weil das geborene Kind kurz nach der Geburt gestorben ist. Die übrigen 236 Hüttenarbeiter hatten zusammen 1992 Kinder, so daß im Durchschnitt auf jede Familie 8,4 eheliche Kinder kamen. Die Kinder( lebend oder gestorben) verteilten sich wie folgt auf die einzelnen Familien: 1 Kind hatten 4 Arbeiter, je 2 Kinder 5 Arbeiter, 3 Kinder 8 Arbeiter, 4 Kinder 14 Arbeiter, 5 Kinder 20 Arbeiter, 6 Kinder gleichfalls 20 Arbeiter, je 7 Kinder 24 Arbeiter, 8 Kinder 26 Arbeiter, 9 Kinder 24 Arbeiter, 10 Kinder 31 Arbeiter, 11 Kinder 14 Arbeiter, 12 Kinder 18 Arbeiter, 13 Kinder 12 Arbeiter, 14 Rinder 8 Arbeiter, 15 Kinder 1 Arbeiter, 16 Kinder 3 Arbeiter, 18 Kinder 2 Arbeiter, 19 und 20 Kinder je 1 Arbeiter. Der Hüttenmann mit 20 Kindern war dreimal verheiratet, der mit 19 Kindern zweimal. Es heißt, die große Fruchtbarkeit sei darauf zurückzuführen, daß bei den Heiraten dieser Hüttenarbeiter die Wahl der Frau vielfach nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten" erfolge, sondern daß zumeist die Geschlechtstüchtigkeit" ausschlaggebend sei. Anderseits sei zu beachten, daß eine absichtliche Beschränkung der Kinderzahl nach ärztlichen Aussagen unter der fraglichen Bevölkerung" bis vor wenigen Jahren unbekannt gewesen sei. " Wurden viele Kinder geboren, so starben jedoch auch wieder viele. Dr. Syrup erklärt, wenn die unter den Hüttenarbeitern beobachtete Ehehäufigkeit und Fruchtbarkeit vom Standpunkt der Bevölke= rungspolitik mit Freuden zu begrüßen sei, so ergäben sich doch„ bedentliche Feststellungen", sobald ermittelt werde, wieviel von den geborenen Kindern am Leben geblieben. Von den 1992 lebend ge= borenen Kindern waren noch 1274 am Leben. Jm allgemeinen wurde festgestellt, daß die meisten Kinder im Säuglingsalter und ein weiterer großer Teil im vorschulpflichtigen Alter gestorben waren. Sterbefälle im schulpflichtigen und nachschulpflichtigen Alter wurden in geringer Zahl verzeichnet. Der Gewerbeinspektor nimmt an, daß von je drei geborenen Kindern nur etwa zwei ins Alter der eigenen Erwerbsfähigkeit gelangen. Von 236 Familien konnten nur 28 alle geborenen Kinder großziehen, während bei 60 Familien die Hälfte oder mehr als die Hälfte der geborenen Kinder gestorben sind. Von 15 und 16 Kindern sind nur 4, von 7 und 8 Kindern nur 2 am Leben geblieben! Diese Ziffern weisen eindringlichst darauf hin, wie wichtig es ist, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der verschiedenen Arbeiter59 fategorien recht gründlich zu untersuchen und die praktischen Schlußfolgerungen daraus zu ziehen. Nämlich die Lebens- und Arbeitsbedingungen so zu gestalten, daß gesunde Eltern gesunde Nachkommen zeugen und unter gefunden Umständen für Leib und Seele großziehen. h. Seinen neuen Kursus zur Ausbildung von Hortnerinnen und zur Fortbildung von Hortleiterinnen beginnt das Sozialpädagogische Seminar des Vereins Jugendheim, Charlottenburg, Goethestraße 22, am 3. April dieses Jahres. Der Hortnerinnenkursus dauert anderthalb Jahre und schließt mit einer staatlichen Prüfung ab. Die Anstalt hat sich entschlossen, einen besonderen Kursus für die Ausbildung zur übernahme von Stellen in der offenen und beratenden Kinder fürsorge einzurichten. Durch die Kriegszeit hat fich in immer stärkerem Maße ein Mangel an geschulten Kräften zur Übernahme von solchen Stellen herausgestellt. In Stadt- und Landkreisen fehlt es an Persönlichkeiten, die geeignet sind, die allgemeine Kinderfürsorge zu übernehmen und als Vertrauensperson den einzelnen Familien Rat und Auskunft in der Pflege und Erziehung ihrer Kinder zu geben; es fehlt an Persönlichkeiten, die durch tatkräftiges Eingreifen imstande sind, Abhilfe etwaiger Mißstände herbeizuführen, indem sie zu diesem Zwecke schon vorhandene Anstalten der Kinderfürsorge durch rationelle Ausnutzung in eingehendstem Maße dienstbar machen, oder wo es nötig erscheint, neue Einrichtungen ins Leben rufen und so in Verbindung mit Schule, Kirche und Behörden eine Vereinheitlichung der gesamten Jugendfürsorge bewirken. Dieser neue Kursus dauert anderthalb Jahre. Die Ausbildung besteht im ersten Halbjahr in praktischer Schulung in Säuglingsund Kinderpflege und Hauswirtschaft; im zweiten und dritten Halbjahr in theoretischer und technischer Unterweisung und in Mitarbeit in der offenen Fürsorge. Der neue Kursus der allgemeinen Sprengelschen Frauenschule, die dem Jugendheim angegliedert ist, beginnt nach den Osterferien am 26. April. Ferienwanderungen für Arbeiterkinder in Chemnik. Vor einigen Jahren wurde in Chemnitz eine Ferienwanderkommiffion der Genoffinnen mit der Aufgabe gegründet, die Arbeiterkinder spazieren zu führen. Dieser Ausschuß hat auch während des Krieges versucht, seiner Arbeit gerecht zu werden. Freilich in anderem Maße. Während in Friedenszeiten allwöchentlich zwei große Wanderungen gemacht wurden, mußten wir uns in der schweren Zeit mit einer Tagespartie zufrieden geben. Die Brotrationen waren zu knapp bemessen, als daß die Kinder sich zwei Tage in der Woche davon hätten nähren können, obwohl die Kommission sie mit warmer Mittagssuppe und Nachmittagskaffee bewirtete. Freilich war auch der Kassenbestand im Gegensatz zur Friedenszeit gering. Immer hin haben wir 1000 Mahlzeiten geben können. Wenn die Zahl auch nicht groß ist, so legt sie doch Zeugnis davon ab, daß die Genofsinnen versucht haben, den Kindern eine Freude zu bereiten. Aber auch die Spielnachmittage nach den Ferien waren gut besucht und erfreuten sich allgemeiner Beliebtheit. An Stelle der geplanten Rodelpartie, die wegen Schneemangel ausfallen mußte, fand im Volkshaus eine Winterunterhaltung statt. Ein wahrer Festtag für die 400 Kinder, die daran teilnahmen. Es wurden fleine Theaterstücke aufgeführt, gesungen, Rätsel geraten, von flein und groß vorgetragen und herzlich gelacht. Zum Schluß hatte Knecht Ruprecht noch mancherlei überraschungen, die nur das Schlimme hatten, zu wenig zu sein. Den Bezirksführerinnen sowie all den Genoffinnen, die keine Mühe und Arbeit scheuten, um sich der Kinder anzunehmen, sei hier herzlich gedankt. Hoffentlich ist der Krieg bald zu Ende, damit wir nach unserem alten Plane unsere uns liebgewordene Tätigkeit wieder aufnehmen können. Rosa Meyer, Vorsitzende. Feuilleton Lucy Stone. ( Fortsetzung.) Eine nordamerikanische Bahnbrecherin der Frauenbewegung. Was die Frage der Sklavenbefreiung selbst anbelangt, so war fie für Luch Stones glühendes Gerechtigkeits- und Freiheitsempfinden keine Frage, sondern eine Sache entschiedener Gewißheit. Deshalb nußte auch das junge Mädchen eifrig jede Gelegenheit aus, um dieser Sache zu dienen. So legte Luch zum Beispiel im Lesezimmer des Seminars, das sie eine Zeitlang besuchte, das Blatt aus„ The Liberator"( Der Befreier). Es wurde von William Lloyd Garrison herausgegeben, einem der leidenschaftlichsten und be= 60 Für unsere Mütter und Hausfrauen rühmtesten Gegner der Sklaverei, und eben darum der bestgehaßte Mann in den Südstaaten der Union, auf dessen Kopf das Parlament von Georgia einen Preis von 5000 Dollar gesetzt hatte. Unter diesen Umständen bereitete Luch Stones Agitation für das furchtlose Kampfblatt der Seminarleitung gelindes Unbehagen. Es wurde dem jungen Mädchen gesagt:„ Die Sklavenfrage ist eine sehr wichtige Frage, und eine Frage, in der die Meinungen der besten Leute geteilt sind." Allein Luch Stone ließ sich durch solche weltfluge Zaghaftigkeit weder in ihrer Überzeugung noch in ihrem Tun beirren. Lehrend und lernend zugleich bereitete sie sich auf den Besuch der Universität vor. Lehrend, um die nötigen Geldmittel dafür zu erwerben, lernend, um die erforderliche Vorbildung zu gewinnen. Wie viele ungezählte Nachtstunden verbrachte sie über den ge= liebten Büchern! Da zu jener Zeit Lehrerinnen auch in den Vereinigten Staaten noch sehr niedrig besoldet wurden, mußte Luch Stone neun Jahre lang unterrichten, ehe sie daran denken konnte, die Hochschule zu beziehen. Und ihre Mittel waren auch dann noch so winzig, daß sie für die Fahrt über den Griesee von Buffalo nach Cleveland keine Kabine zu bezahlen imstande war. Sie schlief mit cinigen anderen armen Frauen zusammen im Zwischendeck, auf aufgetürmten Getreidesäcken, zwischen Pferden und anderer Schiffsfracht. Das Ziel ihrer Reise war das berühmte OberlinCollege in Ohio, damals die einzige Universität, die in den Vercinigten Staaten den Frauen ihre Tore geöffnet hatte. Trotz der bescheidenen Ersparnisse hieß es auch hier für Luch neben dem Studium den größten Teil des Lebensunterhalts arbeitend zu verdienen. Sie erteilte Unterricht an den Vorbereitungsklassen und übernahm Hausarbeit an dem Frauenalumnat, das nach dem alt= flösterlichen Muster der englischen Universitäten zur Hochschule gehörte. Mit dieser Arbeit verdiente sie 9 Pfennig in der Stunde. Da die wenigsten Studenten und Studentinnen wohlhabend waren, erhielten sie im Alumnat für einen Dollar wöchentlich ihre Verpflegung. Luch Stone vermochte jedoch nicht einmal diesen bescheidenen Betrag dafür aufzuwenden. Deshalb führte sie während des größten Teils ihres Universitätsstudiums auf ihrem Zimmer cigene Wirtschaft und verausgabte für Speise und Trank weniger als 1,50 Mark wöchentlich. Sie konnte sich in den vier Jahren fein neues Kleid kaufen und mußte sogar auf jeden Ferienbesuch daheim verzichten. Luch Stones Persönlichkeit war so ganz auf innere Befriedigung gestellt, ging so vollständig in dem Ningen um das gesteckte Ziel auf, daß die bitterste Armut der Heiterkeit des Gemüts feinen Eintrag tat. Und die fröhliche Studentin mit dem fast stets leeren Beutel machte es noch möglich, anderen hilfreich beizustehen. Es bleibt wahr:" Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg." Während Luch Stone so durch ihr Leben, ihre Persönlichkeit Beweis auf Beweis häufte, daß die Frau dem Mann ebenbürtig, gleichwertig sein kann, mußte sie auch in der Zeit ihres Universitätsstudiums wiederholt erfahren, wie festgewurzelt und zählebig das Vorurteil gegen das weibliche Geschlecht war. Das aber sowohl bei Leuten, von denen man hätte meinen sollen, ihre Bildung müsse sie über jede Voreingenommenheit erheben, wie auch unter Bevölkerungsschichten, die sich gegen auferlegtes Unrecht aufzubäumen begannen. Die Stadt Oberlin war wegen ihrer entschiedenen Gegnerschaft gegen die Sklaverei bekannt; viele geflüchtete Sklaven ließen sich in ihr nieder. Es wurde eine Schule errichtet, in der sie Lesen, Schreiben usw. lernen sollten. Luch Stone nahm freudig die Aufforderung an, die Farbigen zu unterrichten. Aber siehe da! Die kaum der Sklaverei entflohenen Männer waren der Meinung, daß es unter ihrer Würde sei, sich von einer Frau belehren zu lassen. Der Schulausschuß verschwieg das und hoffte, daß sich der Protest in Gegenwart der jungen Lehrerin nicht hervorwagen werde. Als jedoch Luch Stone ihren Böglingen vorgestellt wurde, erhob sich unwilliges Gemurmel, ein riesiger Neger stand auf und erklärte unter allgemeiner Zustimmung, daß er zwar persönlich nichts gegen Fräulein Stone habe, aber bekennen müsse, die Vorstellung sage ihm nicht zu, von einer Frau unterwiesen zu werden. Luch Stone bewies bei dieser Gelegenheit, wie so oft später, ihren Mut und die überzeugende Macht ihrer Nede, ihrer Gedanken. Statt sich hinter den Ausschuß zu verkriechen, ergriff sie selbst das Wort und machte den Farbigen klar, daß es ihr eigener Vorteil sei, lesen zu lernen, ganz gleich von wem, von einem Mann oder einem Weib. Ez dauerte nicht lange, und die schwarzen Schüler hingen mit Begeisterung an ihrer Lehrerin. Als während einer kurzen Abwesen= heit Luchs eine Feuersbrunst im Frauenalumnat der Universität ausbrach, tamen viele Neger atemlos herbeigestürzt, um" Fräulein Stones Koffer herauszuholen". So restlos hatte sie bei den Farbigen das Vorurteil gegen ihr Geschlecht überwunden, daß sie Nr. 15. von ihnen zusammen mit dem Rektor und einigen Professoren der Universität gewählt wurde, um bei der Feier der Sklavenbefreiung in Westindien zu reden. Es war dies das erstemal, daß Luch Stone in der Öffentlichkeit sprach. Sie tat es als die selbstverständliche Erfüllung einer ihr anvertrauten Pflicht. Andere Leute jedoch betrachteten das„ unziemliche Ereignis" mit anderen Augen. Am Tage nach der Feier wurde Luch vor den Frauenausschuß des Colleges geladen, der in der Hauptsache aus den Gattinnen der Universitätslehrer bestand. Die Damen hielten ihr vor, daß sie unweiblich gehandelt und gegen die Bibel verstoßen habe, indem sie öffentlich sprach. Die Gattin des Rektors fragte: " Haben Sie nicht gefühlt, daß Sie auf der Tribüne unter all den Männern am unrechten Plaze waren? Waren Sie nicht verlegen und erschrocken?" Luch Stone antwortete mit der ihr eigenen Schlichtheit:„ Warum, Frau Mahan? Die Männer waren doch Herr Rektor Mahan und meine Professoren, mit denen ich täglich bei den Vorlesungen zusammen bin. Ich habe mich gar nicht vor ihnen gefürchtet." Der Ausschuß entließ die unbußfertige Sünderin mit einer Verwarnung", die ohne hemmende Kraft für die leidenschaftliche Überzeugung, den starken inneren Drang der Kämpferin bleiben mußte Während ihres Studiums an dem Oberlin- College wurde Luch Stone mit Antoinette Brown bekannt, die sich dort auf den theologischen Beruf vorbereitete und später der erste weibliche Geistliche in den Vereinigten Staaten war, ja höchstwahrscheinlich in der ganzen modernen Christenheit. Noch ehe daß Antoinette Brown die Universität bezogen hatte, war sie vor einer jungen Studentin namens Luch Stone ausdrücklich gewarnt worden wegen der„ sehr radikalen Ansichten", denen diese huldige. Nichtsdestoweniger erfüllte sich bald, was in der Wahlverwandtschaft der Seelen, des Strebens begründet lag. Die beiden jungen, lauteren Kämpferinnen für das Recht ihres Geschlechts zur Mitarbeit an allen Menschheitsaufgaben fanden sich in inniger Freundschaft, die eine beglüdende, lebenslange Macht blieb. Vereint heizten sie den Ele menten der Universität gehörig ein", deren hervorstechendste Eigenschaft geistig, sozial die Trägheit war, der Abscheu gegen alles, was nicht als Ewig- Gestriges auftrat. So nahmen sie den Kampf auf für ihr Recht, sich auf den Beruf der Vortragenden, der Agitatorin, der Geistlichen durch die Beteiligung an den schulplanmäßigen Diskussionsübungen der Studenten praktisch vorzubereiten. Wohl durften auch die Stu dentinner den Übungen anwohnen, jedoch nur als demutsvoll schweigende Zuhörerinnen, wie die Frauen in dem berühmten „ Segment", das noch vor wenigen Jahren ein preußischer Minister des Innern„ erfunden" hatte, um das alte vormärzliche politische Vereinsrecht vor dem Ansturm der neuen Zeit zu retten. Luch und Antoinette heischten das Recht, sich an den Diskussionen tätig zu beteiligen. Der Leiter der Übungen, ein Mann von liberalen Anschauungen, gewährte es ihnen. Die frauenrechtlerische Tradition berichtet, daß die beiden Studentinnen mit Geist und Wort glänzend turniert hätten. Aber ihr Triumph sollte auf eine einzige übung beschränkt bleiben Der ganzen Universitätsleitung war die Neuerung zu bunt, fie beschloß feierlich, daß feine zweite Diskussionsübung unter Beteiligung von Studentinnen stattfinden dürfe. Die Stürmerinnen kamen nun auf einem anderen Wege zur erstrebten Praxis. Ihre Rebellion gegen das Herkommen hatte andere Studentinnen ergriffen. Man tat sich zusammen: Luch und Antoinette gründeten den ersten Diskussionsverein für studierende Frauen. Wie die Dinge lagen, mußte er im geheimen egi stieren. Die Nedeübungen fanden meist im Wohnzimmer einer alten Negerin statt, die den jungen Mädchen ihr Haus gastlich geöffnet hatte. Im Sommer traf man sich bei schönem Wetter im Walde, wohin man in echter und rechter„ Verschwörerweise" zu zweien oder dreien auf verschwiegenen Pfaden pilgerte. So fehlte den Zusammenkünften nicht eine verklärende Romantik mit manchem lustigen Abenteuer, aber auch mancher Gefahr unerwünschter Folgen. Als Lucy Stone vor dem Abschluß ihrer Studien stand, hatte sie für die Prüfung eine Abhandlung zu schreiben, die jedoch von einem Professor verlesen werden sollte, da es sich für eine Frau nicht zieme, in der Öffentlichkeit ihre Arbeit vorzutragen". Unter diesen Umständen lehnte es Luch ab, die Studie abzufassen. Fast vierzig Jahre später feierte das Oberlin- College das Jubiläum feines fünfzigjährigen Bestehens. Lucy Stone wurde aufgefordert, bei der Feier zu sprechen. Und sie bewegt sich doch", die schwer( Fortsetzung folgt.) fällige, vorurteilsvolle Welt! Verantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Zetkin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Drud und Berlag von J. H. W. Diep Nachf. G.m.b.h. in Stuttgart.