Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 16 。。。。。。。° Beilage zur Gleichheit Inhaltsverzeichnis: Wacht auf! Gedicht von Leopold Jacobi. Babys Wünsche. III. Von Schwester Lydia Ruehland. Volks ernährung und Krieg. Die Mutter als Erzieherin. Zum Nachdenken. Feuilleton: Luch Stone.( Fortsetzung.) Wacht auf! Und du Sprache, Nimm eine Leuchte in deine Hand Und gehe dorthin, wo es finster ist, Wo es ganz finster ist, Und strecke die Leuchte über die dort schlummern Und nichts wissen von sich, Bis ihre Wimpern zucken Und sie sich hin und wieder wälzen. Und rufe laut, daß es halle Von Hügel zu Hügel, Von Tal zu Tal: Wacht auf! Wacht auf! Ihr habt zweitausend Jahre geschlafen, Das ist lange genug. Wacht auf! Seht, Es will lichter Morgen werden! Und es hören es die Hügel, Und es hören es die Täler, Und es hören es die Ufer des Meeres alle, Und die Wellen am Ufer hören es, Und beginnen es gegeneinander zu schlagen. Und die Tiefen des Meeres hören es, Und steigen mit Freuden empor, Und die letzten Wellen hören es Und schlagen es an die Felsen mit Jubel. Da dröhnt das Land. Ein neues Licht durchzuckt alle Menschen, Aufjauchzen die Nationen der Erde, Denn der Fluch ist von ihnen genommen, Und den Blinden sind die Augen aufgetan, Und wollen als freie Menschen auf Erden wohnen, Und ein Blutbad unter ihnen wird nicht mehr sein. 000 Babys Wünsche. Von Schwester Lydia Ruehland. III. Leopold Jacobi. Das ist im Leben immer so: reicht man einem Menschen den fleinen Finger, nimmt er gleich die ganze Hand! Baby treibt es nach demselben Muster. Kaum beginnen sich diese und jene Wünsche zu erfüllen, so nimmt es das ganze Sortiment vom Lager und verteilt sie an alle, die davon haben wollen. Daß Babys Wünsche berechtigt sind, wagt ihm niemand zu bestreiten, sogar aus dem Schüßengraben kommt ihm Zustimmung: ein junger Feldgrauer, der sein Baby noch nicht einmal fennt, trägt Sorge, ob seine Frau auch alles richtig macht, weil sie ihn ja nicht fragen fann". Baby geht es nur dann recht gut, wenn es seiner Mutter an nichts gebricht. Und hier möchte Baby seine Wünsche recht dringlich äußern. Mutters Schonzeit ist abgelaufen, sie ist ja kurz genug noch befristet. Jedes Tier ist besser dran als die Mutter des Proletarierbabys. Sie muß wieder fronen, wenn nicht der gesamte Hausstand in Verfall kommen soll. Baby aber macht Anspruch auf den natürlichen Quell, der ihm aus Mutters Brust so föstlich fließt. Und tatsächlich gedeiht es, daß es eine Lust ist, das kleine, behaglich schmaßende Menschlein nur anzusehen. Die reinste Freude, das herrlichste Bild, Dichter und Maler begeisternd zu künstlerischen Schöpfungen das ist die Mutter, ihr Kind nährend. Eine stillende Mutter die größten Meister versuchten sich an dem oooooooo 1916 nur Motiv. Eine stillende Mutter-- auch der verkommenste Vagabund würde vor diesem Anblick haltmachen und seinen Instinkten Zucht und Zaum anlegen. Ganz unwillkürlich flößt das Bild einer stillenden Mutter jedem, der es gewahrt, Respekt ein einem nicht; dem profitlüfternen Moloch, der alles in seine Arme zwingt und an sein tönern Herz, dem Kapitalismus. Weil Mutter wieder auf Arbeit gehen muß, soll Baby, kaum sechs Wochen alt, auf die Brustnahrung verzichten. Nein, nein und nochmals nein da tut Baby nicht mit! Baby will lieber kein Kittelchen, kein Häubchen, nichts, gar nichts, nur das eine: die gute, schöne Muttermilch! Jetzt ist Baby ein schönes Kind trotz seiner Schlitzäugelchen, dem Stupsnäschen und dem winzig kleinen Mäulchen, was sich mit dem bekannten Pfennig zudecken läßt, jetzt ist es frisch, rosig und ge= sund. Denn es wurde auf natürlichem Wege genährt. Die Milch war immer so beschaffen, wie es für seinen Magen das richtige Quantum und die richtige Qualität nötig hatte. Wenn Mutter auch manchmal meinte, ihre Milch tauge wohl nichts- Mütter verstehen das nicht, für die Beschaffenheit der Muttermilch sind nur Babys die wahren Sachverständigen. In der Brustnahrung wird ihm der richtige Prozentsaz an Kalk zugeführt, den es zum Knochenaufbau benötigt. Die Muttermilch ist immer sauber, sie ist frei von schädlichen Keimen. Sie wird nicht teurer von Monat zu Monat. Es gehen keine Flaschen entzwei und was derlei Ärger mehr ist. Das soll nun alles anders werden. Hat sich Mutter vielleicht die Nuh angesehen, die Baby von nun an die Milch liefern soll, ob das Tier in einem sauberen Stall steht, ob sie nicht hustet oder gar tuberkulös ist, ob die melkende Person auch sauber ist und nicht etwa an einer häßlichen Krankheit leidet? Ob sie nicht vergißt, das Wasser auszugießen, womit sie Melkeimer und Milchkanne ausspülte? Für alle diese Dinge ist Kleinbaby nämlich sehr empfindlich, man darf es nicht für dümmer halten, als es ist. Und wo soll die Milch tagsüber aufbewahrt werden? Etwa in der engen dumpfen Küche, in der warmen Stube mit den allerlei Gerüchen des Hofes und der Nachbarschaft?! Und wer garantiert Baby, daß die Milchmischung während Mutters Abwesenheit richtig gehandhabt wird?! Die Mischung? Nun, das steht ja alles ganz genau auf dem Paket! Auf welchem Paket? fragt Baby mißtrauisch und erschrocken. Nun, auf dem Paket mit dem Kindermehl, lieb Kind! Jetzt bleibt Baby sein Mäulchen aber doch offen und der Verstand stille stehn hat es auch wirklich richtig gehört? Ki- n- der- m- chl ja, hat denn Mutter in ihrer Brust Kindermehl gehabt?! Wenn nun schon mit Ersatz gedroht wird, liebe Mutter, dann fordert Baby doch wenigstens etwas, das deiner Milch ähnlich ist. Aber Muttermilch und Kindermehl sind zwei grundverschiedene Begriffe. Nein, auf Kindermehl verzichtet Waby gern, denn es ahnt den Schaden, der ihm aus dieser Nahrung erwächst. Du glaubst es nicht, liebe Mutter, weil die Frau Müller auch Kindermehl gibt und Frau Schmidt und Frau Maier ebenfalls?! Nun schau dir mal die anderen Kinder deiner Freundinnen an: Müller- Marel watschelt auf seinen kleinen krummen Beinchen einher, daß es einen jammern möchte. Schmidts Else hat die englische Krankheit, den häßlichen rachitischen Kopf, den sogenannten Quadratschädel, die eckige vorspringende Stirn, das kleine Gesichtchen, den flachen Hinterkopf, die blutleere Hautfarbe, von Schläfe zu Schläfe über die Nase hinweg siehst du die fast dunkelblaue Adernfärbung. Und erinnerst du dich, welch niedlich rosigfrisches Kind es in den ersten drei Monaten war, als Frau Schmidt es noch selbst nährte?! Von dem Tage an, wo sie wieder auf Arbeit ging und Else in Pflege kam, veränderte sich das Bild bald. Das Schlimmste aber, abgesehen von dem nunmehr häßlichen Gesichtsausdruck des armen Kindes, ist die Veränderung des ganzen Knochenbaues und vor allem des Mittelkörpers. Das Kindermehl gibt den Knochen nichts zum Aufbau, keinen Härtegrad, sie bleiben meich, verbiegen sich, verdicken, anstatt schlank zu wachsen, und so trägt die arme, unrichtig genährte Kleine neben der Armut ihrer Umgebung auch noch den Stempel der Häßlichkeit mit sich und, wenn sie später einmal Mutter wird, läuft sie Gefahr, dabei ihr Leben einzubüßen, zum mindesten wird eine schwere Entbindung ihr Los sein. Denn durch die Veränderung des Mittelkörpers verschob sich die Partie der Beckenknochen zu einer Zeit, wo die Verfnorpelung in Verknöcherung überging. Alles dies nur, weil Frau Schmidt wieder auf Arbeit gehen und dem Kind ihre Brust versagen mußte. Und Meiers Gustäbchen hat bereits sämtliche Zähne 62 Für unsere Mütter und Hausfrauen wieder verloren, sie waren alle gezadt, du erinnerst dich wohl? Die neuen Zähne kommen schief heraus und werden in der Form den ersten alle ähnlich sein. Ein Brustkind kennt solche Nöte nicht, seine harten festen Beißerchen halten aus, bis ihre Zeit gekommen ist, und die zweite Garnitur reicht bis ins hohe Alter. Und der dicke Leib, über den sich Frau Meier bei ihrem Gustäbchen törichterweise freut, anstatt sich darüber Sorgen zu machen schau dir das schmale Brustkästchen an! Es soll doch umgekehrt sein: die Brust breit, der Leib schmal und weich. Wohl hat sich Frau Meiers Mutter, die den Kleinen in ihrer Abwesenheit versorgte, genau nach der Vorschrift gerichtet, die auf dem Mehlpaket niedergelegt ist. Man darf ihr das glauben, sie macht einen zuverlässigen Eindruck. Aber Gustäbchen bekam das Kindermehl viel zu früh, in einem Alter, wo er noch keine Speicheldrüsen hatte, mit deren Hilfe der Körper das Mehl in Zucker umwandelt und dadurch verdaulich macht. Die Speicheldrüsen entwickeln sich erst z wischen dem sechsten und siebenten Monat. Dann steht der Beinahrung mit Kindermehl nichts mehr im Wege. Aber vorher gegeben, bringt solche Ernährung dem Kinde schweren Schaden an seinem Organismus, der fast nie wieder gut zu machen ist. Die englische Krankheit heilt sich aus, aber ihre Schäden sind mit dem Körper unzertrennlich verwachsen. Du bist ernst und nachdenklich geworden, liebe Mutter. Gelt, nun siehst du die Schäden mit ganz anderen Augen an, die dir vorher belanglos schienen. Du willst doch, daß alle Welt gerade dein Kind für das schönste hält jede Mutter hat hier ihre schwache Seite. Wie aber kann dem übel wirksam begegnet werden?! Das bittere Muß treibt dich zur Fron, die Liebe zum Kind hält dich daheim. Der Kampf ums Dasein aber behält die Oberhand, hart und erbarmungslos reißt er den spinnwebfeinen Schleier auseinander, den die Poesie der Jahrhunderte so rührend zart um Mutter und Kind wob, du mußt hinaus, verdienen, und Baby soll nun zusehen, wie es mit den veränderten Verhältnissen fertig wird. Und wenn Baby darüber zugrunde geht? Für sein Leben schwach, fränflich, mißgestaltet wird? Ich sehe deinen ratlosen Blick. Auch Baby kann dir nicht raten. Es kennt die Welt noch nicht. Aber du, befinne dich! Tort, in jener Fabrik opferst du deine Zeit, deine Arbeitskraft. Was du verdienst, reicht notdürftig zum Leben. Du kannst bon deinem Lohn feine geschulte Kinderpflegerin halten, dein Kind nicht in gute, gewissenhafte Pflege geben. Aber dein Kind braucht mehr als das. Es will deine Brust. Und hast du nicht ein Anrecht auf dein Kind, es selber zu pflegen, selber sich seines Gedeihens zu freuen, selber über sein zartes Leben zu wachen? Ist dieses Recht der Mutter nicht das natürlichste der Welt? Wäre es also nicht billig, wenn der Unternehmer, der deine Arbeitskraft kauft und dem du sie verkaufen mußt, wenn du und dein Kind in der heutigen Gesellschaft leben sollen, wenn der dir einen fleinen Teil deiner Muttersorgen abnehmen würde? Du blickst mich erstaunt an. Ja, du bist es doch, die für den Unternehmer arbeitet, deren Fleiß, deren Geschick, deren treue Pflichterfüllung ihm zugute kommt. Und dein Kind? Ist es nicht schließlich ein Vorteil auch für den Fabrikherrn, wenn dein Kind gesund und kräftig heranwächst? Es wird ja doch einmal wie du in der Fabrik arbeiten müssen. Wenn nicht da, so woanders. Aber wie kann der fremde Unternehmer für mein Kind sorgen? Du blickst mich zweifelnd an. Nun, ganz einfach. Will der Unternehmer deine Arbeitskraft, so muß er Baby eine Stätte geben, wo es unterdes besorgt und aufgehoben ist, einen Raum, ein Dach, ein Bett und eine freundliche, verständige Person für seine Pflege. Mehr verlangt Baby unter den heutigen Verhältnissen gar nicht. Es will seine sonstigen Wünsche, immer in deiner unmittelbaren Nähe zu sein, geduldig unterdrücken. Ein Proletarierbaby fühlt instinktiv, daß es auf vieles verzichten muß. Es genügt ihm, wenn du alle drei Stunden an seinem Lager erscheinst und dich ihm auf ein halbes Stündchen widmest. Unterdes nimmt es seine Mahlzeit, du lächelst ihm glücklich zu, und leichteren Herzens gehst du dann wieder an deine Arbeit. Baby fordert damit nichts, was unmöglich wäre. Es gibt in Deutschland bereits Arbeitsstätten, wo Mutter und Kind tagsüber beieinander bleiben, wo Mutter und Baby frühmorgens zusammen auf Arbeit gehen und am Abend wieder miteinander heimziehen. Noch freilich find solche Fabrikbesiker weißen Raben gleich, und Idealzustände des Familienlebens sind diese Einrichtungen ganz ficher nicht. Sie stellen Notbehelfe dar, Gegenwartsforderungen, nichts weiter Sie sind aber besser als gar nichts und müssen als ein ganz natürliches Recht der Mütter und der jungen, hilflosen Kinder gelten. Die Mütter freilich müssen den Mut haben, zu fordern. Sonst müssen sie die Rechnung bezahlen, die Baby ihnen reicht, wenn es Nr. 16 vom Leben Abschied nimmt. Denn seine Geduld hat ihre Grenzen. Wenn es nicht mehr geht, geht Baby, eine Tatsache, mit der sich alle Babys solidarisch erklären. Die große Säuglingssterblichkeit in Deutschland spricht beredt vom Leid der Kleinen. Alljährlich sterben im Deutschen Reiche zirka 300 000 Säuglinge, also Kinder unter einem Jahr. 300 000 Mütter trugen fich 2 700 000 Monate lang bergeblich mit ihrer Hoffnungslast, die Kosten für die Entbindung, für Arzt, Apotheke, Sarg, Begräbnis mit 300 000 multipliziert, ergeben eine respektable, unnütz zum Fenster hinausgeworfene Summe an Geld, Kraft, Sorge und Tränen, schier unberechenbar. Wie viele mögen unter den 300 000 Kinderchen sein, die nicht gestorben wären, wenn ihre Mütter bei ihnen bleiben und sie speisen konnten mit ihrer natürlichen Nahrung, die dem jungen Kinde die nötige Widerstandskraft verleiht. Und wenn vielleicht unter den 300 000 manch ungewolltes Kind sich befindet einmal geboren, soll es doch auch erhalten werden, keine Mutter gibt so leicht die Last ihres Schoßes gern wieder her. Das junge Kind ist zäh im Ertragen von Leid und Fährnis. Unglaubliche Martyrien erdulden zahllose Säuglinge, bevor sie sich entschließen, den Kampf mit den widrigen Geschicken endgültig als aussichtslos aufzugeben. Die Wände der Kinderkrankenhäuser fönnten erschütternde Bilder wiedergeben vom Leiden und Dulden der Kleinen und Kleinsten, wäre ihnen die Gabe der Rede verliehen. Besonders tragisch erscheinen die Geschicke dort, wo man sich sagen muß: das zu verhindern, liegt in Menschenmacht. Da ist es freilich, um mit dem Gewissen leichter fertig zu werden, be= quem, alles abzuwälzen auf überirdische Gewalten. Die denkende Mutter, die ihr Kind lieb hat, darf keinen Weg unversucht lassen, um dem Kind und damit sich selber das Leben lebenswert zu machen. Und dazu gehören Stillstuben, Stilltrippen dort, wo große Betriebe in Frage kommen, die Frauen beschäftigen. Handel und Gewerbe verlangen für sich Rücksicht auf Rücksicht, in erster Linie aber kommt doch wohl die Rücksicht auf die Gesundheit der Menschen, vor allem der Mütter eines Volkes, denn diese Mütter sind die Gestalterinnen der Rasse. Nur sollen fich die erwerbstätig sein müssenden Mütter nicht dem frommen Wahn hingeben, daß ihnen wohlmeinende Fabrikherren ihre Wünsche von selbst erfüllen. Das kostet Kämpfe, und die Einzelmutter ist machtlos. Erst wenn alle Mütter fordern, was doch so selbstverständlich ist für das Gedeihen ihrer Kleinen, erst dann wird überall entstehen, was vorläufig noch vereinzelt zu treffen ist: Stillstuben, Stilltrippen in jedem Betrieb, an jedem Ort für arbeitende Mütter und deren Kinder. Eine der bedeutendsten Zigarettenfabriken Deutschlands hatte ihrem Betrieb eine Stillkrippe angegliedert nach dem Muster der großen Hygieneausstellung in Dresden. Manch warmes Lob wurde ihr bei Besichtigungen gezollt für die doch so selbstverständliche Tat. Ich erkundigte mich vor einigen Wochen bei den Arbeiterinnen besagter Fabrit nach Stand und Bestand des Säuglingsheims.„ Es war einmal," hieß es. Die Fabrik braucht die Räume anderweit. Schon möglich, aber weshalb fordern die Mütter nicht ihr gutes Recht? An Babys ist kein Mangel, gern würden sie die Räume bevölkern, selbst die unhygienische Atmosphäre der Umgebung würden sie in Kauf nehmen, sie hätten doch ihre Ordnung und Mutter in der Nähe. Also, Mütter, entschließt euch, euren Kindern zuliebe, zum ,, Gang nach dem Eisenhammer", fordert euer Recht von dem Unternehmer, fordert es vom Staat. Kämpft darum, wenn man es euch nicht geben will. Das Kind gehört zu seiner Mutter. Wer eure Arbeitskraft in Anspruch nimmt, muß auch helfen, eure Elternlast mitzutragen. Baby will und muß seine Ordnung haben, sonst bedankt es sich für das ganze elende Dasein. Wenn alle Frauen mütterlich denken, treibt es sie auch zu mütterlichem Handeln, mit geschlossen vorgehenden Massen von Müttern muß die auf Frauenarbeit eingestellte Industrie rechnen, ob sie will oder nicht. Tut es Baby zulieb fordert, handelt! Glaubt an eure Macht! OOO Volfsernährung und Krieg. In ihrem Kampfe um ausreichende Versorgung der minderbemittelten Volksschichten mit Lebensmitteln während des Krieges hat die Sozialdemokratie regelmäßig auf die große Gefahr hinge= wiesen, die der Volksgesundheit durch eine chronische Unterernäh= rung droht, zumal der Gesundheit der heranwachsenden Jugend. Diese Gefahr ist denn auch an den maßgebenden Regierungsstellen mehr oder weniger anerkannt worden. Je schwieriger aber sich die ausreichende Lebensmittelversorgung der Minderbemittelten gestaltete, je mehr die Widerstände in Produzenten- und Händler Nr. 16 Für unsere Mütter und Hausfrauen treifen wuchsen gegen ein energisches Eingreifen in die Verhältnisse des freten Marktes, desto mehr Stimmen erhoben sich, die die Angaben der Sozialdemokratie über die drohende Unterernährung bezweifelten oder gar ganz in Abrede stellten. Man griff gierig alles auf, was gegen die Wahrscheinlichkeit einer dauernden Benachteiligung der arbeitenden Bevölkerung zu sprechen schien. Hatte an irgend einem Orte ein Schularzt festgestellt, daß die Volksschüler, die er untersucht hatte, im Durchschnitt ebenso wohl, ja vielleicht besser genährt seien als vor dem Kriege- flugs wurde das nicht nur nachgedruckt, sondern auch gleich verallgemeinert. Man scheute die Mühe, den Erscheinungen wissenschaftlich- kritisch auf den Grund zu gehen, nachzuprüfen, ob nicht in dem oder jenem Orte besonders günstige Verhältnisse vorlagen, ob die Angaben des betreffenden Schularztes auch mit den sonstigen Angaben und Beobachtungen von Ärzten und Lehrern übereinstimmten. Wir haben gewiß kein Interesse daran, eine Unterernährung der Arbeiterjugend künstlich zu konstruieren, wenn, abgesehen von einzelnen Ausnahmen, keine vorhanden ist. Aber die täglichen Beobachtungen derer, die mit den Verhältnissen in Arbeiterfamilien vertraut sind, die mit den Arbeiterkindern beruflich zu tun haben, die Aussagen so mancher Kassenärzte, die Klagen vieler Lehrer, daß ihre Schulkinder schlechter aussehen als vor dem Kriege, weniger alles das läßt einen vorschnellen leisten und zerfahren sind, Optimismus als ungerechtfertigt, ja als leichtfertig erscheinen. Es ginge ja auch kaum mit natürlichen Dingen zu, wenn bei den schwindelhaften Teuerungspreisen, dem Fett-, Buder-, Eiermangel, wie er besonders in den Großstädten herrscht, der Ernährungsstand des Volkes der gleiche geblieben wäre. Wie vorsichtig man daher den Zeitungsnotizen gegenübertreten muß, die sogenannte wissenschaftliche" Feststellungen veröffentlichen und als bündigen Beweis des herrlichen Ernährungsstandes im deutschen Volfe gelten lassen, das lehrt eine Notiz über Volksernährung und Krieg, die ihren Weg auch in die Parteipresse gefunden hat. Demnach hat ein Herr Dr. Rommel ge= naue" Stichproben über den Ernährungszustand der Bevölkerung in Jena vorgenommen. Dabei habe sich gezeigt, daß die Säuglinge, sowohl die natürlich wie die künstlich genährten, im Jahre 1915 genau so gut zunahmen wie früher. Die Angehörigen der Arbeiterklassen aller Altersstufen wiesen Ende 1915 mit geringen Schwankungen dasselbe Körpergewicht auf wie die gleichaltrigen der Friedensjahre. Trotz dieser günstigen Feststellungen wünschtnach derselben Notiz- Professor Abel in Jena, da, wie er sagt, Störungen in der Ernährung der Jugend sich nicht so leicht wieder gutmachen lassen, daß die Kinder in den Schulen und Kindergärten alle Vierteljahr regelmäßig gewogen und ihre Körperlänge und Bruftumfang gemessen werden. Auch sollen für die bedürftigen Kinder Fürsorgemaßnahmen getroffen werden. " Der denkende Leser empfindet einen gewissen Gegensatz zwischen den günstigen Feststellungen Dr. Lommels und den Besorgnissen Professor Abels. In der Tat besteht dieser Gegensatz, und eine Mitarbeiterin des Vorwärts" hat sich der Mühe unterzogen, sich das Material Dr. Lommels etwas genauer anzusehen. Sie schreibt im„ Vorwärts":" Lommel hat das Ergebnis seiner Untersuchungen in der, Deutschen Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht. Eine Nachprüfung an Ort und Stelle ergibt, daß das Material viel zu dürftig ist, als daß es zu so weitgehenden Schlußfolgerungen benutzt werden könnte. Lommel hat nur eine beschränkte Anzahl von Säuglingen und jugendlichen Arbeitern untersucht. Die Angaben über die Säuglinge find zweifellos nicht sehr beweiskräftig, da fie doch die eigentliche Kriegsfost nicht erhalten. Von, Angehörigen der Arbeiterklasse aller Altersstufen kann deshalb nicht die Rede sein, weil Lommel nur vierzig bis siebzig jugendliche Arbeiter deroptischen Fabrit 8eiß in Jena beobachtet hat, die schon bei der Aufnahme in den Betrieb sorgfältig ausgewählt und außerdem der hochqualifizierten Arbeit, die sie zu leisten haben, entsprechend bezahlt werden. Es find Elitearbeiter, um die es sich hier handelt, zum größten Teile sogar Söhne von Zeißschen Arbeitern, deren Lebenshaltung wesentlich höher ist als die der durchschnittlichen städtischen Arbeiterbevölkerung. Eine Verallgemeinerung auf den Gesundheitszustand des gesamten Volkes läßt Lommels günstiges lofales Ergebnis nicht zu, wenn man objektiv sein will. Dem stehen sehr schwerwiegende Gründe, insbesondere auch die nichts weniger als optimistischen Urteile vieler Kaffenärzte über Erfahrungen aus ihrer Pragis entgegen." Das ist wieder ein klassisches Beispiel, wie einer gewissen Tendenz zuliebe von voreiligen Journalisten das Ergebnis einer lokal beschränkten und außerdem sehr wenig umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchung kurzerhand verallgemeinert und in die Welt 63 posaunt wird. Man mag die Absicht, dem Ausland gegenüber die Ernährungsverhältnisse Deutschlands besonders rosig hinzustellen, nun loben oder nicht, jedenfalls ist durch ein solches Manöver, zumal wenn es häufig geschieht, dem deutschen Volke nicht geholfen. Jm Gegenteil, die besitzenden Kreise und zumal viele Kommunalbehörden sind nur zu gern mit dem biblischen Trost bei der Hand: „ Du hast alles weislich geordnet," wobei sie natürlich nicht den lieben Gott, sondern sich selbst meinen. 0 0 0 Die Mutter als Erzieherin. ,, Die Russen sind alle Verbrecher." Kürzlich traf ich die Frau eines mir bekannten Arbeiters mit ihren beiden Jungen auf der Straße. Ich fragte nach dem Befinden ihres Mannes.„ Erzähl' der Tante, wo der Vater ist," sagte die Mutter zu ihrem Vierjährigen. ,, Vater ist im Krieg," antwortete das schmale, blasse Bürschchen. ,, Und was tut er da?" fragt die Mutter weiter.„ Er schießt die Russen tot," sagt das Kind eintönig; man hört, daß es eingelernte Worte sind. So, warum schießt er denn die Russen tot?" frage ich nun den Kleinen. Der schaut mich erschreckt an und verbirgt sich hinter seiner Mutter. Aber nun ergreift der Siebenjährige das Wort. Weil die Russen schlechte Menschen sind," sagt er feck.„ So, was haben sie dir denn getan?"" Sie schießen Frauen und Kinder tot und machen die Häuser kaputt und wollen uns alles wegnehmen." " So, so," sage ich, siehst du, dasselbe erzählt jetzt vielleicht auch eine russische Mutter ihren Kindern. Sie sagt ihnen, daß ihr Vater die bösen Deutschen totschießen muß, die ihre Häuser kaputtmachen und ihnen alles fortnehmen wollen."" Das ist aber nicht wahr," meint der aufgeweďte kleine Bursche, unser Vater will doch den Russen nichts fortnehmen."" Die russischen Väter wollen uns auch nichts fortnehmen," sage ich, die möchten auch lieber daheim bei ihren Frauen und Kindern bleiben und lieber auf ihrem Felde oder in der Fabrik arbeiten, anstatt Menschen totschießen zu müssen. Und wenn ein russischer Vater fällt, dann weinen seine Kinder gerade so, wie ihr weinen würdet, wenn euer lieber Vater totgeschossen würde."" Ach, reden Sie doch nicht von dergleichen," meinte die Mutter ärgerlich. Beruhigen Sie sich!" gab ich ihr zur Antwort, ich hoffe, Ihr Mann kommt heil und gesund zurück und fann dann seinen Kindern erzählen, daß die Russen ebensolche Menschen sind wie wir und ebensowenig Mordbrenner und Räuber." Solche gedankenlose und gehässige Gesamturteile über die Angehörigen der gegnerischen Nationen und über die Gründe zum Kampfe gegen sie kann man auf Schritt und Tritt hören. Und die Briten sind alle Verbrecher!" grölt dort ein Junge nach bekannter Gassenhauermelodie. Für jede Schandtat einzelner wird die ganze Nation verantwortlich gemacht. Die Franzosen sind feige und eitle Brahlhänse", die Engländer„ elende Lügner und Heuchler", die Russen rohe Mordbrennerhorden und Wodkisäufer". Die so reden und schreiben, machen sich nicht klar, daß ihre Urteile nicht um ein Haar intelligenter find, als die jenes Reisenden in der bekannten Anekdote: er wurde bei seinem Aufenthalt in einer fleinen Stadt von einem rothaarigen, unhöflichen und mit einem Sprachfehler behafteten Kellner bedient und schrieb darauf in sein Tagebuch:„ Die Einwohner dieser Stadt haben rote Haare, stottern und sind grob." Rohe und verbrecherisch veranlagte Menschen gibt es bei allen Nationen, und in Kriegszeiten erfahren solche schlimmen Anlagen nicht die Hemmungen wie in Zeiten des Friedns. Ihr Mütter, hütet euch davor, gedankenlos die Schmähreden der Hehpresse nachzusprechen, und duldet nicht, daß eure Kinder sie in den Mund nehmen. Selbstüberhebung und Herabsehung der anderen ist ein ebenso häßlicher Fehler bei Einzelpersonen wie bei Nationen. Bringt diese Zeit des Krieges nicht schon genug des Grausamen und Furchtbaren? Soll sie über die Gegenwart hinaus auch noch die Zukunft vergiften? Soll der Haß, den die Bäter in den Schüßengräben verlernen, wenn sie ihn je gehegt haben, sich in die weichen Seelen der Kinder hineinfressen und dort weiterwuchern - ein Hemmnis für die Entwicklung friedlicher freundnachbarlicher Beziehungen der Völker auch in der Zukunft? Dagegen müssen wir Mütter mit allen Kräften ankämpfen. Unsere Kinder sollen erfahren, wie eng unsere Kultur mit der der anderen Völker verflochten ist, wie die deutschen Dichter und Denker von fremder Literatur und Wissenschaft beeinflußt worden sind. Sie sollen aus der Geschichte der Erfindungen lernen, daß die großen technischen Errungenschaften der Neuzeit nur durch das Zusammenwirken der besten Köpfe aller Kulturnationen zustande gekommen sind. Namen wie Shakespeare, Newton, Owen, Darwin, wie Saint- Simon, Fourier und Zola, wie Tolstoi und Gorki dürfen unserer Jugend nicht leerer Schall und Rauch sein. Unsere deutschen Jungen 64 Für unsere Mütter und Hausfrauen danken viele ihrer Lieblingsbücher gerade den Engländern: Robinson, Gullivers Reisen, Oliver Twist, das Dschungelbuch und andere. Und was sie davon noch nicht kennen, das soll man ihnen jetzt, ge= rade jetzt zu lesen geben. Das alles wird sie bewahren vor dem Gift gehässiger Allgemeinurteile über die anderen Völker; das wird den Boden für gegenseitige Achtung und gegenseitiges Verstehen bereiten helfen. Unsere Kinder müssen die Pioniere werden, die die zerschossenen Brücken zwischen den Kulturvölkern Europas wieder K. D. aufbauen. 3um Nachdenken. " Ich glaube nicht mehr an das Rassendogma; wenigstens nicht, soweit es seelische Werte und geistige Leistungen begründen soll... Wie soll denn durch Rasse, dies allerallgemeinste Merkmal oberflächlicher Unterscheidung, die künstlerische Begabung erklärt werden, die allereigentümlichste Sonderlichkeit, die nur von den gründlichsten Kennern geistiger Werte vollkommen erkannt und gewürdigt wird, gleichviel von welchem Rassenkörper." Richard Dehmel,„ Kultur und Raffe" ( Betrachtungen über Kunst, Gott und Welt). Feuilleton Lucy Stone. ( Fortsetzung.) Eine nordamerikanische Bahnbrecherin der Frauenbewegung. 1847, in dem gleichen Jahre, in dem Luch Stone die akademischen Würden des Oberlin- Colleges erlangte, hielt sie ihren ersten öffentlichen Vortrag über Frauenrechte. Und zwar es dünkte vielen fast ein Märchen, das die kühnsten Träume der jungen Kämpferin übertraf von der Kanzel der Kirche in Gardner herab, an der Luchs Bruder als Geistlicher wirkte. Bald darauf wurde ihr eine Stellung geboten, die ihr auf Grund ihrer eigenen Betätigung eine bescheidene und mühereiche, aber würdige Eristenz sicherte. Die Antisklavereigesellschaft stellte sie als Rednerin für Propagandaversammlungen an. Luch Stone widmete sich ihrer Aufgabe mit größtem Eifer, allein so herzlich und festgewurzelt ihre Sympathie für die Sklavenbefreiung war, so aufrichtig ihr Bemühen, dieser guten Sache zu dienen: heißer und zwingender noch empfand sie das innere Bedürfnis, für die menschliche und soziale Erhebung des weiblichen Geschlechts zu kämpfen. Alles, was sie gegen die brennende Schmach der Sklaverei sagte, lenkte ihr Fühlen und Denken immer wieder aufs neue auf das nicht minder brennende Unrecht, das Weib daran zu hindern, zu seiner ganzen Höhe als Vollmensch emporzuwachsen. So waren ihre Agitationsreden für die Sklavenbefreiung fast stets reichlich mit Gedankengängen verquickt, die für die Gleichberechtigung der Frau warben. Eines Abends ging ihr das Herz der Frau so unaufhaltsam durch, daß ein Freund ihr wohlmeinend bedeutete, solche frauenrechtlerische Rede vertrage sich nicht mit dem Zweck der Versammlung. Ich weiß es wohl," erwiderte Luch Stone schlicht, aber ich kann nicht anders. Ich war eine Frau, ehe ich der Bewegung für Abschaffung der Sklaverei beitrat, und ich muß für die Frauen sprechen." Der Vorfall hatte ihr den Zwiespalt der Pflichten scharf zum Bewußtsein gebracht, und ihr Wesen verlangte so start nach Klarheit, Einheitlichkeit, nach einem Ganzen, daß ihr Entschluß rasch gefaßt war. Ohne sich durch die Rücksicht auf die Existenzfrage beeinflussen zu lassen, gab Luch die Stellung als Rednerin der Antifflavereigesellschaft auf, um sich ganz der Propaganda für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts zu widmen. Da sie eine der erfolgreichsten Agitatorinnen der Gesellschaft war, wurde sie jedoch gebeten, wenigstens Samstag abends und Sonntags auch weiterhin für die Sklavenbefreiung zu sprechen. Diese beiden Tage galten nämlich für zu heilig", als daß an ihnen Frauenversammlungen stattfinden durften! Von nun an hatte Luch Stones Leben einen Hauptinhalt: das Wirken für die freie Zukunft ihres Geschlechts. Mit dieser Wendung wagte sich Luch in ein unbekanntes, stürmisches Meer, wo Felsenriffe und Untiefen drohten. Ihr Lebensschifflein fuhr jedoch nicht kompaß- und steuerlos, ein eiserner Wille lenkte es dem leuchtenden Ziel zu, das die unbeugfame überzeugung einer reinen, großen Seele auch im tobenden Ungewitter nie aus den Augen verlor. Den Aposteln eines neuen Glaubens gleich zog Luch Stone durch die Vereinigten Staaten. Und für so gut wie alle, die sie hörten, war es tatsächlich eine neue Lehre, die sie verkündete, die frohe Botschaft von dem vollen, freien Menschentum, zu dem auch Nr. 16 das Weib berufen sei. Es erforderte die zähe Kraft, die leidenschaftliche, selbstlose Inbrunst des Glaubens, um diese Botschaft zu verkünden, die den meisten eitel Torheit dünkte. Keine Organisation war mit ihren Geldmitteln, mit ihrem moralischen Einfluß Luch Stone behilflich, Versammlungen zu ermöglichen, in denen die Sache des weiblichen Geschlechts geführt werden sollte. Die Kämpferin stand vereinzelt da, fast einsam, fie mußte erst die Pfade bahnen, die später viele mit ihr wandern sollten. Noch war es die Zeit, da auch in den Vereinigten Staaten nur die ersten Zwölf eine neue Idee predigten, die um Geltung und Verwirklichung rang. Allein Luch Stone sah durch die Stern- und NebelHülle, die die Zukunft verdeckt, die Hunderte, die Tausende und Zehntausende, die Ungezählten, die sich einst zu dieser Idee bekennen mußten. Start in dem Bewußtsein, für Recht und Gerechtigkeit zu streiten, ließ sie sich durch keine Schwierigkeiten und Gefahren schrecken, der Stimme im Innern zu gehorchen. Unermüdlich zog sie als freie Wanderrednerin jahrelang durch die Vereinigten Staaten, oft ohne zu wissen, wo sie abends ihr Haupt niederlegen werde, nur wenige Cents in der Tasche, die kaum hinreichten, den notdürftigsten Lebensunterhalt zu bestreiten. An manchen Tagen gebrach es ihr auch an den wenigen Pfennigen dazu, wenn nicht ein Zufall freundschaftlich nachhalf. Sie sparte in jeder Hinsicht, um sich die Freiheit zu bewahren, die Gleichberechtigung ihres Geschlechts zu vertreten. In Boston lebte sie zum Beispiel in einer ärmlichen Herberge, wo sie für etwa 38 Pf. im Tag verköstigt wurde und für 18 Pf. Logis unter der Bedingung erhielt, mit den Töchtern des Wirts zusammen auf dem Speicher zu schlafen, drei in einem Bett. Ihre Kleidung war mehr als einfach: dürftig, es gab Zeiten, wo es Luch Stone an einem warmen Mantel fehlte. Lange, sehr lange konnte sie sich nicht überwinden, ein Eintrittsgeld zu ihren Versammlungen erheben zu lassen. Sie befürchtete, daß dadurch manche abgehalten werden könnten, sie zu hören. Noch bestimmender war ihr Empfinden, daß „ jedes Evangelium umsonst gepredigt werden müsse, weil es umsonst empfangen sei". Will man die Energie und Opferfreudigkeit richtig werten, die Luch Stone an die Pionierarbeit der ersten Jahre setzte, so muß man alle Vorstellungen von den heutigen Vereinigten Staaten beiseite schieben, mit ihren schier unbegrenzten Möglichkeiten", bequem zu reisen, leicht ein Versammlungspublikum zu sammeln. Kein Schnellzug mit Speise- und Schlafwagen führte die Agitatorin von Stadt zu Stadt. Heute mußte diese mit auf einem Segelschiff reisen, das sich mühsam stromaufwärts arbeitete, morgen vielleicht in einer humpelnden altertümlichen Postkutsche, sehr oft war sie für ihre Beförderung auf eine gute Zufallsgelegenheit" angewiesen, weite Bezirke durchmaß sie auf Schusters Rappen". Vom Geldmangel abgesehen, lagen die Dinge auch sonst so, daß sie meist selbst ihre Versammlungen bekanntgeben mußte. Mit Nägeln und mit einem Stein, den sie von der Straße aufhob, schlug sie die Plakate an, nicht selten von einer Schar wilder Bengel oder Neugieriger umlagert, die ihr Tun zu hindern suchten oder die Zetter abrissen, kaum daß sie befestigt waren. Luch Stone hielt dann eine erste Agitationsrede. Häufig stand ihr kein anderes Mittel der Versammlungsbekanntgabe zur Verfügung, als die persönliche. Einladung. Tagelang wanderte sie dann von Haus zu Haus, in ländlichen Gegenden von Farm zu Farm, und manche Seele gewann sie schon dabei für die Sache, der sie diente. Nicht überall gab es einen Versammlungsraum, nicht überall öffnete sich ein solcher für das„ gottlose Weib, das die Bibel nicht gelten lassen wollte". Luch sprach dann im Freien, auf einem Baumstumpf, einem Wagen, auf einer Tribüne, die sie selbst notdürftig errichtet. Das Publikum, an das die Sendbotin der neuen Lehre sich wendete, war durchaus nicht immer gewillt, sich„ bekehren" zu lassen. Ganz im Gegenteil, und die Gepflogenheiten der rauhen, verwilderten Gesellen, wie wir sie aus Brete Harts" Brüllerlager" und anderen Novellen vom Weiten Westen" kennen, lagen ihnen zum großen Teil viel näher als„ Europens übertünchte Höflichkeit". Luch Stone erntete daher für ihre Vorträge keineswegs stets Lorbeeren, sondern oft genug faule Apfel, Steine usw. Eines Tages wurde ihr ein dickes Gesangbuch an den Kopf geworfen. In einer Versammlung im Winter besprißte man sie von rückwärts aus einem dicken Schlauch mit eiskaltem Wasser, so daß sie bis auf die Haut durchnäßt war. Als wäre nichts geschehen, wickelte sich Luch Stone in ihr Umschlagtuch und fuhr in ihrer Rede fort. Die Fährnisse und charakteristischen Episoden ihrer ersten Agitation würden ein Buch füllen. ( Fortsetzung folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.$. tn Stuttgart.