Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 17 oooooooo Beilage zur Gleichheit oooooooo Inhaltsverzeichnis: Glaubt an euch selbst und eure Kraft! Gedicht von Otto Meier. Wer verteuert die Lebensmittel? Von A. W. -Notizen. Feuilleton: Luch Stone.( Fortsetzung.) Glaubt an euch selbst und eure Kraft! Wenn euch in wilder Zeiten Laufe Der Strom der Meinung arg umtost, Wenn euch verläßt der große Haufe, Dann glaubt und hoffet nur gefrost, Daß euer Wirken Gutes schafft: Glaubt an euch selbst und eure Kraft! Wohl drohn dem Kämpfer oft Gefahren In dieser schweren, dunklen Zeit. Doch wollt in Ehren ihr bewahren, Auf daß sich noch die Nachwelt freut, Was ihr errungen und errafft: Glaubt an euch selbst und eure Kraft! Laßt nicht erlahmen eure Stärke, Die sich im Kampfe oft erprobt. Bleibt freu dem guten, edlen Werke, Daß, wenn auch Krieg die Welt durchlobt, Ihr nie ermüdet und erschlafft: Glaubt an euch selbst und eure Kraft! Einst muß die Finsternis vergehen, Drum sorget, daß am jungen Tag Nur Licht und Wahrheit bleibt bestehen. Trotz allem, was da kommen mag; Daß in die Halme schießt der Saft: Glaubt an euch selbst und eure Kraft! Otto Meier. Wer verteuert die Lebensmittel? Um keine andere Ware wird ein so erbitterter Kampf unter den Interessenten ausgefochten wie um die Lebensmittel, Gehören sie doch zu dem, was der Mensch unbedingt zu seiner Erhaltung gebraucht, während er auf andere Dinge unter Umständen gänzlich verzichten oder seinen Bedarf daran einschränken fann. Bei den Lebensmitteln aber ist ein gänzlicher Verzicht völlig ausgeschlossen und eine Einschränkung bis zum gewissen Grade nur unter Gefährdung der Gesundheit möglich. Jeder einzelne Mensch ist demnach gezwungen, sich Lebensmittel zu verschaffen, und sofern er sie nicht selbst erzeugt, muß er sie irgendwo gegen Geld oder andere Waren eintauschen. Den Eintausch gegen andere Waren finden wir in kultivierten Ländern nur noch selten, im allgemeinen ist dort der Verkauf gegen Geldzahlung üblich. Die Art des Verkehrs zwischen Erzeugern und Verbrauchern der Bebensmittel ist nun ganz verschieden; er kann direkt- von Person zu Person vor sich gehen oder indirekt durch mehr oder weniger Vermittler so daß der Verbraucher nicht einmal weiß, aus welchem Lande die Ware stammt, die er verzehrt. Die lettere Art des Verkehrs ist heute am gebräuchlichsten. Mit der Grschließung aller Weltteile hat sich der Welthandel zu entwickeln begonnen, der jetzt auf einer ungeahnten Höhe angelangt ist und den Austausch der Waren unter sämtlichen Völkern der Welt übernimmt. Aus der Vermittlung dieses Warenaustausches ziehen Hunderttausende von Handelsfirmen ihren Nutzen. Ehe die Ware von ihrem Ursprungsort in die Hand des Verbrauchers gelangt, hat sie schon verschiedene Male in den Speichern und Lagerräumen mehrerer dieser Handelsfirmen gelegen; von dorther bezieht dann erst der Kleinhändler die Ware, um sie an die Konsumenten abzugeben. Aus dieser Art des Warenverkehrs ergibt sich ohne weiteres, daß sie auf den Preis der Waren verteuernd einwirken muß. Jeder Händler, der die Ware in die Hände bekommt, will daran berdienen, und zwar möglichst viel. Nur durch die Konkurrenz läßt er sich die Höhe seines Verdienstes beschneiden, und da innerhalb der einzelnen Händlergruppen trotz aller Reibereien doch das Be1916 streben besteht, unter einen bestimmten prozentualen Geschäftsgewinn nicht herunterzugehen, bleibt immer noch ein erheblicher Bruchteil des Warenpreises beim Handel fleben. Schlimmer ge= staltet sich die Sache noch, wenn bei den Lebensmitteln Knappheit eintritt, was wir jetzt in der Kriegszeit so gut beobachten können. Zu dem sogenannten legitimen Handel gesellt sich dann blitzschnell ein Heer von Spekulanten, die so schnell wie möglich die noch vorhandenen Waren aufzukaufen suchen, um sie dann mit Wuchergewinnen wieder abzusehen. Elemente, die keinen Pfennig Geld, aber ein desto weiteres Gewissen und regen Geschäftsgeist besiten, werfen sich auf die Vermittlung dieser Waren und verdienen oft in kurzer Zeit große Vermögen. Die Waren werden von den spetulativen Händlern so lange zurückgehalten, bis die Preise infolge der immer lebhafter werdenden Nachfrage eine Höhe erreicht haben, die einen äußerst gewinnbringenden Absatz verspricht. Hiergegen haben selbst die Höchstpreisfestsetzungen wenig vermocht, denn entweder schmiegten diese sich den schon überreichlich hohen Preisen an, oder die Händler zogen ihre Waren vom Markt zurück und warteten auf die Erhöhung der Höchstpreise, die denn auch häufig vorgenommen wurde. Dieser Spekulation fielen aber auch ungeheure Mengen von Waren zum Opfer, die infolge schlechter Lagerräume oder ungeeigneter Behandlung dem Verderben ausgesetzt waren. Das ist zwar ein Risiko für den einzelnen Spekulanten, wird aber gewöhnlich durch hohe Gewinne an anderen Waren vielfach wieder gutgemacht, während der Verlust für die Volfsernährung unerseßlich ist. Das Problem der Lebensmittelversorgung ist nun in der Kriegszeit ganz besonders in den Vordergrund gerückt. Dadurch, daß nicht nur die unteren Volksschichten, deren politischer Einfluß zur Umgestaltung der Verhältnisse noch nicht weitreichend genug war, sondern auch weite Kreise des bessergestellten Bürgertums von der Lebensmittelnot betroffen wurden, hat sich auch deren Interesse für die Ausmerzung der Schäden der privaten Lebensmittelversorgung lebhafter gestaltet. Aber auch in den Reihen der Christlichsozialen und Hirsch- Dunckerschen, ja sogar bei den„ wirtschaftsfriedlichen" Arbeiterverbänden hat sich durch die Vorgänge auf dem Lebensmittelmarkt ein Umdenkungsprozeß vollzogen, von dem man nur hoffen kann, daß er sich nach dem Kriege auch erhält. Die von ihren parlamentarischen Vertretern unterstützte Wirtschaftspolitik, die vorgab, zum Schuße des Mittelstandes notwendig zu sein, wird aufgekündigt und dafür eine tatkräftige Konsumentenpolitik gefordert. Von dem„ Segen" des Zollschutes ist man auch in jenen Kreisen jetzt furiert, und auch das liberale Prinzip, wonach Angebot und Nachfrage den Warenmarkt in richtiger Weise reguliere, soll in die Rumpeltammer geworfen werden. Eine Mittelstandsretterei, wie sie vor dem Kriege von den bürgerlichen Kreisen betrieben wurde, wollen auch die bürgerlichen Konsumenten nicht mehr mitmachen. Wie ist nun dieser Umdenkungsprozeß zustande gekommen? Bi3 zum Ausbruch des Krieges unterstützten alle bürgerlichen Parteien mehr oder weniger die deutsche Schutzollpolitik, deren Krönung die Erhebung von Zöllen auf alle aus dem Ausland eingeführten landwirtschaftlichen Produkte bildete. Begründet wurde diese Po= litik einerseits mit der als notwendig erachteten Erhaltung eines fräftigen, wirtschaftlich möglichst starken Bauernstandes, aus dem das deutsche Volf die gesunden Säfte zur Erhaltung seines Volfstums saugen könne, andererseits glaubte man die Ernährung des deutschen Volkes vom Ausland gänzlich unabhängig machen zu können, indem man durch die Sicherung eines lohnenden Ertrags zum Anbau möglichst vielen Bodens anzureizen suchte. Beide Voraussetzungen sind aber durch die Schutzollpolitik nicht erreicht worden, worüber sich die Sozialdemokratie übrigens vor dem Kriege schon klar war. Die Wehrfähigkeit ist bei der Landbevölkerung nicht viel stärker als bei der städtischen, und wenn nicht durch die infolge der Zollpolitik verteuerte Lebenshaltung die Ernährung der städtischen Bevölkerung so stark benachteiligt wäre, dann könnte in der Stadt sogar eine höhere Militärdiensttauglichkeit als auf dem Lande erzielt werden. Ferner ist trop eines so starken Zollschutzes, wie er durch das Zolltarifgesetz von 1902 geschaffen wurde, kein erhöhter Bodenanbau vorgenommen worden. Nach dem Ergebnis der landwirtschaftlichen Betriebsstatistik vom Jahre 1907, deren letzter zusammenfassender Band im November 1912 bom Kaiserlichen Statistischen Amt herausgegeben ist, betrug die 66 Für unsere Mütter und Hausfrauen landwirtschaftlich benutte Fläche in Deutschland im Jahre 1895 32 517 941 Hektar, im Jahre 1907 aber nur 31 834 874 Hektar. Wie hieraus ersichtlich, ist die landwirtschaftlich benutte Fläche seit dem Jahre 1895 bis zum Jahre 1907 um 683067 Hettar zurüdgegangen. Das Ödland war dagegen um 275 836 Heftar angewachsen. Diese Verkleinerung der Anbaufläche würde eine absolute Herabsetzung der Leistungsfähigkeit der Landwirtschaft bedeuten, wenn nicht eine Verbesserung der Bodentechnik dies ausgliche. Ungünstig beeinflußt wird die Anbaufläche noch durch die ständig sich vermehrenden Fideikommisse, das find landwirtschaftliche Besitzungen von großem Umfang, die nicht geteilt werden dürfen. Nach einer Aufstellung der„ Statistischen Korrespondenz" vom Jahre 1910 betrug in Preußen die Gesamtfläche des gebundenen Bodens 2 401 737 Hektar gegen 2379 547 Hektar zu Ende 1909, 2 348 069 im Jahre 1908 und 2 299 793 Hektar im Jahre 1907; es hat also in den vier Jahren eine Zunahme von 101 944 Hektar, das sind 4,4 Prozent, stattgefunden. Am Schlusse des Jahres 1910 waren im ganzen 6,9 Prozent des Gesamtumfangs an Grund und Boden in Preußen fideikommissarisch gebunden. Bei diesen Fideikommissen ist die Beobachtung gemacht worden, daß ein großer Teil des Bodens angeforstet, also der Nutzbarmachung durch landwirtschaftliche Erzeugnisse entzogen wird. Im Jahre 1910 betrug der Anteil des Waldes an der gesamten Fideikommißfläche noch 46,6 Prozent. Haben wir somit gezeigt, daß der Zollschuh keine Vermehrung der angebauten Fläche mit sich gebracht hat, so wollen wir im folgenden beweisen, daß seine wahre Tendenz, einem Bruchteil der Bevölkerung, und zwar den Besitzern landwirtschaftlicher Großbetriebe, auf Kosten der großen Masse des Volkes große Einkommen zuzuführen, bessere Erfolge erzielt hat. Das zeigt sich am besten in der Gegenüberstellung der Getreidepreise, denn Getreide wird hauptsächlich in landwirtschaftlichen Großbetrieben erzeugt. Stellt man zum Beispiel die Getreidepreise von 1903 und 1912 in Barallele, so zeigt sich in dieser Zeit an der Berliner Getreidebörse eine Steigerung bei Roggen von 132,3 auf 185,8 Mt., bei Weizen von 181,1 auf 217 Mt., bei Hafer von 136,6 auf 189,7 M. pro 1000 Kilogramm. Die gleiche Menge Mais tostete 1903 in Breslau 121,8 Mt., 1912 dagegen 169,7 Mt., und Gerste stieg dort in derselben Zeit von 128,3 auf 164,4 Mt. Daß diese Erhöhung der Getreidepreise nicht etwa auf eine gleichzeitige Erhöhung der Erzeugungskosten zurüdzuführen ist, beweist die ständige Steigerung der Pacht- und Güterpreise. In einer von der staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität München ausgezeichneten Schrift hat der Oberstleutnant a. D. Dr. Franz Hörenz eine außerordentlich intereffante Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Schutzzöllen und Güterpreisen angestellt. Er kommt darin zu dem Ergebnis, daß im nördlichen Oberbayern bis zum Jahre 1902 die Zahl der Kaufabschlüsse verhältnismäßig gering war, um nach erfolgter Bekanntmachung des neuen Zolltarifgefezes vom 25. Dezember 1902 sofort zu steigen und dann immer mehr zu steigen. Der Gewinn aus dem Güterverkauf war denn auch bei den größten Besitzungen am höchsten, denn, so sagt Dr. Hörenz, der Gewinn aus der Zollerhöhung ist naturgemäß für denjenigen Landwirt am größten, der das meiste Getreide auf den Markt zu bringen bermag; je größer also der Besiz und je ertragreicher der Boden, desto größer auch der Gewinn". Die Richtigkeit dieser theoretischen Behauptung wird durch die Tatsachen voll bestätigt. Die Güterpreise stiegen nach 1902 bis 1906 bei einer Ertragfläche von 20 bis 50 Hektar durchschnittlich um 35 Prozent, bei einer Ertragfläche bon 50 bis 100 hektar um 101 Prozent. Jm großen ganzen betrug die Steigerung der Güterpreise im nördlichen Oberbayern nach Hörenz rund 40 Prozent. Den unmittelbaren Anteil der Zollgesetzgebung an dieser Preiserhöhung berechnet er auf 19 bis 20 Progent. Der Getreidezol I", schlußfolgert Hörenz, ist somit der schwerwiegendste Grund für die Steigerung der Preise landwirtschaftlicher Güter." Das stärkste übel bei diesem fortwährenden Besitzwechsel landwirtschaftlicher Güter beruht jedoch darauf, daß die leßten Besitzer schließlich infolge der ungeheuer in die Höhe geschnellten Güterpreise nicht mehr den überschuß herauswirtschaften können, den sie beim Kauf erwartet haben. Die Folge ist Unzufriedenheit bei ihnen und der Ruf nach neuer Unterstüßung der Landwirtschaft durch Erhöhung der Zölle usw. ( Schluß folgt.) " 000 Notizen. Die Zahl der studierenden Frauen in Deutschland hat seit Ausbruch des Krieges überraschend zugenommen. Während von der studierenden männlichen Jugend rund 80 Prozent im Felde stehen, Nr. 17 ist die Zahl der Studentinnen von 3920 im Vorjahr auf 4820, also um 23 Prozent gestiegen. Gegenüber dem Stand des Jahres 1910 bedeutet das eine Zunahme von 50 Prozent. Die studierenden Frauen betrugen im Wintersemester 1915/16 9 Prozent der gefamten studierenden Jugend, während sie im Vorjahr nur 7,4 und im Jahre 1910 nur 4,4 Prozent betrugen. Da aber im letzten Winter von den 50 000 studierenden Männern nur etwa 10 000 auch wirklich an den Universitäten anwesend waren, so machte die Frauenwelt nicht nur ein Zehntel, sondern ein Drittel der ihren Studien obliegenden Studentenschaft aus. Also auch an den Universitäten, wie überall, ein starkes Anschwellen der Frauenarbeit bereits seit mehreren Jahren und ein besonderes Hochschnellen der Ziffer seit Kriegsausbruch. Die Erscheinung hat im großen ganzen dieselben Ursachen wie die vasche Zunahme der proletarischen Frauenerwerbsarbeit. Die fortschreitende kapitalistische Entwidlung, die stetige Verteuerung der Lebenshaltung zwingt immer mehr auch die bürgerlichen Frauen, zumal in den Kreisen der Beamten und akademisch gebildeten Kopfarbeiter, sich nach Erwerb, nach einem Lebensberuf umzusehen. Das alte bürgerliche Mädchenideal von der keuschen Blume, die bescheiden wartet, bis der Auserwählte kommt, um sie zu pflücken, ist längst vom brutalen Fuße der materiellen Notwendigkeit zertreten. Gerade in den Kreisen des gebildeten Bürgertums bildet sich ein neues Jdeal, das der geistig und materiell selbständigen, studierenden und erwerbenden Frau. Es ist heute nur noch ein kleiner Teil der weiblichen Studenten, der aus reiner Neigung, nicht für den Beruf, sondern aus Liebe zur Wissenschaft, vielleicht auch aus Koketterie und weil es modern ist, die Universität besucht. Weitaus der größere Teil folgt bewußt oder unbewußt der materiellen Notwendigkeit, um sich im Staatsdienst oder als Privatbeamtin eine Existenz zu gründen. Der Krieg hat diese Entwicklung beschleunigt. Er hat auf der einen Seite die Nachfrage nach akademisch gebildeten Frauen für staatliche wie private Betriebe vergrößert, er hat aber auch den Zwang für viele bürgerliche Frauen, durch Fachstudium sich für einen selbständigen Beruf vorzubereiten, erhöht. Manche junge Witwe eines Privat- oder Staatsbeamten seht jetzt ihr bißchen Vermögen daran, um später als Chemikerin, Bibliothekarin, Ärztin und so fort ein Auskommen zu finden. Noch mehr ist das natürlich der Fall bei den Unverheirateten, die immer weniger Aussicht haben, in alter Weise einmal„ bersorgt" zu werden. Diese Tatsache springt bei einem Blick auf die einzelnen Wissenszweige, denen sich die studierenden Frauen heute widmen, sofort ins Auge. Der Medizin widmen sich zurzeit 1182 Studentinnen gegen 527 im Vorjahr, das macht in Prozenten 24,5 gegen 21,8. Die Medizinerinnen haben also nicht nur überhaupt, sondern auch im Verhältnis zur Gesamtzahl der weiblichen Studierenden zugenommen. Noch mehr ist das der Fall bei der Mathematik und den Naturwissenschaften. Diese haben sich 894 Frauen zum Lebensberuf erwählt gegen 356, oder 18,5 Prozent gegen 14,8 Prozent. Die 3 ahnärztinnen zählen 74 gegen 49, und die Studentinnen der Philosophie, Philologie und Geschichte erhöhten ihre Ziffer von 1370 auf 2393. Staats= wissenschaften und Landwirtschaft studieren 170 gegen 60, Rechtswissenschaft 96 gegen 38, evangelische Theologie 13 gegen 7 und Pharmazie 17 gegen 5. Die jüngste Erweiterung der Studienberechtigung der preußischen Oberlyzeen hat demnach einen zahlreicheren Übergang der Frauen zur Medizin und zu naturwissenschaftlichen Studien bewirkt, wenn auch nicht in dem erhofften größeren Maße. Auf die einzelnen Universitäten verteilen sich die Frauen folgendermaßen: An den 12 preußischen Universitäten sind 3292 eingeschrieben, 553 befinden sich an den 3 baherischen, 406 an den 2 badischen und 569 an den übrigen 6 einzelstaatlichen, einschließlich Straßburg. Infolge des Krieges ist das Mehr an Studentinnen einzelnen norddeutschen Universitäten, insbesondere Berlin, Kiel, Münster und Bonn zugeflossen, während fast alle süddeutschen, insbesondere aber Freiburg, Straßburg und Heidelberg von Frauen verhältnismäßig schwach besucht wurden. Berlins Anteil am Frauenstudium ist seit Kriegsausbruch von 20,3 auf 25,3 bom Hundert geftiegen, während in Freiburg diesen Winter nur 3,0 bom Hundert studierten gegen 6,5 vom Hundert, in München 9,7 gegen 12,0, in Frankfurt bereits 4,8, in Breslau 4,6, in Leipzig 5,5, in Halle 2,7. Die Besuchsziffern der einzelnen Universitäten sind: Berlin 1224, Bonn 457, Leipzig 265, Marburg 264, Münster 262, Heidelberg 258, Göttingen 254, Breslau 223, Frankfurt 193, Freiburg 148, Königsberg 151, Halle 133, Jena 120, Kiel 76, Tübingen 60, Straßburg 57, Greifswald 55, Würzburg 50, Erlangen und Rostock 34 und Gießen 33 Studentinnen. An der jüngsten UniE. versität, Warschau, find 95 Frauen eingeschrieben. Nr. 17 Für unsere Mütter und Hausfrauen Ein Pflegeheim für geschlechtskranke Kinder. Eine der scheußlichsten Folgen des Weltkriegs ist das unheimliche Anschwellen der Geschlechtskrankheiten. Bei der Hartnädigkeit und den zerrüttenden Folgen dieser Krankheiten bedeutet ihre Zunahme eine schwere Gefahr für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des ganzen Volkes. Und nicht nur das gegenwärtige Geschlecht ist betroffen. Auch der Nachwuchs, die noch ungeborenen Geschlechter sind bedroht. Die Kinder von geschlechtskranken Eltern- welche Bilder von Elend und Siechtum, von allen möglichen förperlichen und geistigen Gebrechen bieten diese hilflosen Kleinen! Herangewachsen fallen die meisten sich selbst und der Gesellschaft zur Last. Um so wichtiger ist es, daß ohne Zeitverlust die Bekämpfung und Eindämmung der Geschlechtsseuchen in Angriff genommen wird, und das nicht nur bei den Erwachsenen, sondern gerade auch bei den Kindern, bei dem Geschlecht von morgen. Hier ist oft noch viel zu retten, manches Leben vor Siechtum und Glend zu bewahren, wenn man rasch und konsequent einschreitet. Die gefürchtete Syphilis ist ja nicht unheilbar; wohl aber bedarf sie jahrelanger sorgfältiger Behandlung und ärztlicher überwachung. Bei erblich mit der Krankheit belasteten Kindern ist die nötige methodische Behandlung und überwachung fast nur in eigens dazu eingerichteten Heimen möglich. Bumal ja in erster Linie uneheliche Kinder hierbei in Betracht kommen, die sonst in irgendeinem Kosthaus untergebracht werden und in den häufigsten Fällen der richtigen Sorgfalt und mütterlichen Pflege entbehren. Aber auch die meisten in der Ehe zur Welt gekommenen syphilitischen Kinder müssen unter Verhältnissen aufwachsen, die eine sachgemäße Behandlung ausschließen. Es sind daher im Interesse der Gesellschaft wie im Interesse der Kinder selbst Heime zu fordern, in denen alle geschlechtsfranken Kinder, deren sachgemäße Pflege zu Hause nicht sichersteht, vom frühesten Alter an untergebracht, verpflegt und ärztlich behandelt werden. Die Kinder dürfen erst entlassen werden, wenn sie als völlig geheilt gelten fönnen. Meist wird das nicht vor vier bis sechs Jahren der Fall sein. Natürlich müssen dei der überweisung der Kinder in die Heime unnötige Härten gegen die Eltern vermieden werden. Solche Heime für geschlechtskranke Kinder bestehen bereits da und dort. Das erste wurde in Stockholm errichtet, und nach seinem Vorbild erfolgte die Gründung eines zweiten in Kopenhagen. Auch Seein der Nähe von Berlin, in Friedrichshagen, befindet sich straße 43 ein Pflegeheim für geschlechtstrante Rinder. Sein Begründer und Leiter ist der auf dem Gebiet der Hautkrankheiten bekannte Forscher Geheimrat Rosenthal. Er rief die Anstalt 1909 nach dem skandinavischen Muster für Kinder ins Leben, die durch geschlechtskranke Eltern erblich belastet waren und für unheilbar galten. Geheimrat Rosenthal überweist dem Pflegeheim nur Kinder, die noch im ersten Lebensjahr stehen, wobei ungefähr der elfte Monat als„ Höchstgrenze" gilt. Je jünger die Kinder bei der Aufnahme aber sind, um so besser ist es. Die Aufnahme erfolgt jedoch nicht sofort, nachdem die Geschlechtskrankheit festgestellt wurde. Die Kleinen erhalten zunächst in Berlin in der Charité oder in einer sonstigen Krantenanstalt eine Behandlung und kommen dann erst nach Friedrichshagen, wo ihr Verweilen im allgemeinen vier Jahre dauert. Innerhalb dieser Zeit ist eine vollständige Ausheilung möglich. Die Anstalt hat bereits eine Anzahl Entlassungen völlig ge= heilter Kinder zu verzeichnen. Je nach der Art der Einzelfälle wird der Aufenthalt mehr oder minder ausgedehnt, jedoch nicht länger als bis zum sechsten Lebensjahr des Kindes. Diese Zeitdauer reicht selbst bei besonders hartnädigen Fällen hin, um gänzliche Gesundung zu erzielen, und nur völlig geheilte Kinder entläßt die Anstalt. Sie gibt ihre Pfleglinge auch nicht zu Besuchen oder einem zeitweiligen Aufenthalt bei Verwandten heraus. Letztere dürfen mit den Kleinen bloß während bestimmter Stunden in der Anstalt selbst zusammentreffen. Bisweilen wird unter gewissen Bedingungen gleichzeitig mit dem Kinde auch die Mutter in die Anstalt aufgenommen, zumal wenn sie das Kind stillen kann. Vorwiegend handelt es sich bei den Aufnahmen um uneheliche, in jammervoller Umgebung zur Welt gekommene Kinder, nach denen kaum jemand fragt und die meist der Armenpflege zur Last fallen. Nach der Entlassung aus der unmittelbaren Obhut der Anstalt werden sie bei geeigneten Familien untergebracht. Bei der Aufnahme ins Heim befinden sich die meisten Kinder in einem elenden Zustand. Der wandelt sich aber mehr und mehr unter dem Einfluß der neuen, nach jeder Richtung hin mustergültig gestalteten Umgebung. Die älteren" Kleinen erscheinen wenigstens dem Laien so frisch, munter, lebensvoll, wie es jedem Kind aufs innigste zu wünschen ist. Das Pflegeheim steht in einem nach dem Müggelsee hinlaufenden Garten. Es macht schon in seinem äußeren einen sehr an67 sprechenden Eindrud, nimmt sich im Innern wie ein Jdeal der Sauberkeit und gesundheitsgemäßen Einrichtung aus. Seine Räume gewähren 40 Kindern Unterkunft. Die dem Hause vorstehende Oberin, die bei ihrem mühevollen Wirken geschulte Kräfte zur Seite hat, sagte, es wäre absichtlich keine größere Zahl ins Auge gefaßt, um jedem Kinde nach seiner Natur im besonderen eingehender beikommen zu können. Die Anstalt beweist, wieviel zur Rettung der Ärmsten der Armen, der geschlechtskranken Kinder, getan werden kann. Es ist zu verlangen, daß solche Heime überall vom Staate eingerichtet und unterhalten werden. Ferner aber ist auch darauf hinzuwirken, daß die Quellen verstopft werden, aus denen die syphilitische Verseuchung immer aufs neue unter die Massen fließt, die Armut, die Unwissenheit und nicht zum mindesten der seit bald 22 Monaten wütende Weltkrieg. Feuilleton Lucy Stone. ( Fortsetzung.) Eine nordamerikanische Bahnbrecherin der Frauenbewegung. In den meisten Orten, wo Luch eine Versammlung abhielt, hatte bor ihr noch nie eine Frau öffentlich gesprochen. Dieser Umstand allein schon genügte damals, um ein zahlreiches, mehr neu- als wißbegieriges Publikum zu sammeln. Die meisten Versammlungsbesucher erlebten eine überraschung. Sie waren fest überzeugt gewesen, ein vierschrötiges Mannweib mit Baßstimme und männischem Betragen vor sich zu finden. Aber siehe da! Luch Stone war klein und von gewinnendem Äußeren, trat ganz weiblich auf und hatte eine Silberstimme, deren musikalischer Klang bald berühmt wurde, und die niemand vergaß, der sie nur einmal gehört hatte. Schon diese äußerlichkeiten entwaffneten manches Vorurteil gegen die Rednerin und die Ideen, die sie verfocht. Aber überzeugender und nachhaltiger wirkte die klare, durchsichtige Logif ihrer Gedanken, wirkte die begeisterte und begeisternde, hinreißende Innerlichkeit ihres Vortrags. Die wenigsten bermochten sich der Macht ihres Wortes zu entziehen, denn man fühlte ihm an: hier redet heiligste Überzeugung, hier hebt sich auf die Lippen, was die Seele erlebt. Der überspringende Funke zündete nicht bloß bei geistig Hochstehenden und Freigesinnten, die nach geläuterten sittlichen und sozialen Werten trachteten. Er entflammbe oft auch gerade Leute, deren Menschlichkeit durch Schickfalsnöte unentwidelt geblieben oder durch Lebensstürme verschüttet war, sich aber unter dem Zauber einer idealen, starken Persönlichkeit plötzlich auf sich selbst besann. Luch Stones Macht über den sogenannten Pöbel war außerordentlich. Die kleine Frau verschaffte fich fast stets auch in den stürmischsten Versammlungen Gehör, wo alle anderen Rednerinnen und Redner für die Frauenemanzipation' und Sklavenbefreiung niedergeschrien, wohl gar mißhandelt wurden. Auch Luch Stones Unerschrockenheit und ruhige Geistesgegen= wart trugen viel dazu bei, die heftigsten Ausbrüche feindseliger Gesinnung zu dämpfen, ja leidenschaftlichen Widerspruch in stilles Anhören und schließlich in herzliche Zustimmung zu verwandeln. Diese ihre Eigenschaften verblüfften und imponierten. Dafür ein Beispiel unter Hunderten. Eine Antislavereiversammlung sollte in einem Hain bei Cape Cod stattfinden. Um die rasch aufgeschla= gene Tribüne sammelte sich eine stattliche Menge, offensichtlich zu Gewalttätigkeiten bereit. So drohend war die Stimmung, daß einer der vorgesehenen Redner nach dem andern so still und unbemerkt wie möglich von der Tribüne verschwand. Zuletzt standen Luch Stone und Stephen Foster, ein Führer der Antisklavereibewegung, noch allein dort.„ Sie würden gut daran tun, Stephen, fich aus dem Staube zu machen, fie kommen," sagte Luch.„ Aber wer wird dann Sie beschüßen?" antwortete der Freund. In diesem Augenblick wälzte sich die Menge heran, allen voran stürmte ein Herkules mit einer Keule, der auf die Tribüne sprang. Dieser Herr da wird mich beschützen," meinte Lucy Stone schlagfertig. Der Riese stand einen Augenblick sprachlos, sagte dann" ja", nahm den Arm der kleinen Frau, und wild seinen Knüppel schwingend, führte er sie durch die wütende Menge, die Foster und anderen Sklavereigegnern sehr übel mitspielte. So eindringlich wußte Luch ihren Ritter von der Notwendigkeit zu überzeugen, ihr zum Wort zu verhelfen, daß er sie auf einen Baumstumpf hob, von wo aus sie sich an die Menge wendete. Ihre Rede ergriff diese derart, daß sie nicht bloß weiteren Tumult unterließ, sondern 25 Dollar sammelte, um Stephen Foster den Rock zu bezahlen, der im Handgemenge zerrissen worden war. 68 Für unsere Mütter und Hausfrauen Wie Luch Stone als Studentin eine Nothelferin aller ihr nahenden Bedrängten gewesen war, ohne daß sie über Einzelheiten und Kleinigkeiten ihr Lebensziel vergessen hätte, so fand sie auch später stets Zeit und Kraft, trotz ihrer aufreibenden Propaganda einzelnen Unglücklichen beizustehen. So führte sie 1855 vor dem Gericht zu Cincinnati die Sache von Margaret Garner, einer schönen Stlavin, die mit ihren Kindern entflohen war und bei ihrer Wiedergefangennahme eines ihrer fleinen Mädchen getötet hatte. Jn Verzweiflung, weil sie überzeugt war, daß für ein Weib die Sklaverei noch tausendmal härter und schmachvoller sei als für einen Mann, und weil ihr der Gedanke unerträglich war, daß ihr Kind einst leiden sollte, was sie selbst gelitten. Als Luch Stone die unglückselige Mutter im Gefängnis besuchte, um ihr Rat und Beistand anzubieten, erkundigte sie sich auch, ob diese für den Fall, daß sie in die Sklaverei zurückgebracht werde ein Messer befize. Vor Gericht wegen dieser Äußerung befragt, gab Luch Stone diese Antwort: Wenn ich eine Sklavin wäre, wie sie eine Sklavin ist das Gesek gegen mich, die Gesellschaft gegen mich und die Kirche gegen mich, und ich hätte keine andere todbringende Waffe in meiner Hand, so würde ich mir mit meinen eigenen Zähnen die Adern öffnen und meine Seele zurück zu Gott senden, der sie mir gegeben hat." Die genze unerschrocene, ehrliche Rämpferin mit ihrem stolzen, unbändigen Freiheitsdrang, ihrem mutigen Willen zur Tat, ist in diesen Worten. Die Agitation, die Luch Stone und einige andere hochgesinnte, tapfere Frauen betrieben es seien nur die Quäferin Lucre= tia Mott und Elizabeth Cady Stanton genannt, fing an ihre Früchte zu tragen. Es mehrte sich die Zahl der Frauen, in denen die Sehnsucht lebendig wurde, ungehemmt durch Vorurteile und soziale Fesseln zu wachsen und zu wirken. Sie begannen fich zu sammeln, um mit vereinten Sträften zu kämpfen. Viele hervorragende Männer machten die Sache der Frauen zu der ihren. Noch wirkte die hinreißende Kraft der idealistischen Losungen, die der Unabhängigkeitskrieg gegen England unter das Volf getragen hatte, und die von der großen französischen Revolution in den Wettern und Flammen eines geschichtlichen Weltgerichts hundertfach verstärkt weitergegeben worden waren. Der Glaube an das Menschenrecht, das die Natur jedem einzelnen als unveräußer liche Gabe in die Wiege gelegt, begeisterte die edelsten Gemüter. Er schrieb seine Forderungen auf die Fahnen der Kämpfer gegen die Sklaverei und speiste ihre Bewegung mit den besten Säften aller Bürgertugenden, wie feft verankert auch immer die treibenden Kräfte in den veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zuständen der Vereinigten Staaten und der führenden europäischen Länder waren. " Die geistige, die politische Atmosphäre, die der Kampf gegen die Sklaverei schuf, war dem Streben nach der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts günstig. Wenn es von Tausenden und Tausenden als bitteres Unrecht empfunden, als„ Sünde" wider die Natur oder Gottes Gebot erklärt wurde, daß der Neger versflavt sein sollte, minderen Rechts als der Weiße", wie fonnte es dann gerechtfertigt werden, daß die weibliche Hälfte der Weißen selbst rechtlos und unterjocht blieb? Das war eine gefühlsmäßige Gedankenkette, deren einfache Logik vielen einleuchtete. Sie wirkte um so überzeugender, als Frauen von reichen Gaben des Geistes und Charakters von Anfang an mit größter Aufopferung für die Sklavereibefreiung eintraten. In dem nämlichen Jahre, wo Garrison die erste Antisflavereigesellschaft ins Leben rief, gründete Lucretia Mott die erste Antiftlabereigesellschaft für Frauen. Indessen: wie wir bereits früher erwähnten, setzte sich nicht einmal in der Antiftlabereibewegung die Mitwirkung der Frauen, die Anerkennung ihrer Gleichberechtigung kampflos durch. Es kam bei den Tagungen der sogenannten Abolitionisten( Anhänger der Abschaffung der Sklaverei) zu den stürmischsten Debatten darüber, ob Frauen als Delegierte zuzulassen seien, und ob ihnen das Wort erteilt werden dürfe. Der Kongreß zu New York, 1840, ging über dieser leidenschaftlich umstrittenen Frage in die Brüche, und der berühmte Welt- Antislavereifongreß zu London schloß ebenfalls 1840 die weiblichen Delegierten aus einigen amerikanischen Staaten in aller Form aus. Die in Fluß gekommene Bewegung der Geister für die Gleichberechtigung des Weibes konnte jedoch durch Widerstände nicht mehr zurückgestaut werden. Sie wurde von starken Quellen in der Wirtschaft der jungen Nation genährt. Wo die alte Farmerwirtschaft fortbestand, wo Kolonisten rodend und pflügend, der Natur ihre Schäße entreißend weiter nach Westen vordrangen, war der Kampf ums Dasein so schwer, daß der Mann ihn nur zu bestehen vermochte, wenn er an dem Weibe eine kraftvolle, leistungstüchtige Gefährtin besaß. Und das Weib war gerade in den unbeNr. 17 siedelten Landesstrecken nicht zahlreich vertreten, oft recht selten; der häusliche Herd, dessen Flamme es schürte und unterhielt, bedeutete wie in Urzeiten ein Stück höherer Kultur inmitten der Wildnis. Gesucht, begehrt, auf sich selbst gestellt, wegen ihrer persön lichen Werte und Leistungen geschätzt und durch sie ausschlaggebend für das Emporarbeiten der einzelnen Familie, kräftigte sich das Selbstbewußtsein der Frau, ihr Unabhängigkeitssinn, stieg aber auch die Achtung des Mannes vor ihr. In den kulturell weiter entwickelten sogenannten Neu- Englandstaaten des Ostens gewann die moderne Fabrikindustrie an Boden und engte das häusliche Arbeitsfeld der Frau stetig ein. Es wuchs die Zahl der Familien, die ihren Töchtern nicht mehr gesicherten Unterhalt bieten konnten; es wuchs die Bevölkerungsschicht, deren Reichtum die weiblichen Familienmitglieder der berzehrenden hausmütterlichen Betätigung enthob. Frauen waren gezwungen, außerhalb des Heims Beschäftigung zu suchen, wenn sie dem Hunger, der Not wehren wollten. Frauen mußten aber auch nach neuen Tätigkeitsgebieten verlangen, mußten danach trachten, dem Mann gleich und mit ihm zusammen in der Gesellschaft zu wirken, es sei denn, daß sie selbst auf ihre gesellschaftliche Existenzberechtigung verzichteten und sich mit der verächtlichen Rolle sozialer Drohnen begnügten. So fand der Ruf nach gleichem Recht für das weibliche Geschlecht im Osten wie im Westen verhältnismäßig bald ein vielstimmiges Echo. Auffassung und Gepflogenheiten mancher kirchlichen Setten waren nicht ohne Einfluß darauf. Die Bibelterte selbständig auslegend und im Kampfe mit Verfolgungen groß geworden, von dem die Frauen ihren vollen Anteil getragen hatten, war ihnen eine höhere Wertung des Weibes als Persönlichkeit eigen. Bei den Quäkern zum Beispiel durften auch die Frauen in der Gemeinde sprechen, wenn der Geist Gottes über sie fam". Bereits 1848 fonnte der denkwürdige erste Kongreß für die Gleichberechtigung des Weibes in Seneca Falls, Staat New York, tagen. Ihm folgte bald ein zweiter zu Rochester, in dem gleichen Staate und ein dritter zu Salem in Ohio. Diese drei Tagungen zu deren Möglichkeit und Erfolg Luch Stones Propaganda sehr viel beigetragen hatte waren sicherlich außerordentlich wertvoll, weil sie das Banner grundsätzlicher Rechtsforderungen aufrichteten, sie vereinigten jedoch unmittelbar zunächst nur die vorwärtsstrebenden Kräfte einiger Staaten. Der Anfang der Zusammenfassung aller Gleichgesinnten in der ganzen Union wurde 1850 auf dem ersten Nationalkongreß für Frauenrechte gemacht, der zu Worcester in Massachusetts tagte. Für Luch Stone bedeutete er ein Stück Lebenserfüllung. Ihr Name stand an der Spike der 189 Frauen und Männer, die den Kongreß einberiefen. Sie vertraten die Frauenbewegung von sechs Staaten, und unter ihnen befanden sich Persönlichkeiten von erlesener Charakter- und Geistesart, von denen viele in der AntiSklavereibewegung führend waren. Wir nennen Lucretia Mott, Elizabeth Cady Stanton, Pauline Wright Davis, die in Boston das erste Organ für Frauenstimmrecht gründete, Antoinette Brown, Wendell Phillips, William Lloyd Garrison, Ralph Waldo Emerson. Der Kongreß leitete die Ausdehnung der Frauenbewegung auf die ganzen Vereinigten Staaten ein und gab dem Kampf für Frauenrecht überall neue, kräftige Antriebe. Auch in bezug auf Inhalt und Charakter der Frauenbewegung bezeichnete er einen guten Fortschritt. Die Tagung zu Seneca Falls hatte die Forderung der politischen Gleichberechtigung der Geschlechter unter dem Protest eines Teils der Delegierten beschlossen. In Worcester stellte man das Frauenwahlrecht an die erste Stelle der zu heischenden Reformen. In den folgenden Jahren widmete sich Luch Stone mit unverminderter Begeisterung und Energie dem Kampfe für ihre überzeugung. Neben die Propaganda zur Erweckung der Geister und namentlich der Frauen selbst trat mehr und mehr die Arbeit zur organisatorischen Vereinigung aller Kräfte, die sich für das Recht des weiblichen Geschlechts einsetzen wollten. Nicht wenige der Frauenvereine, die für Städte oder ganze Staaten entstanden, wurden von Luch Stone gegründet oder auf ihre Anregung und mit ihrer Beihilfe ins Leben gerufen. Sie nahm hervorragenden Anteil an dem Nationalen Kongreß für Frauenrecht, der seit der Worcester Tagung alljährlich in verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten abgehalten wurde. Mit der größten Opferfreudigfeit sorgte sie dafür, daß die Verhandlungen eine weitreichende agitatorische Wirkung ausüben fonnten. Auf eigene Kosten gab sie in ( Forts. folgt.) Broschürenform die Kongreßprotokolle heraus. Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Poft Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag vor J. H. W. Dtet Nachf. 6.m.b.S. in Stuttgart.