Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 19 O O O O O O O O O O O O O O O O Beilage zur Gleichheit Inhaltsverzeichnis: Prometheus. Gedicht von Peter Hille. Mesopotamien. Von Gg. Engelbert Graf. Der Mütter Bittgang. Ein antikes Tendenzdrama für den Frieden.( Schluß.) Die Mutter als Erzieherin.- Feuilleton: Luch Stone.( Forts.) Prometheus. Entgegengeschmiedet Auf schroffem Fels Den Pfeilen der Sonne, Dem Hagelgeprassel, Tro' ich, Olympier, dir. Der wiederwachsenden Leber Juckende Fibern Hackt mir des Geiers Biß Aus klaffender Wunde. Ein Wimmern, glaubteft, Olympier, du, Ins hochaufhorchende Ohr dir tragen? nicht reut mich der Mensch, Der Leben und Feuer mir dankt, Nicht fleh' ich Entfeßlung von dir. Jahrhunderte will ich Felsentrozzig durchdauern, Jahrtausende, Wenn dir die Luft nicht schwindet, Wenn der Trotzende nicht Würden die rauschenden Winde 3u glücklich dir scheint. Peter Hille. 0 Mesopotamien. Von Gg. Engelbert Graf. Das Vorrücken russischer Truppen von Armenien aus nach Süden und von Mittelpersien gegen Westen in die östlichen Gebiete des türkischen Reiches, mehr noch die Kämpfe zwischen Türken und Engländern am Tigris und die Kapitulation des englischen Heeres unter General Townshend in Kut el Amara haben wohl manchen veranlaßt, seinen Atlas aufzuschlagen, um sich über die Lage dieses seit dem Fall von Kiautschou östlichsten Kriegsschauplatzes zu unterrichten. Eigentlich wäre das ja schon früher nötig gewesen. Denn die mesopotamische Frage. um die handelt es sich hier spielt schon längere Zeit, und Mesopotamien bezeichnet einen Bielpunkt der derzeitigen deutschen imperialistischen Politit. Eines der wichtigsten Biele sogar. Gerade im Laufe des letzten Jahrzehnts ist immer mehr die koloniale überlandpolitik zum Ausdruck gekommen, die in südöstlicher Richtung das Meer zu gewinnen und zwischen diesem und dem Reich eine wirtschaftliche Interessensphäre von Berlin bis Bagdad" zu schaffen sucht. Industrielle Unternehmungen, Eisenbahnbauten und-projekte, Börsenspekulationen und Propagandaartikel in der Presse der beteiligten Kreise zeigten schon längere Zeit, wohin der Kurs geht. Mesopotamien( das heißt: das Land zwischen den beiden Flüssen, im weiteren Sinne das Land im Bereich der beiden Ströme Euphrat und Tigris) ist kulturgeschichtlich für uns vielleicht das bedeutungsvollste Land. Ein gut Teil der Kulturerrungenschaften der vorgeschichtlichen und frühgeschichtlichen Zeit stammt daher, und die ältesten geschichtlichen Überlieferungen lassen sich hier um so viel Jahrtausende zurückverfolgen, wie im östlichsten Deutschland um Jahrhunderte. Schon die biblischen überlieferungen über die angeblich ersten Menschen und die Sintflutkatastrophe weisen auf Mesopotamien. Vor über sechs Jahrtausenden lebten hier die Sumerer; was der Spaten an Kulturresten dieses Volkes zutage fördert, weckt immer von neuem das Staunen und die Bewunderung der Forscher. Zwei Jahrtausende später treffen wir auf demselben Boden die Reiche Assyrien und Babylonien, Weltreiche ihrer Zeit, die bis zum Mittelländischen Meer sich erstreckten. Später war das Gebiet ein Teil des Alexander- und dann des Römerreiches. Vor etwa einem Jahrtausend wurde es dann durch seine Lage als wichtiges Handelsdurchgangs- und Produktionsland unter dem Herrschergeschlecht der Sassaniden mit ihrer Residenz Bagdad. zu neuer Blüte erwedt, bis es, etwa von der Zeit der Kreuzzüge ab, den Stürmen der Türkenwanderungen erlag. Da von nun ab der Weltverkehr andere Bahnen einschlug, verwahrloste es mehr und mehr und versant wieder in Unkultur. Eigentlich erst seit der Projektierung und Erbauung des Suezkanals hat sich die Aufmerksamkeit der europäischen Großmächte wieder auf den nahen Orient, auf Borderasien, gelenkt. Damit hat unter anderem auch Mesopotamien seine Bedeutung wieder erlangt als Durchgangsgebiet für den überlandverkehr von Europa nach Indien und Ost1916 afien, in zweiter Linie sodann als mögliches Produktionsgebiet wichtiger Rohstoffe. Mesopotamien zerfällt in geographischer und kultureller Hinsicht in zwei scharf voneinander zu sondernde Gebiete. Kommt man vom Westen, vom syrischen Gebirge, oder vom Norden, vom armenischen Hochland, so betritt man da, wo Euphrat und Tigris noch in großem Abstand voneinander fließen, zunächst das obere Mesopotamien. Es ist das ein Landstrich, der ungefähr zwischen dem 34. und 37. Grad südlicher Breite liegt, das Gebiet des alten Assyriens, heute mit der Landschaft El Dschesireh zusammenfallend. Wir befinden uns hier auf einer Art Hochebene, die durchschnittlich in einer Meereshöhe von 400 bis 500 Metern verläuft, und in die Euphrat und Tigris sowohl wie ihre Nebenflüsse ihr Bett in tiefen, meist recht engen Schluchten eingeschnitten haben. Im ganzen ist es heute eine weite Steppe; Weideland und Gerstenfelder wechseln mit Ödland ab. Eine oft mehrere Meter mächtige Erdkrume bedeckt den kalkigen Untergrund; nur hier und da finden sich Reste vorzeitlicher Lavaströme und Tuffsteinlagerungen. Das Klima ist gemäßigt, die Bewässerung, vor allem in der Nähe des Gebirgsrandes, ausreichend, aber lange nicht genügend ausgenutzt. Einen durchaus anderen Charakter trägt das südliche Mesopotamien, das Babylonien des Altertums, das Irak Arabi der Türken. Es hat sich auch im Vergleich zu den Verhältnissen des Altertums am meisten geändert. Schon rein geographisch. Heute vereinigen sich Euphrat und Tigris oberhalb Korna zum Schatt el Arab, der nach etwa 150 Kilometer langem Lauf unterhalb MoHammera in den Persischen Meerbusen mündet. Der Persische Meerbusen erstreckte sich aber selbst in historischer Zeit noch über die heutige Vereinigungsstelle der beiden Flüsse hinaus landeinwärts. Das untere Mesopotamien ist von Euphrat und Tigris aufgeschüttet worden, die auch heute noch mit ihren Schutt- und Geröllmassen das Mündungsdelta immer weiter nach Südosten vorschieben. Die chaldäische Stadt Suripat lag vor 4000 Jahren noch an der Küste, heute befinden sich ihre Ruinen 210 Kilometer von der Schatt- el- Arab- Mündung entfernt. Noch im siebten vorchristlichen Jahrhundert gab es keinen Schatt el Arab, und Euphrat und Tigris mündeten getrennt ins Meer. Das deutet auf ein jährliches Wachstum des Deltarandes ins Meer hinaus von durchschnittlich 500 Metern, das Wachstum beträgt aber bei der heutigen Wasserarmut der Flüsse gegenwärtig nur noch etwa 50 Meter. Der Boden dieses Gebietes von Bagdad an abwärts ist ein schwarzgrauer Aufschwemmungsboden, der außerordentlich fruchtbar ist, vorausgesetzt, daß er entsprechend bewässert wird. Daran aber Hapert es heute. Das untere Mesopotamien hat im Gegensatz zum oberen ein subtropisches Klima, das etwa mit dem des Niltals zu vergleichen ist; die Verdunstung und Austrocknung des Bodens ist daher außerordentlich stark. Im Altertum hatten sich Sumerer und Babylonier ein ausgedehntes Kanalne geschaffen, das dieser Ungunst abhalf. Vor allem wurden die Gewässer des Tigrisgebiets zur Bewässerung benutzt. Der heute noch bei Kut el Amara abzweigende, allerdings verwilderte Kanal Schatt el Hai war noch zur Zeit Alexanders des Großen einer der Hauptzuleitungskanäle, der sich etwa 170 Kilometer weiter abwärts mit dem Euphrat vereinigte und unter Harun al Raschid das Bett des unteren Tigris selbst war. Jedenfalls waren die Wasserbauten Mesopotamiens eines der Wunderwerke des Altertums. Ihre Bedeutung erhellt schon allein daraus, daß das Land zur Zeit der Sassaniden, also noch bor etwa einem Jahrtausend, gegen 25 Millionen Einwohner zählte, heute sind es nur noch anderthalb Millionen. Sdland und weite Flächen überziehende, unzugängliche Sümpfe, dazwischen vereinzelte Kulturoasen, das ist alles, was von der ehemaligen Blütezeit übriggeblieben ist. ( Schluß folgt.) OOO Der Mütter Bittgang. Ein antikes Tendenzdrama für den Frieden. ( Schluß.) Sehr lehrreich ist die Stellung des Dichters zur Frage der Verfassung. Athen war demokratische Republik, ursprünglich auf ständischer Grundlage. Mit der Entwicklung einer mehr kapitalistischen Wirtschaftsweise hatte sich die Verfassung immer mehr einer reinen Demokratie genähert. Nur durch den Fortfall aller ständi 74 Für unsere Mütter und Hausfrauen schen Schranken und Privilegien konnten sich die vorhandenen fapitalistischen Anfäße auswirken. Die Demokratie war im Intereffe der Emporkömmlinge und rücksichtslosen Geschäftemacher. Euripides ist zu sehr Volksmann, um ihre guten Seiten zu ignorieren, und zu sehr Freund einer stabilen, grundsäßlichen Bolitik, um nicht die Cliquenwirtschaft und Demagogie, in die die athenische Demokratie auszuarten drohte, von ganzem Herzen zu berdammen. Er ist nicht Aristokrat wie die spartafreundliche Richtung unter den großen Grundbefizern seiner Heimat, aber ihm schwebt als Jdeal einer Staatsverfassung so etwas wie eine demokratische Monarchie vor Augen, ein Ideal, für das auch heute noch mancher fozialgesinnte Bürgerliche schwärmt, und das überall da aufkommt, wo der proletarische Klassenkampf nicht dafür sorgt, daß die bürgerliche Demokratie aus einem Werkzeug fapitalistischer Geschäftemacherei in ein Mittel des Kulturfortschritts verwandelt wird. Um den Athenern seine Anschauung nahe zu bringen, läßt Euripides den thebanischen Herold in einem Wortgefecht mit Theseus die Vorzüge der absoluten Monarchie entwickeln. Gründe werden ins Feld geführt, die uns aus der politischen Arena von heute nicht ungewohnt im Ohre llingen. Eines Mannes Wille beherrscht den Staat, den ich vertrete, nicht die Pöbelmasse noch ein Volksbeschwätzer. Die Muse, nicht der Drang des Augenblics erzieht den Staatsmann, und dem armen Bauern, selbst wenn er fähig ist, läßt schon die Arbeit kaum Zeit, an das gemeine Wohl zu denken. Theseus verteidigt die Demokratie, die formale Gleichheit aller vor dem Gesetz und die Redefreiheit, wir würden heute sagen die Preß- und Versammlungsfreiheit. Er sagt: Das schlimmste für ein Bolt ist Einzelherrschaft. Da gilt vor allen Dingen kein Gesetz, das über allen stünde, sondern einer besitzt die Macht; sein Will' ist das Gesetz, Wo bleibt die Gleichheit da? Ganz anders, wo geschriebnes Recht gilt, arm und reich denselben Gesetzen unterliegen, der Geringe dem Großen obfiegt in gerechter Sache. Und jener Ruf der Freiheit:„ wer dem Staate mit gutem Rate dienen will, der rede". Da bringt das Reden Ehre, und das Schweigen ist jedem unbenommen: das ist Gleichheit. Der bürgerliche Demokrat, als der Theseus hier erscheint, sieht in der gewalttätigen Thrannei die größte Gefahr auch für den Bevölkerungszuwachs. Nur wo das Volk die Herrschaft führt, da freuen alle sich, wenn frischer Nachwuchs die Bürgerschaft vermehrt". Sicher gehörten die Ausführungen der beiden Streitenden zu den Argumenten, die jedem Athener aus dem Parteienstreit in seiner Vaterstadt geläufig waren. Wie fich Euripides wahrscheinlich die Lösung dachte, kann man mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit dem Gespräch des Theseus mit seiner Mutter entnehmen. Theseus ist bereit, die Thebaner, wenn es nicht anders geht, mit Waffengewalt zur Anerkennung des Völkerrechts zu zwingen. Aber das Volk soll den Feldzug beschließen. In diesem Zusammenhang entschlüpft ihm das Wort, das auch von einem fonftitutionellen Monarchen heute gesprochen sein könnte: Wenn ich es will, so werden fie's beschließen; allein die Bürger folgen williger, wenn sie mitreden dürfen. Thefeus also als das Ideal des guten, verfassungsmäßigen Fürsten, dem der Chor zuruft: Frevlern leihst du nie den Arm, du vertrittst die gute Sache. Daß Euripides sich mit Theseus indentifiziert, geht schon daraus hervor, daß er diese Hauptperson des Dramas durchweg als Idealbild zeichnet. Er ist der einzige, der im Siege nicht übermütig wird. Der Bote, der den Harrenden den Verlauf der Schlacht in einer bei den alten Tragikern so beliebten Botenrede schildert, bricht zuletzt in die begeisterten Worte aus: Ja, solchen Feldherrn soll ein Volt sich wählen, der in der Stunde der Entscheidung Mut bewährt und doch den übermut des Pöbels verachtet, welcher sich im Glück vermißt, die allerletzten Stufen zu erklimmen und so verscherzt, was er gewinnen konnte. Nr. 19 Ala fleinbürgerlicher Demokrat konnte sich Euripides, so sehr er in vielen Dingen über den Gefichtskreis seiner Zeitgenossen sich erhob, die Aufrechterhaltung des Friedens und des Völkerrechts gar nicht anders denken. Wir Sozialisten legen heute auf internationale Schiedsgerichte und Abrüstungsverträge der kapitalistischen Staaten unter sich keinen Wert. Wir haben gelernt, die Ursache der Kriege, ja selbst von sogenannten Völkerrechtsbrüchen, nicht im guten oder schlechten Willen, der„ Lücke" oder„ Barbarei" der Kriegführenden zu suchen, sondern in der anarchischen Wirtschaftsweise, die immer wieder au tatastrophalen Zusammenstößen der einzelnen Mächtegruppen führen muß. Es ist ein und dieselbe Heuchelei, ob kriegführende oder neutrale Staaten sich heute als Schützer der Kultur und Menschenrechte aufspielen. Die Kriege der kapitalistischen Staaten werden weder um die Kultur noch um die Menschenrechte geführt, sondern in der Hauptsache stets um die wirtschaftliche und politische Macht. Wir wissen daher auch, daß die schönsten Schiedsgerichte, Abrüstungs- und Völkerrechtsverträge teinen dauernden Wert haben können, wenn nicht in allen Ländern eine Macht vorhanden ist, die ihre Einhaltung verbürgt. Diese Macht kann nur das internationale, sozialistische Proletariat sein. Solange dieses die politische Macht nicht in Händen hat, wäre es eine Torheit, von den Kapitalisten zu erwarten, daß sie etwas tun, wozu ihnen alle Voraussetzungen fehlen. Man kann nicht über den eigenen Schatten springen. Es ist echt griechisch, wenn Euripides immer wieder in der Mäßigung, der„ Billigkeit" die wahre Staats- und Lebenskunst erblickt und stets vor dem„ Übermut" als der Wurzel alles Bösen warnt. Diese Begriffe spielen auch sonst in der griechischen Philosophie und Kunst eine große Rolle. Dazu eben hat Zeus den Menschen die Vernunft gegeben, daß sie im Unglück nicht topflos werden und im Glücke nicht hoffärtig.„ Törichte Menschen!" ruft in später Selbsterkenntnis der Argiverkönig aus," gütlich mögt ihr nicht nachgeben, und ihr tut's im Zwang der Lage." Und eure Staaten, die durch Unterhandlung den Streit begleichen könnten, tragen lieber durch Blutvergießen ihre Händel aus. Ist es nicht unvernünftig, wenn der Mensch in den alltäglichsten Dingen des Lebens nützlich und schädlich zu unterscheiden vermag, nur nicht in so großen Dingen wie Krieg und Frieden? Diesen Gebankengang legt Euripides dem thebanischen Herold in den Mund, ohne daran Anstoß zu nehmen, daß in diesem Munde eine Friedensmahnung sich nicht gerade folgerichtig ausnimmt. Der Herold meint: Denn wenn das Volk vor der Entscheidung steht, ob Frieden oder Krieg, da rechnet niemand mit seinem eignen Tode, sondern schiebt das über seinem Nächsten zu. Es sollte nur jeder bei der Abstimmung den Tod vor Augen haben, Hellas würde dann von kriegerischem Wahnwitz nicht zerrissen. Und dabei kennt doch jeder gut und böse und findet von zwei vorgelegten Dingen das beßre leicht heraus. Nur daß der Frieden dem Menschen besser als der Krieg bekommt, der Frieden, den die holden Musen lieben, die Höllengeister hassen, der am Wohlstand fich weidet, mit dem Flor der Kinder scherzt, das schlägt sich unsre Torheit aus dem Sinn, und Krieg beginnen wir und vergewalt'gen den schwächren Menschen und den schwächren Staat. Angesichts des Kriegsrausches der Völker sind das auch heute noch beherzigenswerte Worte. Verständigung! ruft Euripides den Staaten zu, und wenn er im Ideal eines weisen Regenten das Mittel sucht, um Frieden und Völkerrecht zu schützen, so doch nur deshalb, weil die Demokratie seiner Zeit nicht jene organisatorischen und kulturellen Machtmittel besaß, von denen wir wissen, daß sie die proletarische Republik der Zukunft befizen wird. Die soziale Demokratie, wie wir sie erstreben, bedarf nicht der monarchiſchen Spitze. In ihr wird die Mahnung des Argiverkönigs, dle er angefichts des Leichenzuges der gefallenen Helden ausstößt, ihre Erfüllung gefunden haben, jene Mahnung, die heute mehr denn je die Völker beherzigen sollten: O Menschentorheit, wozu schleift ihr Schwerter und schlagt euch blutige Wunden? Haltet inne. Fort mit dem Streit. Dann mögen eure Staaten nebeneinander friedlich sich behaupten! Das Leben beut so wenig: sollen wir durch Streit und Hader selbst es uns vergällen? Edwin Hoernle. Nr. 19 Für unsere Mütter und Hausfrauen Die Mutter als Erzieherin. Tapferkeit. Die Jugend hat eine natürliche Vorliebe für alles Starke, Mutige, Heldenhafte. Sie begeistert sich für Menschen, die der Gefahr furchtlos ins Auge sehen und sie mit Tatkraft überwinden. Das beweist die Auswahl ihrer Spiele, das beweisen vor allem ihre Lieblingsbücher; Heldensagen, Reisabenteuer, Kriegs Räuber- und Indianergeschichten erfreuen sich bekanntlich der größten Beliebtheit. Auch die jugendlichen Lebenspläne spiegeln diese Sinnesrichtung wieder: alle Berufe, die die Phantasie mit dem Schimmer des Heldenhaften umgibt, scheinen besonders erstrebenswert. Vom Seemann, Soldaten, Luftschiffer bis zum Lokomotivüberall ist es nicht das Einerlei führer und Autochauffeur täglicher Pflichterfüllung, sondern vielmehr die überwindung außergewöhnlicher Schwierigkeiten und Gefahren, was die jungen Menschenkinder zu diesen Berufen hinzieht. Die Jugend ist nach bekanntem Wort das Heldenzeitalter des Menschen, und es wäre traurig, wenn es anders wäre. Das graue Ginerlei eines ungeliebten Broterwerbs erstickt diesen Heldengeist ohnehin meist nur allzufrüh dann kommt bei den meisten die Zeit der Angst um die Existenz, die Zeit der Bedenken und der Rechnungsträgerei. Je mehr wir uns aber an dem aufs Heldenhafte gerichteten Sinn der Jugend freuen, um so weniger übersehen wir die Gefahr, daß dieser Sinn heute, unter dem Eindruck des Weltkriegs, völlig in das Fahrwasser des Militarismus und der Kriegsbegeisterung gerät. Scheint es doch heute aus hundert Jugendbüchern, Gedichten, Broschüren und Zeitungsartikeln, als ob nur auf dem Schlachtfeld Mut bewiesen werden könne, als ob es keine andere Tapferkeit gäbe, als mit dem Schwert in der Hand. Eine solche Auffassung darf nicht in den Seelen unserer Kinder festwurzelen; es wäre Verrat an unserem sozialistischen Jdeal, wenn wir das zuließen. Da ist vor allem wichtig, die Lektüre unserer Jugend zu überwachen. Krieg bis aufs Messer oder besser: bis auf die Feuerzange den Erzeugnissen betriebsamer Federfuchser, die jetzt schon Dußende bon Kriegsjugendbüchern auf den Markt geworfen haben! Geschichten, wo irgendein tollkühner Schiffsjunge oder ein sechzehnjähriger Kriegsfreiwilliger die abenteuerlichsten Heldentaten vollbringt, Spione entlarvt, den tödlichsten Gefahren entrinnt und schließlich mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse geschmückt wird. Fort mit solcher Schundliteratur, die sich leider bereits in die Schülerbibliothek mancher Schulen eingenistet hat! Wir schicken sie dem Herrn Bibliotheksleiter zurück mit einem kräftigen Brieflein. Statt Büchern der gekennzeichneten Art geben wir unseren Kindern griechische und deutsche Heldensagen in die Hand, Geschichten von kühnen Welt- und Forschungsreisenden, von Löwenund Bärenjagden, meinetwegen auch Coopers Lederstrumpfgeschichten und Gerstäders Abenteurerromane. Vor allem sollen sie von Freiheitshelden hören und lesen, von Winkelried und Tell, von Thomas Münzer und Florian Geyer, von den Revolutionskämpfen aller Zeiten. Daneben aber sollen wir unseren Kindern zeigen, daß es noch andere und bessere Gelegenheiten gibt, Mut und unerschrockenheit zu beweisen, als nur mit den Waffen in der Hand. Sie sollen erfahren von Nansen, Livingstone und Humboldt, von mutigen Lebensrettungen, von der opferfreudigen Tätigkeit der Hamburger Arbeiter bei Bekämpfung der Choleraepidemie im Jahre 1892 und ähnliches mehr. Es gibt aber noch eine andere Tapferkeit, als die gegenüber rein physischen Gefahren, eine Tapferkeit, schwieriger zu üben, weil sie täglich von uns verlangt wird, nicht nur an gewissen Höhepunkten unseres Lebens, und weil ihr selten Anerkennung zuteil wird. Das ist die Tapferkeit auf sittlichem Gebiet. Gar mancher Junge, der vor den tollkühnsten Streichen nicht zurückschredt, wird feige und erbärmlich, wenn er sich vor irgendeiner Autorität zu diesen Streichen bekennen soll:„ Ich war's, ich hab's getan!" Diese fittliche Tapferkeit, den Mut zur Wahrheit, sollen unsere Kinder achten und üben lernen. Und mit ihm den Mut zur eigenen Meinung, den Mut, anders zu sein, als die anderen. Die meisten Menschen sind Herdentiere: sie laufen mit der Masse, heulen mit den Wölfen, find wohl auch gelegentlich tapfer, ja tollkühn, wenn sie des Beifalls der Masse gewiß sind. Man treibt Sport und macht tollkühne Wetten weil die andern es tun, man raucht und trinkt weil die andern es tun. Nur nicht aus der Reihe tanzen, nur nicht anders sein als die anderen und so etwa ihr Gelächter herausfordern! Die Gefahr, ausgelacht zu werden, scheint vielen Menschen jungen wie alten unerträglicher als selbst die Lebensgefahr. Diesem Herdengeist zu widerstreben, nicht mit den Wölfen zu heulen, nur sich selbst und der eigenen Überzeugung 75 zu folgen, das erfordert Tapferkeit. Es gehört für manchen Jungen mehr Mut dazu, mit einem vielgeflicten Anzug oder einem alt= modischen Mantel zur Schule zu gehen, als den stärksten Gegner zum Zweikampf herauszufordern. Vor Jahren lernte ich einen Formerlehrling kennen, der eine schöne Probe moralischen Mutes abgelegt hat. Bei den Formern war es damals Sitte ich weiß nicht, ob heute noch, bei der Arbeit große Mengen von Alkohol zu genießen: die Arbeit in den heißen Gießereien macht durstig. So lernte auch unser Formerlehrling bald ganz tüchtige Quantitäten Bier und Schnaps zu vertilgen. Da ward ihm durch einen Freund flar gemacht, wie verhängnisvoll der Alkoholgenuß auf Gesundheit und Geisteskraft des Menschen wirkt, und er beschloß, teine geistigen Getränke mehr anzurühren. Von nun an nahm er sich Milch oder Kaffee mit zur Fabrik. Für seine Arbeitskollegen, auch die erwachsenen, wurde er daraufhin die Zielscheibe unaufhörlichen Spottes. Bald stellten sie ihm einen Eimer mit Kalkmilch, bald eine Säuglingsflasche auf seinen Arbeitsplatz. Aber der Junge ließ sich's nicht anfechten, sondern blieb fest. Ich weiß manchen tüchtigen Turner und Ringer, der ihm das nicht nachgetan hätte. An unsere Proletarierjugend tritt oft genug die Gelegenheit heran, solche Tapferkeit zu beweisen. Nicht nur den eigenen Genossen gegenüber, die Zigarettenrauchen und Biertrinken als Zeichen der Männlichkeit bewundern und den verlachen, der da nicht mithalten will, sondern auch gegenüber manchen Autoritäten in Schule und Leben, die unsere sozialistische Weltanschauung und unsere Organisationen verspotten, beschimpfen und verfolgen. Die Tapferkeit, zu der wir unsere Jugend erziehen wollen, besteht darin, für das FürRecht- Erkannte, für die eigene Überzeugung einzutreten, unbeirrt vom Spott der Menge, aber auch nicht zurückschreckend vor Gefahren für Gut und Leben. K. D. Feuilleton Lucy Stone. Eine nordamerikanische Bahnbrecherin der Frauenbewegung. ( Fortsetzung.) Die Umstände, unter denen Henry Blackwell Luch Stone nähertrat, find charakteristisch für beide. 1853 waren den gesetzgebenden Körperschaften des Staates Massachusetts für die Einführung des Frauenwahlrechts nicht weniger als zwölf Petitionen mit über 2000 Unterschriften eingereicht worden. Vor einem Ausschuß des Barlaments sollten diese Petitionen begründet und diskutiert werden. Die Frauensache wurde durch Männer und Frauen von großem Ruf vertreten. Henry Blackwell, ein junger, angesehener Kaufmann aus Cincinnati, sah und hörte bei dieser Gelegenheit zum erstenmal Luch Stone. Es schmückte sie nicht mehr der blumenhafte besondere Reiz weiblicher Jugendblüte, den die Franzosen mit seiner Psychologie„ des Teufels Schönheit" nennen; jener Reiz, der in sich selbst die Rechtfertigung seiner feguellen Macht über Männerherzen trägt. Jedoch Luch Stones ganze Persönlichkeit war von jenem Zauber umweht, der der Abglanz einer großen, reinen Scele ist, die im Ringen um die höchsten Menschheitsgüter sich täglich in den Flammen grenzenloser Hingabe verzehrt, und die täglich in Begeisterung und Kraft wieder neugeboren ersteht, dem sagenhaften Vogel Phönig gleich. Wer in den Bann dieser Persönlichkeit geriet, der vergaß die Frage nach dem Geburtsschein, er empfand nur die tiefe, lautere Herzensgüte, die urwüchsige Geistesstärke, die märtyrer- und heldenhafte Überzeugungstreue eines seltenen Menschen. Wie ein Blizz zündete die Empfindung in Henry Blackwells Seele: die Frau da vor ihm, die mit unvergleichlichem Talent und leidenschaftlichem Eifer Bürgerrecht als Menschenrecht der Frauen forderte, sie war die Verkörperung des von ihm erträumten Ideals edler Weiblichkeit. Er gelobte sich, Luch Stone müsse die Seine werden. In der erregten geistigen und politischen Atmosphäre der Zeit fnüpften sich zwischen den beiden Gleichstrebenden rasch Bande einer ungezwungenen Kameradschaftlichkeit, die zur herzlichen Freundschaft wurde. Henry Blackwells heiße Liebe wuchs und befestigte sich in ihr, und es kam der Tag, wo Luch Stone sich eingestehen mußte, daß das Weib in ihr laut, stürmisch die Vereinigung mit dem begehrenden, werbenden Manne forderte. Allein von dieser Erkenntnis bis zur Erfüllung war ein großer Schritt, der nicht ohne schwere innere Kämpfe getan wurde. Wohl war sich Luch Stone bewußt, daß ihr Herz sich für keinen Würdige= ren als Henry entscheiden konnte, wohl empfand sie beglückend die Wahlverwandtschaft, die sie mit unwiderstehlicher Macht zu diesem 76 Für unsere Mütter und Hausfrauen Manne zog, und die eine harmonische, reiche Lebensgemeinschaft zu verbürgen schien, und dennoch währte es fast zwei Jahre, bis der Liebestraum volle Wirklichkeit ward. Luch Stone war ehrlich entschlossen gewesen, sich nie zu verhei= raten. Sie hatte Klarheit darüber gewonnen, daß sie sich ohne Schachern und Feilschen um persönliches Glück in den Kampf für die Erhebung ihres Geschlechts einsehen müsse. Ihre Auffassung von der Pflicht als Vorkämpferin einer neuen Zeit und der Pflicht als Gattin und Mutter war eine so hohe, daß sie es für unmöglich hielt, beide Lebenstreise miteinander zu vereinigen, und sie gehörte nicht zu jenen, die leichten Herzens sich damit begnügen, zweierlei nur halb zu tun. Henry Blackwell gelobte Luch, daß durch die Liebe und Ehe die Frauensache nicht leiden, sondern gewinnen solle. Er selbst wolle sich ihr ganz widmen. Das Glück ihres Herzensbundes werde eine Quelle stärkster Kraft für gemeinsames Wirfen im Dienste des einen großen Ideals sein. Und Henry Blackwell war nicht der Mann, der in taumelnder Liebesglut voreilige Worte in den Wind rief. Luch Stone hatte reichste Gelegenheit, zu erfahren, daß unbeugsamer Wille hinter seinem Wort stand. Aber auch aus dem Weibsein der Kämpferin krochen Bedenken und Zweifel gegen die Bindung an das heiße, glückverlangende Herz. Ein überragender Zug ihres Wesens war die große Treue, eine Treue, die standhält bis zur Selbstvernichtung. Luch empfand und wertete die Lebensgemeinschaft mit einem Manne als ein Treuverhältnis, das ihren religiösen Anschauungen entsprechend Tod und Grab überdauern sollte. Treue um Treue war für sie eine innere Lebensnotwendigkeit. Die Studentin und Agitatorin war durch die Schule der Erfahrung gegangen. Sie hatte das herbe Schicksal mehr als einer Freundin miterlebt, die weder der Wert ihrer Persönlichkeit noch die Kraft ihrer Liebe vor dem Wechsel der Gefühle des geliebten Mannes bewahrt hatte, Die junge Frauenbe wegung zog nicht bloß die Edelsten des Geschlechts an, sondern auch Schmierenkomödiantinnen des Jdealismus, die sich das Interesse für große Biele auflegten, wie die Dirnen Schminke, und das zu dem gleichen Zwecke, wie Olive Schreiner sich ausdrückte. Reiche Tagediebinnen, für die sich des Lebens Inhalt in dem Liebesspiel mit einem Manne von Ruf erschöpfte, und denen die skrupellose Zertrümmerung einer Ehe der einzige Nachweis persönlicher Bedeutung dünkte. Luch hatte beobachtet, daß ernste, glänzende Mannesnaturen geschmeichelt dem Werben solcher Frauen erlagen, weil ein aus Müßiggang und Gold geborener Dilettantismus sie blendete und den persönlichen Unwert vulgärer Männerjägerinnen verhüllte. Das Spiel endete nicht immer als burleske Komödie, bei der jedes lachend auf seine Rechnung kommt; oft genug stand am Abschluß die gebrochene erste Frau" und ein in Lüge und Schmuß verstrickter Mann, dessen Kraft ein Weib aufzehrte, das auch geistig nur eine parasitäre Eristenz zu führen vermochte. Luch Stones Gefühl für Henry Blackwell war stark wie jene Liebe, von der das Evangelium sagt: fie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles. Ja, diese Liebe war bereit, alles zu dulden, soweit es sich um Luch selbst handelte. Aber sie war zu groß, zu rein, als daß sie nicht vor dem Gedanken gezittert hätte, der Geliebte könnte einst leiden, in Schuld und Fehle versponnen werden. Andere Gedankenreihen waren noch bestimmend dafür, daß Luch Stone ihrem Henry und sich selbst eine lange Prüfungszeit auferlegte. Das Gesetz gab damals auch in den Vereinigten Staaten die verheiratete Frau vollständig in die Hand des Gatten, machte sie zu dessen Eigentum. Durfte, konnte eine überzeugte Verfechterin der Gleichberechtigung des Weibes sich solchem Gesetz unterwerfen, ohne sich und ihrer überzeugung etwas zu vergeben? Der Gedanke an eine freie Ehe scheint Luch soweit wir wissen Etone ferngelegen zu sein, obgleich die freie Ehe in der Zeit und schon früher glänzende Befürwortung gefunden hatte, die der Kämpferin für das Recht des Weibes als Persönlichkeit sicherlich bekannt war. Am 1. Mai 1855 wurde das Paar in Buchs Heimat getraut. Mehr als einmal hatten Gegner der Frauenbewegung im Scherz oder Ernst den Wunsch ausgesprochen,„ bräutliche Küsse" möchten den beredten Mund" der erfolgreichen Agitatorin schließen. Die Heirat erregte Aufsehen, und das junge Baar hielt es für seine Pflicht, durch eine grundsätzliche Erklärung die persönliche Angelegenheit der Sache des Frauenrechts nubbar zu machen. Bei der Trauung wurde ein gemeinsamer Protest gegen die Ungerechtigkeiten der damaligen Ehegesetzgebung berlesen und unterzeichnet; durch Zeitungen und Flugblätter fand er die weiteste Verbreitung, übte eine starke aufrüttelnde und überzeugende Wirkung aus und trug unstreitig zur Reform der Ehegefeße in den Vereinigten Staaten bei. Der Geistliche, der die kirchliche Zeremonie vollzogen hatte er tämpfte später als Oberst im Bürgerkrieg gegen die Südstaaten Nr. 19 schickte selbst diesen Protest einem Worcester Blatt mit einem Begleitbrief zu, in dem der Eindruck des Erlebnisses nachhallt. „ Es wurde mir das Vorrecht zuteil," so schrieb der Geistliche, ,, am 1. Mai eine Trauung in einem Farmerhause im Hügelland von West Brookfield zu vollziehen. Der Bräutigam war ein Mann von erprobtem Wert, ein Führer der Antisflavereibewegung in den Weststaaten. Der glänzende Name der Braut ist der ganzen Nation bekannt, sie ist eine Persönlichkeit, deren seltene geistigen Fähig keiten durch die stille Schönheit ihres Herzens und Lebens übertroffen werden. Ich amtiere nie bei einer Trauung, ohne daß mir immer wieder aufs neue die Ungerechtigkeit unserer gegenwärtigen Ehegesetze zum Bewußtsein kommt. Die Grundauffassung dieser Gesetze ist ,, daß Mann und Weib nur eins sind, und daß das Eine der Mann allein ist. Deshalb geschah es mit meiner herzlichen Zustimmung, daß bei der Trauung und als ein Teil der Zeremonie der nachfolgende Protest verlesen und unterzeichnet wurde. Ich sende ihn Ihnen zu, damit er andere beeinflussen möge, in der gleichen Weise zu handeln." Der Protest selbst, ein interessantes Dokument aus der Ge schichte der Frauenbewegung, lautete also: Während wir unsere innere Zusammengehörigkeit und Wahlverwandtschaft anerkennen, indem wir in dem Verhältnis als Ehegatten vor die Öffentlichkeit treten, halten wir es für eine Pflicht gegen uns selbst und ein großes Prinzip folgendes zu erklären: Unsere persönliche Handlung bedeutet keine Anerkennung der heutigen Ehegesetze, bedeutet kein Gelöbnis freiwilliger Unterwerfung unter irgend eines der heutigen Ehegesetze, die es ablehnen, das Weib als ein selbständiges, vernünftiges Wesen anzuerkennen, die dagegen dem Ehegatten eine schädliche und unnatürliche überlegenheit beilegen, indem sie ihm gesetzliche Rechte verleihen, die kein ehrenwerter Mann ausüben würde, und die kein Mann besitzen dürfte. Wir protestieren im besonderen gegen die Gesetze, die dem Mann übertragen: 1. Die Gewalt über die Person der Ehegattin. 2. Das ausschließliche elterliche Erziehungsrecht über die Kinder. 3. Den alleinigen Besitz und das alleinige Verfügungsrecht über das persönliche Eigentum der Frau, es sei denn, daß das Eigentum ihr vor der Eheschließung durch besondere Verträge gesichert oder daß es für sie Vormündern übergeben wurde, wie dieses bei Unmündigen, Schwachsinnigen und Wahnsinnigen geschieht. 4. Den uneinge schränkten Anspruch auf den Ertrag ihrer Arbeit. 5. Ebenso protestieren wir gegen die Gesetze, die dem Witwer einen so viel größeren und dauernderen Anspruch auf das Eigentum der verstorbenen Gattin geben als sie ihn der Witwe im Todesfall des Gatten zuerkennen. 6. Wir protestieren schließlich gegen das ganze Rechtssystem, demzufolge die gefeßliche Eristenz der Frau währen der Ehe aufgehoben ist, so daß der Ehefrau in den meisten Staaten nicht das gesetzliche Recht zusteht, über die Wahl des Wohnorts mitzubestimmen, ein Testament zu machen, im eigenen Namen zu prozessieren oder prozessiert zu werden und Eigentum zu erben. Wir glauben, daß die persönliche Unabhängigkeit und die gleichen menschlichen Rechte niemals entzogen werden können, ausgenommen als Strafe für Verbrechen; daß die Ehe eine gleichberech tigende und dauernde Gemeinschaft sein soll und als solche vom Gesetz anzuerkennen ist; daß, bis die Ehe so von dem Gesetz anerkannt wird, die Ehegatten jedes in ihrer Macht befind liche Mittel anwenden müssen, um sich gegen die grundlegende Ungerechtigkeit der heutigen Gesetze zu schützen. Wir glauben, daß unter den geltenden Gesetzen im Falle von ehelichen Zwistigkeiten die Gerichte nicht angerufen werden sollen, sondern daß alle Schwierigkeiten behufs gerechter Entscheidung Schiedsrichtern vorzulegen sind, die von den Gatten selbst gewählt werden. So, während wir das Gesetz ehren, protestieren wir gegen Vorschriften und Gebräuche, die des Namens unwürdig sind, weil sie der Gerechtigfeit Gewalt antun, die das Wesen des Gesetzes sein soll." Der Protest war unterzeichnet Henry B. Blackwell, Luch Stone. Daß die Frau bei der Verheiratung den Namen des Mannes annimmt, dünkte der Kämpferin ein Symbol des Verlustes ihrer Persönlichkeit vor dem Gesez. Nachdem ihr berühmte Juristen versichert hatten, daß es sich dabei nur um einen Gebrauch, nicht um einen gesetzlichen Zwang handle, beschloß sie mit der vollen Billigung ihres Gatten, ihren Mädchennamen weiterzuführen. Sie war und blieb Luch Stone während der fast vierzig Jahre ihrer harmonischen, glücklichen Ehe. Offizielle Schriftstücke unterzeichnete fie Luch Stone, Gattin von Henry B. Blackwell.( Forts. folgt.) Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bei Stuttgart. Druck und Berlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.8. tn Stuttgart.