Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 22 。。。。。。。。 Beilage zur Gleichheit Inhaltsverzeichnis: Der schlafende Riese. Gedicht von Sallet. Sommerhitze und Sorgenkinder. Von Schwester Lydia Ruehland. ( Schluß.) Weltkrieg und Arbeiterdichter.( Schluß.) Eine Mutter von der„ unangenehmen Gilde". Von M. Die Mutter als Familienoberhaupt im bürgerlichen Recht. Von F. Kl. Feuilleton: Auf Urlaub in Paris. Von Gustav Hellström. Der schlafende Riese. Mir ist ein Riese wohlbewußt, der liegt und schläft gar feste. Drum wimmeln ihm auf Kopf und Brust zwerghafte, tecke Gäste. Sie trippeln steif und wunderlich mit komischem Stolzieren, Sie machen Komplimente sich, respektvoll, mit Hantieren. Sie nehmen im geschloßnen Mund ratschlagend ihre Sitze And drehn im Püppchenball sich rund auf seiner Nasenspitze. Auf seinem Magen schmausen sie, wettrennen auf dem Bauche, Kurzum, als Herren hausen sie nach hergebrachtem Brauche. Drum bilden sie sich ein zuletzt, es sei ihm Pflicht, zu schlafen, Und woll'n ihn, wenn er die verlegt, mit Nadelstichen strafen. Drum bilden sie sich ein sogar, daß, ihnen ganz verliehen, Er da nur sei für ihrer Schar Respektzeremonien. Gott schuf den großen Riesen bloß und hieß ihn liegen bleiben, Auf daß die Wichtlein so furios auf ihm ihr Wesen treiben. Doch schlief er nur nicht gar so schwer, ja stöhnt er nur im Träumen Sinunter purzelte das Seer mit lächerlichem Bäumen. Ihn an der Nase title ich, er hat noch nicht geschnoben. O Riese, Riese, rüttle dich! Dann ist das Pack zerstoben. Wach auf, daß du den Unfug weißt! Leicht kannst du ihn verjagen. Ich weiß auch, wie der Riese heißt; doch darf ich es nicht sagen. O O O Sommerhitze und Sorgenkinder. Von Schwester Lydia Ruebland. Sallet. ( Schluß.) Der an Verdauungsstörungen leidende Säugling zeigt ferner durch seine Mundschleimhaut an, wenn etwas bei ihm nicht in Ordnung ist. Wie der erwachsene Mensch eine belegte Zunge hat, wenn seine Magentätigkeit gestört ist, so zeigen sich auch beim Säugling, wenn er falsch ernährt ist, im Munde kleine weiße Pünktchen, eines am andern. Die Mütter kennen die Erscheinung unter dem Namen Schwämmchen oder Soor. Auch bei unsauber gehaltenem Gummihütchen stellen sie sich beim Kinde ein oder wenn ihm das Mündchen noch ausgewaschen wird, wie man dies früher getan hat. Ältere Pflegefrauen oder Mütter können sich nur schwer an die moderne Säuglingspflege gewöhnen, die das Mundauswaschen nicht mehr kennt, und so stößt man immer und wieder auf jene altväterische Unfitte. Auch die Schwämmchen dürfen nicht fortgewischt werden. Bei leichten Ernährungsstörungen verschwinden sie von selbst, sobald der Zustand sich bessert, und in schweren Fällen läßt man das Kind an einem kleinen, vorher ausgekochten, dann in Borlösung ge= tauchten Läppchen saugen, was die Mutter ihm ins Mündchen hält und dann sofort verbrennt. Nicht erst auf den Tisch legen oder auf den Fußboden werfen! Je jünger ein Säugling in die heiße Jahreszeit einrückt, je dicker sein Fettpolster ist, um so stärker wird er durch die Einwirtung der Sommerhitze gefährdet. Da geht es ihm wie den wohlbeleibten Erwachsenen, sie leiden bekanntlich viel stärker unter der Hite als die schlanken oder die unterernährten. Die Erwachsenen aber helfen sich, sie entledigen sich der lästigen Kleidungsstücke, suchen den Schatten auf und trinken gegen den quälenden Durst. Was aber fängt der arme angekleidete, festgebündelte Säugling an? Wie kann er sich wehren oder schüßen gegen die hohe Temperatur? Mütter haben oft sonderbare Begriffe, wie man das Baby schützt" gegen die Hize. Sie decken es zu bis an die Nasenspitze, stellen den Wagen in die Zimmerecke und schließen die Läden so, nun kann die Hiße nicht ran ans Kind -, die Hize aber, die bereits im Zimmer aufgespeichert war, führt zu hitschlagähnlichen Erscheinungen, um so mehr, als der wohlverpackte Säugling feine Gelegenheit hat, Wärme an die ihn umgebende schwül- heiße Luft abzugeben. Ähnlich geht es oft den Soldaten auf dem Marsche, sie können teils wegen ihrer dicken Monturen, teils O O O O O O O O 1916 der geschlossenen Kolonnen halber keine Wärme abgeben, sie werden vom Hitzschlag getroffen. Fehlt also dem erwachsenen Menschen oft die Kraft, gegen die Hiße wirksam anzufämpfen, so soll man sich nicht wundern, wen so und so viele Säuglinge alljährlich zur Sommerzeit dem Hitzschlag zum Opfer fallen. Darum sollen die Kleinen nur mit Hemd und Jäckchen be= kleidet soviel als möglich an die Luft gebracht werden. Nicht ge= tragen sollen sie werden! Vom heißen, schwißenden Körper erwachsener Menschen geht keine wohltätige Wirkung aus. Im Gegenteil! Und wer hat auch immer Zeit zum Herumtragen? Der Wagen oder der Korb soll an einem schattigen Ort im Freien stehen, der engste Hof ist immer noch besser als ein dumpfes Zimmer, das auch nachts sich nicht abkühlen kann. In den Häuserblocks der Großstädte mit ihren Gruppen von Höfen und den Straßen, die kaum durchlüftet werden, leiden die Säuglinge weit stärker unter dem Mangel an frischer Luft als die größeren Kinder. Aber auch die Dachwohnungen, die Wohnungen im Oberstock können unerträglich werden für das Kind, wenn sie nicht fleißig durchlüftet und öfter am Tage feucht aufgewischt werden. Und gar die unvernünftig gebauten Wohnungen, deren Fenster alle nur auf einer Seite liegen, während die Hinterwand vermauert ist. In ihnen lagert, auch bei guter Wohnungspflege, ständig eine Treibhausluft in der heißen Jahreszeit. Sie sollten nach Möglichkeit unberücksichtigt bleiben bei der Wahl einer Wohnung. Unsere Wohnungspflege liegt ja leider noch im argen. Vereinzelte Ansätze zum Besseren hier und da ändern am Gesamtzustand wenig. Man will den Besitzern der Mietkasernen nicht zu nahe treten, und die große Mehrzahl der Eltern muß heute ja leider noch mehr auf die Billigkeit als auf die Bekömmlichkeit der Wohnung sehen. Gute Erfolge in der Säuglingsfürsorge sind aber nur möglich, wenn eine energische staatliche Wohnungsreform damit Hand in Hand geht. Einstweilen muß unter den bestehenden Verhältnissen getan werden, was möglich ist. Es nützt nichts, wenn man die Kinder gewaschen und schön angezogen in der Beratungsstunde sieht- meist erscheinen sie im Galaanzug, die kleinen Babys, besonders in den Großstädten, wo Mutter aus jedem Kind ein Äffchen machen möchte.- Die Wohnungen muß man sehen. Die Fürsorgerin muß den Müttern, auch den größeren Geschwistern, die ja meist Mutterstelle vertreten, während Mutter front, zeigen können, wie dies und jenes gehandhabt werden muß auch bei den engsten Verhältnissen, bei kleinsten Mitteln. Wir sind ja leider noch weit entfernt von Idealzuständen in bezug auf Arbeiterwohnungen, aber auch noch keine Wohnungsbauabteilung zeigte bis jetzt Neigung, beim Häuserbau, beim Entwerfen von Grundrissen auch Frauen zuzuziehen. Nur Miete darf die Mutter zahlen, aber nicht mitbestimmen, wo der Zimmermann das Loch lassen soll für den Ofen, für den Kühlschrank unterm Küchenfenster, für Spül- und Ablaufstein unter der Wasserleitung, für einen luftigen Schlafraum und ein Hausdach, auf dem man nach heißen Tagen siken und ruhen kann. Wie gut würde das alles der abgehetzten Frau und Mutter und Fronarbeiterin tun. Aber auch den Kindern, der ganzen Familie, nicht zuletzt dem jüngsten Sprößling würde eine zweckmäßige, hygienisch durchdachte Wohnung zugute kommen. Heute wird für die minderwertigste Wohnung noch viel zu viel Miete gezahlt. Jede halbwegs bessere Wohnung wird auf und nach Wunsch des Mieters beim Beziehen neu vorgerichtet, mindestens teilweise. Die Arbeiterfamilie muß borlieb nehmen mit abgetretenen Fußböden, be= schmutzten Tapeten, schlecht brennenden Sfen, mangelhaft schließenden Fenstern und Türen, sie wagt kaum einen Wunsch zu äußern, trotz der reichlich hohen Miete, die gefordert wird, zumal, wenn der Mieter so kühn ist, Kinder sein eigen zu nennen. Solange finderreiche Familien auf schlechte, unhygienische Wohnungen angewiesen sind, wird sich neben den Ernährungsstörungen infolge der Flaschennahrung auch dieses übel an den Kindern rächen, besonders natürlich an den am wenigsten widerstandsfähig= sten, an den Säuglingen, an den Knospen am Lebensbaume der Nation. Mit frommen Wünschen kommen wir nicht voran. Wir Frauen wollen uns täglich daran erinnern, daß das Schicksal aller Kulturbestrebungen, mögen sie heißen wie sie wollen, von einer Änderung der jetzigen politischen Rechte abhängt. Von dem Tage an, wo die Frau, vor allem die Proletarierin, sei es als Hausfrau, als Mutter oder als Berufsarbeiterin, ihre Interessen als 86 Für unsere Mütter und Hausfrauen selbständige Wählerin, als mittatende und mitberatende Vollbürgerin wahrnehmen kann, wird sie sich würdige Zustände schaffen für ihre Arbeits- und Lebensbedingungen und ein Mutterland für ihre Kinder. Die heutige Gesellschaft bietet ihr Steine statt Brot, sie düngt die Felder mit dem Blute ihrer Söhne und treibt Raubbau mit der Kraft ihrer Töchter. Zu diesem Ziele wäre feine Säuglingsfürsorge vonnöten. Das Ziel der Proletariermutter ist von anderer Art: gesunde, tüchtige Kämpfer für unser Freiheitsheer sollen sich aus der Frucht ihres Schoßes entwickeln, Kämpfer für unser Menschheitsideal: den Sozialismus! Weltkrieg und Arbeiterdichter. ( Schluß.) Oskar Wöhrles starke, volkstümliche Begabung, seine Lust an Sang und Musif, an flarer, einfacher Gestaltung elementarer Gemütsbewegungen, wobei ein Unterton grübelnder Schwermut nicht fehlen darf, sein urwüchsiges Sprachtalent, sein unruhiges Vagantenblut legen ihm die Pflege des„ Volkstons" sehr nahe. Und er hat auch bleibend Schönes darin geschaffen, wie uns der„ Baldamus" und „ Die frühen Lieder" beweisen. Aber die Gefahr der Manier taucht jetzt auf. Was bei dem jung- leichtsinnigen Handwerksburschen und afrikanischen Fremdenlegionär noch genial- findliche Urwüchsigkeit war, flingt beim Landwehrmann im Flammensturm des Weltkriegs nicht mehr so echt.* Wer Gedichte wie„ Gelöbnis" und„ Der kommende Tag" geschrieben hat, von dem erwartet die Arbeiterklasse in dem kritischsten Augenblick ihres Daseins mehr. als einen Dreiflang von Sterben, Trinken, Lieben. Adel berpflichtet, Genosse Wöhrle! Und so lustig und so leicht nehmen die meisten Landwehrmänner das Scheiden und Meiden, das Sterben und Verderben denn doch nicht. Sehr viele und nicht die Schlech= testen kennen etwas Besseres als den Trost: Laß weinen, laß greinen, Laß bitten, laß flehn! Der Friede wird scheinen, Der Krieg wird vergehn. Wöhrle selber ist's gar nicht immer so leicht ums Herz. Das beweisen die schönen, dem schweren Ernst des Krieges angepaẞten Gedichte„ Nach einem Begräbnis"," Im Lazarett"," Der Traum", ,, überschlag"," Bei der Nacht". Manches andere es mag nicht so gemeint sein kommt in der Wirkung einer Verherrlichung des Krieges gleich, könnte in der" Jungdeutschlandpost" stehen. Imperialismus von reinstem Wasser atmen folgende Zeilen: Laßt männerhoch die Fahnen wehn, Laßt euer Blut darüber gehn! Aus diesem Feu'r wird neu erstehn Deutschland! Deutschland, das nie und nie verdirbt, Deutschland, für das jetzt jauchzend stirbt Deutschland, das Ewigkeit erwirbt, Deutschland! Wahrlich, es ist ein weiter Weg vom internationalen Sozialismus bis zu diesem Jugendwehrpatriotismus. Dieser rasche Wandel ist die Kehrseite der„ Ursprünglichkeit". Der im Frieden eifrige Jugendgenosse und jetzige Musketier Max Barthel tritt an die Öffentlichkeit mit einem Bande „ Verse aus den Argonnen".** Barthel ist auch als Musketier Sozialist geblieben, Sozialist der Sehnsucht, Weltbürger des Herzens, Bekenner einer völkervereinenden, völkerbeglückenden Zufunft. In seinen Versen lebt der Jdealismus, wie ihn unsere Freie Jugend aus den Werken der großen bürgerlichen Klassiker schöpfte, lebt der starke Zukunftsglaube, wie ihn unsere Burschen und Mädchen selber unter sich aufbauten. Freilich der Sozialismus ist auch ihm heute mehr ein schönes Traumland als ein zu erkämpfendes Neuland. Neben den Sozialisten tritt stärker als je der Glück und Leben heischende junge Mann, in dem das Wünschen und Wollen, das Zagen und Wagen, die Begeisterung und das Elend der Verlassenheit sich unruhig mengen. Verbrüdert und verlassen Dem Urgrund tief verwandt, Von Lieben und von Hassen Beseligt und verbrannt, So such ich meine Ziele Und kenn mich selber kaum! Die Stirn umschmiegt die Kühle Von einem schönen Traum. * Als ein Soldat in Reih' und Glied. Gedichte von Dstar Wöhrle. Verlag von Fleischel& Co., Berlin. ** May Barthel, Verse aus den Argonnen. Eug. Diederichs Verlag, Jena. Broschiert 1 Mt. Nr. 22 Nach Frieden, nach Schönheit, nach dem Glück aufbauender Arbeit, nach edler Menschlichkeit, wie sie aus Goethes Werken strahlt, nach Freundschaft und Liebe ruft hier eine junge Proletarierseele, die sich mit starkem Grauen von der Zerstörung, von dem Haß und der Roheit des Krieges abwendet. Dieser Krieg hat die Inbrunst seiner Erlösungssehnsucht nur noch verstärkt, hat seine Freude und innige Teilnahme an allem Lebendig- Wachsenden zu religiöser Hingabe gesteigert. Odu Wald, zerknickt, zerschossen, Jm Granatensturm zerborsten! Auswärts neue Wipfel sprossen, Drin die freien Winde Horsten! Aufwärts sollt ihr, meine Träume, In den neuen Tag euch heben, Denn ihr sollt wie junge Bäume Knospen, blühen, brausen, leben! Sich nicht unterkriegen lassen, nicht von der Sehnsucht nach der Geliebten und nicht vom Grauen des tausendfältigen Todes, das ist die„ neue Weisheit", zu der sich hier ein tüchtiger Mensch durchringt. Sie bringt die wundersame Zeit, Wo keine Schlacht mehr tobt und schreit Und Millionen Leiber zwingt Wo Liebe alle Welt umschlingt. Immer wieder begegnet uns in Barthels Gedichten dieser starke Glaube ans Leben, dieses Aufsaugen aller Lebenskräfte, ob sie ihm nun in der Farbenpracht und dem Dufte des französischen Frühlings, im Zuge der Wildgänse hoch über seinem Haupte, o5 sie ihm in Gestalt eines einsam harrenden Pfluges, als festgegründeter Brückenbogen oder in der lieblichen Traumgestalt der fernen Geliebten entgegentreten. Und dieses Leben, an das er sich flammert, ist ein sich höher Entwickeln, ist trok Granatensturm, Schreck und Todesröcheln ein Sieg des unsterblichen Faustgedankens. Es ist typisch für den jungen sozialdemokratischen Jdealisten, daß er im finsteren Versteck des Unterstandes, während rings die Granaten wie Riesenkeulen einschlagen, die Kameraden wie Tiere schreien, daß er in diesen schrecklichen Augenblicken ein abgegriffenes Bändchen Goethescher Gedichte aus dem Tornister reißt und die kleinen Frühlingslieder nachlieſt. Ich weiß nicht, was sich in mir dehnte, Da brach um mich der harte Zwang, Ich weiß nicht, was sich in mir sehnte Im wunderlichen überschwang. Da schrie in mir die Lust zum Leben Und jubelte ihr Gloria, Sich tausendfältig zu erheben Und war noch nie dem Tod so nah. Da fühlt' ich aus den wilden Wehen, Aus all dem Quall und Schall der Wut Sieghaft den neuen Mensch erstehen: Edel, hilfreich, gut. So trägt ein junger Sozialist sein zukunftpochendes Herz mit sich in den Schüßengraben. Er ist gefeit gegen die Sirenentöne imperialistischer Lockvögel. Nicht durch dieses Schlachtenwetter wird die neue, bessere Welt geschaffen, sondern ihm zum Troße. Durchhalten im Sozialismus, sich rein erhalten, den Glauben nicht verlieren, wachsen, denn es warten viele und schwere Aufgaben jenseits dieses Krieges! Und der Kampf um den Sozialismus bedarf ganzer Persönlichkeiten. Barthel ist noch jung. Es ist zu erwarten, daß die sehnsüchtige Inbrunst, die heute in ihm lobert, sich bald zu männlicher Klarheit und zielbewußtem Kämpferwillen verklärt. Edwin Hörnie. Eine Mutter von der„ unangenehmen Gilde". ( Eine wahre Geschichte aus der Gegenwart.) In einem Städtchen deutschen Grenzgebietes, strategisch einem Festungsbezirk zugeteilt, wohnt seit Jahren eine proletarische Blechnerfamilie. Sie gehört zur Zunft, die man landläufig im Volksmund als Kesselflicker und Schirmmacher bezeichnet. Solche Leute wandern nomadenhaft herum, arbeitholend und bestellte Waren abliefernd. Der Patriarch, dessen Familie wir jetzt fennen lernen, versteuerte seine Berufstätigkeit als seßhafter Blechner oder Klempner und ließ seine wimmelnde Familie nicht Staat noch Gemeinde zur Last fallen. Armi, aber ehrlich pries er es wieder als Familienglück, als die Mutter innerhalb 15 Jahren dem achten Kinde das Leben Nr. 22 Für unsere Mütter und Kausfraucn 87 schenkte. Die drei ältesten Kinder holte eines Toges die Staatsmacht aus dem Familienkreis hinweg in die so wenig vertrauenerweckende Schule der Zwangserziehung. Unartiger als„bessere" Kinder waren die kleinen Schirmflickerle nicht, und von ihrer Gemeingefährlichkeit konnte auch keine Rede sein. Der Fürsorge wären sie aber Wohl bedürftig gewesen, zumal einer gut verstandenen, warniherzigen Fürsorgeerziehung. Wenn aber zwischen der sträflichen Zwangs- und zwischen der gelinderen Fürsorge-Zöglingsschaft die Wahl ist, sind es meist Gründe der Sparsamkeit, die für eine berechnende Behörde augenfällig sind. Die Kosten einer Fürsorge-Erziehung muß die Gemeinde allein tragen, bei der gestrengeren Methode ist gesetzlich der Staat ein mitzahlen der Genossenschafter. Also wanderten die drei Kinder des Kessel flickers als zu„ertüchtigende" Menschlein in zwei Zwangsanstalten. Der Krieg brach aus. Der Blechner zieht auch hinaus in der Reihe der kleinstädtischen Vaterlandsverteidigcr. Später kehrt der Kesselflicker als kranker Soldat zur Garnison zurück in ein Lazarett. Die Mutter will ihn mit der Geburt eines neunten Kindes über raschen und wählt deshalb, weil der Verkehr innerhalb einer Grenz- sestung sehr erschwert ist, ein benachbartes Garnisonsstädtchen zum Aufenthalt. Mit den fünf ihr noch verbliebenen Kindern wohnt die Mutter im Gasthaus„Zum Handwerksburschen". Sie bekommt ein leeres Zimmer als Wohnung für Sechse und ein Halbes. In dem einfenste- rigeu dumpfen Räume stehen zwei schlechte Betten, ein Stuhl und Tisch, eine Bank, eine Kiste, ein Kinderwagen und ein eiserner Ofen, darauf etwas Küchengeschirr. Dahin soll heute auch noch der Vater aus dem Lazarett herüberquartiert werden, weil man dort den Platz für Schwerkranke sehr benötigt. Als der zur Erholung beurlaubte Kesselflicker seine Familie wiederfindet, beginnt gerade die weise Frau zum neunten Male bei der Schirmflickerin ihres Amtes zu walten. Und mitleidsvoll gewährt der Lazarettvorstand dem Urlauber noch ein weiteres Nachtobdach im Krankenheim. Es war am Tage „Unserer lieben Fraue Lichtmeß", da kam ein Kesselflickerkind mehr zur Welt. Von der Kriegsfürsorge bezog die sechsköpfige Familie gemäß Vermittlung ihres Unterstlltzungswohnortes monatlich 7b Mark. Für die beschriebene Wohnung waren zum voraus 14 Mark dem Wirte hinzulegen. Zwei Mark im Tage blieben noch für sechs Mäuler zur Zeit der höchsten Teuerung! Es kommt ein Antrag bei der Armenverwaltung ein wegen Unterstützung. Das Bürgermeister amt des Grenzstädtchens, wo die Familie ihren Unterstützungswohn sitz hat, antwortet abwehrend: es habe dort keine Kriegcrfamilie einen höheren Zuschuß; man sei bereit, dem Bezirksrat, wenn er im März wieder zur Sitzung zusammentrete, eine Berücksichtigung des Familienzuwachses vorzutragen. Mit pharisäischer Klugheit schloß der Bericht: die Wöchnerin werde voraussichtlich acht Wochen lang stillen und dafür die Stillprämie erhalten können, so daß kein Grund vorliege, eine Annenunterstützung zu gewähren! Der ver ständnisvolle Geist dieses Stadtamts äußerte sich noch nachdrücklich in einer recht sozialen Schlußnote des Berichtes: Übrigens, so heißt es, zähle die Familie nicht zu den„angenehmen Bewohnern", sie gehöre„zu der weitverbreiteten Gilde der Schirmflicker". Väter dieser Gilde setzen draußen auf dem Schlachtfelde ihr Leben ein und finden heimkehrend ihre Familie in unverschuldetem Elend. Kurz vor der Niederkunft der Frau waren sämtliche Kinder an den Masern erkrankt, eines noch an der Lungenentzündung. Am zweiten Wochenbettage mußte die Mutter aufstehen zur Kranken pflege. Trotz ungenügender Kost stillte sie den begehrlichen Säug ling, wie gewohnt. Hatte sie doch jedem der anderen acht Spröß linge jeweils so lange die Mutterbrust gereicht, bis ein Nachfolger sein baldiges Erscheinen anzukünden begann. .Und jetzt zur Hungerzeit und in der Handwerksburschenherberge steht daS kleine, Illmonatige Mäulchen bereit, das Mutterschöpplein bis zur Neige zu genießen, wenn das Wickelkindchen an der Mutter brust saugend eingeschlummert ist. Krankheit macht elend, und wo her so viel Milch bekommen, als für die Hecke des Kesselflickers Von nöten ist?— Die Mutter verteilt, was sie den beiden Konkurrenten geben kann, solange die Quelle nicht versiegt. Die Armenverwaltung des Aufenthaltsortes tritt helfend ein. In einem liberalen Lande, im Zeitalter des erhöhten Mutter- und Säuglingsschutzes ist es ge schehen, daß man so verständnislos bureaukratisch gegen„unange nehme Bewohner" entschied. Auf dem Fragebogen, der zur Erhebung der Familienverhältnisse auszufüllen war, stand die Frage, durch welche Umstände die Notlage herbeigeführt wurde? Darauf lautete die Antwort: Durch Einberufung des Vaters zu den Waffen. Aber dieser Einberufene gehört zur„weitverbreiteten Gilde der Schirmflicker". Und vormals hieß es: Kann auch aus Nazaret Gutes komnien? Notizen. Die Mutter als Familienoberhaupt im bürgerliche» Recht. Der Krieg hat in zahlreichen Familien den minderjährigen Kin dern den Vater und damit den„gesetzlichen Vertreter" vorüber gehend oder dauernd genommen. Das ist von einschneidender Wir- tung für die Rechtsverhältnisse im Familienleben. Nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch übt der Vater die„elterliche Gewalt" über die noch nicht volljährigen, das heißt noch nicht 21 Jahre alten Kinder aus. Sie besteht darin, daß er das Kind„vertritt", daS heißt, daß der Vater daS Kind in bestimmten Prozessen vor Gericht vertritt, die nötige Zustimmiing zu Rechtsgeschäften gibt, wie Ab schluß voN Verträgen usw., ebenso die Zustimmung zur Ausstellung von Arbeits- und Dienstbüchern, zum selbständigen Betrieb eines Erwerbsgeschäfts, zur Heirat usw. Die„elterliche Gewalt" besteht weiter darin, daß der Vater das Vermögen des Kindes verwaltet, das Kind erzieht, beaufsichtigt, seinen Aufenthalt bestimmt usw. Zwar soll und wird bei allen diesen Dingen auch die Mutter mitwirken, aber bei Meinungsverschiedenheiten zwischen den Eltern hat der Vater allein die ausschlaggebende Stimme. Das Gesetz kennt aber eine Anzahl von Fällen, in denen die Mutter die elterliche Gewalt über das Kind und damit auch dessen gesetzliche Vertretung ausübt, auch wenn der Vater»och am Leben ist. Die Voraussetzung dafür ist nach§ 1685 des Bürgerlichen Ge setzbuches vorhanden, wenn der Vater an der Ausübung der elter lichen Gewalt„tatsächlich verhindert" ist. Zu den Bchinderungs- gründen gehören längere Reisen, Krankheiten usw. und natürlich auch die Einberufung zum Heeresdienst. Die Mutter kann also während der Abwesenheit des Baters alle diesem zu stehenden Rechtsgeschäfte ausüben, wie Kauf- und Lehrvcrträge für das Kind eingehen und kündigen usw. Ist in außergewöhn lichen Fällen die Mutter jedoch außerstande, die elterliche Gewalt auszuüben, so kann ihr vom Amtsgericht ein Beistand gestellt werden. Die elterliche Gewalt und damit die gesetzliche Vertretung der Minderjährigen geht aber auch auf die Mutter über, wenn der Vater verstirbt. Das geschieht einfach kraft des Gesetzes, oln e irgendwelche Formalitäten. Es ist also nicht mehr nötig, daß auch bei Lebzeiten der Mutter ein Vormund bestellt wird, wie das vor Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches in den meisten Bundes staaten geschehen mutzte. Ist die Mutter allein das Familienober haupt, so hat sie ganz genau dieselben Rechte und Pflichten wie der Vater. Natürlich kann auch der Mutter ein„Beistand" gestellt werden, wenn der Tod des Mannes sie zum Familienoberhaupt macht. Trotzdem bleibt sie aber in diesem Falle die gesetzliche Ver treterin des Kindes. Wenn die Mutter wegen Krankheit oder aus sonstigen Gründen ihren einschlägigen Aufgaben nicht gerecht zu werden vermag, so kann auch den Kindern ein„Vormund" gestellt werden. Tritt dieser Fall ein, so ist der Vormund der gesetzliche Vertreter des Kindes. Ist die Mutter selbst noch minderjährig, so mutz unter allen Umständen das Kind einen Vormund erhalten. Das nämliche ist auch der Fall, wenn die Mutter eine neue Ehe eingeht. Die Mutter behält trotzdem das Recht und die Pflicht, für die Person des Kindes zu sorgen. Nach alledem ist ein Vormund in der Regel nur zu stellen für die Vollwaisen, die weder Vater noch Mutter haben, und für die un ehelichen Kinder. Aber auch in diesen Fällen hat das neue Bürger liche Gesetzbuch eine Erweiterung der Fraucnrcchte gebracht. Auch eine Frau kann als Vormund berufen werde», bei einem unehe lichen Kinde also dessen Mutter. Die Berufung geschieht durch d.» Vormuiüischaftsgericht sAmtsgericht). Eine verheiratete Frau be darf zur Übernahme einer Vormundschaft der Zustimmung ihres Ehemannes. Während ei» Mann eine ihm angetragene Vormund schaft nur unter bestimmten Voraussetzungen ablehnen darf, ist eine Frau ohne Angabe von Gründen berechtigt, eine Vormund schaft zurückzuweisen. Infolge des großen Bedarfs an Vormün dern und des Mangels an hierzu geeigneten Männern sind in letzter Zeit wiederholt Aufforderungen an Frauen ergangen, Vor mundschaften zu übernehmen. Soweit einzelne Frauen die nötige Zeit und die nötige Liebe zu dem Ämt haben, sollten sie solchen Aufforderungen Folge leisten. Je mehr die Frauen von ihren Rechten Gebrauch machen, je gewissenhafter sie die damit verbun denen Pflichten erfüllen, um so mehr wird das Streben für eine Erweiterung ihrer Rechte in der Familie, in Gemeinde, Staat und Reich erleichtert. Die vom Krieg geschaffenen Verhältnisse bereiten auf vielen Ge bieten den Boden für den Kampf um die volle soziale und politische Gleichberechtigung der Frauen. An den Frauen liegt es, diesen Kampf mit der nötigen Energie zu führen. l