Für unsere Mütter und Hausfrauen Nr. 23 。。。。。。。° Beilage zur Gleichheit Beilage zur Gleichheit oooooooo Inhaltsverzeichnis: Ein Bild. Gedicht von F. Hebbel. Vom Würzen Die Mutter als Erzieherin. Notizen. der Speisen. I. Bon M. Kt. Kirchen und Hauspredigt. Aus Peter Halfet von Olive Schreiner. Ein Bild. Jm Morgenwinde sah ich Blumen wanken und fah, wie sie den Tau der goldnen frühe, Daß jede voller dufte, tiefer glühe, Mit heißem Mund begierig in fich tranken. Gesättigt sah ich bald die meisten schwanken, Als glaubten sie, daß keine nun verblühe, Die Rosen tranken fort mit füßer Mühe, Bis ihre Kelche fast zur Erde sanken. Die andern wiegten sich in Luftgefühlen, Sie wollten eben lauten Spott erheben, Da schoß die Sonne thre flammenpfeile. Die Rosen löschten sie im Tau, dem kühlen, Doch jenen drangen sie in Mark und Leben, Man sah sie hingemelkt nach kurzer Weile. OOO Vom Würzen der Speisen. I. f. bebbel. Die richtige Anwendung der Gewürze ist nicht nur eine fulinarische Angelegenheit, nicht nur eine Sache des Gaumenfibels, sondern eine notwendige Vorbedingung der Verdauung der allermeisten Speisen. Die Verdauung beginnt bereits im Munde, wo der Speichel sich mit den getauten Speisen verbindet, ihre stärkemehlhaltigen Bestandteile in Zuder verwandelt und für die weitere Verarbeitung vorbereitet. Schon der angenehme Geruch einer Speise kann eine stärkere Absonderung des Speichels erregen, volkstümlich gesprochen:„ das Wasser läuft einem im Munde zusammen". Der Appetit wird erregt, das heißt die Geschmacksnerven werden belebt und übertragen den von einer gut gewürzten Speise ausgehenden Reiz mittelbar auf die Verdauungsorgane, Noch ehe die appetiterregende Speise in den Magen gelangt ist, steigt die Ausscheidung von Magensaft und ermöglicht so die vollkommenere Ausnutzung der schließlich mit ihm in Verbindung tretenden Nahrung. Diese Tatsache ist erst neuerdings wieder durch zahlreiche Versuche bestätigt worden. Dr. K. Schröder gab bei einer Masttur als Zusatz zur Nahrung eine reichliche Gewürzlösung und erzielte dadurch eine schnellere Gewichtszunahme des Kranken. Es genügte in Fällen von künstlicher Ernährung durch den Darm, die notwendig wird, wenn eine Erkrankung der oberen Verdauungswege die normale Zuführung der Nahrung unmöglich macht, daß man den Kranken etwas Gutschmeckendes kauen ließ, um eine stärkere Absonderung der Verdauungssäfte und eine bessere Ausnüßung der Nahrung zu bewirken. Fehlt diese besondere Anregung der Geschmacksnerven, wie es bei reizloser Kost und sitzender Lebensweise oft der Fall ist, so bleiben die Speisen zu lange im Magen liegen und rufen allerlei Beschwerden hervor. Das Würzen der Speisen ist also eine hygienische Notwendigkeit. Gin mäßiger Gebrauch der Gewürze wird bei gesunden Menschen niemals schädlich wirken. Anders ist es freilich bei übermäßiger Anwendung oder bei Kranten. Da die Gewürze auf ihrem Wege durch den Körper Leber und Niere passieren, ist es klar, daß große Mengen davon einen zu starken Reiz auf diese empfindlichen Organe ausüben, und daß eine erkrankte Leber oder Niere schon durch kleine Quanten schwer geschädigt werden kann. Am unbedenklichsten ist der Gebrauch der Gewürze im Sommer, wo sie bei startem Schwitzen durch die Haut ausgeschieden werden, noch ehe fie Leber oder Niere reizen können. Übrigens stehen uns in den verschiedenen Kräutern und Fruchtsäuren so viele völlig unschäddie wenn wir wollen liche Würzen zur Verfügung, daß wir wenigen schädlichen, meist Pfefferarten, zur Not entbehren können. Im allgemeinen hat der alte Brauch, sich der Gewürze zur Hebung des Wohlgeschmacks der Speisen zu bedienen, in den letzten Jahrzehnten entschieden abgenommen. Auch Professor Rubner stellt diese Tatsache fest, aber er findet, daß sie nicht zum Vorteil der Kost ge= 1916 wesen sei. Wo es an richtig gewürzter, reizvoller Kost fehlt, da greift man leicht zum Alkohol, dessen verhängnisvolle Folgen nur zu gut bekannt sind. Das wichtigste aller Würzmittel ist das Kochsalz. Seit den ältesten Zeiten ist es den Menschen unentbehrlich. Es hat ihnen den reichlichen Genuß von pflanzlicher Nahrung erst möglich gemacht. Die Pflanzenkost enthält fast nur Kalisalze, die ausscheidend auf die im Körper des Menschen vorhandenen Natronsalze wirken. Der Körper würde also an den für ihn unbedingt nötigen Natronsalzen verarmen, wenn ihm nicht mit der Pflanzenkost zugleich Kochfalz zugeführt würde; denn Kochsalz ist Chlornatrium, eine Verbindung von 39% Teilen Natrium mit 60% Teilen Chlor. Der menschliche Körper enthält davon nicht weniger als 1 Pfund. Das Salz ist in der Natur mit etwa 3 Prozent im Meerwasser enthalten. Das zum Kochen verwendete Salz stammt aber gewöhn= lich aus Salzbergwerken, wo es unterirdisch gewonnen wird. Kommt es mit anderen Mineralien gemischt im Erdboden vor, so wird es durch Auslaugen mit Wasser und durch Einkochen der Soole in Salinen erzeugt. In den Sprichwörtern aller Völker ist vom Salz die Rede als von etwas zum Leben unbedingt Notwendigen. Bei uns sagt man: Salz und Brot macht Wangen rot, vergißt aber nicht hinzuzufügen: Doch belegte Butterbröter machen sie noch röter. Gegenwärtig sieht es damit freilich traurig aus, denn durch die Absperrung unserer Lebensmittelzufuhr vom Ausland und die schreienden Mängel der Ernährungsorganisation im Inland ist uns der Brotkorb mit allem was dazu gehört bedenklich hoch gehängt worden. Auf dem Salze ruht eine Steuer von 6 Pfennig auf das Pfund, die von der ärmeren Bevölkerung als sehr drückend empfunden wird, da diese hauptsächlich auf grobe Pflanzennahrung angewiesen ist. Eine große Bedeutung kommt dem Salze als Nonservierungsmittel zu. Es hat die Eigenschaft, die wässerigen Bestandteile der mit ihnen in Berührung kommenden Fleisch oder Gemüsestücke an sich zu ziehen und verhindert so die Bildung von Schimmelpilzen und Bakterien. Freilich gehen dabei wertvolle Bestandteile des mit Salz konservierten Nahrungsmittels verloren. Sie lösen sich in der Salzlake auf und werden gewöhnlich mit dieser weggeschüttet, jedenfalls nicht unmittelbar aur menschlichen Ernährung verwendet. Uralt ist auch die Verwendung des Essigs als Würze der Speisen. Essig ist ein Gärungsprodukt aus alkoholischen Flüssig keiten wie Wein, Bier, Most, verdünnter Spiritus. Der Essig ist in der Küche nächst dem Salze das unentbehrlichste aller Gewürze. Man denke- nur an seine Verwendung zu Salaten, zu Fleisch- und Fischmarinaden, zu Saucen, einigen Gemüsen und Fruchtkonserven. Aber wie bei allen Gewürzen, so ist auch beim Essig ein Übermaß in der Verwendung vom übel. Ein zu stark gesäuerter Salat ist ebenso ungesund wie eine versalzene Speise. Die mäßige Anwendung der Säure soll dem betreffenden Gericht nur das Fade nehmen und seinen Eigengeschmack heben, nicht aber ihn verdecken. So wirkt der Essig auch anregend auf die Verdauung. Er besitzt außerdem die Eigenschaft, zähe Fleischfasern zu erweichen, während er bei pflanzlichen Stoffen verhärtend auf die Faser wirkt. Deshalb gibt man ihn bei Fleischspeisen beim Beginn des Nochens zu oder mariniert das rohe Fleisch damit, wie zum Beispiel Rindfleisch oder Rinderherz, indem man den Essig kochendheiß darüber gießt. Bei sauren Kohlgemüsen fügt man den Essig erst hinzu, wenn das Gericht fast gar ist. Bedenklich ist, daß der Essig so oft verfälscht wird, nicht selten sogar durch Zusatz von Schwefelsäure und Salzsäure. Guter Essig muß hell und klar aussehen und mild sauer, keinesfalls brennend oder stechend schmecken; er darf auch keinen Bodensatz haben. Rahmpilze sind ebenso vom übel wie Essigaale. Obwohl sich Chemiker gefunden haben, die angesichts der Ernährungsschwierigfeiten der Kriegszeit auf den Nährwert der Essigälchen hinwiesen, wird man einstweilen wohl noch auf diese wenig appetitliche Zugabe verzichten und einen trüben Essig aufgekocht, durch ein Tuch gegossen und abgekühlt verwenden. Der beste, aber auch der teuerste Essig ist der Weinessig. Geringer im Geschmack sind Bierund Fruchtessig, und am wenigsten taugt der durch trockene Destil= lation von Laubholz gewonnene Holzessig. Durch Beigaben von Kräutern und Gewürzen gewinnt man verschiedene aromatische Essigsorten, die zu Ragouts und Salaten vorzüglich verwendbar 90 Für unsere Mütter und Hausfrauen sind. Man kann sie leicht selbst herstellen. So läßt man zu Dillessig frische Dillblüten in einer weithalsigen Flasche mit aufgefochtem und erfaltetem Weineffig ausziehen; zu Estragonessig sauber abgespülte Estragonstengel mit zwei Eklöffel Zucker auf ein Liter heißen Weinessig; zu Kräuteressig ein Gemisch von Estragonblättern, Zwiebelringen, Thymian, Petersilienblät tern, Dill, ein Lorbeerblatt, etwas Bucker, Basilikum, Kerbel, jungen Sellerieblättern, einigen Schalotten, Pfefferkörnern und Weinessig. Der Essig wird kochend über die Kräuter und Gewürze gegossen und das Gefäß gut verschlossen. Nach einigen Wochen seiht man den Kräuteressig ab und füllt ihn in Flaschen, die sorgfältig verforkt werden. Manche lieben noch eine Beigabe von Melisse, Salbei, Rosmarinblättern, Lavendel, Majoran, Raute, Zitronen- oder Apfelsinenschalen, Hollunderblüten, Wachholderbeeren, Knoblauch, Aniskraut, Waldmeister usw. Die Zusammenstellung ist natürlich Geschmadsache. Man kann auch jedes dieser Kräuter für sich in wenig Weinessig ausziehen lassen und sie dann nach Belieben gemischt oder ungemischt oder als Zusatz zu ungewürztem Essig verwenden. Von Limonadenessig, hergestellt aus Orangenschalen und Weinessig, war in diesen Blättern schon die Rede, ebenso davon, daß die ausgepreßten Rückstände beim Einlochen von Fruchtsäften, mit Effig übergossen und nach einigen Wochen filtriert, einen brauchbaren Fruchtessig ergeben. In diesem Jahre, wo die Hausfrauen wegen des Budermangels am Ginkochen von Früchten verhindert sind, werden sie vielfach die frischen Früchte unmittelbar mit gutem Essig anstellen, im geschlossenen Glase an der Sonne ausziehen lassen und nach vierzehn Tagen durch ein gebrühtes Seihtuch abfiltrieren. Hierzu eignen sich Himbeeren, Erdbeeren, Sauerkirschen, Blaubeeren und andere, ein halbes Pfund etwa auf einen halben Liter Essig gerechnet. Diesen Essig kann man zu den in Norddeutschland beliebten, im Süden leider ganz unbekannten Kaltschalen verwenden, aber auch zur Geschmacksverbesserung von fade schmeckendem Birnenkompot, Fruchtsaucen und dergleichen. Eine besondere Stellung nimmt der Zucker unter den Würzstoffen ein, insofern als er zugleich ein wichtiges Nahrungsmittel ist. Zucker ist in der Milch, im Fleisch und Blut, in Früchten, Samen und Wurzeln enthalten. Schon im achten bis zwölften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung verstand man, ihn in Indien gesondert aus dem dort heimischen Zuckerrohr herzustellen. die Araber verbreiteten dann zweitausend Jahre später die Kultur des Zuckerrohrs am südlichen Rande des Mittelmeeres und bis nach Südspanien und Sizilien. Bis dahin hatte man sich in Europa ausschließlich des Honigs zum Süßen der Speisen bedient. Nach der Entdeckung Amerikas wurde der Anbau des Zuckerrohrs und seine Verwendung auch dort bekannt. 1747 erkannte der Berliner Chemiker Marggraf den hohen Zuckergehalt der einheimischen Runkelrübe. Doch konnte die von Marggraf und seinem Mitarbeiter Achard angebahnte Rübenzuckerindustrie den indischen Rohrzucher nicht eher aus dem Felde schlagen, als bis ihr die Kontinentalsperre unter Napoleon I. den Konkurrenten aus dem Wege räumte. Nach dem Sturze Napoleons schlief die Rübenzuckerfabrifation auch in Deutschland ein, um erst in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder aufzuleben. Von da an nahm sie dann einen mächtigen Aufschwung, unterstützt durch die Fortschritte in der Fabrikationstechnik und im Rübenbau, so daß Deutschland mit 32 Prozent der Rübenzuckerfabrikation heute weitaus an der Spite aller Rübenzuder produzierenden Länder steht. Rohrzucker ist gegenwärtig bei uns fast unbekannt, während er in England und Amerika noch immer massenhaft verbraucht wird. Als Würze wie als Nahrungsmittel hat der Zucker allmählich weiteste Verbreitung gefunden, die in Deutschland in den Schichten der Minderbemittelten nur durch die hohe Zuckersteuer von 7 Pfennig auf das Pfund beeinträchtigt wurde. In den ersten anderthalb Jahren des Weltkrieges wurde von oben" eine riesige Propaganda für den Zuckerkonsum entfaltet, um dem immer beängstigender werdenden Fettmangel entgegenzuwirken. In diesen Tagen haben wir dann den beispiellofen Skandal erlebt, daß der Zickzadfurs in der Ernährungsorganisation auch den Zucker, dieses wichtige Nahrungs- und Genußmittel, fnapp werden ließ wie Mehl, Fleisch und Fett. Natürlich sind es die arbeitenden Massen, die dieses Stärkungs- und Würzmittel am schwersten entbehren, da sie ja in der Auswahl ihrer Nahrungs- und Genußmittel ohnehin be= schränkt sind. Man hat uns als Ersatz das aus dem Steinkohlenfeer gewonnene Sacharin empfohlen. Aber vorläufig ist das Sacharin zum Verkauf noch nicht freigegeben, und dann ist es auch nur ein sehr unvollkommenes Surrogat für Zucker. Zwar ist es fünfhundertmal so süß wie Zuder, übertrifft diefen also als Nr. 23 Würze, aber es befibt keine Spur von Nährwert. Während Zucker im Körper restlos verdaut wird, passiert Sacharin ihn unverändert. Haben wir in den vorstehenden Ausführungen die drei bedentendsten Würzmittel: Salz, Essig und Zucker kurz behandelt, so sollen die folgenden Artikel den Wurzel- und Zwiebelgewürzen, den Rinden, Stengel- und Blattgewürzen sowie den Blüten- und Fruchtgewürzen gewidmet sein. M.Kt. Die Mutter als Erzieherin. Ein Wort von Goethe für die Mütter. In Werthers Leiden finden wir unter dem„ 29. Junius" folgenden herrlichen Brief, der der Mutter, den Eltern viel über die Behandlung der Kinder sagt. ,, Vorgestern kam der Medikus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmann und fand mich auf der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mir herumkrabbelten, andere mich neckten, und wie ich fie figelte und ein großes Geschrei mit ihnen erregte. Der Doktor, der eine sehr dogmatische Drahtpuppe ist, unterm Reden seine Manschetten in Falten legt und einen Sträufel ohne Ende herauszupft, fand dieses unter der Würde eines gescheiten Menschen; das merite ich an seiner Nase. Ich ließ mich aber in nichts stören, ließ ihn sehr vernünftige Sachen abhandeln und baute den Kindern ihre Kartenhäuser wieder, die sie zerschlagen hatten. Auch ging er darauf in der Stadt herum und beklagte: des Amtmanns Kinder wären so schon ungezogen genug, der Werther verderbe sie nun völlig. Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächstent auf der Erde. Wenn ich ihnen zusehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden; wenn ich in dem Eigensinne künftige Standhaftigfeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen guten Humor und Leichtigkeit, über die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke, alles so unverdorben, so ganz!- immer, immer wiederhole ich dann die goldenen Worte des Lehrers der Menschen: Wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen! Und nun, mein Bester, sie, die unseresgleichen find, die wir als unsere Muster ansehen sollten, behandeln wir als Untertanen. Sie sollen feinen Willen haben! Haben wir denn feinen? Und wo liegt das Vorrecht?- Weil wir älter sind und gescheiter! Guter Gott von deinem Himmel! Alte Kinder siehst du und junge Kinder und nichts weiter; und an welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn schon lange verkündigt. Aber sie glauben an ihn und hören ihn nicht das ist auch was Altes-, und bilden ihre Kinder nach sich, und adieu, Wilhelm! ich mag darüber nicht weiter radotieren." 000 Notizen. Ift eine längere Lehrzeit für weibliche kaufmännische Angestellte nötig? Der Krieg brachte einen großen Andrang weiblicher Arbeitskräfte zur kaufmännischen Kontortätigkeit. Die zahl= reichen Einberufungen männlicher Angestellter zum Heeresdienst ließen tatsächlich einen starten Bedarf nach Ersatzkräften entstehen. Vielen jungen Mädchen erschien der Beruf als kaufmännische Angestellte sehr aussichtsreich. Die" Konjunktur" wurde von den überhandnehmenden kaufmännischen Handelslehranstalten wahrgenom men, die in furzen Lehrgängen kaufmännische Angestellte ausbilden. Nie entfalteten sie eine lebhaftere Reklame und nie fanden fie mehr Zuspruch als in der gegenwärtigen Kriegszeit. Der Zu drang zu den Handelslehranstalten wurde gefördert durch die Beschäftigungslosigkeit junger Mädchen in einigen anderen Berufszweigen. So zum Beispiel in der Hauswirtschaft, in der Textilindustrie, der Schneiderei usw. Es entstand ein Überangebot von weiblichen faufmännischen Angestellten. Im Februar 1915 hatten. bei den gemeinnüßigen Stellenvermittlungen 5361 weibliche kaufmännische Angestellte eine Beschäftigung gesucht, während nur 1166 verlangt wurden. Im Februar 1916 boten sich 5885 Stellungslose an, obgleich die Zahl der für sie vorhandenen offenen Bosten nur 1685 betrug. Beschäftigung fanden nur 1120, also noch nicht einmal ein Fünftel der Stellensuchenden. Um die Erscheinung zu bekämpfen, wird von verschiedenen Seiten nach altem Muster empfohlen, die jungen Mädchen müßten eine längere Lehrzeit durchmachen. Durch die bürgerliche Tagespresse ging ein Artikel, in dem es hieß, daß die Nachfrage nach gut ausgebildeten Bewerberinnen für faufmännische Stellen sehr stark sei, während ein überangebot von unausgebildeten Kräften den Markt überschwemme. Weil diese leistungsunfähig seien, blieben sie stellenlos oder bekämen nur gegen ein zu geringes Entgelt einen Posten zugewiesen, so daß sie nicht imftande seien, ihren Bebens Nr. 23 Für unsere Mütter und Hausfrauen unterhalt davon zu decken. Es sei deshalb notwendig, daß im laufmännischen Beruf die Mädchen genau denselben Bildungsgang durchmachen, wie er für die jungen Männer üblich ist. Eine praktische Lehrzeit von mehreren Jahren müsse verbunden werden mit dem Besuch der Pflichtfortbildungsschule. In offenen Verfaufsstellen habe sich schon längst die Notwendigkeit einer Lehrzeit für die Verkäuferinnen herausgestellt. Jedoch sei auch diese noch sehr willkürlich und nicht so fest gefügt, wie die Lehrzeit der männlichen Jugend. Im Kontor sei der weibliche Lehrling eine ganz bereinzelte Erscheinung, und daraus entstünden die vor= liegenden großen Mikstände. Die Mädchen begnügten sich mit einer kurzfristigen Ausbildung, um für niedere Dienstleistungen im Kontor gleich gegen ein kleines Gehalt zu arbeiten, das später wenig oder gar nicht steigerungsfähig sei. Wenn das junge Mädchen mehr verdienen müsse, so werde eine neue billige Arbeitskraft eingestellt. Die so Entlassenen bilden das Heer der Stellenlosen im faufmännischen Beruf, ein Heer von lebenslang mit Not und Sorge ringenden Frauen. Für die Geschäftsinhaber bewirke dieser Stand der Dinge einen steten Personalwechsel. Er mache jedes engere persönliche Verhältnis der Angestellten zu dem Betrieb fraglich, woraus dem Geschäft ein Schaden erwachse, der leider nicht ziffernmäßig festzustellen sei. In diesem Stile geht der Artikel weiter. Den Ansichten dieser Art muß auf Grund der Erfahrungen widersprochen werden. Heute drängt sich der Standpunkt auf, daß eine besondere längere praktische Lehrzeit für das weibliche kaufmännische Kontorpersonal nicht nötig ist. Jedenfalls würden durch sie die aufgeführten Mißstände nicht beseitigt, sondern ge= steigert werden. Für viele Betätigungen im Handelsgewerbe ge= nügen die durch gute Allgemeinbildung zu erwerbenden Fertigkeiten, das richtige Schreiben, Rechnen usw. Das übrige muß die Veranlagung und übung, die Routine, bringen. Gegen eine kurze Zeit des„ Einrichtens" wie bei den Verkäuferinnen, wäre vielleicht nichts einzuwenden, wenn eine bestimmte, mäßige Bezahlung stattfindet. Die mehrjährige Lehrzeit für weibliche faufmännische Angestellte würde in der Hauptsache bewirken, daß die Geschäftsinhaber noch billigere und auf längere Zeit gebundene Hilfsfräfte zur Verfügung haben. Die Neuerung würde die Löhne beziehungsweise Gehälter noch tiefer herabdrücken. Da es der „ Herzenswunsch" wohl der meisten Mädchen ist, bald zu heiraten, und dieser Wunsch sich in zahlreichen Fällen erfüllt, würden recht viele weibliche Lehrlinge kurz nach beendigter Lehre in die Ehe treten. Es wäre dann glücklich erreicht, daß die Mädchen in ihrer faufmännischen Laufbahn für den Geschäftsinhaber lange umsonst gearbeitet, ja vielleicht noch keinen Pfennig verdient hätten. " Der oben auszugsweise wiedergegebene Artikel stellt manche Tatsachen auf den Kopf. Warum wird, so fragen wir, eine neue billige Arbeitskraft eingestellt, wenn das Mädchen gezwungen ist, mehr zu verdienen? Weil in dem Geschäft eine Menge untergeordneter Arbeiten zu verrichten sind, die nach der Meinung des Geschäftsinhabers und in Hinblick auf die Ersparnis", das heißt auf höheren Gewinn, von billigen Hilfskräften erledigt werden können. Wenn die mehrjährige Lehrzeit bestünde, so würden solche Arbeiten von den Lehrlingen ganz umsonst verrichtet werden. Es besteht fein Anlaß, für die weiblichen Angestellten eine mehrjährige Lehrzeit zu fordern, die sich für die männlichen Angestellten vielfach in F. Kl. wachfendem Maße bereits als unnötig erweist. Meinungsgegensätze über die Entlohnung von Frauenarbeit. Aus Karlsruhe schreibt uns eine Genossin: In den Kriegsküchen der Stadt werden auch Frauen im Felde stehender Arbeiter verwendet. Sie sind mit der Zubereitung und Verabreichung der Speisen, wie mit dem Aufräumen der Küche jeden Tag 4 bis 5 Stunden beschäftigt. Es wird auf die Dauer mit Schwierigkeiten verknüpft sein, daß Frauen in proletarischen Existenzverhältnissen diese Arbeiten regelmäßig ohne Vergütung leisten. Deshalb ist man seitens der Stadt in Erwägungen eingetreten, ob und in welchem Betrage dem bedürftigen Personal eine Entlohnung für die fraglichen Verrichtungen gewährt werden sollte, die einschließlich der Hin und Herfahrt eine große Spanne des mittleren Tages beanspruchen. Darüber kam es bei der ersten Beratung unter den maßgebenden Personen des Stadtrats zu feiner Einigung. Wie die Genossinnen jetzt erfahren haben, bestanden Meinungsverschiedenheiten unter den beiden sozialdemokratischen Stadträten, die für die Angelegenheit in Betracht kommen. Genosse Bonning hatte, so heißt es, einen Stundenlohn von 50 Pf. und Freifahrt auf der städtischen Straßenbahn für das weibliche Küchenpersonal vorgeschlagen. Er stieß aber auf den Widerspruch seines stadträtlichen Kollegen, des Genossen Kolb. Dieser soll den vorgeschlagenen Lohnfaz für zu · 91 hoch befunden und es für nicht angezeigt gehalten haben, den Frauen vorzugreifen, die selbst bisher noch gar nichts verlangt hätten. Solche Ansicht habe bewirkt, daß auch die bürgerlichen Mitglieder in der Angelegenheit zurückhaltender geworden seien. Es muß Aufgabe der organisierten Genoffinnen sein, in der Sache mitzusprechen. Feuilleton Kirchen- und Hauspredigt. Aus Peter Ballet von Olive Schreiner. In einer Stadt des Kaplandes leble einer der Unseren, ein schmächtiger kleiner Mann, dessen Stimme nicht weit reichte. Gines Sonntags hatte sich die Gemeinde, Männer und Frauen, versam= melt, und als er auf die Kanzel gestiegen war, um die Predigt zu halten, sagte er:" Statt zu euch zu sprechen, will ich euch eine Geschichte vorlesen." Dann öffnete er ein Buch, das mehr als zweitausend Jahre alt ist und las:„ Nach diesen Geschichten begab sich's, daß Naboth, ein Jesreeliter, einen Weinberg hatte zu Jesreel, bei dem Palast Ahabs, des Königs zu Samaria. Und Ahab redete mit Naboth und sprach: Gib mir deinen Weinberg, ich will mir einen Kohlgarten daraus machen, weil er so nahe an meinem Hause liegt. Ich will dir einen besseren Weinberg dafür geben, oder so dir's gefällt, will ich dir Silber dafür geben, soviel er gilt. Aber Naboth sprach zu Ahab: Das laffe der Herr ferne von mir sein, daß ich dir meiner Väter Erbe sollte geben! Da kam Ahab heim Unmuts und zornig um des Wortes willen, das Naboth, der Jesreeliter, zu ihm heute gefagt und gesprochen: Ich will dir meiner Väter Erbe nicht geben." Der Prediger las die ganze Geschichte bis an ihr Ende, dann schloß er das Buch und sagte:" Meine Freunde, Naboth hat einen Weinberg in diesem Lande, und darin ist viel Gold, und Ahab trägt danach Verlangen, um sich dieses Reichtums zu bemächtigen." Dann legte der Pfarrer das alte Buch beiseite und nahm ein anderes, das erst von gestern war. Da flüsterten die Männer und Frauen miteinander, obwohl sie sich in der Kirche befanden:" Jit das nicht der Bericht des Blaubuchs von dem erwählten Ausschuß des Kap- Parlaments über den Einfall von Jameson?" Der Geistliche fuhr fort:" Freunde, die erste Geschichte, die ich euch vorgelesen habe, ist eine der ältesten, die es gibt, und die, welche ich euch jetzt vorlesen will, ist von den allerneuesten. Doch eine Wahrheit ist darum nicht mehr wahr, weil sie dreitaufend Jahre alt ist, oder weniger wahr, weil sie erst von gestern ist. Wie sollte uns die Geschichte von Ahab, dem König von Samaria, zum Nutzen gereichen, wenn wir nichts wüßten von den Ahabs unserer Zeit und von den Naboths in unserem Lande, die gesteinigt werden, während wir ruhig dabei sitzen?" Dann las er ihnen Stellen aus dem Parlamentsbericht vor. Aber einige reiche Männer und Frauen standen auf und entfernten sich noch während er redete, und seine eigene Frau ging auch fort. Als der Gottesdienst aus war, und der Prediger nach Hause fam, trat ihm seine Frau weinend entgegen und sagte:„ Hast du nicht gesehen, daß einige unserer wohlhabendsten und einflußreichsten Gemeindemitglieder heute die Kirche verlassen haben? Warum hast du so gepredigt, da uns jetzt endlich ein Flügel an unser Haus gebaut werden sollte, und du auch auf eine Gehaltserhöhung hofftest? Du hast ja nicht einen einzigen Boeren in deiner Gemeinde! Was geht dich die ganze Geschichte an? Was brauchst du zu sagen, daß der Überfall der Chartered Company auf Johannesburg ein Unrecht fei?" „ Liebe Frau," antwortete er, wenn ich glaube, daß gewisse Männer, die wir hoch erhoben und denen wir Macht verliehen, ein feiges Unrecht begangen haben, warum soll ich es nicht sagen?" " Hast du nicht erlebt, was die Folgen sind? Denke daran, wie du vor kurzem sowohl Engländer als Boeren angegriffen hast, weil sie das Gesetz über die Prügelstrafe der Neger durchdrücken wolften und hast damit fünfzig Pfund Sterling für den Kirche bau verscherzt." „ Liebe Frau, können wir Gott nicht ebensogut anbeten unter dem Himmelsdom, den er geschaffen hat, als in goldenen Häufern? Soll ein Mensch schweigen, wenn er Gewalttat sieht, um Geld für ein Gotteshaus zu erlangen? Wenn ich den Schwarzen berteidigt habe, als ich glaubte, daß ihm Unrecht geschähe, soll ich da den Weißen nicht verteidigen, meinen leiblichen Bruder? Sollen wir nur reden, wenn dem Einen Unrecht geschicht und uns des Anderen nicht annehmen?" 92 Für unsere Mütter und Hausfrauen " Ja, aber du hast doch an deine Familie und an dich selbst zu denken. Warum stellst du dich immer in Gegensatz zu den Leuten, die etwas für dich tun könnten? Wenn du so kampflustig bist, warum greifst du nicht die Juden an, weil sie unseren Herrn Christus gekreuzigt haben, oder Herodes oder Pontius Pilatus? Warum läßt du nicht die Leute in Nuhe, die jetzt die Macht in Händen haben und die dich mit ihrem Gelde erdrücken können?" " Jene Juden, sowie Herodes und Pilatus find lange tot, liebe Frau. Predigte ich über sie, was könnte es ihnen frommen? Wen schüßte ich vor ihnen? Die Vergangenheit ist tot; sie lebt nur für uns, um daraus zu lernen. Die Gegenwart, allein die Gegenwart, ist uns gegeben, um darin zu arbeiten und die Zukunft zu gestalten. Ist alles Gold von Johannesburg oder sind alle Diamanten in Kimberley wert, daß darum ein Christenmensch von der Hand seiner Mitbrüder erschlagen wird, oder auch nur einer unserer heidnischen Brüder stirbt?" " Das ist ja alles ganz gut und schön," versetzte sie.„ Aber warum mußt du die Sache aufnehmen. Ja, wenn du ein großer Redner wärest und hunderte von Männern an dich fesseltest, so daß du eine große Partei bilden und dich an ihre Spitze setzen könntest: dann würde ich nichts dagegen einwenden. Aber du bist ein kleiner Mann; deine Stimme ist schwach; wer wird dir folgen? Du wirst völlig allein stehen, weiter wirst du nichts davon haben." " O Frau, habe ich nicht gewartet, geharrt und gehofft, daß einer von denen im Lande, die edler und mächtiger als ich sind, ihre Stimme erheben und reden würden?- Doch es herrscht Totenstille. Nur hier und dort hat einer oder der andere laut zu reden gewagt, die anderen flüsterten nur ganz verstohlen. Mein Sohn hat ein Amt, das er verlieren würde, wenn ich laut protestieren wollte. Man hat mir Ländereien versprochen, sagt der andere. , Ich verkehre mit diesen Leuten und würde meine gesellschaftliche Stellung einbüßen, wenn ich meine Stimme erheben wollte.' O liebe Frau, unser Land, unser schönes Land, von dem ich hoffte, daß es frei und stark unter den Völkern der Erde dastehen werde, ist verfault und durchlöchert durch die Tyrannei des Goldes. Wir, die gehofft hatten, die erste Stelle einzunehmen, um der Gerechtigkeit und Freiheit willen, sind nicht einmal wert, am letzten Plaz zu stehen. Weiß ich zu meinem Schmerz nicht selbst, wie schwach meine Stimme ist, und daß alles, was ich zu tun vermag, nichts bewirken wird; doch soll ich darum schweigen? Soll das Glühwürmchen sich weigern, seinen schwachen Schein zu verbreiten, weil es kein Stern am Firmament ist; soll der kleine trockene Zweig sich weigern zu brennen, und die erstarrten Hände eines einzelnen zu wärmen, weil er kein weithin strahlendes Leuchtfeuer ist? Auch ich vernehme die flüsternde Stimme hinter mir:, Warum willst du dir den Kopf an einer steinernen Mauer einrennen? Überlaẞ diese Aufgabe den größeren und stärkeren Männern deines Volkes; sie werden es besser machen, als du es kannst. Warum beschwerst du dein Herz, da das Leben so schön für dich sein könnte?' Aber, liebe Frau, die Starken schweigen! Soll ich da nicht reden? obwohl ich weiß, daß meine, Kraft nichts vermag." Er legte fein Haupt auf seine Hände. " Ich verstehe dich nicht," versetzte sie.„ Wenn ich dir von einem Unrecht erzähle, das jemand tut, zum Beispiel, daß dieser Mann trinkt oder eine Frau leichtsinnig ist, da gibst du mir stets zur Antwort: Frau, was geht das uns an, wenn wir ihnen nicht helfen können. Solch harmlosen kleinen Klatsch tadelst du, und dabei gehst du zu Leuten in das Haus, mit denen ich nichts zu schaffen haben mag. Aber wenn die reichsten und mächtigsten Leute im Lande, die dich mit ihrem Gelde erdrücken können, wie ein Knabe eine Fliege zwischen den Fingern zerquetscht, wenn sie etwas tun, das dir nicht gefällt, dann lehnst du dich gegen sie auf." „ Liebe Frau, mit den Sünden der Privatleute habe ich nichts zu schaffen, falls ich sie nicht dazu verleitet habe. Ich habe genug zu tun, meine eigenen Sünden zu verantworten. Die Sünde, die ein Mann gegen sich selbst begeht, gehört ihm allein, nicht mir; sündigt er gegen seine Mitmenschen, so hat er es zu verantworten, nicht ich. Aber die Sünden derer, die das Volk in die Höhe gehoben und über sich gesetzt hat, denen sie das Schwert und die Macht in die Hand gegeben, diese Sünden fallen auf uns zurück. Da ist keiner in einem Volk zu klein, daß er sagen dürfte: Ich habe keine Verantwortlichkeit an den Handlungen dieses Mannes. Wir haben ihm die Waffen und die Gewalt verliehen und das Böse, das er damit verübt, ist mehr unser als sein Tun. Wenn es soweit käme, daß vom Zambesi bis zum Meere der Weiße über den Weißen herfällt, wenn das Herz jedes Mannes mit Groll gegen seinen Bruder erfüllt ist und das Land mit Blut, wie mit Regen getränkt wird, wie sollte ich dann den Mut haben zu beten, da ich mich gefürchtet habe Nr. 23 zu reden? Soll ich Sonntag auf Sonntag Gott anflehen, über diesem Lande zu walten und um die Herzen aller seiner Kinder ein Band innigster Gemeinschaft zu schlingen, wenn ich sehe, daß dieses Volt verraten wird? Wenn ich sehe, daß eine goldene Hand den Mund zuhält und die freie Nede erstickt, wenn uns von dieser goldenen Klaue die Freiheit entwendet wird, wenn die nächste Generation den Männern ausgeliefert wird, die uns das Köstlichste genommen haben soll ich da schweigen? Der Boer und der Engländer, die in diesem Lande zusammenwohnten, haben nicht immer Milde geübt, noch der Gerechtigkeit nachgetrachtet; aber der kleine Finger des Spekulanten und Monopolinhabers, die jetzt das Land aussaugen, wird schwerer auf dem als Rücken seiner Kinder liegen, der schwarzen wie der weißen, sie je von der ganzen Last der Holländer und Engländer bedrückt worden sind." Da sagte sie: Ja, ich weiß, daß wir uns für das Wohl derer opfern sollen, die mit uns leben; aber ich habe noch nie gehört, daß wir es für noch nicht geborene Generationen tun müßten. Was sind sie dir? Du wirst im Grabe liegen, ehe ihre Zeit kommt. Wenn du an Gott glaubst, warum willst du es ihm nicht überlassen, Gutes aus all diesem übel herbeizuführen? Kann er es denn nicht, ohne daß du dich zum Märtyrer machst? Oder würde die Welt verloren gehen, wenn du sie nicht rettest?" " Frau, wäre meine rechte Hand im Feuer, würde ich sie nicht herausziehen? Würde ich da auch sagen:, Gott tann Gutes aus diesem übel herbeiführen und sie verbrennen lassen? Das Unbekannte, das über uns thront, kennen wir doch nur durch die Rundgebungen in unserem eigenen Herzen, es kann nicht anders auf die Menschenkinder wirken als durch den Menschen. Und verbindet mich kein Band mit denen, die erst kommen werden? Wünsche ich für sie nicht das Gute und Schöne, ich, der ich bin, was ich bin und genieße, was ich genieße, weil seit zahllosen Jahren Männer gelebt haben, die nicht für sich allein lebten und feine Mühe gefcheut haben? Wäre das große Kunstwerk, das große Gedicht, die große Reform je erreicht worden, wenn die Menschen nur für sich selbst lebten und berechneten, was sie selbst dafür opfern müßten? Kein Mensch lebt sich selber und kein Mensch stirbt sich selber. Wie kannst du mir verwehren, nicht auch für die ungeborenen Geschlechter zu leben? Flüstert nicht eine leise Stimme in meinem Inneren mir zu: Lebe für sie wir für deine eigenen Kinder. Wenn im Umkreis meines eigenen kleinen Lebens alles dunkel ist und ich verzweifeln möchte, regt sich in mir die Hoffnung bei dem Gedanken, daß etwas Edleres und Schöneres an der Stelle aufsprießen kann, auf der ich jetzt stehe." " Ja, aber du bringst alle gegen uns auf," wendete sie ein.„ Die angesehenen Damen besuchen mich nicht mehr, und es kommen fast nur noch arme Leute in deine Kirche. Geld hält zu Geld. Bestände deine Gemeinde aus Holländern, so würdest du immer predigen, daß man die Engländer lieben müsse und den Schwarzen Rücksicht schuldig sei. Hättest du eine Gemeinde von Kaffern, so würdest du von ihnen verlangen, sie sollten sich hilfreich gegen die Weißen zeigen. Du wirst nie auf der Seite derjenigen stehen, die etwas für uns tun können! Du weißt, was uns geboten wurde" " O Frau," antwortete er, was ist mir der Boer, der Russe oder der Türke? Bin ich für ihre Handlungen verantwortlich? Es iſt mein eigenes Volt, das ich liebe wie meine eigene Seele, dessen Handlungen mich angehen. Ich wünschte, daß, wo unsere Flagge gehißt würde, sich die schwachen und unterdrückten Völker der Erde um sie scharen möchten und sagen: Unter diesem Banner Herrscht Freiheit und Gerechtigkeit, die feinen Unterschied der Rasse oder Farbe tennt. Ich wollte, unser Banner trüge in Riesenbuchstaben die Inschrift:, Gerechtigkeit und Milde', so daß jeder Sohn eines Landes, in dem es neu entfaltet wird, unsern Wahlspruch erkennen könnte. Dann würde sich an uns die große Verheißung erfüllen: In diesem Zeichen wirst du siegen. Es wäre besser, wenn zehntausend von uns tot und besiegt im Dienste einer großen Sache die Walstatt deckten, und meine eigenen Söhne darunter, als jene zwölf armen Jungen, die in Doornkop fielen, damit sie die Taschen derer füllten, die schon Gold im Überfluß haben." Da sagte sie:" Was kommt es darauf an, wie du über diefe Sache fühlst und denkst; du als einzelner bist doch nicht imstande etwas auszurichten." „ O Frau," erwiderte er, du solltest an meiner Seite stehen und nicht mich herabziehen. Für mich gibt es in dieser Hinsicht nuc einen einzigen Weg, den ich gehen kann." Berantwortlich für die Redaktion: Frau Klara Bettin( Bundel), Wilhelmshöhe, Post Degerloch bet Stuttgart. Druck und Verlag von J. H. W. Diez Nachf. G.m.b.g. tn Stuttgart.