Nummer xmwtff 12. Mai 1921 — � � Unterhaltungsbeilage öes Vorwärts (T «kroberer und Denker. Qs Ich habe eiue Idee, sagt SokrateS, und daran setz' ich mein Lebenswohl und mein Leben selber, denn fremde» darf ich nicht. Ich habe eine Idee, sagt der Eroberer, und daran setz' ich Völker, Dörfer und Städte und erfülle meine und feind- liche Landcskinder mit Blutdurst und Fleischhunqer, und leide kein fremde» Dorf, da» nicht Tortur, und keine fremde Gasse, die nicht Elenden-Gasse heißt, und verdoppele die Sahara- wüste! mehr kann ich für eine Idee wahrlich nicht tun. Jean Paul. =C� Susanna im Habe. .,Sci»iteru»s»n an?» ck l I n" nennt De. Vernh. Wyß fein oip persönlichen Eeiebntsse» und Schiiderungen bedeutender Zeitgenosse» Vöcklin» zusommengestellte» Blichleiu, das in tiistlicher Frische des großen Schweiger Maler» liunst und Persönlichkeit hervortreten läßt.(Rheinoerlag. Basel und Leipzig.> Eine ainllsante Geschichte, die Böcllin» bekannles Bild„Susanna im Bade" zum Gegenstände hat, geben wir daran» wieder. In Zürich tauchte eine» schönen Tages ein Herr aus Berlin auf, der sich als ein feuriger Verehrer Bäcklins und Gottfried Kellers aus- gab und es durch irgend ein Empfehlungsschreiben erreichte, seinen Herzenswunsch zu erfüllen und des Künstlers persönliche Bekannt- schaft zu machen. Böcklin brachte eines Abends den fremden Gast an Gottfried Kellers Stammtisch, und der Herr aus Berlin kostete in stiller Andacht das Glück, den beiden berühmten Männern nahe- treten zu dürfen. Er benahm sich mit einer erstaunlichen Bescheiden- heit, schwieg die meiste Zeit und war nicht im mindesten zudring- lich. So wurde er in dem Kreise ruhig geduldet. Gelegentlich äußerte er zu dem einen oder andern von uns, sein größtes Glück wäre, ein Böcklin-Bild fein eigen zu nennen und in seiner Wohnung in Berlin als verehrtes Heiligtum aufhängen zu können. Aber leider erlaubten ihm als bescheidenein Privatmann seine Mittel nicht, für ein solches Bild die hohen Preise der Kunsthändler zu be- zahlen. Bevor er, angeblich auf einer Schweizerreise begriffen, Zürich verließ, faßte er jedoch den Mut, seinen Wunsch dem Künstler direkt zu offenbaren. Vöcklin ging gegen seine Gewohnheit sofort darauf ein und versprach, seinem Verehrer ein kleines Gemälde zu einem äußerst mäßigen Preise zu übersenden. Das Bild ging nach Berlin ob, und der Besteller war hochbeglückt. Nach ein paar Wochen las man in einer Berliner Zettung, daß dieses Bild bei einein Kunsthändler in Berlin ausgestellt fei, und nach kurzer Zeit war die Notiz zu finden, der Kunsthändler habe dies Werk zu hohem Preise vertauft. Böcklin war selbstverständlich im höchsten Grade überrascht, das zu oernehmen. Monate verflossen, und eines Tages erschien der nämliche Herr aus Berlin auf seiner sommerlichen Schweizerreise abermals auf der Züricher Bildslüche. Von Böcklin wegen jenes Bildverkaufes zur Nede gestellt, beklagte er in den rührendsten Tönen sein Miß- geschick. Den» wie man wisse, sei der betreffende Kunsthändler hinter jedem Böcklin-Bilde wie der Teufel hinter der armen Seele her: dieser geriebene Mann habe, als er von seinen» neuen Besitz- tum gehört, ihin und seiner Familie keine Ruhe»nehr gelassen, bis man ihm das Wert zur Ausstellung in seinem Kunslsalon über- lassen, und nachher habe er es einfach, ohne lange zu fragen, ver- kauft. Alle nachträglichen Proteste hätten nichts gefruchtet. Er stellte sich über den Verlust ganz trostlos und beschwor den Künstler, ihm als Ersatz für den schmerzlichen Verlust ein anderes Bild un- gefähr zu demselben Preise zu überlassen. Böcklin ging auf das Ansinnen ein. Das zweite Bild»vanderte nach Berlin und— nahm dort denselben Weg. Böcklin war wütend und sann im stillen auf grlmniige Rache. Die Gelegenheit dazu sollte sich bieten. Im Sommer tauchte der Verehrer wiederum in Zürich aus, diesmal noch tiefer unglücklich und trostloser als vorher, und bejammerte sein schlimme» Geschick, dos ihn de» liebsten Besitzes so schmählich beraubt hatte. Am runden Stammtisch im Pfauen fn Zürich brachte an einem Abend Böcklin die Rede darauf, daß er am liebsten auf Mahagoni- breiter male, weil diese vor jeder andern Tafel außerordentliche Vor- züge hätten, daß e, aber ungemein schwer sei, gute, tadellose Maha- gonibretter grvßern Formates zu erlangen. Der anwesende unglücklich« Böcklln-Berehrer warf, sich an den Künstler wendend, rasch ein:„Herr Professorl Wenn ich Ihnen ein tadelloses Mahagonibrett beschaffe, malen Sie mir dann ein Bild dorauf, das ich gerne meiner Frau zum Geburtstag schenken möchte? Selbstverständlich würde ich dafür sorgen, daß der Kunst- Händler diesmal nichts davon erfährt." Böcklin besann sich eine Weile, musterte seinen Mann mit einem Blick grimmigen Humors und sagte:„Ja, wenn Sie mir eine ganz tadellose Mahagonitafel von der und der Größe ver- schaffen, male ich Ihnen etwas darauf zum Geburtstag Ihrer Fraul" Der Handel wtnde auf der Stelle abgemacht, und der Berliner war seelenvergnügt. Nach einigen Wochen oder Monaten traf wirklich ein Mahagoni- brett von ihm ein: Böcklin, der diese Tafel als die vorzüglichste Malunterlage lobte, machte sich.in fröhlicher Stimmung an die Arbeit, etwas zum Geburtstag der Frau feines Verehrers dorauf zu nialen: er»nalte die„Susanna im Bade". Das Bild wurde fertig, und als es wieder Sommer war, klopfte. eines Tages der Berliner, der auf alle feine brieflichen Anfragen aus Zürich keine Antwort erhalten hatte, an Böcklins Tür, um sich nach dem Schicksal seines Mahagombrettes zu erkundigen.- Böcklin schilderte die nun folgende Szene sehr ergötzlich. „Ach ja, Ihr Brett. Ich»vußte gar nicht, was ich Ihnen zum Geburtstag ihrer Frau. darauf malen könne: das ist seh� schwer, und es fiel mir gar nichts Ordentliches ein. Da sehen Sie, was ich gemalt Habel Es fiel mir tatsächlich nichts Besseres ein," und er holte aus der Ecke die„Susanna im Bade" hervor. Der Berliner war sprachlos vor Verblüffung, während stch Böcklin mit grimmigem Vergnügen an feiner Verlegenheit weidete. Um doch wenigstens etwas zu sagen, stotterte der Verehrer:„Da« Wasser sei ausgezeichnet gemalt, wirklich beu»undcrnswert, aber er hätte doch eigentlich ein rein landschaftliches Bild vorgezogen." Böcklin verblieb dabei, es sei ihm nicht anderes eingefallen, und daran laste sich nun nichts mehr ändern. Der Berliner verreiste diesmal sehr rasch lind ließ sich das Bild nach Berlin schicken. Als die„Susanna im Bade" zu dem erwähnten Geburtstag in Berlin eintraf, gab es ein allgemeines Entsetzen. Die dermaßen beschenkt« Gottin erklärte rundweg, das abscheuliche Bild unter keinen Umständen im Hause zu dulden, und der Gatte sandte es wieder an Böcklin zurück mit dem Auftrage, er»nöge ihm auf fein Brett etwas anderes malen. Der Meister stellte es gelassen in den Winkel und sagte:„Sie»verden sehen, es dauert keine sechs Wochen, so wird einer aus Berlin kommen, der das Bild haben»vill." Als»vir es damals in Zürich zur Ausstellung brachten, gab es einigen Aufruhr unter den Ausstellungsbesuchern wegen Böcklins angeblicher Verliebe für häßliche Figuren. Aber der anfängliche Sturm»vandelte stch in allgemeine Heiterkeit um, als man vernahm, daß es sich in diesem Falle um eine wohlgelungene Künstlerrach« handelte. Denn»vohlverstonden. der vermeintliche Böcklin-Berehrer war. wie sich nachträglich herausstellte, nichts anderes als ein An- schicksmann des Kunsthändlers und dessen stiller Geschäftsgenosse. der den Auftrag hatte, auf diesem Umwege Böcklin-Bilder zu be- schassen, als der Meister jedes Verhältnis mit dem Kunsthändler aufgegeben hatte. Böcklin behielt recht. Die sechs Wochen waren noch nicht ver- strichen, als sich schon jemand aus Berti»» meldete, der die„Susauna taufte, um mit dem Aufsehen erregenden Bilde ein Geschäftchen zu machen, das denn auch nach der Aitsstellung in Berlin, wo alles sich vor Lachen schüttelte, nicht ausgebiieben sein wird. I �lus öen Zinanznöten öer ftanzöfifchLn Revolution. Von Max Ouarck. Nach den derühmten Wochen des Sommers 178S, in denen die Nationalversammlung der grohen französischen Revolution die Der- »inigung der drei Stände zu einer Volksvertretung, die Abschaffung aller Feudalrechte und die Zurückberufung des Reformministers Necker, de» Bankiers der Revolution, vollzogen hatte, kamen auch damals die schweren finanziellen Sorgen des jungen Bolksstaates. Der zurückgeholte Necker ging sofort an einen ersten Versuch, unter dem revolutionären Element die Finanzen zu ordnen. Noch während der Verfassungsbcratungen in Versailles in der Sitzung vom 24. September 1789 machte er der Nationalversamm- lung folgenden Vorschlag! Das Defizit der drei letzten Monate des Jahres 1789 betrag« 01 Millionen, und das des Voranschlags für 1799 8v Millionen. Erhebliche Abstriche und Einsparungen im Mi- litärbudget, bei den auswärtigen Angelegenheiten, bei den Staats- Pensionen, der Haushaltung des Köntg» und der Königin sowie die neuen Steuern aus die früher steuerfreien Personen und Ländereien sollten da» Defizit decken Helsen. Aber das langte noch nicht. Von einer Anleihe riet Necker energisch ab; man dürfe nicht so ungeschickt sein, den öffentlichen Kredit der neuen Staatsordnung so früh zu erschüttern. Da« einzige Mittel, die notwendigen Summen in diesem kritischen Zustand der Finanzen zu erholten, sei eine patriotische Abgabe, bei der jeder Bürger ein für ollemal ein Viertel seine» Ein- kommens abliesere.— Man sieht: der Gedanke de» Reichsnotopsers ist absolut nicht neu, und zwar, wenn man näher zusieht, bt« in seine technischen Einzelheiten hinein. Im einzelnen vorgeschlagen waren jene einmalige Abgabe eine» Viertels des steuerfreien Einkommens und«ine 2- oder Sprozentige Steuer auf das Vermögen an Silber- gerät, Bargeld und Kostbarkeiten. Der Nationalversammlung ging es trotz ihres revolutionären Schwungs 1789 genau so wie ähnlichen Versammlungen der neuesten Zeit, wenn fle hohe Steuern bewilligen sollen. Der Vortrag Neckers wurde mit betretenem Schweigen aufgenommen, und der bisher so beliebte Minister verließ den Saal ohne jedes Zeichen des Beifalls. In der Tat war die Lage der jungen Republik wirtschaftlich ebensowenig glänzend wie die aller Staatswesen, die stch durch«ine große politische Krisis von einer überwundenen Wirtschaftsstufe zur nächsthöheren hinaufarbeiten müssen. Und man muß schon eine ge- häufte Portion geschichtlicher Unkenntnis besitzen, um behaupten zu können, daß z. B. die deutsche Republik von 1918, vollends nach der entsetzlichen Blutentziehung de» Weltkriegs, ausgerechnet durch die Schuld ihrer Schöpfer wirtschaftlich schlecht dagestanden hätte. Mancher, wird staunen, wenn er hört, daß das revolutionäre Frank- reich von 1789, so stark auch der Enthusiasmus des ganzen Volkes war, der hinter ihm stand, doch im ersten Jahre und noch später kräftig um ganze Landesteile und Städte des französischen Bodens mit ihren Gegnern kämpfen mußt«. Die inneren Wirrnisse der deutschen Revolution seit 1918 reichen nicht entfernt an die Schwierig- keiten heran, mit der sich die erste französische Republik lange in ihrem Innern herumzuschlagen hatte. Dazu kam dann die unge- heuerliche Last der langwierigen, aber durch republikanischen Opfer- mut und Schwung siegreichen Koalitionskriege. Die Finanzoorlage Neckers am 24. September 1789. sollte möglichst rasch verabschiedet werden. Sie hat zwar das Papiergeldelend der jungen Republik auch nicht aushalten können, aber den ersten finanziellen Reformvorschlag nach der großen staatlichen Umwälzung wollte die Nationaloersanimlung schließlich doch mit möglichster Eile durchführen Helsen. M i r a b e a u griff dabei mit einer seiner großen Reden und mit einer charakteristischen Begründung ein. Er fu.irte am 26. September als Berichterstatter der Finonzkommission pathetisch aus: .Die Einkünfte de» Staates sind vernichtet. Der Schatz ist leer, die össentliche Gewalt ohne Hilfsmittel, wir müsien also helfen, schon morgen, ja heute, ja noch in diesem Augenblick. Unter solchen Umständen scheint es mir ebensowohl unmöglich, dem Finanzminister einen Vorschlag unserer- seit? zu machen, wie seinen Vorschlag zu prüfen. Selber«inen Vor- schlag zu machen, Ist nicht unsere Ausgab«, wir besitzen nicht eine ein- zige der vielen Vorkenntnisse, die unentbehrlich sind, um sich eine Vorstellung der Bedüifnisie und der Finanzquellen des Staates zu machen.... Das grenzenlose Vertrauen, das die Nation allezeit dem von ihr zurückgerufenen Finanzminister bewiesen hat, gibt Ihnen, wie mir scheint, durchaus das Recht, ihm unter diesen Um- ständen unbegrenztes Vertrauen unsererseits zu schenken. Nehmen Sie seine Vorschläge an, ohne sie zu garantieren, da Sie gar nicht Zeit gehabt haben, über sie zu urteilen: nehmen Sie sie an aus Der- trauen zum Minister, und glauben Sie, daß Sie Ihre Pflicht als Bürger und Volksvertreter erfüllen, wenn Sie ihm diele Art vor läufiger Diktatur übertragend Die kluge Haltung, die Mirabeau vorschlug, wurde nicht sofort auf allen Seiten des Hauses verstanden. Er mußte noch zu einer tiesergehenden Begründung greisen und rief dann in derselben Sitzung folgende Sätze in die Nationalversammlung: „Natürlich hätle ich starke Einwendungen gegen die Vorlage, wenn e» sich darum handelte, sie zu kritisieren. Unter den unendlich kritischen Umständen, in denen wir stecken, müßte ohne Zuhilfenahme des Kredits des Landes eine große Maßnahme vorgeschlagen wer- den. Ein Appell an den Patriotismus(die Steuerzahler für da» Notopfer sollten sich nämlich ohne Kontrolle selbst einschätzen) hat ganz erhebliche Bedenken. Besonders ist zu fürchten jener hochge steigerte Egoismus, der ein« Frucht der langen Angewöhnung an die Obrigkeitsregierung ist, jener Egoismus, der große Opfer für die öffentliche Ordnung und Sicherheit sehr gern sieht, nur unter der Voraussetzung, daß er nicht dazu beizutragen braucht. Zu fürchten ist eine Menge von Zwischenfällen, die jeden Tag eintreten können. Man muß ferner fürchten, daß die Umstände keine so rasche Rückkehr des all- gemeinen Vertrauens oersprechen, daß man von ihm sofort Gebrauch machen könnte. Wenn man sich also der Hilfsquelle der freiwilligen Steuerlei st ung bedient, so kann man Gefahr laufen, dieses gute Hilfsmittel allzu frühzeitig abzunutzen und es abzustumpfen für Zeiten geringerer Beunruhigung. Mit einem Wort: Vielleicht wäre jetzt von einer Zwongssteuer mehr Erfolg und Erträgnis zu erwarten. Und man sage nicht, daß dies« Art der Steuer unmöglich wäre.... Aber ich kann diese meine An- sichten nicht beweisen. Ich kann Unrecht haben und habe nicht die Zeit, mich zu vergewisiern, ob ich Recht oder Unrecht habe. Da ich aber im Augenblick eine Entscheidung für mein Vaterland treffen muß, so wähle ich den Plan, den das Vaterland aus Zutrauen zu seinem Urheber vorzieht." Das schlug durch, und die Nationalversammlung beschloß nach Mirabeau» Wunsch. Aushalten konnte, wie gesagt, auch diese erste, freilich wohl berechnete Vertrauenskundgebung des revolutionären Parlamente an den Finanzminister nicht die furchtbaren Fi- n a n z n ö t e, In die der jung« bürgerliche Volksstaat au» inneren und äußeren Gründen dennoch geriet und die auch Necker schließlich verschlangen. Jedoch wer kann nach der Schilderung des Voltstribunen die überraschend« Achnlichkeit der seelischen Stim- mung der Masien von damals und heute verkennen? Zrühling. Seltsam in den Himmel emporgehoben leuchtet alles. Wie von einer bösen Fee in düstern Winter verwunschen war die alte Stadt so lange. Nun aber flackert es auch In ihren Fen- stern! Gold perlt von den Türmen; die Wolken wiegen so leicht vorbei wie zarte Federn an den Frühlingshüten lachen- der Mädchen und Frauen. Wir sind verwandelt. Wir möchten sehr gütig sein zu allem, damit uns nichts in unserer Fröhlich. keit stört. Kein Feind sei rings: alle Menschenscelen sollen weiche Lenzwölkchen werden, alle Menfchenworte und Vogel- rufe in einer glückseligen Harmonie verschmelzen! O milder Tag.... Ich entrinne den engen Gassen, in die sich doch nur das jubelnde Licht zwängen kann. Ich muß hinaus. Nun wandre ich schon zwischen Villen, geschmiegt in bebende Gärten, die flüsternd dem Frühling das erste Blühen abschmeicheln. Hie und da äugt eine Knospe. Und da-- schaut man die sonnige Straße hinab aus junges Grün.... Es Ist eins un- sogbore, stille Liebe, die aus unseren Herzen über die zittern- den licht durchsichtigen Halme strömt. Der Port. Zuerst feiert man den Frühling mit dem silberflirrenden, tausend Schatten schwirrenden Bach mit! Man fühlt sich schlank wie er und rast mit ihm in die Auen hinaus. Auch die Seele spürt so milde Gründe wie die Tiefen des Parkes in sich. Sie fühlt sich vom Schwingen der Luft geküßt, die der Flug erster Schwalben erbeben macht. Plötzlich bannt's wie schwarzgepanzerte Gralsritter: im blinken Tauglanz ragen die Bäume, Mann an Mann. Die Aeste sind gebetgcweitete Arme. Die Wipfel sprühen gleich loderndem Haar. Sie seben aus, als erspurten sie ins Letz- wunderbarste die selige Macht dieses kellen Tages. Sie sind voll innerlichem Gesang. Man wartet, daß plötzlich einer von ihnen ein noch nie gehörtes Gedicht spricht.... So hingerisien ragen sie ins Blau! Alle lachen! Alles liebt! Oede wird selige Einsamkeit, Sinnen wird Traum, Sehnsucht aber fühlt, wenn auch nur einen einzigen Augenblick, da man die Arme weitet und die inbelnde Seele dem jubelnden Tag den ekstatischen Namen zu- schreit, das Glück in seiner Fülle. Alfred Hein. / Von Hermann Claudius Wann wir schreiten Seit an Seit Und die lieben Lieder singen And die Wölder wtderNingen, Kühlen wir: Es muh gelingen, Mit uns zieht die neue Zeit. Einer Woche Hammerschlag, Einer Woche Htaserquadern Zittern noch in unser« Adern. Aber keiner wagt zu hadern: Herrlich lacht der Sonnentag. Birkengrün und Saatengrün: Wie mit bittender Gebärde Hält die alt« Mutter Erde, Daß der Mensch ihr eigen werde, Ihm die vollen Hände hin. Mann und Weib und Weib und Mann Sind nicht Wasser mehr und Jeuer. Um die Leiber legt ein neuer Krieben sich. Wir blicken steter, Mann und Weib, uns an. Wann wir schreiten Seit an Seit Und die lieben Lieder fingen Und die Wälder widerklingen, Kühlen wir: ES muß gelingen, Mit uns zieht die neue Zeit. pfingstfreuöen im alten Serlkn. Von ZohnSchikowski. Seit der 18. März 1848 im 9. November 1918 einen überlegenen Konkurrenten erhalten hat, spricht man nur noch selten von der vor- märzlichen Zeit. Aber sie war doch einmal da, und den politischen und kirchlichen Zaruckern gilt sie noch Immer als die„gute alte", in der Zucht und Ordnung und stamme Sitte herrschten, im Gegen- satz zu der Verrohung und Verwilderung einer schlimmen Gegenwart. Es war im letzten Jahrzehnt des vormärzlichen Berlins, da- mals, als die Kiesernstubben der Jungfernheide noch bis zur Turm- strotze reichten und die Berliner an schönen Sonntagen nach M o a- bi t ausflogen, um Landlust zu genießen. Inmitten einer echt märkischen Sandwüste, die vom„Wolfsluch"(zwischen der jetzigen Werst- und Spenerstratze) und„Psefferluch" stimmungsvoll unterbrochen wurde, lag hier das waldartige Terrain der Plantage, heut« Kleiner Tiergarten genannt. Dieses übte eine besondere An- ziehungskraft aus die sesttägigen Naturschwärmer aus, die bei gutem Wetter zu Tausenden zusammenströmten, den Waldboden mit Stullenpapier garnierten, beim fliegenden Händler einen„Zigaro mit avec die fö" erstanden und sich die Zett durch muntere Spiele verkürzten. Namentlich zu P f i n g st e n bildete die Moabiter Plantage ein vielbesuchtes Ausflugsziel. Und der zweite Pfingstfeiertag war der feststehende Termin, an dem sich hier ein seltsames Stück Berliner Volkslebens abspielte, das aus die harmlosen Sitten der guten alten vormärzlichen Zeit ein charakteristisches Licht wirft. Sobald dl« Sonne untergegangen war. begann der Scherz, der ein etwas kräf- tiges Gegenstück zum Zylinderantreiben der Berliner Neujahrsnacht darstellt. Die Opfer waren junge Damen, die durch irgendwelche extravaganten Toiletten die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatten. Man stürzte sich auf sie und versuchte ihnen die Kleidungs» stücke vom Leibe zu reitzen. Und zwar nicht nur Hut und Mantel, sondern alles, bis aufs Hemd, und wenn es ging auch dieses. Man nannte das— ich weiß nicht woher der Ausdruck stammt—„einen Altgesellen machen". Da aber Jugend und Schön- heit, wenn sie weiblichen Geschlechts sind, nur selten ohne kräftige Beschützer auftreten, so konnte es nicht ausbleiben, datz der neckische Scherz sehr ernsthafte Prügeleien zur Folge hatte. Trotz- dem ging aus jedem dieser Festspiele durchschnittlich«in halbes Dutzend„Altgesellen" hervor, die jämmerlich zugerichtet, in die Ueberreste ihres ruinierten Feiertagsstaates gehüllt, durch den Moabitcr Sand nach Hause kneten dursten. Die Ortspolizci, be- stehend aus dem Herrn Viertel-Kommisiarius und seinem Fußgen- dorm, war nicht imstande, den alljährlich wiederkehrenden Szenen Einhalt zu hin. Am zweiten Psingstsciertage des Jahres 1838 hatte die Ge- schichte einen besonders schlimmen Ausgang genommen. Ein etwas nervenschwacher Altgeselle war splitternackt und ohnmächtig auf dem Festplatz liegengeblieben. Der Kö.iig erfuhr davon und entschloß sich energisch einzugreifen. Aus allerhöchsten Befehl wurde Kava» lerie zur Unterstützung herangezogen, d. h. die Moabiter Sicherheit« behörde wurde fortan um— einen berittenen Gendarm verpärkL Man mag heute über diese Maßnahm« lächeln, aber für die gut« alte Zeit genügte sie. Seit der sporenNirrende Plenipenschwtnge» das Pfingftvergnügen überwachte, haben die Dryaden der Plantag« keinen entkleideten Altgesellen mehr um Hilfe schreien hören. Unß die Edlen, die über die Zerstörung altpatriarchalischen Volksleben» klagen, müssen heute seufzend in die Nackt-Bars gehen. Die Muflk als voltsbilöungsmittel. E. Jos. Müller gibt im Heft 2/3 dc«„Polksdiidungoarchi»»� eine von warmer Liebe getragene Empfehlung der MusU als Volks» ttlmlichste und zeitgemiißeste Kunst. Wir geben daraus sein hoho» Lob dieser Kunst wieder, wollen aber ausdrücklich daraus hinweisen, da«»« daneben auch durchaus praktische Vorschläge zur Besserung macht. Die Musik wendet sich in erster Linie an das Gemüt: bamU bildet sie eine wertvolle Ergänzung zu den Erziehungs- und Bil» dungsmitteln, die in erster Reihe sich an das Gedächtnis und d«« Verstand wenden. Die beglückende und ethische Wirkung der Musik ist in ihrer Einwirkung aus das Gefühls- und Triebleben zu suchen. In den Zeiten der einseitig rationalen Erziehung(die auch jetzt noch nicht überwmtden ist), vergaß man zu sehr, daß das eigentliche Trei» bende, Motorische im Menschen nicht der Verstand, sondern da» Gefühl ist; es braucht uns daher nicht zu wundern, daß di« Rupk, dieses anscheinend so unnütze Fach, so sehr im Erziehungsplan««r- nachlässigt wurde. Und doch hat gerade dies« Kunst etwas in sich» das ihr auch die Wissenschaftler und Denker gewinnen sollte, näm» lich di« Fähigkeit, auch den Verstand und dl« Urteilskrast anzuregens denn noch immer hat es der Forschergeist vermocht(wenn auch erst nach langer Zeit), die kritische und theoretisch« Rechtfertigung sü» das zu erbringen, was der Künstler intuitiv geschaffen hatte. Di« Musik wendet sich an Herz und Kops zugleich. Wer nur in etwa» beim Musizieren oder Hören den Verlauf eines Stückes erkennen, di« Form analysieren will, der muß seine Berstandesträst« in hohem Maße schulen Produktives Zuhören ist überhaupt nur möglich aus Grund einer lebhaften Empfindung und eines klaren Denken«. Weil die Gemütskräfte, an die sich die Musik zunächst wendet, unabhängig von Bildung, Stand und Glücksgütern bei allen Mensche« zu finden sind, so sind(bis zu einem gewissen Grad«) vor der Musik alle gleich: es kann sogar sein, daß ein ganz einfacher, arme» un» gebildeter Mensch von der Musik mehr ergriffen und angeregt wirst als«in hochstehender Gelehrter.... Die Musik ist die eigentliche Gesellschaftskunst; sie bedarf zu ihrer Darbietung schon einer oft recht großen Zahl von Mitwirken- den, die dann vor einer oft recht großen Gemeinde allgemeine Ge» sühl« und Empsiniungen aussprechen und dadurch olle zu einer Einheit zusammenschließen. Familiensinn, Heimatliebe, Vaterlands» gefühl können durch die rechte Musik bedeutend angeregt und ge- fördert werden. In trüben Zeiten ist dl« Musik di« einflußreichst« Kunst, die die Menschen zusammenführt, ihnen gemeinschaftlichen Trost bringen kann. Damit hängt es dann zusammen, daß schwere Zeiten der Musik oft den größten Vorteil brachten, weil diese dann innerlicher, einfacher, volkstümlicher werden mußte. Ein anderer Punkt muß noch erwähnt werden: Keine Kunst ist so imstande, viele zu Künstlern zu machen, wie die Musik. Wer im Chor oder Orchester mitwirkt, ja, wer als Zuhöre? aufbauend, mitfchaffend der Musik folgt, erlebt wie jeder wirklich« Künstler die schönste Freude: Schöpferfreude. Das sind Momente von fo hoher erzieherischer Kraft, daß man sich darüber nur recht klar fein muß. Noch vieles ließe sich über den Bilduagswert der Musik sagen: es gibt eben keine volkstümlichere, erzieherischere und zeitgemäßere Kunst als sie, und man muß ernstlich fragen, wann endlich die Volks» erzieher, Behörden und Musiker die rechten Konsequenzen aus den» Erkannten ziehen werden und alles tun, um das musikalische Kultur» gut stuchtbar und die musikalischen Kräfte im Volk« stark zu machen. Wir haben schon klagen müssen, datz lang« nicht genug geschbcht. An den Schulen war der Gesangunterricht ein verachtetes, miß- handeitcs Fach: in den Lehrerseminaren beschnitt man den Musik- Unterricht und beraubte dadurch das Land feiner wichtigsten Musik- kuiturträger. Die Gebildeten stehen der Musik recht ser»: die Geist» lichen, die vor ihre Gemeinde als Künstler hintreten müßten, vermögen nicht, selbst primitivsten Kunstforderungen gerecht zu werden; di« Studenten begnügen sich mit dem Gesang ihrer Kommersltede». An den Konservatorien züchtet man Birtuosen und Artisten, ob«» kein« allseitig gebildeten Künstler, erst recht kein« Musikerzieher, kein« Apostel der Volkskunst. Alles das und mehr noch sind die schweren Siiniien der Unterrichtsanstalten und Behörden, di« wohl dem Drang» nach intellektueller Erziehung nachkamen,«ber dem Hunger noch Gemütvollem und Schönem nur einig« Brosamen anboten. Man kann nur lebhaft wünschen, hier möge doch bald und gründlich Ad- hilf« geschaffen meiden. Wissen unö Schauen Zohn herschel. Am 12. Mai sind 50 Jahr« verstrichen, seit zu London einer der bedeutendsten Astronomen des IS. Jahrhundert» nestorben ist. Sir John Frederic William Herschel war der Zweite »n der berllhinten Astronomendynastie, deren Begründer, der Hcm« noveraner Friedrich Wilhelm Herschel in seiner Jugend nach dem damals mit dem Königreich Hannover vereintaten England aus- wanderte, um. wie sein Vater, den Musikerberuf auszuiiven. Aber er beschäftigte sich schon frühzeitig in seinen Mußestunden mit Mathematik und Astronomie, und da er nicht die Mittel zum An- kauf eines größeren Fernrohres besaß, ging er selbst an den Bau eine» Spiegelteleskop» von mehr als zwei Meter Brennweite. Auf diesem Gebiet wurde er bahnbrechend, und mit Hilfe seines„Riesen- teleskop»" van fast 11 Meter Länge begann er mit größtem Erfolg die planmäßige Durchforschung des Himmel». Er wurde der Ent- deck« des Planeten Uranus, und die Welt der Doppelsterne, Nebel- flecke und Sternhaufen wurde erst durch dt« Arbeiten des älteren Herschel in den Kreis der astronomischen Betrachtui«gen gezogen. Eine Reihe anderer Entdeckungen und Beobachtungen erschlossen der Astronomie völlig neu« Gebiete. Eine treue Gehilfin bei seinen Be- obachtungen und Berechnungen war seine Schwester Karolin« Herschel. der auch dt« Entdeckung mehrerer Kometen gelang. So mar es begreiflich, daß sein Sohn, der am 7. März 1792 zu Slough bei Windsor geboren war. sich ebenfalls der Himmels- rund« widmete und in die Fußtapfen des berühmten Vaters trat. Gr erhielt seine wissenschaftliche Ausbildung an der Universität Cambridge, und setzte die von seinem Vater begonnene Beobachtung der Doppelsterne, Nebelflecken rmd Sternhausen fort. Im Jahre 1825 überreichte er der Royal Society einen Katalog von 380 neuen Doppelfternen, dem er im Jahre 1827 einen zweiten Katalog von 205 und im Jahre darauf einen dritten von 234 solcher Sterne folgen ließ. 1830 tellte er wichtige Messungen von 1236 Doppel- sternen mit, die er mit einem zwanzigfüßigen Reflektor gemacht hatte. Im gleichen Jahr veröffentlichte er genaue Messungen von 864 Sterne» und merkwürdige Ergebnisse über die Bewegung der Doppelsterne, zu deren Bahnbesnmmung er mehrere Methoden an- gab. Volle vier Jahre, von 1834 bis 1838, wellte er am Kap der Guten Hoffnung, um dort mit einem zwanzigfüßigen Spiegel- teleskop den ganzen südlichen Sternhimmel genau zu durchmustern. Bon hier aus regte er auch die Idee an, gleichzeitig an verschiedenen Orten meteorologische Beobachtungen anzustellen, ein Gedanke, der sväter mit dem größten Erfolge verwirklicht worden ist und der Ursprung der modernen Witterunoskunde wurde. Von 1850 bis 1855 war Herschel Direktor de? britischen Münzwesens. Die Zahl feiner wissenschaftlichen Schriften ist außerordentlich groß. John Herschel w»r zwar seiner Geburt und Erziehung nach Engländer: aber seine Bedeutung als Gelehrter, und sein wissenschaftlicher Weit- blick iruqen ibn hinaus über jede nationale Grenze und haben ihn tn die Reibe her Forscher gestellt, deren Wirken grundlegend für die Entwicklung der Astronomie gewesen ist. [BlD>ga. was die Wohnungsnot mit fichtbarem Erfolg« bekämpfen könnte. Das furchtbar« Wohnung»- elend läßt sich nur beheben durch die massenweise Herstellung neuer Bauten. Und da das Bauen wenigrc eine Frage der Baustoffe, son- dern vtelniehr eine Geldfrage ist, erscheint jeder Wink, der ein billigeres Bauen verspricht, in hohem Maß« willkommen. Das 30 Sellen stark« Büchlein berichtet von einem neuen Kon- struttionssystem, das der Architekt Baurat Rossius-Rhyn in Zehlendorf erdacht hat. Das Büchlein zeigt Zeichnungen verfchiede- ner Kleinhäufer von je 2—4 Zimmern, die grundsätzlich anders ton- ftruiert sind und die es durch eine sinnreiche Grundrißlösung offen- bar ermöglichen, die Baukosten nemienswert herabzumindern, die aber gerade durch die besondere Art des Grundrisses der Wohnung auch räumlich«inen besonderen Reiz geben können. Di« seit tausend Jahren übliche Bauart läßt bei einem Neubau zuerst die Umfassungsmauern enlstehen, auf denen nach dem Hoch- führen des einzelnen Stockwerkes die Träger aus Balken oder Eisen ausgelegt werden usw. Die Last des Hauses haben demnach die Außenwände zu tragen, weshalb sie entsprechend stark gemauert werden müssen. Rosfius läßt nun nicht mehr Balten und Dach auf den Außenwänden ruhen, sondern auf gemauerte» Pfeilern, die im Inner» des Hauses angeordnet sind. Auf den Pfeilern ruhen Unter« züge, welche die Baltenlast aufnelnnen. Die Balten überragen nach beiden Seiten hin die Unterzüge um ein erhebliches Stück und sind an ihren Enden mit den weit hinnbreichenden Sparren verbunden. Die Außenwände haben also nur die eine Funktion, die Wohnung gegen die Witterung zu schützen. Es kann dazu also jedes Msterial oerwendet norden, das isolierende Wirkung besitzt, z. B. Drahtzieget- gewebe mit Torfoleum-Leichtplatlen. Auch die inneren Schutzwänd« können aus Leichtmaterial hergestellt norden. Die 5>auptläum«. des Haufe» liegen in der Mitte und rechts und links davon schließen sich die Nebenräum« an, über welch« Rossius das Dach herunterzieht. Der Erfolg dieser sinnreichen Konsttuttion ist: größtmöglichste Ausnutzung eines kleineren kubischen Inhalts, Einsparung von den teuer ge- wordenen Ziegeln und eine gute Warmhaltung der durch die Neben- räum« gewissermaßen ummantelten Hauptwohnräum«. Um wieviel dies« neue Bauart die Kosten der Herstellung einer Wohnung verbilligt, ist tn dem Büchlein nicht angegeben. Ich will aber die Sache sofort praktisch erproben durch die versuchsweise Her- stellung eines solchen Häuschens und werde dann an dieser Stelle darüber berichten. Paul Schtegel. OllSHiil Urgeschichte Die Schädelfunde von Obercassel. Im Jahre 1914 wurden tn Obercassel, rechtsrheinisch bei Bonn, in der Hochterrasse de» Rhein- tales in ursprünglicher Lagerung zwei Skelette aus jungdiluvialer Zeit gefunden: sie lagen neben Knochen vom Renntier und vom Höhlen- baren, und man fand dabei auch geschnitzte Gerätschaften und Tier- knochen, also Anfänge von Zivilisation. Die Funde von Obercasset sind nun wissenschaftlich untersucht worden und es ist ein Wert dar- über erschienen von den drei Gelehrten Berworn, Bonnet und Stein- mann. Die beiden Skelette gehörten einem älteren Manne und einer jüngeren Frau an, die Aehnlichkeit der Schädelbildung deutet daraus hin, daß beide derselben Sippe angehörten. Bon der Neandertalform weichen diese Schädel ganz bedeutend ab, dagegen haben sie größere Aehnlichkeit mtt der edleren Cromagnon-Ralse und mit dem Schädel- fund von Chancelade. Es handelt stch also hier schon um vorge- ichrittenere Bewohner unseres Vaterlandes. Professor Fischer in Freiburg i. B. findet, daß die tn den Werten abgebildeten Schädel- formen eine sprechend« Aehnlichkeit mit den Schädeln der heutigen Eskimos aufweisen. Wacht man sich von beiden entsprechende Papier- vausen, so kann man sie fall völlig zur Deckung bringen: auch stimmen die Zahlen, die man durch Zirkelmessunaen erhält, sehr gut überein. Er will aber aus dieser Beobachtung noch keine Schlllsfe ziehen. Naturwissenschaft wie der Kuckuck seine Eier legt. Des Kuckucks Gewohnheit, seine Eier in fremde Nester zu legen, ist ja sprichwörtlich geworden. Aber genaue Beobachtungen über diese eigenartige Methode stnd schwer zu gewinnen. Nun ist es einem englischen Bogelkenner ge- lungen, dem Geheimnis der Frau Kuckuck auf die Spur zu kommen. und er enthüllt es in einem Aufsatz der„Daily Mail". „Während der letzten drei Somnier," schreibt er,„habe ich die vorher nie erreichte Gelegenheit gehabt, das Legegeschäst des weiblichen Kuckucks genau zu beobachten. Der betreffende Kuckuck wurde zuerst 1908 in einem kleinen Gelände sestgestellt, und ich fand, daß er neun Eier legte. Im nächsten Jahre kehrte er wieder an Ort und Stell« zurück, und ich stellte ltz Eier fest, die alle in Nester des Wiesenpiepers gelegt waren. Danials kam stch zu der Erkenntnis, daß der Kuckuck jeden folgenden Tag ein Ei'legte und unterbrachte, solange erreichbare Nester der Pflegeeltern vorhanden waren. Im nächsten Jahr machte ich nun folgendes Experiment, daß ich vorher die Zahl der vorhandenen Wiesenpieper auf dem Gelände feststellte und ihre Nester so anordnet«, daß sie von dem Ikuckuck beobachtet werden konnten. Es waren 21 Nester, und wirklich legte der Kuckuck Eier in sämtliche erreichbaren Nester der Wiesenpieper. Der Kuckuck sucht sich zunächst die Nester aus, indem er die Pflegeeltern genau beobachtet. War ein Nest fertig, legt« er un- weigerlich nach zwei oder drei Tagen ei» Ei. Dabei verharrte er auf einem Baum, von dem aus er das Nest sehen tonnte, etwa eine Stunde vollkommen bewegungslos, flog dann zu dem Nest hin und wieder zurück. Dann saß der Kuckuck aus dem Zweige längere Zeit wieder im Zustande vollkommener Ruhe. Plötzlich flog er mit ausgebreiteten Flügeln zu dem Nest, ließ sich darauf nur wenige Sekunden nieder und legte in dieser kurzen Zelt sein Ei. Zu gleicher Zeit entfernte er eins der Piepereier aus dem Nest." Riechen die Insekten, unterscheiden sie Farben? Zu diesen nicht allein wissenschaftlich, sondern auch beispielsweise für die Bienen- zucht praktisch interessanten Fragen liegen neuerdings zwei Beobach- tungen aus Oesterreich vor. Professor Zölß in Kremsmünfter de- richtet, daß ein„Taubenschivanz" �Schmetterling, Macrogiossa »tellatarurn) durch das offene Fenster in sein Zimmer flog und die an die Wand gemalten Btumen einer Bordüre eifrig absuchte, als ob sie echt« Blumen gewesen wären: es waren rot« Rosen mit grünen Bläitern. Derselbe Schmetterling flog dann an einen Jute- Vorhang, in den dunkelbraune Blüten eingewebt waren, und an ein Bild, das unter Glas blumenähnliche Figuren aufwies. Es war ein regnerischer Septembertag, an dem die Dustentwicklung der natürlichen Blüten wohl herabgesetzt war, so daß der Schmetterling sich vielleicht mehr von der Farbe leiten ließ als sonst. Professor Habert in Seitenstätten hat beobachtet, daß ein Taubenschwanz in gleicher Weise auf ein Heiligenbild zuflog, das u. a. einen Blumen- kränz zeigte: ein anderes dcneben hängendes 5)eilige»bild ohne Blumenkranz wurde nicht besucht. Trotzdem diese Beobachtungen recht sicher erscheinen, wird man doch keine bestimmten Schlüsse dar- aus ziehen dürfen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Schmeller- ltnqe sich lediglich von den Helligkeitsstufen und dem Formensinn führen lassen, während die Farbe keine Rolle spielt. Belonder« über den Fat bensinn der Bienen ist viel gestritten worden, ohne daß eine Einigkeir erzielt wäre, da jede Beobachtung' immer verschiedenartiae Deutungeu- zuläßt.