Nummer 22 Ak � a 2. �uni 1H21 AnterhaltuttHsbeilage öes Vorwärts Das paraöies. Von Ada M e n z. Der Schlafjaal lag, vom ansteigenden Garten aus erreichbar, ein paar Stufen tiefer, und diese drei Stufen pflegten jeden Abend unter Gelächter und Quieken mit einem Satz genommen zu werden, wenn die Achtuhrglocke im Hause der Armen Schulschwestern zu Utrecht ging, bei denen 130 Kinder feit ein paar Wochen einquartiert waren. Blasse magere kleine Gestalten, deren Körper und Seelen sich seit Iahren, täglich erschöpfter, angestemmt hatten gegen Ent- behrung und Not. Acht Wochen.— Wohl hörte man schon Lachen und sah rötere Väckchen, aber nun es wieder für diese hier heim- gehen hieß, um Nachfolgenden Platz zu mache», legte die Ober- schwester doch mit einem tiefen Seufzer die Päckchen frischer Bett- Wäsche zurecht, zum Neubezichen der 130 Lagerstätten, die heute abend wieder gefüllt sein würden. Jetzt standen die heute Abziehenden draußen in der Sonne in langen Reihen, wurden namentlich verlesen und erhielten— kleine Krieger— jene Erkennungsmarke wieder umgehängt, die Name und Adresse und Nationalität trug. Es war still. Zu still für Kinder, die heimfahren sollen zu Vater und Mutter. Der Abschied drückte! Jetzt wurde Karl Schmidt 3 verlesen, das magere Korlchsn, unter dessen Bett man in der zweiten Woche seines Aufenthaltes im Hause ein Bündelchen mit alten Semmelwccksn aufgefunden, die er sich vom ersten Tage seines Aufenthaltes in Holland ab vom Frühstückstisch für seine Mutter gesammelt hatte.— Wie unter einem gemeinsamen Seufzer hoben die Schwestern das Gesicht: man hatte ihn hier Charlie genannt, es klang weicher, als diese schweren deutschen Namen, und dieses Vürschchen mit sieb.en Jahren und der Körperlichkeit eines Fünfjährigen, schien auf alle Weichheit Anspruch'zu haben. Charlie war auch der letzte, dem sie Lebewohl sagten, und der einzige, dem die Oberin zum Abschied unter einem spontanen Impuls ein Heiligenbildchen zusteckte. Ein leuchtender Schutzengel war darauf zu sehen mit Flügeln und einem Schild aus Gold. Mit der Rechten zerteilte er ein Meer weißer Wolken wie einen Vorhang, hinter dem das Paradies im Glänze seiner Lilienwiesen leuchtete. Charlie hielt es die ganze ermüdende Eisen- bahnfahrt über fest in der Hand. Draußen flog das flache Land im Glanz der Frühlingssonne vorüber mit seinen Pappelalleen und Windmühlen am Horizont. In Venloe, auf der Grenzstation, hieß es umsteigen: demselben Venloe mit seinen Fabrikschlöten und Eisenbahnbrücken, durch das man vor acht Wochen mit dem„hol- ländischen Kinderzug" durchgebraust war, dem Land entgegen, in dem alle satt wurden. Um Charlie her rüstete und richtete sich alles mit armseligen Kösserchen und Päckchen, etwas von der Freude auf daheim war nun doch eingezogen. Dutzende von Mäulchen redeten und schwatzten durcheinander. Halten sie bisher vom verlassenen Glück geredet, so sprang jetzl, übergangslos wie ein Traum, Kinderort um in Erwartung des neuen Alten: Eltern, Geschwister, Schule. Der Zug fuhr schon langsamer, die Bahnhofshalle tauchte auf, die Rüder kreischten in allen Achsen— der Wagen stand. Hier, auf einem Nebengleis des Grenzbahnhofes sollte das deutsche Kinder- Hilfskomitee die Schützlinge empfangen. Schon standen die Kinder wieder in Reih und Glied aus dem russigen Bahnsteig. Die Halle war geschmückt mit Tannengrün und deutschen, österreichischen und holländischen Fähnchen. Aber das alles galt nicht den eben Ange- kommenen, sondern denen, die in einer Viertelstunde hier die Grenze passieren würden nach dem Land der Milch und des Weiß- brotes, der Puddings und Fruchtsäfte, dem zweiten Kinderzug nach Amsterdam, der am Monatsletzten fällig war. Heute war der Letzte. Also morgen der Erste.— Neben Karl stand der Pitter aus der Bolkerstraße. Der Monatserstel Sie sahen sich an mit altklugen Kindergesichtern. Brotmarken haben sie zum mindesten heute abend keine mehr zu Hause. Der Pitter steckte resigniert die Hände in die Taschen des Höschens und runzelte die Stirn. Charlie sah geradeaus, den Schienenstrang entlang. Der Monatserste. Nun würde Mutter wieder tagelang auf den Geldbriefträger ioarten, ob der Mann, den Karl nicht Vat-r nennen durfte, die kärgliche Rate für sein Kind einbezahlt hätte. Zwischendurch würde der Hauswirt kommen und grob werden, das elektrische Licht war auch schon zweimal ab« gesperrt worden. Das Kind schloß die Augen, wie unter einer jähen Erschöpfung. Der Kopf brannte ihm so sehr wie des Nachts, wenn Mutters Schreibmaschine in dem winzigen Zimmer immer noch lärmte und er nicht schlafen konnte. Aber seinetwegen konnte Mutter nur Heimarbeit annehmen, und auch für die war nur des Nachts Zeit übrig. Ob man nicht noch einmal zurück sollte nach Holland, und noch eine Weile drüben bleiben, damit Mutter es besser hätte? Was hotten sie gesagt vorhin? In einer Vkrtr!- stunde käme der neue Kinderzug hier durch, hier, auf diesem Gleis? Ob er wohl hielt? Wenn er dann rasch ausspränge, oder sich hinten anhängte, wie bei den Lastfuhrwerken auf der Straße? Und ein- fach mitführe? Die Leute waren doch alle so freundlich gewesen, und würden es wieder sein, auch wenn er noch lange, lange bei ihnen bliebe. Das Kind begann benommen auf das Heiligen- bildchen zu starren. Genau so, wie der Engel auf dem Bild würde er der Mutter die Tür zum Paradies aufhalten, in dem es keinen Hunger mehr gab und keine schrecklichen Schreibmaschinen den ganzen Tag, die den Kopf so wirr und brennend machten. Ganz in der Ferne nahte jetzt etwas auf den sonnenleuchtenden Schienen unter Schnauben, Brausen und Hochrufen. Das war der Zug! Zwei gekreuzte bunte Fähnchen in den holländisch-deutfchen Landesfarben steckten vorn an der Lokomotive. Wie sie wehten und winkten! Die Kinder ringsum begannen Hoch zu rufen, die Herren schwenkten die Hüte. Wie fröhlich, wie leicht das alles mit einem Male war! Wein winkten sie denn so? Jetzt wallte dichter weißer Rauch zur Halle hinein, wie der Wotkenoorhang, den der Schutzengel auf dem Heillgsnblldchen vor dem Paradieseingang zerteilte. Schon war die ganze Halle davon erfüllt, nun wallte er einnebelnd um Charlie Die Kinder'iefen noch immer Hoch und Hurra, der Piiter neben ihm schrie es ganz laut. Das galt ja ihm, Karl Schmidt 3 aus Duisburg, für den von heute ab seine Mutter keine Suppe mehr zu kochen, kein Geld mehr auszugeben brauchte! Zerteilend streckten sich die mageren Knabenhändchen in den Loko- motivrauch. Wo war er denn? Schon wieder in Utrecht? Seine Füße fühlten die vom Garten abwärts führende Schwelle in den großen Schlafsaal hinunter, dicht, dicht über sich, schon halb im Traum, sah er ein erstes Stückchen rot und blau von den Blumen- wiesen der ewigen Seligkeir. Als man das, was von Charlie noch übriq war, zehn Minuten später in der Sanitätsbarack- neben dem Ranzlerglels auf den Schrägen bettete, fand sich bei dem vernichteten Kinderkörper auch die Erkennungsmarke wieder. Name und Adresse waren verwischt, nur zwei Worte noch lesbar: Staatsangehörigkelt Deutschland. Mittag. Heber den Jeldern brenn! Warten. Schweigender 2Mttag hängt über dem gelben Kies. Verheißung hieß uns auszieh'n am Morgen. Nun stehen wir in dem flammenden Garten des Lebens. Wo blieben die wehenden Bänder unsrer Erwartungl Wolken fliehen. Schatten fiel auf unseren Weg. Heber den Felder» brennt Warten und in den herzen die Frage nach dem ersehnten Ziel. Herbert Georg. Das wahre Verstänönks öer Naturkräste. Von R. F r a n e o. Das in der Ziacht voin 14. zum 15. Mai über die ganze nürd- lichc Halbkugel hinweggegangene„magnetische Gewitter" hat die Aufmerksamkeit der Menschen wieder einmal auf Dinge ge° lenkt, denen sonst in den Nöten und Freuden des Alltags keine Be- achtung geschenkt wird. Es ist das auch natürlich, ja es ist sogar der Ursprung alles Wissens und damit auch der Kultur. Nicht das All- tägliche und stündlich Gewohnte, sondern das Seltene und Fremde reizt den Menschen zur Frage und Forschung, die dann freilich von da aus auch den Weg zu den Dingen findet, die uns ständig um- geben. Und dieses Verständnis ist dann das eigentlich Wichtige und Notwendige. So auch hier. Wer über das magnetische Gewitter nachdenkt, mündet bei der Frage des Magnetismus überhaupt und kommt dann auf einmal darauf, daß uns dorm Kräfte und Einflüsse auf unser Handeln und Leben umwittern, von denen wir letzten Endes gar nichts wissen. Denn was ist M a g n e t> s m u s? Es ist fo billig und nichts- sagend, zu antworten, es sei eine Raturkrast. Denn niemand weih, was eine Naturkcaft ist. N a t u r k r ä f t e sind die Erscheinungen, welche uns umspielen. Und zu ihnen gehört auch die Tatsache, daß bestimmte Eiscnstücke, die man zuerst in der antiken Landschaft Magnesia fand, die Eigenschaft haben, andere Eisenstücke anzuziehen. Und das nannte man Magnetismus. Nichts Ist damit gewonnen, als daß eine bestimmte Eigenschaft der Welt damit festgestellt ist. Es hat sich aber nun herausgestellt, daß diese Eigenschaft jedem Eisen verliehen werden kann, wenn man einen elektrischen Strom hindurchleitet. Man kann sie dadurch wenigstens für die Zeit der Einwirkung zu außerordentlicher Stärke steigern. Die elck- irische Klingel ist dem Wesen nach ein solches Eifenstück, das durch einen zeitweilig eingeleiteten elektrischen Strom magnetisch wird und dann ein anderes Eisenstückchen anzieht. Der Telegraph, das Telephon, die großen Dynanios, die Mehrzahl aller Elektromotoren, die elektrische Trambahn, das alles beruht auf der Tatsachs des Elektromagnetismus. Es hat sich aber auch herausgestellt, daß nicht nur das Eisen diese Eigenschaften besitzt. Der englische Naturforscher F a r a d a n, der seine Lausbahn als einfacher Laboratoriumsdiener begann und sie mit einem der glänzendsten Namen in der gelehrten Welt be- endigte, hat unter anderem gezeigt, daß man auch Kupfer oder Blei magnetisch machen könne. Sogar Glas oder Holz, auch Wasser oder Alkohol, ja sogar die Flamme einer Kerze oder ein beliebiges Gas. Kurz: daß alles, was ein körperliches Sein hat, mebr oder minder magnetisch sei. Der Magnetismus ist eine Welt- e i g e n s ch a f t. Von da ab war es viel verständlicher, daß die ganze Erde sich wie ein Magnet benimmt, was sich durch das jedermann be- kannte Verhalten des Kompasses am einfachsten nachweisen läßt. Die Erde ist(im Verhältnis zum Kompaß) ein seststchender Magnet. Und zwar einer, dessen Keast unaufhörlich wechselt. Denn alle elektrischen und magnetischen Erscheinungen werden von ihr bald stark, bald schwach beeinflußt. Offenbar wirkt etwas von außen aus den Erdmagnetismus Und alsbald entdeckte man, daß das die San n e sei. Auch sie ist ein ungeheurer Magnet und wenn auf ihr Aenderungcn eintreten, wie gelegentlich der Sonnenfleckenbildung, dann spricht man von einem„magnetischen Gewitter". Denn die Erde bekommt das gewaltig zu fühlen. Daß es gar nicht notwendig ist, die Ursache einer Erscheinung zu kennen, um sie danach benutzen zn können, hat zu der verderb- lichen und für die Seele des Menschen höchst schädlichen V e r- w e ch s l u n g von Technik und Kultur geführt. Es ist gonz unausrottbar geworden, der Glaube, daß Menschen die Tram- bahnen besitzen und Eisenbahnen, daß die Menschen in Flug- zeugen durch die Luft rattern und Telephon benutzen, eine höhere Kultur besitzen müssen als die Griechen des pythazoräischsn Zett- aiters oder ein Leonardo da Vinci oder die schweigsamen Denker, die in einer palm blattgedeckten Hütte am Ufer des Ganges Klen und tagelang durch unwegsame Wälder zu Fuß wandern müssen, wenn sie nach der Stadtmenjchen Gesellschaft begehren. Aber Technik hat m.it Kultur an sich nichts zu schaffen, und so wie man persönlich eine ausgezeichnete technische Bildung besitzen und ein großer Erfinder sein kann, ohne deswegen ein kultivierter Mensch zu sein, so ist es von einem Zeitalter, das in der Technik so Unglaubliches leistet wie das unsere, keineswegs von vornherein ausgemacht, daß es auch eine Kultur besitze. Kultur ist die harmonische Erfüllung des menschlichen Lebens, es kann daher ein armer, mit Not und Mühsal beladener Mensch unier allen denkbaren Lebensumständen ebenso zu seiucr vollendeten Kultur aufsteigen wie die Reichen und vom Dasein Begünstigten, denen man sie gewöhnlich allein zugebilligt hat. Zu dieser Kultur gehört ab«? freilich auch de» Ausstrich des Menschen mit seiner Umwelt. Und der kann nicht er» reicht werden, ohne das Verständnis der Natur. Daher wird eine hohe Kultur, die aus Vollendung auch nur einigermaßen Anspruch macht, dessen nicht entraten können, zu einem wirklichen Verständnis der Naturerscheinungen vorzudringen. Was für tech- nifche Zwecke genügt, das ist noch keineswegs das kulturelle Ideal. Und darin, daß diese Einsicht, wie ich in meinem Werke über „Die Gesetze der Welt"(München, F. Hanfstängl, 1921), des aus- führlichen dargestellt habe, keineswegs Gemeingut ist, sondern erst die Errungenschaft weniger erleuchteter Geister, steckt seine große � Gefahr, die man ja empfindet und in die Schlagworte vom Unter- gang des Abendlandes und dergleichen gekleidet hat, ohne aber auf den Kern der Sache zu beißen. Der ganze deutsche Schul- und Wissenschaftsbetrieb, wie er sich in den letzten Jahrzehnten her- ausgebildet hat, weiß kaum mehr etwas von den höchsten kulturellen Notwendigkeiten und Zwecken des Wissens, sondern schätzt alle Erkenntnis in einem grob materialistischen Sinne darauf hin ein, ob man es verwerten und technisch nutzbar machen kann oder nicht. Das war früher nicht der Deutschen Art. Ich möchte diese Art von Forschen und Wisscnsschätzung Amerika nismus nennen, denn sie ist so typisch für die Menschen über'm Meer. Sie blenden uns dort durch die wunderbaren Stiftungen für wissen- schaftliche Zwecke, sie haben dafür drüben eine freigebige Hand sondergleichen. Aber es ist sehr aufsällig, daß es noch nie einen großen amerikanischen Denker gegeben hat. Wenn das einer einmal eingesehen hat, darf er nicht müde werden, es seinen Volksgenossen immer wieder vorzusagen, daß es hier eine Gefahr für das Volk gibt. Nicht die industrielle Den- kungsart darf ein Volk leiten. Sie führt immer zu Einseitigkeiten und verliert langsam den eigentlichen Sinn des Lebens aus dem Auge. Um ein Vollmensch und dadurch glücklich zu sein, muß man auch stets das Ganze des großen Weltcrlebens vor sich als Ziel sehen; daher müssen dem Wissen wieder die früheren Sterns leuchten, sogar dann, wenn sie unerreichbar sind. Der Mensch ist semem wahren Wesen in dem Augenblick näher, in dem er frcimüiig bekennt: Wir wissen nicht, was Mag- netismus, was das Zauberbild, das in unseren Sinnen als Welt hängt, überhaupt ist, als wenn er, wie es jetzt nach amerikanischem Muster Mode wird, sagt: ich will das gar nicht wissen, denn mir genügt es, durch Elektromagneten die Kunst des„Geldmachens" zu vervollkommnen. KtonZ vor ösa Wahlm. Von Alexander Seidel. Votste, votate... I(Wählt!— Wählt!) Plakate überall, an den Mauern, an den Fenstern, auf der Erde, an den Straßenlaternen. Rote, grüne, grün-weih-rote. Namen, Namen, Programms. In den Straßen weihe Sonnenglut. Im Kaffes Eis und Zabaione. Im Kaffee Musik: Cavalleria rufticana, Foxtrot, Fascistenhymne und Bajazzo. 3suf den Straßen Fahnengeflatter, rot und grün-weiß-rot, Musik, die Internation als, die Fascisten- Hymne. Ein Bettler pfeift Santa Lucia. Aus den Plätzen Blumen- Verkäufer und promenierende Halbwelt, Panzerautos, Baedeker- beflissene Engländerinnen, Militär und schlafende Bettler. Aus der Via Por S. Maria biegt ein Zug Kriegskrüppel, man führt sie zur Tanteseier. Die hilflosen Körper ruhen auf blinkenden Gestellen, und die Gummiräder der Selbstfahrer gleiten lautlos über das Pslastcr.— Stille. Eine Rose taumelt durch die Luft, fällt dem elendsten der Armen in d-m Schaß.— Stille.— Taufende dnstschwsrcr Blüten sinken auf die blassen Menschen nieder. ihren Haaren glühsn Nelken, auf ihren Händen liegen kühle Lilien.— Frauen weinen.— Vorbei.— Jimmy, Foxtrot. An der Piazza Mttvrio Cmanuele entsteht ein Auflauf. Wildes Schreien, ein Schuß in nächster Nähe. Rasselnd schließen sich Ne'l- laden über Schaufenster und Türen. Das Kaffeehauspublikuni stürmt rückwärts in die Küche. Stille.— Drei Minuten später: Lachen und Musik, Kaffeetassen klappern. Halbwelt promeniert. Der Bettler schnarcht weiter. Ueber die Dächer klingen voll und getragen dii. Domglocken. Aus meiner Tasche sind 299 Lire ver- schwunden. Glückliches Volkl Alles ist Fest. Man berauscht sich im Er- inncrn an Dante, man berauscht sich an den Wahlen, am Klang der fließenden Reden. Man wirst Blumen und läßt Fahnen wallen, man lacht, svielt Foxtrot und Jimmy, schlürft Eis und— schläft.' � Aber unter allem ein dumpfes Zittern, Wühlen und Grollen. Aus schmutzigen Hütten flüstern verbitterte Stimmen, und einzelne Schreie klingen bis hinauf an die Zinnen stolzer Paläste. Aus engen Straßen summen aufpeitschende Marscillaisentöne... In den Tiefen ballt es sich, und Ahnungen zittern durch das Land..,, Nensth zu LNensth. Menschen» Menschen alle, streckt die Hände lieber Meere, Wälder in die Welt zur Einigkeit! Daß sich Herz zu Herzen sende: Neue Zelt! Starke Rührung soll aus euren Aufenthalten Alutgleich wellen um den Erdeball. Mensch-zu-Menschew-Liebe glühe, froh verhallen, Ileberall! Was gilt Westen. Süden. Rahe. Weitsein. Wenn Euch Eine weltentkreifte Seele millionenfälllgt! Euer Mutter-Erde-Blut strömend Ich- und Zeitseln llebecwältigti Menschen! Alle Ihr aus einem Grunde, Alle. Alle aus dem Ewig-Erde-Schoß, Reißt euch fort aus Geldkamps, Krieg, der Steinstadt-Runde: Werdet wieder kindergroß t Menschen! Zille! drängt zur Herzbereitschaft! Drängt zur Krönung Euer und der Erde! Ewiggroße Menschheitsfreunde, Welt- und Gotkgemeinschask Werde! Gerrit Engelke in:„Rhythnins de« neuen E u r o p a". lVerlag Eugen Diederichs. Jena.) Das„seheiZigte* Sienftmäöchen. Es ist keine neue Kalenderheilige, von der ich hier erzählen will. Es ist überhaupt kein« Person, sondern es ist eine Einrichtung, eine Institution. Es ist die Institution der Dienstmädchen, jetzt Haus- angestellten allgemein, von der ich etwas zu berichten habe. Warum ich diese Institution eine geheiligte nenne? Ja, daran ist mein Freund Klangsnack schuld, der mir sagte, als ich ihm mein« Note klagte: „Wundre Dich nicht, Du hast den Hausfrauen an das geheiligte D i e n st m ä d ch e n gerührt. Das verzeihen sie nicht." Was hatie ich denn getan? Es war eine Versammlung für 5)ausangestellts gewesen, in der hatte ich mein« Meinung dahin ausgesprochen, daß der Achistunden- arbeitstag mechanisch im Haushalt nicht durchzuführen sei, weil die Anforderungen verschiedener Hausstände allzu verschieden seien. Es müsse aber möglich sein, daß an allen Tagen, an denen nicht eiwa eine außergewöhnliche Arbeit wie gründlich Slcrnmachsn, Waschen vorläge, die Hausangestellte einige Nachmittagsstunden frei habe, um für sich etwas zu nähen, ein gutes Buch zu lesen, eine Besorgung zu machen. Sie müsse im Winter Gelegenheit haben, in einem warmen Raum sich aufhalten zu können. Es sei nicht angängig(wie es damals viel in unserer Stadt üblich war), daß mehrere mit Zentralheizung durchheizte Fremdenzimmer unbenutzt stünden, während das Mädchen in einer unheizbaren Bodenkammer schlafe. Es fei für die Hausangestellten ein nach Leistung abgestufter Lohn- taris aufzustellen, und sie müßten sich in ihrem Verband organ i- sieren, um Standesbewußtsein zu gewinnen und gemeinsam zu vertreten.— Das hatte ich gesagt und nichts weiter, und was wurde daraus im Munde der bürgerlichen Hausfrau? Ihr kennt vielleicht das Märchen von Andersen über die Macht des Gerüchts. Ein Huhn hat eine Feder verloren, aber wie es einer dem anderen weiter erzählt, wird zuletzt ein ganzer Hühnerhof daraus, in dem sich alle Hühner aus Liebe zum Hahn die Federn ausgerupft haben und gestorben sind. So hatte das Gerücht mich und das ge- heiligte Dienstmädchen gefaßt. Ich komm« nach Verlin.„Tante Lena," sagt meine Nichte,„ist es denn wi r k l i ch wahr? 5)ast Du zu den Dienstmädchen gesagt: Zieht euch jeden Nachmittag weiß« Blüschen an und geht spazieren, die Arbeit kann die Hausfrau machen?" Ich komme nach H.„Liebe Freundin," sagt Frau T.„Was machen Sie für Sachen? Erst sagen Sie in der Hausangestellten- Versammlung, jedes Mädchen solle künftig ihrer Herrschaft nur einen Teller aus den Tisch stellen. So viel Abwasch tue nicht Nötig, und wie Ihnen am nächsten Tage Ihr Mädchen nur«inen Teller auf den Tisch stellt, schlagen Sie Krach und sagen, Sie könnten unmöglich Braten und Nachspeise von einem Teller essen." „Leider erlauben mir meine Verhältnisse nicht Braten und Nach- speise, und eine Hausangestellte habe ich auch nicht," sage ich schüchtern. Aber sie glaubt mir nicht. Ich komme nach V.„Liebe Tante," sagt mein Neffe Karl,„wie kannst Du nur jedes Dienstmädchen auf der Straße anhalten und versprechen, ihr einen Mann zu verschaffen, wenn sie Sozialdemo- kratin wird?" „Blödsinn," sage ich— und reise ab. Und als Ich heim kam, sagt« mein Freund Klaugsnack da» Wort vom geheiligten Dienstmädchen. Da beschloß ich, einen anderen Wohnort zu wählen, denn hier fühle ich mich nicht mehr sicher. Vielleicht zeigt man mich nächstens dem Staatsanwalt an und behauptet, ich hätte die Dienstmädchen aufgefordert, alle bürgerlichen Hausfrauen totzuschlagen, und die Kindermädchen, alle Kapitalistenkinder zu vergiften. Und dann würde ich wohl kaum so liebenswürdig behandelt werden, wie wenn ich ein Hohenzollernprinz wäre, der Kapital ins Ausland verschiebt. Also ich warne cuchl Seht mein trauriges Schicksal an! Wenn ihr durchaus sündigen müßt, dann verleumdet, wuchert, lügt, betrügt, schiebtl Das weiche Herz der bürgerlichen Frau wird es euch ver- zeihen. Aber rührt niemals an das geheiligte Dienstmädchen, denn dann verdient ihr im tiefsten Höllenschlund zu braten und des Teufels Großmutter, die auch dienstbare Höllenhausangestellte hält, wird eine extra Roste schön heiß und rot für euch anglühen lassen. Lena. Zur Psychologie öes Geöaukenlesens. Das sogenannte Gedankenlesen, das immer wieder in Bor- führungen gezeigt wird, beruht auf der Wahrnehmung feiner, unbe- wußter Ausdrucksbewegungen, die dem intuitiven Erfasser dieser Dinge hinweise aus geistige Vorgänge übermitteln. Während aber der„Gedankenleser" sich mehr oder weniger vagen Vorstellungen über« läßt, hat die Wissenschast versucht, durch die Ausarbeitung exakter Methoden ganz sichere Ergebnisse in der Ausdeutung dieser unbe- wußten Ausdrucksbewegungen zu gewinnen. Ueber die interessanten neuesten Forschungen aus diesem Gebiet berichtet Otto Löwenstein in einem Aufsatz der„Naturwissenschaften". Man weiß, daß bestimmten Bewußtseinszuständen normaler, weise ganz bestimmte Ausdrucksbewegungen in Puls und Atmung zugeordnet sind und daß dadurch die Möglichkeit gegeben ist, die Natur einer Veränderung des Bewußtseinsinhaltes aus der Natur der auf« tretenden Veränderungen in der Puls- und Atcmkuroe zu bestimmen. Diese Ausdrucksbewegungen des Pulses und der Atmung, die von Veränderungen im Spannungszustande der Muskulatur abhängig sind, können auch unmittelbar nachgewiesen werden durch die Auf- Zeichnungen der Bewegungen des Kopses und der Extremitäten. Löwenstsin Hai diese außerordentlich seinen Bewegungen, die mit dem bloßen Aug« an der Versuchsperson selbst gar nicht wahrgenommen werden können, mit Hilfe registrierender und vergrößernder Appa« rate sichtbar gemacht. Sie lassen sich, ebenso wie die Schwankungen des Pulses und die noch größeren Schwankungen der Atmung, bei einem sitzenden Menschen in relativ geistiger Ruhe in mehr oder weniger gleichförmigen Schwingungen feststellen. Läßt man nun aus die Versuchsperson einen Reiz einwirken, so nimmt die Kurve sogleich eine andere Form an. Diese Veränderungen in der Haltungskurve von Kopf und Extremitäten sind ebenfalls als die Folge von Ver- änderungen im Spannungszustande der Muskulatur anzusehen, wie sie stets als Begleiterscheinung psychischer Borgänge auftreten, Während nun bisher die Atmung als der empfindlichste Anzeiger galt, hat sich durch die Versuche des Versassers ergeben, daß die Haltungs- kurven von Kopf und Extremitäten nicht nur sehr viel seiner rea- gieren, sondern auch sehr viel leichter zu bestimmen sind. Die praktische Brauchbarkeit dieser neuen Methode des wissen« schaftlich exakten„Gedankenlesens" ist außerordentlich groß. Sie läßt sich nicht nur in der Psychiatrie anwenden, um die Bewußtseinsvor- gänge bei Geisteskranken zu beobachten, sondern sie gibt auch bei der Anwendung aus geistig Gesunde interessante Ergebnisse. So stellte z. B. Löwenstein der Versuchsperson die Aufgabe, eine Zahl aus einem umgrenzten Zahlenkreise, z. B. von 1— 10, sich zu merken. Die Zahlen werden in stets gleicher Reihenfolge mehrere Male genannt, während zugleich die Haltungskurve von Kopf und Extremitäten auf- gezeichnet wird. Merkt sich die Versuchsperson z. B. die Zahl 6, so weist die Haltungskurve vor und hinter dieser Zahl Veränderungen auf, die als Ausdruck der Erwartungsspannung schon vor dem Nennen der Zahl und als Ausdruck der Lösung dieser Spannung sofort nach- her auftreten. Die gemerkte Zahl kann also danach bestimmt werden, ohne daß der Versuchsleiter sie weiß. Möchte man z. B. bei einem Verbrecher, der seinen Namen nicht angibt, feststellen, welcher von verschiedenen angenommenen Namen wirklich der seinige ist, so wird man dies auf diese Weise herausbekommen, denn der eigene Name hat für die meisten Menschen einen höheren Bewußtseinswert als jeder fremde Name, und diese Gefühlsbetonung des eigenen Namens wird in einer Veränderung der Kurve zum Ausdruck kommen. Ebenso verhält es sich bei den Tatumständen irgendeines Verbrechers. Auch hier wird sich beim Verhör die Gcfühlsbetonung gewisser Vor- stellungen ergeben, und man' kann daraus wertvolle Schlüsse auf die Tat selbst ziehen. Auch bei Menschen, die behaupten, sich an eine bestimmte Tat nicht mehr zu erinnern, kann nachgewiesen werden, ob dies wirklich der Fall ist. Cme VeLachini-AnZkdokc. Der berühmte Zauberkünstler Vel- lachlni— der erste dieses Namens— hat einmal in Kissingen einem Kurgast auf eine ergötzliche Weise heimgeleuchtet. Dieser Herr hatte die unerfreuliche Angewohnheit, beim Mittagessen an der Gasthaus- tafel die Brötchen, die in einem Korbe auf dem Tische zur all- gemeinen Benutzung lagen, in Menge zu verzehren, so daß die übrigen Gäste fast gar keine bekamen. Das Mißfallen, das der „gute Appetit" des Brötchenfreundes erregte, veranlaßte Bellachini, nach Verabredung mit mehreren Tischbekannten, diesem folgende eigenartige„Belehrung" zu erteilen. Als am nächsten Tage samt- liche Brötchen den üblichen Weg in den Magen des gefräßigen Herrn gegangen wären, äußerte von den Bekannten einer nach dem anderen feine Verwunderung darüber, daß keine Brötchen mehr da wären.„Nun," sagte schließlich Bellachini,„die hat wie bisher dieser Herr genommen. Würden Sie," so wandte er sich an den Bestürzten,„nicht die Güte haben, sie zurückzugeben? Sie gehören doch in den Korb hier und nicht in Ihre Taschen."„Mein Herr! Wie komnien Sie zu der Behauptung, ich hätte sie in meinen Taschen?!" brauste der Brötchenvertilgec auf.„Bitte, Ihre Taschen sind in der Tat voll Semmeln," antwortete Bellachini, und ehe der andere sich? versah, griff ihm der Zauberkünstler in die Taschen seines Rockes und zog im Umsehen ein halbes Dutzend Brötchen heraus, sie zur allgemeinen Heiterkeit auf den Tisch legend. Stumm, aber mit rotem Kopf, verließ der verblüffte 5)err den Speisosaal und kam nicht wieder. Orientdiplomakie. Golam Hussein— so erzählt Dr. Rudolf Biach im„Kunstwanderer"— ist ein armer Händler aus dem Bazar in Teheran, der eines Tages dem Gesandten einer europä- ischen Großmacht eine Vase zum Kauf anbot, die man kurz vorher in den Ruinen von Rhagar gefunden hatte. Es war ein tadellos erhaltenes Stück mit kobaltblauer Glasur und prächtigem Lüster, über und über mit Schriftzeichen bedeckt. Golam Hussein forderte den Preis von 2Sl1 Toman, ließ sich aber schließlich von dem ge- schäftstüchtigen Gesandten den Preis bis auf 100 Toman herunterhandeln. Der Diplomat, über diese billige Erwerbung hocherfreut, bot das seltene Stück nun dem Museum in der Hauptstadt seines Landes zum Preise von 1000 Toman zum Kaufe an. Aber nach einiger Zeit teilte ihm der Direktor des Museums mit, daß bw Vase eine ungeschickt gemachte, wertlose Fälschung fei. Darob er- grimmt, verklagte der Gesandte Golam Hussein. Die Richter traten zusammen. Der Gesandte setzte den Hergang auseinander und for- derte die Bestrafung des Händlers. Da trat Golam Hussein vor und sagte:„Ich bin ein armer Mann und habe Seiner Exellenz, dem Herrn Gesandten, eine Sache für 100 Toman verkauft, die vielleicht nur 10 Toman wert war. Aber Seine Exellenz, der Herr Gesandte, hat von mir eine Sache für 100 Toman gekauft, die er aus 1000 Tomanen schätzte. Wer von uns beiden ist der größere Betrüger?..." NaturwMnfthast Deutsche Prachtvögel. Wenn wir von Prachtvögeln hören, so denken wir gewöhnlich an die strahlend bunt gefiederten Bewohner der Tropen. Daß aber auch die deutsche Heimat solche farbigen Wunder der Bogelwelt in immerhin nicht unbeträchtlicher Anzahl auf- weist, wird vielen neu sein. In einem Aufsatz in„Westermanns Monatsheften" erzählt Julius Hochstädt von diesen deutschen Pracht- vögeln. Wohl der farbenprächtigste aller bei uns heimischen Vögel ist die herrliche Blaurake oder Mandelkrähe, ein Bewohner einsam gelegener Kiefernbestände, von denen aus er zur Erntezeit die Ge- treidefelder zu besuchen pflegt. Sein wundervoll abschattiertes Feder- kleid stellt eine Vereinigung von Blaugrün, Himmelblau, sattem Lasurblau und hellem Zimtbraun dar. Er ist ein Eindringling aus der Tropenwelt, denn unter den 32 Arten der Rakcnfamilie ist er der einzige, der bei uns brütet: er kehrt auch im Mai erst bei uns ein und zieht im August schon wieder ab. Der einzige in Deutschland brütende Vertreter der im übrigen tropischen Familie der Pirole ist der K i r s ch p i r o l. Auch er beglückt uns nur in der kurzen Zeit von Mai bis August mit seiner Anwesenheit, und seine prachtvolle Färbung, der weiche, melodische Orgelton seines Panrungsrufes sowie die wunderbare Technik seines Nestbaues haben ihm in der Volks- Phantasie als„Pfingstvogel" oder„Vogel Bülow" einen besonderen Platz gesichert. Beim Männchen stnd Kopf und Rumpf hochgelb mit einem leichten Anflug von Orangefarbe: auf den samtschwarzen Flügeln leuchten hellgelbe Flecken. Beim Weibchen herrscht ein mattes Olivengrün vor. Ein wahrer Prachtvogcl ist auch der Gimpel, Vlutfing oder Dompfaff. Obertopf, Schwingen und Schwanz find beim Männchen glänzend blauschwarz, der Rücken aschgrau, Bürzel und Unterbauch weiß, die ganze übrige Unterseite lebhaft hellrot. Als den Papagei des deutschen Waldes kann man den Fichten- kreuzsch nabel bezeichnen, nicht nur wegen der lebhaften Farbe seines Gefieders, die beim Männchen zwischen Rötlichzrau, Mattrot, Iohannisbeerrot und Orange wechselt, sondern auch wegen seines papageiartigen Benehmens beim Klettern und Nahrungsuchen. An das fliegende Prachtjuwel der Tropen/den Kolibri, erinnern zwei kleine Bewohner unseres Nadelwaldes, das gelbköpfige und das feuerköpfige Goldhähnchen. Nicht minder reizvoll sind das wcihsternige und das rotsternige Blau kehlchen. Unter den Spechten zeigen besonders der Grünspecht und der Große Buntspecht ein wahres Prachtgefieder. Als letzten Prachtvogel des deutschen Waldes lernen wir den Eichelhäher kennen, der schon durch das Weinrotgrau seines Körpers, den weißen Bürzel und das tiefe Schwarz des Schwanzes auffällt. Besonders schön jedoch ist die herrliche Zeichnung seiner Flügel, die auf schwarzem Grund einen reinweihen Spiegel und einen schwarzblauweiß gestreiften Schild aufweist. E||i]|| GesunöhMspMgT Speisen, die als Gifk wirken. Aus Amerika wird der Fall eines Studenten berichtet, der Selbstmord beging, weil er Eier jeder Art und in jeder Form nicht vertragen konnte. Es ist dies ein besonders krasser Fall' der bekannten„Idiosynkrasien", an denen manche Menschen leiden, indem sonst ganz harmlose und allgemein be- kömmliche Speisen bei ihnen Vergiftungserscheinungen hervorrufen. Man hat eine Liste von mehr als hundert solcher Speisen aufgestellt, die bei dafür disponierten Personen mehr oder weniger schwere Ber- giftungserscheinungen hervorgerufen haben. Unter diesen Nah- rungsmitteln befinden sich Eier, Fisch, Schweinefleisch, Kartoffeln, verschiedene Gemüse, Erdbeeren, Tomaten, Honig usw. Meistens werden bei dem Genuß dieser Speisen keine schweren Erkrankungs- formen hervorgerufen. Die Vergiftung kann sich in einem leichten Ausschlag zeigen, wie dies häufig nach dem Genuß von Erdbeeren der Fall ist: sie kann leichte Kopsschmerzen und Koliken, zur Folge haben: sie kann aber auch in starkem Erbrechen und sogar in voll- ständigem Zusammenbruch des Organismus bestehen. Diese merkwürdigen Erscheinungen werden nach der Annahme von Fachleuten dadurch hervorgernfen, daß sich in der Nahrung Ei- weisstoffe befinden, die sich mit dem Protein des Blutes und der Gewebeflüssigkeiten der betreifenden Personen nicht vertragen. Die Erkrankung ist also ein Warnungszeichen der Natur, um den Menschen von dem weiteren Genuß dieser für ihn schädlichen Stoffe abzuhatten. Wenn man diese nur vermutete Reaktion des Körpers auf einen bestimmten Stoff nachweisen will, so kann man Versuche mit verschiedenen Proteinen vornehmen, bis der schädliche Stoff ent- deckt ist. Um dies zu erreichen, wird ein Extrakt hergestellt, und dieser wird in einen kleinen Ritz eingerieben, der in der Haut des Armes gemacht ist. Zu gleicher Zeit wird ein Tropfen destilliertes Wasser in einen ähnlichen Ritz gebracht, um die Kontrolle zu haben. Das Vorhandensein eines schädlich wirkenden Proteinstoffes zeigt sich dann durch eine leichte Entzündung, die nach 24 Stunden um den Riß herum entsteht. Hat man eine gewisse Speise als schädlich entdeckt, so kann sie leicht vermieden werden. Aber wenn es sich dabei um eins der allgemeinsten alltäglichen Nahrungsmittel hau- dslt, so ist der Fall schon ernster. Man hat aber bereits versucht, die betreffenden Personen gegen gewisse bei ihnen wirksame Nah- rungsgiste zu immunisieren, indem das schädliche Protein in all- mählich gesteigerten Dosen injiziert wird. Ms öss prszew Zucker und Mais. Da ein Ende der Zuckernot— oder soll man sagen: des Zuckerwuchers?— nicht abzusehen ist, wendet sich ganz verstöndlicherweise Forschung und Praxis neuen Möglichkeiten der Zuckererzeugung zu und hat, worüber in dem Fachschristtum gegenwärtig freudige Erregung herrscht, auch schon im Mais nicht einen Ersatz, sondern einen voll zu nehmenden Konkurrenten von Zucker- rohr und Zuckerrübe, den zwei 5)auptlieseranten des menschlichen Zuckerbedarfs gefunden. Daß der junge Mais süß schmeckt und reichlich Zucker enthält, ist so gemeinbekannt: nm ist nur, daß es den Engländern D o b y und Stewart gelungen ist, eine hockst einfache Methode zur Erhöhung dieses Zuckergehaltes für die Praxis zu ersinnen. Sie besteht im wesentlichen aus nichts anderem, als daß man die jungen Kolben im allerersten Stadium ihrer Bildung ausbricht, mit anderen Worten, die Pflanze verhindert, Früchte zu tragen. Sie ist dann genötigt, ihren reichen Vorrat an Zuckersaft, aus dem sie sonst das Mehl der Körner bereitet hoben würde, in den Stengeln und Blättern zurückzubehalten und dadurch steigt der Gehalt an Zucker auf 17 Proz. von deren Gewicht. Das ist nicht Theorie geblieben, sondern in Pennsylvanien feit mehr denn einem Jahr in die Tat umgesetzt worden. Die Er« fahrungen der Maiszuckerfabrik von Murriysville, weiche jetzt vor- liegen, erfreuen unser zuckerhungriges Gemüt mit folgenden Angaben. Eins Tonne Maispslanzen gab 00 Kilogramm Kristallzucker und da in Pennsylvanien ein Hektar Boden 130—170 Tonnen Maispslanzen zu ernten gestattet, liefert er 11000— 15 000 Kilogramm Zucker, als Nebenprodukte noch Viehfutter und Alkohol sowie Pflanzenfasern. Diese Entdeckung verbessert nicht nur die Zuckerbilanz der Welt, sondern ist auch für die deutsche Zuckerproduktion unmittelbar wichtig. Denn in weiten Gebieten Deutschlands ist die Maisproduktion möglich, namentlich weil es sich nur um die Produktion junger Pflanzen, nicht aber um das Reifen der Körner handelt. Mais ist weit anspruchs- loser als die Zuckerrübe, feine gesamte Kultur ist müheloser und kommt billiger zu stehen. Schon die Maispflanzung im kleinen, bis herab zur Eartenkultur verspricht in dieser Hinsicht Gewinn. Im großen aber sieht die Zuckerindustrie der Welt eine wahre Umwälzung durch den Maiszucker vor sich. Und man hat es bereits ausgemacht, wie nun allmählich die Zuckerrübsrfelder verschwinden und durch das üppige Grün der Maispflanzungen ersetzt werden, da diese rentabler sind als ein gleichgroßes Rübenland. R. F.