Nummer 2S 14. Juli mt iinterhaltungsbeilage öes Torwarts- Dem hellen Geist ist jeder Ort ein Gotteshaus, Und als Orakel Gottes spricht zu uns Vernunft. MenanbroS. J Der Schmies. Von Emile Zola.') Der Schmied war ein großer Mann, der größte im ganzen Lande: er hatte viereckige Schultern, von der Glut der Schmiede und dem Eisenstaub der Hämmer waren Gesicht und Arme schwarz. In seinem eckigen Schädel trug er unter dem dichten Gestrüpp seiner Haare stahlblanke, große blaue Kinderaugen. Sein riesiger Kiefer lachte und atmete geräuschvoll wie ein Blasebalg: und hob er die Arme, in einer gewaltige Gebärde befriedigter Macht,— einer Gebärde, die die Arbeit auf dem Amboß ihm angewöhnt hatte— so schien er seine fünfzig Jahre noch wohlgemuter zu tragen, und lustig ließ er die„Jungfer" tanzen, ein schreckliches kleines Mädchen, einen Hammer von fünfundzwanzig Pfund Gewicht, den zwischen Vernon und Rouen nur er tanzen lassen konnte. Ein ganzes Jahr Hab ich bei dem Schmied verbracht, ein Jahr der Genesung. Ich hatte mein Herz verloren, mein Hirn verloren, hatte mich selbst geflohen und suchte mich, suchte einen stillen fried- lichen Arbeitswinkel, darin ich meine Kraft wiederfinden konnte. So erblickte ich eines Abends, nachdem ich das Dorf durchwandert hatte, die einsame flammende Schmiede, die am Kreuzweg der vier Wege stand. Die Glut war so stark, daß sie durch die offene Türe hindurch die Wegekreuzung überstrahlte und daß die Pappeln, die jenseits am Flusse reihenlang standen, wie Fackeln lohten. Eine hall� Meile weit hinaus in die milde Dämmerung klang mir der Rhythmus der Hämmer entgegen wie der Galopp eines anstür- wenden Regiments. Dann stand ich endlich unter der offenen Tür, im Licht und Lärm, im Donner der Schläge und war ganz glück- lich tm Anblick dieser Arbeit und dieser Hände, die rote Stangen drehten und platt schlugen. An jenem Herbstabend sah ich den Schmied zum erstenmal. Er schmiedete das Eisen eines Pfluges. Mit offenem 5)emd, das die breite Brust und unter ihr bei jedem Atemzug die Rippen sehen ließ, warf er sich zurück, nahm einen Schwung und ließ den Hammer niedersausen, und das unaufhörlich mit sanftem, gleichmäßigem Wiegen des Körpers, während sich die Muskeln sicher spannten. Der Hammer umschrieb einen regelmäßigen Kreis, stiebte Funken und ließ Blitze hinter sich zurück. Es war die„Jungfer", die der Schmied da in seinen Händen tanzen ließ, während sein Sohn, ein Bursche von zwanzig Jahren, das glühende Eisen mit der Zange hiell und auch zuschlug, mit dumpfen Schlägen, die der jauch- zend« Tanz des schrecklichen Mädchens verschlang. Tock, tock— tock, tock, es klang wie die ernsthafte Stimme einer Mutter, die ihr Kind zu seinen ersten Worten ermutigt. Die„Jungfer" tanzte weiter, schüttelte den Flitter ihres Kleides und, sprang sie vom Amboß, ließ sie im Eisen den Abdruck ihrer Absätze zurück. Eine blutige Flamme floß auf den Boden und beleuchtete die langen Värte der beiden Arbeiter, deren große Schatten sich bis in die dunkelste Ecke der Schmiede verloren. Allmählich wurde die Glut blasier, der Schmied hörte auf. Schwarz, auf den Hammer still gestützt, stand er mit schweißbedeckter Stirn, die er nicht einmal ab- wischte, ausrecht da. Im dumpfen Röcheln des Blasebalges, den sein Sohn mit müder Hand zog, hörte ich den Atem, der noch keuchte, und sah seine zitternden Rippen. ') Aus den soeben Im Verlag von Kiepenheuer in Potsdam er- schienenen„Gesammelten Novellen" Zolas. Abends übernachtete ich in der Schmiede, und ich ging nicht wieder fort. Oben, über der Schmiede, war ein Zimmer frei: das bot er mir an, und ich nahm an. Schon um fünf Uhr, noch bevor es hell wurde, nahm ich an der Arbeit meine» Wirte» teil. Ich erwachte durch das Gelächter des ganzen Hause», da» bis in die Nacht hinein von seiner gewaltigen Fröhlichkeit lebte. Unter mir tanzten die Hämmer. D e„Jungfer", schien es, warf mich aus dein Bette, klopft» an die Decke und schalt mich einen Faulpelz. Das ganze ärmliche Zimmer mit dem großen Schrank, dem Tisch aus weißem Holze, den beiden Stühlen, trachte und rief mir zu, ich sollte mich beeilen. Und ich mußte hinunter. Unten fand ich die Schmiede schon ganz rot. Der Blasebalg pustete, aus den Kohle« stieg eine blaurosa Flamme empor, darin die Rundung eines Sterne» unter dem Hauch zu glänzen schien. Der Schmied bereitete die Ar» beit des Tage» vor. Er kramte in den Winkeln voller Eisen, drehte Pflüge herum und untersuchte Räder. Bemerkte er mich, so stemmte der würdige Mann die Fäuste in die Seiten und lachte von einem Ohre bis zum andern. Es machte ihm zu viel Freude, mich schon um fünf Uhr morgens aus den Federn geworfen zu haben. Ich glaube, er machte morgens nur Lärm um des Lärmes willen, um alle Leute mit dem gewaltigen Glockenläuten seiner Hämmer z« wecken. Er legte seine großen Hände auf meine Schullern, beugte sich zu mir, als spräche er zu einem Kinde, und meinte, es ginge mir schon viel besser, seitdem ich mitten unter seinem alten Eise« lebte. Und jeden Tag setzten wir uns dann auf einen alten um» gestürzten Karren und tranken unvermifchten Wein miteinander. Oft verbrachte ich meinen ganzen Tag in der Stube. Besonders im Winter, wenn es regnete, verbrachte ich dort alle meine Stun» den. Ich interessierte mich für die Arbeit. Der beständige Kampf des Schmiedes gegen das rohe Eisen, da» er nach seinem Belieben formte, erregte mich wie ein gewaltige« Drama. Ich folgte dem Metall vom Ofen zum Amboß, sah voller Ueberraschung, wie es sich unter der siegreichen Anstrengung de» Arbeiters bog, dehnte und gleich weichem Wachs zusammenrollte. War der Pslug fertig, kniete ich vor ihm nieder, den formlosen Entwurf vom Tag« vorher vermocht« ich nicht mehr zu entdecken, ich prüfte dre einzelnen Stücke und bildete mir ein, ungeheuer starke Finger hätten sie ohne des Feuers 5?ilfe geformt. Bisweilen lächelte ich und mußte an ein junges Mädchen denken, das ich früher tagelang beobachtet hatte, wie es an einem Fenster mir gegenüber imt schlanken Fingern Messinstengel gedreht hotte, an die e» mit einem seidenen Faden künstliche Veilchen band. Niemals beklagte sich der Schmied. Ja, hatte er vierzehn Stun- den lang Eisen gehämmert, so sah ich ihn de» Abends noch sein gutes Lachen lachen, und zufrieden rieb er sich die Hände. Nie. mals war er traurig oder müde. Er hätte auch das Haus, wäre es eingefallen, auf seinen Schultern getragen. Im Winter fand et es schön warm in seiner Stube. Im Sommer öffnete er weit die Türe und ließ den Heuduft herein. Kam der Sommer und wurde es dunkel, dann setzten wir uns miteinander vor die Türe. Wie saßen auf der Mitte des Berghanges und konnten das Tal in seiner ganzen Tiefe übersehen. Er war glücklich über diesen riesige» Teppich bebauter Aecker, die sich gegen den Horizont im hellen Lila der Dämmerung verloren. Der Schmied scherzte oft und sagte, all diese Ländereien ge- hörten ihm, denn seit mehr als zweihundert Iahren versorge seine Schmiede das Land mit Pflügen. Das war sein Stolz. Keine Ernte reifte ohne ihn. Wäre die Ebene im Mai grün und im Iull gelb, so verdanke sie ihm diese doppelt schimmernde� Seide. Er liebte die Saaten wie seine Töchter und vergötterte die strahlende Sonne und hob die Faust gegen die losbrechenden Hagelwolken. Oft zeigte er mir in weiter Ferne ein Stückchen Land, das mir kleiner als sein Westenriicken erschien und erzählt« nur, in welchem Jahre er für dieses Viereck Hafer oder Roggen einen Pflug geschmiedet hatte. Während der Arbeit ließ er zuweilen seinen Hammer fallen: er trat auf bk Straße, und mit der �and über den Augen hielt er Auslchau. Er sah zu, wie die zahlreiche Familie seiner Pflüge den Boden aufriß und überall, geradeaus, zur Rechten und zur Linken Furchen zog. Das Tal war deren voll. Zahllos wie Regimenter auf dem Marsche sah man die Gespanne hintereinander hergehen. Silbern in der Sonne glänzten die Eisen der Pflüge. Und er hob die Arme und rief mich: ich sollte sehen, was für eine„verfluchte Arbeit" die leisteten. All dies klingende Eisen, das unter mir tönte, gab auch mir Eisen ins Blut. Das war besser als alle Apothek/rarzeneien. Ich war an diesen Lärm gewöhnt, ich brauchte die Musik der Hämmer auf dem Amboß, um mich leben zu fühlen. In meinem Zimmer, das der Blasebalg mit seinem Schnaufen füllte, besann ich mich wieder auf mich selbst. Tock, tock— tock, tock, das klang wie die fröhliche Uhr, die meine Arbeitsstunden regelte. Mitten in der Arbeit, wenn der Schmied wild wurde daß ich das rote Eisen unter den rasenden Hammerschlägen krachen hörte, hatte ich ein Riesenfieber in den Fäusten, ich hätte die Welt mit einem Zuge meiner Feder zermalmen mögen. Schwieg aber die Schmiede, schwieg auch alles in meinem Kopf; ich stieg hinunter, und, sah ich das besiegte Eisen, das noch rauchte, so schämte ich mich meiner Arbeit. Wie prächtig sah der Schmied zuweilen an heißen Nachmittagen aus: nackt bis zum Gürtel, mit hervorspringenden gespannten Mus- kein war er eine jener großen Gestalten Michelangelos, die sich mit äußerster Anstrengung aufrichten. In seinem Anblick fand ich die neue plastische Linie, die unsere Bildhauer mühevoll im toten Fleisch der Griechen suchen. Er erschien mir der durch Arbeit groß ge- wordene Held, das unermüdliche Kind des Jahrhunderts, das un- «ufhörlich das Werkzeug unserer Analyse auf den Amboß schlägt und dos im Feuer und durch das Feuer die Gesellschaft von Mor- gen formt. Er spielte mit seinen Hämmern. Wollte er etwas zu lachen haben, so ergriff er seine„Jungfer" und schlug aus Leibes. kräften darauf los. Dann ließ er den Donner bei sich grollen unter dem rosigen Hauch der Glut. Und ich hörte das Seufzen des Bolkes bei seiner Arbeit. In der Schmiede inmitten cher Pflüge wurde ich Faulheit und Zweifel für immer los. /Ute Neuigkeiten vom elettristhen Licht. Zu den vielen Revolutionen, die in diesen Iahren auf allen Gebieten stattfinden, gehört auch eine, die sich unbemerkt in aller Stille abspielte und nun wohl kaum mehr rückgängig gemacht werden kann. Dabei ist sie in ihren Auswirkungen von einer heute noch unabsehbaren Bedeutung. Um es ganz kurz zu fassen, worum es sich handelt: der nun zwei Menschenalter währende Kampf zwischen Gas- und Glühlicht- beleuchtung ist zu Ende. Das Glühlicht hat gesiegt. Das sind Dinge, von denen die Oeffentlichkeit wahrlich kaum etwas gewußt hat. Schon daß die Glühlampe, die doch jedermann für eine Er- rungenschaft der Gegenwart hält, in kaum zwanzig Iahren ihr hundertjähriges Jubiläum feiern kann, wird überraschen. Tatsächlich gab es aber schon in der Biedermeierzeit, kurz nach Goethes Tode, ernstliche und gelungene Versuche, den elektrischen Strom durch Ber- Wendung glühender Drähte als Lichtquelle auszunützen. Allerdings hat man an dieser Erfindung erst zwei Jahrzehnte herumexperimen- iieren müssen, bis es dem Genie von Edison gelang, die„Glüh- kampe" in eine industriemäßig verwertbare Form zu bringen. Das war um I8ö0. In den ersten Glühlampen glühte ein Streifen verkohlten Post- papiers(I), aber bald geriet man darauf, Bambusfasern zu ver- wenden und dann herrschte viele Jahrzehnte bis zum Aufkommen der Metallfadenlampen fast unbeschränkt der Zellulosefaden, den man in der luftleeren Birne glühen ließ. Trotzdem sich nun seit mehr denn fünfzig Jahren eigenUich Jedermann an den Gebrauch der Glühlampe gewöhnt hat, ist es notorisch, daß fast niemand im Publikum sie richtig gebraucht. Millionen werden jährlich aus dieser Unkenntnis heraus für nicht ausgenützten elektrischen Strom bezahlt und es hat bisher noch kein Mitkel gegeben, um die große Schar der Konsumenten dazu zu bringen, sich vor ihrem eigenen Schaden zu bewahren. Wenn auch eine Glühlampe eine Lebensdauer bis zu tausend Brennstunden besitzt, ist es doch nicht vorteilhaft, sie ganz auszunutzen, da sie ständig Kohleteilchen vom Faden wegschleudert(das ist der bräun- klche Uebcrzug an länger, benutzten Birnen), der dadurch dünner wird und wegen des wachsenden Widerstandes immer weniger keuchtet. Populär ausgedrückt: man zahlt dann Strom, der sich im Widerstand verliert, statt sich in Licht umzusetzen. Trotzdem wechselt niemand im großen Publikum die Lampen rechtzeitig aus und heute, da sie so teuer geworden sind, glauben die armen Konsumenten, besonders„sparsam" zu sein, wenn sie die. Lampen möglichst ausnützen. Sie sparen dann wirklich eine Mark dadurch, daß ihre Lichtrechnung sich um zwei Mark erhöht. Hier liegt ein Nachteil des elektrischen Lichtes vor, der die „Kampfkraft" gegen die Gasbeleuchtung, namentlich in den großen Städten, wesentlich schwächen könnte. Trotzdem ist die Glühlampe, wenigstens in Deutschland, unbedingt Sieger. Die wachsenden Kohlenpreise rotten das Gaslicht vielleicht noch schneller aus, als man denkt. Früher war das ja anders. Es war unmöglich, das Gaslicht völlig zu verdrängen, seitdem es durch die Einführung der Auer'schen Glühstrümpfe so billig geworden war. Eine Zeit hindurch war die Glühlampenindustrie dadurch sogar vor die Existenzfrage gestellt. Das waren die glücklichen Tage, in denen die Glühlampen so billig wurden, und deshalb sind damals jene wesentlichen Derbesserungen, die Wolfram- und die gasgefüllten Lampen usw. aufgetaucht, die man sich aus der heutigen Beleuchtungsindustrie gar nicht mehr wegdenken kann. Aber dieser Wettkampf ist zu Ende: die Kohle wird zu kostbar, der Tag wird sicher kommen, an dem man der Gas- beleuchtung den Nekrolog wird schreiben können. pofthorn-Gejchichten. Der Pfiff der Lokomotive, das Tuten der Automobilhupe, viel- leicht sogar das Surren der Flugzeugpropeller: das sind die meto. dischen Geräusche, die den Reisenden von heute in Stimmung ver- setzen sollen. Hört man heute auch wohl noch in irgendeinem ganz abgelegenen Gcbirgstälchen oder Dörfchen die bald fröhlich schmet-- ternden, bald lieblich verhallenden Klänge des Posthorns, so ist dieses Instrument doch das Sinnbild romantischer Reiselust geworden, und es lebt nur noch als Attribut der Post auf den Wagen und Kraft- wagen fort. Und so wollen wir denn in der Reisesaison etwas vom Posthorn erzählen, von seiner Entstehung, der Rolle, die es In der Geschichte der Post gespielt hat, von der Blütezeit der Posthornmusik, von seiner Verklärung in der Romantik und von seinem allmählichen Verklingen, Verhallen... Als gegen Ende des 15. Jahrhunderts die ältesten Boten- p o st e n als landesherrliche Einrichtungen zu festen O r g a n i- s a t i o n e n zusammengeschlosien wurden, da trat auch das Post- Horn auf zusammen mit dem P o st s ch i l d und dem P o st s p i e ß. Die Fußboten der Post trugen an einer um den Hals hängenden Schnur auf der linken Seite das Posthorn, auf der rechten die Brief- tasche, in der sie die wichtigen Schriftstücke bewahrten. In der Mstte der Brust hotten sie ein ehernes oder silbernes Schild, auf dem das Wahrzeichen der Stadt, in deren Dienst sie standen, eingegraben war. In der Hand führten sie einen langen hölzernen Spieß mit eiserner Spitze, den sie als Waffe gegen die Hunde oder räuberische Anfälle benutzten und mit dessen Hilfe sie auch kühn über breite Gräben sprangen. Ueber den Zweck des Posthorns erfahren wir das Folgende: „Es dient hauptsächlich dazu: I. damit aus den Ruf des Posthorns den Posten zur Nachtzeit die verschlossenen Tore und Bar«eren geöffnet werden: 2. damit diejenigen, welche den Posten unterwegs Briefe aufgeben wollen, sich auf dieses Zeichen ungesäumt cinftnden können: 3. damit die Ankunft der Posten den Leuten wegen Ab- holung der Briefe und Zeitungen bekannt werde: 4. damit aus das mit dem Hörne gegebene Zeichen jedes entgegenkommende Fuhrwerk ausweiche oder stillhalte: 5. damit bei Verirrungen des Nachts oder Gefahren und Unglücksfällen auf den Hilferuf Leute herbeieilen." Das Posthorn wurde so zur Zierde und zum Abzeichen des st a a t l i ch e n P o st i l l o n e s. Er allein durste es führen und bei bestimmten Gelegenheiten darauf blasen. Der Gebrauch des Post- Horns war allen Privatsuhrwerken durch besondere Verordnungen bei schwersten Strafen verboten. Es bildeten sich bestimmte Signale für die verschiedenen Arten von Posten: die Schnellposten bliesen anders als die gewöhnlichen, und beim Abfahren war ein anderes Signal üblich als bei der Ankunft, ebenso beim Passieren der Schlag- bäume oder für das Ausweichen anderer Fuhrwerke, Herden usw. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts finden wir bei verschiedenen Posten die Verfügung, daß der Postillon während der ganzen Fahrt vom Stadttore bis zum Posthause blasen soll. Er gab also ein kleines Konzert, und es ist natürlich, daß die Postillone ihre Ehre darein- setzten, auf ihrem Horn, oder wie es in Preußen hieß, auf der„Post- trompete" recht schön zu blasen. Die preußische Postordnung von 1812 z. B. befiehlt noch den Postmeistem, darauf zu achten, daß „fleißig und wohl geblasen wird". So bildeten sich allmählich P o st» hornvirtuosen heraus, die regelmäßig wiederkehrende Weifen bei Tag und bei Nacht durch Wald, Hain und Flur erschallen ließen. Die Landschaft gewann gleichsam eine melodische Stimme in den Musikvorirägen solcher Künstler. Gewisse Posten und Gegenden waren stolz auf die Leistungen ihrer Postillone, und es gab dann ganze Konzerte, indem sich die Führer des Hauptwagens und der Beichaisen zu Duetten, Terzetten und Quartetten während der Fahrt vereinigten und das Echo von fern antwortete. Das Posthorn verwuchs aufs innigste mit den Empfindungen der Lolksfeele, und unsere größten Dichter, ein Goethe, Lenau, Eichendorff, Möricke, Chamisso haben die Poesie des Posthorns in ihren Gedichten verherrlicht. Für die Romantik wurde diese Musik geradezu gleichbedeutend mit Reiselust und Reise- glück, und als in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Eisen- bahn den Postwagen als Beförderungsmittel immer mehr und mehr verdrängte und das geflügelte Rad als Sinnbild an die Stelle des Posthorns trat, da nahm man wehmütig Abschied von diesem lieben altgewohnten Brauch. Gar mancher sah in dem Verklingen und Ver- schwinden des Posthorns das Ende der guten alten Zelt und seufzte mit Scheffel: „Jetzt geht die Welt aus Rand und Band, Die Besten ziehen davon, Und mit dem letzten Hausknecht schwand Der letzte Postillon." Die Abgrenzung der polargebiete. Ueber die Grenzlinien, die die beiden geschlossenen Polargebiete von den übrigen, die Erde gürtelförmig umgebenden Zonen trennen, ist schon im Altertum gestritten worden, und auch heute herrscht in dieser Frage noch keine Einigkeit. Am einfachsten war es, die Grenzen astronomisch zu fassen, und so kam man dazu, als arktischen Kreis den nördlichen Polartreis zu bezeichnen, d. h. den- jenigen Parallelkreis, der vom Nordpol um den gleichen Winkel- betrag entfernt ist, den die Rotationsachse der Erde mit der Achse der Erdbahn um die Sonne bildet. Da aber dieser Winkel jährlich etwa um eine halbe Bogensekunde kleiner wird, so wandern auch die Polartreise im Laufe jedes Jahres um rund 30 Meter p o l w ä r t s, so daß der Flächeninhalt der beiden Polar- zonen im Laufe der Zeit kleiner wird. Die Vorstellung, es handle sich bei der astronomischen Festsetzung der Polargebiete um unverrückbare Grenzlinien, ist also irrig. Aber auch noch aus anderen Gründen eignen sich die nach astronomisch-geogrgphischen Gesichtspunkten abgegrenzten Polartreise nicht dazu, als feste Scheidelinien der Polargebiete zu dienen. Der auf diese Weise be- stimmte Nordpolarkreis z. B. reißt Zusammengehöriges ausein- ander und fügt Fremdartiges hinzu. Der südliche Teil Grönlands, der mit seiner gewaltigen Inlandsmasse ein typisches Polarland dar- stellt, wird dadurch von der Nordpolarzone getrennt, während das nördliche Norwegen mit seinen hochstämmigen Wäldern, seinem reichen Ackerbau und blühenden Handelsverkehr der Küsten dem Polargebiet zugerechnet werden müßte, mit dem es gar nichts ge- mein hat. Daher ist es aus praktischen Gründen am besten, die Grenze des Nordpolargebietes so zu ziehen, daß sie alle innerhalb des Nordpolartreises liegende Inseln umfaßt, die hinein- ragenden Konttnentalmassen aber ausschließt. Ein- facher läßt sich die Umgrenzung des festländischen S ü d p o l a r- g e b i e t e s angeben, da nur unbedeutende Teile des antarktischen Kontinents über den Südpolartreis hinausreichen und diese natür- lich von dem Kern nicht abgetrennt werden dürfen. Sehr viel schwieriger ist es, die beiden Polargebiete In den Meeresteilen scharf abzugrenzen. Hier legt man am besten nach einem Vorschlag Drygalskis die Eisverhältnisse zugrunde und bezeichnet die Polargebiete als„die Gebiete des Eises, die so weit reichen, wie dessen Herrschaft reicht. Die Meeresküsten ziehen dabei keine Grenzen, denn das Eis greift vom Lande über das Meer und vom Meer auf das Land über die Küsten hinweg! die Grenzen liegen also dort, wo das Eis sich verteilt". Nun unter- scheiden sich aber die beiden Polargebiete in dem Grade der Herr- schast des Eises, weil im Norden das Meer, im Süden das Land überidiegt. Die volle Eisherrschaft und die volle Polarnatur findet sich daher nur im Süden, wo die besten Borbedingungen für ein exzessives Klima und damit für eine geschlossene Vereisung bestehen, während im Norden der Kampf zwischen Eis und Meer herrscht. Die Grenzen des antarktischen Gebietes sind im Gegensatz zum arktischen übrigens noch nicht einmal zur Hälfte bekannt. Doch dürfte die Schätzung mit 14 Millionen Qua- dratkilometer das Richtige treffen, während die Landmafsen des Polargebietes nur etwa 4 Millionen Quadratkilometer bedecken. Gottfried Keller als Zabeldichter. Gottfried Keller hat seine unsterblichen Werke al« Erzähler ge- schaffen, und die Größe seiner Kunst liegt im Roman und in der No- »elle. Aber auch auf anderen Gebieten hat er um die Palme ge- rungen und sich besonders im Drama abgemüht, wie die zahlreichen Dramenentwürfe zeigen, die sich in seinem Nachlaß fanden. Sodann ist er als ästhetischer und politischer Schriftsteller mit seltenen,«ber ausgezeichneten Aufsätzen hervorgetreten. Daß er nebenbei auch ein Fabeldichter war, ist bisher nur wenig bekannt gewesen, und«» wird interessieren, ihn von dieser neuen Seite kennenzulernen. Die zwei kleinen Fabeln, die wir hier zum Abdruck bringen, stammen aus Kellers Münchener Zeit: er hat sie 1841 in fein Skizzenbuch ein» getragen. Der Dichter, der in seinen Werten allen Hochmut und alles Scheinwesen stets behämpft hat, nimmt in diesen reizenden Dichtungen die Eitelkeit auf» Korn, während die später»nt- standene tiefsinnige Parabel das Problem des Herrschen» und Beherrschtwerdens in seiner allgemein menschlichen Tragik erfaßt. Die Leuchtwürmchen und die Sterne. Zur Zeit der Abenddämmerung saßen drei oder vier Leucht» würmchen in einer Wiese unter den Kräutern und Blumen, und man sah, wie sie geheimnisvoll die Köpfe zusammensteckten, emsig hin und her krochen und sich eifrig besprachen, so daß man glauben mußte, es sei etwas sehr Wichtiges im Werke. Als nun die Nacht auf die Felder und Fluren herniedersank und die Sterne am Himmel erglänzten, da erklommen sie einen hohen Grashalm und sprachen zu den Sternen:„Ihr lieben StcrnleinI Ihr müßt gewiß sehr müde sein von eurem allnächtlichen Wachen, drum geht einmal ohne Sorgen schlafen, wir wollen indes die Erde für Euch beleuchten!" Die Sternlein lächelten einander an und verbargen sich zum Spaße hinter kleine Wolken: die Leuchtwürmchen aber glänzten die ganze Nacht hindurch aus allen Leibeskräften und am Morgen meinten die guten Tierlein, sie hätten die Erde erleuchtet. Vom Fichtenbaum, dem Teiche und den Wolken. Die herrliche Abendsonne beschien mit ihren goldenen Strahlen einen großen Fichtcnbaum, welcher an einer felsigen Berghald« stand. Sein stachliches Laub prangte im schönsten Grün, und seine Aeste waren wie mit Feuer übergosien und glänzten weithin durch die Gegend. Er freute sich diese» Glanzes und meinte, all diese Herr- lichkeit gehe von ihm selbst aus und sei sein eigenes Verdienst, so daß er sehr eitel ward und prahlend ausrief:„Seht her, ihr an- deren Gewächse und Geschöpfe um mich her, wo erscheint eine» in solcher Pracht wie ich edle Fichte? Gewiß, ihr seid\ chr zu bedauern, daß euch der Schöpfer nicht schöner geschmückt hat.' Die Sonne hörte diese eitle Rede und wurde darüber unwillig, so daß sie Ihre Strahlen von dem Baume weg auf einen dunklen Teich wandte,-der unten am Berge in tiefer Ruhe lag. Der Fichtenbaum sah nun so öd' und traurig aus wie vorher: der Teich aber bewegte sich freudig in kleinen goldenen Wellen und widerstrahlte das Bild der Sonne in tausend Feuerpunkten. Allein auch er wurde stolz darauf und glaubte am Ende, er selbst sei die Quelle aller dieser Klarheit, und oerspottete die anderen Gewässer, welche im Schatten lagen. Da wurde die Sonne abermals unwillig, zog Wolken zusammen, in denen sie sich verhüllte, und der Teich lag nun wieder in seinem düsteren melancholischen Grau wie zuvor und schämte sich. Die Wolken hingegen begannen jetzt zu glühen und scheinen wie Purpur und verbreiteten sich wohlgefällig am abendlichen Himmel, als die Erde schon im Schatten lag. Da wurden auch sie übermütig und riefen„Erglänzen wir nicht viel schöner denn die Sonne?" Und zum dritten Male wurde die Sonne unwillig, und indem sie hinter den Horizont hinabstieg, entzog sie ihre Strahlen den undankbaren Luftgebilden, und Wolken, See und Bäume verschwammen nun in der grauen Dämmerung, bis endlich die Nacht all diese eitlen Ge- schöpfe der Vergessenheit übergab. Parabel. Einer ging an den See des Lebens, um nach Menschen zu fischen? aber er sing nichts. Da kam ein Unbekannter und sagte: „Wenn Du Menschen fischen willst, so mußt Du Dein Herz an die Angel stecken, dann beißen sie anl" Jener folgte dem Rat, und so- gleich schnappten die unten nach dem Köder, rissen ihn von der Angel und fuhren damit in die Tiefe. Da wurde der Fischer betrübt. Allein bald wurde es ihm so leicht zumut, daß er aus die wilde See hin- ausfuhr und die Menschensische zu Tausenden mit dem Netze sing, und er war nun ihr Herr und schlug sie auf die Köpfe. Und der ihm den Rat gegeben hatte, war der Teufel. Wo der Seist ohne Furcht ist. da» Haupt man hoch trägt, wo Erkenntnis frei ist. wo die Welt nicht zum Bruchstück von engen häuslichen Mauern wird. Wo Worte aus Tiefen der Wahrheit kommen, Wo uoermüdet da» Streben den Arm der Vollkommenheit ausstreckt. wo der klare Strom der Vernunft seinen weg nicht verliert in dem trockenen Sand der Gewohnheit, wo der Geist, von dir geleitet, zu immer sich weitendem Denken und handeln geführt wird— Zu diesem Himmel der Freiheit laß. Vater, mein Land du erwachen» :aise von der Regierung gezwungen wurde, dem Publikum jeden Tag die Namen der Schauspieler be- kanntzugeben, die bei den Aufführungen mitwirkten. Bergebens ver- suchten die Theaterdirektoren sich diesem Gesetz zu entziehen, In dem sie eine schwere Schädigung ihrer Interessen sehen zu müssen glaubten, denn bis dahin war das Publikum ohne Kenntnis d»«uftretenden Schauspieler mit der Beruhigung Ins Theater gegangen, daß ihyr eine gut« Besetzung geboten würde. Wenn es aber vorher die B«, fetzung erfahre, so könne es, so fürchteten die Theaterdirektoren, voy» kommen, daß einer oder der andere vom Theaterbesuch absehe» werde, weil ihm die auftretenden Künstler nicht gefallen. Schlieft- lich triumphierten aber da» Publikum und das Gesetz über die Dir«» toren, und die Comedie, sowie die anderen Theater mußten sich her Anordnung fügen. Der erste dieser Theaterzettel mit dem Namensverzeichnls her Schauspieler verzeichnete die Borstellung von„Mahomet I.*, der berühmten Tragödie, die Voltaire dem Papst Benedikt XIV. ge- widmet hatte. Der Zettel gab auch die Stund« des Theateranfang» und den Preis der Plätze an. Jedes Theater hatte für seine Zet» «in« besonder« Farbe: die de».fjotel der Bourgogne" war rot, die de»„Hotel Mazarin"' grün und die der Oper gelb. Die Matze drr Zettel betrugen 30 zu 50 Zentimeter. Warum wird bei Gewitter die Milch sauer? Jede Hausfrau hat zu ihrem Schaden die Erfahrung machen müssen, daß nichts st» gefährlich für die Konservierung der Lebensmittel ist, wie ein Ge- wüter, das, selbst wenn e» bei mäßigen Temperaturgraden austritt den Zersetzungsprozeß von Fleisch und Milch ungleich rascher fördert, als es selbst große Hitze vermag. Am eklatantesten zeigt sich die Erscheinung bei der Milch. Wenn diese unmittelbar nach dem Ge- witter gemolken oder bei dem Transport von einem Gewitter heim, gesucht wird, so darf man sicher sein, dah sie sauer und im Zustande beginnender Zersetzung an ihrem Bestimmungsorr«intrifft. Ebenso wie sie in der Küche beim Gewitter gerinnt oder sauer wird. Es liegt nahe, diese merkwürdige Erscheinung aus elektrische Einwir- kungen zurückzuführen. Versuche, die im Pariser Pasteur-Institut vorgenommen wurden, haben indessen bewiesen, daß diese Annahme irrtüinlich ist. Es gelang der Nachweis, daß selbst winzige Mengen sauliger Gase genügen, um den Zerstörungsprozeh der Milch zu beschleunigen. Nun ist es aber bekannt, daß die Entladungen des Gewitters der Entwicklung der in der Erde befindlichen Gase den günstigen Nährboden bereiten, woraus es sich auch erklärt, daß wir nach einem Gewitter den Erdgeruch stärker wahrzuneh, m e n pflegen al» vorher. Es lag also nahe, zwischen der durch das Gewitter verstärkten Ausdünstung des Boden» und dem beschleu, nigten Zersetzungsprozeß der Milch und anderer Nahrungsmittel einen ursächlichen Zusammenhang anzunehmen. Um diesen Zu» sammenhang zu vermitteln, wurde am gleichen Ort und unter gleichen Umständen gleich alte Milch der Einwirkung der Bodenaus, dünstung einmal bei ruhiger Witterung und dann unmittelbar nach einem Gewitter ausgesetzt. Dabei wurde einwandfrei nachgewiesen, daß zwischen dem Tempo des Zersetzungsprozesses und der atmofphä- rifchen Depression dieser Zusammenhang tatsächlich besteht. Damit ist auch die Erklärung für die Veränderungen gegeben, die man bei anderen organischen Stoffen, wie bei Fleisch und Wildbret, sowie bei der Zersetzung leicht unterliegenden Flüssigkeiten unmittelbar nach einem Gewitter beobachtet. □»StmW Naturwiffenfthast Das Ende des Wisent». Von den beiden europäischen Wild- rindern hatte sich nur der Wisent bis in unsere Tage zu halten vermocht. Neben einem kleinen Bestand, den Fürst von Pietz auf seinen schlesischen Besitzungen unterhielt und der au» vier, 1805 von Bialowies bezogenen Tieren hervorgegangen war, kam die Art in freier Wildbahn nur noch an zwei Stellen vor: einmal in dem russischen Kronforst Bialowies, wo sich da» Tier eines weitgehenden Schutzes erfreute, und zum anderen an einer räumlich kleinen Stelle im Kaukasus. Im Waldgebiet von Bialowies, das im August 1915 in deutsche Hände fiel und bis zum Kriegsende auch unter deutscher Verwaltung stand, hatte der Bestand, als deussche Truppen in das Waldgebiet einzogen, bereit» unter den Kriegshandlungen gelitten: er war von 750 auf 150 zu- rückgcgangen. Infolge der von der deutschen Verwaltung ergriffenen Schutzmaßnahmen erholte er sich, aber beim Zusammenbruch der deusschen Front wurden die letzten Tiere teils von Bauern, teils von deutschen Soldaten erlegt. Auch in Schlesien scheint der Wisent durch den Grenzschutz völlig vernichtet worden zu sein. Aus dem Kau- kasus fehlen zwar neuere Nachrichten, aber es ist nicht anzunehmen, dah der Wisent dort geschont worden ist. So ist ein merkwürdige» Tier durch sinnlose Barbarei ausgerottet worden. Gewicht nqp Geschlecht bei Hühnereiern. Ein Naturwissenschaft» liche« Problem, das immer wieder ausgeworfen wird, ist die Frage, ob sich das Geschlecht der Hühnereier im voraus feststellen läßt. Nach- dem man aus der Form, Farbe und Größe der Eier weitgehende Schlüsse gezogen und sie sogar mit dem Pendelversuch auf ihre Mann- lichkeit oder Weiblichkeit geprüft hat, wird nunmehr das Gewicht al« ein zuverlässiges Kriterium herangezogen. Wie Dr. A. Bayer in Reclams Universum berichtet, steht nach den Untersuchungen von Lienhardt fest, daß die schwereren Eier von ein und demselben Huhn einen männlichen Keim, die leichteren einen weiblichen enthalten. Dieser Satz gilt aber nur für die Eier eines und desselben Huhnes. Immerhin können die Eier mehrerer Hühner durch Gewichtsfest- stellung miteinander verglichen werden, wenn die Hühner der gleichen Rasse angehören und sich in einem gleichmäßigen Gesundheitszustand« befinden. Zahlreiche Tabellen und Statistiken erhärten diese Be- hauptung, die jedenfalls ein einfaches Mitte! an die Hand geben würde, um dos Geschlecht der Hühnereier zu bestimmen.