Nummer 3� 2H.September?H2? ilnterhaltungsveLlatze öes Vorwärts <%>- Wenn aller Raketenspuk verweht, Der hoch ergötzt die lieben Kleinen, Dann werden in stiller Majestät Die alten ewigen Sterne scheinen. Paul H e y s e. ' Der Geiger Stefan �rmüther. Von Max Preis. In dem kleinen Fremdenort, umstanden von schönsten Berg- Missen, ist alle Mittwoch beim„Altwirt" Reunion. Die Kapelle „Lyra" spielt zerquetschte Walzer und hinkenden Foxtrott. Auf dem Gesicht des Bratschisten steht eine merkwürdige Geschichte ge- schrieben, wenn man will ein Rätsel. Das Rätsel ist unlösbar für den, der die Geschichte des Bratschisten erfinden wollte. Ein Herr aus der Mittwoch-Gesellschaft kennt die Geschichte und hat sie erzählt. Sie geht folgendermaßen: Der Mann, er heißt Stefan Armüther, versah zehn Jahre lang im kleinen Saal der Musikakademie seinen Dienst. Es war durchaus nichts gegen ihn einzuwenden, er war stets pünktlich zur Stelle, ver- gaß niemals, den schweren Deckel des Flügels hochzuklappen, wenn im weitab gelegenen Künstlerzimmcr ein paar ungeduldige Pianisten- Hände darauf warteten, vor einem plötzlich still gewordenen Publi- kum den ersten p'ü senden Akkord zu greifen. Er irrte sich aber auch niemals und klappte etwa den Deckel hoch, wenn vor den Tasten nur ein Begleiter saß, der um das Lied einer Sängerin harmonisches Geranke zu wirken hatte. Stefan Armüther trug die Noten auf ihren Platz, er schaltete das Licht ein und ans, er drehte im rechten Augen- blick die kleine elektrische Kipplampe an, kurz, er war ein durchaus zuverlässiger Mensch. Der Mufik ist er mit Leib und Seele verfallen. Er versteht auch etwas von Musik: ein guter Strich, ein retner Anschlag, die warme Farbe einer Stimme, o das hat er gleich heraus! Für die Feuer- werker, die technische Raketen in der: Saal prasseln lassen, hat er nichts übrig. Ganz zu Anfang seiner Laufbahn, da war es eigent- lich nur das Gefühl, mit all den Berühmtheiten gleichsam auf ver- traulichem Fuß zu stehen, das ihn beglückte. Es hatte schon etwas für sich, wenn sich die Menge draußen heiser jubelte, den schwach erhellten Korridor zum Künstlerzimmer zurückzulaufen und mit einem gutmütigen Augenzwinkern zu sagen:„Herr Kammersänger müssen nochmals'rauskommen, die Leute geben heute keine Ruh!" In diesem schmalen Gange lebte er die bunten Stationen emes Kttnstlcrlebens mit, den scheuen, tastenden Anstieg, die ersten Höhen des Erfolges, die umbrausten Einsamkeiten des Ruhmes, die trauri- gen Täler des Abstiegs. Aber das allein war es nicht, was ihn dauernd froh machte. Seine Freude wurde es allmählich. Abend für Abend vor die Leute, die unten saßen und die Kanäle vom Ohr zum Herzen freihielten, hlntreten zu dürfen, gleichsam als ein erster, noch sehr motter Strahl der autgangbereiten Sonne voranzufliegen. Er genoß immer wieder den einen kärglichen Augenblick der Spannung, wenn er zögernd und als wollte er nnt den Menschen unten spielen, die kleine Tür zum Podium öffnete. Die summenden Stimmen im �Saale fielen dann zusammen wie Flammen, die von einem plötzlichen Wasserstrahl getroffen werden, irgendein vorlauter, staunender Zuruf, der sich in plötzlichem Erkennen rasch wieder ver- kroch, begrüßte ihn. Manchmal wurde ihm sogar von ein paar Uebermütigen applaudiert. Gewiß, er war sich dessen vollkommen bewußt, dieser Beifall der Uebermütigen— vielleicht waren es auch nur die ganz Unwissenden— galt nicht ihm, er galt nur dem Frack des Saaldieners Stefan Armüther, den sie schon für den Frack des Sängers, des Geigers, des Pianisten gehalten hatten. Immerhin, es war ein schöner Augenblick: etwas, das weitere Unterschiede zwischen ihm und den Künstlern verwischte. Etwas, das ihn für Sekunden teilhaben ließ an dem Glück der Bevorzugten. Oft wenn ein unbekannter Künstler konzertierte, ging Stefan Armüther mit feierlichen Schritten bis in die Mitte des-Podiums— die Menge schwieg, sah unsicher zu dem Frack auf, zögerte, setzte zu einem zögernden Händeklatschen an. Wenn er nur den Mut gehabt hätte. Wenn er nur seine Geige gehabt hätte. Ja, man brauchte nur den Bogen anzusetzen, die Leute würden gleich spüren, was man konnte: denn er kann etwas, der Stefan Armüther..Er ging ja nicht umsonst jahrelang durch eine Lebensstraße, die mit Musik eingesäumt ist. Ja gewiß, das Publikum würde die Täuschung merken, aber— Donner nochmal— würden die Leute sagen, der kann ja was! Und so würde der Geiger Stefan Armüther entdeckt werden. Seitdem er diesen Gedanken nachging, legte er besondere Sorg- falt auf seinen Frack. Jeden Abend sah Stefan aus wie aus dem Schächtelchen. Seine Haare wellten sich nach berühmten Mustern, sein Auge vertropfte Feuer; die Bewegung, mit der er das Klavier aufklappte, war von schwer nachahmlicher Vornehmheit. Rur sein Gesicht hielt er fast innner geflissentlich der Menge abgekehrt. Auch den kleinen Mädels, die am Schluß des Abends Autogramme er- bettelten und das Künstlerzimmer stürmten, zeigte er sich nur ungern im trüben Licht der armseligen Korridorlampe. Und daheim geigte er, geigte— geigte. Denn sein Tag mußte ja noch kommen. Und er kam auch. Ein dänischer Geiger, den niemand kannte, spielte im kleinen Saal der Musikakademie. Der Däne ließ sein Instrument durch den Diener ganz gegen allen Brauch auf das Podium vorantragen. Der Weg vom Künstlerzimmer zum Saal ist weit. Stefan Armüther ging sehr langsam diesen Weg. Cr fühlte die Geige in seinen Händen: er fühlte sie ruhen: er sah sie scheu, zärt- lich an; ihm war, als glicht? das braune Holz. Der Resonanzboden lag wie eine leuchtende Schale in seinen beiden Händen. Da springt plötzlich ein junges Ding auf Ihn zu, hält ihm ein Blatt Papier hin, bettelt: Meister! Und er kritzelt, ganz ohne zu denken, im Dämmer- licht seinen Namen auf das Papier. Eine kleine Siebzehnjährigkeit steht plötzlich in seinem Weg. Stefan Armüther hat niemals jemand wirklich lieb gehabt. Das braune Holz der Geige leuchtet, die Saiten rufen, es spricht in ihm: für dieses Mädchen werde ich spielen! Nicht mit den zögernden Händen des Dieners, mit Herrscher- fingern klinkt er die Tür zum Podium auf, geht stark und mit der Sicherheit, wie sie nur ein Traum oerleiht, in die Mitte, verneigt sich, hört ein wunderbares Klappern von Händen, denkt nicht mehr: in zwei Minuten werden sie kommen, dich fortreißen, fühlt nur: jetzt wirst du spielen... jetzt wirst du spielen... Er ist jetzt völlig Kostüm geworden, völlig Maske. Einmal ist ihm, als ob sich in den prachtvoll dunkeln Schlund die Gestalt des Platzanweisers schöbe, doch da hat schon die Geige seine Finger geführt. Irgendwo hinten plötzlich ein Scharren und ein fragender Ruf... Und ein Rücken und ein Schütteln in der ersten Reihe. In Stefan Armüther steigt die Angst auf: sie haben dich erkannt! Und diese Angst schnürt seinen singenden Fingern die Kehl? zu. Aber sie haben ihn nicht erkannt. Eine Stimme schreit:„Uner- hört! So etwa- wagt sich vor das Publikum!" Und ein Chor ent- rüstet sich:.hinaus! Hinunter!" Ja, um Gotteswillen, das gilt nicht ihm, das gilt doch seinem Spiel, und er spielt ja für die Siebzehnjährige. „Nun aber Schluß mit dem Gekratze!" Die Hand des Stefan Armüther sinkt, und die gute Konzertgeige wäre vielleicht zu Schaden gekommen, hätte sie nicht der Sekretär des Musikoereins, der vom Künstlerzimmcr schnaufend angelaufen kam, noch rasch im Sturze aufgefangen. Stefan Armüther ist nicht mehr Diener in der Musikakademie. Er lebte ein wirres Leben und trank viel: nur auf die Musik konnte er doch nicht verzichten. Er hat sogar noch einiges zugelernt, soviel, daß er, wie Sie sehen, hier zerquetschte Walzer und einen hinkenden Foxtrott mitgeigen kann. Er hat es noch immer nicht begriffen, was ihm eigentlich widerfahren ist, nämlich: daß er schwächer war als seine Maske. Instinktiv aber hat er jetzt eine Maske gewählt, zu der seine Kraft noch langt. Märchen. Bon Karl Heinrich Krügen Es war einmal.. daß ich als kleiner Junge in der Dämmer- stunde wintertags zu Füßen meiner Mutter am eisernen Stubenofen hockte, in dem das Feuer anheimelnd knisterte, verträumt in die züngelnden Flammen starrte und mit atemloser Spannung den Märchen lauschte, die meine Mutter so schön allabendlich erzählte. Wohlbehagen, Gruseln, Begeisterung bis zur Ekstase und Todtraurig- keit nahmen mich abwechselnd gefangen, wenn meine Phantasie all die Schicksale und die Abenteuer der vielen Könige und Königinnen, der Prinzen und Prinzessinnen, die Taten und Untaten der Räuber, Zauberer und Hexen mir gar so deutlich vorgezaubert und mich jedes Märchen leibhastig miterleben ließ, und draußen die Schneeflocken gegen das Fenster anstürmten und die ncuousgcworfenen Holzscheite das hellodernde Feuer traulich knistern ließen und ich, eng an meine Mutter geschmiegt, ihrer Erzählung lauschte. Es war einmal..., daß ich als kleiner Junge im heißen Com- mer an einsamer Stelle lang auf der Erde im Grünen lag und den ziehenden Wolken am blauen Himmel nachschaute, daß jede Wolke mir dabei zu einer Märchengestalt wurde, die da oben in Riesen- größe, vom Sonnenspektrum grell-bunt umrandet, mir ein Märchen- spiel nach dem andern vorgaukelte, alles so natürlich, wie es sich nach dem unbedingt glaubwürdigen Zeugnis meiner Mutter zuge- tragen haben mußte. Und der Duft der Blumen, der Geruch der Erde und des quellenden Harzes der Bäume mögen ihr übriges dazu getan haben, daß ich mich selber immer mitten drin befand im Kampf der Heere gegeneinander, im Streit mit den Räubern, daß ich schöne Prinzessinnen erlöste, armen Leuten Gutes tat, mit der Ellermutter des Teufels Freundschaft schloß und manch andere mehr oder minder schöne Dinge tat. Und spürte nicht, wie der Geist der Märchen nach und nach völlig von mir Besitz ergriffen hatte. Es war einmal..., da las ich tage- und wochenlang Märchen, nur Märchen, und ich war froh und glücklich dabei. Und dann kam einmal die Stund«, wo ich nachzudenken begann. Die Könige und die Prinzen, die Königinnen und Prinzessinnen hatten es in den Märchen immer so gut, ihr Land war so glücklich und zufrieden. Es mußte also mit dieser Weltordnung wohl schon richtig sein. Oder doch nicht? Auch wir lebten ja unter der gleichen Weltordnung. War ich nun zufrieden, waren es meine Eltern, meine Geschwister, meine Verwandten, meine Bekannten? Rein, sie waren es nicht, sie konnten es nicht sein, weil sie sich samt und sonders tagtäglich um das liebe Brot zu sorgen hatten, während auf der andern Seite Ueberfluß und Ueberhebung maßlos vorhanden waren. In den Märchen wurde armen Leuten stets Gutes getan. Und in Wirklichkeit? Zuerst wurde ich traurig, dann zornig und dann wieder traurig. Die Märchen logen also. Die Weltordnung, die sie uns von Kindes- deinen an als die Weltordnung eingeprägt hatten, konnte nicht die richtige sein. Und schneller, immer schneller drehte sich das Rad der Welt- gcschichte. Wie im Fluge ging es durch die Jahre hindurch, bis zu der großen Umwälzung. Und heute soll ich meinem eigenen Kinde Märchen erzählen. Die alten? O gewiß, es sind soviel darunter, die muß ich ihm erzählen, weil sie gar zu schön sind. Aber dann wieder sinne ich nach. Es war einmal..., fast jedes Märchen beginnt mit diesen drei Worten, die nach der Bcrgangenheit deuten, die, ach, so schön war. Soll mein Kind auch wie ich einst von der Sehnsucht nach der Vergangenheit leben in seinen ersten Gedankengängen? Rein, das soll es nicht. Ich werde meinem Kinde erzählen nicht wie es elnmal unter Kaisern und Königen und Prinzen und Prinzessinnen, sondern wie es einmal sein wird, wie es einmal werden muß, wenn alle Selbstsucht der Menschen und damit der Keim alles Bösen überwunden ist, wenn es keine Bedrücker und keine Unterdrückten mehr gibt, wenn jeder Mensch einzig und allein nach seinem geistigen und seelischen Wert beurteilt und behandelt wird und nicht nach seiner Geburt und seinem Gelde. Erzählen werde ich meinem Kinde, wie schön es sein wird, wenn In keinem Lande der Welt mehr ein übermütiger Despot über das Wohl und Wehe eines ganzen Volkes bestimmen, wenn keine Riesen- finanzgruppcn mehr den Verbrauchern ihrer Erzeugnisse rücksichts- los das letzte Geld aus der Tasche ziehen, wenn durch Gesetz und Recht und Körperschaften das Wohl der Völker garantiert, wenn überall und gegen jeden soziale Gerechtigkeit geübt wird, wenn das Wohl der Gesamtheit einem jeden Menschen über dem Wohl des einzelnen steht. So oft und so schön will ich meinem Kinde davon erzählen, daß der Geist dieser Märchen mein Kind ganz durchdringt, daß es nur eine einzige Weltordnung als die Ordnung der Welt kennt und er- kennt, nicht wie es einmal war, sondern wie es einmal sein wird. Vor mancher Enttäuschung werde ich mein Kind dadurch in, Leben bewahren, zn manch hohem Streben werde ich es anregen. Und keine schmerzliche Erinnerung an das, wie es einmal gewesen sein soll, wird mein Kind quälen, wenn es später einmal an diese Märchen zurückdenken wird, sondern von der frohen Zuversicht wird es durch sein ganzes Leben hindurch sich tragen lassen, von jener erhebenden Zuversicht, die aus dem Anfangs- und Schlußsatz meiner Märchen herausNingt:»So muß es einmal werden, so wird es einmal sein." Hauptmann, Dehme! unö Weöekinö. Hermann Bahr hat die ganze Geistesbewegung des letzten Vierteljahrhunderts persönlich miterlebt. Wenn er einmal seine Memoiren schreiben sollte, wird er damit eine wichtig« Quelle für die Kunst und Kulturgeschichte bieten. In dem soeben erschienenen „Bilderbuch" finden sich interessante Erinnerungsblätter an bedeu- tende Zeitgenossen. Das Austreten Gerhart Hauptmanns in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts charakterisiert Bahr, indem er zuerst die gähnende Dumpfheit und chaotische Wirrnis jener Zeit schildert. „Da trat der junge Gerhart Hauptmann unter uns," fährt er dann fort,„eines schlesischen Gastwirts Sohn, Bildhauer zuerst, dann E?u- dent der Naturwissenschaft, eine Zeitlang schwankend zwischen Pri-' vatgelehrsamkeit und Literatur, unsicher erst nach seiner Lebens»" form tastend. Der wollte das alles auch, was wir alle wollten, er fühlte sich von denselben dunklen Mächten getrieben wie wir, aber er hatte das vor uns allen voraus, daß er auch tonnte, was wir alle wollten: er beschwor die Sehnsucht dieser neuen Zeit und zwang sie zur Erscheinung, ihm stand die irre Flucht unserer gierigen Ah» nungen, ihm ordnete sie sich, ihm fügte sie sich in feste Gestalt. Er war der erste Könner unter uns. Wir hatten die Geister gerufen, er aber gebot ihnen und lehrte sie gehorchen. So trat er unter uns, und gleich wußten wir: da ist der, nach dem die neue Zeit oerlangt." Wie Richard Dehmel bei seinem Eintritt in die Literatur wirkte, davon erzählt Bahr in einem anderen Aufsatz:„In den ersten neunziger Jahren begann Dehmel in Berlin umzugehen. Er siel gleich auf, irgend etwas Düsteres lag auf seinem verwühlten, er- schüttelten, von Qualen oder Aengsten oder Wünschen zerrisienen Gesicht, irgendeine Drohung umgab ihn. Er schien gezeichnet, und wer ihn so, in seinen Radmantel gerollt, vor sich hinschweigen sah. unter den Menschen oerirrt, mit Geheimnis behängt und immer, als ob er.von einer unsichtbaren Faust niedergedrückt würde, wußte nicht, ob er sich vor ihm fürchten oder seiner erbarmen sollte. E» trat ein Fremdling ein, wohin er kam. Sein Gesicht war hart, die Stirne voll Wolken, die Rase groß und heftig, ein rechter Zinken, wie man in Berlin sagt; es war ein trotziges Gesicht, aus einer tiefen Finsternis emporgestiegen, vergrämt und angstvoll, aber auch Ekel war darin, und auch Ungeduld, als ob es eine Verheißung ein- zufordern hätte... Er hatte irgendeinen inneren Feind bei sich, der ihn jeden Augenblick anfallen konnte, und er wünschte sich nur, es wäre schon einmal so weit. In dieser Erwartung saß er unter den jungen Leuten, auf den inneren Feind lauschend, um gleich über ihn zu stürzen. Sie sahen es ihm an: es war um ihn eine Stim- mung, als ob gleich irgendwoher ein Schuß fallen müßte. Wenn er aber seine Gedichte vorlas, dann fiel der Schuh..." Ueber Wedekinds inneres Wesen hören wir:„Er war lange Zeit eine Art Bürgerschreck, alle fromme Zucht und Sitte, die hei- lizsten Güter Europas gefährdend, Zigeuner, Satanist, wenn nicht am Ende gar der Antichrist in eigener Person. Wer ihm dann näher kam, war also sehr überrascht, einen gemesienen, förmlichen, fast feierlichen Herrn zu finden, der auf gutes Betragen ebenso selbst hielt wie bei anderen drang. Wir sind einst zusammen bei Rein- Hardt engagiert gewesen und ich erinnere mich heute noch, wie mit ihm in unfern Kreis immer«ine gewisse Würde trat, man ließ sich nicht mehr gehen, es war, a.» wäre fremder Besuch da. Doch nicht etwa Scheu vor seinem Ernst und nicht als innerlich fremd empfan- den wir ihn, sondern eher als einen gesellschaftlich Höheren, der uns unwillkürlich die Formen seiner Kaste auszwang. Er war gar nicht hochmütig, aber steif: er kam entgegen, hielt aber unwissentlich immer Distanz: er gab sich nicht bloß sehr höflich, er wollte sich freundlich, wollte sich herrlich geben, es kam aber schließlich selten über eine wohlgemeinte, doch etwas künstliche Leutseligkeit hinaus, fast wie wenn ein regierender Herr sich herabläßt, einmal im Zwischenakt auf die Bühne zu gehen, huldvoll verlegen. Und ganz so hat er auch im München am Biertisch seiner Getreuen Audienzen zu er- teilen gesucht. Er posiert den großen Mann, sagten die einen. Nein, er ist nur befangen, weil er, jahrelang deklassiert und aller Formen entwöhnt, sie jetzt übertreiben zu müssen meint, sagten die anderen. Keine der Erklärungen reichte mir zu, ich habe gleich auf den ersten Blick an die Notwendigkeit, Unschuld und Echtheit seiner Haltung geglaubt, dach verständlich wurde sie mir allerdings erst, als ich Ihn einmal daheim sah, in der Prinzregentenstraße. Er war, als ich kam, gerade fort, und so sah ich, ihn erwartend, bei seiner Frau, spielte mit den Kindern und konnte mir gar nicht gleich erklären, warum mir da so wohl war: es lag hier offenbar in der Luft, irgend etwas heimelte mich an, und ich sagte mir schließlich: sie ist aus Graz und du bist aus Linz, das wird das ganze Geheimnis seinl Und dann kam Wedekind herein, und flehe, hier war nichts von Befangenheit an ihm, obwohl er ganz von derselben Haltung wie sonst war, aber hier paßte sie her, und Ich hatte das Gefühl, daß hier auf einmal auch er aus Graz oder Linz war." Griginelle Demonstrationen. Von Egon Noska. Da es bei politischen Demonstrationen vor allen Dingen daraus ankommt, durch das Ungewöhnliche, besonders Ausfällige die Ge- iiüter zu erregen, so hat sich der Witz oft darin geübt, mit den ungewöhnlichsten Kraftanstrengungen, unter den größten Lebens- gefahren und mik ausgesuchtester List derartige Demonstrationen In Szene zu setzen. Auch in den letzten Jahren ist es wiederholt beob- achtet worden. Das von den Kommunisten geplante Attentat auf die Siegessäule galt wohl weniger der tieferen Bedeutung dieses Denkmals als dem Aufsehen, das gerade die Vernichtung dieses weithin sichtbaren Denkzeichens gemacht haben würde. Ebenso hat man rote Fahnen, Plakate usw. an Stellen angebracht, wo es nur unter Lbensgesahr und großer List geschehen tonnte. In Frankfurt am Main wurde Jahrzehnte hindurch alljährlich am 10. November, an dem Tage, an welchem einstmals in Wien Nobert Blum erschossen wurde, an irgendeiner auffälligen Stelle der Stadt zum Gedächtnis des Erschossenen eine Trauerfahne gehißt. Die Polizei war unablässig bemüht, diejenigen zu ermitteln, welche dies« Fahnen aufsteckten, und war jedesmal während der Nacht vorher deshalb in anstrengender Tätigkeit. Trotzdem flatterte immer wieder die Fahne an einer der belebtesten Stellen, die selbst während der Nacht nicht ohne Verkehr war, und niemals war es gelungen, den Demonstranten festzustellen. Einmal war die Fahne mitten im Wasser an einem halbfertigen Brückenpfeiler angebracht, »in andermal hoch oben an der Spitze des Domes, ein andermal wieder an dem Gipfel der Paulskirche,— nie hat man die Demon- fftranten entdeckt. Einmal,— es war, als die Fahne an der steilsten Spitze des Domes flatterte, die nur für einen geübten Kletterer mit großer Gefahr zu erreichen war, erhielt der Polizeipräsident eine Denunziation zugestellt, die den Namen des angeblichen Attentäters nannte. Der Polizeipräsident, erfreut, endlich am Ziele zu fein, srdnete die Verhaftung des Denunzierten an, und— der dickste Netzgermeister, den Frankfurt aufzuweisen hatte, wurde ihm als Zer gewandte Klettere.', der die Domspitze erstiegen, vorgeführt. Die Demonstranten hatten einen doppelten Erfolg. In Paris hatte man im Jahre 1868 mehrmals damit gc- droht, man würde, wenn eine bestimmte, lästige behördliche Verord- mmg nicht aufgehoben würde, demnächst den Leiter jener Behörde, die die betreffende Verordnung aufzuheben hatte, an der Vendüme» Säule hängen sehen. Die Drohung wurde entweder nicht beachtet, da man sie eben nur als lächerliche Renommisterei ansehen konnte, oder sie wurde als solche verlacht und verspottet. Eines Tages war aber doch ganz Paris nicht wenig entsetzt, als man wirklich an der Vendüme-Säule eine Person hängen sah, und es verbreitete sich schnell das Gerücht, jener Beamte fei in dieser schauerlichen Weise ermordet worden. Der Betreffende aber hatte nichts Eiligeres zu tun, als sich durch eine mehrstündige Fahrt durch die Straßen der Stadt der Bewohnerschaft zu zeigen. Die angeblich aufgehängte Person aber erwies sich als eine täuschend angekleidete Puppe. Wer sie dort aufgehängt hatte, ist nicht bekanntgeworden. Jedenfalls aber erwies sich in diesem Falle die Demonstration so wirksam, daß danach in der Tat die lästige Verordnung aufgehoben wurde. Zahllos find die auffälligen Demonstrationen ähnlicher Art, welche Jahre hindurch die Nihilisten in Rußland ausführten, und die nur möglich waren dadurch, daß sie ihre Verbindungen bis lh die höchsten Kreise hinein hatten. Es ist in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wiederholt vorgekommen, daß rote Fahnen dem Zaren selbst in der auffälligsten Weise bei besonderen Gelegenheiten vorgeführt wurden. So geschah es einmal im Kreml ' bei einer Neujahrsgratulatwn. Die Gratulanten versammelten sich in einem großen Saale— Großfürsten, Würdenträger usw.— eine glänzende Versammlung von Hunderten von Persönlichkeiten, die alle des Erscheinens des Zaren harrten. In dem Augenblicke sah Man erst, daß Im Lintergrunde des Saales, so daß die Blicke des hercintrctenden Zaren sofort darauf falle« mußten, zwei rote Fahnen gehißt waren.. Wann dies geschehen, wer es ausgeführt hatte, Ist nie entdeckt worden. Auch In der Schweiz ge'chahcn In den siebziger Jahren mehrere derartige originell« Demonstrationen. Tie russischen Nihilisten hatten sich dorthin geflüchtet, aber auch dort machte man ihnen das Leben recht schwer, und es wurde ein ausdrücklich« Verbot gegen das Hissen von roten Fahnen erlassen. Am Tag« der amtlichen Vcröffenllichung des Verbotes prangte an verschie. denen öffentlichen Gebäuden von Bern das verbotene Zeichen. Die Demonstration war um so unerklärlicher, als die Demonstranten unter den niederen Beamten dieser Schweizer behördlichen Gebsiulj ganz sicher kein« Gesinnungsgenossen hatten. Der alte Zeitz. Von Erna Büsing. Als er geboren wurde, war er mausegrau, wie alle weißen Pferde, die nicht einer direkten Schimmelzucht entstammen. Er hatte ein paar weiße Schwanzhaare, und in das Geburtsregister wurde er als Schimmel eingetragen. In frühester Jugend fristete er sew Leben auf einer Koppel. Er hatte richtiggehende Pferdemanieren, liebte den weiten Auslauf, rupfte hier und rupfte da und fraß lang« nicht jedes Gras, das Ihm unters Maul kam. Schlenkerte er mal gar zu arg mit seinem großen Kopf und stelzte gar zu unvorsichtig mit seinen langen Beinen, dann guckte seine Mutter ihn aus ihren dunklen, müden Augen eFtaunt an. Doch deren Blicke waren im steten Umgang mit den Menschen ganz Vorwurf geworden, daher nahm der Kleine solch stutzenden Blick nicht sonderlich tragisch. Als er noch nicht einmal richtig wiehern konnte, und man nicht wußte, ob sein Schrei Quäken, Schnauben oder ein Freudenjuchzer sei, gab man ihm bereits einen Namen. Man nannte ihn„Der alte Fritz"'. Warum, das hat der Gaul nie erfahren. Bald fand man heraus, daß Arbeit für ihn sehr nützlich sei. Und es war wirklich erstaunlich, was man solch jungem Pferde schon auf« bürden konnte und was solch junges Tier schon leistete. Der alte Fritz arbeitete willig. Eigene Gedanken und Lust zu Nebenwege» ließ die Schwere der Arbeit nicht in ihm aufkommen, daher sagte man, er habe ein gutes Temperament Er wechselte oft seinen Besitzer. Vor einem solchen Verkauf wurde er erst besühlt, behorcht. gekniffen, man interessierte sich für seine Zähne, er mußte Schritt gehen, traben, galoppieren usw. Jahrelang genügte er immer allen Anforderungen. Warum sollte er auch nicht? Er war willig und bekam gutes Futter, das man als Arbeitsleistung wieder aus ihm herauszog. Einen Grashalm bekam er nie wieder unter die Hufe. „Graspferde sind aufgeschwemmt und schwitzen leicht, man kann nicht das Letzte aus ihnen herauspressen," sagten seine verschiedenen Herren, darum wurde er niemals wieder auf eine Weide gejagt. Der Natur war er so entwöhnt, daß ihn ihr gegenüber sogar sein Instinkt verließ. So fraß er zur Weihnachtszeit einmal auf der Straße ein« Tanne an, weil er nicht wußte, daß sie stach. Als er 18 Jahre alt war, hatte er ein schneeweißes Fellkleid. Aber er hatte auch vier kaputte Beine, eine Brust, die vom Geschirr gleich wund wurde, einen Rücken, der immer schmerzte, und mehrere lose Zähne. Da verweigerte er den Zug. Nicht aus Bösartigkeit und Trotz, sondern weil er einfach nichl mehr konnte. Da schickte man ihn auf die Weide. Wäre er nun mit mensch- lichem Verstand begabt gewesen und hätte seine Gedanken immer aufs Jenseits gerichtet gehabt, wäre er jetzt wohl zur Ueberzeiigung gelangt, er fei gestorben und ins Paradies geraten. Ansichtspostkartenblau war der Himmel, saftig grün das Gras, bunt die Blunien. Aber der alte Fritz war müde, nichts als müde. Glockcnläuten, Bicnensummen, selbst Peitschenknallen, alles gehört« zu einer anderen Welt, die ihn nichts mehr anging. Man hatte für ihn viel böse Worte, Pflege und gutes Futter, denn es gehört ivirk» lich etwas dazu, solchen Schinder schlachtreif zu mache». Jetzt weiß ich, daß der alte Fritz nicht mehr ist. Denn in der kleinen Stadt herrscht große Aufregung unter den Armen: der Pferde» schlächter hat frisches Fohlenfleisch zum Verkauf. Sie eilen herbei, um auch mal einen Sonntagsbraten zu haben. Ich.weiß, die blassen, untcrernährten Kinder werden sich übernehmen, weil sie so fleisch- gierig sind und bei ihnen weder Magen noch Darm einer erhöhten Nahrungsaufnahme fähig ist. Selbst die alte Kathrin sehe ich laufen. Sie hat das Aussehen einer verschrumpelten Zitrone, ist ganz von der Sorge ausgemergelt, aber heute eilt sie derart den ungewohnten Gang zum Schlächter, daß ihre Pantoffeln mit Hölzsohlen klappern, ihr Rock fliegt und die weißfädigen Stopfen ihrer grünangelaufenen, ehemals schwarzen Strümpfe weithin sichtbar werden. Ja, alter Fritz, nun du verbraucht bist, verkauft man dich als prima Fohlenfleisch, und wenn ein des Fleischgcnusses noch nicht ganz Entwöhnter ein Stück von dir unter die Zähne bekommt und dich zäh und unschmackhaft schilt und sich bitter über dich beklagt, dann bedenkt er nicht, daß du ein Schicksaisgenosse von ihm bist, den menschlicher Eigennutz und die Profitzier nun endlich zur Streck« gebracht haben. Mffen und Schauen Ter„blaue Montag". Daß am Montag nicht gern gearbeitet wird, ist eine alte Tatsache, die in früheren Zeiten zu dem Einhalten des„blauen Montags" geführt hat, an dem man das süße Nichtstun des Sonntags fortsetzte heutzutage beschränkt sich das„Blau- machen" auf eine weniger intensive Tätigkeit. Die Arbeitsunlrrft am Montag ist eine so allgemeine Erscheinung, daß in England eine gewisse Trägheit und Mißstimmung geradezu als„Montage- gefühl" bezeichnet wird. Sogar die Körperschaft der englischen Aerzte, die British Medical Association, hat sich mit diesem „Montags-Morgengefühl" wissenschaftlich beschäftigt und Maßnahmen dagegen empfohlen, weil dadurch„das Geschäitsleben empfindlich gestört wird". Um diese Frage des„blauen Montags" zu klären, veranstaltet die„Dailn News" unter ihren Lesern eine Umfrage, die allerlei Interessantes über das„Montagsgefühl" zutage gefördert hat. Die Aerzte, die sich dazu äußern, sind der Ansicht, daß das Montagsgefühl durch einen„Mißbrauch des Sonntags" hervor- gerufen werde. Eine Antwort glaubt das ganze Problem in die Worte„Zu viel" zusammenfasien zu können.„Es wird am Sonntag zuviel gegessen", heißt es da.„Das gute Mittagsmahl ist nun einmal ein fjauptid! der Sonntagsfeier: dazu kommt noch ein be- sonders reichliches Frühstück und ein ausgiebiges Abendmahl. Es wird zuviel getrunken: über diese Tatsache kann man sich jedes weitere Wort sparen. Es wird zuviel Sport getrieben. Man braucht sich nur oie Sport- und Spielplätze an den Sonnabend- und Sonntagnachmittagen anzusehen, um zu beobachten, was für ein bedeutender Kräfleaufwand vertan wird. Man hat auch am Sonn- tag zuviel Zeit, über sich nachzudenken. Dadurch entstehen "ene träumerischen, melancholischen Stimmungen, die die Leistung�- ahigkeit von Geist und Körper herabsetzen und am Montag nach- ilingen, wo wieder der Ernst des Alltags an uns herantritt. Es wird zuviel gearbeitet. Besonders die Hausfrau, die alles oder das meiste selbst machen muß, hat am Sonntag zu ihren sonstigen Be- lchäftigungen noch eine größere Last, die durch das bessere Essen und Besuch hervorgerufen wird." Das beste Mittel gegen das„Montagsgefühl" wäre also mehr Ruhe und vor ollem Maßhalten in allen Dingen. Wer am Sonntag so rücksichtslos seinem Vergnügen nachjagt wie an den Wochentagen der Arbeit, der findet keine Erholung, die seine Nerven und Muskeln unbedrnjst brauchen, und er beginnt am Montag die neue Woche erschöpfter, als er die alte beschloß. Die allzu ausgiebig genossenen Vergnügungen des Sonntags sind daher wohl, der wich- tigste Grund kür das unangenehme Montagsgefühl. Sodann aber kommt noch ein mehr seelisches Moment dazu, das vcrfchiedenlich hervorgehoben wird. Wer niw gezwungen und ungern feine Arbeit verrichtet, dem wird es am Montagmorgen besonders schwer fallen, wieder die„alte Tretmühle" aufzunehmen. Er, war nur eine Zeit- lang alle Plage los, und deshalb schmeckt die Rückkehr zu den alten Mühen besonders schlecht. Arbeitsfreudigkeit ist daher ein wichtiges Mittel, um das Montagsgefühl zu bekämpfen, und eine der Ant- warten bezeichnet als das„Geheimnis", durch das man den„blauen Montag" ausschaltet,„seine Arbeit recht lieb zu haben und sich in seiner Älltagsumgebung wohlzufühlen". Dieses geheimnisvolle Mittel dürfte aber nur derjenige an- wenden können, der in der Lage ist, feine Lebens- und Arbeitsbedin- 8ungen seinen Wünschen und Bedürfnissen entsprechend zu gestalten. lud dazu sind innerhalb der heutigen Gesellschaftsordnung leider nur recht wenige imstande. Daß dich das Mäuschen beißt! Als eine komische Verwünschung hört man häufig diesen Ausspruch und wundert sich, daß gerade die harmlose Maus, die doch nur Backfischen einen ungefährlichen Schrecken einjagt, in diesem Falle bemüht wird. Geht man aber der Geschichte dieses Ausrufes nach, so findet man, daß sich hinter dem„Mäuschen" ein sehr viel'schlimmeres Ding verbirgt, nämlich der Aussatz, im Mittelalter die„Miselsucht" oder„Misel" genannt. „Daß dich die Misel!" war ein schwerer Fluch, den in längst ver- gangenen Jahrhunderten einer gegen den anderen schleuderte, und es ist dabei wie bei dem heute noch beliebten„daß dich die Kränk'" ein„hole" zu.ergLnzcn. Nicht nur eine beliebige Krankheit, sondern die grausigste von allen, den Aussatz, wünschte man dem Feinde auf den Leib. Aus dem langen mittelhochdeutschen i in„Misel" ist dann ei geworden, und vom Meisel war der Weg nicht weit zu Mäuschen, das man dann, das Mißverständnis fortsetzend, mit beißen zusammenbrachte. Wohl keiner, der heute sagt:„Daß dich das Maus- chen beißt!" ahnt, welche eine grausige Bedeutung diese Redensart ursprünglich besaß.- B. Naturwissenfthast Die Natur im Oktober. Das große Sterben beginnt, ein Sterben in Schönheit und Farbenrausch: die sterbenden Blätter sind es, die mit den Blumen des Frühlings zu wetteifern versuchen. Die Rotbuche vertauscht ihr Grün mit Rot, der Ahorn und die Birke Mit Gelb, die Blätter der Eiche färben sich bräunlich, und das Laub des Kirsch, und Bogelbcerbaums nimmt ein rötliches Gelb an, nur die Nadelbäume behalten weiterhin den grünen Grundton. Auch Früchte beteiligen sich an der Farbensülle, die Schlehe schmückt sich mit dunkelblauen, die checkenrose und Eberesche mit knallroten, Brom- beere, Liguster, Efeu mit schwarzglänzenden Beeren. Einzelne Blumen blühen noch im Freien, aber gering ist ihr Schmuckwert, in den Gärten sind es fast nur noch Dahlien und Astern, hie und da noch eine„letzte Rose". Sonst bereitet sich alles, was nicht kampflos dem Winter erliegen will, auf die Winterruhe vor. Dagegen machen sich die Vögel wieder bemerkbarer. Häher sind oft zu sehen, die kleinsten unserer heimischen Vögel, die Meisen und Goldhähnchen, durchstreifen in größeren Gesellschaften wispernd und leise rufend des Geäst der Bäume, während unten im Gestrüpp der Zaunkönig leicht zu beobachten ist: die Amseln und Drosseln, die in größeren Scharen auftreten, sind zumeist Gäste aus dem Norden. Die Rebhühner sind zahlreicher auf den Feldern zu bemerken. Im Walde ist das häufige Vorkommen von Eichhörnchen auffällig, auch dieses sorgt für die Winterzeit. Ueberall herrscht noch eifriges Leben. Wie weil werden Explosionen gehört? Die furchtbare Explosions- katastrophe von Oppau ist weithin über ganz Mitteldeutschland gehört worden und Hot schneller, als es der Draht vermochte, eine Ahnung de» Schrecklichen bei Unzähligen verbreitet. Doch wie auch die größte Explosion, die als Folgeerscheinung menschlicher Technik auf- tritt, in ihren Wirkungen nicht zu vergleichen ist mit den natürlichen vulkanischen Explosionen, so kann auch die Schallwirkung sich nicht so weit fortpflanzen, wie dies bei vulkanischen Erderschütterungen der Fall ist. Die stärksten Katastrophen, die die Natur hervorbringt, machen sich auf dem ganzen Erdenrund bemerkbar: sie wirken ckffo weiter als 20<)lX) Kilometer. Die stärksten künstlichen Erplosionen erstrecken ihre erschütternde Wirkung höchstens auf Iliü Kilometer. So wurden z. B. die durch das Erdbeben von Valparaiso und San Diago hervorgerufenen Erschütterungen in Hamburg verspürt, also in einer Entfernung von mehr als 12 000 Kilometern. Dagegen machten sich die Erschütterungen bei den großen Dynamitexplosionen von Annen und Dömitz im Jahre 1906 und 1907 nur auf einer Ent« fernung von etwa 36 Kilometern bemerkbar. Die Schallwirkung der Explosionen reicht aber sehr viel weiter als die durch sie hervor- gerufene Erschütterung. Auch hier stehen die natürlichen Katastrophen weit voran. Der Donner des Krakatau-Zlusbruches von 1383 wurde bis nach Ceylon auf mehr als 3000 Kilometer vernommen. Das Ge- töje künstlicher Explosionen hat man bisher auf eine Entfernung von etwa ISO Kilometern gehört. Doch hat man dabei in neuester Zeit eine eigentümliche Erscheinung der Schallwirkung festgestellt, nämlich die sog.„Z o n e d e s Schweigens", auf die zuerst der Zürcher Meteorologe de Quervain hinwies. Er stellte bei der riesigen Explosion von 2S000 Kilogramm Dynamit, die 1908 beim Bau der Jungfraubahn stattfand, fest, daß die gewaltige Detonation in einem Umkreis von 30 Kilometern deutlich zu hören war. Dann folgte aber eine Zone von 140 Kilometern, innerhalb deren niemand auch nur das geringste von dem furchtbaren Knall gehört hatte: hinter dieser Zone kam aber dann wieder ein SO Kilometer breiter Streifen, in dem die Erplosion von jedermann deutlich wahrgenommen war., Diese„Zone des Schweigens" wurde ebenso bei dem großen Explo- sionsunglück zu Förde 1903 beobachtet, bei dem etwa 10 000 Kilo- gramm Dynamit aufflammten. In einer Entfernung von 30 Kilo- meiern war nichts von dem Schallphänomen zu bemerken: bei Eisenach aber, in einer Entfernung von 170 Kilometern, wurde das Geräusch von zahlreichen Personen wahrgenommen. Man hat die verschiedensten Erklärungen für dies merkwürdige Naturphänomen gegeben und bald das Bokhandensein von Nebeln, dann wieder die verschiedene Erwärmung der Luftschichten angeführt. Es handelt sich aber dabei, wie von dem Borne nachgewiesen hat, um einen phy- fikalischen Vorgang, der sich bei der Schallbrechung, ähnlich wie bei der Brechung des Lichts, beim Uebergong von einem Medium in ein anderes vollzieht. Erziehung und Unterricht Gefährliches Spielzeug. Wie oft kommt«s vor, daß eine Mutter in vollster Aufregung mit ihrem Liebling zum Arzt eilt:„5)err Doktor, mein Kind hat sich eine Erbse in die Rase gesteckt und wir bringen sie nicht mehr heraus. Zuerst tonnte man die Erbse noch gut sehen, aber jetzt sieht man vor lauter Blut gar nichts mehr und das Kind schreit so sürcherlich." Und wie so oft wird der Arzt auch in diesem Fall« der Mutter klar machen, daß sie durch ihre Versuche, die Erbse zu entfernen, alles nur viel schlimmer gemacht hat: jetzt steckt die Erbse tief hinten zwischen den' blutenden, verschwollenen Rasenmuscheln, dazu ist da» Kind in höchster Erregung. Noch verhängnisvoller is" es, wenn das Kind eine Erb,« oder Perle ins Ohr gebracht hat und auch hier durch ungeschickte Ent- fernungsversuche der Fremdkörper in die Tiefe des Kebörgangcs, vielleicht gar durch das zerstörte Trommelfell ins Innere Ohr hinein- gestoßen wurde. In solchen Fällen sind tiefgreifend« Operationen nötig, um schwere Entzündungen, die leicht tödlich wirken, zu ver- hüten. Wir sehen, mit dem guten Willen allein ist in solchen Fallen nicht geholfen.„Hände weg!" heißt hier der erste Befehl, und der zweite:„Sofort zum Arzt!" Eine kluge Mutter aber wird all dem vorbeugen, indem sie Erbsen, Perlen, Münzen, Ringe und Bohnen vom Spieltischchen des Kindes streng verbannt. Ich möchte was darum geben, genau zu wisien. für wen eigent- lich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland getan worden.» {TT» PIAti'nfterQ fi742— 1799).