Nummer 40 Dktober 1921 AnterhaZtungsbeilotze öes öorwär�s herbstbilö. Schoo behlss-n sich die kahlen höhen Alik den windzcrsehkea Wolkenlegeln; Dem Geschwaderzng von letzten Vögeln Krächzen nach die frechen AckertrShen. Nebel streift von fernen Wiesen stücken:— Da erwärmen stch die ZNenschenhütlen. Hüllen sich in Abendrauch nnd bitten: Dunkelnd laßt uns aneinanderrücken. Martmllta» Si°se»b»r«. Das kleine Dorf. Von EmileZoka. Wo liegt das kleine Dorf? In welcher Erdfalte birgt es fein« weihen Häuser? Stehen sie m irgendeiner Bodensenkung um die Kirche herum? Oder stehen sie reihenlang an der Landstraße? Oder klettern sie vielleicht gleich mutwilligen Ziegen ein« Anhöhe hinan. eines über dem andern, mit den roten Dächern, die sich im Laub verstecken? Hat das kleine Dorf einen wohlklingenden Namen? Einen »arten Namen, der leicht über französische Lippen gleitet, oder Irgend- «inen harten deutschen, der von Konsonanten strotzt und rauh ist wie Rabengekrächzc? Und wird Korn geschnitten Im kleinen Dorf oder Weinlese ge- halten? Baut man Getreide oder Wein? Was treiben feine B«> wohner jetzt um diese Sonnensklinde auf den Feldern? Bleiben sie am Abend duf dem Heimwege einen Augenblick stehen, um mit einem Blick die reichen Fluren zu umfassen und dem Himmel für das reiche Jahr zu danken? N. Ich stell« es mir gern auf einer Anhöhe vor. So verschwiegen liegt es zwischen den Bäumen, daß man es von weitem für ein zertrümmerte» und mit Moos bewachsenes Felsennest halten könnte. Aber Rauch steigt aus den Zweigen: den Pfad hinunter stoßen Kinder einen Schubkarren vor sich her. Aus der Eben« schaut man neidisch zu ihnen herauf: und die Erinnerung an dieses Nest, das man kaum gesehen hat, nimmt man mit sich fort. Nein, ich denke es mir in einem Winkel in der Ebene, am Rande eines Baches. Es ist so klein, daß ein« Pappelwand es vor aller Augen verbirgt. Seine Hütten verschwinden gleich keuschen, baden- den jungen Mädchen in den Weiden am Ufer. Sein Teppich ist ein Stückchen grüne Wiese: eine lebendig« Hecke schließt es wie einen großen Garten nach allen Seiten ab. Man geht an ihm vor- über, ohne es zu sehen. Die Stimmen der Wäscherinnen tönen herüber wie Vogelgesang. Kein Rauch. Hinter seinem grünen Bett- Vorhang schlummert es im Frieden. Keiner von uns kennt es. Di« nahe Stadt weiß kaum von feinem'Dasein: es ist so bescheiden, daß kein Geograph sich darum gekümmert hat. Es ist niemand. Spricht man seinen Namen aus, so erwacht keine Erinnerung. Unter der Menge von Städten mit hochtönenden Namen ist es ein Unbekanntes ohne Geschichte, ohne Ruhm und Schande: bescheiden hält es sich abseits. Und deswegen lächelt das kleine Dorf wohl so anmutig. Sein« SJewohner leben in der Einsamkeit: die Buben kugeln den Abhang hinunter: die Frauen spinnen im Schatten der Bäume. Das kleine Dorf ist glücklich in seiner Unberühmtheit und nur erfüllt von der Heiserkeit des.Himmels. Es ist dem Schmutz und dem Lärm der großen Städte so fern! Sein Sonnenschein genügt ihm: seine Freude besteht aus Äille, aus Bescheidenheit und aus der Pappelwand, die es vor aller Welt verbirgt. I"l. Und morgen vielleicht weiß die ganze Well, daß da» kleine Dorf existiert. O Jcmnnerl Der Bach wird rot werden, durch die Poppelwand werden Kugeln fegen, die aufgerissenen Hütten werden die stumm« Verzweiflung der Menschen enthüllen, das kleine Dorf wird berühmt werden. Kein Wäscherinnen stiigfang. kein« Buben, die den Abhang hin- unterkugeln. Keine Ernten mehr, keine Still«, kein« glücklich« Bs» scheidenheit. Ein neuer Name in der Geschichte, Sieg oder Nieder- lag«, ein« neu« Seite voller Blut, ein neuer Winkel Erde, den da» Blut unserer Kinder düngt. Noch lacht es, noch schlummert e« und weiß nicht, daß es seinen Namen einem Gemetzel schenken soll— morgen wird es schluchzen, und ganz Europa wird von seinem Todesröcheln widerhallen. Dann wird e» wie«in Blutfleck auf der Erde hasten. Heiter und zärtlich wird«» sich mit einem düstern Zdreis umgeben, mit bleichen Ge- sichern werden Besucher über sein« Trümmer schreiten, wie man über die steinernen Fliesen eine» Totenhoufes geht. Es wird ver- flucht fein. Und ist es Austerlitz oder Magenta— dann wird es in unserem Herzen klingen wie Fanfaren. Und ist's-Waterloo, so wird dumpf wie Trommelwirbel die Erinnerung traurig durch rstHDx Herz rollen. Wie wird es stch nach seinen einsamen Usern sehnen, nach seinen törichten Bauern, seinem menschenfernen Winkel, den nur die Schwalben bei ihrer Wiederkehr in jedem Frühling kanntenl Be» sudelt und entweiht, unier seinem Himmel, darunter die Raben krächzen, mit seinen fetten Aeckern, die nach Verwesung riechen, wird es ewig durch die Jahrhunderte weiterleben als Mördergrube, al» der verfemte Ort, wo zwei Nationen einander gewürgt haben. Das Liebesnest, das Friedensnest, das klein« Dorf wird nur ein Kirchhof sein, ein Massengrab, darauf die trostlosen Mütter nicht einmal ihre Kränze werden niederlegen könner. IV. Ueber die ganze Welt hat Frankreich solche Friedhöfe gesät. An allen vier Ecken Europas könnten wir niederknien und beten. Unser« Friedhöfe heißen nicht nur Pere Lachais«, Montmartre und Mont- parnasfe: st« tragen auch die Namen aller unserer Siege und aller imserer Niederlagen. Von China bis Mexiko, von den Schneefeldern Nußlands bis zu den Sandwüsten Aegyptens gibt es keinen Fleck unter dem Himmel, wo nicht ein ermordeter Franzose läge. O ihr stillen, einsamen Friedhöfe, Ihr schlaft euren schweren Schlaf Im unendlichen Frieden der Natur. Di« meisten, fast alle erstrecken sich am Fuße irgendeine» einsamen Dorfes, in dessen zer> fallenem Gemäuer noch das Entsetzen bebt. Waterloo war nur«in Gutshos, Magenta zählt« kaum fünfzig Häuser. Ein schrecklicher Wind ist über die unendlich Kleinen dahingegangen, und ihre Buch- staben, die gestern noch unschuldig waren, umweht ein solcher Blut- und Puloergeruch, daß die Menschheit bis In fernste Zeiten er- schauern wird, wenn ihre Lippen sie aussprechen. Nachdenklich betrachtet« ich«in« Karte des Kriegsschauplatzes. Ich folgte den Ufern d«» Rheins und fragt« Berg und Tal. Log das kleine Dorf links oder rechts vom Flusse? Mußt« man es in der Nähe der Festungen oder weiter, irgendwo in einsamem Ge- lande suchen? Dann schloß ich di« Augen, und Ich versuchte, mir jenen Frieden vorzustellen, di« grüne Poppelwand vor den weißen Häusem, das Stückchen Wi«s«, darüber di« Schwalben dahinstreichen, den Gesang der Wäscherinnen, das reine Stück Land, das der Krieg«ntweihen wird und dessen Schmach die Trompeten roh in all« Winde schmettern werden. Wo liegt denn das kleine Dorf?*) (Aus Emil« gola,„Tesammelte Noocllen". Gustav Klepenheuer, Verlag, Potsdam 1ZL1.) ♦) Das kleine Dorf lag Im Elsaß und hieß Wörth. Donaufahxt. Von Paul Gutmann. Der Deutsche liebt feit altersher seinen sagenumwobenen Rhein. Von der Donau weih er nicht viel. Er glaubt, ff« beginnt in Wien und endigt in seiigen Walzern und abgelebten Couplets. Achtlos jagen die meisten auf dem Weg nach München an ihr vorüber, kaum daß der ein« oder ander« hinter Regensburg nach dein weißen Cteinhanfen an ihrem fernen Ufer bllnzclt, der von Ludwig, dem Dichter-KöniG erbauten Walhalla. Eefegnet feien die schlechten An- schlüfiel Statt de» albernen Mücksgesuhls der 70-Kilometer-G»» schmindigkeit«rledt» ich«kn« Bummelsahrt von hinreißender Schön- heit. Ich wollte nach Wien auf dem direkten Weg, aber der Kohlen- Mangel warf meine Pläne über den Haufen. Wie uns in Regens- bürg gesagt wurde, verkehrten auf der österreichischen Strecke nur .drei Schnellzüge" in der Woche. Ich hatte zwei Tag« warten müssen. Kurz entschlossen wählte ich den Wasserweg und wurde mit rngeahnten Eindrücken belohnt. Weicher Rorddevtfche kennt Reg«n»burg, das Köln der Donau, mit seinem wundervollen gotischen vom, seinen frühromanischen Türmen, seinen an Rürn- berg und Rothenburg erinnernden Plätzen? Wer kennt Passan, von Humboldt unter die sechs bis zehn schönsten Orte der Well gezählt? Hier beginnt der deutsch« Süden. Leuchtend« Farben, gelb, violettz flache Dächer, jauchzer.de» Barock, sehr viel katholische Koketterie. Glockentürmchen erheben sich leicht, von einer spiele- rischen Zierlichkeit, wie in oberitaiienischen Stödten. Schwarzie- Keidch« Priester gehen m würdevoller Haltung über festliche Plätze. Steil« weiße Mauern, über denen ein schwärzlich blauer Himmel glüht, öffnen sich zu überwältigenden Ausblieben auf Ström«— es sind deren drei, die hier zusammenfließen— und Hügel. Der Berliner ruft au»: eine wahre Fftmstadtt Auf der Dampferstation beginnt Oesterreich. Auch psychologisch. Der Mann, der die Koffer zu wiegen hat, wird mit einem halben Dutzend nicht fertig. Paffagier« werden ungeduldig und meinen, auf deutschen Abfertigungsstellen— hier heißt es Agentien—»machten sie es schneller. Der biedere Donaumensch verliert sein« Ruh« nicht und antwortet:„Za, mir. fem hall in Oesterreich." Darauf allge- meines Gefäße und die Bemerkung:„So fem mir Oefterreicher. Nur not die ffth verliern. Heber uns selber lachen!" Die Sonne, st« lacht, die Menschen stnd fröhlich, hker, offenbar, öffnet stch da» Tor zur ewigen Freud«. Dieser Eindruck verstärkt stch, als der Dampfer auf dem Rücken der rauschenden Donau, scheinbar mühe- kos, stch' in Bewegung setzt. Lachend« Ufer zu beiden Seiten, des Stroms fliegen dahin, tbie am Rhein, aber kaum etwas taucht auf. was an die arbeitsdampfend« Gegenwart erinnert. Keine Fabriken, keine betriebsamen Stadt«, fein« Reklametafeln. Dasür über Wäldern thronend« Kirchen, Wfc, breit ausladend« Klöster, kleine, in stille Täler geschmiegt« Ortschaften. Die Industrie beschränkt stch auf Sögemühlen, die durch schäumeud« Gebirgsbäche getrieben werden. Ich gerate mit Nachbarn in«in Gespräch. Mein fremdländischer Akzent erregt Interesse. Man bemüht sich um mich, man fragt mich aus, man zeigt den merkwürdigen Fremden, als wäre ich ein Kongo- neger oder Amerikaner. Die Kindlichkeit dieser Menschen ist ent- zückend. Sie verkleinem den Wert ihrer Heimat vor mir— nur auf die Natur find sie stolx—, sie loben die Fremde, sie sind gespannt, was ich sagen werde. Wehe, sie wollten ja kein Urteil hören, nur Lobfprüchz. Ich vergaß, daß der Sktrus dieses süßen Landes weib- lichen Geschlechts fft. Austria rückt von mir fort. Sie schmollt mll mir. Aber denkt euch von mir, was ihr wollt. Hinqeriffen von der Schönheit der Fahrt trete ich an die Spitze des Decks und neize demütig mein Haupt oor schneebedeckten Alpengtpfeln, die in dar Fern« über schwarzen Wäldern in das flimmernde Blau des Himmel» streben. Hier ist der Rhein besiegt. Diese Größe der kin- drücke hat nur die Donau. Das Schiff landet in Linz, der«nnrukig an Strom und Bergen gelegenen Stadt. Der Ort erinnert«m die Gegend zwischen Koblenz und Bonn. Hier wird übernachtet, um am nächsten Morgen die Fahrt auf der Donau iortzusttzen. Man sagt, hinter Linz beginne der schönste Teil der Strecke. Wieder ziehen Wälder vorüber, weiß- flimmernde Orllchefien lugen neugierig aus dunLen Tälern, Kirchen und Köster, Kapellen und Heiligenbikder grüßen von Hügeln, von Felsen, von Bergen herab, der Strom verengt sich, Felsklippen scheinen chn zeitweilig zu ocrsperren, aber wieder locht die Weite, und einer der herrlichsten Barockbautev, das berühmt« Stift Melk funkelt in der Mittogssonn«. Wir haben eine der schönsten Gegen- den Oesterreichs pausiert, die Wachau. Gesang erschallt auf dem dichtbefetzien Schiff, Musikanten spielen, dl« Fröhlichkeit wird ellge- mein. Das ist mein Oesterreich. Sie fühlen es, dies ist das Herr- liehst« oller Länder. Echo ertönt vom Ufer. Badend« sind es, die uns zujubeln, als trüg« uns das glückhafte Schiff. Erst waren es einzelne, jetzt tauchen am Ufer ganze Rudel auf: Hunderte, Tausende, die Hauptstadt naht. Der Feiertag hat die Maffen herausgelockt. Und fast elne Stunde, von Tulln an, der Nibelungenstadt, bis Klosterneuburg, längs des grünleuchtendem, noch immer nicht abgeholzten Wiener Waldes, jauchzen und winken am Ufer die schlanken, halbnackten, sonnverbräunten Menschen Das B-ild ist ergreifend. Noch sieht man nur den Strom und die grünen Berge, aber in der Fern«, wohin mein« sehnsüchtigen Blicke spähen, taucht das erste Wahrzeichen der Hauptstadt auf, das Riesenrad im Prater. Wien, die Schöne, versteckt sich noch hinter dem steilabsallenden Leopoidoberg. wie hinter einem Paravent. Ein« Einfahrt, die zu den prächtigsten Lfmdsehastebildern der Welt gehörff wie die in den Hafen von Neapel, von Marseille, von Palermo. Langsam, langsam kommt die Schön« zum Vorschein. Die belaubte» Berge verfinlen, sind die Steinmauern der Stadt umfangen dich. Ein sanfte» Hin- übergleiten von der Natur zu der ihr ebenbürtigen Kuiturschönheit- Mit Herzklopfen betrat ich die steinernen Stufen am Landrmgzp atz. Ich gedacht« des unermeßlichen Leids, das hinter soviel Schönheit verborgen schlummert und schämte mich fast meine» ziücklichen G». nießen» während der Eim'ahrt. Aber von ferne kkme�en die Iubel» rufe heimkehrender Ausflügler, Knaben und Mtzdchen. Und da wußte ich, daß die gütige Natur dem Wahn der Alken die glückliche Tatkraft der Jugend immer wilder folgen läßt,«nd daß Fröhlich. keit die best« Heilmeisterin der Menschen ist. Das vergefftse HrauaseMrr. ' Von A. Iohannfen. In unserer Urgroßmütter Haushalt spielte da» Braungeschirr eine hervorragende lllolle. Sein Reich war nicht nur«uf Küche und Speisekammer beschränkt, sondern»» umfaßte auch den bürgerlichen Kaffee- und Teetisch. Denn die Töpfer verstanden es damals, auch einen anspruchsvolleren Geschmack zu befriedigen, indem sie da» schön« warme Braun ihrer schlicht, aber gut und dem Zeitstil ent- sprechend geformten Gefäße mit weihen Blüten- und Blätterranken oder figürlichem Schmuck belegten. Diese in künstlerischer wie in handwerklicher Beziehung gleicht gut durchgebildeten Empire- und Biedermeiertöpfereien wußten selbst über die Sebrouchswar« hinaus dem«infachen Schmnckbedürfnis jener Feit in Gestalt von Lasen, Schreibgerät usw. Rechnung zu tragen. Heut« aber düirkt uns das Braungeschirr selbst für die Küche de»«infachen und- bescheidensten Haushalte» nicht mebr fein genug. Nur weiß mit b""'-r Verzierung darf das Küchengeschirr sein, und recht ousgefall-v rmen muß es haben, damit es„was hermacht" — nach der( regt man nicht. Erst hinterher kommt dann der Aerger, wenn sich in den viereckigen oder reUefartig gepreßten Töpfen der Staub hartnäckig festsetzt, wenn die billigen Abziehbilder- Verzierungen und das schlechte Gold in kürzester Zeit den Weg der Vergänglichkeit gehen oder wenn die„leichten Beschädigungen", derentwegen man da» Steingut im Warenhaus so besonder» preis- wert bekam, langsam als nicht mehr weichend« grauschmutzige Ab- staßstellen sichtbar werden. Und doch greift die Hausfrau, die nur über beschränkte Mittel verfügt, im Bedarksfalle wieder nach die'er Ausschußware, denn wirklich gutes Porzellan und Steingut ist für sie unkrschwinglich teuer geworden. Erinnert sie sich aber wirklich des guten alten Braungeschirrs und will solches kaufen, so kann sv in den Geschäften der Großstadt unter Umständen recht lange danock suchen: die wenigsten führen es. Um so erfreuter wor ich. als ich in einer märkischen Klein'�ad! kürzlich einmal wieder«inen regelrechten Topfmarkt mit dem gute' alten Braungeschirr sah. Aber die Kauflust schim recht gering zu sein. Biel mehr Käufer als an allen Braungeschirrständen zusammengenommen— und zwar fall alles Landlente— standen um einen großen lisch mit scheußlichf.er weißscherbizer Ausschußware u-ö kauften Gebrauchs- und Lnrusgegenft-inde, die ohne Ausnahme Pazaureks Stuttgarter Abschreckungs-Kitschfammlung Ehre gemacht hätten. Was Wunder, wenn wir in einem bäuerlichen Haushalt, besonders wenn eine größere Stadt lu der Nähe fll, nur Lbelstm Abklatsch städtischen Geschmack» oder, richtiger gesagt, llngeschmack» finden. Wie ist dieser Zurücksetzung des einfachen aber gediegenen Braungefchirrs gegenüber wertloser,«ufaeputzter Ausschußware ab- zu hellen? verin Abhilf« tut not. auch«us volkswirtschaftlichen Gründen. Bvr allem ist«ine gründliche Auflkärimg aller Volks- Nassen nötig. Schon in der Schule müßte damit bezonne««erden. Indem Hand in Hand mit dem immer mehr«inaeführten Hand- fertkgkeitsunterricht auch ein« gemisse Waren- und Geschirotfskunlj« betrieben würde, in der die.heranwachsende Inoend das Gut« vom Schlechten in bezng auf Form, Verzierung und Gediegenheit der Ausführung unterscheiden kernt. Gute Anschauung mittel würden von den Fabriken und Handwerkern aewiß gern zur Verfügung ge- stellt werden, Kitsch und Schund als Gegonheflpi-l ist ja leider über- all für billiges Geld zn haben. In der Fortbildnnesschule müßt« dies« Erziehungsarbeit fortgesetzt werden, zu der Fach- und Ge, werbelehrer, auch Heimat- und Bolkskim�nereinigunzen gern hilf- reiche Hand reichen werden. Die sozia-rstischen Bereinigungen und Zeitungen würden auf dem Gebiet der Warenkunde und»elchmacks- bildung ebenfalls ein nützliches Arbeitsfeld finden. Vielleicht wäre es möglich, auch des Kino mehr als bisher dieser Warenkunde und Geschmackkbildung dienstbar zu machen. Auf diesen Wegen würd- dann auch eine bessere Kenntnis der Keramik und eine gewisse NrtekksfShiqkcrt über die Güte imd den Gobrcmchswert der ver. Kk>-?i�nen Erzeugnisse in alle Käuferkreise dringen. Die Hausfrau «ürd« sich klar darüber sein, daß sie bestes LraungeMirr billiger ?-u;en kann als schlechtestes Steingut oder Porzellan, rvcil der Käufer für fein Ges6?irr nur Roh'iofse seiner engsten Dorf- und "l-inftadtheimot verwendet, die zu ihrer Aufbereitung und Form- zebunq. zum Glasieren und Brennen bei weitem nicht die Arbeit, � nrichtungen, Kosten und Brennstoffe erfordern wie Steingut und Porzellan, für die stets wenigstens ein Beil der Rohstoff« auf v-~'»euren Frachtweqe herangeholt«erden lnuß. Sehr viel werden aber die Töpfer selbst zu einer größeren T�rrtichützung ihrer Erzeugnisse beitragen können, indem sie sich ».'mühen, ihre Waren bis zu einem gewissen- Grad« zu verfeinern «nd fo den erhöhten Ansprüchen der heutigen Käuferschaft entgegen- �kommen. Nimmt das Töpfer Hand werk tätigen Anteil sowohl an 'den Fortschritten der T«Hmk als auch an den Wandlungen de» Ge- '.Smecks, Indem es vor allem seinen Nachwuchs in die Fach- und .?-nstgewerbefchulen schickt, und wird im Volke fleißiger als bisher aufflörrtide Warenkunde getrieben, fo wird auch das Broungeschlrr sich im Haushalt wieder den Platz erringen, den es oerdient. Cnergiearten. Tie«irtschaftlich« Nottage Deutschland« hat das Interesse an den Fragen der' Energiewirtschaft lebhaft angeregt. Kohlenknapp- Holl und Kohkenteuerung haben da» Forlchen nach anderen Energie- quellen als praktische Ausgabe gefördert. Die Ausnutzung der Kohle ist die in unserem Zeitalter üblichste Art der Ausnutzung natürlicher Energiequellen zur. Arbeitsleistung für die Wirtschaft Wenn man die Verwandlung der in der Kohl« aufgespeicherten Energie versolgt, macht man bereit» die Bekanntschaft der wichtigsten Unergiearte». Denken wir uns den Lorgang, daß Kohle unter emem Dampf- drffck verfeuert wird. Beim Verbrennen der Kohle, das heißt, wenn de? Kohlenstoff der Kohle sich mit dem Sauerstoff der Lufb ver- �».det. wird chemische Energie in Wärme� übergeführt. ' ie Flamme der Kohle erhißt Dampfkessel und Wasser"vnb führt •r DampfbikdM'.g. Der Wa�erdampf dehnt sich aus und treibt den '»bsn der Dampfmaschine voran und leitet dabei mechanische rdeit. Die Wärme ist in eine andere Energieform, In Lewe- «ngsenergie übergeführt worden, die unsere Arbeitsmaschinen -wogt. Dabei aber wird durch die Reibung wieder Wärm« er- engt, so daß die mechanische Arbeit wieder in Wätme zurück- -rwcmdelt wird. Benutzt man aber die mechanisch« Arbeit der '»nrpfmaschine, um eine Dynamomaschine zu betreiben, so kann nan mechanisch�Energie in elektrische verwandeln, die sich >eouem tronspWicren, sortleiten läßt, um an«nderem Ort« ent- weder in Wärme verwandelt zu werden, oder in mechanische Arbeit. All« Energieformen kommen in der Natur vor: mechanisch« Energie und Wärme, chemische Energie und elektrische Energie. Mer nicht olle sind gleich einfach zu venbcrten. Die mechanisch« Energie de» Windes und de» Wasserfalles und strömende Gewässer kSnnen mit einfachen Maschinen ausgenutzt werden, die chemischen Energien lassen sich leicht in Wärme überführen durch unsere Dampf- und Heißluktmafchinen und Explosionsmotoren. Auch auf diesem Ge- bket sind noch bisher ungenutzte Energiequellen erschlleßbar: die Aus- -ntzung der Wasserkräfte beginnt eben erst im großen Maße, die �'-nstbarmachimg der mechanischen Energie von Ebb« und F'ut -d von der Technik ernsthaft bearbeitet. Anders steht es mit der der Natur aegebcnen Energie in der Form von Energie und ünne und Elektrizität. Die Ausnutzung der Luftelektrizität— erdin qs ein besiebtcs Thema für technische Utopisten— ist«n g keine technische Unmöglichkeit, aber in Anbetracht- der geringen ■ Betracht kommenden Mengen unrentabel, die Ausnutzung der �*m?, etwa des Goif'iromes, aber scheitert an der Tatsache, daß ich Wärme niederer Temperatur nicht in Wärme höherer Tempera- tur ohne Arbeitsleistung überführen läßt. Daran scheitert auch der bedanke, die van der Sonne uns zugestrablte Wärme direkt nutzbar z« machen, etwa durch die Anlage von Ktrvhlungsfeldern in un- wfcrllichen Gegenden wie Tibet. Die Erforschung der Zusammenhänge zwischen den einzelnen «nergiern-ellen ist Aufgabe der Physik. Die neuesten Forschungen »uf physikciklschem Gebiete, namentlich auf dem Gebiet« der radio- akiiven Strahlung, der Elektrizität und des Lichtes haben die Auf- merkscmkeit auf die sogenannte Atomenenergie gelenkt. Die Forschung lehrt, daß die Atome des Radiums zerfallen in Helium- «kome, wobei Energie in Form von Elektrizität und Wärm? frei wird. Die Utopillik Hot sich dieser Resultate bemächtigt und Speku- lationen darüber angestellt, durch Zertrümmerung der Atome von Blei direkt Elektrizität zu zewinnen. Ep' unlängst hat ein Schwind- ler durch die Behauptung, er habe ein Verfahren zu diesem Zweck entdeckt, die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Die Fragen der lleberführung der Energstarten ineinander sind ehen nicht nur die grundlegenden und interessantesten Fragen de? Physik, sondern zugleich die arundlegenden Fragen der Technik und damit auch der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Energkewirtschast ist die Grundlage unserer Wirtschaft med muh daher eine Angelegenheit der Allgemeinheit sein. Auf der Eneryiewirtschckst beruht unser Maschinenwesen, unsere indu- itrirlle Vroduktion, vnier Verkehr, unsere gesamte technische Kultur. Sie wirküch und rechtlich zu einer Angelegenheit der Alloemrinheit zu machen, ist Aufgabe unserer politischen Betätigung. Umjchau. Von Hans Klabautermann Neulich starb einer meiner Bekannten ganz unerwartet. I» Bewußtsein, ihn- nun nie wieder sehen Z« können, rief ich mir die Tage ins Gedächtnis zurück, an denen ich zuletzt mit ihm zusammen gewesen war. Plötzlich erinnerte ich mich, daß ich das letzt« Mal in der Eile vergessen hatte, ihm beim Abschied die Hand zu geben. Diese Unterlassung war nicht mehr gutzumachen und ich kam mir ganz erbärmlich vor. Da brachte die„Kreuzzeitung* einen Brief des Herrn v. H i n d e n d u r g, der mich belehrte, wie veraltet meine Anschauungsweise ist. LI, nämlich der Generalfeldmarschall vom Tod Erzberger» hörte, wurde er daran erinnert, daß er ihm End« ISIS die Hand gegeb:n hatte. Er hielt e» nun für seinb Pflicht, der Oessentlichkeit zu erklären,«r bedaur» seinen Händ»- druck. Hm Augenblick flüchtiger Begegnung mit Erzberger feie« ihm.nicht olle Einzelheiten geläufig" gewesen. Mein Gewisse« war sofort entlastet Ein Hivdenburg wird besser alz so ein arm» seliger Klabautermann wissen, wie man sich zu verhalten hat, wem» eben jemand einen tragilchen Tod gefunden hat. Es ist auch durchaus verständlich, wenn einem Manne mit der schweren Aufgabe, ein Volk durch das Etahibad des Krieges zu führen, am Ende seines Werte, da» Ergebnis nicht gleich»in alle« Einzelheiten geläufig" ist. Das Unglück von Oppau bewegt ganz Europa. Dabei fielen Stzü Menschen auf dem Feld der Arbeit. Im Krieg starben täglich, die ganzen vier Jahre lang« über 1200 deutsche Soldaten. Bei einer so ungeheuren Verantwo»- tung mußte sich natürlich die Oberste Heereskeitung um die Polita kümmern und, falls«in Minister von Frieden sprach, ihn kalt« stell«? auch wenn er schon Kühlmann hieß. Aber nach Ablchlujj des Waffenflillstonde» ging die Oberste Heeresleitung die Polit? den Dreck wa» an. Denn der Krieg war zu Ende, und da brauche« ihr selbstverständlich alle Einzelheiten gicht sofort geläufig zu sei«. Dagegen boten die Männer, die vor kurzem den 42. D« u t» schen Zlerztetag in Karlsruhe abhielten,«in erfrischende» Biw virtuoser Geläufigkeit. Si» erledigt«, spielend den fozialdemokra- tischen Antrag aus Aushebung der Abtreibungspara» g r a p h e n de» StGB. Die Sozialdemokraten wollten eine Fra« straflos wissen, die in den ersten drei Monaten ihre Schwangerschaft unterbricht. Sie gehen dabei osfenbar von de? Anschauung au»» daß der Gedanke an Mord hier nicht aufkommen kann, weil ei« Wesen, bei dem da» Großhirn noch nicht arbeitet, kein Mensch ist. Das ist eine irrtümliche Äuf'assung. Viele Leute blicken voll�Stolg auf jahrclonge politisch« oder militärische Tätigkeit zurück,«n* doch ist niemals auch nur für einen vugenbsick eine Funktion ihre» Großhirns zu spüren gewesen. In richtiger Erkenntnis dieser Totsach« hat der Aerztetag»in- timmig drei Leitsätze angenommen, aus denen hervorgeht, man ollte alles so lassen wie es war. Die Paragraphen haben sich ja auch in der allen Fassung stets gut bewährt. Ebenso verhalt es sich mit den Parcgraphen, die das Duell behandeln und de« Todfchlag im Zweikampf mit Festungshaft von 2 Jahren deorohe«. Auch diese Bestimmungen müssen im neuen Strafgesetzbuch bestehe» bleiben. Denn in den Motiven lesen wir zu unserer Genugtuung: »Der versuch der Gesetzgebung, das Duell mit exzeptionell harten Strafen zu dedrohen, hat sich unwirksam erwiesen. Die Sitte de« Duells hat sich noch immer stärker erwiesen als das geschrieben« Gesetz." Dagegen üben die Abtreibungsparagraphen bekanntlich zu» vorlässig ihre Wirkung aus. Di« Aerzts verfügen über Erfahrung. Sie wissen genau, daß heutzutage fast niemals mehr die Schwange», schaft künstlich unterbrochen wird. Ei« können der Sympathien de, ganzen Bolke» gewiß sein. Und wenn die bayerischen Aerzl« darum kämpfen, man mächte ihnen wieder die Möglichkeit geben, den schönen Titel Eanitätsrat zu bekommen, so wollen wir es lhnen gönnen. Der eine oder andere darf auch Sanitätsob«rrat oder Oberfanitätsrat werden. Aber was soll Herr Dr. Paulsen mit dem Titel OberstadtschulratT Ihm werden sowieso von allen Ecitcn Knüppel zwischen die Bein« geworfen, und wenn er»un doch den Titel bekommen hat, s« werden die Rechtser schon dafür sorgen, daß er weniger Einsiuß gewinnt als»in simpl«r Echulrat. Wahrscheinlich dachten sie«uch an den Kampf im Gapwirtsgewerbe. Da sich die Gastwirt« mit den Kellnern nicht einigen«erden, wird ts bald keinen Ob«r mehr geben. Wir freuen uns. wenn hoffentlich in Zukunft z. B. Hillesheim einen Oberbürgermeister. Berlin aber nur Bürgermeister haben wird. Andere Städte, andere Sitten. In München hat sich der Abgeordnete Dr. Wvhlmuth«ine eigen« Sprache ausgedacht. Eein jüngster Antrag beginnt wörtlich so:„Der Aus- schuß wolle beschließen, der Vollversammlung zu empfehlen, es sck gegen di« Vereinbarung der bayerischen Etaatsrsgierung»on» 24. September 1921 keine Erinnerung zu erheben." Früher war in diplomatischen Verhandlungen di« französisch« Sprache üblich. Es Ist zu begrüßen, wenn endlich eine Methode begründet wird, nach der man sich auch ohne fremde Sprache hinreichend unoer- ständlich ausdrücken kann. Herr Dr. Wohlmuth hätte füglich feine» Antrag folgendermaßen schließen sollen:»Die bayerische Staats- regierung wolle sich hatten, bei der Aufhebung de, bestehenden Ausnahmezustandes in Anlangung de« Zeitpunktes sich freien Er, Messens nicht zu entpflichten." Wissen /nö Schauen Die Kunst des Goldsuchens. Wenn man in der Zeitung liest, daß in Nigeria eine Goldmine entdeckt worden ist, so beneidet man den Glückepilz und ahnt gichl, wie große Schwierigkeiten zu über- winden waren, bevor der Goldsucher zum Ziele gelangte. Schon das Sprichwort sagt uns, daß nicht alles Gold ist, was glänzt. Aber der Unkundige würde txch beim Goidsuchen immer irgend einem verführerischen Glitzern nachgehen, während die Natur wohl noch niemals eins ihrer Goldlager durch einen goldigen Glanz an der Oberfläche de» Äodens verraten hat. Wie unendliche Mühe es kostet, ein Goldvorkommen aufzu spüren, davon erzählt ein südafrikanischer Bergwcrksingenieur. Ob wohl Gold in den Sutherland Hills schon 1869 entdeckt wurde, fand man doch das berühmte Witwatersrand-Lager bei Langlaagte in der Nähe von Iohannisburg erst 188Z, obwohl Unzählige nach weiteren. Goldminen suchten. Mag man nun auf Gold in dem Wasser eines Flusses oder im Sand des Bodens stoßen, der Gold sucher muß stets mit einer sog„Goldpsanne"' arbeiten, einer flachen, leichten Eisenpf.mne, in die der Sand des Bodens und des Fluß- bettes oder auch kleine Felsstückchen getan werden. Diese Sub- stanz wird dann durch Wasser naß gemacht, dann in einer Wanne oder in einem Fluß mit noch mehr Wasser vermischt, und schlleßlich werden durch eine schüttelnde Bewegung die schweren Mineralteile auf den Boden der Pfanne gebracht. Durch einen Spülprozeß wird dann der Sand aus der Pfanne herausgebracht, bis nur noch feste Stoffe übrig bleiben, unter denen da» Gold durch seine Farbe und durch seine verhältnismäßige Schwere festgestellt werden kann. Cs gibt reiche Goldadern, von denen nur sehr wenig Gold fortgespült wird, und bisweilen ist das Gold mit anderen Mineralien'so fest verbunden, daß es nur durch einen chemischen Prozeß von ihnen befreit werden kann.-Bisweilen findet man Gold, da» von Adern abgespült ist, nahe der Oberfläche des Flußbettes: dann wieder ist das kostbare Metall m einem alten Flußbett unter Lava verborgen, wie dies in Kalifornien häufig der Fall ist. Oder das Gold kann nur an dem felfigen Untergrund des Flußbettes festgestellt werden. Der Goldsucher muß daher die leisesten Andeutungen von dem Bor. handensein des kostbaren Stoffe» mit der größten Genauigkeit ver- folg.n, muß immer wieder mit der Pfanne den Gehalt des Bodens ausprobieren, muß Probegrabungen vornehmen und darf sich durch huadertsältige Enttäuschungen nicht abschrecken lassen. Der Erfinder de» Fahrstuhls. In den Denkwürdigkelten, die der Franzose Dangeau hinterlassen hat, findet man unter dem Datum des S. März 169! folgende Eintragung:„Kürzlich starb in Poris das Mit- glied der Atodemie Herr de B t l l a y e r. Der brave Mann besaß einen ungewöhnlich erfindungsreichen Kopf und man hat ihm wahr- scheinlich auch die Erfindung des Pendels und des Repeticrwerks der Uhren zu danken, lieber seinem Bett hatte er In Greifweite seiner Hand eine Uhr aufgehängt, deren großes, aus Pappe gefertigtes Zifferirblatt an Stelle der Ziffern Höhlungen aufwies, die mit ver- schiedenen schorfriechendcn Drogen gefüllt waren. Wenn er wissen wollte, wie spät es war, so fuhr er mit der Hand über das Ziffer- blatt bis zu der Stelle, wo der Zeiger stand. Der Geruch des In- Halts der betreffenden Stelle, den der tastende Finger der Nase über- mittclte, setzte ihn mit Hilfe seines Gedächtnisses in den Stand, fest- zustellen, wie spät es sei. Im Jahre 1699 hatte Herr de Villaycr auch jene beweglichen Stühle erfunden, die mit Hilfe von Gewichten und Gegengewichten zwischen zwei Mauern herauf- und heruntersteigen und kraft ihres Eigengewichts nach Gefallen zum Stillstand gebrocht werden können." Dostojewskis schwerste Stunde. Gelegentlich des bevorstehenden 169. Geburtstages von Dostojewski erinnert eins französische Zeit- schrift an die Anklage, die den großen russischen Schriftsteller in das „Totenhaus" führte. Dostojewski war durch sein körperliches Leide» und da» Elend, in dem er sich um das tägliche Brot plagte, so her- untergekommen, daß er an seinen Bruder schrieb, wenn ihm nicht mitleidige Menschen zu Hilfe kämen, sei er genötigt, seinem Leben ein Ziel zu setzen. Gerade damals kam die Affäre des Nihilisten Petrafchewskij zur Enthüllung, in die auch Dostojewski ganz»n- lchutdiaerrveise verwickelt wurde. In der Nacht des 23. April 1849 vranq die Polizei in seine Wohnung und verhaftete den Dichter unter der Beschuldigung, daß er an den Versammlungen, die im Hause Petraschewskiss stattfanden, teilgenommen und dort auch einen Brief Bilinski« an Gogol vorgelesen habe, der die„vcrabscheuungs- würdigsten Bemerkungen über die orthodoxe Kirche enthielt". Bor allem mochte man aber Dostojewski ein Verbrechen daraus, daß er die Herausgabe einer Zeitschrift vorbereitet habe, die angeblich den Zweck verfolgte, verbrecherische Ideen zu verbreiten. Die Anklage stand, wie man sieht, auf recht schwachen Füßen: da» verhinderte aber nicht, daß der Schriftsteller auf Grund dieser vagen Anschuldigungen zum Tode verurteilt wurde. Dabei verachtet» Dostoiewski in Wahrheit Petraschcwskij und haßte in jener Zett Bilinski wegen seines Atheismus: jenen Brief hatte er nur zu dem Zwecke vorgelesen, um die Ungeheuerlichkeiten, die er enthielt, hervorzuheben. Am 21. Dezember 1849 wurde Dostojewski init seinen Leidensgenossen auf den Ssemenowskyplatz in Petersburg geführt,«« alles zur Hinrichtung vorbereitet war. Schon erhob der Offizier des Exekuiivtommandos den Degen, um den Soldaten den Befehl zum Feuern zu geben, als ein Trommelwirbel ertönte: im letzten Augenblick war das kaiserliche Dekret eingetroffen, das den zum itode Verurteilten zur Verbannung nach Sibirien begnadigte. Völkerkunde Die haüplfpracken der Erde. Die Verteilung der verschiedenen Sprachen aus dem Erdball hat infolge der Veränderung der Erdkarte durch den Weltkrieg auch manche Verschiebung erfahren, und deshalb ist eine Zusammenstellung wertvoll, die Erich Pagel in der„Umschau" über die Hauptsprachen gibt, die von mehr als 39 Millionen Men» schen gesprochen werden. Nach der Zahl der Sprecher steht das Chinesische mit etwa 399 Millionen an erster Stelle. Dabei handelt es�sich hier aber weniger um eine Sprache als vielmehr um Ane Sprachengrupps, denn die einzelnen chinesischen Mundarten unterscheiden sich sehr viel schärfer voneinander als etwa die deutschen. Unter diesen Mundarten ist das Nordchinesische am wichtigsten, denn es ist Umgangs- und Schriftsprache in dem politisch einflußreichsten Gebiet Chinas. An zweiter Stelle steht Englisch mit 129— 139 Millionen Sprechern: es ist die verbreltetste Weltverkehrssprache und wird wohl auch seine Stellung behaupten. Deutsch wird von über 79 Millionen ge- sprachen: außer in Deutschland und Dcutschöfterreich und der beut» schen Schweiz noch in Teilen der Tschechoslowakei/ Polens, Litauen», Estlands, Livlands, in Siebenbürgen und in Sprachinseln von Ungarn und Rußtand. Außerdem leben in Amerika noch etwa 19 Millionen Deutsche mit deutscher Muttersprache, und bis zu den Umwälzungen durch den Krieg gab es in Australien 199 999, in Asien 69 999, in Afrika 79 999 Deutsche. Starke deutsche Elemente enthält auch das sogenannte„Jiddisch, das von etwa 6 Millionen Menschen in Polen, Rußland und Amerika gesprochen wird. Diese Sprach», die allerdings mit hebräischen Buchstaben geschrieben wird, beruht auf einem oberdeutschen Dialekt, in dem schriftdeutsche, hebräische und polnische Wörter aufgenommen sind.- An vierter Stelle steht da» Russische mit knapp 79 Millionen Sprechern, die in Großrußland und Sibirien leben. Weißrussisch und Kleinrussisch sind dem Rufst- schen sehr ähnlich, und wenn es zu einer Wiedervereinigung Ruß- lands mit der Ukraine und Sibirien kommt, dann würde da» Russische das größte zusammenhängende Sprachgebiet der Erde um- fassen', nämlich 29 Millionen Quadratkilometer mit 199 Millionen Sprechern. Spanisch wird von etwa 69 Millionen gesprochen; fast ebenso viele Menschen bedienen sich des I a p a n i s ch e n. An siebenter Stelle steht das Französische, und zwcrt gebrauchen es 46 Millionen in Frankreich Belgien, Algier und einem Teil Kanadas. Französisch ist noch immer Weltverkehrssprache, besonders lm nahen Orient, ober feine frühere große Bedeutung hat es zweifellos ein- gebüßt. Diejenigen beiden Sprachen, die dem Französischen in ihr» Verbreitung' nahe stehen, sind das Bengali, das in der indischen Provinz Bengalen von etwa ebenso vielen Menschen gesprochen wird wie das Französische, und das H i n d u st a n i mit über 49 Millionen Sprechern in Nordindien. In weitem Abstand daaach kommt das Italienische mit 35 Millionen Sprechern, mVaußerdem läßt sich noch zu den Hauptsprachen das Arabische rechnen, das von über 39 Millionen in Arabien, Syrien, Mesopotamien, Aegypten und Nordafrika gesprochen wird. Beziehung unö Untereicht IlH�-fUjl Soll mau Kinder zum Essen zwingen? Zu den Erziehunzs» Problemen, die den Vätern und Müllern besonders viel Kopfze»- brechen machen, gehört die Frage, wie man sich verhalten soll, wenn die Kinder etwas nicht essen wollen. Es kann sich dabei einfach um die Durchsetzung der elterlichen Autorität und um die Aufrecht» erholtung des alten Erziehungsfatzes handeln, daß ein Kind von allem essen müsse, was auf den Tisch kommt, oder daß es unter allen Umständen leinen Teller leer zu essen Hab«. Was man ihm einmal auf den Teller geladen hat, das muß es hinnehmen, wie das Fatum, und es hinunterschlucken, ohne etwas davon abzuhandeln, einerlei, wie bitter es schmeckt. Die Sache kann aber noch dadurch erschwert werden, daß der Widerwille des Kindes sich gegen eine Speise richtet, die man zu seiner Ernährung für notwendig hält. Manche Kinder weisen Reis zurück, andere Fett, wieder andere alles Scharfe und Saure, und einige unter unseren Lieblingen scheinen als Begetarier geboren zu fein- und wollen durchaus nicht an Fleisch heran, von welcher Art es auch fei. Es gibt viele Eltern, die in diesem Punkt noch immer den alten Methoden anhängen und denken, daß auch hier eine Tracht Prügel als Allheilmittel am besten wirke, oder die, wenn selbst das nichts hilft, das Kind durch Hungern mürbe machen wollen. Mit Prügel aber, so äußert sich ein Arzt, den besorgte Eltern oft über dieses Problem befragten, ist die Abneigung eines Kindes gegen eine besondere Speise nicht zu überwinden. Man darf nicht vergessen, daß der Widerwille des Kindes, so wenig es selbst imstande ist, zu übersehen, was ihm gut tut und was nicht, doch oft instinktiv auf tiefere Ursachen in seiner Organisation zurückgeht. Bei Jdiofyn- krasie. die sich hartnäckig gegen alle Versuche der Ueberredung und des Zwanges behaupten, soll man sich lieber bei einer solchen An- nähme beruhigen, als dem Kind etwas aufnötigen, was ihm nicht bekommen wird. In vielen Fällen läßt sich der kleine Eigensinn überzeugen, daß man nur sein Bestes will, und daß er von dem, was er essen soll,„groß und stark" werden wird. Gelingt dies aber nicht, so soll man, wenn es sich um unentbehrliche Nährstoffe handelt und diese nicht durch irgendwelche geschickte Zubereitung- bei dem Wider- spenstigen sozusagen einzuschmuggeln sind, sie durch andere Speiselt von ähnlicher Zusammensetzung oder gleichem Nährwert zu ersetzen suchen.