Nummer 44 Al 3. November 19 21 Hennwe/t Anterhaltungsbeilatze öes öorwür� &>= halte fest an der Partei, wenn du ein Parle, mann bist: aber unentwegt verleugne jeden Lügner und Sophist. » Als Gegner acht«, wer e» seit Strauchdiebe aber find keine Partei. «»ttfried fteller rS, Meine Kinöer. Naturaufnahmen von Marie Tinschmann. Der Vater ist krank. Schon viele Wochen liegt er in der Schlaf- kammer. wo er, wenn er sich aufrichtet, ein kleines Stückchen blauen Himmel und ein paar Baumspistcn» sehen kann. Mit einem Mal ist un» die Idee gekommen, lein Bett in das Kinderzimmer hinein- zujchafsen, dessen Fenster aus einen grünen Platz gehen. Und wir freuen uns und sind verwundert, daß wir erst jetzt den guten Ge- danken hatten. Aber die Jungen sind nicht lo zufrieden. Denn die Svielsachen müssen vorläufig oben im Krankenzimmer bleiben. Unmöglich, die Sachen hinaus zu bringen, ohne den armen Vater au» der haut fahren zu lassen. Ob sie wenigsten» die aufgebauten Steinhäuser und Burgen leise, ganz leise abtragen und rüberschafsen dürften? heut ist kein Gedanke daran, der Vater �tann das Klappern nicht aushalten—,.fragt morgen noch mal an." Morgen ist's aber wieder nichts und übermorgen ebenso. Schließ» lich bleibt alles fo stehen und liegen, wie es die Kinder am letzten Spieltage verließen. Da kommt die kleine Mieze hineingefchlichen, unsere Jüngste. Sie hat's jetzt schlecht. Sonst ist sie immer mit der Mutter zu- sammen, denn die Jungens wollen nicht mit ihr spielen, weil sie noch viel zu dumm ist. Aber jetzt sitzt die Mutter, so oft sie freie Zeit hat, oben im Krankenzimmer beim Vater, und wenn das Mädel hereinkommt, heißt's gleich:.Pst, pst,— leisel" Aber sie kommt eben immer wieder und sieht, ob nicht einer für sie Zeit hat— unten weiß sie nichts anzufangen. Leise, leise kommt sie auf bloßen Füßen und geht, in dem Ve- mühen, unhörbar zu sein, ganz einwärts. Der Vater schiäst gerade, und die Mutter ist froh, daß er da» Kind nicht gehört hat. Die Müsch legt bedeutsam den Finger an den Mund und das Mädel versteht.— Unschlüssig steht sie,— was anfangen? Ganz vorsichtig schleicht sie an den Jungen-Tijch. Und keiner wehrt ihr'si Vorsichtig baut fi«. etwas weiter, wirklich fast geräuschlos, und so selig, daß die Brüder nicht» verbieten— die ja draußen Nicht ahnen, was hier vorgeht. Nicht etwa, daß das Mädel den Vater geweckt hätte,— und wenn auch, er kann da nicht ärgerlich sein! So niedlich sieht das kleine Ding aus,— die langen blonden Locken noch verwirrt, die haar» schleife längst schief nach der Seite gerutscht,— das Schürzchen war sicher schon vor sehr, sehr langer Zeit— etwa heut morgen— sauber, jetzt sieht's nach Gartenzaun und Regentonne aus. Das Süßeste aber ist das vor Eifer rote Gesichtchen. So ungestört hat sie schon lange nicht im brüderlichen Eigentum wirtschaften können, — mit den schützenden Eltern im Hintergrund! Und wie wir alle im besten Freuen sind, geht abermals leise die Tür aus,— und im nächsten Augenblick fahren zwei Jungen auf das kleine Mädel los. Nur schwer bekomme ich die beiden Empörten aus dem Zimmer! Endlich sind sie draußen, und wir hören, wie sie sich unter gründlichen Racheschwüren die Trepp« herunterbegebcn. — Ahnungslos kommen wir nach ein paar Stunden herunter. Aber, was ist denn das? Im ganzen Garten zerstreut liegen Mädel» Puppenbetten— und in möglichst phantastischen Gruppierungen sind ring» umher Epicisachen oerteilt, manches verzerrt und ent- stellt, jedenfalls w gräulicher Unordnung. Mir dämmert's sürchtcrlich:.Der Brüder Rachel" Und ich bin schon in Angst,— natürlich wird's Mädel jetzt in einem Zornaus- bruch sich erleichtern-- ein stelnerweichendes Geheul anstimmen.— Aber nichts von dem! Totlachen will sie sich über.sone Dummheiten". .Das Kaninchen in der Wiege, Muschl Die Täubchen, die Muh» kuh und das Schweinchen auf dem Herd! Das Zelluloidbaby nackt auf der Trommel, die Kleidchen im ganzen Garten verweht'--!" Immer neu«.Dummheiten" der Brüder stellt sie jubelnd fest, und es dauert eine ganze Wette, bis wir alles wieder vernünftig untergebracht haben. Dann aber küßte ich«nein liebes, gutes, dummes Mädel, da» noch gar nicht ahnte, wie niederträchtig die Menschen sein tonnen und welche teuflische Bosheit in nächster Nähe sie umlauert. Wie Max und Moritz in Witwe Volte» Küche gucken die beiden jetzt hinter der Laube vor. Ra wartet— ihr! » Weiß der liebe Himmel, ich muß in meinen Sachen immer aufräumen! Dabei bin ich doch nicht einmal so schrecklich unordentlich, ein Zeichen dafür ist doch schon, daß ich überhaupt aufräume! Schreibtisch und Nähtisch Häven so viele Fächer und so taufender- lei Sachen sind drin und drauf, man muß halt immer aufräumen. Und ich tu's auch gern, es ist unterhaltsam genug. Man findet immer allerhand Sachen, über die man ins Nachdenken und Er- innern kommt.— Auch die Kinder denken so wie ich,— srellich suchen und finden sie greifbar« Freuden dabei. Wenn ich im Nähtisch aufräume, sind alle um mich herum, und es fällt für jeden etwas ab. Ein einzelner altmodischer Knopf, eine alte Gürtelschnalle, ein buntes Schnürchen und ähnliche Herrlichkeiten, die bei ihnen die beste Verwendung finden. Ist's ein besonder» kostbares Ding, das Ich anpreisend in die höhe halte, dann entbrennt meist ein heftiger Kamps darum. heut war's ein dünner, kleiner Riemen, auf dessen Ursprung ich mich beim besten Willen nicht zu entsinnen weiß. Vielleicht ein Uhrenarmbandriemen? Georg behauptet:„Es ist meiner, Mutter: ich weiß ganz genau: ich Hab ihn bloß so bissel verloren und du hast ihn gewiß gefunden und aufgehoben. Ich muß ihn kriegen! Weißt du nicht, Müsch: Du sollst nicht lügen und nicht stehlen, Und wa» du findest, nicht verhehlenl?" Ich:„Wenn'» wirklich so ist, dann--" Mein Sohn Klaus:.Keine Idee, Muschl Ich weiß ganz genau: der Riem' war von Mädel» Weihnachtshund da» Halsbond, und das Mädel hat ihn mir geschenkt, du hast'n bloß aufgehoben. Gib mir'nl" Er verschwindet schon in seiner rechten hosentasch«, der auf- gebeulten! Georg fährt auf ihn los:.Raus gibst'n, Diebsgesichtl Wo ich so genau weiß, daß es doch meiner ist." Sie ringen ergrimmt miteinander. Hans und's Mädel stehen wohlig grusclnd und voll Interesse daneben. Ein« Weile tu ich, al« merk« ich nichts,— sie werden sich schon einigen. Ja, Kirschkuchenl Ich Hab mich gründlich getäuscht! Sie sind ganz ineinander verbissen, schimpfen und balzen sich mörderlich. .Jetzt ist's genug! Gebt auf der Stell« den Riemen her! Kein» bekommt ihn!" Eine Minute Ruhe, erhitzte Gesichter, verraufte haare und , Jacken. Dann leise» Murren und wütende Blicke der beiden Gegner. l hon» hat eine gloriose Idee..Verlos ihn doch, Müsch!" Also gut. Es werden zwei Lose gemacht— Hans und's Mädel scheiden ja au»— und mit höchster Spannung gezogen.-- Klau» ist der glückliche Gewinner und Georg hat die Riet«. Natürlich wurmt ihn der traurige Ausgang, und er weint und heult so lange, bis ich's nicht mehr aushalten kann. „Wenn du jetzt, bis ich drei gezahlt habe, mit dem heulen nicht aufhörst, nehm' ich den Stockt" Fortgesetztes, langatmige», unvermindertes hu— 5, hu— 3, hu— 8. Ich zähle:.Eins--" Keine Veränderung--- »Zwei--* Keine Veränderung-- .Georg, ich hol jetzt schon den Stock——' Prompte Antwort:.Ich Hab ja noch bis.drei" Zeit!" Das Such und fein Gewand. Don Werner Peiser. In der letzten Zeit wurde von den verschiedensten Seiten die Feststellunq gemacht, daß es mit dem deutschen Buch wieder bergauf gehe. Diese erfreuliche Tatsache bezog sich weniger auf die litera- rische Seite— die leider noch immer zu wünschen läßt— als vielmehr auf die äußere Gestalt des Buches, die durch vier Jahre Krieg, Geldentwertung, Materialverteuerung, Abstumpfung der Menschen usw. schwer gelitten hatte. Das schöne Buch isb heute, so kann man mit Freuds konstatieren, nicht mehr eine Angelegenheit der Biblio- philen und der Büchersammler, sondern es ist eine Angelegenheit des Volkes geworden. Während die letzten Jahre durch das Streben nach weitestgehender Befriedigung praktischer Gesichtspunkte gekenn- zeichnet waren, macht sich heute allgemein eine Sehnsucht nach Schönheit geltend, die auch auf dem Gebiete des Buchwesens Er- süllung fordert. Aber Wunsch und Erfüllung klaffen weit auseinander. Jene unheilvollen Kriegsfolgen bestehen noch immer in vollem Umfange, und so entsteht für den Bücherfreund, der nicht mit den Biblio- philen identisch gedacht wird, ernste Sorgen, wse er ohne übergroße Inanspruchnahme seiner Finanzen seinen Büchern ein, auch äußer- lich, würdiges Gewand verleihen kann. In den folgenden Zeilen soll oersucht werden, auch dem unbemittelten oder minderbemittelten Bücherfreund ein paar praktische Winke zu geben. Das erste Gebot sollte lauten: Kaufe Dir alle Bücher, die Dir inhaltlich und sachlich besonders am Herzen liegen, ungebunden (broschiert). Es entstehen zwar durch die Notwendigkeit, sich die Bücher selbst binden zu lassen, etwas größere Unkosten, als wenn man das Buch gebunden bezieht, aber auf der anderen Seite er- wächst der gewaltige Borteil, daß man von dem Geschmack des Ver- legers unabhängig wird, für den bei der Herstellung von Massen- Produktion ganz andere Gesichtspunkte geltend sind und geltend sein müssen, wie für den einzelnen Bücherbesitzcr. Gerade die letzte Zeit hat eine bedeutende Hebung der handwerklichen Herste!- lung des Buches hervorgebracht. Während die ausgehenden Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts eine Uebersülle aus maschinel- lem Wege hergestellter Massenwaren aus den Büchermarkt warfen, wandten sich die Bücherfreunde seit Beginn dieses Jahrhunderts mehr und mehr der handwerksmäßigen Einzelherstellung des Buches zu, weil es immer deutlicher sichtbar wurde, daß nur die individuelle Behandlung des Buches eine Anpassung an den individuellen Ge- schmack des Bucheigentümers ermögliche. Hierdurch entstand eine innige Zusammenarbeit zwischen beiden Teilen, die durch Austausch wechselseitiger Erfahrungen und durch gegenseitige Anregungen von größtem Nutzen wurden. lieber die äußere Gewandung des Buches Ratschläge zu er- teilen, ist nicht ganz einfach, weil sie, wie schon erwähnt, abhängig von dem individuellen Geschmack des einzelnen ist. Dennoch seien ein paar Hauptgrundsätze zusammengestellt: Für wertvolle Bücher größeren wie kleineren Formats wähle man den Leder- bzw. Halblederband, der zur besseren Sicherung auf Bünden gc- arbeitet wird. Unter den Lederarten wähle man sorgfältig und scheide vor allem das berüchtigte„Spaltledcr" aus, dessen Lebensdauer eng begrenzt ist.— In den meisten Fällen wird sich ein Ganz- oder Halblederband zu teuer stellen: serner muß vor allem oermieden werden, daß für die Ausstattung des Buches ein Material von einer Kostbarkeit gewählt wird, die seinem Inhalt nicht entspricht. Gerade in dieser Hinsicht haben die viel zitierten Kriegsgewinnler und Sno- bistsn des Weltkrieges schwer gesündigt: war es Ihnen doch viel- sach gleichgültig, welchen Inhalt die Einbände hatten: entscheidend allein war der Gesichtspunkt, ob der braune oder schwarze Einband yuch— zu der neucrworbcnen Herrenzimmereinrichtung paßte.— Falls ein Leder- oder Halbledcreinband zu kostspielig wird, so ist der Leinwand- und Kalikoeinband bzw. Halbcinband zu emp- fehlen. Auch er gibt dem Buche eine gewisse Dauerhaftigkeit, deren es unter keinen Umständen entbehren darf, falls es nicht eines Tages ein Ansehen erhalten soll, das den Bücherfreund auf das empfindlichste verletzt. Um die einzelnen Bogen des Buches fest Miteinander verknüpft zu halten, wähle inan die Faden ziehung an Stelle der, leider noch immer beliebten, Drahtvcrtnüpfung, die nur zu leicht dem Verrosten und Zerbrechen ausgesetzt ist.— Als Borsatz papicr wähle man möglichst ein einfarbiges Papier, das mit dem Einband des Buches keinesfalls im Widerspruch stehen darf, möglichst aber seine Erscheinung ergänzt. Je schlichter das Ganze gehalten ist— dieses Prinzip sollte zum Gemeinplatz aller Bücherfreunde werden— um so vornehmer die Wirkung, um so dauerhafter aber auch die Neigung des Besitzers zu seinem Buch. Wenn man bei 5)albledcr- oder Halblcinwandeinbänden große Ecken aus dem gleichen Material vermeidet— wie es gegenwärtig üblich ist— so sollte man doch unter allen Umständen die Ecken ganz leicht und kaum sichtbar mit Pergament einfassen lassen, um hierdurch die Dauerhaftigkeit des Buches zu erhöhen. Unbedingt zu ver- meiden ist Goldschnitt bei wissenschaftlichen Büchern und schwere Goldocrzierung auf Rückendcckeln. Am vornehmsten wirkt stets der Titel des Buches in einfachen goldenen Buchstaben mit latcwischer Schrift. Desgleichen sollte man auf die jetzt beliebte Mode des Pergan! enteinbandes verzichten. Pergament gehört feinem Wesen nach nun einmal zu einem Buch, dos schon äußerlich gewaltig im Format und schwer im Inhalt iit. Gegen eine Bibel, ein la- teinischez Werk, auch einen Vorzugsdruck in Pergament ist wenig einzuwenden. Verstimmend muß es jedoch wirken, wenn man etwa lyrische Gedichte oder leicht hingleitende Novellen in den klassischen Einband des wuchtigeren Mittelalters gebunden sieht. Bei dem gedrängten Raum, der zur Verfügung stand, konnten hier nur ein paar der wichtigsten Anregungen gegeben werden, die für jeden Bücherfreund maßgebend sein sollten. Wer sich unter Zugrundelegung der hier gemachten Borschläge seine Bücherei aus- baut— wobei selbstverständlich stets das größte Hauptgewicht auf den Inhalt des Buches zu legen ist— wird auch äußerlich ein Wert erhalten, dessen er nie überdrüssig wird, und das Generationen über- lebt. Socklin 1S4S in Paris. Bon Alwin Rudolph. Wer In irgendeinem Museum vor einem der farbenleuchtenden. weltentrückten, in märchenhafter Schönheit strahlenden Gemälde Böcklins steht, der ahnt nicht, unter welchen bitteren Entbehrungen, in welchen schweren Leidensjahren der Meister zu dieser Höhe seines Schaffens gereift ist. Bernhard Wyß hat uns jetzt ein Büchlein„Er- innerungen an Böcklin" beschert, das neben vielen heiteren Episoden auch von der Verzweiflung des jungen Künstlers erzählt, der manch- mal für feine Familie nicht ein Stück Brot im Hause hatte. In dieser Verzweiflung hatte Böcklin einmal in Rom den Entschluß gefaßt, in die päpstliche Schweizergarde einzutreten und be- reits den Kontrakt ausgefüllt, den dann seine mutige und entschlossene Frau wieder rückgängig machte. Aber nicht besser erging es ihm als Junggeselle In Paris, wo er manchen Tag ohne Nahrung war, und besonders schlecht in den Tagen der Februarrevolution. Davon hat Böcklin später des öfteren mit heiterem Lächeln erzählt, und jedes Jahr hat er den Revolutionstag gefeiert. Was wir von ihm selbst nicht wissen, das hat uns sein Gefährte und Landsmann, der Tiermaler Rudolf Koller, berichtet, und der kürzlich verstorbene Schweizer Literar- Historiker Adolf Frey hat diese Berichte aufgezeichnet. So er- schließt sich uns nicht nur der Lebensweg eines Künstlers, sondern wir haben damit zugleich einen authentischen Bericht aus den Re, volutionstagen. Da er ebenso interessant wie lehrreich ist, bescnders für unsere Zeit, wollen wir daraus einen kleinen Auszug geben. „Wir zogen mit den Aufständischen weiter, gegen die Seine hin, überstiegen eine Unzahl Barrikaden und gelangten gegenüber der Notre-Dame-Kirche mit Mühe zum Flusse. In der Ferne, vom Pont neuf her, hörten wir starkes Pelotonfeuer: es krachte fürchter- lich. So schnell als möglich drangen wir mit den übrigen vorwärts, über mehr als zwanzig Barrikaden hinweg, bis wir in die Nähe des Feuers gelangten. Da waren wir Augenzeugen, wie das Volk mit Hilfe der Nationalgarden die Linientruppen und die Reiterei zurück- trieb und entwaffnete. Nun rückten wir weiter über den Pont neuf, wo man uns Gewehre anbot: wir wiesen sie ober zurück. Wir schlössen uns einem Trunv Aufständischer und Bürger an, und nun ging es gegen den Louvre und die T u i l e r i e n. Wir hielten uns auf dem Trottoir. Das Volk stürmte mit gefälltem Bajonett in den Louvre. Einige schössen auch hinein, weil sie Feinde darin zu sehen meinten. Wir waren in einer ganz schwierigen Lage. Von beiden Seiten, das heißt vom Pont neuf sowohl wie Pont royal, drang Volk in die weite Passage des Louvre hinein, der wir uns gerade gegenüber befanden. Im Rücken hatten wir die Seine, und in einemfort wurde hart gesckiosscn. Als der größte Teil durch die Possage hindurch war, die auf den Karussellplatz führt, entstand ein anhaltendes Gewehr- feuer. Wir, ganz ohne Waffen, beinahe an nichts denkend und dem Beispiel anderer Anwesender folgend, drangen auch in den von Rauch gefüllten Durchgang hinein, sahen aber auf dem Karussellplatz schon keine feindlichen Truppen mehr, sondern nur tote Pferde, Tschakos und einen gewaltigen Rauch. Das Volk zündete die Wachthäuschen auf dem Karussellplatz an und stürmte in die Tuilerien hinein: wir nach, besonders aus Neugierde, die königlichen Zimmer und all die Pracht zu sehen. Zuerst gelangten wir in die königliche Küche. Hier bot sich ein seltsames Schauspiel, drollig und merkwürdig. Schon beim Ein- gang und auf den Treppen kamen uns Blusenmänncr entgegen, die Schinken, Braten, ganze Rehe, Geflügel, Würste auf ihre Bajonette und Spieße aufgesteckt hatten. Für solche Herrlichkeiten waren wir schon etwas zu spät eingetroffen. Uns blieb nichts übrig als Ge- müse, noch in den Kefleln über dem Feuer, also noch ganz warm. Die Blusenmänner hatten sich recht gemütlich um die Schüsseln ge- lagert und fischten die Rüben, Kartofseln usw. mit den Säbeln her- aus. Wir drei gerieten in eine dunkle Speisekammer und eroberten nach langem Suchen in der Dunkelheit ein mächtiges Stück Parmesan- käse. Sofort in drei Teile zerschnitten und in die Tasche damit! Wir hatten die größte Freude, besonders Werdmiiller, der schon die Aus- gäbe für ein Mittagessen erspart glaubte. Dann stiegen wir die Treppe hinauf. Eine große, gedeckte Bahre wurde soeben von vier Männern heruntergetragen.„Respecu-z ies blessces!"(Achtung! Verwundete!) hieß es, und alles entblößte das Haupt. Es waren aber, wie wir später erfuhren, nicht Verwundete, die hier von den Nationalgarden in Sicherheit gebracht wurden, son- dern— Kleinodien. Nun ging's in die königlichen Gemächer, in die Salons und in den Thronsaal. Das Volk empfand das größte Vergnügen daran, sich auf die prachtvollen Sessel und Divans zu setzen. In den Schlaf- und Toilettenzimnicrn standen einige, die an den vielen Pomadentöpfen und Fläschchen rochen: einer versuchte sogar, den ines solchen zu trinken, spuckte ihn aber unter Grimassen aus. Andere legten sich in Louis Philipps Bett und rissen chte Witze dazu. Andere setzten sich ruhig hin und blätterten in Büchern, andere wieder besahen die Kupferstiche und Gemälde len Wänden. Jede Kleinigkeit wurde betastet, doch alles ganz sättig wieder an seinen Platz gestellt. Schon war allenthalben eschlagen:„Respectez les beaux artsl"(Schont die Kunstwerke!) �r die Bilder des Königs und seiner Familie wurden zerschossen td zerschlagen, die vorgefundenen Briefe gelesen und auf die Straße hinuntergeworfen. Häufig wurde in die Spiegel und Kronleuchter gefeuert, so daß der Aufenthalt in diesen Zimmern recht gefährlich war, wie mir denn im Thronsaal eine Kugel am Kopf vorbeisauste, die, unten vom Karussellplatz heraufgeschossen, den großen Spiegel zertrümmerte. Hier, im Thronsaal, herrschte ein fürchterlicher Lärm und ein wildes Gewühl, weil jeder der Anwesenden einen Fetzen vom Thron herunterreißen wollte. Ein schönes Schauspiel zeigte sich auf dem Hofe des Residenz- schlosses: alle königlichen Wagen wurden brennend herumgefahren, die Tschakos der Feinde zerstampft und zerrissen oder als Sieges- zeichen auf die Bajonette gespießt. Wir konnten nicht wieder ins Freie gelangen, ohne an der Wache der Nationalgarde vorbeizukommen, die jeden Heraustretenden untersuchte. Wer irgendwelchen Raub von Wert bei sich trug, wurde sofort niedergeschossen. Natürlich ließ man uns drei Eidgenossen mit unseren Käseschnitten unbehelligt ziehen. Uebrigens hatte Werd- Müller zweierlei erbeutet, was er später als Andenken vorwies: einen Fetzen vom roten Tuch- des Thronsessels und das für diesen Tag, den E4. Februar 1848, für Louis Philipp bestimmte Menü. Vom Hof der Tuilerien aus erblickten wir gewaltigen Rauch In der Richtung des Palais Royal. Doch zogen wir nicht dorthin, jon- dorn mit dem großen Haufen der Neugierigen nach dem Stadt- haus. Ueberall lagen Pferdeleichen, überall traf man auf sieges- trunkene Aufftändllche. Jünglinge, Männer, Greise, Weiber, die sich nicht minder tapfr geschlagen hatten als die Barrikadenheldcn, die mannigfaltigen wunderlichen Kostüme und Waffen, die auf die Ba- jonette gesteckte Beute, die verbundenen Hände oder Köpfe der Ver- mundeten, der Siegcsjubel und die den Führern dargebrachten Hoch- rufe, das alles war herrlich für uns Malerl Von dem erbitterten Kampf, den die Erstürmung des Stadt- Hauses gekostet, legten die vielen toten Pferde, die Blutlachen, die aus allen Häusern der Umgebung herausgetragenen Verwundeten und Toten Zeugnis ab. Da man die Neugierigen ungehindert in alle Zimmer hineinließ, so gelangten wir auch in das Beratungs- »immer, wo schon die provisorische Regierung tagte. Louis D l a n c und Lamartine redeten. Es langweilte uns bald, um Jo mehr, als sich Immer ungestümer der Hunger regte. Denn bis jetzt— es war etwa nachmittags um die drei— hatten wir seit unserm dünnen Frühkaffee nichts mehr genossen. Ich griff in die Tasche, bröckelte ein Stück von meinem königlichen Kä'e ab, steckte es in den Mund und spie es unwillig wieder aus. Was wir für Käse gehalten hatten, war Suppenfctt!" Was werden damals die Spießbürger geschimpft haben über den „ruchlosen Haufen", der sich, halb verhungert, an den aufgespeicherten Lebensmitteln gütlich tat! Und wie werden sie sich nachher über die Erlebnisse des großen Meisters aniüsiert haben, um neuerdings wieder zu schimpfen und Schauermärchen zu erzählen über die„zügel- losen Banden" in den Nooembertagen 1913. Vielleicht gab es aber unter den Novcmberstürmcrn auch einen künftigen jungen Böcklin, Über dessen Erzählungen sie später lachen werden. Das kömgliche KinöermaSchen. Bon Hans Klabautermann. Trotz der Zurückhaltung, die sich König Karl der Plötzliche stets auferlegt hat, war ein Gerücht nach Paris gedrungen, das die Fran- zosen erheblich beunruhigte. Er wollte gegenbenenfalls seine Be- ziehungen zu der Entente abbrechen. Die Folgen waren nicht ab- zusehen. Daher sandte der„Matin" seinen Berichterstatter, Herrn Sauerwcin, nach Budapest, um das schlimmste zu verhüten und das Terrain zu sondieren. Aber es war nichts mehr zu retten. In den besseren Gesandtschaften der Kleinen Entente wurde ein Lied ge- sungen mit dem Kehrreim: Nischt war et mit'n Putsch, un Karln sein Thron is futsch. Cr weent'n halben Lita. Mensch, hat der Angst vor Zital Wie es kam, daß Karl seinem Volk das Heil nicht bringen durfte, hat auch Herr Sauerwein nicht feststellen können. Die Vorbereitun- gen waren jedenfalls gut. Nach dem„Matin" hat der Habsburger seine Informationen von einem Kindermädchen bezogen, und dieses hat ihm versichert, daß sämtliche Portlers auf seiner Seite stehen. Ich weiß nun gar nicht mehr, was ich davon halten soll. Wo soll man sich eigentlich erkundigen, wenn es gilt, über Menschen- schicksale Entschlüsse zu sasien? Macht man es wie Bethmann Hollweg, der sich von Generälen beraten ließ, so ist es falsch. Das geht aus seinen„Betrachtungen zum Weltkriege" hervor.(Wobei allerdings nicht ganz klar ist, warum er sich von ihnen immer hat weiter beraten lassen.) Hört man aus die Diplomaten, sagt Luden- dorsf, so ist es auch falsch. Und sogar Kindermädchen können irren, das hat Karl erfahren müssen; es bleibt nur noch die Frage offen, wer die Verantwortung für die armen 399 Menschen zu tragen hat, die dabei ihr Leben lassen mußten, das Kindermädchen oder die Portiers. Karl selbst trifft natürlich keine Schuld. Wie ich nämlich aus zuverlässiger Quelle erfahre, ist ihm neulich Napoleon im Traum erschienen.„Nun, König Karl, wie geht's?" fragte er. Dieser ant- wartete, gleichzeitig im Namen seiner Zita:„Ich bin nicht König, aber ich bin aus dem Holz geschnitzt, aus dem Könige gemacht werden". Als Napoleon erwiderte:„Sobald die Welt Könige au« Holz braucht, werde ich an Sie denken," war Karls Entschluß gesaßt. Er griff daneben und bittet, ihm der Tradition wegen nicht Madeira, sondern Elba oder St. Helena als Unterstützungswohnsitz anzuweisen. Halt, eben stellt sich's heraus, an wen man sich wenden muß, wenn man richtige Wege gehen will. An die Männer des Deutschen Tageblatts. In der Nummer 141 schreibt ein Herr Thomas Grimm: „Die jüdische Freimaurerei arbeitet für Karl.... Wer sich mit Unreinem abgibt, beschmutzt sich. Und die Sozialdemokratie und der Kommunismus sind etwas Jüdisches, daher etwas Unreines." Vastehstel In derselben Nummer jubelt Herr Hans Weberstedt: „Vor mir liegt ein Buch, nein, kein Buch, das klingt zu alltäglich, eine Offenbarung, ein Heiligtum, ein Werk, daß(I) ich nicht ge- lesen, nein, verschlungen habe". Und dann bringt er eine Etilprob« aus dem Heiligtum, die von Otto Ernst stammt: „Der Franzose ist kein Mensch und hat in keiner Lage irgend- welchen Anspruch aus menschliche Behandlung. Wo ein Deutscher sie ihm dennoch zuteil werden läßt, geschieht es, weil ein Volk wie das deutsche zu der Tiefe des französischen nicht hinabsteigt. Der Verkehr mit Franzosen beschränkt sich durchaus auf da» Unumgänglich-Notwendige; kein Deutscher weilt ohne zwingende Veranlassung mit einem Franzosen in demselben Raum. Jeden freiwilligen Verkehr mit einem Franzosen lehnt der Deutsche ab als untilgbare Besudelung seiner Persönlichkeit und seines Volkes. Wer sich eines solchen Verkehrs schuldig macht, sei ausgestoßen au» der Gemeinschaft unseres Volkes." Herr Weberstedt schreibt:„Das Buch hat mir das Blut in den Kopf getrieben," was wir ihm gerne glauben. Ja, siehste wall, der Mann hat zuviel Blut im Kopf und findet doch so kraftvolle Worte. Oder wie wär's mit einen, Recken aus der„Deutschen Tageszeitung?" Da finden wir auf Seite 2 der Nummer 499 die Mitteilung: Frank- reich bereitet einen Gesetzentwurf vor, der den fremden Kriegstell- neh»,ern das ewige Ruherecht gewährt, und aus Seite 3 folgenden Artikel: Die„Gazctta de voß" alias„Vossischc Zeitung" meldet: „Der französische Botschafter wird am 1. November auf dem Friedhof Hascnheide Kränze an den Grübern der in Gefangenschaft verstorbenen französischen Soldaten niederlegen. Für In Berlin an» lässige Franzosen, die an der Feier teilnehme» wollen, ist Treff- punkt um 9.59 Uhr vormittags an der Tür de» Kirchhofes. Es wäre interessant zu erfahren, ob sich die Pariser Presse In gleicher Weise um die Propaganda für eine deutsche Kriegcrehrung in Frankreichs Hauptstadt bemühen würde." Den Redakteur lobe ich mir. Er schreibt unter der Parole„Für deutsche Art" und verbindet Takt mit wahrhast sittlichem Empfinden. Wenn wir solche Leute in der Regierung gehabt hätten, würde Frankreich dafür gesorgt haben, daß uns Oberschlesien ungeteilt zu» fällt. Aus das sittliche Empfinden kommt es eben an. Die Justiz hat Wichtigeres zu tun, als den Kapp-Prozeß zu beginnen. Dabei handelt es sich nur um den Bestand der Republik. Aber Herr Professor Brunncr hat etwas Neues entdeckt. Eine Musik, die durch ihren Rhythmus unsittlich wirkt. Die muß erst abgeurteilt werden. Dann soll der Geruch darankommen, der manchmal anstößig ist. Wenn der durchgeschnüffelt ist, wird man die Kappisten fragen, ob e« ihnen recht ist, das Versahren gegen sie anzufangen. Drüöer. Bruder... du schüttelst stumm das Haupt! Sag: sind wir Brüder nicht? Der selbe Gegner hat uns beraubt,— Mr fronen tu gleicher Pflicht! Bruder... schau nicht zur Seite so stumme Tu nicht so fremd und kühl! Wir sind entzweit... Warum? Warum? Und woll'n doch zum gleichen Ziel! Wir seufzen beide: vom gleichen Leid Gewürgt, zu Boden gepreßt,- Und wären doch stark, wenn Einigkeit Uns schmiedete zäh und fest! � Man wird uns zwingen, so lange voll Groll Wir zomiq ins Auge uns sehn! Wir schreiten durch Wüsten von Dornen voll� Und könnten durch Rosen gehn! Und könnten zaubern voll Sonnenschein Der Heimat siechendes Land,— Rur müssen wir wieder Brüder sein!.,» Hier, Bruder, ist meine Hand... Wissen und Schauen Die Herkunst unserer Gebrauchsgegenstände. Wir täuschen uns oft, indem wir annehmen, die uns wohlbekannten Gegenstände seien Uralt Verschiedene von ihnen, wie z. das Portemonnaie. sind sogar sehr jungen Datums. Das Portemonnaie ist eine Er- findimg, die noch nicht hundert Jahre alt ist und von Karl Heue stammt, der 184Z als Buchbindergeselle von Dresden nach New Dort auswanderte. In einer New Jorker Fabrik sertigte Heue Arbeits- taschen, Necessaires u. dgl. an und erfand dabei das Portemonnaie, das rasch zum Modeartikel wurde und den alten Geldbeutel bald überall verdrängte.— Aelter ist bis Bürste, wie wir ste heute aebrauchen. Sie stammt von Leodegar, einem Bürgerssohne aus Todtnau im badischen Schwarzwald?. Als Müllerbursch« wollte sich Leodegar dos lästige Zusammenkehren des Mehlstaubs erleichtern und kam auf den Gedanken, ein Stück Holz zu durchbohren und in die Bohrlöcher Schweinsborsten zu befestigen. Später betrieb er in Todtnau einen kleinen Viehhandel und begann im Jahre 1770 auch E erbsmäßig Bürsten zu verfertigen und in der Umgebung, be- >ers in der Breisgausiadt Freiburg, zu verkaufen. Bald nahm > ganze Familie an der Bürstenerzeugung teil, und er konnte so- gar einige Hausierer anstellen. Wohl noch vor dem Jahr« 1800 fing ein gewisser Balthasar Brender an, aus der Herstellung von Bürsten- hölzern einen eigenen Crmerbszweig zu machen. Das war der un- scheinbare Anfang einer wichtigen Hausindustrie, die in Todtnau und anderen Orten ani Südabhange des Feldbergs besonders heimisch wurde.— Die Erfindung des Briefumschlags fällt in das Jahr 1820 und wird dem Papierhändter Vrewer in Brighton zugeschrieben.— Die Visitenkarte rder Besuchskarte, wie man jetzt sagt, nahm man unter Ludwig XIV. in Frankreich erstmals in Gebrauch. Man benutzte einfache Spielkorten, deren Rückseite man mit seinem Namen beschrieb und in das Schlüsselloch des zu Be- luchenden steckte, wenn er nicht anzutreffen war.— Der Gebrauch der Servietten und Tischtücher wurde zur Zeit Kaiser Karls V. zuerst eingeführt, doch dauerte es lange Zeit, bis sich dieser Brauch allgemein einbürgerte. In früheren Zeiten aß man an schlichten tjülzernen Tischen und benützte als Unterlagen für Schüsseln und Tellern gegerbte Felle. Tischtücher von Leinwand und Damast sand man lang« Zeit nur an sürstlichen Tafeln. Die Diamanlschleiserei. Bis zur Kriegszeit war das Schleifen der Diamanten fast ausschließlich die Arbeit einiger Amsterdamer Fabriken. Portugiesische Juden, die ihres Glaubens wegen aus der Heimat flüchteten, hatten die Kunst mitgebracht und weitcrgepflegt. Sie war auch ganz in jüdischen Händen. Besuchte man«ine Amsterdamer Diamanlschleiserei, was die meisten Fremden taten, so fand man, daßk alles, vom Direktor herunter bis zum Lehrsungen und Portier, Juden waren. Die Diamantfchleiferei ist übrigens technisch «ine«insachere Sache, als mancher denkt. Noch heute steht Amper- dam an der Spitze, aber es hat schon Konkurrenz bekommen. Eng- kand hat in Brighton eine Diamontlchlekferei eingerichtet, um eine Beschäftigung für seine Kriegsbeschädigten zu haben. Dort haben belgische Flüchtlinge, die während der deutsche» Besetzung ihres Landes noch England aekommen waren, meist Antwerpener, die Lehr- Meister abgegeben. Weitere englische Diamantschleifereien sind ge- plant. Auch in Südafrika, wo die meisten Diamanten gefunden werden, will man Diamantschleifereien einrichten, also die Steine gleich an Ort und Stelle bearbeiten. Die Amsterdamer sehen sich also mit einemmal auf einem Gebiete, das bisher ihr Monopol war, stark dedroht, und die hollandische Regierung geht daran, ihre Lager aus Borneo intensiver abzubauen, um ihren Diamantschleifern Beschäf- kigung zu geben. Diese gesteigerte Förderung von Edetgestein hält man für unbedenklich, da auch die Nochfrag« gestiegen ist. Auch Amerika baut seine Arkansasfelder jetzt energischer ab, da man fest- gestellt hat, daß die Einfuhr von Diamanten fortgesetzt steigt: im Jahre 1919 betrug sie 105 Millionen Dollars, doppelt so viel wie vor dem Kriege. In unruhigen Zeiten legen viele ihr Vermögen lieber in den dauerhaften und leichttransportablen Juwelen an als im zweifelhaften Papiergeld. Naturwissenschast ' Tiere als Aerzke. Wenn«in wilder Bogel oder eln freilebendes Säugetier ein Glied bricht, so muß es deshalb noch nicht sterben: «der der ohnehin schwere Kampf um» Dasein wird ihm dadurch noch erschwert. Um möglichst schnell den Schaden zu überwinden, unter- stützt dos beschädigte Tier in manchmal geradezu erstaunlicher Weise »ie 5)cilkraft der Natur und ist als sein eigener Arzt tätig. ' Ebenso merkwürdig« wie hochin leressante Beobachtungen in dieser 5)inficht verösseutlicht ein englischer Naturforscher Oliver Pike in eineur'Londoner Bialt. Er erzählt uns von einer Schnepfe, die ein Dein brach. Es war ein einfacher Bruch, der schnell zu heilen begann: aber der Bogel unterstützte den Heilungsprozeß, in- dem er das gebrochene Bein mit dem heilgebliebenen Fuß mit feuchler Erde bedeckte, die schnell hart wurde und dadurch für die Wunde einen sehr wirksamen Berband bildete. Manche Böget zeigen, wenn ihnen ein Unfall zugestoßen ist, erstaunliche Verstandes- kraft.„Bor einigen Tagen," berichtet Pike,„beobachtete ich einen Zwergfalken, der sich aus einer Schlinge befreite, in der er sich gefangen Halle. Der Strick halte sich ihm dicht um das eine Lein gelegt. Nachdem der Falke einige Minuten vergeblich versucht hatte, durch Zerren und Ziehen sich zu betreten und bemerkte, daß die Schlinge sich nur-ach fester zusammenzog, betrachtete er ste ein« Zeitlang aufmerksam. Dann begann er mit dem Schnabel an dem Knoten zu zerren und hatte so innerhalb von 5 Minuten die Schlinge geöffnet, sein Bein herausgezogen und flog davon. K a n i n ch e n, Wiefel, Ratten und andere Nager werden oft mit einem fehlenden Glied erlegt. Und man findet dann immer, daß die Wunde vortrefflich geheilt ist. Kürzlich wurde ein Wiesel mtt nur einem einzigen Fuß geschossen; die anderen drei Füße waren ihm abgeschossen oder in einer Falle abgeklemmt, aber die Stümpfe waren vortrefflich ausgeheilt, und aus der Körperbeschaffenhelk de» Tiere» tonnte man ersehen, daß es sich trotzdem reichliche Nahrung zu verschaffen gewußt hatte. Wenn ein Waldhuhn oder ein Rebhuhn einen Fuß verloren hat und nachher erlegt wird, so findet man oft eine dicke Hülle von Schafwolle um den'Stumpf ge- wickelt. Da es sehr häufig vorkommt, kann man annehmen, daß der Bogel selbst diesen Berband sich anlegt, um damit das Blut zu stillen und den Heilungsprozeß zu unterstützen. Die tapferste Tat. die ich jemals unter freilebenden Tieren sah, wurde von einer gewöhnlichen Ratte ausgeführt. Die Ratte hatte sich in einer Stahlfalle ge- fangen. Als ich die Fall« am nächsten Morgen untersuchte, kämpft« die Ratte mtt allen Kräften, zu entkommen, und als sie mich sah. mußte sie wohl, daß sie rasch handeln müßte. Sie wandte.sich daher entschlossen nach dem Hinterbein, das von den Stahlzähnen gepack» war, und nagte Fleisch und Knoch durch. Ohne den geringsten Schmerzenslaut hören zu lassen, amputierte sich so das Tier inner- halb von S Minuten selbst und lief dann frei davon." Das von der Ernte durch Pflanzenkrankheit verloren geht. Di« ungeheuren Berluste an der Ernte, die durch Pilanzenkrantheiten und Schädlings verursacht werden, kennzeichnet Dr. Frickhinger in der „Umschau" durch einige Zahlen. Durch den Steinbrand Hot im Jahre 1919 in der Rheinprovinz der Weizen einen minderen Ertrag von 30 000 Tonnen im Werte von 15 Millionen Mark gehabt. Im vorigen Jahr verursachten Feldmäuse in einem Kreise der Rhein. Provinz Schäden von 200 000 M„ in diesem Jahre noch größere. Raupen und andere Schädlinge vernichten jährlich ein Fünftel unserer Obsternte. Insgesamt erleidet die deutsche Landwirtschast durch Pflanzcnkrankheiten einen Berlust, der aus 1 b i» 2 Mit- liarden Mark jährlich zu schätzen ist. Die ältesten Waldbäume Deutschlands. Die Birke wird als der älteste deutsche Waldbaum bezeichnet. Sie soll sich am Schlüsse der Eiszeit am frühesten auf dem germanischen Boden ausgebreitet haben, und zwar geschah das wahrscheinlich schon viel früher, als der Mensch zur Siedelung in diese nun eisfreien Gebiete einzog. Neben ihr steht dem Alter nach fast gleichzeitig dl« E s p e, die in der ältesten Waldzeit Norddeulschlands, namentlich auf sumpsigem Loden, der wichtigst« Baum gewesen fein dürfte. Die Dreizahl wird durch die K l e f« r vervollständigt, welche etwas später als Birke und Espe in der vord» deutschen Tiefebene auftritt. Birke, Espe und Kieler dürften deshalb als die ältesten Waldbäume Deutschlands angesprochen werden. Die anderen deutschen Waldbäume haben wohl alle gleichzeitig, mit Ausnahm« der Buche, die norddeutsche Tiefebene besiedelt. Dt« Buche kam süßer erst viel später dazu. Zu der Buche trat dann noch die Eiche, die als letzte der ältesten der deutschen Waldbäume sich ansiedelt«, aber dann eine besonders weite Verbreiterung fand und manchen Gegenden ihr eigentümliche» landwirtschofiliches Gepräg« gab. Da» Auftreten der Eiche bezeichnet den Beginn der nou« Waldzeit. WlZ�UZW Urgeschichte Geologische Zeikräume. Biel Scharfsinn Ist schon aufgewendet worden, um zu einigermaßen begründeten Schätzungen der Dauer geologischer Zeiträume und damit des Alters der verschiedenen Tier- und Pflanzenformen, auch des Menschengeschlechtes selbst, zu ge- langen. Alle diese lleberlegungen ruhten aber auf sehr unsicherem Boden. Erst der große schwedische Geologe Gerard de Geer fand in jungen Vooenabtagerungen Schwedens und Finnlands, den sogen. Bändertonen, ein« Erscheinung, die den Jahresringe» im Wachstum eine» Baumes zu vergleichen ist. Jede der dünnen Tonschichten, die zu vielen Hunderten aufeinander liegen, stellt näm- lich den Niederschlag der Sinkstoffe eines einzelnen Jahres in einem See dar, so daß sich durch einfaches Auszählen der Tonlamellen di« Gesamtzahl der Jahre, die bei der Ablagerung der ganzen Bänder- tonschicht vorging, feststellen läßt. Da nun die Bändertone während der letzten Abschnitte der letzten Eiszeit und weiterhin seit dem Ende der Eiszeit bis zur Gegenwart abgelagert worden sind, so konnte de Geer die Zahl der Jahre, die diese Zeiträume umfaßt haben, genau ermitteln. Danach sind seitdemEnde derEiszeltbiszum Jahre 1920 K580 Jahre verflossen, und di« Bändcrlone tonnten noch 5000 Jahre weiter rückwärts in die letzte Eiszeit hinein oerfolgt werden. Diese Zahlen, die viel Neiner sind, als die meisten früheren Schätzungen, sind deshalb so Interessant, weil wir aus allen diesen Zeiträumen auch menschliche Ekelettreste und Spuren menschlicher Tätigkeit, Werkzeug«, Waffen, Reste von Mahlzeiten usw., kennen und die Spuren der Menschen sogar noch viel weiter zurück verfolgen können, so daß wir das Aller der Menschheit heute mit Sicherheit aus einig« Jahrzehntousende ansetzen können. Wen» man erkennt, daß da» Leben des Menschen so schwankend ist wie da» Bild de» Mond« im Wasser, so wird man glücklich. I»»ts«.