Nummer 46 16. November 1621 _,___ �lnterhaltuntzsbeilatze öe» Vorwärts Nach öem Pogrom. Bon Alfon» P« tz o l d. Juda Nachman, der zwanzigjährige Sohn de» Melameth')«ine» Neinrussischen Landsiädtchen«. war dem wahnwitzigen Pogrom ent» flohen, der in den düsteren Gäßchen des Ghetto die rote Flamm« de» Blutes und die Feuersäulen brennender Wohnstätten aufleuch- ten lieh. Mit schnellen Fluchtschritten hastete der Jüngling über die end« losen Felder, sein junger Leib schlich durch die schweigsamen Wälder und ging den Dörfern und Landstraßen meilenweit aus dem Weg. Noch sah er immerfort Blut, rauchendes, zischendes, schreiend i gewordenes Blut vor seinen Augen. Es floß über die Wiesen, � rann von den Besten und Stämmen der Bäume, blendete seinen. Blick, wohin er ihn auch wenden mochte, und tropfte au» Sternen, Mond und Sonne unablässig auf ihn herab. Noch saß kein anderes Geräusch in seinem schmerzdurchtobten Gehirn, wie das Todesgeschrei seiner ermordeten Verwandten und Nachbarn. Im fern verhallenden Geheul eines Hofhundes erkannte Juda diese furchtbaren Laute; sie kamen ihm zugeflogen al» hungriges Gekreisch der Krähen, und da» feuchte Geraschel de» Laubes im Walde sickerte in sein Ohr als das schmerzvolle Jn-den« Tod-weinen eines Kindes. Bis zum schützenden Abend lag er versteckt unter irgendeinem; Strauch, drückte das verhetzte Gesicht in das mitleidige Gras, schrie innerlich auf vor gewaltiger, aufrasender, nie sich niederduckender Angst, wenn ihn ein harmloses Tier, eine Fliege, ein Käfer oder Wurm berührte, biß in Steine, um der fühllosen Erde seinen Schmerz zuzufügen, stach sich spitze Dornen in sein Jünglinqssleisch, um mit der schwachen Qual des Körpers das grausige Weh der Seele zu erdrosseln. Getrieben von stechendem Hunger ah er die bittere Rinde der Bäume und den Winterfamen verblühter Gebüsche. ' Vor dem bleichen Glanz des Wassers eines Baches oder Tüm- pels scheute er sich und entwich solchen Orten wie ein toller Hund. Sah er doch in der ruhig dahinfließenden oder stillsiehenden Wasserfläche das Spiegelbild seines blutbespritzten, mit Brand- löchern besäten, zerfetzten Kaftans und seines schneebleichen, furcht- verzerrten Gesichtes, über das die noch breitklaffende Hiebwunde eines schartigen Gartenmessers hinlief, die ihm einer der verfluchten Mörder beigebracht hatte, als er feiner Lieblingsschwester Lea zu Hilfe geeilt war. Er band die tiefe Wunde nicht zu, legte weder heilkräftige Kräuter noch kühlenden Lehm darauf; sie sollte nur bluten, immer- fort bluten, rann doch aus ihr das ganze unermeßliche Leid seines unglücklichen Volkes. Und flösse ein Meer Blut aus ihr, ihm sollte es nur recht sein. Dann ersoff wenigstens alles darin; feine Furcht, feine Qual und die Meute der Brandstifter und Mörder. Erst in der Stunde, in der das große Schweigen und Dunkel der Nacht langsam aus dem Boden zu wachsen begann, kroch er aus seinem dürftigen Tagversteck und rannte im Lauf« eines ge- hetzten Tieres durch die trostlose Einsamkeit. Nur der Instinkt des um sein Leben kämpfenden Tieres führte ihn. Wohin führte ihn dieser Instinkt? Er wußte es nicht, fragte nicht Pfad noch Wolke danach. > Es war ihm auch ganz gleichgültig. Nur fort aus diesem vom Entsetzen durchbrüllten, von den Fackeln der Mordbrände durchgrellten, unzählige Male verfluchten Rußland. Weit, weit weg von der rauchenden Stätte, wo der all- mächtige Gott der Juden im Trümmerhaufen seines zerstörten hei- ligen Hauses auf Erden, im Blutstrom seiner treuen dahingemor- deten Gemeinde versank, ohne seine zum Himmel schreiende Schmach und die grauenhafte Vernichtung der Gläubigen an den Missetätern auf der Stell« furchtbar zu rächen. Und Juda Nachman, der früher so fromme Talmudschüler, der lächelnde Stolz des alten Rabbi, er, der vor wenigen Tagen noch der Weiseste und Stillste unter den jungen Schristenergründern des heimatlichen Ghetto war, spie nun tollen Haß auf diesen jäm- merlichen Gott der Ohnmacht und der Knechte, den diese in blinder *) Bibelschullehrer. Demut und Beschränktheit Adonai, den starken und gerechten Herrn der Ewigkeit, nannten. Wenn er spürt«, daß er im eiligen Laus» den Dungkot und den Lehm der Felder und Waldwege mit seinen federnden Füßen hinter sich schleuderte, war e» ihm in seinem jetzigen erbärmlichen Zustand eine wütende, ihn ein wenig aufrichtende Freude, zu denken, der Kot und Lehm flöge in da» geschändete Angesicht de» entgötterten Jehooa. „Judengott— Jnsektenkönigl' „Herr der Heerscharen— Läusefürstl" Bei jedem Schmutzwurf, der sich von seinen Sohlen löst« und hinter seinem Rücken in da»' Unbestimmte fiel, zischelte er dies» grauenhafte Gotteslästerung vor sich hin. Dabei wagte er aber nicht, sich ein einziges Mal umzudrehen, um nicht in das mißhandelte, geschändete Gesicht de» Gottes seiner Väter zu sehen. Er hätte ihm ja noch mit beiden Fäusten hinein» schlagen müssen in das feige, angefpiene Antlitz und dazu schreien, daß es über die ganze Erde scholl: Die Anklage und das Urteil eines von seinem Gott treulos ver« lasfenen und verratenen Volkes: „Judengott— Jnsektenkönig!" „Herr der Heerscharen— Läusefürstl" Und je länger er rannt«, desto mehr Lehm und Flüche warf er hinter sich, und auf einmal hatt« er dos Gefühl, als wäre der Gott hinter ihm von der Menge de» auf ihn geschleuderten Kote» er- stickt. Da stürzte Juda Nachman, der Gottesmörder, auf die Erd« und lag drei Tage und Nächte inmitten eine» wüsten Feldes be- sinnungslos da. Da««rste Kapital au» dem»och ungedruckten Roman„Der feuria» W e__ Spracherneuerung. Bon Otto Ernst Hesse. Die deutsche Sprache hat keine Einheit mehr. Wir haben ein« Sprache des Volts, die Dialekte und Mundarten, und haben das Schriftdeutsch, das Litcraturdeutsch, das Papierdeutsch. Es ist mit der Sprache wie mit einer Familie: erhält sie keine Blutzufuhr von unten, frischt sie sich nicht auf durch Ausnahme von Elementen, die dem Unbewußten des Lebens noch näher sind, wird sie steril. Mit dem schönen Scheine abgeklärter Kultur sängt die Literatursprach« die ein, deren Aufgabe es wäre, diese Erneuerung von unten her, ous dem Barne der Mundarten, der Volkssprache, der Sprache der Masse, zu vollziehen. Das Schicksal der Anpassung hat fast alle jene Dichter betroffen, die aus der Masse des Volkes hervorgegangen sind. Diesen proletarischen Dichtern, diesen Arbeiterdichtern und auch jenen, die aus Bauern- und Kleinbürqermilieu herausgewachsen sind, kann nicht der Vorwurf erspart werden, daß sie diese Aufgabe, die wichtiger als jede inhaltliche Gestaltung ist, überhaupt noch nicht erkannt haben. Man dürfte hoffen, daß diese Dichter und Schrift- steller, die der unliterarischen Masie noch nahe stehen und durch die Kanäle des Bluts und mit den Fasern unverbrauchter Nerven mit ihrer großen und ewig schöpferischen Anonymität verbunden sind, neues, saftigeres Sprachgut in die Literatur mitbrächten und dem verbrauchten Deutsch der alexandrinisch gewordenen Literatur neu« Kräfte zuführten. Aber man ist bisher bitter enttäuscht worden. Diese neuen Menschen wurden rasch, allzu rasch Literaturmenschen. So als ob dies Gehirn nicht aus der Naivität des literaturfernen Volkes käme, sondern sich seit Generationen der Vorväter schon mit den dünnsten Literatursuppen genährt habe, so rollt es die verbrauch- testen und schlechtesten Phrasen ab.' Die Aufgabe, die zu erfüllen wäre, ist gewiß nicht leicht. Di« Verlogenheit gegenüber allem, was derb und saftig Ist, verbietet die Aufnahme von Volksgut. Vor kurzem war in einer- mittleren Prcvinzzeitung ein Bericht über die Arbeit eines Vereins zu lesen, der sich die neu entstandenen und neu entstehenden Sprichwörter und Spruchwahrheiten des arbeitenden Volkes zu sammeln vorgenommen hat. Der Berichterstatter glaubte betonen zu müssen, daß sich leider die meisten dieser gesammelten Sprichwörter und Volksweisheiten nicht„öffentlich" wiedergeben ließen, da sie zu derb und zu sehr von gewissen Gegenden des menschlichen Körpers her, dessen Funktio- neu dem„Volke" eben die nächste Quelle aller Sprachgleichnifse ist, beeinflußt feien. Kann man sich etwas Groteskeres vorstellen, als dieses Versteckspielen und diese Verdrehung der Tatsachen? Man sammelt das, was das Aolk sagt und prSgt, und erklärt dann, es ließe sich.öffentlich" nicht wiedergeben! Das sind diefelben Leute, die dann.Volkstümlichkeit" predigen, die alten Tanten, die sich pfeudoromantische Begriffe von Volk und Volkskunst bilden und mit ihren literarischen Wassersuppen den hungrigen Geist der Massen nähren zu können glauben. Als Martin Luther die deutsche Bibel schuf, ging er im werk- tätigen Volk unter und lauschte ihm seine Sprache ab. Mancher von denen, die heute in Pieudovolkstümlichkeit machen, würden sich vor Schreck auf einen Körperteil setzen, den Luther damals sehr deutlich und exakt zu benennen pflegte, wenn er einmal diesen Martin Luther im Urtext lesen würde. Wo sind die Schriftsteller, die heute Handwerker, Industriearbeiter, Bauern, Droschkenkutscher bei der Arbeit, im Wirtshaus, auf der Kegeldahn und wo es immer sei be- lauschten und das gefundene Sprachgut verwendeten? Herr Pro- effor Bnmner würde ihnen gewiß den Staatsanwalt auf den Hals aoen. Aber das Volk und die Sprache des Volkes, ist nicht unsitt- lich. Sie ist ehrlich, hat keine Feigenblätter vor, ist wohl unerhört derb und scheut vor keiner Deutlichkeit zurück: aber sie ist niemals unsittlich. Sie bildet wirtlich. Sie hat die Genialität des Gleich- Nisses, In dem immer wieder das Schöpferische der Sprache ruht. Sie prägt Metaphern, die unerhört scharf sind, Bilder, die mal wirk- liche Bilder sind Man braucht nur die Ohren aufzumachen, um diese Produktivität an jeder Straßenecke festzustellen. Freilich gehörte zu einer Heimkehr zu solcher Sprach« eine Heim- kehr zu einer Wirklichkeitskunst, die der lebenden Generation der literarisch Schaffenden verloren gegangen ist. Diese Generation spricht eine abstrakte Sprache. In sie läßt selbst der, wo sie Volk zu gestalten sucht, dieses Volk eine solche abstrakte Sprache sprechen, und kommt damit natürlich niemals an das Volk selbst heran. Zwischen Literatur und Volk oder Masse, um noch schärfer zu betonen, klafft eine Kluft. Und wenn die gesamte soziale Dichtung der Gegenwart kein Echo im Volte findet, so liegt dos nicht am Ethos dieser Ler- suche, da» gewiß in den meisten Fällen ehrlich Ist. sondern nur an dieser Unfähigkeit, eine Sprache zu sprechen, dl« dem Volke seine Denk- und Sprechart In gesteigerter Form zeigt. Hier müssen die Arbeiterdichter, die proletarischen Dichter, die hoffentlich aus dem Mutterfchoße der Masse künftig aufsteigen, einsetzen. Sie müssen sich gegen die Literatursprache mit ollen Kräften ihrer ungebrochenen Sprachnaivität wehren Sie müssen die Sprache ihrer Herkunft sich bewahren, müssen das Wesentliche daraus verdichten, müssen sie ver- edeln, ohne daß ihr Saft und Kraft und die Atmosphäre ihrer Her- kunft verloren geht. Das Naturgesetz im Unterricht. Von A l f r e d F r ö h l« ch. Der oft gebrauchte Satz..Keine Regel ohne Ausnahme" findet in den Naturwissenschaften keine Anwendung. Was einmal als Gesetz anerkannt wurde, muß für olle Fälle gelten. Aus der bunten Fülle der Erscheinungen faßt das Naturgesetz die gemeinsamen Merkmale zusammen, eine Nocharbeit aus gegebenen Tatsachen und zugleich eine Borarbeit für zukünftige Erscheinungen: denn das Gefetz be- fähigt zur Vorhersage. In unzähligen Büchern sind die Gesetze beschrieben, unsere Lehrer beweisen sie uw fein säuberlich an den Wandtafeln, an Ver- suchen, und die Folgt, stt, daß wir sie so gemütlich hinnehmen, wie man ein Butterbrot ißt, und darüber vergessen, welche gewaltige und bedeuffame Arbeit von diesen Männern geleistet wurde. Wir lächeln, wenn man uns von Archimedes erzählt, daß er,„Kenrel-a" (ich hab's gefunden) rufend, nackt durch die Straßen von Syrakus lief, als er das Gesetz des Schwimmens im Bade fand Wir hören schmunzelnd, daß Pythagoras den Göttern eine Hekatombe (100 Ochsen) opferte, als er den nach ihn, benannten Lehrsatz ge- funden hatte. Wir zitieren gerne das große Wort Galileis„Und sie bewegt sich doch", aber wir lassen die Tragödie nicht auf uns wirken, die diesem Bekenntnis voranging. Mit einem Wort, wir achten unsere großen Männer der Wissenschaften nicht wie sie es verdienen. Das bedeutet, daß wir auch ihre Werke zu wenig achten. Natur- gesetze sch«nen uns nur dazu zu dienen, sie. auswendig zu lernen, um sie ihres Nutzens willen anzuwenden, nicht aber um der Erkennt- nis willen, die sie uns bringen, nicht der Freude willen, die mit der wachsenden Erkenntnis verknüpft ist,- nicht des einheitlichen Welt- bildes willen, das sie zu erzeugen vermögen. Wir fassen sie als Dogmen auf, als starre Formen, die man auf Befehl zu glauben habe, nicht aber als lebendige Schöpfungen, die von jedem einzelnen nachentdeckt und nachempfunden werden können. Erst dann werden wir sie völlig begreifen, wenn auch wir mit dem Stoff gerungen haben. Unsere Lehrer lassen unsere Neugierde unbefriedigt, die den eigentlichen Kern der Wißbegierde bildet. Sie lassen unser Herz nicht mitschwingen, weil sie sich damit begnügen, uns mathematische Ab- leitungen zu geben, statt uns das Gesetz selbst finden zu lassen. Sollten sie selbst nicht die Schönheit des Gesetzes kennen, nicht seine Fülle, nicht seine Bedeutung im Sinne einer Weltanschauung? Einer solchen Lehrmethode entsprechen die Früchte. Sie werden Nicht, dem auf eigene Arbeit beruhenden Verständnis, sondern dem Gedächtnis anvertraut, diesem ungetreuen Diener, der sich so gern jeder unbequemen Bürde entledigt, und die Folge ist, daß nach kurzer Zeit der größte Teil der Schulweisheit vergessen wird. Sie wurde • v �lur äußerlich angeklebt, nicht aber innerlich verarbeitet. Es wlrd Nntzwissen gezüchtet, Prüsungsweisheit ohne das innere Band, das erst die einheitliche Persönlichkeit bildet. Alte und neue Sprachen, Mathematik, Naturwissenschaften laufen nebeneinander her, werden in gesonderten Schubfächern des Gehirns für eine gegebene Zeit ein- gepreßt und aufbewahrt, ohne zu einer inneren Harmonie, zur Bildung zu verschmelzen. Solche Erziehungsergebnisse müssen doch zum Nachdenken an- regen, wo liegt der Fehler, im Schüler, im Lehrer, Im System? 3m Schüler liegt er nicht', die jugendliche Seele dürstet nach Er- kenntnis und ist bereit, zu empfangen. Gewiß hat die Schule die Aufgabe, für das Leben vorzubereiten, aber es ist eine falsche Auf- fassung, wenn man das Leben nur von seiner beruflichen Seite be- trachtet. Es gibt keinen Beruf, der als Insel im Leben stände. Fichte war es wohl, der da sagte:.Wer nur sein Fach versteht, versteht auch dieses nicht." Die Schule wird nur dann ihrer Aufgabe gerecht werden, wenn es ihr gelingt, ganze Menschen für das Leben zu erziehen. Bildung braucht nicht Wcldfremdhcit zu sein, Bildung ist nicht totes Wissen, sondern innere Einheit von Wissen, Können und Charakter. Um solche Erziehungsergebnisse zu erzielen, bedarf es hervorragender Iugendbildner, die die Gabe der„schenkenden Tugend", die lebendige Freude an der„Bildung" der Jugend, des köstlichsten Gutes unseres Bolkes, besitzen. Nicht die Beherrschung des Stoffes macht den Lehrer, sondern die Gabe, ihn seinen Schülern anregend zu übermitteln. Anregung zu selbständigem Denken ist der Sinn der Schule, daher ist die Er- kenntnis des Naturgesetzes ihre Grundlage. Nicht auf Autorität ruht unsere Schule, sondern auf der Liebe zur Jugend. Sie wirkt be- fruchtend und anregend, sie macht die Arbeit zur Freude, die Schule zu einem Garten, in dem die Früchte der ErkennMis reifen und zum Genüsse einladen; freilich erst dann, wenn man selbst an ihrer Ent- wicklung teilgenommen hat. Ein« solche Erziehung wird auf jeden Drill verzichten, der doch nur Massenware erzeugt, dafür aber Edel« menschen hervorbringen, ein sre> denkendes, sittlich fühlendes Geschlecht. Cuthanafie. Was ist Euthanasie? Man versteht darunter die einem unheil- bar Kranken auf dessen Wunsch zuteil werdende Sterbehilfe, mit anderen Worten die ihm gegebene Möglichkeit,»in Leben, da» für ihn nur«ine Qual, von sich zu werfen. Es ist begreiflich, daß dieser Vorschlag im ersten Moment bei vielen auf starten Wider- spruch stoßen dürfte. Die meisten werden sich heute wohl dagegen entscheiden, sei es aus Gefühlsgründen oder wegen der anscheinend schwierigen praktischen Durchführung. Die Frage wirft sich aus: Haben wir überhaupt ein Recht, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen? Es sind doch heute Be- strebungen im Gange, die Todesstrafe ganz abzuschaffen. Es scheint dies paradox, aber bei näherer Prüfung wird man wohl doch zu dem Schlüsse kommen, daß beide Forderungen ihre Berechtigung haben. Es ist ein Unterschied, ob man einem Verbrecher das Leben nimmt, statt ihm Besserungsmöglichkeit zu geben, oder ob man einen Schwerleidenden, der im Tod die einzige Erlösung sieht, auf seinen ausdrücklichen Wunsch auf schmerzlose Weise von seinen Qualen erlöst. Der Vorwurf, daß die Anwendung der Euthanasie von Lieb- losigkeit und Egoismus der nächsten Angehörigen zeugt, die sich viel- leicht auf diese Weise von einer langwierigen und kostspielige» Pflege und Wartung befreien wollen, fällt in sich zusammen. Denn erstens kommt die Euthanasie nur da zur Anwendung, wo der Kranke dies selbst wünscht, und ferner bliebe noch die Frage offen, ob es nicht oft ein Beweis von größerer Liebe und Aufopferungsfähigkeit ist, sich von einem uns Nahestehenden, der vielleicht das teuerste Wesen für uns ist, freiwillig zu trennen, selbst darunter schwer leidend, nur um ihm die ersehnte Erlösung zu verschaffen. Ucber die alte christ- liche Anschauung, daß alles Leid und Ungemach mit Geduld und ge» horsamer Unterwerfung unter den Willen eines„allgütigen, allbarm- herzigen Gottes" zu ertragen fei, in„seinem Namen und zu seiner Ehre", brauchen wir uns wohl nicht weiter auszulassen. Die Literatur über Euthanasie ist noch verhältnismäßig arm. Vor einigen Jahren hat der bekannte Professor Elliot Nordon in Cambridge(Amerika) eine kleine Broschüre veröffentlicht, in welcher er sich mit diesem Problem befaßt und die breite Oeffent- lichkeit dafür zu interessieren sucht. Ein Russe, welcher jahrelang bettlägerig krank war und vergebens bat, ihn von seinem Leiden zu erlösen, hat ein Projekt für die Durchführung der Euthanasie hinter-' lassen. Er schlägt dort u. a. vor, daß der Kranke einen entsprechenden Antrag beim Gericht einreicht, welches dann feine Untersuchung durch den Gerichtsarzt und zwei Spezialärzte veranlaßt. Die Aerzte äußern sich darüber, ob unheilbare Krankheit vorliegt oder nicht, und das Gericht erläßt ein dementsprechendes Urteil. Der Deutsche Monistenbund hat jetzt dem Reichstag, dem Reichs- rat und der Reichsregierung einen Vorschlag unterbreitet, Z 216 des Strafgesetzbuches durch folgenden Passus zu ergänzen:„Die Tötung bleibt straflos, wenn der Getötete an einer unheilbaren Krankheit oder Verletzung gelitten, das ausdrückliche und ernstliche Verlangen auf Tötung In freier Willensbetätigunq zu gerichtlichem oder notariellem Protokoll erklärt hatte, von drei Aerzten, von denen einer Amtsarzt sein muß, festgestellt war, daß' keine Aussicht auf Heilbarkeit der Krankheit bestand und einer dieser Aerzte die Tötung ausgeführt hatte." Dem Antrag ist eine längere Begründung beigefügt. Es wäre zu wünschen, daß eine gesetzliche Regelung dieses wichtigen Problem« bald erfolgt. K. Unter gefpenstisthen Lichtern. Bon Charles G. D. Roberts. wir entnehmen diese« wunderbare TIesseeblld den soeben Im Gyldendalschen Berlag erschienenen„(8 e st- I« e n der Wildnis" von Charles S. D. Roberts. Mit diesem 'Bande spannender Tiererzählungen tritt einer der hervorragendsten Rertreter der sungen kanadischen Literatur zum ersten Male vor die deutsche Ocsfcntlichkeit. Ei» Forscher und Jäger schildert hier mit dichterischer Äraft da« Leben seiner heimatlichen Steppen, Wälder und Meere. In jene ungeheure Tiefe drang nie ein Strahl von Licht, sie lag eine Halde Meile unter der wild gepeitschten grünpurpurnen Fläche des Ozeans und ihren milchweißen Schaumkämmen. Die seltsamen Bewohner dieser Tiefen konnten nicht bis zu den sonnenbestrahlten Flächen emporsteigen, durften nie erfahren, wie es dort oben war. Sie waren für gewaltigen Druck gebaut, unter dem sie geboren waren— bei einer Reise zum Licht wäre ihr Gerüst zerstört,, wären ihre Eingeweide nach außen gedreht, ihre Augen aus den kiöhlen gerissen worden, und die zerbrechlichen Gewebe ihres Körpers hätten zerfallen müssen. So lebten sie ihre Jahre hin, ohne zu wissen oder zu ahnen, was Sonne ist, in einer Ruhe, die auch der wildeste Orkan nicht stören konnte. Und doch waren diese Tiefen nicht in völlige und ewige Dunkel- heit versenkt. Dann und wann verbreitete ein Schwärm zarter In- fusorien vom Stamm jener Lebewesen, die nachts an der Ober- fläche der See leuchteten, ein Fleckchen nebelhaften Schimmers. Dann und wann kam ein blafler, trügerischer Schein, der immer wieder verlosch und wie ein Atemzug neu austebte, von den weithin ge- breiteten Büschen jener seltsamen pflanzenähnlichen Geschöpfe, die man Eeelilien nennt. Und aus dem weiten Beben des tantbcstreu- ten Meeresgrunde» stieg«in seltsam phosphoreszierende» Leuchten aus, das die Dunkelheit bekämpfte. So herrschte für Augen, die empfindlich genug waren, diese leichten Bewegungen wahrzunehmen, etwas wie gefpenstische« Zwielicht, da» sich zumindest in Lichtflecken über das Bett der Tiesse« hinzog. Reben diesem unruhigen Schimmer, der stets an seiner eigenen Schwäche hinzusterben schie.r, tauchte ab und zu«in Schwärm von Glühwürmern auf, di» uruer irgendeinem Riff oder einem Busch von Lilien erstrahlten, um Sekunden später wieder zu verlöschen. Oft auch entflammten ein paar bescheidene Lämpchen in blauen oder violetten Farben, die sich in sanfter Bewegung rechts und links neigten, als ob ein unsichtbarer Träger da» grausige Dunkel mit ihnen absuchte. Auf beiden Seiten dieses unkenntlichen Geschöpfs schimmerten blasse, lichte Büschel, helle Augen leuchteten auf. wur- den größer und verschwanden. Manchmal bewegte sich durch das Dunkel etwas wie ein anderes Wesen, gleichsam das Gespenst eines Lichts: zwei lichte Büschel wehten von seiner Rase, seine Flosien schimmerten wie durchsichtige Nebel, und aus jeder Seite trug es eine doppelte Reihe sanft glühender Punkte. Oft folgte ihm eine größere Gestalt, geisterblaß, der Kops gewaltig groß und long, der Körper bebend, und stürzte sich wie zur Flucht ins Gewirr der See- lilien. Gespenstische Lichter hasteten immer, in irgendwie phantosti- scher Form durch das lautlose Dunkel. Ueber einem Ding, das wie ein riesiger flacher Stein aussah, schwebte, zwei Fuß hoch, ein Büschel violetter Flammen, gleichsam eine Aureole zartleuchtendcr Gewebe, die wie Flaum aus einem Keim schwachen Lichts erwuchsen. Diese leuchtende Blüte hing, das verriet ihre duftige Durchsichtigkeit, an der Spitze eines dünnen Rohrs, das leise schwankte, obwohl in dem um- gebenden Wasser keine Bewegung war. Diese Stütze aus Rohr schien aus einem flachen Felsstück zu wachsen, dessen schwärzliche Ränder im beweaten Schatten des Schlammes ringsum oerschwanden. Die schöne kleine Flamme zitterte manchmal, manchmal zerrt« sie an ihrer Stütze, manchmal verblaßte sie bis zur Unsichtbarkeit, um dann wieder in hellerem Glanz aufzustrahlen, im ganzen hatte sie eine Lebhaftigkeit, für die sich kein Anlaß zeigte. Plötzlich erspähte einer der gespenstigen Fischkärper mit dop- pelter Linie glühwurmartiger Punkte auf den Seiten und riesigen weißlichen Augen die zitternde Flamme und nahm Richtung, sie zu erforschen. Der Besucher war klein, kaum einen Fuß lang, und schien deswegen mit einiger Bescheidenheit auszutreten. Doch als er näherkam, glaubte er, dies kleine violette Licht sei etwas, das man nicht nur mit Behagen essen, sondern auch ohne Gefahr in Be- sitz nehmen könnte. Cr beeilte sich, daß nicht irgendein hungriger Wanderer ihm zuvorkäme. Abgesehen von seiner seltsamen Beleuch- tung machte er den Eindruck eines gewöhnlichen Fischleins aus höher gelegenen Wassern. Aber im Sturm auf das Flammenbüschel tat er einen erschreckend weiten Rachen auf, einen Rachen, aufge- rissen bis zum Scheitel seines langen Kopfes! Die kleine Flamme entwischte zur Seite und beugte sich zierlich zum Grund, als hätte sie Augen und wollte dem Angriff geschickt ausweichen. Gleich darauf geschah etwas Entsetzliches. Der flache, schwarze Block, der die Flamme getragen hatte, klaffte auf. Es tat sich eine Höhle auf, mit langen Zähnen bewehrt, die alle nach innen strebten. Der tollkühne Gcspenstersisch war gefangen. Mit Schnap- pen schloß die Höhle sich: rechts und links schimmerten, wo sie ge- wcsen war, zwei blasse, kalte Totenaugen. Ihr Phosphoreszieren dauerte nur eine Sekunde oder zwei, dann schien der schwarze Stein wieder eine leblose Platte wie zuvor, an der Augen wie dumpfe Warzen saßen. Und wieder stieg das violette Flämmchen sanft em- �or, zitterte und bewegte sich grundlos wie zuvor. Plötzlich aber ging die Flamme aus. verlöschte ganz. Ein« Reih« harter Stöße hatt» die Wasser durchzuckt. Auch alle die an- deren Lichtchen in der Nachbarschaft verlöschten plötzlich, die Glüh» wurmbüschel, die flimmernden Punkte und Sterne, die suchenden Augen und gespenstige» Lichtbüsches, ja selbst da» bläßliche Leuchten der unerschütterlichen Seelilien war nicht mehr. Nichts war mehr zu sehen als die Nebelflecken der Infusorien und trügerischer Schein über dem" Schlammbett. Irgendwo im Dunkel, viel zu weit, um sichtbar zu fein, aber nahe genug, sich schrecklich fühlbar zu machen, tobte eine Schlacht von Giganten. Für all die kleineren Wesen der Unterwelt hieß das.Licht aus und nicht gerührt!" Selbst jener große Steinblock von Kreatur, der doch sieben oder acht Fuß lang war und gut zwei Fuß breit— dort wa sein.ßöllenmund sich geöff» net hatte, wünschte die Aufmerksamkeit dieser Kämpfer nicht auf sich zu lenken. Er hielt seinen zarten, violett schimmernden Köder gut versteckt und freute sich, unter allen Steinblöcken auf dem Meeres- grund am wenigsten beachtet zu sein. Allmählich verschwand die Unruhe, wieder lag das Wasser in schwerer Ruhe. Als erste Ties- seebewohner, die Vertrauen faßten, suchten die Seelilien dos Dunkel, das eine unwiderstehliche Lockung für alle Arten zortlebender Or- ganismcn war, die ihr zuschwammen oder zuwehten, um von den fleischqierigen, immer hungrigen Blumen verschlungen zu werden. Bald ließen auch andere vorsichtige Geschöpfe ihr Geisterlicht wieder ausstrahlen, nahmen ihr Schweifen, Schwimmen und Krab- beln wieder auf,— Fische, Krebse, Scesterne, Krabben, mächtig« Seeigel und purpurschworze Rochen. Zu allerletzt schwenkte der riesige Wegelagerer, der Ticssecräuber, seine liebliche, violett schim» mernde Todeslampe wieder über dem geheimen Abgrund feine» Rachens. Die Kultur auf öem Marsch. Von Han» Klabautermann. •«kteg.—«rist-kr-tische«art-sfel».—«dciiswiig.— Naffeemamgel.—«alt«*- ctfimhangr«.— Sie 0*f»» der deutschen Industrie. Heute ist der rechte Tag. Einkehr zu halten und seine Sünden abzubeten Der brave Staatsbürger hat vor acht Tagen gemerkt, daß Revolution gewesen ist. und büßt seine damalige Tatenlosigkeit. Er hätte die Monarchie schützen sollen. Unter Wilhelm war es doch besser. Der Patriot streut Asche auf sein Haupt, daß er nicht vor zwei Monaten amerikanische Dollars oder polnische Mark gekaust hat. Die Erzbergerkämpser Schulz und Tillesscn trauern, daß sie bisher keine Zeit hatten, ihre mannhafte Tat vor einem Richter- kollegium ins reckte Licht zu setzen. Der Landwirt, der sein« Kar- toffeln schon vor sechs Wochen leichtsinnig verkauft hat, rauft sich die Haare. Es gibt rote— sozialdemokratische— und blaue— aristokratische— Kartoffeln. Sonderbarerweise ist der Geschmack so ziemlich der gleiche. Bloß der Preis ist verschieden. Rote kosten pro Zentner lOO M., blaue 22 M. Wo?, fragt aufgeregt der Leser. In Labe» in Pommern. Mitgliedern der Deutschnotionalen Volkspartei sind sie am 2(5. Oktober zu diesem Preis angeboten worden. Wer sie kauft, hat noch den Vorteil, große, ja die größten Kartoffeln zu be- kommen, da bekanntlich der dümmste Bauer die dicksten Kartoffeln hat. Nur muß er sich vorseben, ja keine roten zu essen. Neulich soll ein Baron nach dem Genuß von roten unter Bergiftungs- erscheinungen lebensacführlick erkrankt sein. Kaum hotten sich die Mitolieder der Abrüstungskonferenz in Washington hingesetzt, da fielen sie auch fast vom Stuhl Der Staats- fekretär Hughes schlug nämlich vor, abzurüsten. Das hatte keiner erwartet. Nur Herr Briand, den die ganze Sache nichts weiter an- ging, hielt eine Rede, in der er die Bereitwilligkeit Frankreichs be- tonte, in dem Augenblick die Waffen niederzulegen, wo es die Nach- dorn völlig klein gekriegt hätte. Er ist der erste, der seinen Ab- rüstungswillen sofort in die Tat umsetzt. Die Deutschen Werke wer- den trotz allen Protestes zerstört werden. Endlich eine Tat von kultureller Bedeutunh! Der Weltfrieden marschiert. Die Delitschen Werte stellen Stuhlbeine her. Da» sind höckst gefährliche Waffen. Ohne Stuhlbeine kann keine Nation Krieg führen. Die Menschen atmen befreit auf. Weniger bemerkenswert, aber interessant ist bje Nachricht, daß in Hamburg ein vierstöckiger Warenspeicher zusammengebrochen ist, nachdem er mit Kaffee überlastet war. Man sieht, der Kaffee weiß, was er sich schuldig ist. Der Speicher ist nicht etwa eingestürzt, weil der Unternehmer den Kaffee zurückgehalten hat, um ihn später teurer zu verkaufen. Bewahre! So was tut ein Deutscher nicht. Nein, die Bohnen sind mit der starken fremden Valuta belastet und hatten keine Lust, gering geschätzt zu werden. So bogen sich die Balken. Daraufhin wird der Kaffee wohl noch teurer werden. Was will das aber besagen gegenüber einer Erfindung von kultureller Be- deutung, die uns alle Nöte vergessen läßt. Unter Nr. 345 980 ist vom Deutschen Patentamt eine Borrichtunq zum Ziehen de» Scheitels patentiert worden. Wie umständlich bisher diese Arbeit war, wird trefflich durch die Redensart gekennzeichnet:„Wat, Sie wollen»ich bezahlen? Orje, lang mir mal det Beil runter, ick will dem feinen Herrn'n Scheitel ziehen." Mit Wehmut erinnern wir uns eines anderen Deutschen, der nicht mehr unter uns weilt und nicht hierher zurückgeholt wird, obwohl er eine epochale Erfindung gemacht hat. Ich meine den Apparat, der dem Schnurrbart die einzig menschenwürdige Form verleiht. Aber so sind die Menschen. Undankbar und böse. Die deutsch« Industrie will den brachliegenden Finanzen wieder auf dl« Bein« helfen, und die Regierung überlegt noch. Dabei stellt die Industrie to st gar keine Bedingungen, sondern will noch mehr Opfer tragen. Die Eisenbahnen haben alljährlich ein Milliardendefizit. Dennoch ist man bereit, das Geschäft ohne eine Entschädigung zu übernehmen. Da sollte doch die Regierung sofort zugreifen. Man sieht, welche Schwierigkeiten entstehen, wenn etwas, z. B. die Bergwerke, soziali- siert werden soll. Da kann man doch lieber den anderen Kurs versuchen. In der Monarchie hatten wir einen sozialisierten Betrieb, eben diese Eisenbahn. Warum soll da in der Republik nicht auch mal privatisiert werden? Sintemalen dann die ganze Sache viel bester klappen wird. Da hat z. B. die Verwaltung vor kurzem Schlafwagen dritter Klasse eingeführt. Was soll denn das? Dazu lag nicht das geringste Bedürfnis vor. Die Proleten, die nicht mal das Geld haben, erster oder zweiter zu fahren, sollen das Reisen überhaupt lassen. Ein Oberst a. D. beklagte sich neulich bei mir. daß die Vierter-Klasse-Wagen neuerdings wie Salonwagen ausgestattet werden. Solche Dummheiten können nicht mehr gemacht werden, sobald die Industrie die Regie führt. Dann noch ein Punkt, der viel Su wenig beachtet wird. Soll man doch das ganze Reich verkaufen! Zreußen—"zum ersten, zum zweiten und zum dritten! Selbst der deutsch« Hurrapatriotismus würde da zum erstenmal, solange er be- steht, etwas einbringen. Den würde sich«in amerikanischer Trust- fürst für sein Raritätenkabinctt, allerdings an der Kette, erstehen. Wissen und Schauen Der Ursprung de, Wortes„THelliebchen". Der hübsche Brauch des Vielliebchenestens ist wohl allgemein bekannt. Er besteht darin, daß zwei Personen zwei in einer gemeinsamen Hülle steckende Krach- wandeln verzehren und sich dann am nächsten Tag mit den Worten: .Guten Morgen, Bielliebchen!" begrüßen, wobei der gewonnen hat. der den Gruß zuerst ausspricht. In England herrscht der Brauch, daß man die Mandel oder ein grünes Blatt in der Tasche tragen muß. bis man sie eines Tages verliert, womit man natürlich gleich- zeitig aber auch das Vielliebchen verloren hat. Der Gewinner muß dann ein kleines Geschenk erholten. Eine Vielliebchen-Spielwette wird in Steiermark auch mit Bohnen gespielt. Bei dieser Bohnenwette, wie sie genannt wird, verspeisen zwei Personen se eine„Böhnin" und wetten dabei.um einen Krapfen auf einer Bank" für den kommenden Sonntag. Am bestimmten Sonntag trachten beide, nebeneinander auf einer Bant zu sitzen zu kommen. Dann hat der gewonnen, der zuerst ruft:„Zahl mir meine Böhnin!" Selbst bei den Papuas in N e u- G u i n e a ist es Sitte, daß zwei an einem gemeinsamen Stiel gewachsene Früchte, die man für Brll- der hält, von einem Bruderpaar verzehrt werden. So verbreitet und altbekannt aber auch diese Spiele sind, so wenig weiß man über die Herkunft des Wortes Vielliebchen. In einigen Sprachen, wie in der englischen, schwedischen, dänischen und holländischen Sprache wird das Vielliebchen als„P h i l i p p i n e" und zwar mit ziemlich ähnlicher Aussprache bezeichnet. Nun sind viele der Meinung, das Wort Philippine für das Wettspiel habe sich aus dem deutschen Vielliebchen herausgebildet, während andere die— wohl richtigere— Annahme vertreten, daß das deutsche Wort eine Umdeutelung des Namens Philippus darstelle. Allein die Hauptsache wäre wohl die, wie das Wort Philippine überhaupt zu der genannten Bedeutung gekommen ist. Nach einer in der .Schweizer Volkskunde" kürzlich mitgeteilten Forschung scheint sich neuerdings hierfür eine Erklärung zu ergeben. In einem Werk des genuesischen Dichters Pcrcival Daria, der Im 13. Jahrhundert gelebt hat, wird ein provenzalischer Vers wiedergegeben, der„eu et tu korsni felip" lautet, was soviel wie„ich und du werden enge Freunde sein" bedeutet. Es scheint demnach, daß in der älteren provenzalischen Sprache das Wort„k e I i p" einen guten Freund bedeutete. Weniger glaubhaft, wenn auch nicht unmöglich, wäre die Herleitung von dem englischen killip oder ilip, was„einem-«in Schnippchen schlagen" heißt. Endlich gibt es noch eine Deutung: der heilige Philipp soll zwei löchler gehabt haben, die beide in einem gemeinsamen Sarg be- stattet wurden. Daß unser lustiges Vielliebchen mit einer traurigen Zweisamkeit aber nichts zu tun hat, liegt wohl auf der Hand. Wieviel Erdteile und Ozeane gibt es? Wieviel Erdteile und Ozeone es �ibt, das haben wir alle in der Schule gelernt: fünf Crd- teile und fünf Ozeane. Aber die Wissenschaft ist mit dieser Fest- Ecllung durchaus nicht mehr einverstanden, sondern sie hat die Zahl er Erdteile vermehrt und die der Ozeane verringert, wie Dr. Wütschke in der Zeitschrist„Ueber Land und Meer" betont. Betrckchten wir einen Globus, so finden wir nicht fünf, sondern nur vier große zusammenhängende Lgndmassen, die im eigentlichen Sinne Erdteile sind: die zum größten Teil auf der Nordhälfte der Osthalbkugel der Erde gelegene Riesenmasse der Alten Welt, die allein die Westhalbkugel beherrschende der Neuen Welt, die eben- mäßige, wenig zerrissene australische Londmasse und das den Süd- »al umgebende Fcstlandsgebiet.' Diese vier großen Landmassen stimmen aber gar nicht mit dem übercin, was wir gewöhnlich„Erd- teile" nennen. Wir müssen erst das südwestliche Stück der Alten Welt von der übrigen Masse lostrennen, um Afrika zu erhalten. Asien und Europa aber bleiben so fest verbunden, daß man sie unbe- dingt als einen Erdteil bezeichnen muß. Infolge des engen geo- graphischen, geologischen, klimatischen Zusammenhanges faßt denn auch die moderne Wissenschaft Europa und Asien in den einen Crd- teil„E u r a s i e n" zusammen. Aus der Neuen Welt licßm sich zwei Erdteile bilden, Indem man Nord- und Südamerika vonein- ander trennt. Ueber die selbständige Natur Australiens und des al» „Antarktis" bezeichneten Südpolarlairdes kann kein Zweifel be- bestehen. Es würden sich also, wenn wir nur die Meeresküsten be- rücksichtigen, vier Erdteile ergeben: die Alte Welt, die Neue Welt. Australien und Antarktis: wenn wir aber nach dem Gebirgsbau ur- teilen, so sind es fünf Erdteile: Eurasicn, Afrika, Amerika, Australien, Antarktis. Berücksichtigt man jedoch die Natur, sowie die Wirtschaft- i lichen und kulturellen Zustände, so bleiben wiederum die Selb- , ständigkeit Australiens und der Antarktis außer Zweifel, auch Afrika werden wir als selbständigen Erdteil gelten lassen müssen. Von ! Eurasien aber trennt sich das zwischen Ostsee und Schwarzem Meer sich westwärts verschiebende, arg zerstückelte und zergliederte Europa ! ob. das seit dem Beginn aller wisienschaftlichen Erdbetrachtung ! als selbständiger Erdteil gegolten hat und zum Sitz der höchsten menschlichen Kulturentwicklung wurde. Natur, Wirtschaft und Kultur � zwingen uns auch zur Zerstückelung Amerikas in zwei selbständige Erdteile. Rücken wir also diesen Gesichtspunkt in den Vordergrund, dann. gibt es sieben Erdteile: Europa, Nordamerika und Südamerika, Asien, Afrika. Australien und Antarktis. Während sich für die Fünfzahl der Erdteile immerhin noch einige» anführen läßt, so hat man die Fünfzahl der Ozeane heute end- gültig aufgegeben. Das erdumspannende Weltmeer wird durch die drei weit nach Süden ausgreifenden Landfesten in drei groß« Wasser- decken geschieden. Was wir Nördliches und Südliches Eismeer nennen, lind nur Anhängsel und Bruchstücke jener drei Organe, aber keine selbständigen Weltmeere. Es gibt daher nur drei Ozeane, den Großen oder Stillen Ozean, den Atlantischen und Indischen. Alle anderen mehr oder minder großen Wasserbecken ordnen sich ihnen unter und sind keine selbständigen Gebilde. IlH»S