Rümmer 47 24. November 1421 ir------ Anterhaltungsbeilaße öes Vorwärts )jc> Die hslzschuhe. Aon Charles Louis Philippe. Der nackgelasseiie Roman des großen französischen Dichters Charles Louis Philipp«„Charles Blanchard" erscheint dieser Tage in der Uebertragunch von Wilhelm Slidel und Friedrich Burschell Im Insel- Verlag. Louis Philippe, der Leiden und Freuden der Armen so ergreifend geschildert hat wie kaum>e«in Künstler, wollte in diesem Lebensbild seines Vater» sein Höchstes schaffen! er ist aber Uber eine Anzahl wundervoller Fragmente nicht hinausgekommen. Mit tiefstem Verstehen und feinster Hand ist hier die Entwicklung eines Kindes ge- geben, das au» traurigsten Verhältnissen zum Menschen aufwächst. Von stärkstem Eindruck ist das hier wiedergeaebene Kapitel, in dem Charles. bei feinen, Onkel Baptist«, einem Holzschuhmacher, in der Lehre, zum erste» Male die Arbeit erlebt. Die Schriftleitung. ... In den ersten Tagen wollte Charles Blanchard nichts hören. In dem Hause seines Onkels liebte er nur die Nacht. Wenn der klbend hereingebrochen war und man die Suppe gegessen hatte, dauerte es noch eine halbe Stunde, dann ging alles schlafen. Auf diesen Augenblick wartete er. Die Lampe war ausgelöscht, die Fen> sterladen vorgemacht, man hörte nur das regelmäßige Atmen von Baptist« und Rose. Das Kind tot, was es tonnte, um nicht einzuschlafen. Die Nacht war dicht, man hätte denken können, daß es Himmel und Erde nicht mehr gebe oder daß sie ganz schwarz seien. Er öffnete beide Augen, um es noch besser zu merken. Er suhlte sich.an seinem Platz. In seinem Geist dehnten sich die traurigen Erinnerungen seines ver- gangenen Lebens langsam aus und bekamen jene Bedeutung, die unsere Erinnerungen haben, wenn wir ganz allein sind. Das Hin und Her und die Verworrenheit feines gegenwartigen Lebens legten sich um das Herz in seiner Brust, dann verbreiteten sie sich durch seinen Körper und füllten ihn völlig mit einer Art bitterer Flüssig- keit. Und aus seinem Kopf stiegen wie ein Rauch düstere Zukunfts- bilder auf, die durch das Zimmer liefen und sich festsetzten, wie wenn er das Dunkel hätte vertiefe» und noch dichter machen wollen.' Und als in den folgenden Tagen schon vorauszusehen war, daß ein neuer Charles Blanchard aus ihm werden würde, gab er sich nicht, wie man hätte meinen können, seinem neuen Leben hin. Man sagt zu einem gewöhnlichen Kind: Du kannst mir einmal ein Paar Holzschuhe abraspeln. E» stürzt sich auf ein neues Spiel, das es noch nicht kennt, mit jenem Ungestüm, mit dem Kinder auf das Glück zu springen. Ihre fröhliche Seele ist die Borhut eines gefiigi-. gen Körpers, sie zieht ihn in alle Abenteuer, die sich zeigen. Aber selbst als Charles Blanchard einen Holzschuh und eine Raspel in Händen hielt, erfaßte er nicht die ergötzliche oder doch zum mindeste» interesiante Minute, die er in ihrer Gesellschaft hätte ver- bringen können. Gewiß, er verrichtete an einem Holzschuh mit einer Raspel die Arbeit, die ihm sein Onkel aufgetragen hatte, gewiß, er gehorchte der Ausforderung, die an ihn gerichtet war, aber er wollte nicht glauben, daß das Leben von der Strenge ablassen würde, dl« es ihm immer bewiesen hatte. Er wußte nicht, was er fürchtete, doch er fürchtete etwas. Er nahm sein Holz in Angriff mit einer sachten Bewegung seines Werkzeuges, um die Ereignisse nicht zu überstürzen, mit Langsamkeit, um sich Zeit zu lassen. Er achtete auf jede seiner Bewegungen, auf jedes der Geräuschs, die sie hervorriefen, auf das geringste Knacke», das nur ein so feines Ohr wie seines hören konnte. Er fürchtete, der Holzschuh könne zerplatzen, er könne ihm ins Gesicht springen, die Raspel könne ihn beißen. Er hielt immer das eine Bein vorgestreckt, er wer immer bereit, beim ersten Zeichen der Gefahr olles im Stich zu lassen, um sein Heil In der Flucht zu suchen. Er brauchte mehrere Tage, um etwas zu erlange», was ein an- derer sofort gewonnen haben würde: das ruhige Bewußtsein der TL- tigkeit, die er ausübte. In den ersten Tagen glich er einem gehetzten Tier, und es schien, als ob eine unerbittliche Arbeit ihn bis in seine geheimsten Schlupfwinkel verfolge. Seine Seele und sein Herz flohen, um sich in Sicherheit zu bringen. Er behütete seine Gedan- ken. Indem er sie in den dunkeisten und entlegenste» Winkel seines Hirns einsperrte. Er brauchte gut«ine Woche, bis er begriff, daß man nichts Böses mit ihm vorhabe. Erst nach Ablauf dieser Zeit schöpfte er wieder Atem, beruhigte er sich und konnte er festen Auge» seine Beschäftigung und sein Schicksal betrachten. Man muß den Tag mit Kreide anstreichen, an dem Charles Blanchard seinen Holz- schuhen etwas von jener Aufmerksamkeit schenkte, die die Menschen ihrer Arbeit zuwenden. Eine große Veränderung war in seinem Leben vorgegangen, als er die leeren Schrecken verjagt hatte, und er eines Abends, nachdem die Holzschuhe abgeraspelt waren, sich sagen konnte: Heute habe ich sechs Paar abgeraspelt. Es gab jetzt für Charles etwas, das Arbeit heißt. Wer die Arbeit erwählt hat, den läßt sie nicht los. Jeden Mor- gen stand das Kind gleichzeitig mit seinem Onkel aus. Schlag sechs Uhr. Man hätte meinen können, daß auch noch der Tag, der jetzt begann, Inhaltslos sein würde, daß man sich auf einen Stuhl setzen, die Augen niederschlagen, Ihn traurig betrachten und sich schwere Gedanken aus dem Hirn reißen müsse» um den Versuch zu machen, ihn auszufüllen. Jawohl, der Tag begann so. Doch kaum war eine Stunde vorüber, vielleicht hatte es noch nicht einmal sieben ge- schlagen, als Baptist« schon sagte:„Komm, Junge, heute will ich dich die Holzschuhe schwärzen lassen." Zum Schwärzen der Holzschuhe bedient man sich statt eine» Pinsels einer Hasenpfote, die' man in eine schwarze Farbe taucht. Charles Blanchard traute sich zunächst nicht, doch bald wurde er stärker als er selbst. Sobald er ein wenig Farbe auf der Pfote hatte und ehe er sie noch auf den Rand seines Holzschuhes strich, riß ihn die fröhliche Vorstellung hin, die sich eines Kindes bemächtigen kann. Cr dachte: Jetzt werde Ich malen! Mit dem Malen auf Holzschuhen allein ist es nicht getan. Al» er seine Tätigkeit beendet hatte und alle Holzschuhe schwarz gestrichen waren, als der neue Charles Blanchard wieder in den alten Charles Blanchard hineinzuschlüpfen versuchte, in den, der nichts zu tun hatte, da war Richtstun nicht mehr das am Leben, wa- ihm wertvoll schien. „Onkel, ich bin fertig." „Laß sie trocknen, ich zeige dir dann, wie man sie wichst." Man braucht nicht zu wissen, wie man Holzschuhe wichst. E» genügt zu wissen, daß Charles Blanchard, als er sie zu wichsen ver- stand, sich sagen durfte: Ich kann raspeln, ich kann schwärzen, ich kann die Holzschuhe wichsen. Er war es, der dann zuerst sprach. Der Tag kam, wo Charle» Blanchard, ohne daß sein Onkel nur eine Bewegung gemacht oder ein einziges Wort geredet hätte, auf feinem Stuhl nicht still bleiben konnte und zu reden begann: „Onkel, darf ich einmal versuchen, 5)olz zu spalten?" wann Sruöer...? Es kann nicht sein, daß unser Los an Rot uns immer bindet: einmal erhebt sich ewig groß das Recht und überwindet die Last der Zeit, die uns bedrängt, die finechlschost hat ein Ende. dann sind wir nicht mehr eingeengt in rauchgeschwärzte Wände. wir treten Mann an Mann heraus. heraus aus unferm Sklavenhaus zu neuem Schafsensbunde: zum Wohle aller alle wir.— wann. Bruder, dringt zu dir und mir die froh« Znknnflskunde? Batiher Vicior l-.N euer Frühling", Sedichle, Auer u. Es., Hamburg). Vom Tsöe unö vom Sterben. Von Dr. Adolf 5) e i l b o r n. Ueber jede Vorstellung hinaus find wir in diesen letzten Jahren mit Tod und Sterben vertraut geworden: in jeder natürlichen und mehr noch in jeder von Menschenwillen erzwungenen Gestalt haben wir den Tod rings um uns reichste Ernte halten sehen und haben zum Sterben ein besonderes Verhältnis bekommen. Aber nicht nur ethisch und ästhetisch hat sich in uns diese Wandlung vollzogen: auch di« Wissenschaft hat allgemach ihre Ansicht über Tod und Sterben revidiert, und von diesen neueren Anschauungen über Sterben und Leben soll hier einmal die Rede sein. Tod und Leben erscheinen uns als untrennbar fest miteinander verknüpfte Begriffe und stärkste Gegensätze. Beide Begriffe sind uralt, so alt wie die denkende Menschheit selbst. Solang« es Menschen gibt, haben ste beobachtet, wie Leben: Atmen, Puleschlag. Wärme ist, wie Tod: Kälte, Reglosigkeit und Stillstand aller Funk» tionen bedeutet. Und immer hat der naive Mensch, unfähig, den natürlichen Vorgang recht zu erfassen, geglaubt, etwas Unsinnliches, etwas Ueberirdisches, das Entweichen der„Seele", des„Geistes" be- dinge solches Aufhören des Lebens. Sagen doch selbst wir noch: er hat seinen G-ist aufgegeben, seine Seele ist entwichen. Sterben kann nur, was lebendig ist, und Leben heißt Stoff- und Cnergiewechsel besitzen: chemische Verbindungen einnehmen, man- deln, abbauen, aufbauen und ausscheiden. Tote Dinge haben keine Stöfs- und Energiewechsel dieser Art, sie sind in streng wiflenschast- lichem Sinne darum auch nicht tot, d. h. gestorben, sondern leblos, d. h. nie lebendig gewesen. Sterben und Tod sind nur Entwicklungs- stadien des Lebens, durch äußere wie innere Bedingungen verursacht, gesetzmäßig verlaufend, von unabänderliche» Normen geregelt, und jene alte Binsenweisheit,„Gegen den Tod ist kein Kraut gewachsen", ist deshalb nur zu wahr. Ganz allmählich geht unter normalen Verhältnissen— und nur diese sollen hier berücksichtigt werden— Leben in Sterben über und endet mit dem Tode, dem Stillstand aller Lebensfunktionen. Di? moderne Wissenschaft hat für diesen Vorgang das Wort„Nekrobiose"(Lebenssierben) geprägt und sich bemüht, die Erscheinungen solcher Nekrobiose und ihre Ursachen auf- zuhellen. Sie hat zunächst zwei große Gruppe»»ekrobiotischer Vorgänge aussindig gemacht: Zersallsprozesse, bei denen die lebendige Sub- stanz immer mehr zerfällt, immer mehr an Masse abnimmt, und Wandlungsprozesse, bei denen der normale Stoffwechsel in vcr- kehrte Bahnen lenkt. Das typischste Beispiel für Zerfallsprozeffe ist die sogenannte Atrophie, der allmähliche Altersschwund aller Organs: der Haut etwa, die dünn, runzlig und spröde wird, der Muskeln, die deutlich an Mast« und Leistungsfähigkeit abnehmen, der Knochen, die starr und brüchig werden usf. Bei den Wandlung-- Prozessen ist das Charakteristische die Anhäufung von fremden Stoffen, die am Orte ihrer Ablagerung schädlich wirken. Ein be- kannte» Beispiel hierfür ist die sogenannte Fettinetamorphose, die Ablagerung von Fett z. B. in den Herzmuskel, in die Nieren usf. In �«m Maße, ww diese Organe durch Fetteinlogerung funktionsunfähig werde», leide» mit ihnen alle übrigen Körperteile, bis ein harmonisches Zusamnienarbeiten des Ganzen nicht mehr möglich ist und dieser nekrobiotische Prozeß langsam zum Tode fübrt. Auch die Ablagerung von Kalk in die Gefäßwände, die sogenannte Arterio- sklerose, gehört in diese Gruppe: die Gesäße versteinern dabei ge- wissermaßen, büßen ihre Elastizität vollständig ein, springen und brechen und lassen das Blut(ins Gehirn usf.) austreten. Durch welche Faktoren nun, müsicn wir uns weiter fragen, wird solche Nekrobiose bedingt? Man hat lange Zeit den Tod im wesent» lichen als Folge äußerer, allmählich sich härifender Schädigungen, als Ergebnis schwacher, aber andauernder von außen herzu drin- gender Reizwirkungen betrachten wollen. Dem läßt sich jedoch gegen- iiberhaltcn, daß jeder Art von Lebewesen nach allem, was wir wissen, eine ganz bestimmte Altersgrenze eignet, die nur selten überschritten wird, und daß auch der Mensch bei möglichstem Aus- schluß aller äußeren Schädigungen im allgemeinen nicht über die gewisse Grenze hinauskommt. Demnach müssen innere Bedingungen bei der Nekrobiose die Hauptrolle spielen. Diese Bedingungen nun werde» höchstwahrscheinlich durch den Ausfall der Tätigkeit der Ge- schlechtsdrüsen gegeben. Es ist da? Verdienst Hcnsemanns, darauf hingewiesen z» haben, dal; sich im Leben unseres Körpers ein eigen- artiger Altruismus betätigt: Jede Zsllart und jedes Organ voll- bringt für alle übrigen Zellarten und Organe eine gewisse, uns im Einzelfall noch nicht immer ganz klare Leistung, für die von jeder anderen Zellart und jeden». Organe eine entsprechende Gegenleistung beansprucht wird. Erfolgt diese Gegenleistung nicht, fällt die Tätigkeit einer Zellart oder eines Organs aus, so gerät der Körper sozü- sagen aus dem Stoff- und Energiewechselglcichgetvicht und reagiert mit Siechtum. Solch ein langsames Hinsiechen nach Verlust der Zeugungsfähigkcit im weitesten Sinne sind die Alterserschsinungen, ganz allmählich sich stärker bemerkbar machende Störungen im Stoff- und Cnergiewechsel unseres Körpers, die ein harnionisches Zusammenarbeiten unmöglich machen und schließlich zum Stillstand aller Funktionen, zum Sterben und Tode führen. In dieser Er- kenntnis ist nebenbei bemerkt die Bedeutung der Steinachschen Ver- jünqungsversuche durch experimentelle Ncubelebung der alternden Geschlechtsdrüsen begründet. Hierin liegt aber zugleich auch die Idee, ja, die Tatsache der körperlichen Unsterblichkeit beschlossen. Denn, wie Verwarn einmal mit Recht betont, die lebendige Sub- stanz der Gcschlcchlszcllcn aller heute existierenden Lebewesen stammt in direkter, lückenloser Auseinanderfolge von der ersten lebendigcn Substanz, die überhaupt auf der Erde erschien. Nirgends in dieser unübersehbar langen Reihe von Generationen hat der Tod das Leben dieser„Keimsubstanz" unterbrochen. Die niedersten, ein- zelligen Lebewesen sind, wie man das Problem auch betrachten möge, unsterblich: der einzellige Körper pflanzt sich durch Teilung fort, die neuen Zellen teilen sich von neuem— Individuum und Geschlechtszelle sind hier ja noch eins. Bei den vielzelligen Organis- men, den höher entwickelten Lebewesen aber trennten sich Geschlechts- zellen und Körperzellen, und wenn nur eine einzige Geschlechtszelle zur Fortpflanzung gelangte, war der Bestand der Art gesichert. Die Fortdauer des ganzen Individuums wäre„unzweckmäßiger Luxus" gewesen, und so ist der Tod letzten Endes eine Folge natürlicher Auslese. Zwei Arbeiter schlagen sich. Von Artur Zickler. Es ist später Nachmittag. Die Straße, in der sich der Arbeits- Nachweis befindet, ist belebt. Besonders in der Nähe des Eingang?» zum Nachweis stehen viele plaudernde Arbeitergruppen. Auf einem Echaufensterbord sitzen zwei junge Burschen und blasen auf der Mundharmonika. Schön zweistimmig, gut im Takte: Mariechen saß weinend im Garten, Im Grase lag schlummernd ihr Kind. Mit ihren schwarzbraunen Locken Spielt leise der Abcndwind.... La wird die Melodie von einem sähen Wortwechsel übertönt. „Du Schweinehund, du verfluchter!" Die Musik bricht ab, alles läuft neugierig herzu. Ein zottiger alter Arbeiter hat sich mit einem jüngeren, der unterestzt, aber von kräsligem Körperbau ist. Der Aeltere hat einen langen Arm mit einer großen Hand und suchrelt dainit dem Kleineren unter der Rase herum.„Ich hau dich hinter die Ohren, du Lauser...l" Der Kleine hat den Alten untergegrissen und versucht ihn aus- zuhebcn.- Jnzrnischen trommelt der ihm den Rücken. Mehrere der Zuschauer lachen. Schließlich fallen beide Ringer um, der Jünger« zu unterst: er schlägt sich eine Beule, die blau unterläuft. Jetzt lassen sich beide los und springen auf. Ihre Gesichter sind wutverzerrt, den» Alten hängt Geiser vom Munde. Sie beginnen sich mit den Fäusten zu schlagen. Inzwischen sind sie vom Fußsteig abgekommen und balgen sich mitten auf dem Fahrdamm. Sie stoßen dumpfe Schimpf- laute aus. Der Kleine bekommt einen Schlag unter das Kinn, daß es kracht, sein Mund bläst blutigen Schaum. Immer rasender gehen sie aneinander. In der' Verkrampfung reißt des Alten fadcnscheini- ger Rock und morsches 5)emd in Fetzen, die niogere, keuchende, haarige Brust ist zu sehen. Er krollt sich nun ebenfalls in den Klei- der» des Gegners fest und reißt, daß die Knöpfe über das Pflaster rollen. Die Zuschauer sind beträchtlich an Zahl gewachsen. Die Kämpfer kugeln sich in sinnloser Raserei. Der Kleine mit dem blutüberschmiertcn Gesicht hat den Alten ain Ende unter sich gezwungen, krallt sich iin zottigen Haar des Feindes fest und schlägt den alten Kopf unaufhörlich mit voller Wucht gegen das Pflaster... Da zerreißt«in höhnisches Schnarren den Kreis der Gaffer. Der Kühler eines Autos stockt vor der Gruppe. Ein seiner Herr sitzt drinnen, steht auf, stützt sich aus die Windscheibe und blickt verächtlich lächelnd auf die blutigen Gestalten. „Platz dal" schreit der Chaufseur. Jetzt springen Männer hinzu und schleisen die halb Ohnmächti- gen rechts und links zur Seite. Die Fahrt ist frei: das Auto gellt von bannen. Der feine Herr, der von der Börse kommt, wo er polnische Mark in die Höhe und deutsche in die Tiefe getrieben hat, dieser seine Herr, der Borsitzender eines Vereins für reines Deutschtum ist, denkt, während ihn der leise arbeitende Motor des Luxuswagens seiner Villa zutreibt:„Es ist ein langer Weg nach Tipperaryl Wir werden noch lange so leben können, wir und unsere Kinder. Sie haben sich geschlagen, sie schlagen sich und werden sich noch lange schlagen— gegeneinander und für uns..." Den beiden Arbeitslosen aber kühlt eisiger Herbstwind die schweißigen Brustkästen, die blutigen Stirnen. Warum haben sie sich geschlagen? Um ein paar Mark? Um eine Stellung? Wegen eines bösen Wortes? Oder weil sich ihre Frauen gezankt haben? Es ist so belanglos demgegenüber, daß Menschen, die ausge- beutet und bedrängt, armselig, verelendet und verbittert sind, ein- ander so leicht zu Teufeln werden! Traumsiill die Well. Nur ab und zu ein heis'rer Schrei von Roben, die verslatternd über Stoppeln streichen. Der düst're Himmel drückt wie inatles, schweres Blei ins graue Land. Und sacht'» wit leisen, sammctweichen Schleichkrittcn geht der Herbst durch Brau und Einerlei. Stephan Zweig. Wochsnrumme!. Von Hans Klabautermann. Der Preußische Landtag wird reformiert. Es ist genug der Worte, man will auch Taten sehen. Der Herr tominu» Nistische Abgeordnete Schulz aus Neukölln ging mit leuchtendem Beispiel voran. Nachdem er die Beratung über den Etat als über- flüssiges Gequatsche gebrandmarkt hatte, ging er zu praktischer Arbeit über. Zunächst goß er dem Zentrumsabgeordneten Dr. Porsch ein Glas Wasser ins Gesicht, dann zeigte er, was er im Box» kämpf gelernt hatte. Den Beginn der Vorstellung kündigte chcrr Kotz mit einer Glocke an, die er dem Präsidenten voller Geistes- gegenwart weggenommen hatte. Wenn die Kommunisten etwas Mehr Ordnung und System in ihre Darbietungen bringen, wird der Besuch des Landtages recht lohnend werden. Aehnliche Würde und Tatkraft zeigten die Hamburger Korps st udenten. Bekanntlich bilden die Studenten die. Blüte der Nation. Beileibe nicht alle! Vornehmlich die Korps und Burschenschaften halten darauf, daß dieser Name zu Recht besteht. Sie zeigen sich als Helden, indem sie mehr trinken, als sie ver- tragen können, und sich bei festlichen Gelegenheiten Ritterhandschuhe anziehen und Straußenfedern an den Kopf stecken, so daß sie sast so vornehm aussehen wie der Portier am Eingang eines eleganten Tanzpalastes. Auf dies erhebende Bild mußten die Hamburger Bürger neulich verzichten. Well die Fahne der Re- publik auf der Universität flatterte, lehnten es die Herren hart- herzig ab, diese» Fest mit ihrem Fastnachtsschmuck zu verschönen. Manche Mädchensecle oergoß darob bittere Tränen. Dabei sein wollten sie aber doch. Sie straften die Proletarier, indem sie eine hehre Heldentat ohne Wichs ausführten. Unerschrocken holten sie die Fahne herunter und machten sie kampfunfähig. Hoffen wir, daß die Justiz dies edle Tun als völlisch-vater- tändisch auffaßt. Sollten weltfremde Richter aber die wackeren teutschen Recken ans Hmnmelbein kriegen wollen, so mögen sie es schnell tun, damit die Papas nicht allzu tief in den Beutel zu greifen brauchen. Wo olles steigt, kann sich auch der Staat nicht lumpen lassen. Der Pretskurant für Straftaten wird den Bedürfnissen der Zeit angepaßt. Die Geldstrafen er- hohen sich auf das Zehnfache des Friedenspreises. Dahin find nun die Zeiten, wo man dem lieben Nächsten für 3 M. eins hinter die Löffel geben durfte. Aber versöhnlich stimmt wieder ein Entwurf, der gleichzeitig beroten werden soll. Statt zu brummen, kann man blechen. Ein Monat Gefängnis kostet 80000 M. Wir werden also das Vergnügen haben, demnächst solche Gespräche zu hören: »Na, Maxe, wat is?"„Ick Hab für 180 000 Em:n'n Geldschrank seknackt."„Siehste, Orje, bei mir war'n s« billjer, mir ham se ne Erpressung mit 80 000 berechnet." So tröstlich der Gedanke auch ist,«in paar Wochen Kittchen mit Geld ablösen zu können, so wird doch das Leben allmählich unerträglich. Die Gebühren für Grabstellen sind auch erhöht war- den. Wenn sogar das Totsein teurer wird, dann will ich schon lieber gar nicht«rst sterben Oder man kann sich wünschen, eine Biene zu sein. Die Franzosen haben unsere Hinterlist längst erkannt. Da wir die all- gemeine Wehrpslicht nicht mehr haben, sind wir auf eine neue Idee verfallen. Wir erziehen die Bienen zum Haß gegen Frankreich. Ein vorausschauendes Genie hat aber rechtzeitig die Gefahr Frank- reichs erkannt, totgcpiekt zu werden. Daher müssen wir 28 000 Bienenvölker mit der Eisenbahn nach Frankreich schaffen. Das werden sich die Tiere auch nicht haben träumen lassen, daß sie nochmol Eisenbahn fahren und dann in einem so schönen Land leben dürfen. Geradezu erstaunlich sind die Erfolge der Washingtoner Konferenz. Als Ergebnis der Abrüstung ist bisher zu ver- zeichnen: Amerika wird voraussichtlich seine Flotte vermehren, und zwar im Verhältnis 3 zu 5. Die Spannung zwischen Amerika und Japan hat sich zu drohender Kriegsgefahr verdichtet. Frankreich erwartet Borschläge, seine Flotte zu verstärken. Wo ist der Mann, der endlich darauf kommt, daß, wenn eine Abrüstung zustande- kommen soll, nicht eine Abrüstungskonferenz die geeignete Stelle ist, da meistens dabei zum Krieg gerüstet wird. Wir brauchen einen Kriegsrat, um Frieden zu stiften. von billigen Suchern. Die Büchcrpreise steigen. Sie steigen in Höhen, wohin der wirt- schastliche Durchschnittsmensch, das heißt heute: der Proletarier, nicht folgen kann. Ihm bleiben nur noch die billigen Bücher, die in' den auf Masienabsatz rechnenden Sammlungen erscheinen. Seit zwei bis drei Jahrzehnten hat sich eine Strömung durch- gesetzt, welche die sogenannte„Popularisierung" der Wisien- schoft bezweckt. In» Dienste dieser Strömung stehen, teils aus Men- schenfreundlichkeit. teils um des Verdienste« willen, teils wegen politische? Gründe, zahlreiche Gelehrte. Es sind nun die Früchte dieses Popularisterungsstrebens. die hauptsächlich die Reihe» der billigen Bücher auffüllen: volkstümliche Vorträge, gemeinoerständ- liche Einführungen, knappe Zusammenfassungen usw. Wenn man sie überblickt, sällt einem das absolut Planlose auf, die diese kapitalistischen Unternehmungen wie alle anderen im tiefsten kenn- zeichnet. Keine der Sammlungen schließt sich auch nur entfernt zu einer Art Weltbild oder zu einem systematisch angelegten Ueberbiick oder Lehrgang zusammen; keine davon ist einheitlich für einen bc- stimmten Grad der Vorbildung geschrieben, sondern in jeder finden sich leicht-, schwer- und fast»moerständliche durcheinander. Nicht minder wichtig ist es, sich klarzumachen, daß die bisherigen Samm- lungen in doppeltem Sinne„bürgerlich" sind. Sie sind Iin all- gemeinen mehr berechnet für das„ausstrebende Kleinbürgertum". Und ste sind in allen politischen Fächern mit wenigen Einzelavs- nahmen nahezu durchgehend politisch„gefärbt", tendenziös, einseitig, mindestens aber»bürgerlich" gedacht wie die ganze bisherige Wissenschaft. Das andere ist dieses: für den wirklich Unvorgcbildeten sind sie überhaupt großenteils nicht voll geeignet. Noch mehr: eine ganze Reihe von wichtigen Fragen und Gebieten, welche gerode die Arbeiterschaft angehen, wurde überhaupt nicht behandelt. Das hat natürlich seinen klaren Grund in der Struktur der bürgerlichen Gesellschaft. Aehnlich wie die wissenschaftlichen sind die unterhaltenden Sammlungen, obwohl hier die Züge und Gegensätze nicht so scharf ausgeprägt sind. Auch ste sind meist planlos und enthalten manch« sonderbare Häufungen und noch sonderbarere Lücken: auch ste sind „bürgerlich", doch weniger infolge politischer Tendenz als infolge einer oft sehr starten Berücksichtigung des flachsten und dürftigsten, typisch bürgerlichen Unterhaltungs- und Zeittotschlagebedürsniffes oder infolge Aufnahme ausgefallener und wunderlicher Spezialitäten und Seltenheiten. Nach diesen allgemeinen Betrachtungen wenden wir uns nun einzelnen Sammlungen zu. Die älteste billige Saminlung Ist die R e c l a m s ch e Uni« versalbibliothek mit ihren mehr als sechstausend Bänden, Sie ist oft und laut gepriesen worden; die stärksten Worte wurden Sebravcht, um diese„Kuliurerrungenschast" zu feiern. Aber mit der ieit fand man mancherlei an Reclam auszusetzen. Heut« sind diese Einwände im wesentlichen nicht mehr berechtigt. Druckart, Einband. Ausstattung der Reclambücher sind heute recht ansprechend»mb nicht mehr äugen- oder sinnverletzend. Seit eine kluge und zielbewußte Leitung die Erneuerung und Erweiterung der Nnioersalbibliothek in die Hand genommen hat, gewinnt aber auch der Inhalt mehr und mehr ein anderes Gesicht. Viele alte„Nummern" werden aus- gemerzt, und neues Gut strömt hinein: frei werdende Deutsche wie Storm. Anzengruber und Keller, große Ausländer wie Dostojewski, Gorki, Strindberg, lebende wie El. Biebig, H. Franck, W. Schmidt« bonn, W. Schäfer, Philosophen wie Wundt und Eucken, sogar«sozia- listen— Marx und Lassalle. Das alles zeugt von neuem Leben, Aber nicht genug damit. Ganz neue, wertvolle Sonder-Reihen find eröffnet worden: eine staatsbürgerliche, die zunächst ältere und bedeutende Werke(List, Hegel, Dahlmann, Pufendorf u. a.) bringt, und eine naturwissenschaftliche, die weit darüber hinausgeht: zwar bringt auch sie ältere Bücher— darunter eben jeßs Darwin in neuer, sachgerechter Uebersetzlmg!—, ober vor allem enthält sie auch vorzügliche Originalarbeiten, etwa eine sehr brauch« bare Psianzenkunde von E. Ulbrich, eine Entwicklungsgelchichte de» Lebens von K. Campert: sogar berühmte Forscher wie Ostwald und Mesierschmibt haben für diese Reihe Bände geliefert,»Osttvald eine treffliche Einführung in seine Farbenlehre.— Die leichte Gerina. schätzung Reclcims hat keinen Grund mehr; die neue Entwicklung ist in jeder Hinsicht aufrichtig zu priisen und nachhaltig zu fördern. Neben Reclams Universal-Bibliothek steht die Sammlung der Hendel-Bücher, die„Bibliothek der G e s a m t l i t e r at u r", nach Billigkeit und Gehalt mit an erster Stelle lBeriag Hillger, Berlin-Leipzig). Ihre Bündchen sind größer als die Redomschen und einwandfrei gedruckt Noch heute sind sie außerordentlich billig: ein Heft von ungefähr 80 Seiten kostet etwa 88 Pfennig, Doppelhefte l,?0 M. usw. An Umfang kann sich die Bibliothek nicht mit der Universal-Bibliothei messen; sie enthält nur etwa 2500„Nummern". Ihren» Inhalt nach muß sie alles in allem als sehr wmooll gelten, Den Grundstock bilden, nne bei allen Sammlungen häufig, die Klassiker, die bis hinauf zu dem vor kurzem frei getvordenen Th. Slorm reichlich vertreten sind. Daneben findet sich eine reichliche Anzahl von allerlei Romanen, Lustspielen, Novellen, Gedichten usw., deren Höhenlage nicht'weiter imponierend, aber auch nicht al»sfallend tief ist: Unterhaltendes; man wird kaum mehr als etwa sünfzig ganz veraltete und überflüssige Verfassernamen sinden. Besonders stark berücksichtigt erschienen in ihr vor allem die Ausländer. Nicht nur die älteren und gangbaren Werke, sondern sehr zahlreiche weniger bekannte sind darunter, die in deutscher Sprache billig zu haben ein wirklicher Gewinn ist. Wir nennen etwa: Aha, Andrejew, Eats, Conftant, Disraelt, Echegaray, Eötvös, Griqorowiisch. Heijermans, Korolenko, Sonja Kowolewska, Madach. Mullatnli<36 Nummern!), van Erden(„Der kl. Johannes"), Nekrassviv, Pctapenko, Petöfi, Slowacki, Stendhall Der nichtliterarische, mehr oder minder wissen« schaftliche Teil der Bibliothek ist geringfügig. Man begegnet wohl einer mit Recht als vorzüglich bekannten Emerson-Ausgabe, einigem von Kant, Schopenhauer, Flavius Josephus, sogar Henry George und neuerdings Lassalle, doch bildet das alles zusammen nur einen be- scheidenen Teil des Ganzen. Das Ganze aber, wie es ist, fei der Aufmerksamkeit unbemittelter Käufer nach alledem nachdrücklich empfohken. Wolsgang Schumann. Wissen und Schauen Das größte Wunder an Frühreife. Wunderkinder, die mit IV und 12 Iahren bereits die Universität bezogen, hat es wohl hier und da früher gegeben. Aber eine solche Frühreife, wie sie an dem vier- jährigen Wunderkind Christian Heinrich Heineken zu Lübeck be- obachtet wurde, hat man sonst nie wieder angetroffen. Diesem Wunderkinde, dessen 200. Geburtstag in dieses Jahr fällt, widmet F. R. Fuchs eine Betrachtung in„Niedersochsen". Die ersten zehn Monate dieses kurzlebigen Genies verliefen wie bei gewöhnlichen Sterblichen. Da das Kind sehr spät entwöhnt wurde, so war es nicht möglich, ihm das Kauen beizubringen. Das Wunderkind hat nie in seinem Leben eine Speise selbst gekaut. Das „Kind von Lübeck" vollbrachte seine Wunder von Gelehrsamkeit, während es noch an der Brust seiner Amme lag. Diese merkwürdige Frühreife zeigte sich genau 10 Monate nach seiner Geburt. Der Säugling beobachtete die Figuren, die an Wände und Ofen seines Kinderzimmers gemalt waren, mit so aufmerksamen Augen, daß man ihm die Namen der Figuren sagte, und als es am folgenden Tage gefragt wurde, wies es mit seinem Fingerchen stets auf das richtige Bild. Unaufgefordert gab es sich Mühe, die Namen richtig auszusprechen und war nach einigem Lallen bald imstande, die Silben richtig wiederzugeben. Die Eltern gaben dem noch nicht einjährigen Kinde einen Lehrer, Christian von Schöneich, der dann svSter seine Erfahrungen mit dem Wunderkinde niedergelegt hat. In acht Wochen lernte das Kind die wichtigsten Geschichten aus den gns Büchern Mose, und ehe es noch ein Jahr alt war, sagte es in ersen die Schöpfungsgeschichte auf. In den nächsten Monaten lernte das kleine Geschöpf mit geradezu unheimlicher Schnelligkeit das Alte Testament, dann das Neue, dann Weltgeschichte, so daß es die verschiedenartigsten Fragen aus der Geschichte der Bölker ohne Zögern beantworten konnte. Eine besondere Vorliebe zeigte es für Erdkunde. Außerdem hatte das Wunderkind, als es noch nicht drei Jahre war, bereit mehr als 8000 lateinische Worte gelernt. Deutsch und lateinisch lesen lernte Heineken noch, bevor er drei Jahre alt war. Schreiben lernte er erst kurz vor dem vierten Jahre. Der Ruf dieser wunderbaren Gelehrsamkeit verbreitete sich über ganz Europa, und viele Leute kamen nach Lübeck, um das Wunder- tind zu sprechen. Der Höhepunkt seines kurzen Lebens war seine Reise nach Kopenhagen, wo es von dem König von Dänemark in einer mchrstündiaen Audienz empfangen wurde. Auf den Armen seiner Amme sitzend, bei der er sich durch einen Trunk stärkte, legte der Dreieinhalbjöhrige einen glänzenden Beweis seines Verstandes ab, indem er fast zwei Stunden lang die Fragen des Königs aus allen möglichen Wissensgebieten beantwortete. Aber dieser Früh- reife des Geistes konnte der Körper nicht folgen. Das Kind siechte unaufhaltsam dahin und starb am 27. Juni 1726, vier Jahre, vier Monate und 2l Tage alt. lElHi![ü|Ei3l Gesunüheitspflege VW Fünfundsiebzig Jahre Aether-vetäubung. Im November 1876 wurde in der Pariser Akademie der Wissenschaften ein Brief des Mediziners und Naturforschers Jackson aus Boston verlesen, mit dessen Bekanntwerden eine neue Epoche der Chirurgie auch für Europa begann. Jackson schrieb, daß aus seinen Rat hin der„Zahn- arzt Morton mit Hilfe von eingeatmetem Aetherdunst zum ersten Male ei>w» Zahuoperatioii schmerzlos vollzogen und der Chirurg Warren in derselben Weise eine Geschwulst am Halse entfernt habe!" Die Aerzte und Physiologen der französischen Hauptstadt traten der Frage sofort näher und tonnten die einschläfernde und schmerz- stillende Kraft des Aethers nur voll bestätigen. Auch erfanden sie passende Apparate zur wirksamsten und ungefährlichsten Einatmung der Aethcrdünste. Von Paris kam die neue Kunde zuerst nach Heidelberg, lvohin junge Mediziner, die sich studienhalber in Paris aufgehalten hatten, sie mitbrachten. Diese und die Assistenten der Kliniken gaben sich zu den ersten Versuchen willig her. Dabei trat in dem ersten kurzen Aufregungsstadium, das dem eigentlichen tiefen Schlaf vorausgeht, etwas ein, was die Aetherbetäubung fast in Miß. tredit gebracht hätte. Einer der aus Paris Zurückgekommenen ver- riet dabei nämlich ein süßes Geheimnis, indem er seiner in Paris gewonnenen„Freundin' in zärtlichen französischen Worten seine deutsche Treue erklärte. Nun trugen die anderen jungen Leute vorübergeliend Bedenken, sich auch durch Aether betäuben zu lassen. Trotzdem hat die neue Methode natürlich ihren Siegeszug durch die Welt gehalten, und man kann wohl lagen, daß nach der Iennerschen Erfindung der Kuhpockenimpfung keine Neuerung auf dem Gebiete der Heilkunst die Welt mächtiger bewegt hat als die Einführung der schmerzlosen Chirurgie durch Jackson! einen Arbeitstisch vor einem der Eingewöhnungsbehälter gelegt worden war, war am nächsten Morgen verschwunden. Müller ging der Sache nach und entdeckte bald einige Schlupfwinkel von Ratten, in welchen sich noch die Reste aller möglichen Seetiere befanden; denn nicht nur Fische und Krebse, auch Seesterne hatten die ge- frätzigen Tiere geraubt und gefresien. Und nicht nur lebende oder eben verendete Fische hatten die Ratten angegangen, auch an In Formalin konservierten Individuen hatten sie sich oergriffen,— gewiß ein seltener und drastischer Beweis für die Gefräßigkeit dieser schäd» lichen Nager. Durch Legen von Phosphorbrocken konnte sich die Station dann diese? unerwünschten Einquartierung erwehren. Die Eibe. Ein Nadelbaum, der jetzt nur noch sehr selten im deutschen Wald angetroffen wird, ist die Eibe(Taxus baccata) Ehedem war sie bedeutend häufiger; zu Casars Zeiten gehörte sie zu den Charakterbäumen der germanischen Urwälder. Unseren Vor- fahren gab die Eibe reichlich Stost zu Sagen und Mythen. Ihr Holz lieferte Bogen und Armbrüste, die auch als begehrte Ware in das Ausland wanderten. Das Holz ist harzlos und sehr zäh und fest. Die Nadeln der Eibe ähneln denen der Tanne, jedoch sind sie weicher und vorn zugespitzt. Ihre Farbe ist auf der Oberseite dunkelgrün, aus der Unterseite etwas heller. Die Früchte der Eibe sind keine Zapfen sondern Scheinbecren. Ein hochroter fleischiger Fruchtbecher, der jedoch offen bleibt, umwächst die blauvioletten Früchte fast gänzlich. Infolge ihres langsamen Wachstums ist die Eibe aus dem deut- schen Wald nahezu verdrängt worden. Der Forstmann, der darauf sieht, möglichst bald Nutzholz zu gewinnen, pflanzt schneller wachsend« Bäume an. Nur in einigen Gegenden finden sich noch Eiben- bestände von mehreren hundert Bäumen, so in der Rhön, im Stel- ler Moor bei Hannover, im Bodetal und in Westpreußen. Einzelne Eiben kommen dagegen häufiger vor, sie sind von vielen Orten be- kannt. Oft wird die Eibe in Parkanlagen angepflanzt; sie hat di« Eigenschaft, lange Zeit hindurch buschförmig zu bleiben und ver- trägt es, stark beschnitten zu werden. Auch der Berliner Tiergarten weist verschiedentlich Eiben auf. An der Budapester Straße zwischen Brandenburger Tor und Lennöstraße stehen mehrere, die teils buschartig, teils bäum. artig sind. Manche von ihnen sind jetzt mit roten Früchten behängt, die lebhaft aus dem dunklen Grün der Nadeln hervorleuchten. Ein wegen seiner Größe beachtenswerter Eibenbaum befindet sich am Großen Stern, bei der Iagdgruppe zwischen Brückenallee und Char- lottenburger Chaussee. Er ist etwa acht Meter hoch und hat einen Meter über der Erde einen Umfang von knapp einen Meter, ch. Technik[Dt�iDilDgstDi Naturwissenschaft Die Gesräßigkeik der Ratten. In den Schriften der zoologischen Station für Meereskunde Büsum teilt Direktor S. Müller folgende Beobachtungen mit: Di« Station hielt in flächen Eingewöhnungs- bassins des Aquarienhauses etwa ein Dutzend der sonst sehr empfind- lichen Stinte. Cines Tages bemerkte Müller das Fehlen einiger Fische, dem bald darauf der Verlust aller vorhandenen Stinte folgte. Bald lagen auch vor den Becken, die in der Nähe standen, Ueber- teste von Krebsen herum. Auch ein Steinbutt, der am Abend aus Segel mit Löchern! F. M. Feldhaus schreibt uns zu unserem Artikel in der„Heimwelt" vom 16. d. M.:„Wenn 5)err Professor Karl Wegener vom durchlochten Fallschirm der Luftschiffer ausgeht, um den Schiffssegeln als Neuerung ein Loch zu geben, dann macht er einen Umweg in der Geschichte. Ich wies schon im Jahre 1904 in meinem„Lexikon der Erfindungen und Entdeckungen" auf die günstige Wirkung durchlochtcr Segel hin und zeigte, daß bereits Diderot, der bekannte französische Schrjjlsteller, im Jahre 1779 durch- lochte wegel bei Sturmwind empfahl. 1894 fand Vaffalo in Genua bei durchlochte» Segeln eine größere Wirkung. Was also neuerding» als Erfahrung der Luftschiffahrt aus die Segel angewandt sein soll, ist eine alte, wiederholt gemachte Erfahrung. So geht es in der Kulturgeschichte oft: der forschende Geist macht Umwege, um zu den Quellen des Genius zu gelangen. Steine, die sich biegen lassen. In unserer Vorstellung ist ein Stein ein Ding, das starr und hart ist und sich zerschlagen oder zer- brechen, nicht aber biegen läßt. Gleichwohl gibt es in der Natur auch Steine, die biegsam sind. Zu ihnen, die aber freilich unter den übrigen Gesteinen als sehr seltene Ausnahmen anzusehen sind, ge- hört zunächst der A s b e st, der sogar sehr biegsam ist; der sogenannte Faserasbest läßt sich z.B. nach allen Richtungen auf- und nieder- biegen, ohne daß er dabei zerbricht. Auch der Glimmer ist bieg- sam; nur lösen sich hier beim Biegen einzelne Lamellen ab, so daß sich das Gestein gleichzeitig in dünne Schichten teilt. Ein typisch biegsames Gestein bildet indessen der hauptsächlich in Brasilien vorkommende I t a k o l u m i t, auch Gelenkquarz oder elastischer Sandstein genannt. Der Jtakoiumit, der als Muttergestein des dortigen Diamanten gilt, besteht zum größten Teil aus Sand, der ober auch zahlreiche Einschlüsse von Glimmer, Talk, Chlorit und Feldspat sowie etwas Eisenglanz und Magneteisenstein enthält. Im Itakolumifftein finden sich nun Lagen, die, wenn sie in Platten zer- teilt werden, eine ganz deutliche Biegsamkeit zeigen. Stellt man dicke Platten von Jtakolumit ausrecht, so schwanken sie wie Leder hin und her, legt man sie wagerecht und unterstützt sie in der Mitte durch eine Unterlage, so biegen sie sich an beiden Enden vom Zug ihres eigenen Gewichts bis zum Boden herab. Als Ursache dieser Eiaenschast nimmt man, nach einer Mittei- lung in den„Neuesten Erfindungen und Ersahrungen", die eigen- artige Lagerung der Ouarzkörnchen innerhalb des Gesteins an. Die mikroskopisch kleinen Quarzteilchen, aus denen die biegsamen Lagen bestehen, sind nämlich nicht miteinander fest verwachsen, sondern liegen nur eng aneinander gerückt und bleiben, da sie mit ver- zahnten und verzackten Rändern gelenkartig ineinandergreifen und sich genau anpassen, dauernd in einer elastischen Beweglichkeit. So- bald eine einseitige Belastung eintritt, trennen sich also die Körn- che» nicht voneinander, sondern verschieben sich nur.