Nommse 2 12. Januar 1H22 Unterhaltungsbeilaye S,» iVrtoärt« Der Holzengel. ZZm Edith Rode-Nebelonz. .Carlo ist so gut." sagte Pippa,.er ist bloß leichtsinnig." Sie laß aus dem Modellpodium vor Frank Meisterberg der schon das dritte Jahr Holzengel sür die Kirchen in Neapel schnitzt«. Augen. blicklich stand er und zeichnete sie.„Gestern schenkte er mir eine goldene K«tt«," sagte sie und lachte leise,.und heute hat er meine Stiefel versetzt." Der Mann vor ihr wurde rot vor Zorn. Er war groß und breit mit schweren, ruhigen Zügen und ein Paar mächtigen 5?änden an den muskulösen Armen. Pippa sah ihn neugierig an. Ei« war g stank und gut gewachsen, mit fast kindlich zarten Gliedern. Ihre ugen strahlten mit dunkelblauem Glänze au» dem hellen Gesicht, da» von braunen Locken eingerahmt wurde. .Du oerstehst ihn nicht, sagte Pippa träumend,„denn er ist schwach, und Du bist stark. Du bist so nie mein Vetter Robert, mit dem ich mich hätte verheiraten sollen, wenn ich nicht Carlo gencm- men hätte." Sie saß und sah auf ihre kleinen weißen Hände, die in ihrem Schoß« lagen..Du bist der Einzige, auf den er nicht eisersüchtig ist," sagte sie dann.„Er nennt mich Deinen Holzeng«l." Frank Äeisterberg errötete wieder, tief und voller Hilslosigtell: er räusperte sich, um«twa» zu sag«n, schwieg aber dann. .Woran denkst Du?" fragte Pippa und sah ihn neugierig an. .Das Wichtigste ist. daß man keinen totschlägt," sagte er dumpf. Pippa lachte, und ihre Augen strahlten ihm gerade in» Gesicht. Er wandte sich von ihr weg und ließ seine Hände schwer wie Häm- mer auf einen Holzblock fallen. .Ich habe so viel Kraft, Pippa," sagte er rauh und verzweifelt. Doch gleich voraus empfand er sich als furchtbar plump und drehte lich wieder um..Bist Du bös« auf mich. Pippa?" fragte er und ISchelte verlegen. .Zu mir bist Du sehr gut," sagte sie leise. » Niemals durfte Pippa wissen oder ahnen, wie Carlo seine Freunde ausgenutzt haitel Niemals durfte Pippa wissen oder ahnen, daß Carlo ein Spieler war! Niemals durfte Pippa wissen oder ahnen, daß Carlo falsch spieltet Frank Meisterberg lief durch die Straßen. Freunde hatten ihm das letztere eben erzählt. Morgen oder heute abend oder viel« leicht schon in einer Stunde würde es die ganze Stadt wissen, Schande und Kummer und Unglück würden Pippas Köpfchen treffen, wie das Beil da» Haupt eines Mörders. Da war ein Wort, das raste durch Frank Meisterbergs Sinn, wie ein Orkan über ein tiefes Wasser:„Wenn er ihren letzten Schmuck verkauft hat wird«r sie selbst verkaufen!" Einer oder der andere hatte das gesagt und hatte recht damit! Er klopft« an der Tür zu ihrem Zimmer. Es war Pippa, die fragte:„Wer ist da?" „Frank Meisterberg— Frank!" Er tonnt« ihre Antwort nicht hären, so tobte das Blut in seinen Adern.„Es ist Frank," rief er wieder. Da ertönte es:„Ich liege im Bett, aber Carlo sitzt auf der Terrasse." Die Stimme überschlug sich vor Lachen.„Ich krieche unter die Decke, dann kannst Du ruhig durchkommen." Er öffne!« behutsam die Tür und trat herein. Ueber die Bett- decke hinweg winkte Pippas Kinderorm ihm zu; er winkte ihm zu, bis er die Tür zur Terrasse geöffnet und wieder hmter sich ge« schlpssen hatte. Carlo saß auf der Brüstung hoch über der Straße. Eines seiner Beine lag auf dem Steingeländer, sein Kopf war gegen einen Kübel mit einem blühenden Oleanderbaum gelehnt. Sein Auge richtete sich mit trügerischer Gleichgültigkeit auf Frank. Aber nur eine Sekunde lang. Dann weitete es sich in ewem Entsetzen, das so groß war, daß ihm kein Laut entschlüpfte, als fein Körper über das Geländer hinuntcrsousts. » Pippa ging in Schwarz gekleidet über die Straße. Ihr langer Witwenschleier wehte um sie und legt« sich weich auf Frank Meister- bergs Schulter. Vor der Kirche blieb sie stehen:„Willst Du nicht Mit?" fragte sie. Er schüttelte den Kops und sah fort. „Früher warst Du so gut," murmelte sie,„Du gingst immer zur Kirche." Sie sah ihn neugierig an. „Ich bin nicht gut, sagte er barsch. „Gegen mich bist Du immer sehr, sehr gut gewesen," erinnerte sie ihn sanft. Er machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und oer- barg sie dann auf dem Rücken. „Das geht nun so, seit der arme Carlo hinunterstürzte," sagte sie leise.„Du arb«itest auch nie mehr." Sie schauderte:„Schreck- sich— es muß schrecklich gewesen sein." „Gehst Du in die Kirche?" sagte er heiser. „Aber, was machst Du dann?" fragte sie. Er senkt« den Kopf:„Ich warte." „Wie schön warm Deine Hände sind," sagte Pippa: sie saß vor dem Feuer im Atelier.„Du kannst meine beiden mit Deiner einen umfassen, sieh mal." Frank Meisterberg verbarg seine Hände auf dem Rücken.„Du sollst sie nicht anrühren," sagte er voller Ekel. Sie sah ihn«inen Augenblick neugierig an. Er legte ein Tuch um ihre Schultern und eine Decke um ihr« Knie. Dann setzte er sich ihr zu Füßen:„Ist«s so gut?" „Ja. so ist es gut." Ihre strahlenden Augen sahen in das Feuer. das einen schwachen rötlichen Schein auf ihr helles Gesicht warf: ihre kleinen, weißen Hände lagen über der Decke in ihrem Schoß gesalkt. Frank Meisterbergs vergötternder Blick umfaßte sie ganz. Alle seine Engel, die er vorher modelliert, hatten nichts getaugt, aber feit Pippa gekommen, wurde jedes Stück Holz, das er in die Hand nahm und dem er ihr« Züge oerlieh, wie beseelt. Doch in dieser ganzen letzten Zelt hatte er kein« Engel mehr schaffen können. Seine großen Hände hingen welk und schwer an ihm herunter, und wnn er sie ansah, packte ihn Ekel. Wenn er bloß seine Kräfte hätte gebrauchen können-- wenn er ihn bloß in einem Handgemenge getötet hätte-- dazu hätte er ein Recht gehabt, um Pippas Glück zu retten.— Pippa senkte den Kopf und sah ihn forschend an:„Du seufztest so laut?" „Tat ich das?" „Bist Du nicht froh?" Er lächelte ihr ruhig zu.„Ja." Kurz darauf stützte er sich auf den Ellenbogen und sah sie an.„Bist D u froh, Pippa?" „Ja," sagt« sie sanft,„und jetzt kommt Robert bald." Er legte sich wieder. Er hatte schon früher von Robert gehört? aber jedesmal raste sein Herz gegen seine Brust, wi« ein Gefangner, der sich geg«n eine Mauer wirft. Er hatte sich selbst gelobt, daß seine Hände nie Pippa berühren sollten, oder sollten deshalb eines anderen Hände—? Der Gedanke schnürte ihm die Brust zu-. sammen. „Robert hat mir verziehen, daß ich mich mit Eorlo verheiratete," sagte Pippa zuversichtlich.„Robert ist rechtschaffen, aber Carlo war so gut.— Wenn Robert einen Bettler sah, konnte er ruhig an ihm vorbeigehen— ab«r Carlo k«hrte seine Taschen um und gab ihm alles, was er hatte." Ihre Stimme hatte einen so süßen, stolzen Klang, daß der Mann ihr zu Füßen sich tief über diese beugte.„Gott segne Dich, Pippa," murmelt« er. Sie sah ihn einen Augenblick neugierig an, dann wurde ihr Blick wie traumverloren:„Und alle möglichen Dinge bekam ich, Schmuck und schöne Kleider—— und später mußte er sie wieder zurückhaben."— Sie berührte mit den Fingern feinen Nacken, so daß er aussehen mußt«.„Denn Carlo war ein Spieler," sagte sie vertraulich. Frank Meisterbergs Gesicht wurde grau.„Ich w«iß es," sagt« er heiser, mit scheuem Blick. Pippa beugte sich dichter zu seinem Gesicht und bildete das Wort. noch bevor es ihren Lippen entschlüpfte:„Ein Falschspieler — hauchte sie. „Du weißt das?" murmelte er schn.erzlich und unendlich sanft, „ach Pippa, mein kleiner Engel, was mußt Du gelitten haben!" Ihr klarer Blick spiegelte eine Sekunde lang die flackernden Flammen wider, dann senkte sie tief den Kops:„Ja, was habe ich gelijieni" flüsterte sie. Frank Meisierberg stand auf dem Kal und stierte mit hungrigen Zlugen zu dem Schiff hinauf, Die Landungsbrücke war eingezogen, einige Matrosen zerrten an den Tauen und rieben kurze, kräftige Worte, es heulte und zischle von Rädern und Maschinen. Pippa stand da oben und hielt sich lächelnd die Ohren zu. e-ie ms etwas, was vom Lärm erstickt wurde. Robert, der an ihrer Seite stand, sing die Worte auf und ließ sie weitergehen, indem er die-chänd« wie ein Ausrufer vor den Mund hielt. Frank Meisterberg beugte sich vor, um zu hören. Cr ging so dicht an das Wasser, daß sein mächtiger Oberkörper schwer über das Bollwerk hing. Er lauschte mit allen seinen Gliedern, um diese letzte» Worte zu hären. Pippa lachte und schüttelte den Kops. Sein Mund stand offen vor Anstrengung. Pippa lachte, so dag sie sich an Robert halten mußte. Dann schüttelte sie wieder den Kopf und streckte ihren Arm aus und winkte, während das Wasser zwischen ihnen breiter und breiter wurde. Frank sah nicht das Schiff und nicht Robert. Er sah nur Pippas Kinderarm und den dunkeln Mceresschlund zwischen ihm und ihr. Er hielt seine Mütze gegen die Brust gepreßt� und sein Auge umspannte das Meer und den Himmel und das Schiff, wie um Pippa zu halte»! doch Ichneller und schneller entzog sie sich seinem Blick, dls flüchtete sie vor dessen starrer Verzweiflung. Keiner von den, vor seinen heißen Augen tanzende» Punkten war mehr Pippcrs Schiff. Sie war abgereist mit ihrem Mann und� ihrem Glück. Pippal Ihre Seele war so weiß und rein wie ihre entzücken- den kleinen Hände. Er sah voller Ekel auf seine Hände und ver- barg sie. Aber Pippas Glück hatten sie durch Sünde und Blut ge- tragen und strahlend und hoch und rein gemacht. Denn Pippa war ahnungslos wie ein Kind und ein Engel. Sein Kind und sein Engel.— Er blickiE noch einmal voller Ekel auf seine ausgestreckten Hände, und er fühlte dumpf, daß er nie mehr mit ihnen einen Engel schnitzen würde, dann ging er schweren Schrittes zur Stadt zurück. „Ach, wie lange er stehen bleibt," klagte Pippa,„ich bin schon ganz müde vom Winken." „Laß mich Dich ablösen," sagte Robert,„er ist viel zu weit fort, als daß er sehen könnte, wer es ist." Sie lehnte sich gegen seinen Arm und lachte. Sie standen und lachten, während er winkte. „So, nun wird es genug sein, selbst für einen so treuen An- beter," meinte Robert und zog sie mit sich.„Setz' Dich hierher, Liebling, hier bist Du ungestört.' „Nein, lehn' Dich in meinen Arm," flüsterte e«, als ste sich setzte,„er war sehr, sehr gut zu Dir, aber war er aus die Dauer nicht schrecklich ermüdend— sitzt Du gut?" Pippa nickte, dann hob sie ein wenig den Kopf, wie um sich zu vergewissern, daß sie ganz allein wären.„Soll ich Dir etwas an- vertrauen?" sagte sie mit einem kleinen gcheinnnsvollen Lächeln und schlang ihre feinen Arme um seinen Hals,„ober Du darfst es niemals jemand wiedererzählen!" Sie legte ihren Mund an sein Ohr und hauchte hinein:„Frank war es, der Carlo gelötet hat." Robert richtete sich langsam auf, sein Auge stierte sie ungläubig' an. Sie nickte ernst und eifrig:„Ja, er war es, der ihn hinunter- stieß! Ich habe es die ganze Zeit gewußt; aber Du darfst es nie- mals jemand sagen." Sein Gesicht bekam einen Ausdruck voll Ekel und Grauen. „Dann war er ja-- dann ist er ja ein ganz gemeiner Mörder!" sagte er empört. . Pippa sah ihn einen Augenblick neugierig an, dann nickte sie ernsthaft und schauderte ein bißchen.„Ja, ein Mörder," flüsterte sie. Er umfaßte sie:„O Du armes Kleinchen, wie mußt Du Dich vor ihm gefürchtet haben, entsetzlich gesürchtet," jlüstcrte er leidenschaftlich. Pippas Augen stierten eine Sekunde lang mit frommem Stau- nen in die Luft, dann ließ sie sich in ihres Beschützers bereitwillig geöffnete Arme gleiten. „Ach ja," schluchzte sie mit sanftem Schauder,„wenn Du wüßtest— wenn Du wüßtest, wie ich mich vor ihn, gefürchtet Habel" (Berechtigt« Uebersetzung aus dem Dänischen von Frida E r d m u t e Bogel.) Mokiere. Iu seinem 300. Geburistaze am 15. Januar. Bon Paul W. E i s o l d. Das Jahr 16chZ brachte für den angehenden Rechtsanwalt Jean-Baptiste Poguelin einen jähen Wanöel. Der Ver- kehr mit der Leiterin des„Jllustr Thetckre", Modeleine Bejart, hatte in dem jungen Gemüt«ine heftige Liebesieidenschaft«»(facht. Dazu kam eine stark« Neigung zum Schauspietertxrus, etwa» Abenteuerlust und Mut: kurz, der junge Anwalt hing das«rnst« Kleid an den Nagel und schloß sich der Truppe au. Aber es geht schlecht, die Schulden häufen sich, Poguelln wird sogar gefaiigKn gesetzt. Da verläßt die Gesellfchaft Paris und begibt sich auf«in« Wanderfahrt in'»>« Prooiaz. Poquelin, d«r sich nun, seine Eltern zu schonen, Moliär« nannt«, wird ihr ideeller und lünstlerischer L«I(«r. llober diese zwolsjährige Wanderfahrt bat die Zeit ihr«» dunklen Mantel gebreitet, wir wissen nur, daß dies« Jahre die herbst« und zugleich gründlichste Schule war«», den Dichter und den M e n- s ch e n Mokier« zu entzünden,"lus dem rein Handwerksmäßigen, aus Luft und Ehrgsiz, vielleicht sogar aus der Rin heraus, die Existenz der Truppe zu erhalten, schricd er seine ersten Stücke... bis ihtn die Erleuchtung und- Gnade geschah, die ihn mit dem Griffel der Komik, des Spott«s und der beißendste» Satire, geboren aus höchster Sittlichkeit, die tausendfältig« Burtbeit'oes Lebens, die ganz« Gefühlsfkala des Menschlich«» schildern ließ«». Wieder, 16?8, nach Paris zurückgekehrt, gelang es Moliäre, mit Hilfe seines Freundes, des Kritikers Boileau. von Ludwig X I V. eine Unterstützung für sein Theater zu erlangen. Zwar, nicht darum gab der König das Geld, weil er das Genie,'die dichterische Größe Malleres ertannte, sondern weil es der Eitclmt des Herrschers schmeichelte, der größte Kunstförderer zu sein und sich zugleich ans fotcber in der erzwungenen Bergötlsrung des Dichterdreigestirns Racine-Mvliäre-L« Fontaine zu sonnen. Am lchweisten hat wohl Molläre unter dem entwürdigendem Abhängigkeitsverhältnis geseufzt — und doch, wollt« er sich als Dichter überhaupt durchsetzen und sein Theater erhalten, so mußte er llen Launen des Königs gerecht we den, der in ihm nicht viel mehr a's leinen Spaßmacher sah. An- dcrerseits aber erzeigte Ludwig dem Dichter insvsern einen großen Dienst, als er an seinem ersten Kinde Patenstelle übernahm, um damit der furchtbaren Anschuldigung, daß Moliere in der 19jährig«n Armande Bejart seine eigene Tochter geheiratet habe, entgegen- zutreten, und daß der König gegen die Geistlichkeit durch'ejzte, dag des Dichters Leiche dennoch der Erde übergeben wurde, obwohl die Kirche mit den schäbigsten Mitteln dies zu verhindern suchte. Molieres Ehe war ein Martyrium, war die Hölle auf Erden. Dennoch aber liebte er feine Frau, die leich'.sinnig, untreu und un- wirtschaftlich war, mit der immer wieder verzeihenden Liebe. Mit jener Liebe, die auch für den Schlag ins Gesicht noch eine Ent» fchuldignng sucht und findet. Er litt, verzweifelt und doch unfähig, das unnatürliche Verhältnis zu lösen, all« unaussprechlichen Oualen der Schmach, Scham und tiefsten Zerknirschung. Litt unter deq Entsetzlichkeiten mit heroischer Kraft, mit einer an das Uebernatür- liche grenzenden Duldsamkeit... bis endlich aus dem zerquälten Leib über einer Darstellung des„Einacbildeten Kranken" der groß« Geist emwich. Buchstäblich in den Sielen starb der Dichter,«in frühes Opfer, 1673, im besten Mannesalter. Moliöre ist der Schöpfer des französischen Komödienspiels. Ja, man tami sagen, die Gattung der Komödie hat seit Aristophanes durch Moliere ihre größte Vervollkommnung ihren Meister und einzigartigen Gestalter gefunden. Die vormolierische Zeit kannte nur das Lustspiel, das aus einer Häufung komischer Sckuativnen und lustiger Begebenheiten fein« Wirkungen zog. Das literarische Frankreich des siebzehnten Jahrhunderts kenn» zeichnet der klaffüche Naturalismus. Die großen Geister Bofsuet, Racine, La Fontuin«, Boileau belxerrschen die Zeit, Klarheit, Ein- fachöeit und Naturnäh« sind die Hauptziele der Dichter, eme national eingestellte Kunst sucht und findet eine großer! ige Verbindung mit der Antike. Und auf der anderen Seite schäumt«in« ungeheure Welle der Lebensfreude, der Vergnügungssucht aus: da» Frankreich Ludwigs XIV. hm an Pracht, Vornehmheit und Luxus nicht seinesgleichen, wie es an inneren Verfall, an Verwahrlosung und Verelendung des Bültes, an widerlichem Treiben der Geistlichkeit, an geistlosem Dünkel der Aerzte und alberner Anmaßung der sogenannten Gebildeten wohl nur noch von dem vorrevolutionären Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts über! oten wird. Da kam Moliere in dieses Treiben. Mit den Elemente» einer im volkstümlichen verankerten Kunst, einer scharfen Gedonklichkeit und Satire, mit der Entwicklung der drancatischen Fabel aus de» Eharatteren heraus, mit Anpassung der Sprache an die besonder« Stellung seiner Gestalten im Leven brachte er etwas ganz Neues und vollwertig Künstlerisches. Dabei verfügte Moliere über eins starke dichterische Begabung, die sich mit einer glänzenden technischen Fähigkeit für die Erfordernisse des bühnenwirksamen Stückes paart. Und wenn auch in vielen Slücken des Dichters der notwendig« Ab» schiuß durch den„Deus ex rnachina"(Maschinengott) herbeigeführt wird, so versöhnt doch immer wieder die starke Wahrheitsliebe des Dichters, versöhnen, im Hinblick aus sei» Seben. der hin! er all der Fröhlichkeit, hinter Witz und Spott liegende Welthaß und Groll und die tiefe Trauer, die dies« köstlichen Stücke werden ließen. Ja,«s ist etwas Einzigartiges und wahrhaft Tragisches um di« Stück«! Kurz vor der Zeit, da der Dichter seine Ehe mit der so viel jüngeren Armande Bcjari einging, schrieb er die„Frauen- schule", wo er ein« solche widernatürliche Verbindung geistreich und scharf persistierte, und später, als vielfach„Gel>Lr>tter", seinen „Don Iva n", ein Stück, das die Ruchtoftgkeit in Reinkultur dar» stellt, das in dem Titelhelden das erbärmlichste und elendeste Scheusal in Menschengestalt darstellt. Mit diesem Werk tat Malier««inen kühnen und große» Wurf, es wuchs ihm unter den Händen über die Zeit hinaus ins Ewige, ins Allgemeingültige. Und es wurd« nicht minder zum Sammeibecken seines durch viel« Jahre hintkürch angehäuften Grinunes und fchsies, daß man bei manchen Stellen noch heute da» Zähneknirschen des Dich!-?« zu hören vermeint. Starkes Gertckchigkeitsgesühl, moralisch« Reinheit, hohe Sitt- lichieit und klarer Verstand sind die Fundament«. Der Freund der Natur mußt« gesftn alle Feind« dieser und gegen alle, die sie ein» engen oder in lächerliche Regeln zwingen wolle«», Sturm laufen, Mußte den großmanniüchtigen Bürger, den verweichlichten Literaten, den Geizigen, den Menschenfeind, die Aerzt», den eingebildeten Kronken, de» Lied?« bei den und selbst die des Dichiers Stück» triUsiereirden Federfuchser schonungslos mit den Kübeln seiner Spottsucht und drostisch-komischen Verzerrung übergießen. Aber nicht aenug damit, daß er eine lächerliche Anzewohuheit, ein« Un- fit!« ein-ft Koste«mpranfferte: bflfütwr hwous vertieft« er seine Ke- 1 stalten in d'« unerschöpflichen Gebiet« res Menschlichen, hob si« aus| der Einmattqkeit feiner Darstellung zu Vertretern bestiinmter Gottun-, Ken C,T a r t n f f c" als der Inbegriff des verworrensten Heuchlers)., Aus dem Leben, dem vollen, täglich in neuen Bildern sich vor ihn, abspielenden, schöpfte Mäliere, wie denn auch in vielen Stücken ein Spiegelbild seiner seelischen Stimmungen und ein Abriß seines Lebens sich auftut. So kommt es auch, daß großer Ernst selbst über den lustigen Werken wie ein unsichtbarer Schleier liegt, daß nur allzuoft hinter dem lauten Lachen der halbunterdrückte Schrei einer gequälten Seele sich verbirgt. Mo'ieres Einsluh auf feine Zeit ist bedeutend. Trotzdem aber nahm istn, den Schauspieler, die„Akadeuie" nicht tn ihre Reihen auf! Den sozialen und kulturellen Ankläaer aber kennzeichnet am besten dl« Inschrift am„Institut Franeais", dem Sitz der Akademie: „Nichts fehlte zu feinem Ruhme, er aber fehlt dem unfrigsn." VsrZllZerimgen im Organismus öer Menstben imö Tiere. Tiere, die während mehrerer Generationen in ihren Wohnnngs-, ErnShrungs- und Fortpflänzungsverhältniffen unter dem Einfluß der Menschen stehen, erleiden in der Regel gewisse Veränderungn. Die.Haustiere, um die es sich dabei in der Regel handelt, werden von den Menschen zu bestimmten Zwecken gehalten: sie werden ein- seitig gezüchtet und ernährt, um viel Milch, einen fetten Braten, ein schönes Fell oder viel Eier zu liefern, oder um möglichst schwere Wagen zu ziehen. Ganz besonders fargsam werden Tiere gepflegt rmd g?zl.chtet, die durch Stier- oder Hahnenkämpfe oder durch Pferde- rennen Menschen ein Vergnügen bereiten sollen. Ebenso wie durch den Einfluß des Menschen bestimmte Eigenschaften der Haustiere sehr gesteigert werden können, verfallen auf der anderen.Seite ge- wisse Eigentümlichkeiten, an deren Weiterbestehen der Mensch kein direkt?« Interesse hat. In der Medizinischen Gesellschaft in Kiel wies Dr. Paulsen in einem Vortrag auf eine gewisse Aehnlichkeit der Veränderungen hin, die sich im Organismus der Menschen wie in dem der Haustiere voll- fogen hoben. So schwankt die Körpergroße bei einzelnen Haustieren ehr stark, z. B. beim Pferd und noch mehr beim Hund. Die gleiche Erscheinung sehen wir bei verschiedenen Mmschenrassen. Bei wilden Tieren gehören beträchtliche Größenunterschicde zu den Seltenheiten. Am' klarsten tritt bei den Haustieren die Veränderung ihres Haar- und Federkleides hervor. Tauben und Hühner sind in ihren Stammrassen kaum wieder zu erkennen, ebensowenig Angoraziegen und Merinoschafe. Beim Menschen kennen wir den kraushaarigen Neger, den glatthaarigen Japaner und den lockigen Europäer. Aber nicht nur die Haarform, auch die Veränderung der 5)aor- und Ha-t- forde weist zwischen Hoiistieren und Menschen gewisse Parallelen auf. Die verschiedenen Menschenrassen werden als weiße, schwarze und gelbe Rassen bezeichnet. Die nleiche Einteilung hat der Tier- züchter bei Pferden und Rindern. Der Mensch hat keinen Pelz, der ihn gegen die Kälte schützt. Die einzigen Tiere, die diese Eigenichaft mit ihm teilen, sind der haarlose afrikanische Hund und das Haus- schwein. das überdies sich noch das besondere Wohlwollen bestimmter Politiker zuziehen wird, weil es als einziges Tier so blauäugig ist wie die reinrassigsten Germanen. Oer sehlende Kälteschutz beim Menschen wird nur sehr unvoll- kommen durch die Kleidung ersetzt. Wilde Tiere sind nie erkältet. Weder Husten noch Schnupfen noch Frostbeulen plagen sie. Dagegen leiden Hausttere bereits an Erkältungen. Die Widerstandsfähigkeit der Menschen und Haustier« gegen viele Infektionskrankheiten ist herabgesetzt. Schwere Haut- und Fleischwunden und Knochenbrüche heilen bei wilden Tieren nach Behandlung mit Lecken. Tuberkulose gibt es bei wilden Tieren nickt. Zahnkrankheiten, Kurzsichtiqkeit, Rachitis, Zuckerkrankheit und Gicht sind das„Vorrecht" der Menschen und zum Teil einiger Haustiere. Auch im Geschlechtsleben zeigen (ich Eigentümlichkeiten, die Menschen und Haustieren gemeinsam ind. Alle wilden Tiere haben bestimmte Brunstzeiten, die so liegen, daß das Junge die besten Bedi*g»ngen für seine Ernährung vorfindet. Bei den Haustieren ist dafür teilweise die Dauerbrunst ge- treten, weil die Ernährungsbedingungen während des ganzen Jahres ungefähr gleich sind. Das oleiche gilt für den Menschen. Störungen der Geburt kommen beim Menschen und bei den Haustieren häufig vor. Bei Naturvölkern sind sie seltener, weil das rachitische Becken dort nicht gefunden wird. Bei milden Tieren ist von Geburtsstörungcn überhaupt nichts bekannt. Die Stiilfähigkeit der Frauen ist am ge- ringsten bei den Völkern, die Milchvieh besitzen. Ehina und Japan kennt den von vielen Völkern al» i nappetitliih empfundenen Milch- genuß nicht. Die Stillfähigkeit der Frauen ist dort größer. Wenn auch die Wirkung der Lebensbedingungen aus den mensch- tichen Organismus nach nickt bis ins letzt« erforscht ist, so läßt doch die Parallelität gewisser Ersche'mmgen bei Menscken und Haustieren kehr weitgehend» Schlüsse zu. Besonders für die Beurteilung mancher Krankheiten ist sie von großer Bedeutung. Der beste Gesellschafter ist der, der von einer Arbeit kommt; ist er auch müde, der Geist der Arbeit ruht auf ihm, und die mhende Snerg!« der Lebenskrast ist anmutend. Nerthen Zyklen, die einen großen Einfluß aus den Eruteausfall hoben, mit neuen Beweisen zu stützen sucht. Es handelt sich bei dies« Theorie um folgendes: Die Mißernten mit ihrer Begleiterscheinung wirsschaftsicher DepresiBmev treten so ziemlich alle 15 Jahre ein. Nach den verwickelten B-vtchnungen, Mt Beveridge ausstellt, müssen wir uns beispielsweise für das Jahr 1S2S auf überreiche Regenfälle gefaßt machen, die im Verein mit großer Kälte ein« Mißernte herbeiführen dürften. Nach ihm würde das Jahr 1923 dem Jahr 1315 gleichen, dem furchtbarsten Hungerjahr, das die Geschichte Europas verzeichnet. Bevcridges Prophezeiung stützt sich auf Statistiken, die einen Zeitraum von drei Jahrhunder- ten umfassen und den Beweis erbringen sollen für das Bestehe» eines Turnus schlechter Ernten, die rund olle 15 Jahre eintreten. Immerhin gönnt uns der Londoner Gelehrte noch einen Hossnungs« strahl mit der Bemerkung, daß die arithmetifche Formel nicht gerade unfehlbar zu sein brauche. Trotzdem aber rät er, beizeiten Vor« sorge zu treffen, um sich vor unliebsamen Ucberraschungen zu schützen. Die„Times" widmen den Beveridgeschen Ausführungen über die Hungerjahre einen Leitartikel, in dem sie erfreulicherweise dem Gedanken Raum geben, daß die Welt heute doch unter Aer- hältnissen lebt, die von denen des Jahres 1315 grundverschieden sind, da Europa heute nicht mehr wie damals von der eigenen Getreideerzeugung zu leben genötigt ist. Crükunöe Waren das alte Rom und Ryzanz Millloneustädte? Heute, im Zeitalter der Großindustrie und des Großverkehrs, welche die An- Häufung der Menschen in Riesenwohnplätzen so fördern, gibt es mit Sicherheit nur 11 Millionenstädte auf der Erde, neben 7 andern, von denen wir dies nicht genau wissen. Von den erfteren hat London die Million 1802 erreicht, als England schon Jahrhunderte hindurch seine Arme nach allen Weltteilen ausgestreckt hatte, Paris 1850, Neu« fort 1870, Wien 1876, Berlin 1880, Kalkutta 1900, außer London als« alle erst in der Zeit des modernen Schnell- und Mossenverkehrs und der Großindustrie. Wenn wir uns dies vor Augen halten, müssen die Angaben der allen Schriftsteller, daß die Hauptstädte des wcst- römischen und oströmischen Reichs, Rom und Byzanz(Konstantinopel), Millionenstädte gewesen seien, dem stärksten Zweifel begegnen. Eigentliche Voltszählungen gab es im Altertum und Mittelalter nicht, Schätzungen sind, wie wir aus der heutigen Stüdtestatistit zur Genüge wissen, höchst unsicher, und noch viel trügerischer sind Schlüsse etwa folgender Art, wie sie tatsächlich gezogen worden sind: Die Franken töteten t.J. 538 nach Chr. bei der Eroberung von Mal- land 300 000 männliche Einwohner dieser Stadt(wie ein aller Schriftsteller berichtet): also hatte Mailand damals 600 000 Ein« wohner, also das viel bedeutendere Rom sicher eine Million. Oder: Im Jahre 412 hatte Rom 1797 Paläste von Reichen, Byzanz aber 4387: Rom tvar eine Millionenstadt, also war dies Bvzanz erst recht.— Wir müssen vielmehr annehmen, daß Byzanz zur Zeit seiner größten Blüte, also seit Justinian, höchstens eine halbe Million Be« wohner hatte, und das gleich« gilt für das alte Rom, das ja einen viel kleineren Raum einnahm als die moderne Halbmillioneustadt Rom. Hesunüheitspsiege Allerlei vom Fingernagel Gesunde, gut gepflegte Fingernägel gelten für eine besondere Schönheit und das Zeichen einer hohen Körperkultur. Aber zur richtigen Nagelpflege ist eine genaue Kennt- nis der Physiologie des Nagels notwendig, die auch die Manicure- künstler nicht immer besitzen. Ein Nagel entspricht der hornigen Oberschicht der Haut und unterscheidet sich von ihr nur dadurch, daß er härter und fester ist. Er ist aus einer Anzahl Schichten polygonaler Zellen aufgebaut, und bisweilen sind zwischen diesen Zellen oder in Ihrem Innern Nein« oder größere Luftblasen, die die weißen Flecken des Nagels hervorrufen. Die halbmondförmige Fläche an dem ficht- baren Ansatz des Nagels tritt beim Daumen am deutlichsten hervor, hebt sich aber auch bei den anderen Fingern gewöhnlich deutlich ab. Ueber ihre Entstehung gehen die wissenschaftlichen Ansichten noch auseinander, aber sie scheint durch eine Undurchsichtigkeit des Gewebes der Hornhaut an dieser Stelle verursacht zu werden. Die Schnellig- keit des Wachstums der Nägel ist bei den verschiedenen Menschen sehr verschieden. Im allgemeinen aber wachsen die Nägel schneller bei jungen Menschen und während des Sommers. Man will auch beobachtet haben, daß im Sommer die Nägel der rechten.Hand schneller wachsen als die der linken. Das durchschnittliche Wachstum eines Nagels von dem Halbmond bis zur Fingerspitze wird auf vier Monate angegeben, und man hat ausgerechnet, daß die Nägel an Händen und Füßen zusammen etwa 3 Gramm Nägelsuhstanz jährlich hervorbringen. Allzu raschem Wachstum der Nägel kann man da- durch entgegenwirken, daß man die Nägel in heißem Wasser, das eine Boroxlösung enthält, erweicht und dann sorgfältig schneidet oder feilt. Uebcrhaupt ist eine Feile, Schere und Messer bei der Nagel- behandlung vorzuziehen, da durch diese nicht selten unangenehme Verwundungen verursacht werden. Vorsicht vor Spinnengeweben. Allen Warnungen zum Trotz werden immer noch Spinnengewebe zur Stillung offener Wunden verwendet. Das ist eine große Unvorsichtigkeit, denn dadurch kann nicht bloß eine Bluwergiktung herbeigeführt werden, sendern es können auch Bazillen, z.B. der Tuberkelbazillus und der Starr- krampfbazillus, der Pockenerreger u.a. in die Wunde gelangen. So hat man z. B. die Pocken auf ein Pferd übertragen, indem man eine Wunde desselben mit Spinnengewebe belegt, das aus einem Stalle herrührte, in dem an Kuhpocken erkrankte Kühe seitonden hatten. WM»