Nummer S 4fr 2. Marz 1�22 Q�lß wj � � Ö\�C) Anterhaltuntzsbsilage öes Vorwärts �; c« Zasthing. Eine tragisch« Komödie von Sterna Mahila. Der Verein„Sorgenfrei" in Kickeriti hatte Maskenfest. So recht von Grund aus lustig und sorglos wollte man sein, endlich wieder einmal seinem Namen Ehre machen, nach diesen Jahren schwerster Not und bitterster Entbehrung. Wochen vorher schon wurde bei den Bereinsmitgliedern zu Hause vorbereitet, alles zusammengetragen, was karnevalistisch ausschaute und sinnreiche Maskenkostüme zusammengestellt. Mütter und Töchter wetteiferten, recht vorteilhaft auszusehen und wenn möglich am Ballabend das„Geriß" zu bekommen. Auch passende Larven wurden eingekauft. Es war doch immer zu lustig, wenn man, bis zur Unkenntlichkeit vermummt, diesem und jenem Bekannten einige Wahrheiten heimzahlen durfte. Oder auch im Arme eine« Unbekannten dahinzufliegen, allerlei Zärtlich« keilen zu tauschen und so ein Häppchen Außergewöhnliches zu ge- nießen. Ja, das war köstlich. Aber diesmal sollte es auch kösllich werden. Die dicke Frau Fleischermeister, mit den vielen Ringen am Finger, kam in einem echten Gretchen-Kostiim daher, hellblau, mit schwarzen Samtbändern und schneeigweißer Bluse. Dazu reichlich dekolletiert und den vollen Busen mit Ketten und Münzen behangen. Ihr Mann schritt als solider Tiroler an ihrer Seit« und das Töchterchen, ein sehr junger Backfisch, hüpfte als Rokoko voraus. Frau Rentier Purzel, die immer sehr„fürnehm" war, kam als untersetzte kleine„Königin der Nacht" und ihre beiden Töchter alz „Sternenjungfrauen". Ihr Mann war Vorstand de» Vereins und trug, wie alle Würdenträger, Frack und Schellenkappe. Frau Kellermeister Hinkel, die in letzter Zeit immer so an Plattfußbeschwerden litt, stellte sich al» rotgokdene Zigeunerin vor, ihre Töchter mit den Himmelfohrtsnäschen waren zu griechischen Tempelhüterinnen umgewandelt und der Vater hatte sich in ein Ritterhabit gestürzt. Auf der Treppe, die zum Ballsaal führte, wogte es von Farben, klimperte und klirrte es von baumelnden Ketten und Münzen, klingelte es von silbernen und goldenen Schellchen. Lachen und Staunen klang dazwischen, wenn man den besten Freund, die in» timst« Freundin trotz aller Maskierung erkannte. Ganz internattonal war dieses Gewoge. Holländerinnen, Römerinnen, deutsche Gretchen, Griechinnen, dazu französische Standesherren, englische Ritter, russische Fürsten, derbe Tiroler, Spanier, ja richtig, auch ein Ame- rikaner mit blauem, sternbesätem Zylinder war da. „Jetzt können wir ja Völkerverbrüderung feiern," lachte einer. „Braucht man da nach Genua?" fragte der Amerikaner zurück. „Das machen wir unter uns einfacher." Taraata bumdera— Taraata bumdera, fast war der Saal zu klein, die zuströmenden Maskenfluten all zu soffen. Aber sie kamen doch alle zu Platz und der Tanz begann. Erst Polonaise der Jugend. Das hüpfte und scharrte und gackerte. Diedel, dudel, deidel da, taraata bumdera, sie schritten dahin. Die„Alten" reckten die Hälse und. oerglichen die Masken. Natürlich waren alle eine Schattierung weniger glänzend als die des eignen Kindes. Dann kam die Polonaise der„Alten". Das schlurfte und schlappte und brummelte. Als das dicke Gretchen und die Königin der Nacht an dem bronzenen Engelchen, da» den Türvorhang hoch- hielt, vorüberschritten, und als es gar die plattfußtranke Zigeunerin tanzen sah, lachte e» unbändig, daß Ihm der Vorhang aus den Händen fiel und den darunterstehenden Türwächter in eine Wolke von Stoff und Staub hüllte. Dem Weine wurde noch fleißiger zugesprochen als dem Tanze, auf den Tischen lag ein blühendes Durcheinander von zerknülltem Papier, Kuchen. Konfekt, Pelzen, Föckern, Halskrausen, dahinein fuhren beringte Hände, hoben rote und goldene Weingläser hoch, schwappten sie über, führten sie zum Mund«, stellten sie unsicher zurück Immer lustiger, immer'übermüttger wurde e«, da» Lachen schnappte oft in ein Kreischen über, Männerhände schlugen aus die prallen Schenkel, daß es klatschte, es war wirklich köstlich, wie man es sich versprochen hatte. Da ein Tusch! Man schaute erwartungsvoll nach der Bühne. Die Tasche zu einem Gretchenkostüm war gefunden. Der Sprecher hielt sie an langer Stange empor, und al« ein rosarote» Gretchen schüchtern nahte, verlangte er erst mit ausgebreiteten Armen seinen Finderlohn. Das gab ein nimmer cndenwollendes Hallo. Diesem Handel folgte ein Rundtanz, dem Rundtanz ein« Ver» schnaufpause mit Gläserklingen und immer stärker anschwellendem Gemisch von Sprechen, Lachen, Kreischen, Johlen. Da ein zweiter Tusch. Erwartungsvolles Stuhlrücken— dana heulendes Gejohle. Die Plattfußzigeunerin hielt eine Narrenkapp« hoch und ließ die goldenen Schellchen daran klingen. Wem war sie zu eigen? Keiner meldete sich. Ob sie den Fiwderlohn fürchteten? Anwachsendes Gelächter„Heraus— Eigentümer— heraus." Erneuter Tusch. Das bronzene Engelchen an der Türe hob plötzlich mit aller Kraftanstrengung den Vorhang so hoch, als es nur konnte und schaute mit tiefernstem Gesichtchen darein. Ein bleicher Gast betrat den Saal Lang, hager, mit wehenden Locken und gekräuseltem Barte Auf der Stirn Blutstropfen, eingetrocknet und hart. Von den Schultern herab ein weißes Gewand, das den abgemagerten Leib umschlotterte. Er schritt geradewegs auf die Bühne und streckte seine weiße Hand nach der Narrenkappe au». Jäh ward es still, der Zigeunerin gefror das Gesicht zur steinernen Maske. Die Narrenkappe entfiel ihrer Hand. Der bleiche Mann hob sie auf und schwenkte sie über seinem Haupte. „Fasching— Brüder— kommt zum Tanze— einmal— wieder jorglos�— einmal wieder lustig— heissa— hoppsa— Musik— Aber auch die Musiker schienen zu Stein erstarrt. Der Bleiche drückte die Schellenkappe aus seine Locken, nahm dem einen Geiger mit weicher Bewegung die Geige aus der Hand und spielte auf der Mitte der Bühne stehend einen seltsamen Marsch. Da Hub ein Gettappel aus der Treppe an wie mit tausend Holzfüßen. Das Engelchen riß den Vorhang hock», die an der Tür Stehenden taumelten zur Seite und herein in den Saal tanzten in endloser Polonaise lauter— Holzkreuze. Größere, kleinere. manch« verwittert, zum Teil zerschossen, manche mit zersplitterten Armen, manch« zerbrochen. Holzkreuze, wie sie zu Tausenden draußen in fremder Erde stecken, weil unter ihnen irgend ein hoff- nungsvoller, aus dem frischen Leben gerisiener junger Mensch be- graben liegt. Zwei größere Kreuze sprangen mit dumpfem Gepolter auf die Bühne, faßten Brumbaß und Pauke und spielten darauf los. Da» waren Kreuze von zerschossenen Musikern und fünf, sechs ander« hüpften dazu, bis die Kapelle besetzt war. Sie spielten wie Kriegs- geschmetter und Fanfarenmarsch, Sturmraketen brüllte» drein und die Grabkreuze im Saal tanzten dazu, daß ein dröhnendes Ge- polter die Wände erzittern ließ. Ein furchtbarer Aufschrei! Ein Holzkreuz mit zersplittertem Arm packte eine junge Spanierin und wirbelte mit ihr durch den Saal„Unter mir liegen die Fetzen Deines ersten Gatten." Ein Kuß, der nach Verwesung schmeckte, und das Holzkreuz brachte die Bewußtlose in die Arme ihres zweiten Gatten zurück. Bleicher als der bleiche Gast standen die Maskierten hinter Tischen und Bänken verschanzt. Ihre buntsarbenen Kleider lachten ihrer Fahlheit Hohn. Nicht einmal eine Träne fand den Weg au» ihren starren Augen. Der bleiche Mann auf der Bühne gab Geige und Fidelbogen ihren Besitzern zurück und hob die Hand. Die Kreuzmusikanten brachen mitten in ihrem Spiel ab, die Kreuztänzer standen still. Er nahm die Schellenkappe von seinen Locken und siehe, die kleinen Schellen wandelten ihr meckerndes Klingen in das silberne Läuten ferner Glocken um. Eine milde Stimme sprach: Kommt her zu mir. alle, die ihr mühselig und beladen seid. Da scharten sich die Kreuz« in stürmischer Liebe um den Einen und reckten ihre starren Arme In stummer Zärttichkeit zu ihm hoch. Und der Ein« schaute aus ihrer Mitte zu den maskierten Menschen hin, ob nicht einer den Weg zu ihm fände. Aber sie standen alle mit verhülltem Angesicht, weil sie diesen liebeverheißenden, trau- rigen Blick nicht ertragen konnten. So schritt der Eine mtt all den hunderttaufend hölzernen Kreuzen davon. Unter der Türe fiel ein heißer Tropfen aus sein« Stirn, ein zweiter folgte unmittelbar nach. Tränen? Eine Freude, wie ein maiengoldner Sonnenstrahl brach aus dem Auge des Bleichen. Er schaute suchend empor. Aber nicht Menschentränen waren es, die seine Stirne geküßt, da» bronzene Engelchen mit dem Türvorhang in den erhobenen Händen weinte. Ein Tusch. Potztausend, einer muh doch die Kappe verloren haben. Di« Zigeunerin läßt alle Schellen klirren und da naht auch der Besitzer, als ginge es zum Hochgericht. Hoch und Heissa! Er wählt« sie zum Tanz. Die Musikanten pauken, fideln, blasen, was das Zeug hält, und die Paare schwingen sich in rasendem Tanz. Walt whitman. •3; Von Max 5) a y e t. Walt Whitman, Amerikas größter Dichter, ist uns bisher zu iiemg bekannt geworden, obgleich es an deutschen Ueberfetzungen 'Ines Hauptwerkes, der„Grashalme", nicht gefehlt hat. Seit erdinand Freiligrath um 1868 auf den wundervollen Amerikaner inwies und zugleich einige Gedichte in meisterhafter Wiedergabe mitteilte, haben es die Schölermann, Federn, Leffing. Thea Ettlinger und vor allem Johannes Schlaf mit vieler Liebe versucht, uns Whitmans Werk und Wesen näherzubringen, uns die ganz eigene Pracht und Herrlichkeit dieses höchst seltsamen und bedeutenden Mannes zu zeigen, aber Whitman ist trotz all dieser Liebesmüh' bisher nur das Tigentum verhältnismäßig weniger geblieben. Ge- meingut des Volkes ist Whitman aber noch lange nicht geworden, er, der mächtigste Sänger des Volkes, der hinreißende Sprecher der „athletischen Demokratie", der wie kein anderer das Volk verHerr- licht hat. Walt Whitman wurde in dem Dorfe West Hills auf Long Island geboren. Er besuchte die Volksschule zu Brooklyn, ward dann Lausbursche, Handlanger und erlernte endlich das Setzerhand- werk.(Er hat die erste Auslage seiner„Grashalme" selbst gesetzt.) Cr begann für Zeitungen zu schreiben, wintersüber arbeitete er als Buchdrucker, sommersüber als Farmer, ward Mitarbeiter und Leiter von Zeitungen und unternahm dann um 1848 eine große Fußreise durch die Staaten. Er erkennt die ganze ungeheuerliche Größe und Weite der amerikanischen Landschaft. Jedermann gut Freund, wandert er seine Straße hin. achtet den entlaufenen Neger ebenso wie den vornehmen Mann in der Paradekutsche. Mit schärfstem und liebevollstem Auge betrachtet er alles Geschaffene. Er kommt aus dem Staunen nicht heraus.„Das also ist das Leben!" sogt er sich. Auf dieser Fußreise wird er zum Dichter. Der„Gesang der freien Straße, wohl das schönste Wandergedicht des letzten Jahrhunderts, wird damals erlebt. Zu Fuß und leichten Herzens schlage ich die freie Straße ein, Gesund, frei, vor mir die Welt, Vor mir den langen, braunen Pfad, der mich führt, wohin ich will! Fortan verlang' ick kein Glück! ich selbst bin das Glück! Fortan wimm re Ich nicht mehr, verschiebe ich nichts, brauche ich nichts! Fort mit dem Stubengejammer, mit Bibliotheken und quer- köpfigem Kritisieren! Stark und wohlgemut schreite ich die freie Straße hin! Whitman geht nach Brooklyn zurück, wird Herausgeber des „Freeman", beschästigt sich mit Bauunternehmungen, und hat sogar Gelegenheit, reich zu werden. Tut aber dann plötzlich etwas ganz Unamerikanisches. Er wird kein Money-maker, sondern der Dichter der Kameradschaft, der Sprecher der Staaten, der Verkünder der Menschheit und Menschlichkeit. Er hängt damals eine Tafel in seiner Stube auf:„Schasse das Werk!", und beginnt die„Gras- balme" zu schreiben. Er zieht sich von den Menschen zurück, liegt stundenlang am Strande, wandert in die mystische Nacht, unterhält verkehr mit den Geistern der Luft, wie jemand sagte. Cr empfängt die Weihe. Er dichtet den„Gesang von mir selbst". Um 18SS erscheinen die ersten„Grashalme', zwölf„Gedichte", wenn man so sagen darf, 35 Seiten Umfang, die aber doch sogleich ungeheures Aufsehen erregen. Die Akademiker vermißten Form und Bändi- fivng. die Frommen wurden von heiligem Schrecken ergriffen über o viel Freiheit. Die Freien aber jauchzten auf. Walt Whitman vermehrte die„Grashalme" allgemach, und die abschließende Aus- gäbe umfaßt etliche 6lX> Seiten! Um 1862 ging Walt als Wunden- f fleger auf die Schlachtfelder des amerikanischen Bürgerkrieges. »rei Jahre opfervollster Hingabe verlebte er dort, die ihn, den Herkulischen, körperlich ganz herunterbringen, aber dafür mit der unverlöschlichen Glorie eines Edelsten im Dienste der Menschheit krönen. Wie er die Kameradschaft in seinen Gedichten gepriesen hatte, so legte er sie nun in einem erhebenden Beispiele dar. Ohne jedes Entgelt von der Regierung tat er seinen Dienst. Um 1873 erlitt Whitman einen schweren Schlaganfall, dem später noch einige Anfälle folgten. So lebte er viele Jahre lang in der Nachbarschaft des Todes, und wenn er sich mit Recht den Dichter des Lebens genannt hat, so durfte er sich mit ebensolchem Rechte den Dichter des Todes nennen. Er spricht einmal von ihm als vom„Gesandten, Pförtner, unsere oller Führer zuletzt". Whit- man starb am 26. März 1832 in dem Arbeitcrstädtchen Camden in Rew Jersey, wo er auch begraben liegt. Wie bedeutungsvoll Walt Whitmans Prosaschriften sein mögen, die„Demokratischen Ausblicke" etwa: fein Hauptwerk bleiben die „Grashalm e. die zweifellos eines der seltsamsten und gewaltig- Neu Werke der Weltliteratur genannt werden müssen. In ihnen ist scheinbar Erhabenstes und Alltägliches wahllos gemischt. Aber für Whitman gab e» nichts Alltägliches. Er hat die Schöpfung oer- avttlicht, auch In ihren winzigsten Offenbarungen.„Und ein« Maus ist Wunders genug, um Scxtillionen von Ungläubigen wankend zu wachen!" Indem er nun alles Geschaffene vergöttlichte, stellt« er den Menschen, den Menschen jeder Raffe und jeden Glaubens, einen genau so hoch wie den anderen. So spricht er die„uralte Losung" aus, so gibt er das Zeichen der Demokratie, die jür ihn Gleich- derechtigtheit, GlelchgStlllchkelt und Gleichwertigkeit v«deutet,_ I.„Bei Gott! Ich werde nichts annehmen, woran nicht jeder andere auch seinen Tri! haben. kann unter den gleichen Betin- gungenl".. Und den fremde» Ländern sendet-er seine Gedichte, damst si« aus ihnen ersehen mögen, was das Rätsel Amerika bedeute, di« Neue Welt und ihre athletische Demokratie. Für die Demokratie, die er„so kcmme nennt, seine Frau, schmettert er seine Gesänge. Und so ist dieser Amerikaner heute so lebendig wie je. Er hinterließ uns das Gedächtnis an emen fteien, großen und mächtigen Menschen, an einen' edlen Streiter für die„gute, alte Sache" der Menschheit, für die süße Jtee,„todlos durch alle Zeitalter und Raffen". » Walt Whitmans Werke liegen jetzt in einer neuen vew vollständigten Ausgabe in zwei Bänden(S. Fischer, Berlin) vor. Hans Reisiger hat sie übertragen und dem Leben und Schäften de» großen Sängers der Demokratie eine umfassende Darstellung ge- widniet. Der erste Band enthält die wichtigeren Prosaschriften, die hier zumeist zum erstenmal in deutscher Sprache geboten werden. Die„Grashalme" bilben den Inhalt des zweiten Bandes. Whitman hat damit die seiner würdige deutsche Ausgabe erhalten. Laöp Hoöiva. Ein Märchen' von Alexander Peidel. Es war einmal ein alter Börsenkönig, der war finster und hart In seinen Gedanken. Morgens, mittags und abends las er die Kurs- zettel und nachts träumte er von Aktien und Dividenden. Seine Frau Königin Godiva aber war jung und schön, und durch ihre Träume ging ein Filmschauspieler in Reitstiefeln spazieren. Tags- über befleißigte sie sich, den Schein zu wahren, und das galt allgemein für tugendsam. Ihr Haar war das anerkannt schönste am ganzen Kurfürjtendamm und wurde viermal im Jahre gefärbt, ganz nach Mode und Jahreszeit. Da war auch ein böser Intrigant, der Wettkonzerne gründet« und zur Erholung von seiner aufregenden Tätigkeit vor den Ge- richten harmlose Berlin-W.-Damen zu verführen pflegte. Selbige« begehrte der schönen Godiva. Ohne Erfolg, denn erstens waren feine pekuniären Berhältniffe sehr unklar, zweitens war seine Be- gleitung selbst in den Nachtlokalen noch kompromittierend. Sich für die Abweisung zu rächen, brachte er die Königin in schlimmes Gerede, Das ist so Brauch bei Bösewichten von feiner Lebensart. Ganz außer sich geriet der Börsenkönig, als er von seiner Ge- mahlin vermeintlicher Untreue hörte— und diesmal hatte Godiva doch wirklich ein schneeweißes Kinderherzchen! Grausame Rache- plane reiften. Der König gab ein großes Fest. Sämtliche Sterne des Film- Himmels hatten ihr Erscheinen zugesagt, in der„Eleganten Welt" war unter der Rubrik„Sprechen Sie noch?" fast ausschließlich von den zu erwartenden Sensationen die Rede, und in den Modehäusern wurde fieberhast an den Meisterwerken aus Tüll und edlen Brokaten gearbeitet. Wer zur Gesellschaft zählte, wurde geladen. So standen sie denn in den strahlenden Hallen, die schönen Frauen vom Kurfürstendamm, dekolletiert von oben nach unten, dekolletiert von unten nach oben und ließen ihre Reize spielen. Da ging ein Tanzkleid aus silbernem Lamestoff mit Flitterbesatz und seillichen Tüllverzierungen, getragen von der Step-Tänzerin Holla Hopla, hier eine große Abendtoilette aus weinrotem Samt mit ein- s-itiger bis zur Wade reichender Zipfelschleppe(Modell Flatow- Schödler), getragen von der feschen Soubrette Tira Delira, und dort erregte Cellery be Reit Aufsehen, die mit den Damen ihres Schön- heitsballetts In Bühnentoilette erschienen war. Die Stimmung der Gäste war glänzend. Da schien es dem König Zeit, sein Rachewerk zu vollenden: weit öffneten sich die Flügeltüren, aus der klösterlichen Stille ihres Bau- doirs trat Godiva, und die Schamröte stieg ihr ins Antlitz, daß sie die Hände vor die Augen schlug— denn ihr Kleid war hochgeschlossen und reichte bis über die Fußspitzen hinab, und war auch kein Zoll breit ihrer Haut zu sehen--- Solch großer Schande wollte niemand Zeuge sein. Ein jede« drehte sich zur Wand, Lady Godiva aber schritt wie eine Heilige durch die Gaffe der Rücken und gab acht, daß sie nicht auf den Saum ihre« schleppenden Gewandes trat. Ein junger Amateurboxer wagte es. sich umzusehen. Da ihn (yodiva des öfteren in seinem Helm aufgesucht, hatte er sie tn der Verhüllung nicht erkannt. Für seine Taktlosigkelt erklärte man ihn für gesellschaftlich tot. Den Börsenkünig traf die gerechte Strafe für seine Schandtatt nicht nur» daß er beim nächsten Börsenkrach Pleite machte, im Hin- blick auf seine bewiesene Brutalität und den Umstand, daß er bei dem erwähnten Fiasko das herrliche Zitat gebrauchte„Ich habe«« nicht gewollt", ernannte ihn eine Vereinigung teutschnationaler Arier zum Ehrenmitglied.———-• Das Dachlutengespenft. Ein unglaubliche» Erlebnis. Bon Tobias Pemberlein. Conntag vormittag kommt immer Erich Käse zu mir. Er ist mager und hat einen gewaltigen Schädel, ein furchtbarer Bester- wister ist er auch, aber sonst ist er ganz leidlich. Ich vertrage mich mit Ihm ganz gut, weil ich psychoanalytische Schriften gelesen habe. Wir gehen dann auf den Dächern Berlins spazieren, was, wenn die Sonne scheint, nicht nur sehr vergnüglich, sondern auch hygienisch ist. Und Hygiene ist, sozusagen, meine Krankheit. Ich fröne ihr geradezu. Diese Spaziergänge sind auch sehr unterhaltsam, es er- eignet sich fast immer etwas Interessantes. So begegnen wir in der Gegend der Potsdamer Straße sehr oft ganzen Rudeln von Gemsen, die sich an den in den Dachrinnen ausgestellten Geranien- stocken güllich tun. Erich Käse beneidet diese anmutigen Tiere vor allen Dingen um ihr Famllienlcben: denn er ist«in Junggeselle. (Uebrigens der einzige Intelligenzenbeweis, den er bis heute erbracht hat!) Auch die sonstige Fauna der Berliner Dächer ist der Beachtung wert. So die Kaminläuse, die, etwa handtellergroß, sehr zutraulich sind und mit Vorliebe schwarze Schuhnägel fresten. Das Tollste aber passierte uns am letzten Sonntag. Wir stol- pertcn zwischen den Kaminen der Friedrichstadt umher, wo die Landschaft besonders abwechslungsreich ist. Die Stimmung war etwas gereizt, denn Erich Käse hatte abfällige Bemerkungen über eine gemeinsame Freundin gemacht, welche in einem feinen Geschäft in der Oranienstraße Seifenblasen verkauft.„Schön ist sie nicht," hatte er gesagt,„doof ist sie auch nicht, aber schön doof ist sie...." Das ärgerte mich. Solche Ausdrücke gehören sich nicht. Außerdem ist Erich Käse der letzte, der Ursache hätte, menschlich« Schönheit zur Debatte zu stellen. Es war eine peinliche Pause, die Erich Käse dadurch zu überwinden versuchte, daß er einen Fußball aus der Tasche zog und aufblies. Wir spielten also Fußball. Schon nach einer halben Stunde standen wir 7: 1 zu meinen Gunsten bei durchaus fairem Spiel. Senkrecht brannte die Februarsonne auf uns hernieder, aus den Kaminen stiegen bereits die Mittagsgerüche. Da erscholl ein, Artur Vinter würde sagen: markerschütterndes Gelächter. Wir schauten uns zuerst verduzt an, dann um. Wir erschraken. Aus einer Dach- lvke kam mit frenetischem Gebrüll ein Hals Herausgeschosten, der immer länger wurde und zuletzt die respektable Länge von etwa fünf Metern erreichte. Auf diesem gespenstischen Halse sah ein kleiner mieser Kopf, der in der Atmosphäre Herumbaumette und sich vor Lochen nicht genug tun konnte. Erich Käse faßte sich zuerst und bemerkte, daß ihm so etwas im Leben noch nicht passiert sei. Ich gab in bezug auf meine Person eine gleichlautende Erklärung ab. Was tun?„HuHuHuHuI" brüllte der Hals und baumelle wie «in Bolksparteiler. Wir beschlosten, der Sache auf den Leib zu gehen, soweit von Leib überhaupt die Rede sein konnte. Wir faßten das Gespenst an, wie man«inen Baum anfaßt, den man schütteln will, und zerrten dm seltsamm Europäer zusammen. Der Kopf stellte den Radau ein und sah uns sehr erstaunt an. Wir quetschten ihn in die Luke und machten die Klappe zu. Leider blieb uns nicht viel Zeit, uns des Erfolges zu erfreuen: denn schon prastelte das Aas aus einer anderm Dachluke und schrie wie ein besoffener Feldwebel:„Hohohohohohohol" Donnerwetter ja.... Hier versagte der gute Ton in allen Lebenslagen. Wieder brachten wir unter großer Anstrengung den metaphysischen Halunkm im wahrsten Sinne des Wortes unter Dach und Fach, wieder johlte er aus einer anderen Luke in die Lüste. Es stand außer Zweifel: das Biest wollte uns zum Rarrm halten! Wir schlugen«ine neue Taktik ein. Wir verhielten uns passiv und warteten, bis sich das Gespmst ausgefeixt hatte. Einmal mußte es den Kram doch satt bekommm. Bekam es auch. Der Klamauk ebbte ab, der Hals schrumpfte bis auf etwa Mannshöhe zusammen. Darauf schien Erich Käse gewartet zu haben. Er schlich sich an den vergnüglich blinzelnden Metamorphoserich heran, hotte zum Schlage aus und— fiel ins Leere. Der Hals hatte sich ganz eingezogen, und Erich Käse fiel auf die Straße. Ich hörte Ihn aufschlagen. Gleich darauf war der Hals wieder da. Der Kopf sah sehr er- schrocken aus. Da« hatte er wahrscheinlich nicht gewollt. Ich brüllte wie von Sinnen:„Polizei! Sipoool!" Natürlich kam keine. Das Dachlukengefpenst aber blinzelte mir z», gab sich einen Ruck, machte sich lang, bog sich zur Straße hinunter, sackte den Erich Käs« herauf, stellte ihn auf die Beine und zupfte ihm obendrein mit der Schnauze den Schlips zurecht. Erich Käse sah sehr erschrocken au», war aber Im übrigm wohlauf.„Komm," sagte er,«ich Hab die Rase voll..." Wir gingen einer entfernten Luke zu, von der aus wir auf die Straße gelangen konnten. Che wir hinabstiegen, blicktm wir noch einmal zurück. Das Dachlnkcngespenst baumelte einsam lm Mittagssichte und war traurig, daß wir nicht mehr mit ihm spielen wollten. vorfrühlung. Bon Carl Dantz.*-v Die Vorstadt der Fabriken und Mietskasernen, Hot sie denn noch immer nicht einen Hauch des nahenden Frühlings verspürt? Kalt und leblos llegen die massigen Gebäude, Steinsärge in schnurgeraden Reihen, die Fabrikungetiime mit erloschenen Fenster« äugen, die kahlen Hinterhöfe. Und dazwischen wuchert allenthal- den das Unkraut der Schlote, die ihren schwarzen Gifthauch»er- pestend in den Himmel blasen, der schon in der lichten Farbe de» Frühlings glänzt. Wann wird hier unten die Starre weichen und Farbe und Dust einziehen und Sonne und gliederlösende Wärme? Die Aengstlichen, die Klugen sagen, es ist noch nicht Zeit, und zittern fast vor der neuen Mächt, deren Stürme sie schon brausen hören. Aber die Ungestümen, die Drängenden, die Beherzten— und wieviel Feine, Zarte und Zerbrechliche sind darunterl— sie misten es zuversichtlicher als alle Neunmalweisen: Es ist etwas in der Lust. Käme doch jemand, unsere Hoffnung bald ganz zu er- füllen, ein Sturm, ein linder Guß, ein Sonnendurchbruch in all diese Engel Sehnsüchtig warten sie, die noch halbverschneiten Schneeglöck- chen, die Krokoste, die mit gelben, blauen und weißen Spitzen'den ärmlichen Rasen des kleinen Vorgartens seltsam beleben, und die buntesten aller Blumen, die Kinder! Sie find da, sowie die Sonne in die Schlucht hineinfällt, die sie ihre Straße nennen. Und mit ihnen ist ein neues, ungewohn- tes Leben in der Well des kahlen Gesteins erwacht. Wehende Kleider, flatternde Schürzen und farbige Bänder, fliegende Zöpfe, Strriwelköpfe in Rot und Flachs und Erdfarbe... ein wogen- des Blumenbeet, das im ersten Strahl der Frühlingssonne aus dem steinbedeckten Boden hervorsproßt. So manches allzu zarte Knöfpchsn ist darunter, das vor der Zeit welken möchte, so manches saftlose und schmächtige Glied, das sichthungrig in die Länge schoß und nicht Kraft und Widerstand ausbildete Werden all die zarten und bleichen Pflänzchen den Frühling erleben, dessen erste, wohlige Wärme sie ins Freie ge« lockt hat? Am Ende der Straße bewegt sich ein Leichenzug aus der Bor« stadt hinaus. Ein Kindersarg, ein grüner Kranz vom Lebens- bäum mit einem Tuff bleicher Schneeglöckchen daran, ein ärm- Nches Gefolge. Unmittelbar dahinter aber schleicht das Heer der Leiden und Krankheiten, die aus feuchten Kellerstuben, lichtlosen Kammern und staubigen Höfen hervorkommen, und die sich immer nur da heimisch fühlen, wo auch die Eiseskälle im Hause hockt und wo das Gespenst des Mangels aus leeren Schränken und Laden grinst. Ein Fenster in der langen Häuserreihe der Straße tut fich auf; weiche Luft strömt ins Zimmer und nimmt die wehende Gar- dicke mit; ein süßer Blondkopf, fast der eines Kindes, beugt sich heraus. Die Augen des Mädchens gehen über die Straße, die Dächer, den Himmel. Run setzt sie sich ans Klavier, und ihre kleine, glockenreine Stimme klingt über die Straße: Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute... Sie fühll es, daß es etwas Neues, Festliches im Werden ist, und der Star, der ein paar Stockwerke höher aus dem Dachflms sitzt, gibt ihr recht. Er ist kein gelehrter Kalendermann, weiß nichts von Witterungstunde und von unserer tiefgründigen Wissenschaft vom Wechsel der Jahreszeiten. Er hat es auch nur im Gefühl, das steilich auch bei ihm den erlernten Pfiffen und Kniffen immer um eine Nasenlänge voraus ist. Und er muh es den Menschen in den grauen Steinkäfigen verkünden, den Alternden, Vergrämten, Sor- genden, die nicht zwitschern, nicht fliegen können, und die Tag für Tag in Stumpfheit und Gleichgültigkeit dahinleben: Macht es wie ich, ruft er. pfeift auf Schneegestöber- und Nachtfröste, auf Wohnungsnot und Nahrungssorgen: gebt acht, es kommt eine neue Zettl Märztag. £<((«•». Cllteiucon. Wolkenschatten fliehen über selber. Blau umdunfiel stehen ferne Wälder. Kraniche, die hoch die Lust durchpflüge«, Kommen schreiend an in Wonderzügen. Lerchen steigen schon in lauten Schwärmen. Ueberall ein erstes Frühlingslärme«. Lustig stattern, Mädchen, deine Bänder, Kurze, Stück träumt durch die welken Länder. Kurzes Glück schwamm mit den Votteumasseu, Wollt' e» hotten, mußt e» schwimmen laste«. wissen und Schauen Aus der Jagd nach Seeungehenern. Viel gefährlichere und auf» regendere Abenteuer als die Jagd auf die größten Landbestien bietet der Kampf mit den Ungeheuern des Meeres, und deshalb hat sich ein kühner englischer Jäger Mitchell-Hedges ganz diesem Sport zugewendet, den er den„schönsten der Welt" nennt. In emem Lon- doner Vlatt erzählt er von den spannenden und grausigen Erleb- nissen, die er beim Erlegen des sogenannten Rtefen-Teufels- rochen oder Meerdrachen an den Küsten von Jamaika hatte. Diese Tiere wiegen mehr als � Tonnen, sind sehr groß und zum Angriff mit einem langen peiffchensörmigen Schwänze bewaffnet. dessen Spitze von Nadelschärfe ist und einen aus Stacheln und Drüsen bestehenden Giftapparat enthält. Ein Schlag mit dieser furchtbaren Waffe tötet einen Mann innerhalb drei Minuten. In einem kleinen Kanu geht man mit einem erfahrenen Eingeborenen auf die Jagd nach diesen furchtbaren Fischen.„Eines Morgens früh", erzählt er,„fing sich einer dieser Teufelsrochen an unserer Angel, und bald hatten wir ihn längs de» Bootes, wobei er mit seinem Schwanz das Wasser in gewaltige Aufregung versetzte. Wir zogen ihn einpor und suchten ihn mit einem schweren Holzklotz zu erschlagen, aber unsere Anstrengungen waren zunächst vergeblich, bis er dann schließlich ruhig wurde. Nun brachten wir mit großer Mühe die gewaltige Masse ins Schlepptau, indem wir dem Fisch ein Seil durch di« Nüstern zogen. Das war aber schwieriger, als wir gedacht hatten, und während unserer Bemühungen kam der Rochen wieder zum Leben und gebürdete sich so furchtbar, daß wir um ein Haar mit unserm Boot gekentert wären. Wäre es ihm ge- lungen, einen von uns mit seinem Schwanz zu treffen, dann waren wir verloren. Wir mußten also Seil und alles in Stich lassen, um zu entkommen. Von der ungeheuren Lebenszähigkeit dieser Tiere tonnte ich mich bei einer anderen Gelegenheit überzeugen, als wir einen anderen noch größeren Meerdrachen fingen. Ich schoß ihm vier Kugeln mit dem Revolver durch den Kopf: dann machten wir LO tiefe Einschnitte in den Körper mit einem Mesier, banden Kopf und Schwanz an schwere Holzklötze, und doch schnappte er noch immer mit seinem Maul, und der unheimliche Scywanz war in be- ständiger schlagender Bewegung aui dem trockenen Sand, auf dem das Tier lag" Natunvissenfchast woher stammt der Duft der Aepfel? Nach einer weitverbreite. ten Anekdote liebte Schiller den Geruch fauler Aepfel als An- regung bei seinem künstlerischen Schaffen. Das ist ein Geschmack, den nur wenige mit ihm teilen werden, und der auch gar nicht wahr- schelnlich ist. Es mag vielmehr der Apfelduft als solcher es gewesen sein, der für ihn eine gewiss? Erfrischung bedeutete. Dies wird durch gewisse neuere chemische Untersuchungen wahrscheinlich, die sich mit der Ursache des Obstduftes beschäftigen, und im besonderen für den Apfel Stoffe nachwiesen, die feit längerem in der Medizin als An- regungs- und Erfrischungsmittel des Nervensystems bekannt sind. Den amerikanischen Chemikern F. B. Power und V. K. C h e s- n u t(Exper. Stat. Record, 43. Bd.) gelang es als ersten, aus ver- schiedenen Apfelsorten deren Duftstoff rein darzustellen. Es zeigte sich, daß die bisherige, vermutungsweise geäußerte Annahme, der angenehme Apfelgeruch sei eine Verbindung der Valeriansäure, durchaus Irrig ist. In Wirklichtelt handelt es sich um Verbindungen sogenannter Ester, von Stoffen, an die niemand denkt, der sich an Aepfeln erquickt. Das sind nämlich die Säuren, die dem mensch- lichen Schmeiß seinen kennzeichnenden Geruch verleihen: die Ka- pronsäure, die sich auch im Bocksgeruch findet, ferner die allgemein bekannte Ameisen- und Effigsäure. Der ganze Unterschied ist nur der, baß diese Stoffe in den Aepfeln in kolossaler Verdünnung da sind und dann höchst angenehm duften und anregend wirken, während sie konzentriert einfach uner- träglich sind. Ein Apfel enthält nur 0,0007 Proz. dieser köstlichen Fruchtester, die durch die verschiedene Art ihrer Mischung di« Ur- fache der vielerlei, für die einzelnen Apfelsorten so wohlbekannten Arten von„Aroma" sind, nach denen man diese schätzt und bezahlt. Jetzt, da wir ihre Ursache kennen, wird freilim alsbald eine künstliche Parfiimierung und Verbesserung minderwertiger Apfelsorten ein- setzen, die weder dem Obstzüchter noch dem Obsttenner gleichgülitg sein kann. R. R. Enifernungsmessung im Weltall. Der Astronom, der sich ein Bild vom Bau des Weltalls machen will, steht als wichtigst« Ausgab« »ie Bestimmung der Entfernung der Stern« von der Ert« und also imt«reinflpd«r vor sich. Wir wissen, daß unser sichtbares Sternsystem. wenn n«> es in einen anschaulichen Maßstab übersetzen will, einem Haufen ffn Stecknadelknöpfen gleicht, die einige hundert Kilometer von einaxder entfent sind. Bis vor wenigen Jahren war man, wenn man die Entfernung der Stern« messen wollte, auf die direkte Bestimmung der Parallaxe si�stewiesen, d. h. des Winkels, unter dem uns die Sterne von ver- schiedenen Orten au» erscheinen, und aus dem man dann nach den einfachen Regeln der Trigonometrie ihre Entfernung bestimmen kann. Dies Verfahren stieß aber bei der Mehrzahl der Fixsterne auf unüber» windliche Schwierigkeiten. Solang« es sich um so geringe Entscr- nungen wie die der Sonne, des Mondes und auch noch der Planeten handelte, genügt« es, die Visierlinie von zwei möglichst weit ent» fernten Punkten der Erdoberfläche aus zu bestimmen. Diese Methode versagte aber bei den ungeheuren Entfernungen der Fixstern«, bei denen die zu messenden Winkel infolg« der Unzulänglichkeit unserer Instrumente praktisch gleich null ausfielen. Man suchte also«inen größeren Abstand für die beiden nötigen Messungen zu gewinnen und fand ihn in der Erdbahn. Man stellte die Visierlinie zu einer bestimmten Zeit und dann wieder nach einem halben Jahr« fest, wenn die Erde sich auf dem entgegengesetzten Ende ihrer Bahn um di« Sonne befand. So gelang es, durch immer größer« Verfeinerung der Instrumente und der Methoden sckließlich mit Mühe, wenigstens di« Parallaxe einer Anzahl der uns nächsten Sterne zu bestimmen. Auf diese Art hat man die Entfernung von etwa sechshundert Fixsternen ermitteln können. Da gelang es vor einigen Iahren dem amerikanischen Physiker Michelson, ein neues Verfahren auszuarbeiten, das dem Astronomen erlaubte, den Durchmesser'der Sternfcheiben im Fernrohr und, mit Hilfe ihrer Helligkeit, auf indirektem Weae auch ihr« Entfernung zu bestimmen. Das geschah mit Hilfe des Spektroskops, jenes wunderbaren Instrumentes, das durch die Lichtbrechung im Prisma das von Sonne und Sternen uns zugesandte Licht in feine Bestandteil« zerlegt und uns Ausschluß über feine Zusamemnfetzung gibt. Mit Hilfe zweier in einiger Entfernung von ewander aufgestellten Spektroskop« fing Michelson die vom rechten und linken Sternrand« ausgehenden Lichtstrahlen getrennt auf, brachte sie durch Linsen zur Deckung und tonnte dann durch die fetzt austretenden Jnterserenzstreifen die Aus- dehnung des Sternickeibcbens festlegen. Auf diele Weife tonnte man auf dem Mount-Wilfon-Observatorsum. der größten Sternwarte der Welt, seit'dem Jahre 1918 etwa SOO Parallaren von Fixsternen, also ihr« Entfernungen, festlegen. Zu diesxm Verfahren gehören aber so starke Instrumente, wie sie kaum eine europäische Sternworte besitzt. Jetzt ist es nun dem Dozenten Lindblad von der Unioerfitätsstern» warte in Uvlala gelungen, ein Verfahren zu finden, das die ange- gebenen Messimgen auch mit kleineren Instrumenten auszuführen ge- stattet. Wie Lindblad mitteilte, Hot er einen Ekfekt der vom Cyan ausqesandten Svektralllnlen im violetten Teil des Spektrums ge- fun'den. der glei-b? Schlüsse auf die Sternentsernung zu ziehen ge- stattet wie das Mickelfonsche Verfahren. Svante Arrhenius, der be- rühmtest« Physiker Schwedens, erwartet von der neuen Methode auf- sehenerregend« Ergebnisse. Hefunüheitepflege Die„englische" Krankheit. Der eigentümliche Name„englische Krankheit", der schon lange für eine besondere Kinderkrankheit, die „Rachitis", d. h. die Knochenweichheit der Kinder, im Volksmund gebraucht wurde» hat eine traurige Berühmtheit im Weltkrieg da- durch erhalten, daß infolge der englischen Hungerblockade die Sterb- lichkeits- und Krankheitsziffer unserer Kleinen ungemein in di« Höhe geschraubt wurde.— Freilich wissen wir schon lange, daß di« Rachitis nicht etwa auf ungenügender Menge der Kindernahrung beruht— oft werden gerade sehr gut genährte Kinder von ihr be- fallen—, sondern aus unzweckmäßiger Beschaffenheit, und zwar nahm man an, daß besonders der Stoff in der Nahrung man- gelt, welcher für den Aufbau und di« Festigkeit der Knochen am wichtigsten ist, der Kalk. Doch haben die Heilversuche durch vermehrte Kalkzufuhr unbefriedigende Ergebnisse gehabt.— Neuerdings ist nun durch Forschungen vor allem von deutschen und eng« tischen Gelehrten festgestellt worden, daß als Ursache der Rachitis das Fehlen gewisser bisher weniger beachteter Nährstoff«, der so- genannten Vitamine, welche besonders im Pflanzengrün enthalten sind, anzusprechen Ist, sei es, daß jene in ungenügender Menge mit der Nahrung zugeführt oder aber im Körper nicht derart verarbeitet werden, wie es zum richtigen Wachstum nötig ist. Die Unter- suchungen über letzteren Punkt sind noch nicht völlig abgeschlossen; vor allem sind die Forscher noch nicht darüber einig, in welchen Körperorganen, Drüsen, die Verarbeitung stattsindet. Eigenartige Beobachtungen dürften aber auch hierauf bald das erwünschte Licht werfen, so u. a. die Taffache, daß durch Bestrahlung rachitischer Kinder mit der Höhensonne, serner durch Zufuhr eine» Nebennieren- stoffes rasch Besserung, ja Heilung eintritt, und daß junge Tiere, di« iängere Zeit der Bewegung beraubt sind, rachitisch werden. Jeden- falls aber ergeben sich jetzt schon sehr wertvolle, allgemeine diäte- tffche Vorschriften, die jedermann ohne weiteres als Vorbeugung?- mittel befolgen kann und soll: einmal sollen Säuglinge, aber auch werdende oder stillende Mütter, möglichst viel Luft, Licht und Bewe- gung haben, sodann soll für sie eine Nahrung gewählt werden, die möglichst viel Vitamine enthält: es sind dies vor allem Grüngemüse,' tierische Fette(Butter und Milch grüngefütterter Tiere), der Lebertran und die Malzzubereitunqen.— So findet, nebenbei be- merkt, nun die längst erprobte günstige Wirkung des Lebertrans und der Malzsuppen idre wissenschaftliche Erklärung.— Das Vieh soll möglichst auf die Weide, die bisher für Kindermilch vorgeschrieben« Trockenfütterung Ist aufzugeben, der Säugling soll schon bald Grün- gemllse(Spinat, Rosenkohl, Karotten usw.) erhalten: Kartoffeln und Rüben, ebenso die meisten Pflanzenfette und Margarinen sind zu oerwerfen.— Dieselben Vorschriften gelten auch für Schwangere und Stillende.