Nummer 9 H.März 1922 Trolö. Von Edith Rode-Nebelong. „Trolt," sagte Trolds Mutter,„sei nun ein guter Junge und höre mit dem Klaviergetlimper auf, Mutti hat Kopfschmerzen!" „Ich finde e<* cigcrtlich langwellig, daß du immerzu Kopf- schmerzen hast", sagte Trold und hieb unverdrossen mit den kleinen geballten Fäusten abwechselnd auf die weißen und schwarzen Tasten. „Ich habe nicht immerzu Kopfschmerzen— aber sei nun ein artiger Junge. Trold, und höre aus— geh' hinunter aus den Hof spielen." „Nein," sagte Trold schmollend,„auf dem Hof ist es so lang- weilig und du spielst auch niemals mehr mit mir." „Was faselst du da TroldI Natürlich spiele ich mit dir, rede doch nicht solchen Unsinnl" „Ich fasele gar nicht," sagte Trold und donnerte mit Nachdruck auf die Tasten und wiederholte triumphierend im Takt:„spielst niemals mehr mit mir, spielst niemals mehr mit mir!" Sein« Mutter hielt sich die Ohren zu und machte böse Augen. „Hör auf, Trold, tu unartiger Junge, sofort— oder du bekommst Schlägel" Trold drehte sich mit herausforderndem Blick herum. „Mich darf keiner schlagen, das sagt auch Maren." „Ja, wenn du unartig bist, mußt du Schläge bekommen, sonst wirst du nie artig werden!" sagte seine Mutter und versuchte sehr vernünftig auszusehen. „Ich werde nicht artig, wenn ich Schläge bekomme," sagte Trold belehrend,„denn dann fange ich ja an zu heulen!"' Seine Mutter iah ih.i«inen Augenblick rotlos an. „Wenn tu nicht artig bist, dann besucht dich Onkel Knud nie- mals mehr!" sagte sie triumphierend. „Das soll er auch gerade nicht," sagte Trold,„denn dann geht ihr bloß spazieren, und du ziehst mich nicht selbst aus und Maren muß mich immer zu Bett bringenl" Seine Mutter wandte sich ein wenig ab.„Du hast Maren doch so gern," sagte ste. Trold nickte langsam und nachdrücklich.„Ja," sagte er,„und wenn du dich mit Onkel Knut verheiraten willst, will ich nicht mehr hnit dir verheiratet sein, aber dann will ich mich mit Maren ver- heiraten!" „Was redest du da," sagte Trolds Mutter und wurde rot und böse,„wer hat dir d«nn das beigebracht, wie kannst du so etwas zu teiner Mutter sagen?" „Ja," sagte Trold bestimmt,„denn ich will nicht mlt Onkel Knud verheiratet sein und man kann auch bloß mit einem verheiratet sein, das hast du selbst gesagt." Trolds Mutter setzte sich hin und sah ihn lange an. „Was ist denn los?" sagte Trold, als es zu lange dauerte. „Trold," sagte ste leise,„du hast Onkel Knud doch so gern." „Nein", sagt« Trold bestimmt.„Denn er spielt auch nicht mehr mit mir, ihr geht immer bloß zusammen spazieren." Trolds M»tt«r schwieg und Trold drehte sich wieder zum Kla- vier um und fing an, ganz leise aus die Tasten zu drücken. „Hör' mal," sagte er vergnügt,„ich kann spielen, ohne daß es etwas sagt." „Trold, komm' mal ein bißchen zu Mutti hin!" „Was ist denn?" fragte er und kam zu ihr hin, und kroch auf ihren Schoß. Sie zog ihn an sich und küßte seine Backe und strich ihm über das Haar. „Möchtest du mcht gern einen Bater haben?" sagte ste leise. „Ich habe ja einen", sagte Trold erbarmungslos und zeigte auf das Bild über'm Klavier. Seine Mutter sah nicht auf, sie legte ihren Kopf auf Trolds kleine Schulter.„Er ist gestorben", sagte sie. „Das macht nichts', jagte Trold Und kurz darauf schüttelte er mit dem Kopf und lachte. „Du kitzelst mich mit deinen Augen am Hals", sagte er be- lustigt. Trolds Mutter hob den Kopf. „Wenn ich—" sagte sie—„wenn er— wenn Mutti sich mit Onkel Knud verheiratete, dann würde Onkel 5cnud dein Vater— würde das nicht lustig lein?" „Nein, denn dann pufft er mich", sagte Trold. „Das ist nicht wahr, sagte ste.„pfui, Trold." „Ja doch!" sagte Trold bestimmt. „Dann bist du eben unartig gewesen und e» geschah, damit Mutti sich nicht über dich grämen sollte." „Nein, ich war nicht unartig," sagte Trold,„ich hatte ihn bloß ein bißchen aus Versehen getreten. Da pufft« er mich und sagte— nein, ich weiß nicht mehr, was er sagte— aber es war was mit B«ngei und dann gab er mir zehn Oere für Bonbons, und die schmiß ich hin und wollte sie nicht wieder auflangen, und ich stampfte auch mit dem Fuß auf und dann sagte er, ich sollte ein guter Junge sein und es Mutti nicht wiedersagen und ste traurig machen, aber Maren hat selbst gesagt, daß er gar nicht mein richtiger Onkel wäre und daß er ein ganz heimtückischer Peter wäre, aber wiedergesagt habe ich es doch nicht, nicht?" Trolds Mutter setzte ihn hin und ging zum Fenster. „Du mußt Mutti alles jagen", sagt« sie. „Ja, und Maren saat auch, daß wir nur wegen Ontel Knud nicht auf's Land zu Großmutter reisen und er wird mich noch viel mehr vusfen, wenn er mit dir verheiratet ist!" „Onkel Knud hat dich so gern", sagte seine Mutter, aber sie sagt« es ganz leise. „Ja, aber ich kann ihn nicht leiden," sagte Trold kaltblütig, „und ich will mich niemals mit ihm verheiraten, selbst wenn er will, und darum kann er auch nicht mein Vater werden. Und dann habe ich ja außerdem schon einen." Es wurd« ganz still in der Stube. Trold fing an. den Vor» schlag, auf dem 5)ose zu spielen, zu überlegen, aber dann klingelte es. „Das ist er", sagte Trold munter.„Wollen wir uns nicht unter'm Tisch verstecken, ja? Dann kann er uns nicht finden, und dann geht er und dann kommt er vielleicht niemals mehr wieder— wollen wir nicht, ach ja?" Trolds Mutter ging schnell und leise durch das Zimmer und öffnete einen Spalt der Küchentür. „Maren," rief sie gedämpft—„Maren, machen Sie auf— und wenn es— sagen Sie— dann sagen Sie"— sie räusperte sich leise—„daß ich— daß wir doch morgen reisten— und daß ich sehr viel zu tun habe— und daß ich den 5)errn nicht empfangen kann." Dann schloß si». die Tür. Trold stand mit funkelnden Aug«n und zusammengekniffenen Lippen da, bis er die Korridortür zufallen hörte, dann sagte er begeistert:„So'n Spaß— nun kann er uns nicht finden— und morgen sollen wir zur Großmutter auf's Land!"— Und er fing an herumzutanzen. Aber plötzlich stand er still und sagte mit männ- licher Strenge und furchtbar verärgert:„Heulst du etwa?!" (Berechtigte Uebertragung aus dem Dänischen von Frieda E. Vogel.) Schneckenhochzeit. Von Dr. Ludwig S t a b y.- Unbeachtet und unauffällig leben die Schnecken ihr beschauliche» Dasei» Stumm und ohne Geräusch ziehen sie in langsamem Tempo ihres Weges dahin in. aller Gemächlichkeit suchen sie ihre Nahrung, die aus allerlei Pflanzenstoffen besteht: sie sind nicht eilig dabei, denn sie haben ja/Zeit in Hülle und Fülle. Wenn sie eine Nährpflanze erreicht haben, raspeln sie mit ihrer eigenartigen Zunge, die mit Tausenden von ganz feinen, wunderschön angeordneten Zähnchen besetzt ist, ein Stückchen nach dem anderen herunter, wobei sie einen gesegneten Appetit entwickeln, so daß sie, in Massen auftretend, den Gärtnern und Landwirten großen Schaden in den Pflanzungen an- richten können. Bei feuchtem Wetter ist es ihnen ain wohlsten, tritt eine längere Trockenzeit ein, dann ziehen sie sich in ihr Lzaus zurück, das sie ja immer auf dem Rücken mit sich herumschleppen, schließen die Tür dr.rch einen festen Deckel und schlafen in Ruhe, bis wieder ein milder Regen die Feuchtigkeit liefert, die sie zu ihrem� Leben un- bedingt nötig haben. Ihr Leben Ist'also ein behäbiges Philister- dasein, lind inenn man daher die Schnecken stumpfsinnige und lang- wellige Geschöpfe nennt, so hat man nicht so ganz unrecht: aber doch nicht vollkon inen recht denn auch in ihrem Leben gibt es höchst interessante Beaebenheiteu, die in der ganzen Tierwelt einzigartig dastehen und sich in der Zeit der Liebe offenbaren. Wenn d-e Naiur>» ihrem Vlüienraujch auf dein yühepunk! ,ftehr, ans jedeni Strauch und Baum das Jubilieren der Vögel er- schallt, und die ganze Welt in Lust und Wonne schwimmt, dann schreiten auch die Schnecken a»r Hochzeit, von denen wir als Beispiel die der Weinberg-schnecke, die in vielen Ländern als Leckerbissen gilt, etwas näher betrachten wollen. Vorausgeschickt sei, daß die Schnecken Zwitter sind, also beiderlei Geschlechtsorgane tragen, sich aber doch nicht selbst befruchten können, da die Eier und Samen nicht zu gleicher Zeit reif werden. Wenn ein warmer Mairegen die Behaglichkeit der Schnecken auf das höchste gesteigert hat, dann kriecht die Weinbergsschnecke schneller als sonst umher. JeKt trifft sie auf die Schleimspur einer anderen Ihrer Art, prüft sie sorgfältig mit ihren langen Fühlern und zieht nun in schnellstem Schneckentempo auf der ersehnten Spur weiter. Endlich hat sie die Genossin erreicht, und nun beginnt ein eigenartiges und anziehendes Liebesspiel. Die beiden Tiere um- kriechen und umschmeicheln sich, kosend betasten sie sich mit ihren Fühlern, schmiegen ihre breiten Fußsohlen eng aneinander und ge- raten immer mehr in Erregung, wobei ihre Bewegungen mit Fühlern und Körper außerordentlich lebhaft werden. Plötzlich, verharrt die eine einen Augenblick ganz still, und dann schießt sie mit einem heftigen Ruck einen kleinen, weißen, zierlich gestalteten Pfeil aus ihrer Geschlechtsöffnung, die sich gleich hinter dem Kopf aus der rechten Seite befindet, ab. Der Pfeil dringt mit seiner scharfen Spitze in irgendeine Stelle des Körpers ein, die Getroffene zuckt zusammen, ihre Erregung steigert sich ober dadurch noch mehr, und jetzt schießt . sie auch ihrerseits den Pfeil ab Dann schmiegen die beiden Tiere die rechten Kopfseiten eng aneinander und die Vereinigung geht vor sich. Darauf lösen sie sick? voneinander und jede geht ihres Weges,. Dieses Spiel mit dem Liebespfeil steht ganz einzig in der gc- (amten Tierwelt da. Er besteht aus einer harten Kalkmasie, ist chneeweiß und hat bei jeder Schneckenart eine ganz bestimmte, ober mmer sehr zierliche Form, an der man mit Sicherheit die einzelnen Arten voneinander unterscheiden kann. Jedes Tier entwickelt übri- acns im Mai seines Lebens nur einen Liebespfeil! ist er verschossen, bann finden die folgenden Begattungen ohne ihn statt. Hier ist die Dichtung von Amors Pfeil zur Wirklichkeit geworden, aber wer von den ungezählten Tausenden, die sich in Bild und Dichtung an dem (hönen Märchen von Amors Pfeil erfreut haben, ist je auf den Ge- anken gekommen, daß es so etwas in der Tat gibt, und noch oben- drein bei den mißachteten Schnecken? Auch die Mönche des Mittelalters, die die Weinbergsschnecken in ungezählten Mengen bei ihren Klöstern züchteten und als sehr be° liebte Fastenspeise schätzten, haben sicherlich keine Ahnung von dem Lisbesvseil der Schnecken gehabt. Als Zeichen ihrer Schätzung der Eckten Tier« finden wir ober noch heute an den Stellen ihrer Klöster ie Weinbergsschnecken, die Mauern und Türme sind längst zerfallen und in Vergessenheit geraten, nur die Schnecken haben dem Schicksal getrotzt und sich durch die Jahrhunderte erhalten. Während in Nord- eutschland die Schneckengerichte wenig geschätzt werden, sind sie in Süddcutschland und den romanischen Ländern noch heute sehr beliebt. Die Umgegend von Ulm ist seit Jahrhunderten berühmt als Lieferant der Wcinbcrgsschnecken, von denen manche Dörfer jährlich mehrere Millionen Stück ausführen. Di« meisten gingen stüher nach Paris und Wien, denn in Frankreich werden sie mit Vorliebe zu allen mög- Ucheu Gerichten verwendet: sie sind dort eine geschätzte Nahrung in alle» Schichten der Bevölkerung. Es ist daher selbstverständlich, daß sie im ganzen Lande in besonderen Gärten in großen Mengen gezüchtet werden. Wie wir gesehen haben, verdienen si« da» Interesse des Ratnrstcundes weniger ihrer Genießbarkeit als ihres eigenartigen Liebenslebens wegen, das man bei diesen kaltblütigen Geschöpfen gar nicht vermuten sl ti.e._ � TlerMche yeiratszeugnisse. Die Ehe ist die vollkommenst« Form der geschlechtlichen Ber- einigung. Die Grundlagen für glückliche Ehen und einen gesunden Nachwuchs im Volke zu fördern, ist eine wichtige, eine der aller- wichtigsten Aufgaben des Staates. Gesundheitliche Bedenken gegen die Eingehung eurer Ehe können bestehen wegen Gefährdung des Eheschlisßenden selbst, wegen Gefährdung de? anderen Eheteils und wegen Gefährdung der Nachkommenschaft. Die gesundheitlichen Gc- fahren, die dem einen Eheteil aus der Eheschließung erwachsen können, beruhen in den Erkrankungen der Körperorg'ne und des Geistes. Die Gefährdung bezieht sich vornehmlich aus den weib- lichen Eheteil, da Schwangerschaft und Wochenbett besondere An- sprriche an die körperliche und geistige Widerstandsfähigkeit stellen. Aber auch der körperlich oder geistig minderwertige Ehepartner kann dem verschärften Kampf ums Dasein, den Ehe und Familie mit sich bringen, nicht gewachsen sein und frühzeitig unterliegen. Eine gesundheitliche Gefährdung des anderen Eheteils kann bei denr Vorliegen einer übertragbaren Erstankung stattfinden. Die wichtigste Rolle spielen hier Tuberkulose und noch mehr die Geschlechtskrankheiten. Gelegentlich kann auch ein so- enonnter Dauerausscheider(bei uns vornehmlich ein Typhus- azillenausscheidcr) die Gesundheit des anderen Eheteils bedrohen. Im Pordygrund des öffentlichen Interesses steht die Gefährdung des Nachwuchses, die durch das Vorliegen bestimmter Erstankungen oder durch Erbanlage des«inen Eheteils gegeben ist. Das Bewußtsein, daß eine ganze Reihe von Krankheitsanlagen auf die Nachkommenschaft übertragen werden kann, ist in breiten Volksschichten schon längst Allgemeingut. Trotzdem ist es aber Tatsache, daß bei der Eheschließung wohl in der Regel die wirt- schaftlichen Verhältnisse des anderen Eheteils sehr genau geprüft werden, daß aber kaum eine ärztliche Prüfung des Gesundheitszustandes der eheschlteßenden Teile und noch weniger eine genaue Durchforschung der Familiengeschichte in gesundheitlicher Beziehung vorgenoimnen wird. Die exakte Forschung der letzten Jahrzehnte hat ergeben, daß im Pflanzen» und Tierreich eine gesetzmäßige Vererbung auf Grund von bestimmten Erbanlagen stattfindet. Die medizinische Ver- erbungslehr« zeigt uns, daß gewisse Merkmale beim Menschen sich nach den von Gregor Mendel aufgestellten Regeln in einer Familie oder einer Sippe wiederholen. Von einscheidender Bedeutung ist die Zstrerbbarkeit der Anlage zur Blutkrantheit(Hämophilie), zu Farben- und Nachtblindheit, zu schweren, die Er- vlindnng nach sich ziehenden Augenkrankheiten und endlich zu einer ganzen Reihe Nerven->md Geisteskrankheiten (Epilepsie, Schwachsinn, Psychopathie, neurotische Muskelatrophie und anderes mehr). Es ist naheliegend, daß wegen der Größe dieser Gefahren die Forderung der zwangsweisen Beibringung eines ärztlichen Heirats- Zeugnisses vor Eingehung einer Ehe aufgestellt worden ist. Theo- resisch wohl begründet, begegnet der Vorschlag in seiner Durch« führung manchen Widerständen. Bis jetzt ist ein Ehegejundheits- zeugnie nur i» Norwegen eingeführt. Es ist hier zu seiner Aus- stellung der Hausarzt zuständig. Es wird dort einerseits über zu große Nochsicht mancher Hausärzte Klage geführt, andererseits wird aber auch darüber geklagt, daß bei Verweigerung d«s Gesundheits- scheine? die Ehe in Dänemark oder in Schweden geschloffen würde. Das in drei Staaten der Vereinigten Staaten von Nordamerika eingeführte Gesundheitszeugnis mußte nach 6 Monaten wegen ein- stimmigen Widerspruchs aus dem ganzen Staatengebiet wieder auf- gehoben werden. Dagegen besteht in Nordamerika in 35 Staaten ein Eheverbot für Epileptiker, Geisteskranke und ungeheilte Ge- fchlechtskranke. Es werden dort den Brautleuten bestimmte Fragen vorgelegt, di« sie auf Eid beantworten müssen. Bei Verneinung der Fragen wird die Ehe geschlossen. In einer vom Frauenarzt Dr. Hirsch-Berlin herausgegebenen Broschüre wird der ganze Komplex der bei Einführung eines H«I- ratszeugnisses in Betracht kommenden Fragen von verichiedenen Autoren vom Standpunkte der Rassenhyqiene, des ärztlichen Prot- sikers und der Rechtswissenschaft beleuchtet. Dr. Hirsch schlägt in einem Schlußwort die Einführung des ärztlichen Heiratszcugnisses in folgender Form vor: Der Ehekandldat beauftragt den Arzt seine» Vertrauens mit der Eignungsprüfung zur Ehe. Die eigentliche Be- gutachtung hat der untersuchende Arzt Im gerneinsamen Konsilium mit dem staatlicherselts aufgestellten Cheberater vorzunehmen. Beim Standesamt hat der Heiratslustige neben den sonst erforderlichen nötigen Ausmeisen lediglich eine Bescheinigung vorzulegen, doß die vorgeschriebene ärztliche Untersuchung stattgefunden hat. Bei offen- kundiger geschlechtlicher Infektiosität wird die Ausstellung des Nach» weises vom staatlichen Eheberater verweigert. Im übrigen bleibt es den Brautleuten überlassen, ans den Ergebnissen der Prüfung und aus den ihnen erteilten Ratschlägen die ihnen gutdünkenden Folgerungen zu ziehen. Es soll also aus praktischen Gründen das ärztliche Heirotszeugnis nicht ein« behördliche Entscheidung in Form von Eheerlaubnis oder Eheverbot herbeiführen. Es hat lediglich den Zweck, die Brautleute zu zwingen, sich über ihre gesundheitliche Eignung zur Ehe Klarheit.zu verschossen. Seethovens Taubheit unö seine Kunst. Soviel von den Krankheiten Beethovens, nam«ntlich von seiner Ertoubung, in allen Betrachtungen über sein Leben und sein Wert die Ret« ist, so fehlte es doch bisher an«Iner fachmännischen kriti- schen Darstellung von der Art und Entstehung seiner Leiden, die in seinem Sein und Schaffen so deutliche Spuren hinterlassen haben. Diese Lücke der Beethooen-Literatur füllt nun der bekannte Arzt und medizinische Schriftsteller Dr. Waldemar Schweisheimer in einem bei Georg Müller zu München erschienenen Werk„Beethovens Leiden" aus. Er bietet nicht nur eine genaue Analyse seiner ver- schied enen Erkrankungen, wobei er mit vielen Irrtümern und falschen Ansichten aufräumt, sondern er dringt auch tiefer ein in den innersten Kern des Genies, indem er die Zusammenhänge, die etwa zwischen Beethovens Krankheit und Kunst bestehen könnten, näher untersucht. Besonders ist es die Ertaubung des Meisters, deren Einfluß auf sein musikalisches Schaffen er erörtert, mnd er kommt dabei zu dem Er- gebnis, daß dieser Einsluß erstaunlich gering ist, daß überhaupt körperliche Zustände verhältnismäßig wenig auf künstlerische Lei« stungen einzuwirken vermögen. Man hat bisher aus der Tatsache, daß gerade ein großer Meister der Tonkunst mjt Taubheit geschlagen worden, die mannigfachsten Folgerungen für die dadurch bedingte Gestaltung seiner Schöpfungen ziehen wollen. Nun besteht zweifellos ein Einfluß der Ertoubung auf das Werk. Nur äußert er sich kaum oder gor nicht in einer direkten Beeinflussung des musikalischen Denkens durch den mangelnden Sinn, sondern auf dem Umweg über die durch das Leiden hcrvorgernsenc Umgestaltung der äußeren Lebensverhältnisse und innerlich durch Beeinflussung von Lebens- und Weltaufsassung. Bon Wichtigkeit war es z. B., daß Beethoven durch feine Taubheit gezwungen wurde, auf fein Auftreten als Klaviervirtuose und als Dirigent zu verzichten! dadurch wurde die äußere Form seines Daseins verändert. Durch die Unfähigkeit de» Hörens wird der ottsgezeichnete Pianist bereits mit 40 Jahren ge- zwungen. sich aus der Oessentlichkcit der Konzertwrlt zurückzuziehen und auch in engerer Umgebung spielt er immer seile» er. Dadurch verliert das Klavier, dessen praktische Forderung die Kompositions- richtung des Echaffende» lange Jahre ausschlaggebend beherrschte, an Bedeutung: es wird für ihn ein Instrument wie alle anderen. Doch hat Beethoven deswegen die Komposition von Klavierwerken auch nach seiner Ertaubung nicht ganz ausgegeben. Selbswerständlich Muhte der Künstler durch ein so schweres Leid, wie es ihm durch den unabwendbaren ollmählichen Verlust des ihm am wichtigsten er- scheinenden Sinnes geschah, vor schwere innere Kämpfe gepellt wor- den, und diese Verdiisterung seines Innenlebens kam in der heroi- lchen Tragik seiner Werke zum Ausdruck. Rur hätte jedes andere schwere Leid dieselbe innerliche Wirkung hervorgebracht. Man hat aus den einzelnen Krankheitssymptomen, die das Taub- werden begleiteten, auch aus eine gewisse Förderung seines Schafsens «schlössen, unb in manchen Kompositionen, z. B. in dem Largo der Cs-Dur-Sonate für Klavier, das Auftauchen der Ohrgeräusche de- obachten wollen, die durch den Erkrankungsprozeß im chörnerven ausgelöst wurden. Aber solche Anschauungen sind als grotesk zu bezeichnen, wie es andererseits auch falsch ist, in dem durch die Krankheit bedingten Ungestörtsein durch äußeren Lärm und Schall » eine günstige Ruhe für das Formen von Klangbildern zu erblicken. So wenig das gräßliche Sausen unb Brausen im Ohr des taub werdenden Beethoven diesen zum Komponieren anregt, so wenig war ihm im Ohr Ruhe beschieden, sonder» er wurde durch die höllischen Rasselgeräusche wie andere solche Kranke zur Berzweislung gc- trieben. Man hat die für die Zeitgenossen schwer verständlichen Eigen- tümlichkeiten der sog. dritten Schajfensperiode Beethovens mit dem Schwinden des für den Musiker so wichtigen Sinnes erklären wollen, ging aber dabei von irrigen Boraussetzungen aus. Beethoven ist Sa erst im späteren Alter taub geworden, besaß also die Kontrolle >e» inneren Hörens für sein Schaffen, zu der er des äußeren Ohres nicht bedurste. Ein« stärkere Taubheit machte sich erst bemerkbar, als er die ganze Technik der Instrumentation usw., der Darstellung des dem inneren Ohr vorschwebenden Klanges bereits vollständig be- herrschte. Das Neue feiner Spätkunst, der Vorwurf der„Unsingbar- keit der Eingstimmen. das„zu laute Orchester", die Behandlung der Instrumentation, sind daher nicht aus pathologischen Gründen zu erklären. Diese Merkmal« seines neuen Stils, die den Zeitgenossen wie alles Neue verwunderlich und merkwürdig erschienen, treten schon vor seiner Ertanbung auf und sind bedingt durch die innere Ent- Wicklung seiner Kunst. So liegt der Einfluß der Taubheit auf die Kunst des Meisters vor allem in dem schweren Schicksal, das sich in den Schsp- fungen des leidenden Genius spiegelt, aber es. sind nahezu keine Hinweise dafür vorhanden, daß die fortschreitende Ertaubung irgendwelche äußerlich mit der Krankheit zusammenhängend« oder von ihr veranlaßt« Symptome den Werken Beethovens ausprägte Seine Taubheit hat den Ablauf seines musikalischen Schafsens nicht kirekt beeinflußt, sondern lediglich durch ihre Uebertragung in unbe- * wußte seelische Schwingungen und Empsindungen. Ich und mei Keenich. Von Tobias Pemberlein. Wie bekannt, haben flck> die Wettiner zu einem Bcrei» zusammen- aeschloffen, der die Wahrnehmuna ihrer Inleressen bezweck». Bor- fitzender ist Friedrich, Autzuft von Lachsen. Unser Mit- arbeiter, in dessen Adern reines sächsisches Blut rollt, hatte zu Beginn dieser Woche Gelegenheit, seinem ehemaligen Landesherrn auf der Wäwergasse in Dresden zu degcgueu. Den Inhalt seiner Unterredung mit Augusten stellt uns Pemberlein liebenswürdig zur Berfügung. Ich:.Nu gugge, August!"— Er:„Nu gugge,'s Doobchenl"— Jck>:„Wie gebdsn?"— Er:'s gehdl"— Ich:„Ahal"— Pause.— Ich:„Un's Geschäft?"— Er:„Beese Zeiden, wemmer nischd wie Keenich gelernd hadd— ahm keene Arweid."— Pause.— Er(fortfahrend):„... aber ich krieche Underfchdizzung. cha."— Pause.— Er(fortfahrend):„... wemmer so zuguggd, wie se so ihr» Dreck alleene machen..." Ich:„Un was machdn de Verwandschaft?"— Cr:„Nu, die mudbeld so rum, der eene sammeld Maikäfer, der andre wärchd In der Kärche rum, un de Mathilde— na, red mer nich driewer. Iwrichens: mir ham uns organisier dl"— Ich:„Nanu, warum denn?"— Er:„Erschdns eemol wäjn dr Underfchdizzung. Das Hand ganz andcrsch, wenn de Blase geschlossen uffn Disch buchd. Außerdäm kriecht ee Verein immer Ermäßchung. Uss Lacherbier gibks glowich zwanzch Brozend un ooch noch echgondo. Cha. Na im dann: ec Verein bleibd ee Verein. Mir wolln uns ene Liebhabcrblehye einrichden, da folln glass'ch« Sachen geschmissn warn. Mathilde meende, zeerschd schbieln mir's„Weiße Reßl", dafor schwärmdse. Kannsd hinkomm! S'is doch ooch hibsch, wemmer sich efter mit alden Bekannden trifft. Da werd mal eener gehoom uff de alldn scheen Zeidn. Die hadd uns der Wilhelmsche mid sein alwern Weldgriech vermasseld Uss mich hadd teener gehorchd, da hodds geheeßn: laßt Augustdn babeln, der is bleed« un saufen duddr ooch— Auguft wußte ganz genau, daß de Breißn een Glabs ham mid ihrn Gebläge. un daß nischd weider vorbei rauskommd wie Keile. Wenn'ch dran denke, wie mir damals ferzen") unsre scheene Vochelwies« einbacken mußtn, tennd'ch Wilhelme eene gnalln.. Ich:„Iwrichens— vergessens« Ihre Rede nich— es werd ge- mungeld, Sie molldn wieder Keenich wärn?" ») lviz. Der Uebersetzer.-t. Cr:„Ich— Keenich? Ich Bin nie Keenich gewäseni Das heeßti ich warlch nadierlich. Kivß. ich bin nie s ch a r f druff gewäsn. Wenn'r dengd. b gehd ooch ohne— scheen. rechierd eich, bis d'r meesendrädch wert! Dengn verleichd die Herrn, ich bin ihr Asse? Rin in d« Rebublik. raus aus d'r Rebuklik, weg mid Augusdn, her mid Auguftn — wenn die Herrn dengn, mid mir, da kennsce machn— nee, me{ Deibchen! Ich Habs als Keenich nich leichd gehabbd, wärMch nich, jedes Glas worde mir in d'n Hals gezähld, un wechn mein ang«. frornen Deng*) hamse mich verbohnebiebeld und„Marmeladen. gesichde" geschimsd— aus! Was ch awer eegal for Ausschdellungn hawe ereffnen missn, was'ch egal'n Ehrenaugusd gemimd Howe. da. von redt keener. Ree— liewer bei d'n Hoddndoddn! Ich zieh mich ins Bereinslähm zerick." Ich:„Na ka glabbds ja."— Er:„Haddjee, Doobchen, grleß deine Aide!"— Ich:„Dange— ähmfalls!"— Er:„Du willjd mich wohl fobbn?"— Ich:„Awer AugusU"— Cr:„Ra— ihr Zeidungs, brieder habds hindern Ohrn!" Winke zur Serufswahl. Don Hans Klabautermann. In den nächsten Tagen ist die Unterweisung der jungen Mädchen und Männer im Christentum beendet und findet ihren weihevollen Abschluß durch die Einsegnung. An die kirchliche Feier schließt sich nach alter Sitte das würdige Fest im Elternhaus, zu dem lange und sorgfältige Vorbereitungen getroffen werden. Der Familien» umkreis zerbricht sich die Köpfe, um etwas Besonderes zu schenken. Es muß nach was aussehen, darf aber nicht viel kosten. Da das Gehirn noch wochenlangcr Malträtierung keinen passenden Gedanken hergeben will, geht man schließlich in ein Geschäft, das Einjegnungs- gefchenke ankündigt. Den Konfirmationstisch zieren dann außer dem Napfkuchen und dem Myrthenstrauß ein Stoß Gesangbücher mit Goldschnitt, vier bis sechs Zigorettendosen(wie echt Silber), drei Spazierstöcke, Broschen, Ohrringe, ein Posten gestickte Buchhüllen und.Prachtwerke der Literatur, wie„Unsere Streitkräste aus Land und See,„Die Hohenzollern"(Restauflage, seltene Gelegenheit, bietet sich nie wieder). Dem Ernst der Lage tragen gegen Abend die Tänze Rechnung, die bis zum nächsten Morgen dauern. Infotge des plötzlichen Vorhandenseins der einschlägigen Gegenstände werden die nächsten acht Tage benutzt, das flotte Aufletzen des schwarzen Steifhutes und das Zigarettenrauchen unter tunlichster Schonung der schwarzen Hosen beizubringen und die Ohrläppchen durchlöchern zu lassen. Nunmehr sind die Firmlinge reif,„ins Leben zu treten". Mit der Aussprache über den künftigen Berus beginnt alsbald der Zwist zwischen Voter und Mutter. Onkel, Tanten, und die anderen Leute, die Geschenke gemacht haben und denen das fernere Ergehen des Beschenkten völlig wnrst ist, machen durch einseitige Parteinahme wohlwollende Beschwichtigungsversuche und steigern damit den Elternzwist bis zum osfenen Zerwürfnis. Kreise, die der solchergestalt betroffenen Familie ferner stehen und daher etwas mitzureden haben, werden die im Einvernehmen mit dem Berliner Berussamt von mir ausgestellten Richtlinien für die Berufswahl mit besonderem Dank entgegennehmen. Hungerkün stier: Wenig Aussichten, da die entsprechende Tätigkeit als beliebter Sport bei allen möglichen Berufsschichten geübt wird. Langdauerndes Hungern gilt als keine Kunst mehr. Rentier: Lehrlinge werden kaum noch angenommen, weil die meisten Rentiers selbst nicht wissen, wie sie es geworden sind. Siehe auch unter„Schieber"! Postkutschenfabrikant: Alle Berufe, die sich mit her Herstellung aus der Mode gekommener Artikel befassen, haben eine große Zukunft. Durch Reformen Im gesamten Verkehrswesen hosst man, den heutigen Verkehr seines aufgeregten Charakters zu ent- kleiden. Die ersten Anfänge dieser Entwicklung zeigen sich schon heute. Straßenbahnlinien find eingezogen, die Untergrundbahn- strecke nach Dahlem soll demnächst zugeschüttet werden. Noch dem völligen Abbau von Post und Eisenbahn wird der bereits vor hundert Jahren in hoher Blüte stehende Kuflchenbetrieb einen mm geahnten Aufschwung nehmen. Die ebenfalls lukrative Kienfpan- fabrikatton kann leicht angegliedert werden. Handwerter: Das Handwerk hat zwar einen goldenen Boden, es handelt sich aber heute nur noch um Papiergold. Demenflprechend ist der Boden zu bewerten. Akademiker: Siehe„Hungerkünstter"! Schieber: Dieser Beruf erfreut sich großer Beliebtheit. Irgendwelche Fachkenntnisse sind nicht erforderlich: erwünscht und von unschätzbarem Nutzen ist lediglich eine beliebig verstellbare Weite des Gewissens. Nach diesem richtet sich auch die Verdienstmöglichkeit, die außerordentlich hoch geschraubt werden kann. Steuerberater, die in der Landwirtschaft und in vielen Aktiengesellschaften gut bezahlt sind, erhalten in Bälde staatliche Anerkennung. In Frankreich er- streckt sich die Tätigkeit des Verschiebens auch auf andere als Real- werte, zum Beispiel aus internationale Konserenzen. Kosten der Ausbildung: 1,50 Mk. für die Retlamausgabe de» Deutschen Straf- gesetzbuchs. Weibliche Berufe: Dringend abzuraten. Nach den neuesten Ergebnissen der juristschen Forschung eignet sich die Frau nicht zum Beruf. Da sie auch das Kindergebären mangelhaft be- treibt, soll ihr diese Tätigkeit ebenfalls untersagt und künftig zuverlässigen Männern übertragen werden. *) Teint. Der Uederseyer, Wissen und Schauen Vorstufen der Schrift. Es bedarf einer gewissen Kulturhöhe, bevor sich ein« richtige Schrift bei einem Volte ausbildet, und der Weg bis dieser Entwicklung geht über mancherlei eigenartige Vor- stufen, die Prof. Dr. Albert Schramm in dem ersten Kapitel seines soeben bei Quell« und Meyer in Leipzig erschienenen Werkes „Schreib- und Buchwesen cmst und fesst" erörtert. Sowohl in der Urzeit wie unter den heutigen Naturvölkern gibt es schrift- und buch» lose Kulturen. In diesen Anfängen tritt uns höchstens ein Schrift- ersah oder eine mehr oder weniger enwickelte Bilderschrift entgegen. Als Beschreib- oder richtiger gesagt Vemalstofs werden die Felswand oder der Erdboden, gelegentlich auch Birkenrinde oder Knochen, bei den bereits etwas mehr kultivierten Völkern Häute und Felle ver- wendet. Durch die Härte oder Weiche des Materials ergibt sich von selbst eine Ritztechnik oder Maltechnik bei diesen ersten Versuchen des Schreibens. Muscheln und spitze Stein« werden zum Ritzen, Knochen und Holzstäbchen zum Bemalen benutzt. Am primitivsten ist wohl dt« Technik bei den Sandzeichnungen, die als ein Surrogat der Schrift dienen. Ein« solche S a n d s ch r i f t findet sich z. B. bei den Aranda, die mit sehr«infachen Mitteln symbolische Zeichen in Sand anbringen, durch die andere des Weges kommende Mitglieder des Stammes von irgend etwas benachrichtig werden. Eine andere Vorstufe der Schrift stellen bei den Buschmännern sowie vor allem bei den Indianern Amerikas die Felszeichnungen dar. Es werden hier mit einem spitzen Stein durch Anrauhen der Oberfläche des weicheren Materials allerlei Bilder hergestellt: so zeigt z. B. die Darstellung eines Ele- fanten a», daß man an der betreffenden Stelle auch Elefanten sagen kann. Ausführliche Texte finden sich bei den amerikanischen Indianern: ein« der bekanntesten solcher Felswände, in denen ganze Geschichten erzählt werden, ist die von Tule-Flut in Kalifornien, auf der eine Jndianerbande dargestellt wird, die an dieser Stelle Not an Wasser und Lebensmitteln erlitt, und mitteilt, daß sie in der Richtung des Armes der Mittelfigur abgezogen ist. Dies« Bilderschriften der primitiven Völker sind zum Teil in hervorragender Technik und mit hoher malerischer Geschicklichkeit ausgeführt.— Häute und Fell« wurden von den Indianern vielfach als Material für ihre Bilderschrift verwendet. Ein berühmtes Beispiel dieser Art ist der sogenannte „Winiercount" eines Dakota-Häuptlings Lon« Dog: es ist ein großes Büffelfell. auf dem allerlei Zeichen aufgemalt sind, durch die Ereignisse aus der Geschichte des Stammes berichtet werden. Das Fell stellt also gleichsam die Geschichtschronik des Dakota-Stammcs dar. Wesentlich andere Vorstufen der Schrift bieten sich in den sogenannten Boten- st ä b« n und K n o t e n s ch n ü'r e n dar: die ersteren kommen de- sonders häufig in Australien vor. Die Einqeborenen schneiden mit Muscheln Striche oder Marken in die meist runden Holzstäb«, die dann zur Mitteilung an fernwohnende Personen oder Stämme ge- sandt werden. Diese Botenstäbe stellen nicht eigentlich eine Schrift dar, sondern sie bieten mit ihren Zeichen nur Gedächtnishilfen, und dasselbe ist auch mit den Knotenschnüren der Fall, obwohl es auch ganze Knotenschriftfysteme, so besonders im alten Jnka-Reich gegeben hat. An einem Hauptstrick hängen dünne verschiedenfarbige Schnür« mit einfacheren oder komplizierteren Knoten, die alle ihre bestimmte Bedeutung haben. Dieses Knoteninstem ist noch heute in Südamerika, wenn auch ganz vereinsacht, in Gebrauch. Vielfach werden statt der Schnüre Gras und Stroh benutzt, in die Knoten gemacht werden. Solcher Vorstufen der Schrift, gibt es noch verschiedene ander«. ZNahagont. Wer kennt nicht das schöne Holz mit seinem hellen Glanz und wunderbar roten Glühen? Woher kommt es und wie gelangte es zu uns? Lwietenia inahagoni ist der wissenschaftliche Name des Baumes: er ist von der Gattung der Meliazeen, der Familie der Balsamgewächse. Das harte, widerstandsfähige Holz zeigt sehr wenig Schwund und Ist deshalb und seiner Farbe wegen so beliebt beim Kunstschreiner. Diese Bäume erreichen 3ll und mehr Meter Höhe und bis zu 4 Meter Durchmesser. Sie sind nur im tro- pischen Amerika zu Hause, bilden nie geschlossene Bestände und wachsen sehr langsam.— Die Europäer lernten das Holz bald nach der Entdeckung Amerikas kennen, in unbearbeitetem Zustand kam es aber erst zu Anfang des 18. Jahrhunderts nach England— als Ballastholz. Der Kapitän des Schiffes schenkte die Klötze seinem Bruder, einem Arzt in London, in dessen Hof sie lange herumlagen, bis seine Frau eines Tages einen Kosten davon machen ließ. Der war so schön, daß sich der Doktor schnell einen Schreibtisch fertigen ließ, und der gefiel der Herzogin von Buckingham so gut, daß sie sich alsbald solche Möbel wünschte. Das war im Jahre 1724— im Jahre 1773. wurden allein aus Jamaika eine halbe Million Kubitfuß eingeführt, und heute kennt man das edle Holz allenthalben gar wohl. ErökunSe iD�SDlfa�sDl Dos Land kam. Bei den.Bewohnern von Zentraltibet um die Hauptstadt Lhassa gelten die Einwohner des nordöstlichen Tibets, der Landschaft Kam, als wild und barbarisch. Der„Mann aus Kam" ist für den Lhassaer ins Tibetische übersetzt das, was für den Pariser der„Provinzler" ist, und in den Theaterspielen der Zentraltibeter ist er sogar eine stehende komische Figur. Dabei sind aber die Be- wohncr eines Teils van Kam weithin berühmt wegen ihrer Hand- fertigkeit und ihrer literarischen Kenntnisse, die in den zahlreichen über das Land bin verstreuten Klöstern gepflegt werden. Manche dieser Klöster enthalten sogar bedeutende Druckereien, deren Erzeug- nisse durch Karawanen über dos Land hin verbreitst werden. Den Europäern war dies ganz« Gebiet, in dem die Oberläufe einiger der bedeutendsten Flüsse Hinterindiens und Chinas, des Saluen, des Mekong, des Iangtsekiang, nur wenige Kilometer voneinander ent- kernt in mehreren tausend Meter tiefen Schluchten nebeneinander herfließen. bis vor wenigen Jahren noch ganz unbekannt. Ein hol- ländischer Missionar, der sich vor 20 Jahren mit seiner Frau in tibetischer Verkleidung einer Karawane nach Lhassa angeschlossen hatte, wurde kurz vor dieser„verschlossenen" Stadt erkannt, zurück- geschickt und verschwand in der Landschaft Kam auf geheimnisvolle Weis« für Immer. Zwei andere Europäer, die 10 Jahre später von Süden her durch, die Saluenschlucht eindringen wollten, wurden so- gleich ermordet. Erst in den letzten Jahren gelang es einem Eng- länder, alle Hauptstraßen von Kam und alle Houptorte zu be- suchen und uns einen Einblick zu verschaffen in dieses Land schnee- bedeckter Berggipfel zwischen grasigen Hochflächen, dieses Land der Klöster und des zahmen, weil nie gejagten Wildes, der Nomaden mit ihren DackHerden, dieses Land des Ueberflusses an Milch und Butter und Fleisch, dieses Land mit dem merkwürdigen Klima, das im Winter schneefrei und im Hochsommer oft in Schnee gehüllt ist. Naturwissenschast Eine umständliche Mahlzeit. Auf welch eigentümliche und schwierige Weise manchmal Tiere ihre Nahrung gewinnen, zeigen die neuesten Forschungen über die Biologie einer Schlupf- wespe, die von dem französischen Gelehrten Jean Lichtenstein ausgeführt worden sind und über die A. Hase in der„Naturwissen- schaftlichen Wochenschrift" berichtet. Die Verhältnisse, unter denen die hier zum erstennml beschriebene Schlupfwcspe Habrocytus cionicita ihre Mahlzeiten abhält, dürften in ihrer Art einzig dastehen. Diese Wespe parasitiert in ihrem Iugendstadium an den Larven und Puppen eines Käfers. Das legreise Wespenwcibchen sucht sich Körner aus, in denen die Käferlarve lebt, und sticht die Käferlarve durch die Schale hindurch an. Sie verfolgt dabei mehrere Zwecke, einmal den,»ie Käferlarve zu lähmen, zweitens in ihr ihre Eier unterzubringen und drittens sich selbst eine reichliche Mahlzeit zu verschaffen. Da aber die Käferlarve, von der sich die Wespe nährt, in einem Samenkorn lebt, und da ein Zwischenraum zwischen Käferlarve und Samenschale bleibt, so ist die Wespe nicht imstande, ihren Mund auf die Stichstelle in der Käferlarvenhaut zu pressen. Sie müßte also Tantalusqualen erleiden, wenn sie nicht auf die sinnreichste Weise den Zwischenraum überbrücken würde. Sie ver- wendet dazu ihren Legestachel, der so lang ist, daß er durch die Samenschale über den Zwischenraum hinweg bis in die Käferlaroe reicht. Das Wespenweibchen sticht durch die Schale die Larve an, läßt seinen Legestachel bis zu einer halben Stunde in dieser Lage stecken und sondert dabei ein eigentümliches Sekret ab, das gerinnt und den Stachel wie eine feste Scheide umschließt. Ist dies ge- schehen, dann zieht die Wespe den Stachel heraus, und nun hat sie sich selbst eine seine Röhre gebildet, die vom Innern der Käferlarve durch die Samenschale nach außen geht. Auf die Außenöffnung der von ihr geschaffenen Steigröhre preßt die Wespe nun den Mund und saugt durch dieses Rohr die Käferlarv« aus. Daß sich Wespenweib- che» von der Kiäferlarve, In die sie ihre Eier legen, nähren, kommt Lster» vor. Aber die Art, wie diese Wespe ihren Legestnchcl zur Röhre macht, aus der sie ihre Mahlzeit schlürft, steht in der Tierwelt einzig da. Leuchtende Vögel. Die Sagen-der verschiedenen Völker, ebenso die der Japaner und Irokesen wie die der alten Inder und Kelten, erzählen von einem Vogel, der das Feuer vom Himmel holt oder den Blitz hält. Dieser leuchtende Wundervogel wird mehrfach als eine Möwe bezeichnet, und da ist es denn von großem Interesse, daß an diesem Tier wirklich Lichterscheinungen in einwandfreier Weise beobachtet worden sind. Wie W. Sunkel in der„Noturwissen- schastlichen Wochenschrift" mitteilt, sind von Prof. Kirschmann solche leuchtende Möwen auf der Insel Sylt beobachtet worden. An einem beißen Sommerabend fiel es diesem Gelehrten aus, daß bei einem Unwetter etwa 50 Möwen jeden neuen Gewitterausbruch vorher durch aufgeregtes Schreien anzeigten. In der Dunkelheit sah er vor dem Fenster, an dem die Vögel dicht vorbeiflogen, Gruppen von zwei bis vier Feuerchen durcheinanderschweben und konnte feststellen, daß die Möwen diese Flämmchen an Schnabel, Flügelspitzen und Schwanz trugen. Die Vögel schrien dabei sehr erregt und beruhigten sich erst wieder, wenn die Flämmchen mit necken heftigen Entladungen verschwanden. Es ist anzunehmen, daß die Erregung der Möwen nicht nur durch die ungewohnte Licht- erschcinung, sondern wohl auch durch das sonderbare Kribbeln der Haut erzeugt wurde, das wir beim Elektrisieren in den Haar- wurzeln empfinden und das auch die Tier« bei der Berührung mit der Elektrizität der Luft wahrnehmen. Die helle violette Flammen- färbung, die der Feuercrfchsinung bei einer elektrischen Entladung gleicht, weist darauf hin, daß es sich hier um eine Art„Elmsfeuer handelt. Nach einer Erklärung des Leiters des Leipziger Geophyst- kalischen Instituts Prof. Wenger kommt die Erscheinung so zu- stände, daß bei Vögeln, die aus einer Gegend mit hoher Span- izung und mit starker elektrischer Lndung in eine Region mit u-«sentltch niedrigerer Spannung gelangen, der Unt-erfchied sich ans- gleicht. Derlei Entladungen vollziehen sich am stärksten an Spitzen, und so wird das Ausströmen der Elektrizität in der Dunkelheit an den spitzen Körperteilen in Lichtbüscheln sichtbar.