Nummer 13 6. �prit 1922 Äntörhaltungsbeilatze fr ri Aes Torwarts Das Krematorium. Humoreske von Wilhelm Wendllng. Der Rentier Max Buff, gewesener Tütchenfabrikant, hatte einen Garten, einen wunderschönen Garten. Kein Mensch in ganz Brandenau hatte einen solchen Garten. Da wuchs Zwergobst, saftig wie Melonen, da wuchsen wundervolle Pflaumen, Pfirsiche und Llprikosen, Erdbeeren so groß wie Hühnereier, große Radieschen. ganz zu schweigen von den Sonnenblumen, deren riesige goldene hruchtböden wie Feuerräder in all der grünen Pracht prangten. SBer etwa auf den Gedanken gekommen wäre, dieser schöne Garten müsse zerstört werden, den würde nicht nur der Besitzer, son- dern die Stadt und deren Umgebung in einem Umkreis von 20 Kilo- meter für verrückt gehalten haben. Und doch kam eines Tages der Bürgermeister von Brandenau höchstselbst zu Herrn Max Buff und sagte ihm rund heraus, sein Garten müsse dem Erdboden gleichgemacht werden. Er solle eine nette Summe nennen, die wolle ihm der Stadtsäckel anstandslos bezahlen, in Anbetracht dessen, daß es ein so wundervoller Garten sei. Die Sache war nämlich die: Brandenau wollte ein Krematorium haben, ausgerechnet ein Krematorium. Es müßte etwas zur Hebung der Stadt getan werden. Da man nun aber nichts hatte, um den lebendigen Fremdenstrom herzulenken, wollte man es mit dem toten versuchen pnd ein Krematorium bauen. Besagter Garten war aber der gegebene Bauplatz für dieses Krematorium, ja, es kam eigentlich überhaupt keine andere Stelle In Betracht. Cr grenzte rechts an die Chaussee, links an die Bahnlinie, man konnte also das Berbrennungsgut mit Wagen und mit Waggon anfahren. „Meinen Garten verkaufen?" rief Max Buff.„Nicht um'ne Million I Nicht um drei Millionen!" „Aber Sie müssen doch einsehen, mein Perchrtester," sagte der Bürgermeister,„daß das Ansehen der Stadt, daß das Gemeinwohl dieses persönliche Opfer von Ihnen fordern darf." „Mein Garten ist mir mehr wert als das Allgemeinwohl. Was kümmert mich diese verruchte Mode, sich verbrennen zu lassen? Unsere Väter und Urväter modern alle in der Erde, die Erde ist auch für uns noch gut genug." „Das Verbrennen ist hygienischer," sagte der Herr Bürger- meister. „Eher laste ich mich lebendig vergraben als tot verbrennen!" rief Mar Buff emphatisch. Schließlich griff das Stadtoberhaupt zum letzten Mittel. „Es tut mir leid, Sie darauf aufmerksam machen zu müsten, daß. im Falle keine Einigung erzielt wird, wir genötigt sein werden, das Grundstück aus dem Wege des Enteignungsversahrens zu erwerben." „Enteignen!" schrie Max Buff wütend.„Der Garten ist mein! Ich habe ihn angelegt. Ich habe fünfzehn Jahre meinen Schweiß darauf vergossen! Keine Macht der Welt kann mir den Garten nehmen! Keiner hat das Recht dazu!" Aber wie die Gesetze nun einmal sind,— der schöne Garten wurde ihm enteignet,"da half kein Toben und kein Protestieren. Und ob auch Max Busf den Zaun durch ein meterhohes Stacheldraht- gestecht erhöhte und den ganzen Tag mit der Schrotflinte unter den Sonnenblumen stand und seden, der etwa einzudringen beabsichtigte, erschießen wollte,— es half nichts. Eines Tages erhielt er von der Behörde eine Vorladung in Steuersochen. Als er sich einfand, teilte man ihm mit, es liege ein Irrtum vor. Ahnungsvoll rannte er nach seinen, geliebten Garten. Ach, da lag der Zaun am Boden, die schönen Pfirsich- und Apri- kosenbäume lagen gefällt auf den Beeten und hatten Erdbeeren und Sonnenblumen zerschlagen. Max Buff schäumte vor Wut und schwur fürchterliche Rache für diesen Schurkenstreich, der doch eigent- lich gut gemeint war, denn er hatte ihm die Schande erspart, mit Gewalt von seinem früheren Besitztum entfernt zu werden. Das Krematorium wurde also gebaut. Ein stattliches, tempel- arstgcs Gebäude. Es wurde viel Geld und viel Kunst hinein verbaut. Nur zögernd jedoch setzte der Fremdenverkehr ein,— in Brandenau selbst war die Sense Gevatter Heins wenig tätig, und diese wenigen, die er zur Strecke brachte, zogen es vor, mit ihren toten Leibern den Würmern eine Freude zu machen. Um so größeres Aufsehen erregte es, als der Rentier Max Buff erklärte, er habe sich in den Verlust seines Gartens gefunden und alles verziehen. Zum Zeichen, daß es ihm wirtlich ernst damit sei, wolle er sich selber in dem Krematorium verbrennen lassen. Was ist die Tat des Mucius Scävola, der bloß seine Hand in» Feuer hielt, gegen diesen heroischen Entscbluß Mar Bufss? Jedermann, auch die Gegner der Lrichenvsrbrennung, lobten nun seinen versöhnlichen Charakter und billigten seine Absicht durchaus. Nach etwa drei Jahren, während derer dos Krematorium hübsch i in Flor kam und wöchentlich mehrere Dutzend Urnen voll Asche lieferte, starb auch unser guter Max Buss. Er hatte eine„schöne Leiche", wie man zu sagen psleal.?l!Ie Hnnorathren der Stadt und viele Vereine begleiteten den Sarg zum Krematorium, in dessen Halle eine erhebende Leichenfeier stattfand Er wurde als der hoch« herzige Stifter des Grundstücks, auf dem sich dieses hehre Haus b?» fand, gefeiert. Während der Sarg in die Versenkung aufgenommen und dem Verbrennungsofen zugeführt wurde, ertönte feierliche Musik. Der Verstorbene hatte angeordnet, daß während seiner Ein- äscherung vor dem versammelten Trauergefolge sein Testament ver» lesen werden sollte. Das begann folgendermaßen- „Ihr, die Ihr in schwarzen TrauerNeidern steht, wo einst die Sonnenblumen ihre goldenen Fruchtkörbe dem Tagesqcstirn nach- drehten, wo die rotbäckigen Aprikosen und die dunkeläugigen Pflaumen durchs Gezweig lachten, Ihr glo' bi, ich hätte meinen Garten vergessen, meinen schönen Garten? Nein, nicht umsonst laste ich mich in diesem Krematorium verbrennen. Ich weiß, daß das mit Dynamit gefüllte Kisten, welches in meinem Sarge unter meinem Kopfe liegt, das ganze Gebäude in die Lust sprengen wird..." Weiter kam der Testawentsverlcser nicht, denn.es wurde ihm grün und gelb vor den Auacn. Das Trauervolk stand wie versteinert da, mit entsetzt ausgeriste» neu Augen, jeden Moment qewärtiqt, in den Mond zu stiegen. Dann aber, als die Besinnung wiederkam, gab es ein wildes, fchreckensvolles Gedränge. Alle, Verwandten, Stadträte. Bürger- meister, Pfarrer und Musikanten, stürmten in rasender Flucht dem Ausgange zu. Dort staute sich die Menge, es erhob sich ein furcht- barer Kampf um das Leben. Die Sekunden wurden zu qualvollen, fürchterlichen Stunden. Auch draußen wurde die Flucht noch fortgesetzt, aus Furcht, von den niederfallenden Trümmern erschlaaen zu werden. Man rief allenthalben nach den Heizern, die sollten den Heißlultstrom, der den Sarg einäscherte, abstellen. Ja, die Heizer, die hotten Weib und Kind und hüteten sich, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um das Kre- matorium zu retten. Das Unheil mußte seinen Lauf nehmen. Die Explosion konnte sofort eintreten, konnte aber auch erst»och einer Stunde erfolgen, je nachdem. Gerade diese Ungewißheit war da» Schrecklichste. Bald verbreitete sich die Schreckenskuude durch die ganze Stadt. Tausende umstanden das Krematorium in sicherer Entfernung. Die zunächst stehenden Häuser wurden ausgeräumt und von den Be- wohnern verlassen, alle Fenster in einem Umkreise von einem Kilo- meter wurden ausgehännt, damit sie bei der Detonation nicht zer- springen konnten Photogrnphen und Kinooperateur? standen bereit, um das große Ereignis zu verewigen, in schwindelnder Höh« surrte ein Flieger, der den Anblick aus der Vogelschau genießen wollte. Aber es geschah nichts. Stunde um Stunde verrann, es wurde Nacht. Scheinwerfer umspielten das Krematorium, das wie die Walhalla aus der Götterdämmerung erglänzte. Kein Auge schloß sich diese Nacht in Brandenau. Am andern Morgen wagte sich endlich ein Beherzter in da» Krematorium, fand das Testament und las folgende Nachschrift: „Es ist doch schwerer, als man glaubt, soviel Dynamit zu erhalten, ich habe mich daher entschlossen. Sand in dos Kisten zu füllen. Vielleicht ist dies auch um meiner Seligkeit willen besser, denn der Herr spricht: Mein Ist die Rache." Der Begriff„Vaterland", d. h. die Verpflichtung, in einem auf der Landkarte rot markierten Erdenwinkel zu leben und die anderen grünen Winkel zu verfluchen, ist mir stets eng, beschränkt und stupid erschienen. Ich bin der Bruder von jedem, der lebt. F l a u b« r t. f J�och{ft«s Cag, da rühre sich der J�ann I Die fSacht tritt ein, wo niemand wirken kann. > Goethe. Das Kleiö des /lcmen. Von Artur Zickler. Vor einigen Tagen bat mich ein Verwandter, ich solle ihm einen Schlips besorgen. Ich ging m ein Heines(Scichäst in der Lindenstraße und ließ mir die Vorräte zeigen. Was man mir für jeäizig bis hundert Mark anbot, war von der Art Se.bsibinder, die man nach vierzehniägigem Gebrauch nicht mehr von einem S.rick unterscheiden kann. Ein Mann, der ein angängiges Stück erwarb, bezahlte dafür drechundcrt Mark. Ich ging, ohne zu kaufen, wieder aus dem Laden, weil ich rechtzeitig an das Wort des griechischen Weifen dachte:„Es ist so vieles, was der Mensch nicht braucht..." Die Not verfchärft sich von Tag zu Tag. Der Arbeiter, dessen Lohn bestenfalls dreißig Goldmark monatlich beträgt, muß immer neue Abstriche am Notwendigsten zur Lebenshaltung machen, und wir können heute ohne Kühnheit behaupten, haß wir armen Menschen nicht mehr unser Dasein fristen, nein, wir verkommenl Wir können an Neuanschaffungen nicht denken, das Alte oerfchlcißt. Das Elend wird immer ojsenbarer, selbst in dieiem Lande, wo die Scham, ärmer zu erscheinen als der andere, eine hohe Kunst der Ver- hllllung gezeitigt hat. Dem ofsenen Auge entgeht nirgendwo der versteckte Dalles. Da ist der Krimmermantel aus der Vorkriegszeit, der die ärmlichen, verwaschenen Unterkleider verdeckt, immer wieder werden die Hüte umgepreßt und mit Appretur gesteift, und wer die Insassen eines beliebigen Straßenbahnwagens nötigen könnte, die Snesei auszuziehen, würde lehrreiche Schlüsse aus die herrlichen Zeiten ziehen, die das Stahlbad des Krieges hinterließ. Je tiefer die Verschalung, desto peinlicher wird sie: unter der schlechten Wäsche sißt die Haut, deren häusige Reinigung nicht mehr zu erschwingen ist und ganz innen der Magen, der sich soviel gefallen läßt. Das wenige Neue, das mit Hängen und Würgen dann angeschasst wird, wenn die Scham stärker ist als der Hunger, ist schlecht. Kein Mensch, der kein Schieber ist, kann sich heute Tuch kaufen: wer Cheviot trägt, gehört zu den seinen Leuten, überall herrscht die mit Leim über- ladene Ersaßware vor, die kein Wetter verträgt, in der Farbe ver- schießt und bald wie Zunder zerreißt. Alles ist auf Schein gestellt, wirkt bestenfalls im Schaufenster des Konfektionärs, alles ist für den Tag und oergeht mit ihm.„Villig und schlecht!"— mit diesem Schlachtruf eroberte die Konsektio» den Markt der Masse.„Teuer und schlecht" ist die Parole von heute. Und immer noch rennt der Proletarier hinter der Mode des Großbürgers her, mit dem Karnickelfell hinter dem Biberpelz, mit dem Gummitragen hinter dem Seidenhemd, mit den Ftorstrümpsen hinter den Dessous. Nur ja, wenn es angeht, nicht für dos gehalten zu werden, was man ist, für den armen Mann eines armen Volkes. Das auf den unechten Schein gestellte wilhelminische Streber- Deutschland liegt auch den proletarischen Massen, schauderhast tächer- lich bei dieser Not, im Blute und es ist so schwer, die Talmikultur des Bürgers abzustreifen. Und dennoch sollte es möglich sein, mit dem Idol der bürgertichen Mode zu brechen, die nicht für den Proletarier bestimmt ist und gerade darum so häufig gewechselt wird, weil sich der Besißende vom Nachässer unterscheiden will. Niemand wird behaupten wollen, daß die bürgerliche Mode schön sei, was daraus schon hervorgeht, daß jede veraliete Mode lächerlich wirkt. Wer vor fünfzehn Jahren als Frau den Mut besessen hätte, mit einem Rock von heule auf der Straße zu erscheinen, wäre der Erregung öffentlichen Aergcrnisses geziehen worden, und wer heute in einer Kleidung sich öffentlich zeigen würde, die vor zwanzig Jahren als vornehm galt, würde Holm und Gelächter ernten. Noch weniger kann davon gesprochen werden, daß die moderne Kleidung praktisch oder gesund sei— aber das sind ja Binsenwahrheiten. Die Frage ist die nach der Möglichkeit, eine allgemeine» Abkehr der Massen von einer Mode zu erreichen, welche mitzumachen sich nicht lohnt. Ich denke dabei an eine Bewegung, die seinerzeit vom Kunstwart ausging und wider die Hausgreuel anlief, gegen die Nippes und die Sofaschoner, gegen den Stuck und die imitierten Möbel, gegen den tausendfältigen Kitsch, mit dem sich der Kleinbürger umgab. Diese Bewegung setzte sich schnell und mit großem Erfolge durch: die Marmorimitationen der Treppenhäuser, die sichtenen Vertikows, die wie Nußbaum aussehen, die Oeldruck- schinken, der vergoldete Gips-Bismarck, der gemalte Kamin, die Tapeten, die beinahe wie Holz aussehen— für all diestn Plunder, mit denen sich die Alten überluden, haben die junaen Generationen nur noch ein Lächeln: gediegener Hausrat, prunkloser Schmuck, ein- fache Heimkunst fanden wieder die Liebe des Volkes. �Ebenso ist es denkbar, daß das arme Volk zum einfachen Kleide zurückkehrt, ohne sich zu schämen. Die Proletarier anderer Länder haben sich nicht so weit vom Eigensinn für ihre Kleider entfernt als gerade die deutschen. Der Russe trägt überall seinen leinenen Kittel, mit wieviel Grazie verstehen sich die italienischen und spanischen Ar- beiterinnen in ihren einfachen Tüchern zu bewegen, und die sranzösi- schen Midinetten, die Verkäuferinnen und Arbeiterinnen tragen mit einer Anmut, die immer wieder den Dichter entzückt, ihr ewig gleiches, einfaches, schwarzes Kleid mit dem weißen Kragen. Der Beispiele könnten noch genug gegeben werden. In Deutschland tst es die Jugend, vor allem die werktätige, dl« praktiich den Versuch macht, mit Bügelsalte und Stehkragen, mit Korsetts und Uhrketten, mit Stelzschuhen und steifen Hüten, mit Schlipsen und Spazierstöckchen zu brechen und mit einfachen Kleidern aus Leinen und prakischem derben Schuhwerk auszukommen. Der Wandervogel hat damit angefangen, heute herrscht bei der Arbeiter- jugend, bei den Lungsozialisten diese Tracht vor, und selbst in den Hörsälen der Universität ist sie nichts Außergewöhnliches mehr. So selbstverständlich jedoch-der Jugend diese Abkehr von einer äußeren Zivilisation ist, die sie als unecht und zu ihrem Wesen nicht organisch empsindet, so erstaunlich ist es, daß diese Jugeno und ihr gesundes Empfinden von einem großen Teil der älteren Arbeiterschaft nicht verstanden wird: denn die Klagen der Jugendlichen, daß sie wegen des Schillerkragens, der„Wellblechhose" und ihrer Abneigung gegen das Gehüte von den älteren Arbeitskollegen verspottet werden, sind allgemein. Es mag sein und ist bei jungen Menschen verständlich, daß sie ihre Kluft sehr selbstbewußt tragen und aus ihr rotes oder grünes Hemd oder die langen Haare ein wenig eitel sind, doch ist das lange nicht so komisch zu finden, als wenn ein sogenannter Schweiß- beinkaoalier beinahe an seinem leinenen Halseisen erstickt, dauernd nach seiner Krawatte greift und sich die gebügelten und umgeschlage» nen Appreturschläuche mit der Kneiizange anzieht. Jede Aeußerlich- keit des Lebens hängt mit einer Innerlichkeit zusammen, uno wie der wahrhafte Sozialist seinen Klassenkampf nicht mit der Absicht führt, in die bürgerliche Welt hineinzuqelangen, sondern aus ihr herauszukommen, so ist es die ehrliche Schlußfolgerung der Jugend» anderes inneres Wesen durch andere äußere Erscheinung ohne Scheu zu offenbaren. Kommt noch die Rot der Zeit dazu und mit ihr die Erwägung, ob man sür den Schein, ein Pürgerjunges zu sein, den größten Teil des kargen Arbeitsertrages opfern soll, so spricht es nur für den gesunden Menschenverstand unserer neuen Jugend, wenn ihr die Konfektion gestohlen werden kann einschließlich aller Be- Wertungen, die den Menschen vom Schneider aus betrach'en. Den Wertungen„schofel" oder„elegant" setzt sie die anderen„geschmack- los" oder„gediegen" entgegen und gibt den feinen Mann und das moderne Fräulein gern daran, weil es genügt, ein sauber und ein- fach bekleideter ehrlicher Mensch zu sein, der im Gegenteil Wert darauf legt, mit einem Ausbeuter oder einer Dielendirne nicht ver- wechselt zu werden. Wie armselig ist doch der gegenseitige Betrug einer Jugend, die sich nicht an sich selbst, sondern nur an ihrer Auf- machung begeistern kann, und wie dumm ist es, sich nur als Produkt der Kleidermacher einzuschätzen. Wir müssen die Pflichten gegen die Zivilisation aus das Not» wendigste beschränken: dos ist weniger tragisch als die Beziehungen zur Kultur(wie schmerzlich, kein Buch mehr kaufen zu können I) auf» geben zu müssen. Für ein Volk, das fo arm geworden ist wie das deutsche, ist es würdelos, den Modelorgen der Valutaschweine noch» zulaufen. Der werktätige Mensch jedenfalls hat mehr als einen Grund, einmal von der Jugend zu lernen, wie man mit Gewohn- hsiten bricht, die nur anerzogene sind. Sie zehren von Kräften, di« nötiger gebraucht werden— für Ausgaben, welche noch ganz anderen Mut verlangen werden, als den, auf Hut und Schlips zu verzichten._ Richard Dehme! und öle /trbeiter. Von Alwin Rudolph. Wir schätzen Richard Dehmel als den genialsten Dichter aus der Zeit des Naturalismus, jener Literaturperiode, die in den achtziger Jahren so vielversprechend einsetzte, einige Zeit tatsächlich die öffent» liche Meinung beherrschte und gegenüber dem damit überwundenen Dichtergeschlccht einen gewaltigen Kulturfortschritt bedeutete. Diesen Kunstjüngern aber gab wiederum die von den Fesseln befreite, mächtig sich entfaltende Arbeiterbewegung Grund und Boden zur Bctäti- gung und Auswirkung, sie gab Anregung und Impuls, Stoff und Wärme. In der Arbeiterbewegung fanden sie, was sie suchten und brauchten: Begeisterung für ein gemeinsames und großes Ziel, Sehn- sucht nach einer neuen und freien Gemeinschaft, Zukunftsglauben und Rechtsbewußtsein. Aber sie fanden noch mehr Neuland, ein weites von der Kunst noch nicht beackertes Gebiet, wahres Helden- tum und Seelcngröße. Aber vor allem fanden sie Menschen, Men- schen, die wohl vom Kapitalismus unterdrückt, in der Entwicklung gehemmt, darum aber noch nicht verdorben und von frischen Sinnen waren: sie fanden Urboden, der bisher noch nicht erschlossen und der falschen Kultur unzugänglich gewesen war. Die Seele des um sein Recht kämpfenden Proletariats hat von diesen Dichtern am tiefsten Richard Dehmel erfaßt. Sein Maifest- lied, sein Arbeitsmann und der Märtyrer sind ohnegleichen. Und wie er selber über diese Dichtungen dachte, das können wir jetzt in seinen ausgewählten Briefen nachlesen.(S. Fischer Verlag, Berlin.) Seinem Bruder, der ihn wohl darum fragte, erklärte er im Jahre ZSOI, daß er sich keiner Partei zuzähle.„Ich bin weder Anarchist, noch Sozialist, noch konservativ, noch liberal, sondern alles dies zu- sammen und noch mehr. Ein Dichter hat nämlich keine höhere Auf- gäbe, als allen menschlichen Bestrebungen gerecht zu werden und sie in ihrer natürlichen� Notwendigkeit gegenseitig zu versöhnen. Das nennt man„seelische Harmonie"." Er will nicht Tröster sein, auch nicht dem niederen Volk gegen- über.»Das widerspricht meiner ganzen Glücksauffassung, die darin gipfelt, daß nur der einzelne selber sich seine seelischen Erlösungen gestalten kann. Aber andere auf einen höheren Gesichtspunkt heben — Über ihre Eigenart und Lebenslage hinaus—, so daß ihr Trieb zur Selbsterlösung, zur chingabe ans ewig Allgemeine kräftiger und heftiger wird: ja, das, das ist die Sehnsucht meines Lebens, ist der innerste- Same aller meiner eigenen Erlösungen." Er glaubt nicht an den sozialistischen Staat, daß er auch nur einen Funken mehr wahren Glückes bringe.„Aber diese Leute, die nur die Not der Armut kennen, die nichts wissen von der Last des Wohlbehagens, sie, sie glauben doch daran!" Jetzt ist in diesen Leuten,„die im Dienste der Kultur oder gar unter der Fron einer Ueberkultur von ihren Regungen oder Ueppigkeiten ausgeschlossen bleiben... ein eigener Erlösungsdrang erwacht."„Und darum: in die Seele dieser Leute hinein begreife ich ihr sozialistisches Ideal und billige es." Er billigt es, weil„der begeisterte Glaube des Proletariers an sein materia- listisches Dogma rätselhafterweise einen idealistischen Rückschlag zu Üben beginnt auf das sittliche Bewußtsein des ganzen Volkes". Er wollte die„Millionenstimme, die hell nach Brot vor Seelenhunger schreit, in rechte Töne bringen". Er sieht an dem Parteiproletarier, daß er bereit ist,„sein persönliches Lebensglück dem Ideal zu opfern", was reiche Früchte tragen wird. Und um dem Opfer die Bitterkeit zu rauben,„muß der Idealismus jene Höhen seliger Betrachtung er- fliegen können, von denen her des Leibes Not und Notdurft nicht mehr sichtbar ist, muß ein Idealismus nicht des sorgenden Ber- standes, sondern des starken, gläubigen Gemüts errungen werden, der auch die Vernunft befriedigt und beruhigt, indem er jeden zwingt und fähig macht, den Lebenswert des einzelnen nur noch am großen ewigen Gesetz der Allentwicklung zu messen,„zumal den Wert des eigenen Lebens". Auch das hat er in seinen Gedichten zu gestalten versucht. Später, in einem Brief an Karl Henckell, findet er, daß wohl von manchen Parteiseelen die Dnrchschnittsstreberei gepredigt werde und daß ihm der kritische Sozialismus der Massenpolitiker nicht imponieren kann, und doch muß er anerkennen,„In diesen Schichten ist ja heut die meiste Sehnsucht flügge, frischen Menschenadel zu erzeugen". Sehr warm tritt er für seinen Freund und Dichtergenossen Liliencron ein, wenn bei ihm auch nicht„gerade jedem einzelnen Gedicht der sozialistische Hemdenzipfel hinten und vorn heraushängt". Er will „dem Arbeiter nicht bloß ein Mitleid mit seiner eigenen Klasse, son- dern ein allgemeines Verständnis für menschliches Leid ins Herz pflanzen". Wonach es Ihm aber vor allem verlangt, das ist der Glaube„an die Glückhoftigkeit, auch des bedrängtesten Gemüts, des beengtesten Geistes, des gequältesten Leibes". Diese Qualen des Leibes und des Geistes hat Richard Dehme! genugsam zu kosten bekommen, zuerst als Angestellter einer Versiche- ungsgesellschaft, dann als Sekretär des Verbandes der Zuckerfabriken. Und als er endlich diese Last von sich wirft, tut er es mit der Zuver- ficht:„Arbeiten, das habe ich gelernt in meinem Amte, das ist der Segen, der immerhin aus dieser siebenjährigen Seelensklaveret für unser Leben erwachsen ist. Nun aber: würdig arbeiten! Das werde! ich jetzt lernen, und brauche es nicht erst zu lernen, werde es können." Nach einer kleinen Pause hatte er sich sofort wieder in die„Tret- Mühlenarbeit" stürzen mästen, daß er nicht zu sich selbst kam. Dann aber packte es ihn:„Seit Monaten diese entsetzliche 10-, 12-, llstündige Tageslast fürs liebe Brot! Endlich, vor einer Woche, versagte mein Gehirn den Dienst: in einem Anfall schwerer Nervosität, von dem ich mich erst jetzt zu erholen beginne, schmiß ich den ganzen Kram an die Wand und lief eines Abends auf und davon, fuhr nach Hamburg zu meinem Freunde Liliencron, mit den kindischsten Fluchtplänen." Darauf erst bekamen die dicken Zuckerbarone ein Einsehen und be- willigten ihm endlich nach sieben Jahren einen Urlaub und statteten ihn mit einem Reisestipendium aus. Aber er hat in die Tretmühle wieder zurückkehren müssen, und als der den„Krösussen von der Zuckerindustrie", die einen Ring zur Steigerung der Preise bilden wollen, das Protokoll führen muß, tut er es mit dem mephistopheli- schen Behagen:„daß nämlich diese Leute mit dem wirklich großartigen Plan einer Produktionsorganisation, den sie ihrem kapitalistischen Hauptzweck haben zugrunde legen müsten, die eigentlichen Vorarbeiter für die spätere Verstaatlichung ihres ganzen Betriebes geworden sind. Bequemer kann es der sozialistischen Zukunft gar nicht ge- macht werden." Später noch wußte Richard Dehme! ganz genau, daß seine wärmsten Verehrer in den Kreisen der Handarbeiter und Volksschul- lehrer sitzen, und er pfiff auf das ganze verbildete Publikum, das ihn nicht verstehen konnte oder wollte, das sogenannte ungebildete hat ihn verstanden und war ihm lieber. Dehmel erkannte eben, daß es sich bei den Gebildeten um eine absterbende Klasse handelte und daß die Zukunft der Arbeiterschaft gehört. Was er damals ahnte, ist heute schon eingetroffen: das Bürgertum kann all feine Kunst- Institutionen nicht mehr halten, und schon muß sich der Theater- betrieb auf die Theatergemeinden und Volksbühnen der Arbeiter- schaft stützen. Künstler, die vor wenig Jahren noch aus Angst vor dem Bürgertum die Mitwirkung bei Arbeiterfesten versagten, stehen heute ganz in dem Dienst der Kunstbestrebungen der Arbeiterschaft. Mensch, benimm öich! Von Hans Klabautermann. Es wäre dumm, wenn wir in Deutschland nicht noch eine Reihe von Männern hätten, bei denen wir anfragen können, was sich ziemt. Da die Edlen von Gottes Gnaden nicht mehr im Land weilen, ge- raten wir in dieser Frage, wie wir uns zu benehmen haben, vollends in Konflikt. Wir wissen nicht, ob es sich mit dem guten Ton ver- trägt, im Parlament„jüdische Frechheit" zu schreien oder Aktenstücke Abgeordneten an den Kopf zu werfen. Wir sind uns nicht im klaren, ob Feldherren tüchtiq genannt werden müssen, die einen Krieg mit zahllosen herrlichen Siegen führen und durch eine unvorher- gesehene zufällige Niederlage an dem Erkämpfen weiterer Siege gehindert werden. Es herrscht sogar darüber Meinungsverschieden- heit, ob an ihnen Kritik geübt werden darf, nachdem ihre kriegerische Brauchbarkeit durch die Verleihung des medizinischen Doktortitels erwiesen ist. In solchen Fragen des Taktes sind die Sozialisten nicht kompetent. Die Leute beschäftigen sich mit dem Problem, wie man die Masse der arbeitenden Bevölkerung bessern kann, und ähnliche Belanglosigkeiten und behaupten/ das nehme sie völlig in Anfpruch. Unter diesen Umständen können wir von Glück sagen, daß wahre Ideale noch leben. Wer wäre wohl geeigneter, sie lebendig zu er- halten, als ein Lehrerl Herr Knobel aus Guhrau gehört zu diesen begnadeten Geistern. An den erhebenden Auoenblick werden die von ihm geführten Jünglinge bis in ihr spätes Alter in weihevoller Stimmung denken, wo Herr Knobel so ergreifend sprach:„Das ist ein Judenfriedhof. Spuckt alle dreimal aus:„Eins"— fst— „Zwei"— fft— �drei"— fft. Dies Tun ist in mehr als einer Hinsicht bewunderungswürdig. Es zeugt von Mut und Totkraft. Gegen lebende Juden hetzen ist an sich schon gefährlich. Manch schallende Ohrfeige stempelte den Antisemiten zum Märtnrer. Aber was ist das für eine Tapferkeit, sich sogar gegen tote Juden auf- zulehncn. Heutzutage, wo die Geister schwirren und der Okkultismus was einbringt. Darüber hinaus besitzt Herr Knobel einen beacht- lichen Blick für Zucht und Ordnung, der ihn als großzügigen Or- ganisntor für völkische Veranstaltungen erscheinen läßt. Spucken und vielleicht auch andere den Körper entleerende Handlungen takt- mäßig von Menschenqruppen ausgeübt, das heißt den Parademarsch wieder zu Ehren bringen, ja ihn auf ein höheres Niveau führen. Für die Verwirrung, die in der Frage der guten Sitte herrscht, ist es bezeichnend, daß manche das Handeln des Herrn Knobel nicht geschmackvoll fanden. Klarheit schaffte Herr Maurenbrecher, der als Gottesgelahrter, also als Lehrer der Ethik berufen ist, Tugenden ins Volk zu tragen. Er meinte, zum mindesten feien die Spuckereien harmlos, da sie im Sand an der Kirchhofsmauer versickerten. Diesen Hinweis war er zu machen verpflichtet, um ähnliche Harmlosigkeiten zu verhindern, die sich in seinem jetzigen Arbeitsfeld, der Redaktion der„Deutschen Zeitung", abspielen könnten. Wenn man hinein� spuckt, versickert es nicht so schnell, weil in diesen Räumen wenig Sand, dafür viel Blech anzutteffen ist. Herr Marenbrecher ist ebenso wie Herr Superintendent Raak Verfechter des modernen Christentums, das sich von der starren und einseitqen Religion der Liebe losgelöst und der Zivilisation der Maschinengewehre und der Giftbomben angepaßt hat. Nach den neuesten Forschungen des Herrn Raak sind Völkerversöhnung und Weltfrieden mit dem wahren Christentum nicht vereinbar. In dan- kenswerter Weise hat er damit einen deutlichen Trennungsstrich zwl� schen den veralteten Lehren des Neuen Testaments und den mo- dernen Anschauungen gezogen, mit denen die Welt, wie sie sich täg� lich zeigt, viel weiter kommt. Wir fürchten, der neue amerikanische Botschafter Houqhton wird nicht den Beifall des Herrn Raak finden. Er scheint völlig überleb- ten und albernen Ansichten zu huldigen. Auf einem Abschiedsdiner hielt er eine Rede mit folgendem, sehr merkwürdigem Anfangt „Ich glaube nicht an einen'moralischen, geistigen oder gar wirt- schaftlichen Wert des Hasses. Der Haß dient keinem nützlichen Zweck. Haß schafft nur Verwirrung und Zerstörung." Herr Raak wird sagen, so kann nur ein Mann sprechen, der das herrliche Ge- dicht Ernst Lisiauers nicht kennt, das die Brust jedes wahren Deut- schen schwellt. Geliebte Gemeinde, wir hören, was geschrieben steht. Lissauer, Buch 1, Vers zwo: Haß zu Wasser und Haß zu Land, Haß des Herzens und Haß der Hand, Haß der Hämmer und Haß der Kronen, drosselnder Haß von siebzig Millionen. Das ist ein Programm, Herr Houghton, mit dem sich eher was anfangen läßt. Er sollte sich das um so mehr zu Herzen nehmen, als er in eine Stadt kommt, die modernen Geist atmet und, was den Ver- kehr anlangt, New Pork in den Schatten stellt. Um ein Beispiel her- auszugreifen, stellen wir mit Genugtuung fest, daß nach einer Mit« teilung der Oberpostdirektion in der Dreimillionenstadt nicht we« niger als 1— in Worten: ein— Fernsprechautomat die ganze Nacht hindurch in Betrieb ist. Sie würde sich sogar entschließen, die Zahl solcher benutzbaren Sprechstellen um zwei oder drei zu ver- mehren, wenn die Häuschen nicht mit Bedürfnisanstalten verwech- selt würden. Herr Houghton wird, wenn er die Fernsprechzellen demnächst in Augenschein nimmt, zweifellos über derartige Berliner Gepflogenheiten in Erstaunen geraten. Erstens sind die verwechfel- ten Apparate für den von der Oberpostdirektion gerügten Zweck zu klein, zweitens erfordert es akrobatenhafte Geübtheit, sie dafür zu benutzen. Wissen und Schauen Bühnen-Rotwelsch. Die meisten Berufe und Stände haben sich ein eigenes Jargon herausgebildet, in dem sich die Romantik dieses Lebenskreises besonders anschaulich spiegelt. Verhälwismäßig wenig beachtet ist bisher die Sprache der Schauspieler, der Kulisscn-Jargon, der doch eine reiche Fülle von Ausdrücken gebildet hat. Von diesem „Bühnen-Rotwelsch" erzählt der bekannte Theaterkenner Karl Grube in einem Aufsatz von„Reclams Univer'um" Die Gcheimckprache der Komödianten blüht am reichsten bei den reisenden Gesellschaften, di« den merkwürdigen Namen„Meerschweinchen" führen. Da„kniet sich" der„blutige Anfänger" in die dramatische Kunst hinein,„ver- zapft" eine Rolle nach der andern, und der„Schmicrist" legt seine „Bombenrolle" hin, wenn der„Jammersetzen", der Vorhang, aufgegangen ist. An solchen Wanderbühnen zieht der„Alte"— so heißt der Direktor—, wenn„aus Teilung" gespielt wird,„die Ritter- f tiefe! an", d. h. er läßt einen Tei, des zu teilenden Gewinnes m einen großen Ritterstiefeln verschwinden. Der Wandermine be- zeichnet die von den höheren Komödianten„Musenstall" genannte Bühne als„Bude" und den Darsteller der Jntrigantenrollcn als „Brunnenvergifter". Weiter im Alphabet wird der Gagsntrg am 1. und 16 jeden Monats„Direktors Heimsuchung" genannt, weil an diesem Prüfungstaqe die Mimen den„Häuptling" heimsuchen.„Cr" ist allemal der gestrenge Direktor,„Es" seine Tochter,„Sie" die pantosfelschwingende Direktorin. Der Buchstabe F schenkt uns den „Freibsrger", der nichts zahlt, aber dafür desto mehr schimpft. Der „Flüsterleis" ist der„Kastengeist", der im Amtsstil noch immer Souffleur genannt wird. Das„Grünhorn" ist der Anfänger.„Auf den Händen sitzt" das geehrte Publikum, wenn es nicht applaudiert. „Klauenfett austeilen" aber nennt der Mime einen stark unter- ftrichenen„Abgang" bei dem er in kühnem Bilde lozulagen den Besuchern des„hohen Olymps" die„Klauen" mit Fett bestreicht, damit sie besser klaftchcn können. Ein„Leichenhuhn" heißt der Schauspieler oder die Schauspielerin, die„immer einspringen", wenn sich jemand krank meldet Ebenso wenig schätzen die Kolleg-n den „Mauerweiler", den gastierenden Mimen, von dem es in der Zei- tung heißt:„Der geschätzte Gast weilt wieder in unsern Mauern". Leute, die junge Künstler oder noch lieber Künstlerinnen freihalten, werden als„Neger" bezeichnet, wahrscheinlich weil sie angepumpt werden, bis sie„schwarz" werden. Eine große Bühne wird„Reit- stall" genannt, Lorbeerkränze und Bukefts„Ruhmesgemüse". Unter „Schwimmen" versteht bekanntlich der Schauspieler die Kunst, ge- wisiermaßen am Schwimmgürtel des Einbläsers durch die wilde Brandung der nicht gelernten Rolle zu schwimmen. Der Spielplan heißt„Speisekarte", der Theateragcnt„Talcntpächter" und das ge- ehrte Publikum„Volk". Wieviel haare hat man auf dem Kopfe? Während sich sonst gewöhnlich nur die Dichter mit der Schönheit des Frauenhaares zu veschäftigen pflegen, hat ein englischer Arzt eine nüchternere Betrach- tung des menschlichen Kopfschmuckes angestellt und teilt darüber allerlei Jnteresiantes mit. Die Zahl der Haare ist zwar sehr ver- schieden, doch kann man von einer durchschnittlichen Behaarung des Kopfes feststellen, daß man im ganzen 120666 Haare auf dem Kopfe hat. Die Blonden haben die meisten Haare, durchschnittlich 146 666 Haare, dagegen sind die Rothaarigen, bei denen das einzelne Haar besonders stark ist, am spärlichsten ausgestattet und besitzen durchschnittlich nur 86 666 Haare. Der Braunhaarige verfügt durch- schnittlich über 163 666 Haare und der Schwarzhaarige über 168666 Haare. Die Haare des Kopfes sind hornartige Gebilde von langer runder oder zylindrischer Form, die in der Haut ihren Sitz in sogen. Haarsäcken haben. Gewöhnlich hat jedes Haar seinen eigenen Sack, aber gelegentlich teilen sich auch zwei oder drei Haare in einen solchen Behälter. Der Teil des Haares, der unter der Hautoberfläche liegt, wird Haarwurzel genannt. Wenn ein Haar feine volle Daseins- Möglichkeit erschöpft hat, dann fällt es aus und wird durch ein neues Haar ersetzt; manchmal aber wächst ein neues Haar auch schon, wenn das alte noch nicht abgestoßen ist. Jeder Haarsack ist mit einem kleinen Bündel von Muskelfasern ausgestattet, die sich unter dem Einfluß der Kälte oder starker Gemütserregungen zusammmcnziehen und dann das Haar leicht aufrichten. Das Haar„sträubt" sich dann. Die Haarfarbe steht in direktem Verhältnis zu der Summe des Pigments, das sich in dem Haarkörper befindet. Das lichtblonde Haar wird aber durch kleine Luftbläschen hervorgerufen, die sich ebenfalls im Haarkörper bilden. Die Haarsäcke sind beim Neger viel länger als bei den weißen Rassen, und die Haare sind deutlich gekrümmt, wodurch das Gekräusel des Negerhoares entsteht. lm>ssmlsi=3K=äDl Erökunüe Der tiefste Punkt Deutschlands. Der höchste Punkt Deutschlands ist ziemlich allgemein bekannt— es ist der Gipfel der Zugspitze, der der sich 2963 Meter über der Nordsee erhebt. Welches ist aber der tiefste Punkt des deutschen Bodens? Er ist am Grunde eines der vielen Seen zu suchen, deren Boden sich in manchen Fällen unter da» Meeresniveau hinabsenkt. Der Ruhm, den tiefsten Punkt Deutschlands in sich zu bergen, gebührt dem sonst wenig bekannten Hemmelsdorfer See, der bei Travemünde fast in gleicher Höhe wie die benachbarte Ostsee liegt. Er reicht 45 Meter unter das Meeresniveau hinab, so daß der Höhenunterschied zwischen dem höchsten und dem tiefsten Punkte Deutschlands fast genau 3666 Meter beträgt. Andere deutsche Seen sind zwar viel tiefer, siegen aber höher, so daß sie doch nicht so tief hinabreichen. So ist der Bodense« 2S2 Meter tief, sein Spiegel liegt aber 393 Meter überm Meer, und so liegt die tiefste Stelle seines Beckens immer noch 147 Meter höher als der Meeresspiegel. Noch eine zweite verborgene Merkwürdigkeit besitzt der Hemmelsdorfer See, wie Dr. Griesel entdeckte. Er enthält nämlich an seinem Grunde, von 35,5 Meter Tiefe an, Salzwasser, aber die sehr scharfe Grenze zwischen ihm und dem darüberliegenden Süßwasser sinkt jährlich um 66 Zentimeter. Es handelt sich dabei offenbar um den Rest des Ostseewassers, dos im Jahre 1872 durch eine furchtbare Sturmflut in den See hineingetrieben wurde und nun mehr und mehr ausgesüßt wird. Technik Das Amphibicnschiff. Die großen Schwierigkeiten, die dem Transport von Gütern auf schlechten Wasserstraßen, besonders in Afrika, entgegenstehen, haben zur Konstruktion eines ganz neuen Transportmittels geführt, des Amohibienschiffes, von dem H. Retter in der„Umschau" erzählt. In unkultivierten Gegenden sind di» Wasserläufe oft durch Stromschnellen unterbrochen, und es ist daher ein Fahrzeug notwendig, das sich sowohl zu Wasser wie zu Land« fortbewegen kann. Der Erbauer dieses neuen Schiftstypus, Dr. Robert Goldschmidt, machte sich die Erfahrungen der Walfischfahre? zunutze, die wieder für ihre Stahlschiffe auf die Vorbilder von Ein- geborenenbooten zurückgegriffen haben. Das Amphibienschiff besteht aus zwei nebeneinnndergel'gten Booten, die starr mitein» ander verbunden find; die Verbindunasstücke besitzen Räder. Kommt das Bootspaar an eine unschiffbare Stelle, so muß dort eine Ein» schienenbahn vorhanden sein, auf die sich das Schiff mit Hilfe einer Schienenrompe emporarbeitet. Der Tiefgang des Schiffes beträgt nur 65 Zentimeter, während die bisher aus dem Kongo benutzten Schisse mit günstigstem Tiefgang 1,16 bis 2,16 Meter Tiesgang hatten. Beide Schiffe sind als Tanks ausgebildet, so daß nur ein» der Schisse beladen zu werden braucht, während das unbeladene mit Wasser gefüllt wird und so dem beladenen das Gleichgewicht bält. Jedes der beiden Zwillinasschisfe besitzt einen besonderen Motor, die im Wasser unabhängig voneinander arbeiten; auf der Schiene läßt man zweckmäßiger nur einen Motor arbeiten, wenn auch die Fortbewegung dadurch langsamer wird. Die Benutzung nur eines Motors erlaubt nämlich, den anderen für unvorher- gesehene Zufälle als Reserve zu verwenden. Mit diesem Amphibien» schiff sind auf den verschiedenen Nebenflüssen des Kongo eingehend« Versuche gemacht worden, und es ergab sich eine wesentliche Ver- billigung der Beförderungskosten, indem das teure Umladen ver- mieden und der hohe Trägerlohn auf ein Minimum vermindert wird. Das neue Transportmittel schwimmt und rollt, hebt sich au» eigener Kraft aus dem Wasser und geht wieder hinein, überwindet Stromschnellen und Untiefen, ist also das gegebene Beförderung»- Werkzeug für unkultivierte Länder. Die Farbstossproduklion der Well. Der Vorsitzende des Eng- lifchen Farbstosf-Berbandes macht in„Chemical Age" Angaben über die gegenwärtige Erzeugung von Farbstoffen in den einzelnen In« dustriestaaten. Danach werden in den Vereinigten Staaten setzt jährlich rund 32 666 Tonnen Farbstoffe hergestellt, in Großbritannien 36 666 Tonnen, in der Schweiz 12 666 Tonnen, in Frankreich 8666 Tonnen und in anderen Ländern, ohne Deutschland. 4666 Tonnen. Deutschlands Erzeugung betrug vor dem Krieg 135 666 Tonnen. Heut« dürfte sie nach Ansicht der englischen Sachverständigen erheblich größer sein, doch wird dies von anderer Seite bestritten. Naturwissenschaft[slüu�aciW Wie sieht der Schmetterling die Welt? Die Frage, wie sich im Auge des Schmetterlings das Weltbild spiegelt, ist nicht so müßig, wie sie im ersten Augenblick scheinen mag, denn man muh sich gegenwärtig halten, daß jedes der unbeweglichen Augen de» Schmetterlings mit 5666 mikroskopischen Linsen ausgerüstet ift� deren jede auf der Spitze eines aus 8 feinen Nerven gebildeten Sttls ruht. Diese Linsen setzen den Schmetterling in den Stand, gleichzeitig in 5666 verschiedenen Gradwinkeln zu sehen. Die Bilder spiegeln sich in jeder dieser Linsen nicht wie im Menschenauge In verkehrter, sondern in natürlicher Stellung, so daß der Schmetterling ein in unzählige Felder geteiltes Bild vor sich hat, in deren jedem das Bild der Umgebung korrekt wiedergegeben wird. Eine Nach- Prüfung der Sehfähigkeit des Schmetterlings war nur dadurch möglich- daß man im wahren Sinne des Wortes mit dem Aug« eines Schmetterlings durch das Mikroskop blickte. Dabei könnt« man feststellen, daß der Schmetterling kurzsichtig ist, und daß er übe? einen Meter Entfernung hinaus nur verschwommene Bilder zu sehen vermag'. Der berühmte englische Entomologe Eltringham, der über den Bau des Schmetterlingsauges Sonderstudien anstellte, hat auch eine Reihe von Versuchen zu dem Zwecke gemacht, festzustellen, ob das Schmetterlingsauge für die verschiedenen Längen der Lfthtwellen empfindlich ist, die unsere Augen als verschiedene Farben sehen. Es ergab sich dabei, daß einige Schmetterlinge Augen besitzen, di« die ganze Farbenskala des Spektrums wahrzunehmen vermögen, während andere mehr oder weniger farbenblind sind, d. h. die ein- zelnen Farben überhaupt nicht unterscheiden können, sondern alle« rot sehen.