Nummer 2Z 15. Jm\ 1Y22 Anterhaltungsbeilage öes vorwärts /iis sie wiederkamen. Von Theodor Thoma». LNt d»r Genehoiiguns b«« Verfasser» drillten wir hier»In Kapitel au» einem 1 8 S 0 erschein»»d,n Roman ab. Nun waren st» wieder daheim, nachdem ste sechzehn Lahre lang hinter den Mauern der Irrenanstalt geschmachtet hatten. Ihr» einstige Wohnung fanden sie dank treuer Freund« noch für st» bereit. Was ihnen aber fehlte, waren Lebensmittel. Wt» st» es früher immer getan hatte, nahm Gabriele den Marttkorb, um ihr« Einkäufe ku besorgen. Odemar begleitete ste, denn ihm war allein unheimlich in diesen Räumen. Seltsam— was ste schon gestern auf dem Wege vom Bahnhof nach ihrem Hause bemerkt hatten, nichts, fast nichts war in den Aus« lagen zu finden: was noch auffälliger war, es fehlten überall die Preise. „Einige Pfund Kartoffeln möchte ich vor allen Dingen haben, Ich sehn? inich sehr danach,' meinte Gabriele. In dein Delikatessengeschäft suchten sie erst lang» nach den Knollenfrüchten. Schließlich entdeckten ste oben, hinter den Regalen, Unter Glas oersteckt, so etwas, da, wie Kartoffeln aussah. Aber merkwürdig: Diese trugen jede einen Streiken um den Leib, wie früher die Zigarettenschachteln. Sie sahen sich verlegen an. Sollten das wirklich welche sein? Sie wandten sich fragend an die Verkäuferin. „Freilich sind das Kartoffeln,' sagte die.„Wissen Sie nicht, daß diese nur noch mit Banderolen verkaust werden? Um jedes Gxemplar muß seit 1925 ein Steuersircifen geklebt sein.' „Warum denn das?' fragte Gabriele. „Kartoffeln sind als Luxus erklärt worden, deshalb fteuer« pflichtig. Das Stück tostet je nach Größe drei, vier bis fünf Mark.' „Wir werden auf dem Rückweg nochmals'rantommen.' Die Verkäuferin sah den Beiden lang« nach, ste konnte sich gar nicht erklären, warum dl« zwei sich so merkwürdig angesehen hatten: tomisch fand sie dos. Gabriele und Odemar aber schritten weiter. In der nächsten Abteilung wurden Haushaltungsgegenstande feilgeboten. Das erste, was ihnen In die Augen fiel, waren Zündhölzer. An einer großen Schachtel lagen lauter einzelne von den braunköpfigen nützlichen Dingern. „Bitte, reichen Sie mir eine Schachtel,' sagte Odemar. „Sie werden nur stückweise abgegeben, mein Herr,' bekam er schnippisch zur Antwort,„und auch nur dann, wenn Si» andere Ein- käuse tätigen'. „Wieviel darf ich Ihnen für jedes Stück anbieten,' fragte Ga- brielc, nun auch gereizt. „Für diele hier 50 Pfennige, ste sind sicherer, wir haben auch schon welche zu 40 Pfennigen, die möchte ich aber nicht empfehlen.' Wieder sahen sich die zwei Menschenkinder schweigend an. kauften aber nichts Das Streichholzfräulein schien dem auch keine Be- deutung betzulegen. Weiter hinten lockte Gabriele ein Geruch, beinahe wie Kaffee, ste verfügte sich also In den Raum, wo e» Kaffeebohnen und Zucker gab. Beim Eintritt mußten sie fünf Mark Vergnügungssteuer zahlen. Merkwürdige kleine Schächtelchen standen auf den Tischen, so wie ste etwa um 1914 herum als Emser Pastillen verkaust wurden. „Was ist in diesen Packungen?' Odemar fragte einen Mann mit dicken Brillengläsern, der dabei stand. „Wir erklären es Ihnen gern, nur einen Augenblick.' Nachdem sich mehrer« Menschen wn den Erklärer gesammelt hatten, begann er über die medizinische Wirkung des Kaffees zu reden, etwa w!« der Professor von Heilmedikamertten spricht. Zum Schluß sagte er, daß eine Schachtel mit 50 Bohnen für ein Jahr reiche. Diese koste einhundert Mark und fünf Mark für dke Packung. Es fanden sich keine Käufer, so daß der Ausrufer einen anderen Artikel zur Hand nahm. Kleine, weiße, viereckige Stücke. „Würfelzucker nannte man das früher," nieinte Gabriele. Der Erklärer aber tat so. als habe er irgendeine Zauberspeise.. Er redete mit starken Worten über„Sukrmm, wie er das Produkt nannte, das hundertmal so fuß sei als— mancher glaubte. Jeder Würfel koste drei Mark. Hier wurde mehr gekauft: es schien doch Leute zu geben, die ohne Zucker nicht leben können. Unkere Beiden kämen aus dem Staunen nicht heraus. Schließ- lich mußten sie aber doch etwas zu essen kaufen, wenn st« lebm wollten.. Sie beschränkten sich auf ein Brot, für das man Ihnen 200 M. abnahm, dayu etwas, da, wohl zu ihrer Zeit„Sirup' genannt worden wäre, hier aber den Namen„Reichsbrotaufstrlch führte und 65 M. kostete. Da» war alles, was sie tauften. An der Kasse gab der Mann dann vierzehn Zwanzigmarkstück» hin. Die Kassiererin sah ihn groß an, dann fiel sie ohnmächtig um. Zufällig war oer Inhaber des Geschäfts in der Nähe, der sie wieder zum Leben zurückbrachte. Erst jegt sah er die 280 Goldmark auf dem Zahlbrett liegen. Er bekam einen Schreikrampf, erholte sich aber so- gleich wieder und fragte den erstaunten Odemar, ob er glaube, er sei Rolschild. „Wieso?" gab der verwundert zurück. „Mein Herr'— er fieberte in der Stimme,„14 Galddoppel« krönen entsprechen heute einem Kurs von über zwei Milliarden Papiermark, wo soll ich das Geld hernehmen? Ich kann Ihnen noch nicht auf eine Mark herausgeben. Bitte, bemühen Sie sich auf dt» Reichsbank. Oder nehmen Sie auf Kredit. Mein ganzer Laden steht Ihnen zur Verfügung.' Nun wor die Reihe des Wunderns an Gabriele und Odemar, die. sich ansahen, wie zwei Wahnsinnige. „Wir sind gesund geworden uud die Welt ist verrückt!' flüstert« Odemar der Frau zu.„Komm, mir wird unheimlich zumute!" Sie nahmen Brot und Reichsaufstrich und verließen wie di« Fürsten das Warenhaus. In Ihrem Heim tmg«tom!»en aber verfielen sie in ein hysterische» Lachen und Weinen, so daß die geängstigte Wirtin sofort die Schupo mobilisierte, die ste noch am selbigen Abend wieder wegbrachte, nicht ohne daß man die 25 Goldstücke, die sich in ihrem Besij, befanden, beschlagnahmte und sie der Staatskasse zuführte. Am anderen Tag« meldet? de? Polizoibericht, daß gestern zwei eben erst aus der Landes« trrencmstalt entlassene Leute schleunigst wieder hätten in Sicherheit gebracht werden müssen. Das war das Schicksal Odemars und Gabrielens, die sich nicht an unsere veränderten Zustände gewöhnen konnten und sich erst wieder wohl fühlten, als sie in das Asyl der Geisteskranken heimgekehrt waren. Gegen das, was sie draußen gesehen hatten, erschien ihnen da« Leben hier nicht halb so oerrückt. Ein Revolutionsöichter. Bon Johannes Reichelt, Dresden. Publitumslaunen und Geldsackinteressen tyrannisieren die öffentliche Meinung. Mancher Erfolg ist ihr Knecht. Ernst Toller ist politisch belastet. Vorurteile versperren den Weg zu ihm. Da» innerste Wesen des jungen Dichters blieb unverstanden. Er galt der breiten bürgerlichen Mass« als der Biuttyrann der Räterepublik in München, der die erschossenen Geiseln auf seinem Gewissen habe. Sein kurzes Schöffen, der Ausdruck unserer schweren Tage, e» ist deutsch, da es ehrlich seine Seele und die geistige Verfassung seine» Volke» spiegelt. Politik schaltet hier aus. Menschentum und Dich« tung bleibt. Ein paar Briesstellen des Dichters aus dem Jahre 1917 geben fein Wesen.„In letzten seelischen Dingen müssen wir unsere Eintamkeit, d. h. unser Alleinsein mit Gott nicht„tragisch", sondern freudig empfinden...."„Ich will dos Lebendige durchdringen, in welcher Gestalt es sich auch immer zeigt. Ich will es mit Liebe umpflügen, ober ich will auch das Erstarrte, wenn es sein muß. um- stürzen, um des Geistes willen. Ich will, daß niemand Einsatz des Lebens fordert, wenn er nicht selbst von sich weiß, daß er sein Leben einzusetzen willens ist...."„... Zu einer Erkenntnis, wie ich ste verstehe, muß man durch Not, Leiden on seiner Fülle, gekommen sein, muß geglaubt haben,„entwurzelt" zu sein, muß mit dem Leben gespielt und mit dem Tode getanzt, muß am Intellekt gelitten und Ihn durch den Geist überwunden— muß mit dem Menschen gcrun- gen haben." Das ist Ernst Toller. Wie ich zu Toller kam? Ich bin dem Zufall dankbar. Ober« schreiberhau. Ostertagel Bei 20 Grad Wärme lag ich auf der Ve« randa meiner versteckten Pension, badete in Sonne, während drüben am Abhänge ich durch mein Glas die Skifahrer im flimmernden Schnee beobachtete. Gegensätze...1 Und»eben mir liegt eine Dame und blättert in Briefen von Ernst Toller. Erst ist sie scheu, kaum, daß sein Name siel. Aber dann, gereizt durch eine Bcmer- funn, fci« dcn Mtnschcn Toller mit dem Zcrrdilde der vsscntlichen Meinung kcm�eichnele, beginnt die seine Diplomatie ihr Werk: Ich lausche einem Briese aus dem Festungsgefängnis. Sie merkt die Anteilnahme. Ein Gedicht aus dunkler Zelle folgt. Die Glut und Farbigkeit packt mich. Ich verlange mehr und erlebe das Menschen- tum eines glühenden Idealisten. Die Bilder jagen sich. Man muh ihnen folgen. Er klammert sich an ein Stück blauen Rimmels, das die Zelle mit Seligkeit erfüllt. Eine Welt, in der wir leben und die wir dennoch nicht erfühlen, bringt seine Sehnsucht getragen. Leid ist die Melodie, chah und Liebe bis zum Wahnsinn gepeitscht. Gluten züngeln aus dem Inferno seiner verwundeten Seele. Eine Sinfo- nie des Leids, die ihre Quellen aus dem Alltag nahm. Zerrissen, gepeitscht, flammend wie bitteres Gelächter, und doch schön in ihrer Sehnsucht und Stärke. Ein Edeimensch, der in seinem Sehnen nach Berströmung seiner Kräfte und Gluten schiffbrüchig wird, ein Aktivist, der dennoch ein Getriebener, Getragener, Duldender in dem Zeitstrome wurde. Man darf seine Gedichte nicht mit dem alther- gebrachten Maßstab messen. Ihr Rhythmus ist Gefühl, strömende Überflutends Glut, hcißflüssige Wellen, die die Form zersprengen. Man mag sich zu Toller politisch einstellen wie man will, aber ein Gedicht von der inneren Größe und von der Wucht der Sprache wie das Leitgedicht zu seinem Chorwerk„Der Tag des Proletariats" ist ein wertvolles, dichterisches Zeitdokument, das auch zu einer späteren Generation Sprechen wird. Unser Weg. Die Klöster sind verdorrt und haben ihren Sinn verloren, Sirenen der Fabriken überschrillten Besperklang, Und der Millionen troßiger Befreiungssang Verstummt nicht mehr vor klösterlichen Toren. Wo sind die Mönche, die dcn Pochenden zur Antwort geben: »Erlösung ist Askese weltenferner Stille."— Ein Hungerschrei, ein diamantner Wille Wird an die Tore branden:„Gebt uns Leben!" Wir foltern nicht die Leiber auf gezähnten Schrägen, Wir haben andern Weg zu Gott gefunden, Und sind nicht stammelndes Gebet die Stunden, Das Reich des Friedens wollen wir zur Erde tragen, Den Unterdrückten aller Länder Freiheit bringen— Wir müssen um das Sakrament der Erde ringen. Bon seinen Gedichten im Manuskript kam Ich zu seinen Dramen. Seine dramatischen Dichtungen sind Bisionen, die von der Wirklich- keit wegführen. Allegorien. Leben und Sinnbild.„Die Wandlung" und„Masse Mensch" sind Gesinnungs- und Bekenntnisdramen, die kulturheilende Kräfte auslösen möchten. Dramen der Menschenliebe, die gegen blutigen Terror und Ausstachelung wider Masseninstinkt« predigen. Die Geschichte des inneren Werdens seines Helden ist sein Schicksal. Der ehrlich Suchende und Kämpfende ist der Gestoßene. Er wird zum politischen Dichter und schafft mit der Inbrunst eines religiösen Fanattkere. Aus seinen Tendenzdramen loht die Glut seiner Ueberzeugung. Ein herzaufwühlender Massenschrei ist sein Chorwerk„Der Tag des Proletariats". Um ober sein Dichten zu er- fassen, muß man sein Ringen, sein Leben kennenlernen. Mit 20 Vahren zog Ernst Toller, der junge Student der Ratio- «alökonomie und Literatur als Freiwilliger ins Feld. Ein Jubel- jelegramm über das Glück, daß es ihm gelungen war, dabei zu fein, fcifft die Mutter im stillen Landsberg an der Warthe. Aus den Kämpfen im Priesterwald klingen aus seiner Feder feine Worte über deutsches Heldentum. Kameraden und Vorgesetzte stellen dem Unerschrockenen und aufopferungsbereiten Soldaten Toller ein Zeug- »l» aus, da» ihn als Menschen ehrt. Das Kriegserlebnis brennt in seinem Herzen. Er ringt nach Frieden. Ein Nervenzusammenbruch führt ihn in die Heimat. Der Zufall bringt ihn mit Friedrich IB. Förster und Max Weber zusainmen. Er kommt in dm Kreis Berliner führender Sozialisten. Kurt Eisner wird ihm Programm. Sein Menschen- und Künsllertum zeigt ihm Wege, die durch die Brandung der Politik gehen. Ernst Toller lauscht seinem Evan- aelisten. Hat ein Landtag oder Reichstag stolzere, erlösende Worte Uder Kunst vernommen als einst der„Provisorische Nationalrat" mn S. Januar 1919 durch Kurt Eisner?„Kunst erfordert ein ganzes Leben, größte Kunst erfordert sogar Verzicht auf das Leben.... Der große Künstler ist besessen, er ist der Märtyrer Slner Kunst.... Regieren ist eine Kunst.... Der Gegenstand eser politischen Kunst, der Stoff, an dem diese Kunst sich bewähren soll, ist die Gesellschaft, der Staat, der Mensch.... Freiheit kann nur im Reich des Schönen gedeihen.... Heute kann die Kunst Sicht mehr ein Asyl für Verzweifelte am Leben sein...." Das äng dem jungen, seelenverwandten Toller wie Erlösung. Nur eraus aus der Paffivitätl Und so kam er von Kurt Eisners Renschen- und Künftlertum zur Politik und blieb dennoch der Künstler. Eisner rief Toller zu sich nach München. Toller sitzt im provisorischen Nationalrat. Eisner wird erschossen. Toller lehnt die Wahl als Nolksbeauftragter wiederholt ob. Die Räterepublik wird ausgerufen. Toller wird zum Dorsitzenden des revolutionären Zen- tralrats gewählt. Er nimmt an, um ordnende Gewalt zu üben. Er verhindert, daß das Revolutionstribunal Todesurteile ausführt: N versucht, mit dem geflohenen Ministerium in Bamberg zu ver- handeln; er befreit heimlich sechs Geiseln aus dem Keller des Luit- old-Gymnasiums. Bon den Seinen als Hochverräter erklärt, von er Regierung vor's Standgericht gestellt! Entwurzelt, im Drange zu helfen. Das ist wichtig zu wisse», um zu seinem innersten Wesen zu gelangen. Sein Dichten und Leben ist selbst tra« gische Berstricktheit. Es ist kein Zufall, daß ein Dichter wie Karl Hauptmann für den „Revolutionsdichter" Ernst Toller zeugte. In beiden lebt die schöpfe- rische Vision und das Evangelium der Sehnsucht. Ich muß der letzten Worte Karl Hauptmanns über Toller gedenken. Drei Tage vor seinem Tode trug er mir Grüß« an den„Hochverräter" im Gefängnis auf. Das Schicksal Toller» ging ihm nahe. Wir sprachen von der Erneuerung der Dichtung. Er kannte die glühenden Werk» des dichtenden Revolutionärs. Er fand bewundernde Wv'-te für den Idealisten Toller.„Die Zeitsttömung trägt leine Ideale. Der Dichter ist noch blutjung. Wer weiß, ob nicht alle Politik ihm einst nur Episode wird und er sich dann nur von seinen dichterischen Fähig- keilen leiten läßt. Dann wird sein Evangelium der Sehnsucht und des erlösenden Friedens in ihm sich selbst erfüllen und aus die Menschen ausströmen. Ich glaube an feine Sendung." Toller ist Metaphysikcr und Mystiker zugleich, Sozialist und Ethiker. Nicht im Heimatboden wurzelnd, aber stark im Glauben an die Masse, an seine Brüder. Ein Sonnenstrahl scheint in die schmale Zelle, und eine Flut von Hochgedanken bringt ihn in Sonnennähe: eines Bogels Lied klingt von draußen in seine Zelle, und eine Sinfonie der Sehnsucht und Leidenschaft lodert in seinem Innern auf. Allverbrüderung macht ihn zukunstsftoh und stolz. Was Ernst Toller der deutschen Dichtung sein wird, ob seine Glut und seine Visionen verblassen, wenn die flammende Gegenwart sie nicht mehr nährt, ob seine persönliche Freiheit ihm Erfüllung seiner Sehnsucht und Förderung seines Schaffens bringt, das wird sich zeigen, wenn die Zelle sich ihm öffnet. Lebeuöes Licht. Bon Dr. W. R e t ch e n b a ch. (Nachdruck onbekit.) Die stillen Junitage, in denen wir dem schwebenden Lichte der Iohanniskäserchen träumenden Blickes folgen, zählen zu den schön- sten, stimmungsvollsten Stunden im Jahre. Wäre dieses Licht stärker und strahlender, so würden wir uns vielleicht nicht nur an der roman- tischen Freude des schönen Anblicks genügen lassen, sondern es machen wie die Bewohner exotischer Länder, in denen die üppigere Natur Lebewesen schuf, die einen ungleich wirkungsvolleren Glanz zu verbreiten wissen, d. h. wir würden an eine praktische Verwen- dung dieses kastenlos zur Berfügung stehenden tierischen Lichtes denken. Zur Zeit der Eroberung Amerikas beobachteten die Spanier, daß verschiedene Käser, vor allem der auf den Antillen heimisch« stark leuchtende Cucujo bei den Eingeborenen eine vielseitige Verwendung sanden. Das Licht dieser Käfer, das den Borzug besitzt, weder durch den Wind noch durch den Regen verlöscht zu werden, diente den Indianern zum Fischsang, zur Jagd und in Kriegszeiten sogar als optischer Telegraph. Roch heute hält man in der Gegend von Havanna diese Insekten in feinen Drahtkäfigen und nährt sie mit Scheiben von Zuckerrohr. Einen eigenartigen Festschmuck in Gestalt einer leuchtenden Maske verschafften sich die Eingeborenen» indem sie das Gesicht mit den leuchtenden Käfern einrieben. Von der Frauenwelt Mittelamerikas werden die Tier« noch jetzt in fein« Tüllsäckchen eingenäht gleich leuchtenden Edelsteinen auf der Klei- dung und im Haar getragen. Die ersten Missionare auf den Antillen bedienten sich des Lichtes der Käfer in Ermangelung von Kerzen zum Lesen der Frühmesse. Ueber den Gebrauch der Käfer als Lampen berichtet Alexander von Humboldt wie folgt:„Zirka ein Dutzend Cucujos in einer durchlöcherten Kürbisflache dienen in Hütten armer Landleute als Nachtlampen und wird das Licht schwächer, so darf man nur rütteln, wo durch das Irrttieren der Tiere das Licht wieder weit stärker wird." Der große Naturforscher selbst bediente sich beim Desuch der Luftoulkane von Turbaco dieses lebndigen Lichtes als einer Art Sicherheitslampe, um einer Entzün- dung der brennbaren Gase vorzubeugen. Weit verbreitet ist die Fähigkeit der Lichtentwicklung bei den 'Meerestieren. So sind die winzigen Leuchtuercben aus der Gruppe der Infusorien eine der Haupturiacben des Meeresleuchtens. Weiter gehören zu den Leuchttteren verscyieoene Quallen und Ringelwürmer, die Feuerwalze, die Bohrmuschel u. a. m. Sehr häusig finden sich Leuchtorgane auch bei den Bewohnern: der Tiejsce. Nicht nur Fische, sondern auch Tintenfffche und Krebs« haben ihre Laternen. Der Bau und die Anordnung der lichtspenden- den Organe ist außerordentlich mannigfaltig. Bei den einen Fisch- arten schen diese am Kopf hinter den Augen und werfen ihr Licht nach vorn, so daß sie den Weg des Fisches erhellen, bei anderen wieder steht ein Lcuchtorgan aus der Stirn an einem langen Stiel, der vorgeklappt und zurückgeschlagen werden kann. In einzelnen Fällen dürfte» diese Laternen, so weit sie in der Nähe des Maule» sich befinden, zum Anlocken der Beute dienen; man hat nämlich be- obachtet, daß um elektrische Lampen, die zur �Nachtzeit ins Meer versenkt wurden, sich zahlreiche Tiere, Angehörige der verschiedensten Arten, versammelten. Die Fähigleit zur Lichterzeugung ist jedoch nicht allein auf da» Tierreich beschränkt, sondern kommt auch im Pflanzenreiche vor. Mit der Erforschung der leuchtenden Pflanzen hat sich neuerdings der Wiener Botaniker Professor Dr. Hans M o l i s ch eingehend beschäftigt. Di« Anregung zu diesen Studien bot ihm ein Besuch der Insel Java, wo gleich nach seiner Ankunft im botanischen Garten zu Buitenzorg ein kleiner weißer Hutpilz, dessen wuedersames bläu- Kcharunc? Licht auf zwanzig Schritte als ein leuchtendes Sternchen zu felien war, feine Aufmerksamkeit erregte. Mit wenigen Ausnahmen handelt es sich bei den lichteniwickeln» den Pflanzen uin Fadenpilze und Bakterien. So kennt man bis heute etwa vierzehn Arten leuchtender Hutpilze, von denen die Mehrzahl zu den Tropenbcwohnern gehört. Unter den heimischen Arten, die leuchten, ist vor allein der Hallimasch zu nennen. Bei diesem leuchtet jedoch nicht der Hut, sondern das strangartig« Mycel, das in schwar- Ken, reich verzweigten Fäden in unseren Wäldern faulende Baum- ltümpse überzieht. Der Hallimasch ist auch, wie fetzt mit Sicherheit festgestellt ist, die Ursache der Erscheinung des leuchtenden Holzes. Die Lichtwirkung geht nicht von der in Zersetzung befindlichen Holz- Masse, sondern von den Pilzfüden aus. Eine häufige, bisher aber merkwürdigerweis« noch sast gar nicht beachtete Crschemung ist das Leuchten verwesender Blätter. Auf Java fand Molisch, daß abgefallene Blätter des Bambus im Finstern ein mattes weißes Licht ausstrahlen. Ebenso leuchtet ober auch ein be- tröchtlicher Teil der Blätter unserer heimischen Wälder, z. B. das abgefallene Eichen- und Buchenlaub, wenn die Zersetzung so weit fortgeschritten ist, daß die braune Farbe in eine gelbliche aber weißlichgelbe überzugehen beginnt. Sehr gut zu beobachten ist das Licht, wenn man die Blätter in ein feuchtgehaltenes Glas bringt und sie in der Dunkelheit mit ausgeruhten Augen betrachtet. Seit langer Zeit bekannt ist dagegen das Leuchten des Schlach- otebfleisches, das man ehemals als ein Werk der Zauberei oder spu- tenoer Geister ansah. Man kann das Leuchten leicht hervorrufen, wenn man ein faustgroßes Stück Riudfleisch in einer Glasschale zur Hälfte mtt einer dreiprozenttgen Kochsalzlösung übergießt und mit einer Glasplatte bedeckt, in einem kühlen Raum aufstellt. Nach ein bis zwei Tagen stellt sich das Leuchten ein, zuerst in kleinen stern- arttgen Punkten, dann in größeren Inseln, endlich oft an der ganzen Oberfläche. Die Ursache des Leuchtens ist eine auf dem Fleische vorkommende Bakterie, das öaeterivm pboxplioreum. Dieser Spalt- vilz findet sich regelmäßig in Schlachthäusern, Eiskellern und Markt- yallen, wo das neu ankommende Fleisch van ihm angesteckt wird. In ähnlicher Weise wie das Schlachtfleisch leuchten auch tote Seefische und andere Seetiere. Die„grünen" Heringe leuchten oft schon bei ihrer Ankunft im Binnenlande. In den Fischkellern von Trieft strahlten, wie Professor Molisch schreibt, die vielen Körbe ein eigentümliches magisches, der Mondbeleuchtung vergleichbares Licht aus; die herumstehenden Knaben machten ihre Finger durch die Be- rührung mtt den Fischen leuchtend und beschrieben mtt den Finger» spitzen feurige Kreise in der Lust. Das Leuchten tritt beim Fleische wie bei den Fischen ein, wenn die Zersetzung eben-beginnt und noch kein übler Geruch wahrzunehmen ist. Leuchtendes Fleisch und keuch- tende Fische können daher ohne gesundheitliche Schädigungen ge- nofien werden. Eine der allerwichtigsten Eigenschaften jedes lebenden Lichtes, sowohl des tierischen wie des Pilzlichtes, ist der Mangel an Wärmestrahlen. Das Ideal unserer Beleuchtungstechniker,«in Licht ohne Wärme, ein kaltes Licht zu schofien, ist von der Natur im Lichte der Tiere und Pflanzen auf das Vollkommenste erreicht. Was die Farbe de» Pllzltchtes betrifft, so ist diese bei den Fadenpilzen matt» weiß, bei den Bakterien gewöhnlich grünlich, bläulich oder bläulich. grün. Da, PilKlicht ist stet» ruhig, niemals hin- und herhuschend oder wallend. Im Gegensatz zu den Tieren, die in der Regel nur ganz kurze Zeit, ewige Sekunden oder Minuten lang, und zwar mehr litzarttg auf äußere Reiz« hin zu leuchten pflegen, können Batterien- kulturen wachen- und monatelang ununterbrochen leuchten. Die Stärke des Lichtes ist bei einzelnen Bakterienkulturen so groß, daß man es geradezu in Form emer„Bakterienlainpe" aus» nutzen kann. Zu diesem Zwecke überzieht man die Innenfläche«ine» Glaskolbens mit einer Schicht Rährgelotine und impft letztere mit einer Bakterienkultur. Das Licht einer solchen Lampe ist zwar viel schwächer als das einer sehr kleinen Kerzenflamme, läßt sich aber für wissenschaftliche Versucht, für photographisch« Zwecke, ja selbst praktisch als Rachilamoe oerwenden. Es gelang z. B., mittels de» Bakterienlichtes verschledene Gegenstände, ein« Schillerbüst«, ein Thennomeier und Druckschrift zu photographieren. Strahlen von der Art der' Röntgenstrahlen, die auch undurchsichtige Körper durch. dringen, sendet das lebende Licht nicht aus. Es ist nicht unmöglich, daß es in Zukunft gelingt, durch geeignete Maßnahmen, wie durch die Zusammensetzung des Nährbodens oder durch künstliche Zucht» wohl, vielleicht auch durch die Entdeckung besonders Intensiv leuch- tender Batterienarten die Lichtstärke der geheimnisvollen Bakterien- lampsn noch erheblich zu steigern. yas SaöeWefen einst unö jetzt. Don Anna Blas. Es hat eine Zeit gegeben, in der man die Einflüsse von Luft und Wasser sehr fürchiete. Wir sehen heute noch in den Museen Waschschüsseln in der Größe von Finkennäpfchen. Wir wissen, daß die berühmte Pompadour und andere Schönheits- und Leibestünstle- rinnen wohl eine Unmenge von Salben, Fetten, Schminken zur Erhöhung oder Erhaltung ihrer Schönheit anwandten, daß sie sich aber höchstens die Nasenspitze wuschen. Elise v. d. Recke erzählt, wie sie ihre ganze Kindheit hinter verschlossenen Fenstern verbringen mußt« und gegen jeden Lufthauch mtt dicken Schleiern geschützt wurde, daß ihr die Wohltat eines Bades ganz fremd war. Eine Frau wurde heilig gesprochen, weil sie sich niemals gewaschen hatte. Wir finden heute noch auf dem Lande, daß den ganzen Winter über niemals ein Fenster geöffnet wird. Der Luxus von Bade- cinrichtungen ist auf dem Lande noch ganz unbekannt, wenn nicht die Dorfjugend zuweilen im Dorfteich oder Bach herumplaischert. Wir finden auch Schlösser au« früherer Zelt mit allem erdenkUchn Komfort eingerichtet, in denen es vollständig an jeder Badegelegen. heit fehlt. Noch vor wenigen Jahren«rar für die ärmere B«. völterung keine Möglichkeit zum Baden geschaffen. Wenn»in« Hausangestellte freie Zeit beanspruchte, um zu baden oder gar dl« Badestube der Herrschost benutzen wollte, so erregt« das Empörung. Und doch heißt es, daß man die Kulturstufe«tnes Voltes so- wohl nach dem Verbrauch der Seife wie wohl nach dem Gebrauch de» Wassers zur Reinlichkeit beurteilen kann. So finden wir denn auch bei den Kulturvölkern des Altertum» nicht nur Badeeinrichtungen, sondern zum Teil auch religiöse Vor- schriften über das Baden und Maschen. Im Alten Testament sind genaue Regeln über Waschen, Baden und Körperpflege ausgezeichnet. Die Inder hatten in jedem Tempel heilig« Badeanstalten. In Griechenland waren in den Gymnasien Badecinrichtungen, und die Bäder im Meer spielen bei Homer eine große Rolle. Auch im alten Rom wurde fleißig gebadet. Man kannte dort die Thermol. resp. Heilbäder. Reste folcher römischen Badeanlagen finden wir auch i» Deutschland noch, z. B. in Aachen usw. In den vornehmen Häusern Roms waren Einrichtungen für warme und kalte Bäder für alle Familienmitglieder. Mit dem zunehmenden Verfall Rom» wurden aus den Bädern, die ursprünglich zu Heil- und Reinigungs- zwecken gedient hatten, immer mehr Stätten der Unstttlichkeit und des üppigsten Luxus. In Deutschland finden wir im Mittelalter eine hohe Blüte des Badewesens. Schon unsere Vorväter hatten die Gewohnheit, viel im kalten Wasser zu baden. Das Reinlichkeitsbedürfnis wurde noch verstärkt, als die Deutschen in den Krcuzzügen im Orient die Wohl- tot warmer Bäder kennen lernten. Aber auch die durch die Kreuz, zöge«ingeschleppten Krankheiten, wie der Aussatz und die Syphilis, dienten zur Vermehrung der Badeeinnchttingen. In den Städten war die Zahl der Badehäuser, worin die Ar, beiter entweder umsonst oder für wenige Heller ein Bad bekommen konnten, sehr groß. Auch jeder Marktflecken und jedes Dorf hatten eine Badestube. Bei den Handwerkern wurde es herkömmlich, sich jeden Sonnabend zu baden Darum machten die Gesellen an den Sonnabenden früher Feierabend und erhielten in manchen Zünf» ten«in besonderes„Badegeld". Dieses wurde auch den Hand- werkern bei Beendigung ihrer Arbeit gegeben. In Regensburg war man, dem Stadtvuche gemäß, den Tagelöhnern kein Trinkgeld, wohl aber ein Badegeld schuldig. Auch für die Lehrjungen war häufig„ein Kleines zum Baden" vorgeschrieben,„und sollen sie dies Geld, das fy bekamen, wol verwenden, denn jeder Arbeiter, er sy groß oder klein, muß reinlich sin und sei Körper reinlich hol- ten; das tut auch der Seele gut". Auch für die Reinlichkeit der Armen wurde im Mittelalter ge- sorgt. In Frankfurt erhielten die Bürgermeister jeden Sonnabend eine Anzahl„vadeheller", Marten, welche sie zum Eintritt in die öffentlichen Badehäuser an dl« Armen verteilten. Mildtätig« stif- teten in den Städten liegendes Gut oder bestimmte Geldsummen, damit jährlich on ihrem Sterbetage armen Leuten ein Bad bereitet werde. Solche Stiftungen führten den Namen„Seelbäder", denn die durch ein Bad und gewöhnlich auch durch«in Mahl und sonstige Spenden erquickten Armen gedachten an diesem Tage de» Seelen- Heils der Stifter. In manchen„Seelbädern" war bestimmt, daß den Armen alle Jahre viermal oder sogar acht oder vierzehn Tage ein Bad gereicht werden solle. In Nürnberg hatte die Zahl der Seelbäder im Anfang des 18. Jahrhunderts eine solche Höhe er- reicht, daß der Beschluß gefaßt wurde, serner derartige Stiftung«- gelder anderen wohltätigen Zwecken zuzuführen. Sogar für die Schulkinder waren Bäder vorgeschrieben. Nach der Hamburger Schulordnung von 1480 sollten die armen Schulkinder an den Mitt- wachen ins Bad geführt werden, weil an den Sonnabenden die Bäder von Erwachsenen voll seien Außer den öffentlichen Badestuben waren in den Städten, auch in den Häusern einfacher Handwerker sehr häufig„Hausbadestüb- lein", die zum Gebrauch der Familie und anderer Angehörigen de» Hauses dienten. Badcwäsche gehörte in der Garderobe jeder ordent. licheu Handwerkersfrau zu„den nit entbehrlichen Dingen". Bald fetzte aber dann auch der Badcluxus«in. Es heißt: „Wirtshuser, Badeltuben, Epil und Tanz sind gar vil besucht. Die Iungherrn der Ricyen in den Skädten, insonderheit der riehen Kauf» leut baden sich, trinken dann fremden Weyn oder gepranten Wein (Branntwein), baden wider und lassen sich salben. O der Säiande ob solcher Weibischkeit! In die Badstuben wird von solchen hübsch fzenslein manch Schendlichkeit getrieben als auch in den Wirt«- Hütern." Man badete oft dreimal am Tage. In den Mineral- bädern blieb man täglich bis zu zehn Stunden im Wasser. Man aß und trank während des Badens, Kant sich gegenseitig zu und stimmte ernste und heitere Lieder an. Männlein und Weiblein badeten oft gemeinsam. Mit der zunehmenden Armut nach dem Dreißigjährigen Krieg gab man allmählich die Gewohnheit des Badens wieder auf. Erst in unserem Jahrhundert hat man von neuem die Bedeutung des Badens erkannt. Leider ist auch hier Infolge der Not der Zeit ein Rückgang zu verzeichnen. In den Notwohnungen können fetten Badeeinrichtungen«ingebaut werden. Dazu kommen die enormen Kosten von Gas und Brennmaterial. Um so mehr muß man auf den Wert der Fluß- und Seebäder im Sommer hinweisen. Ebenso ist es erforderlich, daß der Wert der Luftbäder immer mehr er- könnt wird. unö Schauen Die Rolande. In nord- und mitteldeutschen Stödten finden wir zuweilen wuchtige Holz- und Steinbildsäuleu, die einen Ritter mit Schwert und mitunter weitem Faltenüberwurf zeigen und traswoll« Wahrzeichen der Stadt bilden. Ausgestellt sind diese Figuren meistens auf den Marktplätzen am Rathause oder vereinzelt an anderen ver- kehrsreichen Plätzen. Im Volksmunde nennt man sie sowohl Rolande als auch Rulandssäulen oder Rutlandssäulen. Die südlichste Linie, aus der wir diese alten Wahrzeichen treffen, dürfte vrn Reu» stadt am Hohnstein über Nordl>aulen und Halle nach Zerbst führen. Nördlicher sind die Rolande dann u. a. in Halberstadt, Quedlinburg, Magdeburg, Brandenburg, Perlcberg und noch weiter im Norden Stendal und Bremen und schließlich in Holstein in Bramstudt und Wedel zu finden. Di« Gestalt dieser Bildsäule ist in den einzelnen Städten verschiedenartig. Ungefähr gleiche steinerne Rolande, bor- Haupt mit Schwert, besitzen die Harzorte Quedlinburg, Halberstadt, Neustadt am Hohnstein und Questenberg. Den manierlichsten der Rolands-Familie besitzt zweifellos Nordhausen. Vor dem Kriege bekam dieser alljährlich ein neues buntfarbenes Gewand. Selbst dt« Locken erstrahlten, trotz des oielhundertjährigsn Alters, in leuchtendem tiefschwarzen Glänze. Außerdem sorgt der über ihm angebrachte Schirm dafür, daß sein Kleid nicht so bald vom Regen verwaschen wurde. Der ritterlichste Rolai.d dürfte der Bremer sein. Er steht groß und achtunggebietend mit Schwer? und Schild seit l4(M als Wahrzeichen der Stadt auf den ein wenig plumpen Füßen: ist aber sonst entschieden der bestgelungene der Brüder Roland. Brandenburg a. d. Havel weist einen Riesen der Rolands-Familie auf. Der Ritter mißt hier 5,60 Meter Höhe. Im allgemeinen fand die Errichtung der Rolandssäulen im IS., IS. und 17. Jahrhundert statt. Der Ursprung und die Geschichte der Rolande ist noch nicht völlig aufgeklärt. Man geht aber in der Annahme kaum fehl, wenn man sie als Zeichen des Gerechtsamen oder als Morktrechtszeichen auffaßt. Allgemein bringt man den Roland der Ltarlssage mit diesen Bildsäulen in Verbindung. Wenn dieser Held Roland,»m ihn der Nachwelt in getreuem Erinnern zu erhalten, an vielen Orten in Sidn gehauen wurde, so erscheint dies einleuchtend. Dagegen stelst nur die Kunde vom Stürzen und Wiederaufrichten der Rolands in Zeiten der Fehde. Hier zeigt es sich deutlich, daß wir es mehr mit Stadtwahrzeichen zu tu» haben als mit Ausdeutungen, die lediglich an die Heldensage anknüpfen. königlicher Dan?. Von Krösus, dem letzten König von Lgdien, und seinem sprichwörtlich gewordenen Reichtum, der freilich hnnter dem Vermöge» moderner Milliardäre sehr zurückbleiben würde, war in Nr. 22 der„Heimwelt" die Rede. Wir verdanken die Mitteilungen über ihn hauptsächlich dem griechischen Geschichts- schreiber Herodot. Er erzählt noch von emem anderen schwer- reiche» Manne in Lndien, der seit Krösus Sturz zum Perserreiche gehörte, Pnthlos mit Namen, eine Geschichte, die gleichzeitig ein Licht auf den orientalischen Despotismus wirft. Im Jahre 480 vor Ehristi trat Terxes, der allmächtige Perserkdnig, seinen berühm- ten Zug gegen Griechenland an. Bei Sarves wurden der König und sei» gesamtes Heer von Pythios gastlich ausgenommen und aufs beste bewirtet. Auch stellte Pythios ihm fein ganzes Barvermögen zur Verfügung, da er noch immer von seinen Sklaven und dem Ertrage seiner Landgüter zu leben habe. Terxes lehnte dies in allergnädigstem Tone ab, versprach ihm auch noch einen Ehrenlohn aus seinem Schatze. Dies ermutigte Pythios, ihm bald mit einer Bitte zu kommen, deren Erfüllung dem König ein leichtes fei. Terxee erklärte sie von vornherein für gemährt und forderte tum Pythios auf. zu sagen, was er denn begehre. Da berichtete Pythios: Er habe fünf Söhne, die alle zum Kriege«inberufen seien und bäte nun untertänigst, daß der älteste daheim bleiben dürl..-, um dem hochbetagten Vmer in der Führung der Geschäfts zur Seite zu stehen. Das war wahrhaftig eine bescheidene Bitte und hätte schlimmstenfalls, wenn auch dem Worte des Königs zuwider, abge- schlagen werden dürfen. Terxes aber geriet in den heftigsten Zorn und behandelte den Pythios als einen Hochverräter, der einen seiner Söhne dem Kriegsdienst entziehen wollte, während er selbst, der König, und seine ganze Verwandtschaft ins Feld gingen. Er erklärte den: Pythios, eigentlich hätt« er und alle seine Söhne dafür den Tod verdient, doch wegen der erwiesenen Gastlichkeit wolle«r noch Gnade für Recht ergehen und nur seinen ältesten Sohn töten lassen. Dies geschah denn auch. Die Leiche des unglücklichen jungen Mannes wurde mitten durchgeschnitten und die beiden Teile an die Seite des Weges gelegt, über den das Heer marschiert«, so daß jeder Krieger sich an dem prausigcn Anblick ein abschreckendes Beispiel nehmen sollte. Das war der königlich« Donk für die großartige Gastliditeitl Methode,»ach der man den Abschluß der letzten kalte» Periode zu schätzen suchte, war die Altersbestimmung der Schluchten, die die Flüsse unterhalb eines Wasserfalls in solchen Gebieten, die früher von Eis bedeckt waren, in das Gestein eingeschnitten hatten. Nach der ersten und berühmtesten Schätzung dieser Art erkannte Chgrle« Lyell dem Niagara ein Alter von 45l)0v Jahren zu; spätere Berechnungen aber, die auf zuverlässigerem Veobachtimgsmoterlal de» ruhten, haben diese Zeitspanne auf ein Drittel verringert. Die Doku- mente, die uns jetzt gestatten, nahezu Jahr für Jahr rückwärts zu rechnen, sind verschiedenartig und voneinander völlig unabhängig. Da kommen zimächsi die Jahresringe tn den Riescnbäumen des nordwestlichen Amerika in Betracht, bann die Schlamm- schichten, die das alljährlich eintretende Hochwasfs? de« Nil in seinem Delta ablagert, hauptsächlich aber die jährlich erfolgten Niederschläge von dünnen Tonschichten, die al» Ab» lagcrungen ehemaliger Seen in Schweden erhalten sind. Durch dt« Verkettung der einzelnen Seeablagerungen miteinander ist hier die Möglichkeit geschaffen, die einzelnen Schichten in Beziehung zu setzen und da» Klima für die letzten 30 000 Jahre zu erkennen. Die Riesen- bäum« geben einen ziemlich genauen Anhalt für die letzten 2000 Jahre und einen ettvas weniger zuverlässigen für die letzten 4000 Jahre» wäl/rend die Nilüberschwcmmungcn uns wenigstens bis zum Jahre 4000 o. Chr. zurückblicken lassen. Noch wichttger sind die noch Tausenden von Jahren zählenden Perloden, die man au» den Aende- rungen der Höhe des Meeresspiegels ableiten kann. Etwa 6000 Jahr« v. Ehr. waren die britischen Inseln noch Teile des Festlandes: di« heutigen englischen Seen und Buchten waren ausgedehnte Wald- gebiete, und durch die Wälder, deren Stelle jetzt die Rordse« eln- nimmt, floß in großen Windungen ein mächtiger Strom, dessen eng« ttschs Nebenflüsse Themse, Wash und Humber, dessen deutsche Rheliz, Weser und Elbe waren. Die innere Ostsee zerfiel ln eine Kette von Seen, deren Abfluß mit einem Fall von 120 Meter durch dar Katt«« gat erfolgte. Verschiedene Senkungen des Landes und des Meere»« fpkgels lassen sich durch die Kombination von geologischen, meteori* logischen und botanischen Entdeckungen feststelle». Danach gestaltet sich der Kalender über 30 000 Jahre folgendermaßen: 1. 30 000 bi» 13 000 v. Che. arktisches Klima. Die letzte große Vcrgletscherung. Nordwesteuropa gleicht dem heutigen Grönland. 2. 18 ODO— 6000 v. Chr. strenges Kontinentalklima. Währcno die Eiszeit ihren Ab- fchluh findet, sinkt das Land. Der Nil hört auf, Kies abzulagern. 3. 6000 4000 v. Chr. Kontinentalklima mit lallen Wintern unl warmen Sommern. Torfb.ildungen auf den brtttschen Inseln. 4. 4000—3000 ein warmfeuchtes Seeklima. Wohnstätten hanpt- herrscht di« Zivilisation der neueren Steinzeit. 6. 3000 bi» 1800 herrscht dle Zivilisation der neuen Steinzeit. 5. 8000 bis 1800 v. Ehr. spätere warme und trockene Waldphase. Da» Land ist höh« als setzt, di« Waldentwicklung nimmt ab. Bronzezeit. 6. 1800 vor Christi bis 800 nach Christi kühles und feuchtes Klima mit Nor« herrschen der Torfmoore. Di« Eisenzeit beginnt. 7. 800 n. Chr. bl» jetzt dn» Klima wird trockener und wörmer, jedoch mit Schwankungen! die Torfmoore nehmen schrittweise ab. Naturwissenschaft SrSkunöe Ein Kalender über 30 000?ahrc. Die Geologie hat schon seit einiger Zeit verlacht, das Dunkel der vorgeschichtlichen Zeiten zu erhellen und besttminte Angaben über die klimatischen Veränderungen vor vielen Jal/rtausenden zu machen. Erst jetzt aber hat man für die Bestimmung solcher weit zurückliegenden Daten unerwarteter- weise zuverlässige Anhaltspunkte gefunden, und so konnte der eng- ltsche Meteorologe C E. Brooks einen prähistorischen Kalender über 80 000 Jahre für Nordwesteuropa aufstellen, dessen einzelne Ergeb- 'Nisse I. Edmund Clark in den„Naturwisscnschaflen" mitteilt. Eine Die Himmelsziege. Die Namen, die der Volksmund Tieren verleiht, sind meisten» außerordentlich treffend. Die« ist auch mit der Bezeichnung Himnelvzicge der Fall, die das Volk für da« Männen der Bekassine gewählt hat. Wie w„Reoloins Universum' erzählt wird, erzeugt nämlich dieser Vogel, wenn er in linden Frühlingsnächten aus hoher Luft in gewaltigen Sturzwellen herabschießt, einen eigenartigen Laut, der völlig dem Meckern d« Ziege gleicht. Dieser Ton wird aber von dem Vogel nicht mit den Stimmbändern hervorgebracht, sondern e« handelt ssch dabei um ein surrendes Geräusch, da» entsteht, wenn ein Luftzug durch di« gefächerten, in zitternde Bewegung geratenen Schwanzfedern de« tn einem bestimmten Winkel schräg herabstürzenden Vogels streicht. Das Weibchen der B-kasstne läßt einen schwermüngen Laut et* tönen, der etwa wie„Tücke-tücke' klingt und dunkel in dos Nacht» konzert der gefiederten Sänger herelnklingt. Das Meckern de« Männ- chen» aber gellt plötzlich unvermutet durch die Luft und crsckreckt den ahnungslosen Lauscher, der diese Mristk der„Himmelsziege noch nicht kennt. vsr Tisch. Ein Tisch, weil er vierbeinig war, Der schloß daraus ganz wassertlar, Er war' im Reich der Zoologie Und eine Art von Lasttieroieh. Und bildete sich darauf ein. Er müsse auch mal müde sein, Und streckte seine Beine aus, O Graus I Und legt sich höchstgemütlich hin. Jedoch der Mensch mit rohem Sinn, Der packte ihn, o Jammer, Und warf ihn in die Rumpelkammer. Hermann d« Witt.