Nummer 23 26. Jnl\ 1922 Die Mühl-. Von Alfons Petzold. Er laz kurzemäß auf dem Liegestuhl, die ewig kalien Füße von dicken Filzdecken umhüllt, und ließ sich von den. warmen, guten Ctrahlenfingcrn der Sonne die kranke Brust maffieren. Seit er in der Volksheilstätte für Tuberkulose war, kam es ihm vor, als wäre er wieder der Lehrbub, der sich beim„Liefernfahren" tüchtig verkühlt hatte und von der nun längst toten Mutter gepflegt wurde, bis er wieder so weit war, in die staubige, lungenvernichtende Atmosphäre-der Fabrik zurückkehren zu können. In diesem Erholungsheim, in dem zweihundert kranke Menschen der Wiedergenesung von einem mörderischen Uebcl sehnsüchtig enr- gegenatmeten, hatte alles die Weisheit und Liebe von mütterlichen chänden. Die Luft, die aus den Wäldern kam, die Pslegenonncn, die lichtvollen großen Säle, die Aerzte mit ihren forschenden Augen, aus denen ein ständiger Trost sprach, und die Mitpatienten selbst, denen ein gemeinsames Leid die Herzen milde und freundlich machte. Wenn er nun so dalag, mit geschlossenen Augen, eingebettet in Ruhe und Frieden, ging er oft gern den Weg seines Lebens zurück und wundert« sich darüber, daß er, der fleißige Arbeiter, nicht mehr an der Drehbank stand, die stechende Brust an den Griff des Stahles gepreßt, der mit röchelndem Laut kunstvolle Wunden in das frische Holz biß. Und dann blieb er gern bei der Stunde stehen, wo die schon jahrelang erkrankte Lunge den Dienst versagte und mit ihrem roten Blute das Holz, die Drehbank und den Fußboden rot beizte. Wochenlang war er nun schon hier, ohne daß die Aerzte die ge- ringste Besserung bei ihm konstatieren konnten. Bei jeder Untersuchung hörte er das stereotype„statu; item" und fühlte die Blicke des Primararztes mitleidig auf sich ruhen. Einmal erfaßt« sein scharfes Ohr, das gewohnt war, im tosend- sten Rüderlärm der Werkftötte das Wort des Nachbarn aufzufangen, sein Todesurteil, da» der Primararzt einem Assistenten zuraunte: „Schade, da ist nichts mehr zu machen, veralteter Fall, der Kq- tarrh schreitet fort...." Tagelang niurmelte er dieses vor sich hin, und es schien ihm, ai» spräcbe er es einem anderen vor und ginge ihn selbst gar nicht» an. Aber dann wußte er wieder, daß der anders er selbst war, vor dem er stand wie vor einem tiefen, wasserlosen Brunnen, aus dessen unheimlicher Stille c; emporklang: „Du mußt sterben, bald sterben!" Und er fand sich damit ab, gewohnt, dem harten Leben zu ge- horchen, wie er es von Kindheit an nicht anders wußte. Manchmal noch, meistens, wenn ein Mitpatient hell auslacht«, oder zuweilen, wenn die klare Sommersonn» über der nebel- und dunstsreien Landschaft stand und sein Blick an dem freudigen Wachsen einer Blume oder eine» Baumes hängenblieb, fuhr ihm auf einnvri ein brennender Blitz durch den Leib, so daß sein Herz zittert«. Sterben— und so jung, kaum achtundzwanzig Jahre alt. Und wenn er dabei an die Werkstatt« in der riesigen Fabrik,«rn seine blanke Drehbank dachte, an die riesig« Transmissionsscheibe, di« so blank gescheuert war, daß er si« immer als Spikgel benutzt hatte, an feine Freunde und Kameraden, di« vor und hinter ihm, links und rechts bei den Fräs-, Hobel- Und Poliermaschinen gestanden hotten nun eines anderen Kameraden waren, verblieb, der brennende Schmerz oft eine Stunde lang in seinem Herzen.. So lag er nun den ganzen Tag auf dem Liegestuhl in den Stunden, da die anderen spazieren gingen, sich und seinen Gedanken allein überlassen. Bon der erhöhten Terrasse aus, auf der er lag, konnte er das ganze Tal überschauen. Eine Welt im kleinen. Und alles, was die gesamte Welt lebenswert macht, Schönheit, Schaffensfreude, Arbeit, sah er vor sich in einem kleinen Ausschnitt bildkräflig in Erscheinung treten, In seiner nächsten Näh« erschaute er einen Gärtnerburschen, der Rosenstöcke okulierte, hinter diesem erhob sich ein breitästiger Kirsch- bäum, über und über mit reifen Früchten bedeckt, die eine schmucke, tagfroh« Dirne, auf einer Leiter stehend, einizeimste. Aus de» Wäl- dern, die zu feiten des Gartengrundes ausstiegen, schollen Axtschläge in starkem Rhythmus, umtönt von dem Gesang der Holzkncchte, an sein Ohr. In der Ferne, wo blausilbcrne Rauchsäulen den Himmel mit den roten Dächern �ines Dorfes verbanden, schnarrte Sägen- gekreisch, rauschte ein Mühlenrad, hallte das glockcnschallartigc Ge- Hämmer einer Schmiede. Und zwischen den gelbgrünen Getreidescl- der» blitzten Sicheln in sein Auge. Kinder schnitten dort an den Grenzrainen Gras für Geiß und Kuh. Und plötzlich fiel eine neue Schwere auf seine Seele, und er er- kannte die Größe seines Leides, feine» Elends, so wie es ihm nie in solchem Umfange zum Bewußtsein gekommen war. Sie alle da vor ihm, die seine Augen sahen oder von deren Tun ein Ton verkündete, der Gärtnerbursche, die Kirschen erntende Dirne, die Hzolzknechte, Müllerburschen und Schmiedegesellen, die Bauern, deren Hände im Frühjahr diese weiten Felder mit Saatkorn gesegnet hatten, ja selbst die Kinder, die Gras schnitten, sie alle schufen oder hatten etwas geschafft, etwas, das ihnen e'nen Teil Unsterblichkeit verlieh, und wenn eines von ihnen jetzt plötzlich sterben würde, etwas bliebe von ihm lebendig: die Kraft, die es kurz vor seinem Tode einem anderen Wesen übertragen hatte. Und von ihm, von ihm, der da untätig dalag und den Tod er- wartete, was blieb von ihm übrig, mn weiter diese schöne Welt, wenn auch in anderer Art, genießen zu können? Nichts! Im Augenblick, wo fein Körper im letzten Kampf sich � strecken würde, würde nichts, nicht» mehr auf Erden von ihm künden, ? er war dann ein ausgelöschter Buchstabe, sonst nichts. Er hatte das Gefühl, als läge er schon im Grabe. Es schauerte � ihn, trotzdem die Julisonn« bell auf ihn herabsengte. So lag er unter den Genesungsfreuden und den Zukunftsträu- � men der anderen mit seinem langsam dahinsterbenden Leib da und ; quälte seine arme Seele mit den Folterinstrumenten seiner Gedanken. Dazu kam nach, daß er keinen Freund, keinen Verwandten hatte, ! dem er sich anvertrauen konnte. Dies« völlige Vereinsamung war es auch, die seine Qual noch � erhöhte, denn er wußte, kein Mensch würde ihm eine Thränc nach- weinen und seinen Namen trauernd nennen. Eine Frag« klopft« unablässig an sein armes Gehirn um Beant- wortung an: War es denn wirklich nicht möglich, noch etwas zu schaffen, was ihn über seinen Tod hinaus wirken ließ, was seinen Namen nicht sofort nach der Beerdigung seine» Körpers von der Tafel de» Leben» löschte, al» wäre er nie darauf gestanden? Er grübelt« und sann unablässig darüber nach und vergaß, daß er trank war und dem Tode noh«. Und nach langem Suchen und Herumtasten war e» wie ein zages Lichtlein in ihm aufgefunkelt, und sein« Not und suchende Sehnsucht schützten da« Fünkchen vor dem Verlöschen und fachten es zur hellen Flamme an. kr l)atte gefunden, wo» er«oolliel Die Idee zu einem Werke, das er wohl noch fähig war, zu schaffen, und das ihn über den Tod hinan» triumphieren lassen sollte. Al?« ihm noch verbliebenen Lebenskräfte sammelte er für eine Stunde, in der er in den Wald schlich»nd dort mit qnalschwcrer Mühe Rindenstücke, sturmgestite Aeste, Moo, und biegsame Zweige einklanbie und heanschlepx!». Dan».taufte er bei dem Krämer, der in der Heilanstalt sein« Waren feilbot, Nägel, Kork und, in Erman- gelung des Drahtes, einigt Päckchen Haarnadeln und begann sofort ans all diesen mannigfachen vegenständen eine Miniaturwassermühle zu bauen. Nun war ein« große Unrast über ihn gekommen. Die frühere Ruhe mit ihren, einschläfernden Händestreicheln, aber auch mit ihrem nagende», alle Sinne folternden Quälen war dahin und hatte einem emsigen Tun Platz gemacht, da; in wenigen Tagen einen kunstvollen Bay erstehen ließ, über dxn dix Milxajienten staunten� ohne|n ahnen, daß ihn d!e Hände eines Eterdenden schufen, um«in Stückchen Ewigkeit für dessen Namen zu erhaschen. Und es war wirklich ein Kunstwerk, was er erbaut hatte.. Eine regelrechte Wassermühle, so hoch wie ein Tisch und dement� sprechend breit, mit Fenstern. Türen, einem Schornstein und einem' prächtigen Schaufelrad, das nach lustigen Wellen verlangte, um sich dildigst zu drehen und ein kleines Metaligehämmer in Bewegung zu setzen. Ganz tief im Gehäuse, im Dunkel des inneren Getriebes, hatte er an die Achse eine leere Schneckcnmuschel gebunden, in der sein Name eingeritzt stand und die Worte: „Das Leben ist so schön!" Die Muschel sollte sein Herz vorstellen. Auch über die Mllhlentür, hier für alle sichtbar, hatte er seinen Namen geschrieben und daneben die Zahl des Jahre«, wo dieses Werk geschaffen wurde. Das Aufftcllen der Mühle machte ihm, was den Platz betraf, keine Sorge. Durch den Gartengrund wanderte ein munteres Bächlein mit kräftigem Gefälle, behütet von den Gärtnern, denen es die Blumen und Bäume tränkte. Dort, wo dieses Bächlein mündete, wollte er seine Mühle ver- ankern und deren Räder treiben lassen. Aber die Anstrengungen der letzten Tage, die gewaltige Anspan- nung seiner wenigen Kräfte, keßen ihn gerode zusammenbrechen, als er fein Werk mit Hilfe eines anderen Patienten zum Ort des Auf- stellen? trug. Er wurde schleunigst ins Bett gebracht und gezwungen, sich voll- kommen ruhig zu verhalten, da der Arzt einen Blutsturz befürchtete. Angestrengt lauschte der Kranke. Jetzt mußte die Mühle bald am Platz« sein und mit ihrem Gc- Hämmer beginnen. Durch die hohen, weit offenen Fenster des Kran- kenhaufes zog die Abendluft und brachte klingende Töne aus dem dämmrigen Gartengrund zu dem lauschenden Kranken. Der lachte sehr lange ein frohes, geheimes Lächeln. Dann machte er eine Handbewegung, wie um etwas zurückzu- drängen— und starb. Ciferfuchtsöuell auf öem Wasser. Bon Alwin Rath.. In prachtvollen Silberschleppen blendet die Mittagsglut von det» weithin ausgegossenen Spiegelfluten des Sees, die nach den rot leuchtenden Turmmützen des Villendorfes fern am anderen Rande bläulich übernebelt, schweigend still wie glänzend Oel sich breiten. Da plötzlich aus der Einfamkeitsruh« der fetzt perlmutterisch beicht überflirrtcn Fläche seltsam häßlich Gekeife. Rollende, schnar- chend wilde, vor Wut heisere Grimmlaute keuchend in eifersüchtiger Erregung hinter dem sannendurchlohten Schilfwald über das feurig aufglitzernde Wasser der Seemeile. Ich stehe auf dem Dampfer- steg. Regungslos. Um die sonst so Scheuen nicht zu vertreiben. Die Drolligbemützten, die Lerche, die Haubenstcihfüße, wie sie wissenschaftlich barock benannt werden. Die sonst gleich unterge- taucht sind, läßt ein Mensch sich sehen, oder nur, fast wie«in aus- lugend, dämonisch blitzend Periskop anzuschauen, mit dem äugenden Kopf und Hals aus der Seefläche blicken, während der Körper unter Wasser paddelt, heute sind sie verwegen! Fünfzehn Schritt von mir rasen sie mit grimmig einge« zogenem, verschnörkeltem Hals und kuppplig hoch herausgestoßenem Rücken, daß sie ganz verbogen aussehen, niedrig übers Wasser hin, einander entgegen, wenn irgendwo auf der glimmrigen Feuchte ein Pärchen sich miteinander sein mündliches Einverständnis er- klärt und zu schnäbeln wagt. Die noch unbeweibt gebliebenen Männchen spritzen wie klein« Motorboore, heiser keuchend und schnarchend, in besagter verbogener Weise durch die kleinen Glitzer- wellen heran. Bis auf zehn, bis auf fünf Meter rauschen sie tobend vor Eifersucht herbei. Sie sehen mich klar. Aber sie haben den Lorchverstand verloren. Was für einen wunderlichen Kopfputz aber haben sie nur aufgefetzt! Eine Narrenmütze der Liebestollheitl Blaugrau zipfelt «s in zwei Hörnern wie an einem Faschingskopfputz von einem breiten Federchignon, der hinten am Kopf aufragt, nach rechts und links. Unten indes am Beck haben sie sich einen rostrot glühenden, grau umränderten Backenbart rechts und links zugelegt, den sie 'Mit ein bißchen spaßhaft stolzer Würde zur Schau tragen würden, wenn sie nicht wie bucklige, verkrümmte Liebesnarren aufeinander losschnarchten. Karminrot wie ihr hitzig Blut sprüht dabei die prachfftrahlcnde Iris ihres wutglitzernden Auges. Im Beschauen dieser selten nahen Pracht und dieses tollenden Lebens, höre ich plötzlich abseits, dicht bei einer Zille, ein lautes, Hartes, spritzendes Klatschen. Das Wasser rast, rauscht und zischtet, wird in stürmisch erregten'Blasen emporgeworfen. Ein Sprühen von funkelnden Tropfen will alles verdecken. Jählings ist da der Kampf schon losgebrochen Die silbern verschleierten Schemen gegeneinander prallender Flügel sieht'man in der Erregung der stäubenden Wasser, die wie ein Glimmerdunst um das kleine Schlachtfeld gehüllt sind. In das Aufcinanderklatfchen der waffer- sprühenden Schwingen, in das blutgierig, todeslüstcrn aufeinander losschlagende Gehack der blaßroten Schnäbel mischen sich düstere Zornlaute, bald rurz herausgefaucht, bald in langgezogenem Rasen heiser hervorgekollert. Dann klingt es allmählich besänftigter wo pur noch einer her Kämpsex mit mal zu sehen ist, dem die Narrenmütze nun plötzlich wie der Helm eines Siegers anstehen will— da der Gegner sich unvermutet stracks in die nassen Tiefen verdrückt hat. Voller Zärtlichkeit paddelt der Sieger zu dem Weib- chen. Nähert sich ihm Brust an Brust. Schneeweiß an Schnee- weiß. Rührend ist es anzuschauen, in wie süßer Lorchnaivität sich der Helmgekrönte feinen säßen Schnabeltribut einheimst. Gleich aber muß er sich wenden, wenn er es nicht vorziehen will, gleich ebenso von der Bildfläche zu verschwinden, wie eben noch der jetzt adlcrmäßig mit Klafterschwingen Heransauscnde. Und jiun hebt ein Kämpfen an, daß fürwahr die Federn fliegen, stäuben und vom Wind in die Uferweiden geblasen werden. Es ist ein Ueberstürzen der kederasträubenden Leiber, ein Ueber- fliegen, der die alte närrische Fehde toll machenden Köpfe, ein Ueberschnappen der wutächzendcn, schrill heiseren Keuchsrimmen. Zu schwül wird's den durcheinander sich Balgenden und sich gegen. feitig mit den Schnabelkeilen Zermeißelnden in der Kühle der Morgenfonne. Wie weggetäufcht wie von einem ulkenden, sich an den Geharnischten belustigenden Wasserkobold an den Beinen in die Tiefe gerissen, sind die beiden Kämpfer jählings aus den noch spülenden, mitgiftenden Wellen und Strudeln fort. Wie mögen nun die Schwimmhäute zwischen den verliebten Zehen unter Fee das Wasser trampeln, während sie sich nachfaufen! Da find sie, hcrausgefchleudcrt im Nu, mit einmal wieder fort, wo dos schwarze friedliche Wasserhühnchen, mit der weißen Blesse vor dem niedrigen Kopf, an den breiten hochragenden Schwertschneiden des leise klirrenden Schilfes hingoukelt. Rasender denn vorher, als hätten sie sich frische Kräfte in der Kühle, in der liefen Nässe geholt, knallen' sie gegeneinander. Die L'ebe!— die Liebe! Da aber von fern, vom Röhricht her, kommt die Liebe auf weißen, weiten Schwanenschwingen! Die Liebe der Versöhnlich- keit! Die Liebe des Schlichters, die Liebe, die auf Schwanen- schwingen fliegt. Bestürzt und überrascht, gerührt schaue ich diesem seltsamen Schauspiel zu Ich wage es nicht zu glauben, was dort kommen mag. Und doch! Mit»insm wahren Vorwurfslaut endet der schöne Flug des-Schrvanes zwischen den mörderisch sich Um- bringenwollenden. Wie überwältigt fahren sie auseinander. Wie ein paar kleine verkrümmte, bucklige Dämonen vor dem Boten des Lichtes. Wie ein paar durch Scham Besiegte. Dos ist ein absolut Neutraler, der keine Partei ergreift. Der nichts zu erbetteln und nichts zu erhoffen hat von einem armseligen Lorch. Der Helmgekrönte? Fort ist er! Und wie fich's gehört, ist der Bescheidenere, der keine stolze Tolle mifgesetzt hat, der Sieger. Er paddelt mit seinen Beinen zu dem Weibchen hin, und es schnä- bell eben so liebenswürdig mit dem Bescheidenen, wie mit dem Stolzen— dem Prunkcr. Ungenugenöer Kmöersthlaf. Ueber da- ungenügende Ausschlafen der Kinder sind von Päda- gogcn in vielen Ländern bereits abschließende Versuche angestellt worden. Man hat beispielsweise in den Schulen zu Beginn der ersten Lehrstunde den Kleinen gesagt:«Jene, die sich müde fühlen, mögen sich auf die Bank legen und zu schlafen versuchen." Nach kaum fünf Minuten waren M Proz. der Kinder fest eingeschlafen. Solche Erscheinungen sind auf dem Lande noch häufiger als in den Städten, besonders in den Sommermonaten, da die Feldarbeiten ein sehr frühes Aufftehen der Erwachsenen erfordern und dadurch auch die Kinder früher, als ihnen zuträglich ist, aufgeweckt werden. Aber auch in den Städten haben die jüngsten Versuche gezeigt, daß es in dieser Kginsicht noch übel bestellt ist, und daß man in dem ungenügenden Schlaf eine der Hauptursachen für die Nervosität der Kinder zu suchen hat. Man hat in dieser Beziehung auch für die Erwachsenen völlig falsche Grundsätze aufgestellt, hat behauptet, daß man sich zu bloß sechs Stunden Schlaf trainieren könne. Auf die Dauer rächt sich so etwas immer, und man darf da nicht auf das Beispiel mancher Künstler hinweisen, die dem Maugel an Schlaf durch starke Reiz- mittel, vor allem Tabak und Kaffee, nachhelfen. Von Balzac ist ja bekannt, daß er gegen 7 Uhr abends dinierte, sich hierauf sofort zu Bette legte, um Mitternacht geweckt wurde und hierauf in einem Zuge bis gegen Mittag arbeitete, während der Nachmitlag für Besuche oder zur Korrektur der Druckabzüqe vorbehalten war. Balzac hat dadurch eine riesige Leistung vollbracht, die aber nur bei seiner gigantischen Konstitution möglich war und ihn trotzdem als Fünfziger sterben ließ. Der Pariser Gelehrte Malcolm Groß hat soeben der franzö- fischen Akademie der Medizin seine Studien auf diesem Gebiete über- mittelt. Er sieht in dem ungenügenden Kinderschlaf eine soziale Gefahr: dimn. der fehlende Schlaf äußert seine Wirkungen auf den Gefamtorganismus. Der Gelehrte hat in den Pariser Bolksschulen sehr eingehende Studien angestellt und gefunden, daß in dieser Beziehung arge Versündigungen vorliegen. Die meisten Kinder kamen verschlafen zur Schule und mochten durchweg einen hin- fälligen, geschwächten Eindruck. Bis zu sechs Jahren müsse ein 5tind unbedingt vierzehn Stunden Schlaf haben, bis zu fünfzehn Iahren ist das Minimum an täglichem Schlaf elf Stunden und bis zu neunzehn Iahren mindesten? neun Stunden. Diese Zahlen werden ober nur in den wenigsten Fällen erreicht. Die geistige Ilebcrbürdung der Kinder liegt nach Malcolm Groß weniger an der Fülle des Lernstoffs. Aber der mangelnde Schlaf verhindert, daß sich die Kinder hinreichend erholen, um am nächsten Tage im Voll- besitz ihrer geistigen Fähigkeiten zu sein Die Pariser Akademie hat nach einer langen Diskussion die von Malcolm Groß aufaeftcll- je.n Forderungen gutgeheißen, Segegnung. Du hast den Schc-ttentcpplch unker dich gebreikck, die Sonne spannk ihr goldenes Gefieder um deine hockende Gestalt. und müde Töne streuen deine Hände aus dunklem Kasten, und deine Blicke tasten der 5)äuscr hohe Wände entlang und schleichen aus meiner Schritte Spuren mit heimlicher Gelvalt. Ich weiß, wir fuhren gemeinsam einst nach märchenfernen Reichen und fangen hohe Lieder. zur Welt geweitet war der Raum. In meinen sommermüdeu Traum «irsst du die bunle Schlinge vergessener Gemeinsamkeiten, zcrrissne Töne wehmutsvoll gefügt von Liedern, die einst unser waren. Aus einer fremden Welt ein Armebreiten— aus Zeiten— dunkelschweren Jahren.--- Du hast den Schattenleppich unter dich gebreitet. Die Sonne spreizt ihr goldenes Gefieder— zum Riesenrad in deinem Rücken-, versunken sind die Brücken von mir zu dir, nur auf dem schmalen Steg zerriss'ner Lieder hoch über allen Wellen begegnete von uns sich wieder, was einmal eine» war. ___ Paul B o u r f« i n d. ?ungöo. Von Gustav G i b i m. vlUNgdo." Denkt man bei diesen zwei klangvollen Silben nicht an Wild- West, Kongo, Zulafaftern, an Feuersresscr, Schwertschlucker, Kanni- balcn? Weit gefehlt. Iungdo ist neudcutsch. Wie Wumbo.. chört man Wumba, dann meint man zuerst, das fei der Name des Häuptlings dieser zentralafrikanischen Jungdo-Ncger. Eicht einen großen, ttark gebauten Mohren vor sich, in bunter Kriegs- bcmalung wie r'n Maffai, mit ein«? runden Steinplatt« in der Unter- lippe, zum Zeichen dafür, daß er das Recht besitzt, die„größte Lippe" zu riskieren. (Du Schäker meinst, ich red- symbolisch von Hclsferich. Nein und abermals nein.) Wumba ist nur die Abkürzung für die Waffer.- und Munition«- Belchakfungs-Abteilung des ehemaligen preußischen Kriegsministe- riums in der Kriegszeit. Und Iungdo ist nur die neudeutsche Abkürzung für„Jung- Deutscher Orden". Run hat man in einzelnen Londesteilen den „Iungdo" verboten.?ch verstehe nicht warum. Der Orden und seine Brüder sind doch solch zahme Engelchen. Was sie von anderen Sterblichen unterscheidet, ist doch äußerlich nur das Kreuz der Io- hanniter im Knopfloch. Die Brüderchen treiben nur harmlose Spielchen. Sie nennen sich Brüder nach dem Muster der alten Kreuzzuas-Raubrittcr. ihren Häuptling nennen sie Komtur und ihre Bezirke Balleien, wie die altdeutschen Ordensritter. Das Abzeichen im Kropfloch heißt„Balleisen", nicht zu verwechseln mit dem etwa 30 Millimeter breiten Werkzeug, auch Stemmeisen genannt, mit dem Einbrecher ihre nächtlichen Diebstähle vorbereiten. Hört man die Worte Balle! und Komtur und Orden, so sieht man alte Ritterrnsturgen auf Burg Saaleck— wo die Rathenau- Mördcr endeten—, asie Ahnfrauen geistern als„weiße Frauen" in den Verließen und Gängen. Die siehst den Ueberfällen der Ritter auf harmlose Kaufleute zu, hörst das Wehklagen der armen Bauern, wenn der Ritter st: in den Hungerturin wirft, sie prügelt, weil st? nicht pünktlich den„Zehnten" abgeliefert haben. Im Herzen aterienverkalkter Sanitätsräte, Gymnasiolprofessoren, pupertätreifer Gymnasiasten und Studenten liegt eben noch der Sinn für alte Räuberromantik, für Karl-Man-Stimmung, für Winneton- Kitsch, für Wildwest-Eowboy-Zanbcr. Od?r auch so etwas von Karl Moor, Rinaldo Rinaldini, Schinderhannes schlummert in ihnen. Darum trägt der Iungdo seinen scharfgeladenen Revolver. Da- rum treffen sich die Ordensbrüder, wie in Thüringen, nacht« an den Straßenkreuzungen. Selbstverständlich nur. um„Röuberlcs" zu spielen und Indianergeheul anzustimmen. Und da« alles nur, weil die Iungdo-Leute eine so zartbesaitete, märchenblaue Romantiker- seele haben. Wer ein solch zarte« Seelchen hat, trägt da« Jnngd»- Balleisen im Knopfloch. Solch urwüchsige naturechte Remontik, wie bei den Iungdo- leuten, ist im SO. Jahrhundert nur bei dm Naturvölkern zu finden. Ich kel-re daher zum Ausgangspunkt zurück und frage mich, ob die Iimodos doch nicht vieles mit den Ziilukakfern gemeinsam hoben. Ein Iungdomann— mit der Stuben tenmutze auf dem Harwt— hatte mir verraten, daß sei?!? Ordensbrüder als Oberhaupt sich nur Mitglieder„altadliger Familien"(mit erblicher Belaftt-.ng) vorstellen können. Genau, wie es vor dem Kriege war, Auf Grund dieses hochwichtigen Gsaubensbekenntnistes dez .Imigdo-Iünglings habe ich die politischen Aerhältnisie der Zukst* studiert und fand da folgend« interessanten Stellen:„Ddil g»K«e>t!ich-n Regerländer dielen es» Bild politischer Zerrissenheit unbi Cä wache, da fh ihnen ein? Masse von Häuptlingen einß iiftlich begrenzte Gewalt ausüben, die sie nicht auf Grund ihretz T«pse?ke!t oder Intelligenz, als vielmehr auf Grund der Erb» lichkeit und ihres angehäuften Reichtums besitzeeh, Größere Reiche sind gewöhnlich durch Eroberung entstanden. I* ihn«« bilden die Eroberer die allein h-rrichcnde Klaffe. Doch auch f e u d a l a r t i g e S n st e in r haben sich ausgebildet, z. V. dl vMnda und Unjovo, bei denen nicht dem König, sondern den oberstenl .Häuptlingen(Lodendorss, Hindenburg! Der Berfasser) die wirklich» Macht zufällt. DerMangel anMachtwird häufigdurch reichen Prunk und pomphaftes H o f z« r e m o n i«l» verschleiert Im Femilimleben herrscht meist Vielweiberei. Di« Ohe wird meist als Kaufvertrag abgeschlossen usw." Wer das alles näher studieren will, der lese Brockhaus, Aus» g«b? tZS?. Band 1, Afrika, Kulturzustand, nach. Ihr sieben IliilTzdirlenic Es gab eine Zeit— sie ist noch ga» nicht so lange her—, da waren die polnischen Zustände i U Seutschland zentralafriknni s ci>. Da übten die Häupt« singe Hohenzollern die Gewalt aus, die sie nicht auf Grund ihrer Tapferkeit oder Intelligenz, als vielmehr auf Grund der Erblichkeit und ihres angehäuften Reichtums besaßen. Ihre zerfallende Macht suchten sie auch rni? der Wumba am Kongo durch reichen Prunk und pomphaftes Hoizeremoniell zu verschleiern." Seit der Novemberrevolution ist Deu fchland nicht mehr das» Land der blauen Blume ritterlicher Romantik. Das alte Deutschs l«nd ist zu feiner polttstchen Oueile in Zrnkralafrika zurückgekehrt Ms neues Deutschland der Demokratie not leider kein Verständnis mehr für politisch« Buschklepper und Buschmänner. Ihr Iunadoleute nebsi eurer ganzen Sippe, die sich deutsch« »stional nennt, ihr seid mit eurer Ritterromantik am Rhein, an de» Dotmu. an der Elbe und an der Spree in falschen Landen. Fü» eure Romantik findet ihr in Zenlralafrika, bei den Zulukasfer« tiefstes Verständnis. Dort werdet ihr Großmeister(Häuptlinge) sein. Wandert au? nach Zentralafrika. Ihr paßt nicht kk die deutsche Republik! Helfierlch wird euch führen, wie Mose» einst die IsracliteE durch die Wüste und das ,.?>! n' e M e e x", in das gelobte Land alle« Jungdoleute: Zentralafrika!, Hiumen. Irgendwo, mitten in der Stadt sieht man den fernen Ho*!» zont und die sinkende Sonne. Und ein-unermeßliches Sehnest zieht dann durch die Brust. Die Mauern sinken in sich zusam» men und alles atmet den süßen Hauch der Freiheit. Abezjl jubeln, nein, jubeln kann man nicht. Vielleicht klingt durch den Quell der Erinnerungen ein schlichtes, kleines Lied. Wi« oft haben wir's gesungen, andächtig, gleich einem Choral: Küldne Abendsonne Wie bist du so schön,' Nie kann ohn.e Wonne Deinen E'anz ich sehn.... Tausend schimmernde Hoffnungen werden täglich be» graben. Ewig bleibt die bebende Sehnsucht Ungezählter uner» füllt. Und dock— immer wieder hoffen wir und lassen unser Auge sehnend streifen. Das Ellulzen des Abendrots und die Koniblumen in den Händen'der Blumenoerläuferin reden von Schönheit und Freude. Sie find gleich einem Ton der großen Freudensinsoni? hinter dem Grau der Cstadt. Und widerstehen kann und mag ich nicht. Sechs Tage binden eiserne Ketten an Schreib- und Laden- tisch und dich, Bruder, hinter irgendein? Karre in schmutziger Bude. Auf einmal aber sind wir frei und es ist Sonnentag. Sonnentag! Weißt du, was das heißt? Nun sind wir den Vögeln und den Gräsern gleich lind den Blumen, die ihre Köpfchen leis im Winde neigen. ■*. Als ich das erstemal das Meer sah, ertrank meine Stimme und meine Augen weiteten sich und schauten staunend und stumm die wogenden Brüste der Mutter Erde. Nun weiß ich's, die Blumen sind ihr unendlich gütiges Lächeln, das alle Men« schen gleich segnend überhaucht. Äber die Menschen sehen«s nicht und fluchen den Steinen. Bis auf die wenigen, die die Sonne im Herzen tragen. Gestern sah ich ein Arbeitermädel, das hatte Rosen in bei- den HSndeu. Rotrote Rosen. Vielleicht stehen sie heute irgendwo in einem Dachstübchen und blühen und duftest, Blühen und— welken. * Unzählige Blumen wachsen an den Wegen unseres Lebens, Darunter siudest du welche, die nimmer vergehen. Eine jede aber verblutet, wenn rauhe Menschenhände diü * Schönheit brechen, W,© ß« n 0 U fe J Wilsen unö Schauen Die Fahitcuschwenkcr«r.d ihre Kunst. Fahnenschwenken ist ein Beruf und eine Kunst, die völliq in' Vergessen- heit fleraien sind, aber wohl verdiente, bei Demonstrationen und'so weiter wieder aufgenommen zu werden. In den Zünften ivurden sie gepflegt, und seitdem diese ihre Veden- tung verirren haben, ist das Fahnenschwsnkcn ausser Brauch ze- kommen. Bei großen Festlichkeiten der Zünfte, den Ouartalcrn, oder sonst, wenn die Zünfte einen öffentlichen Umzug hielten, niußtc ini Festzug ein Fahncnsehwenker sein. Manche Gesellen bildeten sich eigens zu großen Künstlern im Fahnenschwenkcn und-werfen au?. Sie waren deshalb besonders hoch in der Zunft gehalten und wurden nicht nur wegen ihrer Kunst von den anderen Gesellen bewundert. sondern bekamen bei solchen Gelegenheiten ihre Leistungen auch noch gut bezahtt. Noch in den sechziger und siebziger Jahren konnte man bei öffentlichen klufzllaen!n Berlin Fahncnschwenker bewundern, so bei dem sogenannten Motiensest der SchnHd.gr, auch bei Ernteiesten usw. 1846. Die Leistungen wurden in den Berichten der Zeitungen ausführlich erwähnt und besonders von Ausländern viel bewundert. Ein alies Nürnberger Büchlein— bekanntlich blühten in Nürnberg besonders die Zllnst«- enthielt eine genaue Anweisung,„wie die Fahnen mit Borteil auch zierlich getragen und geschwungen werden sollen, mit schönen Kupferstücken in Truck verfcrtiat durch Ioh. Nenner und Sel>. 5)äußber". Es gab da bis zu 1?0 verschiedene Touren, und e» gehörte edensoviek Kraft und Ueimno dazu. So konnte ein Fah- nem'chwenker zum Beispiel eine ganze Anzahl von Fahnen mit der Nechien und Linken in die Lüfte werden, sie immer wieder auffangend und durcheinander wirbelnd. Ein andermal erschienen die Fahnen in einem Bozen mit großer Geschicklichkeit von einer Seite zur andern geworfen, daß es aussah wie ein Pfauenrad. Dann wieder warf der Schwenker mehrer« Fabnen haushoch in die Lüfte und fing sie mit Sicherheit wieder auf. Um die dabei entwickelnde Geschicklichkeit richtig zu beachten, muß aesagt werden, daß alles ix>s von den Foh- nenschwenkern im Marschschritt des Festznqes ausgeführt wurde. Es wird behauptet, haß bei den Maurern und Zimmerleuten die besten Fahnenschenker waren, und die anderen Innungen sich bei Festen diese(Mellen ausborgten. Die E-rlkkehrmg der tcnilsprache. Seit Darwin den Eniwicklungs- gedanten in das ganre Natnrgefchehen eingeführt bat, ist eine Methode nicht nur für die Auffindung der Stammesgeschichte des Mensckien gesunden� sondern auch die Kunst, Philosophie, Neligion, alle Er- fcheinungssvrmen der Kultur usw. sind cntwicklungsgeschichtlich unter- sucht worden. Auch die Philologen sind, wenn anfangs auch zögernd, an die Stammesgeschichte der Sprachen herangetreten. Interessant -märe die Untersuchung, wann und wo erstmals Lebewesen von der Gebärden- zur Lantsprache übergegangen sind. Wie steht e« damit mit den Sprachanfängen im Tierreich? Nur die Vögel haben ver- möge des Baue» ihres Kehlkopfes und ihres ganzen Sprachrohr« d'e Fähigkeit, woh'artikulierte Laute hervorzubringen. Biel« haben die Neigung, gehörte Laute aller Art nachzuahmen. Sie wissen ihre eigenen Leistungen zu würdigen und beeinilussen sich gegenseitig in ihrem Gelang. Ein gut singender Finkenhahn enieht durch sein Beispiel die jungen Hähne seiner ganzen Gegend. Bei kleinen Kindern sehen wir" genau dieselbe Erscheinung. In den ersten sieben Wochen schreien sie nur al« Ausdruck ihrer Unlustgefühle, wie es die meisten '.Tiere tun. Dann kommt die Zeit des fröhlichen Lallens. de» mit dem Dasein«nisgesöhnlen wohligen kleinen Menschenkinde». Wir sehen hier die anscheinend sinnlose fröhlicks Geschwätzigkeit wie bei unseren Singvögeln. Im Anfang des zweiten Lebensjahres erscheint dann die Echvsprache als Vorstufe der Lautsprache, wie wir sie«n den stimmt»gabtesten Vögeln, den Staren und den Papageien, sehen. Dann aileldina» macht der kleine Mensch einen Sprung in d»r Eni- Wicklung d-r Epr»che, den kein Tier je nachahmen wird.. hin liegt die Möglichkeit vor, daß während des kurzen Hochsommers offene Wasservinnen entstehen. Völlig vngc läit aber ist noch die Frage, ob sich in diesem breitesten Teil des nördlichen Eismeres noch Land, sei es zusammenhängenden Charakters oder in Gestalt kleinerer Inselgruppen, befindet. Daß der Nordpol in: Mee»: liegt, ist seit Pearys Schlittenfahrt, die ihn von Nordwestgrönland zum Pol ge- fuhrt hat, erwiesen. Es wäre aber denkbar, daß sich östlich vom Pal noch ein arktischer Archipel befindet, d.ssen Aorhandensein vom Flug- zeug aus festgestellt werden könnte. Weniger wahrscheinlich ist die Existenz einer größeren zusammenhängenden Landmasse in diesem noch unerforschten Gebiet des Eismeeres. Auf Spitzbergen hat Amundfen sofort drahtlose Berbindung und kann innerhalb einer Woche nach Tromsäe im nördlichen Norwegen gelangen. Der Flug wird 17 bis 26 Stunden danern. Der Chef des norwegischen Fliegerkorps, Leutnant Tellessen, hat auf Spitzbergen einen geeigneten Landungsplatz ausfindig gemacht, dessen Lage drabt- los Amundfen nach Alaska mitgeteilt roird. Das Flugzeug ist ein zanz au» Metall gebauter Eindecker, mir dem der Rekord des größten bisher erreichten, ununterbrochenen Ausenthalls in der Luft— 82 Stunden— aufgestellt worden ist. Völkerkunde Die Tschuklschen. Sverdrup gibt jetzt ein« Schilderung der Tschnkischen, dieses noch wenig bekannten Volksstammes im nord- östlichen Ästen, nach denen die Tschuttschen-Halbinsel ihren Namen führt. Die Tschnkischen besitzen große Renntierherden. welche sie fast mit allem versorgen, was sie brauchen. Die jungen Leute haben eine große Geschicklichkeit, die Tiere mit Laß'os einzufangen. Die Zelte, in denen sie Sommer und Winter Hansen, passen sich dem nomadischen Leben und den klimatischen Verhältnissen bestens an. Die Tschuklschen zählen die Jahre nicht, so daß niemackd weiß, wie »tt er ist. Aber sie zölsten die dreizehn Vollmonde des Jahres, und zwar an den Finger- und Armgelenken bis zur Schulter,- das gibt auf jeder Seite sechs, und der Krpf zählt als Nummer dreizehn. Alt» Leute werden totgeschlagen, nicht aus Grausamkeit, sondern au» Mitleid. Schlitten, Axt, Messer, Teekessel und Tabakpsei'e «erden den Toten mit ins Grab gegeben. Es ist also, wie man sieht, noch ein ganz primitives Bolk, aber die Leute sind zufrieden und sehnen sich nach keiner Veränderung. Solang�fie Gelegenheit haben, sich für Fuchsfelle Tee und Tabak einzutauHßn, verlangen sie von der Außenwelt weiter gar nicht». Die Zivilisatio« würde ihnen da db»n nn Norden nichts nützen. hlmmelskunSe Ecökunöe Entdeckungen am Neptun. Der erst im Jahre 1346 entdeckte � Planet steht an der äußersten Greikze unsere» Sonnensystems: man i»ermutet zwar noch einen weiter entfernten Planeten draußen in \ gewaltiger Form, aber da» ist noch nicht sicher. Der Neptun ist von � der Sonne drcißigmal so weit entfernt wie die Erde, und seine Um- l«uf:z«it beträgt 164 Jahre. Seit seiner Entdeckung hat er seinen Umlauf nach nicht einmal vollenden können Natürlich ist er nur mit den schärfsten Fernrohren al» ein winzige» Scheibchen mit etwas grünlicher Färbung zu erkennen, und Einzelheiten sind so gut wie gar nicht wahrzunehmen. Der amerikanische Astronom Lee wollte vor längeren Jahren einen großen Streifen um den Aequator de» Neptun» bemerke». Di« auf der Sternwarte zu Washington herge- stelli» Photogrdphie wurde auch von dem Berlin-Treptower Astro- nan.en Aö�enhold in seinen Vorträgen gezeigt. Andere Astronomen bestätigen die Wahrnehmung, die vielleicht aus einen Ring wie beim Saturn hindeutet, wieder andere bezweifeln sie. Neuerding» ist aber dies»r Aequotorialstreifen de, Neptun», wie es scheint, in dem großen Z.4-zöllig»n Resrektor der Lowell-Sternivarte zu Fiagstnfs in Arizona emwemdfr»! festgestellt worden, euch di« schwache Abplattung dc» Planeten«n den Polen trat sehr deutlich zutaa». Do» sind freilich keine sehr großen Entdeckungen.aber bei d»r Schwierigkeit der Ve- «d«chtung kann man kaum mehr verlangen. Amundfen, Fl«, über den Nordpol. In den nächsten Tsgeu (inzwischen«ird allerdings gemeldet, daß die Abfahrt verschoben ists gedenkt Roold Amundfen sein kühnes Unternehmen der Polnder- flicgung auszuführen und van Point Barrow au» im Flugzeug Kurs auf Spitzbergen zu nehmen. Point Darrow ist der nördlichst« Punkt Alciskg», und die Verbindungslinie von dort nach Spitzbergen führt fast gradlinig über den Nordpol hinweg, ist also gleichzeitit die kürzeste Verbindung Die zu durchfliegende Strecke ist rund 4366 Kilometer lang u«d führt mitten durch da» östliche Polarmeer, disfen Charaiter bisher noch völlig unerforscht ist. Wie man«eist, h« Amundfen bereit? zweimal, ivenn auch vergeblich, versucht, mit feinem Schiff„Wand"»ine Tristfahrt durch diesen Teil de» nördlichen Tis- meeres zu unternehmen und sich durch die Strömung langsam Bier den Pol kinivegtreiben zu lassen, ähnlich wie e» Frithjof Nansen in den Jahren 1803—66 getan hat. Nansen war aber nur bi» zu 86 Grad 13 Min. nördlicher Breite gelangt. Die großen Schwierig-■ feite», die ftch Amundfen bei seinen beiden früheren Versuchen m i den Weg gestellt haben, ließen in chm den Plan reisen, den V«g durch den östlichen Teil der Arktis zum Pol statt in Jahren an Vord, binnen wenigen Stunden in den Lüften zrückzulegen, um so in denkbar kürzester Frist Ausschluß über den Charnfter'der östlichen Arkti» zu gewinnen. Die Annahme, daß dieser Teil des nördlichen Eis- meeres während des größten Teiles des Jahres eine ununterbrochene £is. und Schneestäche bildet, kann als ziemlich sicher gelten: innner-> |D>�-id(□>==<□! Techmt fD>i�ai[a>=s