Nummer 2» Z. Nugust 1922 AnterhaltunHsbeLlatze öes Vorwärts <)>(> poverelH tutti sono fratelli. Von Max Barthel. Die Stadt Roccastrada liegt im Tostanischen auf einem hohen Berg, auf den ich an einem Regentag anstieg. In den Dorbergen wuchs wilder Lorbeer, das Land aber beherrschte die Stadt oben im Felsen, selber ein kleines, weißes Felsennest. Der Silberspiegel des Meeres war verblitzt, die Brandung verdonnerte. In Grs- setto vermietete ein alter Italiener dem Wanderer für eine Nacht die Hälfte seines breiten Ehebettes. Das Mütterlein an meiner Seite war hoch in die Siebzig. Aber nun regnete es. Nach Roccastrada war noch nie ein Fremder gekommen, denn es lag abseits der große» Straßen. Auf dem Stadthaus wurde ich mit großen Gebärden empfangen. Das ganze Haus lief zusammen, den Fremden zu sehen, der um ein Nachtlager bat. Der Bürger- meister kam, die Polizisten, die Schreiber. Ob ich in Rom den König gesehen habe, ob Rom gigantesca und Italien bellissima sei, ob meine Eltern noch lebten, wie mein« Schwestern l>«iße» und, mit funkelnden Augen, ob ich auch schreiben könne. Ich antwortete, Rom sei gigantesca, Italien belliss-ma, den König habe ich nicht gesehen, meine Schwestern heißen— alten Wünschen blies ich lebendigen Odem ein—'Laura, Johanna, Beate und Narzissa, mein« Eltern seien schon lange tot, aber meine Groß- mutter leb« noch und schreiben sei mein Beruf, ich sei„im piccolo poeta*(ein kleiner Dichter). Dos solle ich beweisen! Sie brachten Papier und Tinte und der kleine Poet schrieb einige Verse hin, die in der Luft lagen. Ob ich auch mit lateinischen Buchstaben schreiben könne? Natürlich! Die Männner ivaren des Lobes voll. Oh, ich sei„un gran poeta"(ein großer Dichter) lächelten sie liebenswürdig.„Warum aber fahren Sie nicht mit der Bahn?" Wandern sei so schön, sagte ich, da gehe der Mensch in den Spuren des Glückes, suche und finde auch, wo- nach sich sein Herz verzehre.„Was haben Sie sonst zu verzehren?" fragte unter großem Gelächter der Bürgenneister. Ich sagte mein Bettelsprüchlein her, wurde mit zwei harten Lire getröstet und unter vielen„Addlos" nahm ich Abschied, der Wein war gut, die Suppe war gut, das Bett himmlisch. Nachtwanderung im silbernste» Mond vor Florenz, Stimmen und Glocken von den hohen Türmen, erster Ruch des Frühlings, dann Siena, hoch und einsam, übertrumpft von Florenz, das ich am selben Tage erreichte. Wir saßen in der Weinkneipe„La Bohemia" bei großen Planen. Der Karneval war in der Nähe. Der Böhm« sagte, mit der Pfennigbetlelei sei es nichts, man müsse die Sache richtig schieben, Masken müßten her, einige rote und blaue Nasen, Schminke müsse gekaust werden und einige Barte, dann los, mitten hinein in den Trubel, zugepackt und zugegrifsen, wenn es auf unsre ehren- werten Sprüche nichts gibt. Wenn man die Sache richtig anpacke, garantiere er für jeden Man» zehn Lire. „Machen wir!" schrie der Pole,„aber es muß alles in einen Hut und dann geteilt werden!" Das war selbstverständlich und eines der ungeschriebenen Gesetze der Landstraße. Aber das Gesetz wurde von einem jungen Juden gebrochen, der heute erst angekommen war und— das wußten wir— vom Konsul zehn Lire geholt hatte, und trotzdem behauptete, kein Geld zu haben. Vom ersten Augenblick an wütete zwischen dem Polen und dem Juden erbitterte Feindschaft. Der Streit begann damit, daß der jüdische Russe bestritt, das Russisch des Polen zu verstehen, worauf der Pole giftete, die Juden seien minderwertig und alles andere eher als Russen. Alter Rassen- haß warf seinen Schlamm an unseren Tisch, verbitterte d«n Wein und saß in einer Ecke und wetzte die Zähne. Bon unserem Tisch übersahen wir die Schenke. Die gekalkten Wände waren mit lächerlichen Bildern von einem simplen Maler bemalt, die er Murgers Boheme entnommen hatte. An den Holz- tischen saßen italienische Gäste, kleine Bürger, Arbeiter und Fuhr- leute bei Wein oder dampfender Schüssel, schwatzend, trinkend, rauchend und sahen neugierig auf unsre zerlu npte Tafelrunde, die ihren Hunger im Wein erjosf.« Der Wein oerschwemmte de» Haß. wir wurden sentimental und sangen. Am schönsten aber sang der jüdische Russe. Man sah über das blaue Meer die trostlosen Einöden Weißrußlands, sah in das Veito von Pinjk oder Minsk jah Schmutz und Masjaker, Btut«ich Tränen, sah die lichtlosen Hinterhöfe und Keller und den erbitterten Kampf des unterdrückte» Bolkes um den Bisse» Brot, um die Lunge voll Luft, um die Hände voll Arbeit, hörte ihr verzweifelte» Schreien und ihre messianische Hoffnung. Ein Lied verfchwebte unsagbar schwermütig. Das Elend im Getto ist riesengroß, der Sohn, die 5iosfnung und Stütz« der alten Mutter, geht in die Fremde, nach Amerika, das Gotv zu graben. Im Lied rinnen die Tränen über die alten Wangen der Frau, herz- brechendes L«id schluchzt. Der Abschiedsgesang geht wie eine Toten- klage: „Schreib mir einen Brief, Einen lieben Brief, Und denk an deine Mamen." Das„Mamen" endet wie das schmerzliche Amen in einem Choral. Schwermut überfiel uns. Wir alle lvaren aus einem Getto entflohen, das Gold zu graben... Neuer Wein prangt auf dem Tisch. Die Trunkenheit taunielt durch unsre Gehirne, das Blut steigt, eine schwärmerisch« Flamme, in uns empor. Nebel raucht, Sterne beginnen zu tanzen. Das Elend versinkt, Trotz stählt den Nacken. Du hast mich weich gesehen, nimm dich in acht, daß dir die Fauste nicht den Schädel zerhämmernl Der Wein lag oerschüttet auf dem Tisch. Der Böhme machte aus den roten Pfützen Tiere und Bauernhäuser, denn er war Knecht gewesen, ehe er auf den Landstraßen i» die Welt hinauslies. „Neuen Wein her!" schrie der Pole,„der Russe muß bezahlen!" Er hieb mit der Faust auf den Tisch. Di« Gläser tanzten, der Böhme malte springende Pferde und weidende Kühe aus den Pfützen. Der Rusie lehnte sich an die gekalkte Wand, selbst kalt- � weiß, erbittert, mit zusammengebissenem Mund, in eisiger Abwehr. „Geld raus!" brüllt« der Pole, starr und gereizt wie ein böser Stier.„Nein", sagte der andere nrit toter Stimme und äugte nach der Tür. Der Pole rückte näher.„Oho" zischte er ganz leise. Die kühle Abwehr stachelte auch uns auf. Es ging jetzt nicht mehr um de» Liter Wein, den hätten mir noch bezahlen können, es ging um die unverletzbaren Gesetze der Landstraße. Der Russe wollle über uns stehen und gehörte doch in unsre Tiefe. Der Pole begann plötzlich in einer fremden Sprache zu reden. „Ich verstehe nicht polnisch" sagte der Russe.„Es ist russisch" heulte vor Wut.der Pole. „Laß doch de» Kerl!" Das mar der Böhme, der sich von seinen weingezeichneten Pferden und Kühen erhob und lächelte. Wir starrten verbiestert auf den Russen, der fremd und unbeteiligt in seiner Ecke saß, zum Greifen nahe und doch wie auf einem anderen Stern.„Ich gebe kein Geld", sagte er sanst,„wenn ihr Wein haben wollt, trinkt, ich will nicht mehr." Die Italiener waren von ihren Tischen aufgestonden und starrten uns an. Harte Worte prasselten wie Steinwürfe in unseren Streit. Der tobte weiter und schäumte in blinder Wut. Der Pole goß seinen Weinrest dem feindlichen Kameraden ins Gesicht. Der schlug mit der Faust um sich, riß sich aus den Anuschlinge» seines Feindes imb floh in die Rächt, verfolgt von dem Polen, der nach einer Mintite keuchend zurückkam,„Der Hund war weg" jagte und einen neuen Liter Wcin bestellte. Dann stand der Trunkene auf, wutverzerrt, unoerkühlt, ging an den Tisch der Italiener und stieß ein Weinglas um. Ehe die Wut der Beleidigten losbrüllen konnte, stand ein Mann auf, ein Fuhrknecht oder Arbeiter und ging mit breiten Schritten auf uns zu. Der Pole ballte abwehrend die Fäuste, senkte den Kops und erivartete den Angriff. Doch der Fremde lächelte nur und sagte: „I' o v e r e 1 1 i tutti sono fratelli"(alle Armen sind Brüder). Wut verschäumte, Erbitterung zerschmolz. Das Blut verkühlte sich und floß dann ruhig und sicher nach dem Herzen und nahm den letzen Schlammrest Erniedrigung mit fort. Das Herz schlug still und feierlich die alten, ruhigen Schläge. Auch der Krampf des Polen löste sich. Der Böhme malte wieder springende Pferde und weidende Kühe. Die Sterne der Trunken- lieit gingen»nter, und wir sahen unser Elend»nd das Elend der Armen, die Arbeitslosen, die Fabrikböllen, die Kranken, die Ber- zweifelten, dt: Weinenden und die Hoffenden. Wir tranken den bitteren Rest omn letzten Wein und gingen in die Nacht und bettelten unjer Schlasgeld zujamine», Der herzjchlag öer pflanze. Neue Forschungen eines indischen Gelchrien. Sir Iagadis Chandra Base, der berühmte indische Naturforscher, der unsere Kenntnis von den feinsten Lebensvorgängen in der Pflanze so außerordentlich bereichert hat, veröffentlicht demnächst in England ein neues Werk:„Die Physiologie des Saftaufstieges, in dem feine neuesten Forschungen über diese für die Botanik wichtigen Fragen niedergelegt sind. Die Ergebnisse feiner langjährigen Untersuchungen über die Ur- fachen des Aufsteigens des Saftes in der Pflanze gibt er schon jetzt vekannt.„Der Baum", so führt er aus, erlangt fein Nahrung». Material aus den Substanzen des Bodens. Cr saugt Wasser von den Wurzeln auf, führt es durch den Stamm und atmet es durä, die Blätter in die Luft aus. Die Menge des auf diese Weise auf- genommenen und abgegebenen Wasiers ist beträchtlich: in einem großen Baum beträgt sie etwa 100 Pfund am Tage: die Höhe ge. wisser Riesenbänme mag bis 450 Fuß betragen. Die Kraft, die «um Emporheben fo großer Wassermengen bis zum Gipfel des Baumes erforderlich ist, muß also sehr bedeutend sein. Auf welch« Weise zwingt nun der Baum da» Wasier zum Emporsteigen, und welches ist die Quelle dieser Kraft? Diese Frage hat die Auf. mertfamkeit aller führenden Pflanzenpbnsiologen in den letzten 100 Jahren auf sich gezogen, aber das Problem ist bisher ungelöst geblieben. Es ist nicht einmal ganz sicher, ob der Saftaufstieg von der Tätigkeit lebender Zellen herrührt oder ob er von der saugenden Kraft ausgeht, die durch die Berdunstunq von den Blättern ent- faltet wird, indem durch sie das Wasser in das tote Holz gezogen wird. Der deutsche Gelehrte Straßburger versuchte die Frage zu entscheiden, indem er einen Baum vergiftete: aber der Aufzug des Wasiers vollzog sich trotz der Vergiftung. Man schloß daraus, daß lebende Zellen an der Dcrteiluno des Sastes keinen Anteil haben. Neue Versuche, die in meinem Forschungsinstitut in Kalkutta aus- geführt wurden, haben die Fehler in der Methode Straßburgers aufgedeckt. Eine halbverfchmachtete Pflanze, die mit einer giftigen Lösung von Formaldehyd behandelt wird, ist unfähig, die Lösung aufzunehmen: sie verschmachtet mehr und mehr und stirbt in einem Tag ober zwei. Im scharfen Gegensatz dazu steht der folgende Ber> such mit einer Chrysonthemumpflanze in einem Gefäß. Sie wurde mehrere Tage ohne Wasser gelassen und schrumpfte vollkommen zu- lammen, schien fast tot zu sein, aber die Zuführung von etwas Wasier, das eine kleine Beigabe eines anregenden Mittels enthielt, brachte die Pflanze zu einer wunderbaren Veränderung: sie begann energisch Wasier aufzusaugen: der schlaffe Stiel und die trockenen Zweige füllten sich: sie richtete sich zu ihrer vollen Höhe auf, und die verschrumpelten Blätter breiteten sich in normaler Weise aus. Solche Versuche beweisen, daß der Saftaufftieg in den Pflanzen durch die Tätigkeit lebender Zellen hervorgerufen wird. Wir müssen nun die genaue Loge dieser Zellen und die Methode der Verbreitung des Sastes feststellen. Die Annahme von der Einwirkung de» atmofphä�schen Drucks Ist abzulehnen, da dieser Wasier höchsten, zu einer f)öhe von 34 Fuß heben kann. Mit einem besonderen Apparat gemessen, zeigt sich, daß der Saft unter günstigen Umständen mehr als 100 Fuß in der Stunde emporsteigt. Auch die Annahme von der Saugkraft der Blätter und von einem geheimnisvollen„Wurzeldruck" führen nicht weiter. Die Vorstellung, als ob der Aufstieg durch einen Zug von oben und einen Druck von unten hervorgerufen würde, wird durch den folgenden versuch widerlegt. Wenn man von einer Chrysan- themumpflanze alle Blätter entfernt und den Stamm mit einem undurchdringlichen Firnis überzieht, damit also die Atmung der Pflanze vollkommen ausschaltet und den Wurzeldruck durch Ab- schneiden der Wurzel beseitigt, so nimmt doch der Aufstieg, wenn das Ende des Stiels in Wasier gesetzt wird, in einem Maße von 60 Fuß in der Stunde seinen Fortgang. Der Aufltieg des Sastes kann daher nur von der Tätigkeit der Zellen abhängig sein. Um den Sitz dieser Kraft in der Einzelzelle festzustellen, mußten alle Schichten der Zelle von der äußersten Haut bis zum innersten Kern untersucht werden, und zwar während sich die Zelle bei vollem Leben und in Tätigkeit befand. Mit Hilfe einer elektrischen Prüfung»- Methode drang ich allmählich Schritt für Schritt von der äußeren Haut bis zum Kern der Pflanzenzelle vor und konnte die regel- müßige Ausdehnung der Zelle und die Aufnahme des Saftes sowie die doraussolgendc Zusammenziehung und Abgabe des Softes er- kennen. Die Pflanzenzellen befinden sich also in einem Zustand regelmäßiger Pulsierung, indem sie sich ausdehnen und zusammenziehen. Jede Zelle nimmt während der Phase der Aus- dehnung Wasser von unten auf und gibt es während der Phase der Zusammenziehung nach oben ab. Die Periode einer einzigen Pul- sierung ist etwa 14 Sekunden: aber unter bestimmten Veränderungen können die Pulsschläge sehr viel schneller werden oder auch sich ver- langsamen bis zum Aushören. Die Untersuchungen zeigen ferner, daß die Rinde, die das holzige Gewebe umgibt, die Haupttätigkeit ausübt. Die Rinde, die sich durch die ganze Länge des Baumes hinzieht, ist also der tätige Vermittler der Ausbreitung des Saftes. Die holzigen Gefäße dienen nur als Ausbcwahrungsbchälter für das Wasier. Die Pflanze hat also einen Herzschlag und ein System des Pulses, dos dem tierischen Organismus erstaunlich ähnlich ist. Wie das tierische Herz bei erhöhter Temperatur schneller schlägt, so wird auch die Tätigkeit des Pulsschlags in der Pflanze dadurch verstärkt, während unter dem Einfluß der Kälte der Herzschlag der Pflanze «I« der des Tiere» herabgesetzt, ja zum Stillstand gebracht wird. So geht ein gleicher Rhythmus durch alle Lebensvorgänge. Die Pflanze zieht sich wie das Tier vor einem Reiz zusammen; sie besitzt ein reichentwickeltes Nervensystem: der Kreislauf des Sastes ähnelt dem Blutkreislauf. Reizmittel wirken auf die Pflanze ebenso wie auf das Tier. Es gibt keinen charakteristischeren Lebensvorgang in dem höchstentwickelten Tier, der nicht in einfacherer Form in der Pflanze vorgeahnt ist. So werfen diese Forschungen aus dem Pslanzenleben überraschendes Licht auf die Probleme des tierischen und sogar des menschlichen Lebens._ Völkerwanderungen. Bon Josef Sladek. Eins der interessantesten Kapitel der Weltgeschichte bilden die Schicksale der fern von ihrer 5)eimat versprengten Völker und die oft damit zusammenhängenden, vielfach noch rätselhaften Wanderungen der Naturvölker in der Urzeit oder in den fremden Erdteilen vor ihrer Erkundung und Besiedclung durch die Europäer. Unter den Kabylen und Rifspiraten, den vielgenannten zähen Verteidigern ihrer marokkanischen Berge und Küsten gegen die Fran- zosen, befinden sich zahlreiche lichthaarige, blauäugige, den nordger- manischen Bölkcrn völlig gleichende Geschlechter, die der Völkerkunde ein bisher unlösliches Rätsel ausgaben. Sind sie Nachkommen der stolzen Nandalen, die unter König Genserich einst in der Landschaft des alten Karthago ein Reich von kurzer Blüte gründeten? Die aber bildeten stets nur eine dünne Oberschicht über den dunklen Einge- borenenstämmen und gingen wohl restlos zugrunde, als der byzan- tinische Feldherr Belisar im sechsten Jahrhundert nach Christus di« letzte Bergfeste eroberte und den nach einem Schwamm, einer Leier und einem Stück Brot verlangenden König Helimar in Fesseln fort- geführt hatte. Zu groß war die Saat des Hasses gewesen, die das harte Regiment des germanischen Herrenvolkes ausgestreut hatte: was dem Schwerte der Feinde entging, war ruhmlos von dem Land- oolke mit Knütteln erschlagen oder nach alter afrikanischer Sitte in den Zufluchtshöhlcn totgeräuchert. Bon diesem dem Tode geweihten Germanenstamme können sich unmöglich zahlreiche Geschlechter mehr als ein Jahrtausend hindurch unvermischt in frischer Kraft erhalten hoben. Vielleicht müssen wir unendlich weit in die Urzeit des Men- schengefchlechtes zurückgehen, um des Rätsels Lösung näher zu kommen. Jahrhunderttausende mögen seit den Tagen verflossen sein, da die ersten Europäer t- vermutlich Zwergvölker mit Negerschädeln und knochenstarke, hochgewachsene Stämme— mit armseligen Steinbeilen den riesigen Höhlenbär und das schwer stampfende Mammut jagten: da kam über gewaltige Bölkermassen der russischen Steppen jener geheimnisvolle Wandertrieb, dessen Betätigung in geschichtlicher Zeit mehr als einmal die Landkarte umgeändert hat. Einige Horden gewannen das stuchtbare Mesopotamien und wurden di« Ahnen der frühesten Kulturvölker der Welt am Euphrat und Tigris, andere setzten sich an den Ufern des Niltals fest, andere wieder durchstreiften Europa bis zur Südwestküste Spaniens. Vielleicht haben diese auch di« schmal« M«crenge von Gibraltar überwunden. Die Unter- suchung der Schädel aus der sogenannten Steinzeit scheint diese Ver- mutung zu bestätigen. Ihrem Körperbau nach muß es eine kräftige, den Jndogermanen ähnliche Rasse gewesen sein, die sich dann in Nordafrika behauptet hat und in den schwer zugänglichen, fast immer unabhängig-gebliebenen Bergländern heute noch blüht. Räsielhoft bleibt auch der Ursprung des Baskenvolkes von Spa- nlen, das in der Art und Bildung stincr Sprache einzig mit einigen nordamerikanischen Indianerstämmen Verwandtschast zeigt. In der als Terttärzeit bekannten«rdgeschichtlichen Epoche gab es eine Land- brücke zwischen Amerika und Europa: und da in diesem„Morgenrot der heutigen Schöpfung" Spuren vom Dasein des Menschen jetzt unzweifelhaft nachgewiesen sind, mag auch hier vor ungezählten Jahrtausenden ein merkwürdiger Völkeraustausch stattgefunden haben. Im Kaukasus und im unwirtlichen Himalajagebirge wohnen Dutzende von kleinen Stämmen, jeder vom anderen verschieden, keiner irgendwie mit den großen Völkern der Nachbarschaft ver- wandt; vergeblich hat sick bisher die moderne Wisienschast bemüht, na� dem Lande ihrer Wiege und den geheimnisvollen Schicksolen zu forschen, die sie in die Oede und Unzulänglichkeit jener Riesen- berge geführt haben. Die eigentümlichen Bilderschriften, Stcinbauten, Kolossalsiguren und pyramidenähnlichen Monumente mittelamerikanischcr Bölkcr, um die seit Jahrhunderten die wilde Ucvvigkeit des Urwaldes wuchert, haben schon die phantasievollsten Deutungen erfahren, ohne daß viel vor der strenoen nüchternen Forschung bestehen konnte. Reste der zersprengten Stämme des Volkes Israel sollten einst dahin verschlagen sein; urzeitliche Kolonien der alten Pharaonen Aegyptens brachten nach anderer Meinung eine hochentwickelte Kultur in die Indianerländer: beides ist unmöglich, aber die Aehnlichkeit mit den altäqyptischen Kunstwerken ist verblüffend. Daher bringt es-in wenig Licht in das geschichtliche Dunkel, wenn man weiß, daß die Indianer einst hoch im eisiaen Norden die Jnselbrllcke der Bering- straße aus Asien nach Amerika eingewandert sind, und daß long« vor der Entdeckung des Kolumbus chinesische Seefahrer die miltelameri- kanilchen Küsten besuchten. Welches verschollene Volk errichtete einst aus der fernab vom Weltverkehr einsam in der Wasserwüste des Stillen Ozeans gelegenen Osterinsel die riesigen Standbilder mit einer Art Inschrift, di« wie unheimliche Zeugen einer größeren Vergangenheit aus die armseligen paar Bewohner von heute herabschauen, die stumpl. gleichgültig, ohne Sorge und Erinnerung an ihnen vorübergehe»»? Wir wissen es nicht unfi müssen vielleicht mit dem berühmten Worte des große» Natur- forschcrs Du-Bois-Raymond hinzusetzen:„Ignorabinus"(Wir werden es auch nicht wissen). Ganz vor kurzem sind im unbekannten Innern der Urwälder Brasiliens wunderbare Felsenmolereien und etwas wie Bilderschrift entdeckt worden, wobei die Zeichnungen sehr lebhaft an ähnliche Tier- und Jagdbilder der Buschmänner Südafrikas erinnern. Die jetzt da nackt und ohne feste Hütten vagabundierenden Indianer, die noch Steinwasfen und Steinwerkzeuge haben, wissen nichts über dies Rätsel der Waldnackt... und auch der moderne Forscher kann aus der Fülle seiner Wissenschaft nicht einmal Vermutungen an- stellen. Völkergeschichtliche Rätsel, wie sonst kein anderer Teil des Erden- runds, gibt der schon genannte Stille oder Große Ozean mit seinen tausend Inseln und Jnselchen aus. Wohin deuten die Verwandtschaft- lichcn Beziehungen der bald negerartig kraushaarigen, bald mit ganz schlichtem, strohigem Haarschopf bedeckten Australneger? Wo stand die Wiege der aussterbenden Maori, die auf Neusee- land wilde Kämpfe mit den riesigen Moorvögeln bestanden, von denen noch alte Heldenlieder künden, und die nach Ausrottung dieser ihrer Fleischlieferanten zur Menschenfresserei übergingen, weil es sonst auf ihrer Insel kein jagdbares Wild gab? Welche riesenhaften Wanderungen über die pfadlose Weite des Ozeans mußten vorher- gegangen sein, ehe sich die Südsce-Insulaner, vor der Berührung mit dem Branntwein und den Seuchen der Europäer durch wahrhast griechische Schönheit der Körperbildung ausgezeichnet, über die zahl- losen Eilande der unermeßlichen Flächen verteilt hatten I Das alles sind für uns Fragen und Rätsel, so interessant und so merkwürdig, wie je etwas in der Böltergeschichte— aber die Lösung der Probleme scheinen wir kommenden Geschlechtern überlasten oder vielleicht auch für immer daraus verzichten zu müssen. Nußestunöen. Von Ernst Z a h n, Breslau. Sonntagnochmittag. Mein Beruf zwingt mich auch an den Sonntagen„hinaus ins feindliche Leben". Aber jetzt klappe ich mein Tourenbuch zu und gehe nach 5)ause. Vor den Kinos stauen jich schon die Besucher, um ja nicht ihre Lieblingsdarsteller im neuesten Sensationsfilm zu verpassen. Zu Hause angelangt, reinige ich mich vom Schweiß und Straßenstaub, dann esse ich mit meiner Familie zu Mittag. Nun bin ich endlich befreit vom Zwange und kann ein paar Stunden meinen Neigungen leben. Meine Frau bietet ihr« ganze Ueberredungstunst auf, damit ich mich nieder- lege,„nur ein Viertelstündchen". Ich habe aber dazu wirklich keine Zeit, sondern lasse mich am Schreibtisch nieder und sehe nach, was ich mir sür heute vorgemerkt hob«. Zunächst eine kleine Auffrischung meines astronomischen Wissens. Während einer im Laufe der Woche mit Verwandten gehabten Unterhaltung über unser Planetensystem mußten wir zu unserer Beschämung wahr- nehmen, daß wir davon nicht viel wußten; nicht einmal die Reihensolg« in der Entfernung von der Sonne. Wie wenig allge- meines Wisten doch selbst ein aufgeklärt sich dünkender Arbeiter Mißt! Erst lernt man sehr wenig und dann entfällt einem das Wenige wieder gar zu rasch. Es ist erstaunlich, wie schnell die Menschen und besonders ganze Völker vergesten. Selbst ihnen zugefügtes Unrecht vergessen diese schnell. Ich nehme den dritten Band der Jntern-Bibliothek„Welt- schöpfung und Weltuntergang" zur Hand(Vorwärts-Buchhandlung). — Das Werk Hobe ich schon als Handwerksgeselle hestweise de- Zogen— und nach zehn Minuten haftet es fest Im Gehirn: Merkur, Venus, Erde, Mars,- dann die Planetriden, und weiter: Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun. Auch ihre Entfernungen von der Sonne und Umlaufszeiten um diese und um sich selbst präge ich mir ein. Dann aber lege ich das interessante und leichtverständliche Buch beiseite, um dem wichtigsten Gegenstande meines heutigen Feieriagsprogramms mich zuzuwenden. Durch einen im Parteiblatt erschienenen Aufsatz über„Die Sklavenausstände im alten Rom" war ich wieder an die gewaltigen sozialen Kämpfe in der antiken Welt erinnert worden. Vor 35 Jahren bereits hatte ich von einem älteren Parteigenossen Kolbs„Kulturgeschichte der Menschheit" geliehen bekommen. In wenigen Wochen hatte ich den Inhalt verschlungen. Es war das erste Geschichtswert, das ich in die Hände bekam, und wenn ich daran denke, wie geistig arm ich bis zu der Zeit gewesen bin, dann preise ich den Zufall, der mich mit der damals besten Kulturge- schichte bekannt gemacht hat. Neben Bebels„Frau", Kautskys »Karl Marx' ökonomiscke Lehren" und einigen Lassalleschen Schriften, ist es das Werk gewesen, das mich dazu begeistert und befähigt hat, verhältnismäßig früh öffentlich für unsere Partei agi- tieren zu können. Später habe ich die beiden trefflichen Bände käuflich erworben und meiner Bibliothek einverleibt. Ich nehme den ersten Band aus dem Reaal und lese im Ab- schnitt„Das Altertum— Römer" Seite für Seile, bis der Abend seine ersten Schatten niedersenkt. Ueberwältigt von den dort qe- schilderten sozialen Zuständen, begeistert für die täpferen Volks- tribunen, deren es schon vor 2l>OÜ Jahren gab und die auch damals unter steter Lebensgefahr für die Besitzlosen eingetreten sind, und erschüttert von ihrem meist tragischen Ende— Revolver gab es Zu der Zeit noch nickt, dafür aber wurde von den Feinden des Volkes eifrig mit Gift und Dolch ge- arbeit«— lege ich dos Buch aus der Hand. Dann esse ich mit meiner Frau zu Abend und gehe mit ihr noch ein Stündchen in die Lust. Am Himmel blitzen schon die ersten Sterne auf; hell und klar strahlt bereits die Venus. Meine Frau zitiert leise singend die ersten zwei Zeilen des Liedes aus dem„Tannhäuser"„O du mein holder Abendstern, wie grüßt ich immer dich so gern". Ja, sage ich, die Sternenwelt ist doch das größte Wunder und doch gehen die meisten Menschen achtlos daran vorüber. Der Anblick der fernen Weltkörper und dos, was ich nachmittags darüber gelesen, gibt reichlichen Gesprächsstoff in der Unterhaltung mit meiner Frau. An Leib und Geist erfrischt und ersreut über das Ergebnis des Sonntags, lenken wir unsere Schritte wieder unserem Heim zu. Vor den Kinos stauen sich neue Massen zur dritten Vorstellung. Die Nlarseillaise. Zu ihrem 1ZO. Geburlslage. Von Alfred Hein. Die Freiheit entglühte dem nächtigen Strahbnrg des Jahres 1732 eine riesige duftende Blutrose, die in den Himmel zerfloß. Jeder vom neuen Geist Beseelte dehnte die Glieder wohlig in ihrem süßen Schatten. Die Widerspenstigen aber rissen den Degen aus der Scheide— Straßburg war in diesen Tagen ein Hauptlager der Rheinarmee— und stachen zähneknirschend in die unruhig rau-' nende Nacht---- Doch der herzwühlende, begeisternde Blutrosen» duft blieb. Freihcitsgeist durchwogte die Gassen. Scharf ging der Rhein. Der Rhein brodelte ein Lied. Ein hungriges Frciheitslied. Das Lied der Freiheit. Die Marseillaisel Urkraft von den Alpen her versammelnd, sehnsüchtig nach dem uferlosen Unrasten Taten» vollbringen des Meeres, den sternblitzendcn Himmel in sich spie- gelnd, formte chaotisch der Dichter Rhein das Lied! Frühlingswind fing es auf, trug es empor an den hochströmenden Türmen des nachtschwarzen Münsters, senkte es mit jähem Wurf in die Gafse; — an einem Fenster stand ein über sein Kriegshandwerk sinnender Offizier, dessen Herz sing es auf und gestaltete es zu Worten. Nie war die Ironie der Schickung größer als In dem Augen- blick, da der Freiheitssang der Welt das Herz eines Royalisten von Fleisch und Blut, Rouget de Lisle, beseelte. Wie widerwillig sich die Verse in dem Unbedeutenden formten! Er will das Lied zu einem Mordsturmfang der Armee stempelnl Aber es wächst über ihn hinaus, es singt von Schar zu Schar, immer begeisterungs» trunkener herausgeschrien, es wird aus der Taufe gehoben in Mar» seille, sanatische Matrosen sind seine Paten. Rouget de Liste aber flucht dem„Satan", der dieses Lied in fein Herz gesenkt habe. Cr dichtet es unwissend und blöde, wie der Handwerker mechanisch das geniale Werk des Erfinders ausführt. Bald erkennt Paris Rougets wahre Gesinnung, und die Frei- heit, die sein Lied entfesselt hat, wirft ihn ins Gefängnis. Aber man besinnt sich wieder auf die Heiligkeit seiner Sendung, und am Feste der Vernunftgöttin wird die Marseillaise der öffnende Schlüssel seines Kerkers. Zehntaufende von Seelen jubeln begeistert„seinen" Sang ihm entgegen, er bleibt balt. Mit hochmüttgem Ofsiziersgesicht — die Menge legt es als Dichterstolz aus— durchschreitet er die begeisterunasbrausenden Menschenmassen. Dann siecht der Kleine, Unbedeutende dahin, der Glutleib der Riesin Marseillaise erdrückt den engherzigen Royalisten. Nochmals wird er ins Gefängnis ge» worfen. Nochmals befreit ihn, den„Dichter", sein Kollege Beranger. Das Lied macht ihn verfolgungswahnsinnig. Nie hat ein Mensch so sehr sein eigenes Werk gehaßt. Nie wird noch im Tode einem Menschen mit seinem eigenen Werke weniger Freude bereitet worden sein als Rouget de Lisle. Ueber seinem Grabe sang Paris die Marseillaise, und die Welt lauschte hingerissen. Der Dichter aber, hätte er den Begeisterungsbraus noch vernommen, würde den Deckel des Sarges wütend zersprengt haben mit gellem Schrei:„Das Schandlied ist nicht mein!!" Gebet. Brich an, du Morgen, glutdurchloht, Du heil'ger Tag brich anl! Laß Flammen lodernd, blutigrot, Zum freien Licht hinan! Laß brausend wilde Stürme weh'n, Laß über Berg und Tal Gewaltig, grollend Donner geh'n, j Jag' Blitze ohne Zahl"> Durch's Aethermeerl Laß wild der Elemente Heer Durch' Weltall zieh'n, Laß alle Sterne feurig glüh'n!—— Dann aber, wenn die Nacht vorbei, Wenn alle Welt von Elend frei: Dann laß auf bloßen, leisen Zeh'n D«n Frieden durch die Lande geh'n; Und keine Macht soll ihn entweih'n. Dann woll'n wir wieder Menschen fein, Und keiner Herr und keiner Knecht, Ein Leib, ein Wille, ein Geschlecht. Woll'n wir empor zur 5)errlichkeit.— Dann aber, dann ist uns're Zeit. Fritz M u ch e. Metallarbel'er. Vissen und Schauen Sitten als Folge der Mode. Di« Geschichte Hot in den Wandlungen der Kleidung longe Zeit den Ausdruck der gleichzeitigen Kultur gesehen, und Latin) Falke schrieb vor einem halben Jahr- hundert seine Geschichte der deutschen Tracht unter diesem Gesichts- Punkt. Daß es dabei ohne gewisse Gewaltsamkeiten und Aus- deutungskünste nicht abging, ist erklärlich, und cln tiefes Eindringen in die Problem« der Trachtengeschichte hat gezeigt, daß vielfach ge- rade der umgekehrte Weg beschritten wird, daß sich vielmehr das Austreten und Abklingen gewisser Sitten zwanglos und folgerichtig aus den Modesormen der Epoche erklären läßt. Eine Reihe über- raschender Beispiel für diese Zusammenhänge bietet der bekannte Kuiturhistoriker Max o. Boehn in einem Aufsatz der Zeitschrift „Faust".„Nicht die Sitte macht die Mode", sagt v. Boehn,„sondern die Mode beeinflußt die Sitten, und sie steht in ihrer Wirkung in dieser Beziehung aus einer Linie mit den Nahrungsmitteln. Ist es doch bekannt, daß die Elnführuna von Tee, Kaffee und Schokolad« den Eharakter der Geselligkeit auf das nachdrücklichste geändert hat. Als dt« riesigen Mühlsteinkraulen aufkamen, mußte man die Lössel stiele länger machen, damit die Träger ihren Mund er- reichen tonnten. Wesentlicher aber war. daß in Frankreich die Art der Begrüßung ein« andere wurde. Bis dahin hatten die Herr«» die Damen, denen sie vorgestellt wurden, mit einem Kuß degrüßt. Nun beseitigte die Mode dies« Gewohnheit, denn so longe beide Geschlechter Kragen um den Hals trugen, die den Umfang und die Widerstandstraft von Wagenrädern besaßen, konnten sie sich in der Dessen tlichkeit nicht mehr umarmen." Aehnlich verhielt es sich Mit dem Gruß der Herren. Bis zu Ansang des 17. Jahr- Hunderts behielt der L)«rr seinen Hut immer aus dem Kops, auch «n Zimmer. Beim Gruß wurd« die Kopisbedeckung nur zurück- gestoße», ohne da» Haupt zu entblößen, und das Abnehmen des Hutes wurde für ein« Entwürdigmig gehalten. Als dann im tl. Jahrhundert die großen Hüte mit den langen Straußenfedern auistamen, wollte man diese Tracht zeigen, nahm sie ob und schwenkte sie zum Gruß. Im Zeitalter der großen Allongeperücken und der gepuderten Köpfe hätte man sich durch Aufsetzen eines Hutes die stanz« Frisur verdorben! deshalb ttug man im 18. Jahrhundert den Hut immer unter dem Arm und streckte ihn beim Gruß vor, wie der Soldat sein« Flinte beim Präsentieren. Wie das Verschwinden ge- wisser Moden auch Bräuche aufhören läßt, beweisen die Duelle So lange seder Jtaoalier" den Degen an der Seit« trug— was das ganz« 18. Jahrhundert hindurch der Fall war— bildeten die Duelle einen Krebsschoden der Gesellschaft, den kein« Regierungsoerbote ausrotten konnten. Casanova beklagt sich einmal darüber, baß man jeden Augenblick wegen der geringsten Kleinigkeit seinen Degen »iohen müsse, denn rauflustig« Leute bedienten sich dieses.Lleidunqs- stückes" unter den nichtigste» Vorwänden. Daß das beständige Tragen eines Degens unter den Studenten die Rauflust erhöhte, ist verständlich. Als mit der englffchen Herrenmod« das Tragen des Degens aufhörte, nahm sofort die Häufigkeit der Duelle ab. Farbenblindheit. Wer nicht selbst farbenblind ist. kann sich nur schwer eine Borstettung davon machen, wie ein Farbenblinder seine llmgebung eigentlich sieht. Bei der schwersten Art der Farben- bllnoheii, der totalen, vermag der Mensch überhaupt keine Farben wahrzunehmen: er sieht alles nur grau in grau, wobei er jedoch die Helligkeitswerte unterscheiden kann. Glücklicherweis« kommt die totale Farbenblindheit verhältnismäßig selten vor. Viel öfter tritt dagegen vt« partielle Farbenblindheit auf, bei der nur einzelne Farben nicht wahrgenommen werden, und die man als„Rotgrünblindheit" be- zeichnet. Die Rotgrünblindheit kann sich-verschieden äußern. Entweder sieht der Betreffende das Rot als helle oder gelbe Farbe und verwechselt dunkles Rot mit Hellem Grün lGrünblindhelt), oder er sieht rot als dunkle Farbe und verwechselt infolgedessen Helles Rot mit dunklem Grün(Rotblindheit): manchmal wird auch nur gelb tmd blau nicht erkannt, so daß alles in den roten und grünen Farben des Spektrums oder zum Teil in grau gesehen wird(Blau- gelbblindheit). Diese letzte Art der Farbenblindheit kommt indessen t>uch ziemlich selten vor.— Die Farbenblindheit, die gewöhnlich angeboren ist und sich auch fast immer auf beide Anqen erstreckt, findet sich vorwiegend beim männlichen Geschlecht. Ans lOOV Männer kommen im Durchschnitt 30 Farbenblinde auf 1V