Nummer Z2 24. fiaguft 1«22 N-,--- u Anterhaltungsbeilage öes Vorwärts Wir erwarten öas vMnger Soot. Erzählung von Alfons Paquet. „Ich weiß nicht mehr, wie eigentlich jenes kleine Dorf an der englischen Küst« heißt, in dem ich damals übernachtete. Ich weiß nicht einmal mehr den Namen des kleinen sauberen Matrosenwirts- Hauses, in das mich mein Führer brachte, wofür ich ihm aus Donk- barkeil einen Schilling gab, denn es war mir ein finsterer, unHeim- lichcr Weg gewesen, auf dem er mir, ohne ein Wort zu sagen, vor- gegangen war. Ich war damals fünfzehn Jahre alt. Ich war um halb zehn Uhr abends vom jzolbornviadukt mit dem kiontinentalzuge bis Oueenboro gefahren, um am nächsten Morgen meine Mutter zu erwarten, die um halb sechs mit dem Vlissinger Boot ankommen wollt«. Wir hielten kurz nach elf an der Strundstation. Die Reifenden alle, die der Zug beförderte, wollten mit dem Schiffe fort, das gegen Mitternacht nach cholland abging. Ich mar der einzig« Passagier des menschengefüllten Zuges, der nicht an Bord trat: ich stand seitwärts, das Schiff brüllte aus seinen beiden Sirenen, ich sah mit einer gewissen Un- ruhe zu, wie die Leute samt ihrem Gepäck in das schwimmende Hotel befördert wurden und wie es endlich abdampfte und fein Licht in die dunkle See hinaustrug. Es war auf der Brücke dunkel geworden. Ich dachte, ich sei s allein geblieben, zog meinen Mantel aus, rollte ihn zusammen und 1 legte mich den langen Weg unter einen Schuppen neben den Kranen, um den Margen zu erwarten. Ich hätte es sicher durch- geführt, denn es mar Sommer. Aber da'kamen noch vier Arbeiter aus dem Zollhans«, und ehe sie die Laternen auslöschten, bemerkten sie- mich. Ich fragte, ob ich hier schlafen dürfe. Der Aufseher konnte es nicht erlauben. Er empfahl mir, nach Oueenboro zu gehen oder in das kleine Dorf, dessen Namen ich vergessen habe. Keiner seiner Leute aber wohnte in dem drei Viertelstunden ent- fernten Städtchen Oueenboro. alle hatten ihre 5)ütte in der Nähe der Etation: nur einer wohnte in dem Dorf, und der nahm mich mit. Wir kletterten über das Bahngleis, überstiegen zwei Zäune, kamen auf ein« weitgeschwungene, schmale Landzuge, an deren beiden Seiten das Wasser war, und hier ging er etwa zehn Mi- nuten, ohne sich nach-mir umzusehen, in der Finsternis vor mir her und lieferte mich am End« in dem kleinen, noch hell erleuchte-> ten Gasthause ab, dessen Besitzer er empfahl, mich beizeiten zu wecken, da ich zum Frühboot wolle. Dann setzte"« sich zu ein) paar Männern an den Tisch und fing an, seinen Schilling zu ver-> trinken.� Mich brachte der i)ausknecht sofort in ein Zimmer im ersten Stock. Als wir vor der Türe standen, klopfte er erst an, und jemand rief:„Herein". In der Mitte des Zimmers standen zwei hohe weiße Betten ausgedeckt: auf dem einen saß ein älterer, bärtiger Mann, der sich beim Kerzenlicht die Beinkl-ider auszog. Ich sagte schüchtern: „Guten Abend." Er sah mich etwas verwundert an und erwiderte meinen Gruß. Der Hausknecht tagte:„Hier ist noch ein.Herr, der auch zum j Boot will. Gute Nacht!" und machte die Tür hinter sich zu. Der. Fremde ließ sich im Ausziehen durch mich nicht stören, j Ich legte möglichst geräuschlos Hut und Mantel ab, fetzte meine Stiefel vor die Tür und kleidet« mich in dem großen Sessel, der\ neben meinem Bette stand, aus. Als ich damit fertig war, holte � ich das Neue Testament aus der Tasche und begann ein paar Verse f daraus zu lesen, wie es damals vor dem Schlafengehen meine Ge- i wohnheit war. Der fremde Mann hatte sich unierdesien ins Bett gelegt. Er � wartete, bis ich das Buch beiseite gesteckt hatte und in mein Bett schlüpfte, dann blies er die Kerz.e aus. Es war stockfinster. Ich � konnte zuerst nicht einmal das Fenster entdecken, es war dicht ver- hangen. Mein Lager war weich und behaglich. Ich war müde, konnte aber nicht Einschlafen. Vielleicht eine halbe Stunde lag ich still mit offenen Augen, dann fing ich an, mich herumzuwerfen. Von meinem Nachbar hörte ich nur die schweren, unregelmäßigen Atem- züg«, die mich vermuten ließen, daß er auch nicht schlief. Aus einmal fragte er gedämpft und langsam:„Sie können wohl auch nicht schlafen, Herr, nicht wahr?" Ich erschrak doch und hörte mein Herz laut klopfen. Ich ant- wartete ebenfo gedämpft:„Nein, ich bin wach." „Sie wollen jemand mit dem Frühboot erwarten?" „Meine Mutter." Er gab keine Antwort. Nach einer Weile sagte ich:„Sie sommt aus Deutschland: sie weiß hier nicht Bescheid, versteht die Sprache nicht, könnte in das falsch« Ende des Zuges einsteigen." „Das ist's", erwiderte er. „Sie weiß nichts davon, daß ich dort warte", fuhr Ich fort. Ich war froh, ein paar Worte sprechen zu können, und sein Ant- warten machte mich zutraulich.„Ich will sie überraschen." „Es wird sie freuen." Dann schwiegen wir beide eine Zeitlang. Endlich wälzte er sich im Bett herum und seufzte,„ach ja", richtete sich halb auf und ließ sich wieder zurückfallen. „Icj� wart« auf meinen Bruder", sagte er langsam.„Ich brauchte ja nicht hierherzufahren, um ihn abzuholen, aber es ist mal so. Ich habe keine Ruhe. Ich war schon heute abend auf der Landungsbrücke, aber mit dem vorigen Boote kam er nicht. Ob er überhaupt mit dem nächsten kommt. Ich sage mir, er muß doch kommen." Pause. Wir lagen völlig ruhig. Nun fuhr er fort:„Er hat mir einen Brief geschrieben, näm. lich, er ist sehr krank. Gott, er ist der einzige Mensch, den ich habe. Er wohnt in Rotterdam, ist Kaufmann. Vor vier Wochen, so schreibt er, ist er krank geworden, und seine Frau, eine Französin, hat ihn verlassen. Ich versteh' das nicht, ich versteh' das nicht, er ist so ein einzig guter Mensch.„Ich muß dich noch einmal sprechen, ehe ich sterbe, aber du sollst nicht zu mir herüberkommen, ich komme zu dir. Es wird mir schon besser werden, wenn ich erst unsere Küste wiedersehe", schreibt er.— Ich bin ein Junggeselle, bin nur einmal zu meinem Vergnügen nach Boulagne gefahren, ich verstehe nichts vom Ausland. Sie sind ja vom Festland: sagen Sie, ist es da wirklich so schlimm?" „Schlimm? Ich wüßte nicht." „Diese verschiedenen Völker und Religionen. Nun denken Sie. Er, ein richtiger Cockney, geht nach Holland und heiratet eine Französin. Solch ein Unsinn! Nein, es ist unbegreiflich von'hm ge- mesen, ich sagte es immer. Ich habe mir schon den Kopf zer- brachen." Ich fand es auch unbegreiflich, und schwieg. Er kramte unter feinem Kopskissen. In seiner 5)and knisterte ein Papier. „Entschuldigen Sie, ich muß den Brief noch einmal lesen. Oder wollen Sie schlafen?" „O nein, ich könnte kein Auge zutun." „So mache ich Licht." Er schlug Licht, richtete sich auf. breitete den Brief vor sich aus und stellt« die Kerze auf seine Bettdecke. „Ich lese es vor: ich kann mir manches absolut nicht erklären." Ich nickte: ich war neugierig und hatte nur die Befürchtung, daß ich's wohl auch nicht erklären könne. Er las mit halber Stimme vor, indem er das Schreiben an die Kerze hielt und sich oft verbesserte: „Mein lieber Martin.(Das ist nämlich m«in Rufname.) Martin, ich muß Dir«inen recht traurigen Brief schreiben, nachdem Du nun so lang« Zeit keinen von mir bekommen hast.(Nämlich, ich habe ihm letztes Jahr zwei oder drei Briefe geschrieben, die er alle nicht beantwortet hat. 2llso:) Denn ich hatte keine Sekunde Ruhe dazu, und an alldem trägt Eylvaine die Schuld(das ist diese Französin), di«s bodenlos erlogene, heuchlerische und niederträch- tiae Weib, ich kann keine andere Bezeichnung gebrauchen(es muß eine wahre Teufelin fein), die mich bis zu dieser Stunde ewig hinter» gangen hat und mich nun, da ihr meine Krankheit lästig zu werden droht, mir nichts dir nichts verlassen hat. Jetzt kann ich Dir erst schreiben, mein treuer Martin. Und wenn ich unterwegs sterben sollte, ich bleib« keine halbe Stunde mehr in dieser Wohnung. Ich gehe nachher ins Hotel und übermorgci für immer von hier fort. Mein alte, Leiden hat sich feit einem Monat sehr verschlimmert, ich kühle mich gealtert und niedergeschlagen. Ich muß Dich noch einmal sprechen, ehe ich sterbe, aber ich will nicht, daß Du hierher kommst, ich komme zu Dir. Vielleicht wird mir schon besser, wenn ich erst unsere rveiße Küste wiedersehe. Ich fahre über Llissingcn, am Mittwoch. Erwarte Demcn Bruder Philipp." „Ich begreife es einfach nicht", schloß«r, ind«m er in die Flamme starrte und sie endlich ausblies. „Sagen Sie selbst: ist das nicht, um an seinem Verstand zu zweifeln?" Er sprang aus dem Bett, suchte das Fenster und machte«s weit auf. Der Tag graute schon, ein kalter Wind blies ins Zim. mer. Der Mann stand da im Hemd und starrte auf das Meer hinaus. „Jetzt ist er unterwegs, der arm« Kerl. Wieviel Uhr mag's fein? Das Schiff ist noch nirgends zu sehen, und schrecklich kalt muß es auf dem Wasser sein." Er schloß das Fenster und legte sich wieder. „Entschuldigen Sie; ich sah Sic vorhin im Testament lesen. Bei Gott, es scheint mir die einzige Rettung zu sein, wenn man von Kind an fromm und gläubig ist und nicht jedes Gelüst an stch herantreten läßt und nicht überall hin will. Ich meine gerade meinen Bruder. Könnte ich für ihn beten! Ich bin so fürchterlich beunruhigt." Ich hörte es teilnahmlos. Die Augen waren mir schwer ge- worden. Endlich schlief ich ein. Ein paar Stunden später, als wir geweckt wurden, sprangen wir beide rasch aus den Betten und zogen uns in größter Auf- regung an, denn wir sahen durchs Fenster in der Ferne zwei Dampfschiffe, von denen eines sicher das erwartete war. Wir gingen sehr rasch am Strands entlang dem Bahnhof zu, der die Landungsstelle verdeckte. Der schmale Pfad vom vorigen Abend zeigte sich nun in einer weiten, salzig riechenden Fläche von Muschelsand; wir liefe» und purzelten dann eine glatte grüne Anhöhe hinan, auf der Schafe weideten, umgingen die Zäune und konnten an einer freien Stelle wahrnehmen, daß ein Dampfer so- eben an der Brücke hielt. Wir rannten über den Bahndamm und kletterten an der Stein- rampe des Bahnhofes in die Höhe, kurz vor der zischenden Ma- schine. Der Zug füllte sich bereits. Ich kümmert« Wich nicht mehr um meinen Begleiter und suchte nur nach meiner Mutter. Endlich entdeckte ich sie wirklich in der Zollholle, wie sie sich tapfer mit dem Matrosen zu verständigen suchie, der ihr« Tasche trug. Ich weidete mich einen Moment an ihrem Anblick, dann hielt sie mich in den Armen und vergoß Tränen der Freude. Wir bestiegen gleich darauf de» Zug. Jeden Augenblick konnte er abfahren. Mein Schlafgenosse war der einzige, der nicht«instieg. Man mahnte ihn dazu, ober er ging nur mit tief bekümmerter Miene auf dem Bahnsteig hin und her und sah in jedes Fenster. Er blieb zurück. Ich winkte ihm noch einmal, als wir aus der Halle fuhren. Er schüttelte traurig den Kaps ünd wandte sich rasch um, er hielt die Hand vors Gesicht.— Adieu, du guter, armer Kerl." Der Sreslauer Heheimbunöprozeß. Eine Erinnerung an Gerharl Hauptmann. Von Max Schütte. Im Sommer 1887, als ich in meiner Heimat an der Ostsee als Gymnasiallehrer wirkte, erhielt ich eine Vorladung vom dortigen Amtsgericht als Zeuge in der Strafsache gegen den Studenten Lux und Genossen. Ich kannte keinen Studiosus dieses Namens und wußte anfangs nicht, was ich von der Sache Kalten sollte. Es handelte sich in Wirklichkeit um die geheime sozialdemokratische Ver- ammlung im Kurgarten zu Kleinburg bei Breslau am Himmel- ahrtstage 1882, wegen der schon fünf Jahre vorher viele Ver- nehmungen erfolgt waren— anscheinend ohne positives Ergebnis. Jetzt wurde ich viel darüber verhört und erfuhr bei dieser Gelegen- heit, die Sache habe in den fünf Iahren einen sehr starken Umfang angenommen. Tatsächlich wurden sie milverwertet zu einem der großen Geheimbundprozesse, wie sie seit mehreren Iahren gegen die deutsche Sozialdemokratie angestrengt wurden, nachdem die Behör- den erkannt hatten, daß die bloße Anwendung de? Sozialistengesetzes der Partei nur wenig Schaden zugefügt hatte. Mit einem so'cksn Prozeß wurde nun auch Breslau beglückt, und dazu mußte nebst vielen anderen Vorkommnissen auch die Kurgarten-Afsäre herhalten. Gegen den Reichstagsabgeordneten Julius Kräcker, Vertreter des Breslauer Wahlkreises, und siebenunddreißig andere Genossen, die man meist als Leiter der geheimen Organisation hinstellte, richtete sich die Anklage, deren Verhandlung am 7. November vor der Straf- kammer des Landgerichts l in Breslau beginnen sollte. Auch ich wurde als Zeuge dorthin berufen und bekam nun meine alte liebe Universitätsstadt wieder zu sehen, die ich im Herbst 1882 verlassen hatte. Pünktlich fand ich mich au dem stattlichen Ge- richtsgebäude am Schweidnitzer Stadtgraben ein. In dem großen Saale, der sonst zu Sdimurgerichtssitzunaen diente, wurde der Ge- Heimbundprozeß gegen Kräcker und Genossen durch den Landgerichts- dirsktor Freytag eröffnet, die Oeffentlichkeit gleich zu Beginn ausge- schlössen. Wir Zeugen wurden hineinberusen und sahen auf den Anklagebänken und denen der Geschworenen Kräcker und sechsund- dreißig andere sitzen— und achtunddreißigste war in die Schweiz geflüchtet. So manchen guten Freund sah ich zum ersten Male seit fünf Jahren wieder, ohne mich mit ihnen begrüßen zu dürfen. Freytag stellte unsere Anwesenheit fest und entließ uns bis zum nächsten Morgen. So fanden wir uns an den folgenden Tagen regelmäßig wieder im Gcrichtsgebäude ein und nahmen wahr, daß unsere Zahl noch stetig wuchs. Ich traf dabei manchen altbewährten Vorkämpfer unserer Bewegung wieder, so die Abgeordneten Lieb- knccht, Singer und Grillenberger, lernte auch manche neue Kraft kennen. Ich vermißte meinen alten Freund fyLeiulever, der doch der eigentliche Veranstalter der Kurgarten-Versammtung gewesen war, und sollte bald die Trauerklmde erhalten, daß er in Dessau in Irrsinn verfallen und in einer Heilanstalt untergebracht war, um nicht wieder zu genesen. Unter den spät berufenen Zeugen befand sich ein junger Mann von schmächtiger Figur, mir feingeschnittenem bartlosen Gesicht, schlichten blonden Haaren und sinnenden blaueit Augen, von ernstem, zurückhaltendem Wesen. Ich erfuhr, es sei der Schriftsteller Hauptmann aus Berlin, muß«her fagen, daß mir fein Name damals noch unbekannt war. Am 11. November begannen die Znigenvernehmungen. Auch ich wurde bald hineingerufcn und mußte über die Kurgarten-Affäre, die angebliche geheime Organisation, die Verbreitung des Züricher Parteiorgans u. a. aussagen. Dabei wurden zwei Briefs von mir vom Jahre 1882 an einen Breslauer Belannten produziert, die auf verdächtige Weise in die Hände der Polizei gelangt waren. Während eine Anzahl Zeugen am Schlüsse dieser Sitzung entlassen wurden, legte der Staatsanwalt Ncntwig gegen unsere Entlassung Einspruch ein, und so blieb ich noch mehrere Tage in Breslau und wohn e den nächsten Verhandlungen bei. Dab-i konnte ich wahrnehme». welch große Rolle in diesem wie in anderen Geheimbundprazeiien die Spionage spielte, namentlich wmii Polizei- oder Kriminal- beamte als Zeugen sich auf„vertrauliche Mitteilungen" beriefen, deren Urheber sie nicht namhaft machen durften. Den Höhepunkt erreichte unler Prozeß bei der Verhandlung gegen die Studenten Heinrich Lux, Julian Marcuse und Johann Casprowicz. Wie ich jetzt erfuhr, hatten sie sich an einem Verein Varific und an sozialistischen Teeabenden beteiligt und den küh- nen Plan betrieben, in Amerika eine k c in in u n i st i s ch e K o- l u n i e nach dem Muster von Cabets Jkacien zu gninden, auch schon Schritte dazu getan. Ehrliche Schwärmerei hatte sie und eine An- zahl anderer junger Männer begeistert, und sie hatten offenbar ge- glaubt, der Menschheit neue Bahnen zu weisen, und am wenigsten geahnt, deswegen auf die Anklagebank zu kommen. Besonders leb- hart gestalteten sich die Verhandlunaen am Ii. November. Da wlitde neben vielen anderen bekannten Genonen Liebknecht und Grillenberger vernommen. Dos meiste Interesse aber erregten die Aussagen einer Anzahl Akademiker in Sachen der jungen Ikarier. Unter ihnen befanden sich der Professor Meier, der dem Angeklagten Lux, der bei ihm gearbeitet halte, das denkbar günstigste Zeugnis ausstellte, und der Mediziner Samuelsohn, der dereinst durch sein tragisches Ende von sich reden machen sollte. In später Stunde wurde auch Hauptmann aufgerufen und verhört. In klarer sachlicher Weise machte er über ihre Tätigkeit im Kreise der Ikarier seine Angaben, die für die Angeklagten entschieden entlastend klangen. Cr, ich und viele andere Zeugen wurden nach Schluß dieser Sitzung entlassen und nahmen im Hause von einander Ab- schied. Ich reiste nach meiner Heimat zurück und las in den Zsit'in- gen vom Ausgang des Prozesses, der am 17. November ablief. Dieser Ausgang war weit ernster, als ich erwartet hatte. Kräcker und viele andere Genossen erhielten Gefängnisstrafen, Lux die drakonische von einem Jahre. Daß seine und seiner Freunde dem reinen Idealismus entsprunocne Bestrebungen so hart verfolgt wurden, erschien mir barbarisch. So blieb der Breslauer Geheimbundprozeß für mich eins sehr ernste Erinnerung. Und doch gedachte icb seiner oft mit Interesse, war er doch eine nur allzu charakteristische und lehrhafte Zeit- erscheinung. Besonders gern gedachte ich der Persönlichkeiten, mit denen der Prozeß mich in Berührung gebracht hatte, dazu gehört Gerhart Hauptmann. Als er onfina, sich als Dramatiker einen Namen zu machen und als ich vollends seine„Weber" zum ersten Male über die Bühne gehen sah und davon bis in? tiefste Mark er- schlittert wurde, war es mir doppelt lieb, ibn persönlich kennen ge- lernt zu haben, noch dazu bei einer so bedeutenden Gelegenheit. Der größte astronomiscbe Cntüecker. Zu William Herschels Ilwjährigem Todestage. Von F e l i x L i n k e. In der Geschichte der Wissenschaften begegnen wir nicht selten der Tatsache, daß Abtrünnige ihres Berufs ihren Namen mit goldenen Lettern in die Geschichte anderer Tätigkeitsgebiete eingruben. So können es die Buchbinder noch heute dem großen Elektriker und noch größeren Menschen Faroday nicht verzeihen, daß er aus ihren Reihen desertiert ist, um die Phpsik mit den hervorragendsten Taten zu befruchten. Und jetzt weckt die Erinnerung das Gedenken an einen andern Großen, der von der lärmhasten Kunst der Musik zu der geräuschlosen eines Sternguckers überging. Es sind am 25. August hundert Jahre verflossen, seitdem Friedrich Wilhelm Herschel das Zeitliche segnete. Wer ist Herschcl?— Mit Beschämung muß man sagen, daß Millionen in Deutschland keine Ahnung haben, wer dieser Mann gewesen ist und was er bedeutete. Die Schulbildung ist heute noch immer auf einem Niveau, das es nicht gestattet der ältesten Wissenschaft der Menschheit in der all» gemeinen Volksschule, ja nicht einmal durchgchends in den höhere? Schulen, einen Platz, geschweige denn den gebührenden Platz ein- zuräumen. So werden viele nicht verstehen, wenn ich sage, daß wir Herschel unsere Neuorientierung oder überhaupt eigentlich erst unsere richtige Orientierung über den Himmel verdanken. Cs fing an mit der Entdeckung des Uranus, eines neuen Planeten, der die bis dahin bekannte Welt der alten Planeten plötzlich um einen großen vermehrte und di« Grenze des Sonnensystems um ein Gewaltiges nach außen hinausschob. Dazu entdeckte Herschel noch zwei Monde dieses neuen'Himmelskörpers, und zwar mit Eigen» schaften, die sich ganz neuartig in unsre bis dahin gewohnten Vor- stellungen hineinbauten. Bis zur Entdeckung der Uranusmondc kannte man im Sonnensystem nur Planeten, di« sich entgegen dem Uhrzeiger um die Sonne bewegen, wenn nmn auf ihren Nordpol blickt; man kannte nur Monde, die sich ebenso um ihre Planeten bewegen. Die neuen Uranusmonde jedoch ließen allen hergebrachten astronomischen Anstand außer acht und liefen zu alledem noch«nt- gegengcsetzt dem Uhrzeiger um ihren Planeten. Das war etwas reichlich viel Neues und bewirkte, daß der junge Astronom mit einem Schlage ein berühmter Mann wurde. Und er liatte es nötig. Herschel war Musikus gewesen,«in einfacher Musiker, der in Hannooer geboren mar, mit 14 Jahren in die Regimentskapclle eintrat, hannoversche Garde nach England begleitet hatte, aber'wieder vor dort zurückgekehrt war, um an dem Kriege teilzunehmen, bis er nach der Schlacht von Hastenbeck wieder nach England ging, in Hallifar und schließlich in SSath als Organist und Lehrer wirkte. Die Musik führte ihn auf das Studium der Mathematik, diese zur Physik, und schließlich zog es ihn ganz zu der erhabenen Wissen- schaft von den Sternen. Als 1766 ein kleines Spiegelfernrohr leihweise in seinen Besitz gelangte, fing er selber an, Spiegel zu schleifen und zu versuchen, sich ein hcsscres und größeres Instrument zu bauen, mit dem er erfolgreich den Himmel durchmustern konnte. Er machte sich daran, den ganzen Himmel zu durchmustern, und bald fiel ihm die große Entdeckung in den Schoß, die seinen un- bekannten Namen in die ganze wissenschaftliche Welt trug. Dieser Entdeckung gesellten sich bald weitere zu. Herschel ermittelte die Umdrehungszeit des Saturns und entdeckte an diesem Himmels- körper zwei Monde. Herfche' konnte si6> schließlich dank der Unterstükung des Königs und feiner Heirat ganz der Astronomie widmen. Cr baute sich ein riesiges Fernrohr, und dieses erlaubte ihm, Dinge am Himmel zu sehen, die vordem nicht geahnt worden waren. Er entdeckte Nebel über Nebel, während zahlreiche andre Nebel, die er vorher mit kleineren Instrumenten entdeckt hatte, sich in dem großen Instrument zu Sternhaufen auflösten. Mit der Entdeckung der Nebel war es allein naiürlich nicht getan; sie mußten gezeichnet und ihre Lage am Himmel genau bestimmt werden. Diele Riesenarbeit hat Hörschel zum Teil mit Unterstützung seiner Schwester K a r o l i n e geleistet. Karoline Herschel war nicht bloß seine Gehilfin, sondern sie arbeitete durchaus selbständig. Sie hat zahlreiche Nebel, Doppelstcrnc und acht Kometen entdeckt und noch nach dem Tode Wilhelm Herschels die Arbeiten selbständig fortgeführt. Sie ist' die hervorragendste allere Astronomin. Bei Herschels Tode war die Zahl der vor ihr entdeckten Nebel bereits auf über 2600 angewachsen. Die Arbeit, die sich Herschel vorgenommen hatte, wurde ganz systematisch verfolgt und erledigt. Er durchmusterte den ganzen Himmel, und zwar mit Rücksicht auf seinen Wunsch, durch seine Arbeiten eine Anschauung vom Bau des Himmels zu gewinnen. So untersuchte er die Milchstraße und fand, daß sie nichts weiter ist als der Schimmer zahlloser Sternchen, von denen jedes größere Fernrohr immer neue entdecken läßt. Seine Anschauungen- über den Bau der Milchstraße beruhen also zum ersten Male aus wirklichen Feststellungen, wobei allerdings die Schlüsse, die sich aus ihnen ziehen lassen, des öfteren ungewiß sind. Sie werden durch die neueren Forschungen, bei denen ganz neue Erkenntnisse ver- wendet werden können, immer weiter verbessert, aber der Rohmen bleibt noch immer bestehen. Danach gehört das Sonnensystem zum System der Milchstraße, das sich, je länger Herschel forsibte, immer mehr ausdehnte. Zu Beginn seiner Forschungen hatte Herschel die Milchstraße als begr-nzt angenommen, aber später kam er wieder auf seinen ersten Standpunkt zurück, daß die Ausdehnung des Systems so ungeheuerlich groß sein müsse, daß er keine Grenzen angeben könne. Inzwischen ist die Wissenschaft zu der Ansicht ae- kommen, daß die Milchstraße eine linsenförmig« Anhäufung von Sternen sei, deren Linscndurchmesser etwa 40- bis 50 000 Lichtjahre, deren Dicke etwa die Hälfte davon betrage. Man meint ferner, daß es Systeme gibt, die der Milchstraße ähnlich sind und den gleichen Rang mit ihr haben. Ein ganz neues Feld der Himmelskunde erschloß Hzerschcl in der Beobachtung der Doppel- und mehrfachen Sterne. Die älteren Astronomen, die Cassini und Vradlcy, kannten nur sehr wenige ganz nahe beieinander stehende Sterne wie Alpha in den Zwillingen, Gamma in der Jungfrau, Zela im Kroßen Bären, die ihnen aber deshalb weniger interessant erschienen, weil sie sie nur als zufällig nahe beieinanderstehend ansahen. In Wirklichkeit aber gibt es zahlreiche mehrfache Sterne, die richtige zueinander gehörende Systeme bilden, sich umeinander bewegen und in sich manchmal sogar noch unterteilt sind. Das Ergebnis �er Lebensarbeit Herschels, der zweifellos der größte astronomische Entdecker war, ist so iibcrragend, daß noch die ganze moderne Astronomie darauf fußt, soweit sie auch in ihren Methoden und Leistungen darüber hinausgeschritten ist. Für die Zeit Hersch'ls aber bedeuten seine Arbeiten eine völlige Um- gestal'ung der Anschauungen über den Bau des Himmels. Die Erweiterung des geistigen Horizonts der Menschheit, die er geleistec hat, rücken in unmittelbar an unfern großen Johannes Kepler heran. Deshalb muß die Welt heut seiner gedenken, und namentlich die proletarische, vus deren Schichten f hervorgegangen. Zielsicherheit unö Klarheit. Bon Hans Klabautermann. Mit Recht nennen wir unser Jahrhundert ein erleuchtetes. Biel- gestaltig strahlen Ideen, Entdeckungen und Erkenntnisse, und über allem wallet eine das Wesentliche erfassende Kraft, ständig an der Arbeit, die großen Gedanken unter ein«n Gesichtspunkt zusammen- zufassen und dein Wohl der gesamten Menschheit dienstbar zu machen � die Macht des Geistes erficht Sieg auf Sieg, unsere Kultur erklimmt schwindelnde Höhen. Schauer der Ehrfurcht kribbeln in unserem Gebein, wenn wir die Ergebnisse dieser wohltätigen Kraft betrachten. Wohl ist der Weg der Entwicklung gerade, und das Ziel leuchtet in klarer Schöne, aber die Nörgler lähmen, mit verkleinertem Blick die offenkundigen Erfolge des Zeitalters übersehend, durch zersetzende unfruchtbare Kritik Schaffensfreude und Tatendurst. Dabei braucht man nur Ereignis an Ereignis anzureihen, um die Welt zu ent- | nörgeln und den Sinn des Geschehens zu begreifen. Das hervor- stehende Merkmal unseres gewaltigen, allumfassenden regulierenden Zeitgeistes ist Folgerichtigkeit und Zielsicherheit. In Europa unterscheidet man gemeinhin zwei Lebensformen, eine unnormale, den Frieden, und ein« normale, den Krieg. Zuweilen nimmt der Friedenszustand bedrohliche Formen an. Dann ent» bricht der Krieg. Er entbricht ganz von selbst. Wie der Regen oder die neue Damenmode. Daher lehnen denn auch alle die Berant- wortlichkeit für diesen Wechsel der Lebensform glattweg ab. Im Krieg werden einige Millionen Menschen getötet, deren Leben und Gesundheit man, als sie noch Söuglinge waren, mit allerhand raffi- vierten Mitteln geschi tzt hat Denn der Krieg ist die große Zeit der Menschen, für die sie in großen Mengen aufgespeichert werden müsse. Manche glauben, daß sich internationale Schwierigkeiten auch ohne Kriege genügend vergrößern lasien. Indessen ist dies eine alberne Anschauung von Träumern und Phantasten, wie die Ge- schichte immer wieder zeigt. Seit jeher hat es große Staatsmänner gegeben, aber noch nie einen so großen, daß er es fertig gebracht hätte, ohne Krieg erhebliche Konflikte hervorzuzaubern oder Berwick- lungen grandios zu vcrballen. Wirklich imposant sind die Wirtschaftsnöte der Welt erst infolge des Weltkriegs geworden. Die bewunderunqsoürdigsten Zlnstren- gungen, feine Geisteskräfte zum Allgemeinwohl anzuschirren, macht Frankreich, das unter den Wirkungen seines Sieq«s zu leiden hat. Großzügig hat es an der Vernichtung des deutschen Militarismus gearbeitet: in bemerkenswert kurzer Zeit ist es ihm auch gelungen, einen vollgültigen Ersatz im eigenen Land zu schaffen. Weit über die Grenzen Frankreichs hinaus tönt der Ruhm von schimmern- der Wehrmacht und pflanzt selbst in harte Schädel hehre Ideale. Könnte es etwas Schöneres geben, als das Hantieren mit Säbel und Schießgewehr? Die Palm, die es nicht verwinden können, daß der fröhliche Kriegszustand mit Rußland keine Heldentaten mehr ans Tageslicht kommen läßt, fähren daher Krieg gewissermaßen als Ge- sellschaftsspiel. Sie lassen Kampfflieger zum Privatvergnügen mit todbringenden Bomben herumfuchteln, damit Rittertum und Adel der Gesinnung nicht aussterben. In Dar.zig flog denn auch neulich so eine Bombe in eine Menschenschar und tötete etliche Zuschauer dieses kullurfördernden Sports. Allein, der Besitz eines großen Heeres genügt nicht, am Aufstieg der Menschheit zu arbeiten, man muß es auch zu nutzen wissen. Es ist ein gewaltiger Gedanke, französische Soldaten jahrelang im Rheinland spazierengehcn zu lassen oder Hunderte von Deutschen von ihrer Wohnstätte im Elsaß zu vertreiben. Sonderbarerweise ändert das an Frankreichs wirk- schaftlichen Zuständen nur wenig. Um eine Klärung dieser Fragen herbeizuführen, finden olle paar Monate interessante Konferenzen statt. Mit peinlicher Genauigkeit wird vorher ein Programm der Punkte aufgestellt, die nicht besprochen werden sollen. Sobald die Rede dann auf das eigentliche Thema kommt, wird die Konferenz abgebrochen, nicht ohne daß Einigkeit darüber herrscht, alsbald eine neue einzuberufen. Gegenüber den Besprechungen in Genua und im Haag führte die letzte, die Lcndoner, zu einem greifbaren Er- gcbnis. Die Entente bekam einen hörbaren Knacks, was als ein bemerkenswerter Erfolg der Stoatstunst besonders im Hinblick darauf bezeichnet werden kann, als es sich um durchaus friedliche Ausein- andersetzungen gehandelt hat. Die Nationen, die das Vergnügen haben, unseren Planeten zu bevölkern, sind dadurch in eine etwa» verzwickte Lage gekommen, am meisten Deutschland, dessen Schulden so riesig sind, daß es für würdig befunden wird, durch Goldzahlungen die Finanzinisere der Welt zu beheben. So klar und folgerichtig ist das Geschehen in der Welt. Ein Wanderer, wenn er geht, gesellt mit einem ankxrn, wird, gut tun, Schritt mit ihm zu halten unterm Wandern. Borwärts vergnüglicher geht es im gleichen Takt, als wenn entgegen stets ein Schritt dem andern hackt. R ü ck e r t. Wissen unö Schauen Eine Quittung über Skockhiebe. Eine merkwürdige Quittung wird in„Aiedersechscn" aus dem Tagebuch des hessischen Mujors Keppel vom Regiment von Mansbach mitgeteilt, der über einen ebenso ungewöhnlichen wie„wirkungsvollen" Borgang unter dem 20. Juni 1758 berichtet. Der Majo� gehörte zu den hessüchen Truppen, die im Solde Englands während des Siebenjährigen Krieges unter dem Herzog Ferdinand von Braunschweig auf seilen Friedrichs des Großen kämpften. Ferdinand hatte die an Zahl weit überlegenen Franzosen über die Weser durch Westsalen bis über den Rhein zurückgetrieben und am 23. Juni 1758 bei Krefeld geschlagen. Tie kathoUsche Bevölkerung des Rhcinlandes sah die Truppen, die in protestantischem Solde' standen, nicht überall gern, und in Bühren scheint der Pfarrer der allgemeinen Gesinnung auf der Kanzel einen allzu deutlichen Ausdruck verliehen zu haben. Darauf bezieht sich die Tagebucheintragung, die lautet:„Nachmittags bekam ich nach- stehende Quittung zu sehen, die ein Kanonikus oder Pfaff wegen ausgestoßener Schimpfreden auf der Kanzel gegen das Hannoversche Jägcrcorps, wofür er 50 Stockhiebe bekommen, hatte ausstellen müssen:„Ich Endesunterschriebener bekenne hiermit und in kraft dieses, wie ich von einem dazu kommandierten Unteroffizier vom Hannoverschen Jägcrcorps zu Fuß, und zwar vom Detachement des Herrn Kapitän von Bülow für meine letzthin närrische und törichte, wider das löbliche Jägercorps ausgestoßen? Rede, die ich jeßo von Herzen bereue und sowohl dem Herrn Kapitän als allen von seinem Detachement hierdurch in untertänigster Demut abbitte, zu meiner wahren Besserung und zu Gemütführung meines begangenen Un- rechts 50 Prügel, sage sünfzig Prügel auf das fjinterteil meines Leibes, über ein Bund Stroh gedehnet und durch 2 Mann gehalten, wohl und richtig»ezählet und mit 2 etwa einen Daumen dicken Stöcken so ehrlich als möglich geschlagen, richtig und zu allem Dank erhalten, welche ich durch eigenhändige Unterschrist und Kraft dieses in oprima lorma quittiere: Bühren, den 12. Juni 1758. N. R." Hesunüheitspflege Gehirnerweichung und Dechfelfieber. Die Gehirnerweichung ist das Endstadium der Syphilis und stellt eines der traurigsten Krankheitsbilder dar. Es ist daher wohl zu verstehen, daß immer wieder nach Mitteln gesucht wird, um diese Krankheit von � den Menschen fernzuhalten. Großes Aufsehen haben die in der Hain- burger staatlichen Irrenanstalt angestellten Bersuche erregt. Dort wurden solche paralytische Kranke künstlich mit Wechfeliieber anqe- steckt. Der Malariekeim, ebenfalls ein mikroskopisch kleines Lebewesen wie die Syphilisspirochaete, scheint diese letztere als Feind zu betrachten. Das Ergebnis dieses Kampfes war in verschiedenen Fällen eine weitgehende Besserung bei den Paralytikern, so daß sie ihren alten Beruf wieder aufnehmen konnten. Die Malarie selbst konnte durch Chinindarreichung wieder zur Ausheilung gebracht werden. Es wird niemand behaupten wollen, daß die so behandelten Kranken nun völlig geheilt seien, immerhin ist ein Weg gezeigt, auf dein noch weitere Erfolge zu erhoffen sind. � Einfacher aber als diese Malaricbehandlung des Wechsclfiebers ist die Behandlung der Snphilis selbst in' der ersten Zeit der Krankheit; und wenn jeder Kranke wirklich rechtzeitig den Arzt aussucht und sich nicht zu bald der Behandlung entzieht, steht zu hassen, daß die Gehirnerweichung eine immer seltenere Krankheit werden wird. Leider sind wir davon noch weit entfernt; es ist erschreckend, wie gleichgültig trotz aller Warnung und Aufklärung gar viele Geschlechtskranke sind und wir müssen in den kommenden Jahren fast sicher mit einem mächtigen Anstieg der Paralyse rechnen! Ob diese armen Geschöpfe dann im Dauerbad? ihr Leben beschließen, weil sie in ihrer Krankheit dauernd sich und ihre Umgebung mit Kot beschmieren, oder ob sie auch in jenem Krankheitsstadium noch einem menschenwürdigen Dasein wiedergegeben werden können, das ist eine Frage wsssenschastlicher Forschung. Möchten die oben gemeldeten viel versprechenden Ver- suche steh immer mehr zu einer festen, sieghasten Krankheitsbchand- lung ausgestalten! bis zur ersten Reihe der Gegenseite durchdringt, bekommt einen höheren Wert, das ist verhältnismäßig leichler als in unserem Spiel. Das Ziel ist auch hier das Mattsetzcn des Königs, aber es gilt nicht für anständig und ist in manchen Gegenden geradezu unstatthaft, das Mattlctzsn durch Bauern zu bewirken. Merkwürdigerweise ist das Schachspiel in Ostasieii ein Spiel der Kulis, wahrend die höheren Klassen es wenig pflegen. Erökunöe 3m Arsenik-Lergwcrk. Die kleine Stadt Brinton am Fuße des Blue Ridge-Gcbirgcs in Birginia ist der einzige Ort in der Welt, in dem es ein Arfenit-Bergwerk gibt. Ueberall sonst wird das lllrsenik als ein Nebenprodukt bei der Reinigung von Silber, Antimon und anderen Erzen gewonnen. Durch Zufall sind die Arseniklager hier entdeckt worden. Ein Londmann richtete sich auf einem bisher unbenutzten Boden Weideland ein und bemerkte, daß seine Kühe krank wurde» und eine sogar starb. Er ließ daraufhin das Wasser von einer Quelle, die aus dem Boden entsprang, unter» suchen, und man fand in dem Wasser einen starken Arsenikgehalt. Diese Feststellung führte dann zur Entdeckung der Arseniklager und zur Anlage eines Arsenikberqwerks. Reines Arsenik ist ein stahl» grouer metallischer Stoff, doch wird es so nicht verwendet, sondern kommt als weißes Pulver nach einem Reimqungsprozeß in den Handel, und in solcher Form ist es zu den berüchtigten Giftmorden verwendet worden, die bereits in der Renaissance ausgeführt wurden und auch in neuester Zeit verschiedentlich ans Licht kamen. In Brinton wird das Erz in kleinen Adern gefunden, die durch ein« grau« Quarzformalion hindurchgehen. Nachdem das Erz aus dem Bergwerk gewonnen ist, wird es zunächst zermahlen und gelangt dann in eine eifern? Röhre, wo es geröstet wird. Es entsteht auf diese Weise ein schmutziges graues Pulver, das voll von Unreinlich- ketten ist und nun einen Reinigungsprozeß durchmacht. Das weiße Pulver wird daraufhin verpackt und ist nun zur Versendung fertig. Das Arsenik ruft bei den Arbeitern, die in dem Bergwerk tätig sind, keine irgendwie schädlichen Wirkungen hervor. Im Gegenteil ist es eine allgemeine Erfahrung, daß sich die Bergwerksleute von Brinton besondcrs wohl fühlen und vorzüglich aussehen. Wird doch auch sonst von einigen Völkern berichtet, daß sie die Sitte des Arsenik- essen? aufgenommen haben, und kleine Mengen dieses Giftes, die genossen werden, sollen den Zlvpetit anregen, einen besonders reinen Teint hervorrufen, das Gewicht vermehren und die 5körperstärte erhöhen. Jedenfalls muh das Arsenik, daß sowohl in seinem metallische» Zustande wie in der Pulverform giftig ist, schon in größeren Mengen dem Organismus zugeführt werden, wenn es gefährlich oder gar tödlich wirken soll. a Naturwiffenschast DSiäZW voikerkunüe Das chinesische Schachspiel. Die Chinesen und Japaner spielen ein Schachspiel, dos sich von unserem in manchen Dingen unter- scheidet, wenn auch der Grundgedanke derselbe ist. Das Schachbrett hat 81 Felder, neunmal neun. Der König steht im mittelsten Felde einer Randreihe, ähnlich wie bei uns. Aber eine Königin gibt es nicht. Dafür sind zwei Figuren, die in der Reihe vor den Offizieren aufgestellt find. Die Bauern stehen erst in der dritten Reihe. Schach- figuren i» unseren Formen hat man nicht, es sind gleiche Holzstücke. wie unsere Damenstcine, und oben ist das Ideogramm ausgemalt, da» ihren Rang bezeichnet. Der Gang der Figuren ist, wie in unserem Schachspiel, verschieden. Turm, Läufer usw. Aber es sind eben mehr Figuren als bei uns. Rechts und links vom König stehen vier Figuren, die wir in unserem Spiel nicht haben. Sie heißen bei den Chinesen Ssu, bei den Japanern Kin und Gin, d. h. Gold und Silber. Diese gehen, wie der König selbst, nur einen Schritt vorwärts oder in der Diagonale, aber wenn sie zurückgezogen werden, so kann der eine nur gerade gehen, der andere quer. Jede Figur schlägt so, wie soe geht, auch die Bauern, und die Geschlagenen werden als Ge- fangene zur Verstärkung der eigenen Macht benutzt! Eine Figur, die Vorweltliche Ricsenjchnecken. In den kalkhaltigen Sandsteinen s von Hostings in der englischen Landschaft Sussex hat der Geologe B. B. Woodward Abdrücke von riesigen Gastopaden aufgefunden, die in lebendem Zustande eine Größe oder Höh« von mehr als zwei Metern hatten. Die Schalen dieser Urweltschnecken(diese Sandsteine gehören«der Wealden-Formation an) sind freilich durch Auflösung verlorengegangen, aber die Svirallagen des Schnecken. körpcrs sind noch ganz deutlich sichtbar. Man kann drciundzwanzig Windungen unterscheiden, die ganze Form ist zylindrisch. Die Schnecke hat den Namen Dinoeocblea ingens erhalten, was„ungeheuerliche Riesenschnecke" bedeutet. In der Sieinkohlensorma- tion kennt man Reliquien oo» einer anderen Riesenschnecke, die den Namen Actinoceras gigantonm führt. Seitdem man diese Fosiilien kennengelernt hat, neigt man der Ansicht zu, daß vielleicht auch einige Gebilde und alte Formationen, die man bisher als ausgefüllte Bohngänge großer Würmer ansprach, weiter nichts sein dürsten als ebensolche Riesenneichtiere, deren Scholen dem Zahn der Zeit nicht getrotzt haben, deren Weichreile aber infolge anders- artiger Jnkrujjierung sich von der Umgebung deutlich abheben. Seebälle. In den Seen fast aller Länder der Erde, frei an der Oberfläche schwebend oder hin-, und herrollend am flachen Grund der Ufernähe, ober auch in den Küstengebieten der Ostsee, Nordsee, des Adriagebietes und anderer Meere, werden regelmäßig gewisse merkwürdige kugelförmige Gebilde von halbweicher Konsistenz ge- sunden, die-man als Scedälle bezeichnet hat. Sie schwanken zwischen Erbsen- und Kinderkvpsgröße, werden von den Fischern des Lago Mnggiore Motolini genannt, heißen im Bolksmund des deutschen Nordens Seeknödel, Wasserkugeln, Meerpillen. oder auch anders und werden in alten Arzneibüchern als Heilmittel gegen Kröpfe emp- foblen. Ein Teil dieser Kuriositäten hat nichts mit lebenden Ge- bilden zu schaffen. Es sind Kunstprodukte aus abgestorbenen Wasser- pflanzen oder hereingcwehten Landpflanzenresten(z. B. die Lärchen- nadelkugeln des Silcher Sees), die vom Zufall zusammengetrieben und vom Wellenschlag sehr vollkommen zu Kugeln geformt sind. Ein anderer Teil aber, die sogenannten echten Seebälle, sind Erzeugnisse des Lebens und erweisen sich bei ihrer Zergliederung in der Regel als Kolonien der Alge Aegagropila. Sie sind äußerlich dicht von den kugelförmig weiterwackisendeu, haarartig verfilzten Begetations- fäden der Alge bedeckt. Die größten unter ihnen bluten auf mehr- jährige Dauer zurück und lassen beim Oeffncn eine jahrcsringartige Schichtung der einander umwölbenden Wachstumszonen erkennen, aus deren Bau man die Anzahl der Winter, die eine Wachstums- Verzögerung brachten, deutlich ablesen kann.