Nummer 34 7. September 19*22 ilnterhaltuntzsbeilatze Zes Vorwärts Der Rechenfehler. Don Alice Bernd t. Der Herr Rat war bereits über 40 Jahre im Amt. Er dacht« noch immer nicht daran, in Pension zu gehen. Es waren zwar jüngere Kräfte da, die an feinen Platz hätten vorrücken wollen, aber der alte Herr war hartnäckig und blieb. Seine Welt schmolz mit den Jahren immer mehr zusammen und wurde bis auf den schmalen Raum des Burcauzimmers verengt. Hier erst fühlte er sich in seinem Element. Er saß über sein« Akten gebückt und schrieb langstellige Zahlen neben- und untereinander. Er rechnete. Die Welt war für ihn ein Zahlenscld. Der Herr Rat hatte sich nie verrechnet. Fama behauptete dies. War aber keine bloße Rechenmaschine. Die Zahlen waren für ihn seelenvolle Dinge, bestimmte Wesenheiten, der Ausdruck der Einheit und Prägnanz. In seinen Gedanken herrschte dieselbe Ordnung wie in seinen Akten. Er sprach kein Wort zuviel. Was er sprach gehörte immer zur Sache. Er erfreute sich daher einer besonderen Achtung. Wenn er etwas sagte, fiel es auch ins Gewicht. Eines Tages stimmt' dem Rat die Rechnung nicht. Das war ein merkwürdiger Fall, der ihm in seiner ganzen Amtszeit nicht vorgekommen ist. Bis jetzt hatte er immer noch sehr gewissenhafte Beamte unter sich. Und auch auf die junge Blondine, die seit zwei Jahren bei der Kasse sitzt, glaubte er sich unbedingt verlassen zu können. .Er schaut jetzt unter seinem Brillenglas mit einem prüfenden Blick auf das blasse Mädchen. Dann tritt er auf sie zu und sagt mit leiser, mahnender Stimme:„Es fehlen 50 000 Mark.. Die Rech- nung stimmt nicht." Der Rat hat das junge Mädchen scharf ins Auge gefaßt. Sie scheint die Worte zuerst nicht verstanden zu haben. Nach einer Weil« aber begreift sie, sie zuckt zusammen, erbleicht und beginnt sofort nachzurechnen. Dann schüttelt sie den Kopf und sagt:„Es ist nicht möglich." Der Rat blickt sie an. Sie hat noch etwas sagen wollen, aber sie ist unter seinem Blick verstummt. Sie weiß, daß er ein kühler Rechner ist. Er hat sich noch nie geirrt. Die junge Beamtin verbringt eine schlaflose Nacht. Den näch- sten Tag kommt sie ins Amt wie gewöhnlich Sie sitzt bei der Kasse. Das Geld gleitet durch ihre Finger. Sie zählt. Zählt richtig. Sie ist arm. Aber nie hat sie dieses Geld begehrt. Es war für sie eine gleichgültige, ferne Sache. Jetzt erst fühlt sie, daß das Geld eine Macht ist. Ein« Macht von infernalischer Kraft. Eine Macht, die die Begierde unwiderstehlich reizt, die den Reinen in Versuchung führen und ins Verderben stürzen kann. Eine Macht, für die man alles wagt— Leben und Tod. Der Rat beobachtet sie. Sie sieht elend aus. Gänzlich verändert. Er vermutet darin einen Beweis ihrer Schwäche, ihrer Schuld. Er nähert sich ihr, gleichsam noch einmal warnend und sagt:„Fräulein, Sie sind verantwortlich für die fehlende Summe." Die Worte werfen einen Schatten aus sie, verdunkeln ihre Sinne. Sie fühlt einen grollenden Ton in der Stimme dieses Mannes, einen Ton, der ihr Angst einflößt. Aber sie erhebt sich und sagt mit tränenerstickter Stimme:„Ich bin unschuldig". Der Rat möchte dieser Stimme glauben, die aus der Tiefe eines bebenden Herzens zu ihm heraufdringt. Aber vor ihm liegt die Rechnung, das untrügliche Zahlenbild, das für ihn unwiderruflich ist, unfehlbar wie ein Gefetz. Der Tag verrinnt. Das jung« Mädchen verbringt ihn in dumpfem Brüten. Aber die Hoffnung verläßt sie nicht ganz.„Mar- gen," denkt sie,„wird die Lage sich vielleicht klären. Die nächsten Stunden müssen die Entscheidung bringen." Der nächste Tag aber vermehrt ihre Angst. Der alte Rat ist hartnäckig. Er sagt ganz kategorisch:„Meine Geduld ist zu Ende. Sie müssen die fehlende Summe ersetzen. Es gibt keine andere Lösung. Oder...." Das Mädchen schweigt. Sie fühlt, als sie das Amt verläßt, daß all« Blicke auf sie gerichtet sind, daß sie in den Verdacht verstrickt ist wie in ein Labyrinth. Sie weiß aber keinen Ausweg. Sie hat zwei Nächte nicht geschlafen. Sic hat sich ruhelos im Bett herumgewälzt. In diesen bangen Stunden hat sie alles erwogen, alles durchdacht. Ihre Lage ist verzweifelt. Das Geld fehlt. Vielleicht hat es jemand im Amt entwendet. Sie ist dafür verantwortlich. Der Verdacht liegt auf ihr. Sie hat sich nie in einer ähnlichen, verzweifelten Lage befunden. Sie hat bis jetzt immer sorglos ihre Tage verbracht bei ihrer Mutter, einer bescheidenen Witwe, die selbst nach Möglichkeit zum Haushalt beisteuert. Sie hat einen Bräutigam, einen Mann, den sie liebt. Die Zukunft war für sie bis vor kurzem eine glückliche Verheißung. Sie geht am Abend nach Hause, um ctivas zu essen. Aber sie kann es nicht. Ihre Kehle ist wie zugezogen. Sie muß an die Luft. Sie geht durch die Straßen. Die Dämmerung tut ihr wohl Ihre Nerven kommen in der Dunkelheit zur Ruhe. Sie geht ohne Ziel. Di« Häuser der Stadt versinken, weite Felder, unbebaute, nehmen sie auf. Durch die Ebene ziehen zwei eiserne Stränge. Es sind Schienen. Wenn das Mondlicht auf sie fällt, leuchten sie gleißend auf wie Schlangen. Da sieht sie in der Ferne einen schwarzen Punkt. Er dehnt sich gleichsam unter ihren Blicken aus, wird eine Linie, schließlich etwas Festes, ilnbezwingliches, Gigantisches, das mit rasender Ge« fchwinigkeit vonvärtszetrieben wird. Es ist der Zug. Ihre Augen sind weit geöffnet. Sie sieht die Laterne, die auf- flammt wie ein tückisches. Auge, die Räder, die den langgewundenen Leib bewegen, den Dampf, der über dem Ungetüm schwebt wie eine Wolke. Die Lokomotive kommt näher. Die Gedanken, die Bilder jagen blitzartig durch ihr für». Sie fühlt sich zwischen zwei Arten des Grauens hineingepreßt in die kurze Spanne eines Augenblicks. Wenn sie sich dem Schicksal entgegenwirft, das da hcrankcucht mit verhaltener Riesenkraft, dann entgeht sie der Ungewißheit des nächsten Morgens, dem lauernden Verhängnis und seiner Pein. Eine Sekunde lang schwankt ihre Seele. Wie ein schwaches Rohr, das fcfsizchalten wird durch die Wollust der Abendluft, durch das liebliche Spiel des Windes und die verdämmernde Glut der Farben. Sie tut noch einen tiefen Atemzug. Die Empfindungen gehen über sie weg wie eine rasche Welle. Dann verhüllt sie ihr Antlitz und wirft sich auf die Schienen nieder. Der Schnellzug hat sie erfaßt, und wie ein vorsintflutliches Tier zermalmt er ihre Glieder.... Das Gerücht von dem Selbstmord verbreitet sich. Als der Rat in das Amt kommt, weiß er es schon. Er ist unruhig. Er beugt sich nervös über seine Akten, er über» prüft die Tabelle noch einmal, sein Auge gleitet über die lang« stelligen Ziffern. Er rechnet. Was ist das? Necken ihn diese Zahlen? Er kann den Fehler von gestern nicht mehr entdecken. Wie ein Soldat steht sede Ziffer an ihrem Fleck, gewappnet gleichsam in ihrer Bestimmtheit und Ordnung. Er greift sich an die Stirn. Hat er Fieber? Er muß Gewiß- heit haben. Er winkt einem Kollegen und ersucht ihn nachzurechnen. Der Beamte vertieft sich in dem Aktenstück. Dann reicht er es dem alten Herrn mit den Worten:„Die Rechnung stimmt. Der Herr Rat hat sich gestern geirrt. Schade...." Seit mehr als vierzig Jahren das erstzemai. Und gerade diesmal kostet es ein Menschenleben. Der alte Herr hat diese Wort« nicht ausgesprochen. Sie gleiten nur durch seiu Bewußtsein. Aber er hat das Gefühl, als hätten sie sich allen Anwesenden mltgeieilt wie eine elektrische Entladung und als seien alle erschüttert durch diese Wahrheit. Er steht da und schweigt Sein Auge aber haftet an dem Pult. wo gestern die junge Beamtin gesessen hat. Der Platz ist leer. Ihm aber ist. als sähe er ste im Geiste hoch aufgerichtet vor sich und als spräche ste lächelnd:«Ich bin unschuldig gewesen/ Als triumphiere noch nach dcm Tode die Stimme des Herzens über den klügelnden, ewig rechthaberischen Verstand. Der Rat sühlt, wie plötzlich alle Blicke Ihn trefsen, bei ihm zusammentreffen wie in einem Brennpunkt. Selbst ihre Gedanken kreisen um ihn. Sie verurteilen, verdammen, verfluchen ihn. Da legt er die Akten aus der Hand, nimmt den Mantel, den Hut. den Stock. Er merkt, daß man ihn genau beobachtet, keine seiner Bewegungen, seiner Gesten lasten sich die Zuschauer entgehen. Er weiß selbst kaum, wie er aus die Straß« gelangt. Oben im ersten Stockwerk werden die Fenster geöffnet. Viele Augenpaar« blicken ihm nach. Er hat den Hut abgenommen. Sie sehen, wie d«r Wind seinen Mantel bläht, wie er über sein weißes Haar streicht, über seinen lang herabwallenden, grauen Bart. Er geht festen Schrittes über die langgestreckte Straße. Sein« Gestalt wird immer kleiner, immer unscheinbarer. Schließlich verschwindet sie ganz. Das Auge verliert ihn. Er wurde nie wieder gesehen. von See Eiszeit bis zu öen Karolingern. Die vor- und frühgeschichtilche Sammlung. Am Sonntag ist die Berliner vorgeschichtlich« Abteilung der staatlichen Museen Im alten Kunstgewerbemuseum in der Albrccht- straße eröffnet worden. Bisher hatte die ganze jahrzehntausende umfastende Sammlung im Völkcrkundemuseum auf engem Raum gedrängt beisammengestanden. Sie war ganz unübersichtlich ge- worden, und man hatte keine Freude mehr an all den Schätzen. Jetzt ersteht sie neu in einem neuen Raum, in weiten, großen, hellen Sälen, und plötzlich erscheint die Sammlung ganz anders, sie sieht reicher, größer und schöner aus. Sie führt durch ungeheure, unabmeßbare Zeiten, durch Tausende und Zehnlausende von Jahren. Die verschiedensten Kulturen, die verschiedensten Zeiten erscheinen, und es macht die Sammlung in ihrer Anlage übersichtlich und klar, daß in der Regel die Räume auch die Kulturen gliedern. Jede Wand scheidet große Abschnitte der Vorgeschichte. Dadurch entsteht ein einheitliches, klares Bild. Die Sammlung beginnt mit dem Paläolithikum, mit der Alt- st« i n z e i t. In dieser Zeit war Nordeuropa noch mit Eis und Gletschern bedeckt, der Mensch war vor dcm Eis geflohen nach dcm Süden, in Rordspanicn und Südfrankreich schuf er an den Wänden der Höhlen, in denen er hauste, jene wundervolle, seltsame Malerei, vor der wir heute noch bewundernd stehen. Die Gemälde sind nicht in dieser Sammlung zu sehen, aber ein äußerst wertvolles Relief, die sogenannte Frau von Laussel, die Lalanne gefunden hat, ist nach Berlin gekommen. Andere weniger deutliche Reliefs und einige Gipsabgüsse mit Tierzcichmmgen aus der Höhle Ccmbarcllcs geben wenigstens einen Eindruck dicser hochentwickelten Kunst. Außerordentlich wertvoll sind die beiden Skelette von Eiszeit- menschen, die Otto Hau se r 190� und 1909 ergrub, und um die uns Frankreich so sehr beneidet. Mit der Auffindung dieser beiden Skelette war erst der feste Punkt gegeben für olle weitere Forschung. Ihre Entdeckung war eine Großtat der Wistenschaft. Das«ine Skelett zeigt de» Neandertaler, den Menschen, dem Tier« noch ahn- sich, mit Schnauzenbildung, mit fliehender Sttrn und ohne Kinn, das andere zeigt den Aurignacmenschen, die neue von Norden und Osten her einbrechende Menschenrastc, die dem Europäer schon ahn- lichcr ist und die wohl auch der Träger der seltsamen Kunst war. Rings im Räume sind die Werkzeuge dieser Menschen aufgestellt, die Feuersteingeräte, die Fellkratzer und-schaber. Die nächsten Säle führen schon in die Neusteinzeit, dos Neolithikum. Das Eis wab abgeschmolzen, in ungeheuren Strömen war es nach Norden abgeflossen, die heutigen Seen waren«nt- standen, die heutigen Flüsse. Der Mensch zog ein in die neu be- wohnbaren Gegenden, Deutschland wurde besiedelt und weiter hinauf zog der Mensch noch Skandinavien. Jetzt tauchen zum erstenmal Töpfe, zuerst ohne Verzierung auf, die Sleinwerkzeuge werden nicht Mehr roh behauen, sondern fein geschliffen. Der zweite Saal zeigt die N e u st e i n z e i t(zirka �009 bis 2000 v. Chr.) in Deutschland. Besonders interestant ist hier die Pfahlbaukeramik vom Bodensee, die alten Webereien und Flechte- reien und die Ueberreste von Getreide. Der Mensch war seßhaft geworden, der Ackerbau hatte begonnen. Im dritten Saal wird die Kupfer- und Bronzezeit, die noch ähnliche wirtschaftliche Kultur hat, im Südosten Europa» gezeigt. Wertvoll« Fund« von Tonplastit und Geräten liegen vor aus Cucuteni und Monteoru. Sehr großem Jntereste werden die Säle i, C und Ö begegnen. Sie bringen die Ausgrabungen von T r o j a. 1871 begann Schlie- mann in Troja zu graben. In unermüdlicher, schwerer Arbeit gelang es ihm, neun übereinanderliegende Schichten der Stadt nach- zuweisen. Die oberste, jüngste, da, römische Jlion, da»«ine kleine Provinzialstadt unter Cäsar und Augustu« war. Unter ihr liegt die achte Stadt, die griechische, die etwa von 700—100 v. Ehr. Geburt blühte. Die siebente Stadt, das frühgriechische Jlion, zeigt die archaische griechische Kultur. Tic lechste Stadt, die von UOO bis 1100 v. Chr. aufwuchs, ist eine mächtige Stadt mit großen Burg» anlagen im mnkenischcn Etil erbaut. Wahrscheinlich>)oben dr« damaligen Herrscher der Welt, die Machthaber von Kreta und von Mykene, diese befestigte Stadt erbaut, um die Brücke zu besitzen zum 5)andel nach Asien. Die Hauptbedeuiung Trosas liegt in der zweiten Stadt, die von zirka 2500—2000 v. Ehr. anzusetzen ist. Sie ist durch einen großen Brand zugrunde gegangen, sie brachte auch den große» wertvollen goldenen Schatz, der im vierten Saale aufgestellt Ist In dieser Stadt sind große Palastmauern zu finden, seine Geräte und Töpfe berichten von einer entwickelten Kultur. Das war das Troja von Priamo» und Hektar. Es wurde dem aufblühenden Myken« gefährlich und so zog Zlgamcmnon aus, die Stadt zu erobern. Der Kampf um Troja muh für die Zeit ein Ereignis von ungeheurer Bedeutung gewesen sein. Als eine Heroentot lebte die ErinnenmU fort, bis sie um 900 o. Chr. zum Voiksepos wurde. Die Funde Schliemanns und D ö r p f e I d s sind«ll«, bi» auf den nach Konstantinopel abgelieferten Pstichtteil, hierher noch Bcrlln gekommen. Schliemann hatt: sie„dem deutschen Volke" zu« Geschenk gemacht. Der Saal 7 bringt die Funde des alten Mittelmeer«» außerhalb Kretas. Spanien, Italien, Malta, Griechenland und Aegypten ist vertreten. Die Funde de» Ka u fa f u s mit U n g« r» und der Schweiz von 1200— 000 sind im achten So«l unt»»- gebracht. � Die deutsche Bronzezeit(2000—800 v. Chr.) z»izt d«r nennte Saal. Hier liegt der große Wafsenfund von Spandau, und der Goldfund von Werder. Der Saal 10 bringt die ostdeutsch« Bronzezeit. Die Säle 11 und 12 sind der ersten Eisenzeit gewidmet. Interessant sind Gesichts- und Hausurnen und der groß» Veidsund von Eberswalde auf dem Hirsch-Kupser-Wcrk. Die La-Tene-Kultur(500—100 v. Ehr.) mit teosegtn« Kunst ist untergebracht in den Sälen 15 und 14. Saal 15, 16 und 17 zeigen die römische Zeit. Ein fremde» Element dringt jetzt ein und verändert die Kultur von Grund auf. Wieder bodenständiger wird die Kultur in der Zeit der M« r o- winger, Karolinger und Wikinger, die der Saal IT zeigt. Wundervolle eigenartige Kunstgegenstände wechseln hier ah mit auserlesenen« Schmuck. Die Kunst der Goten wird gezeigt, dl« der Wikinger und der alten Franken. Die Reihe schließt mit der slawischen Kultur(800— 1200 n. Chr.), von der sehr wertvolle und seltene Stücke vorhanden sind. Die Anordnung, in der das Ganze gebracht wird, ist nur zu begrüßen, und doch wäre es notwendig, daß jede Kultur durch Tafeln und Erläuterungen, durch Karten und geologische Profile noch deutlicher gemacht wird. Dem, der nicht die Borg-.schichte kennt — und das sind doch die meisten—, wird sich das Welentliche nicht ganz erschließen. Oer neue Katalog ist klar und übersichtlich ge- ordnet— aber die Sammlung muß auch ohne Katalog au» sich selber heraus sprechen. Den Leitern des Museums selbst muß daran liegen, daß die wertvollen Schätze der Borgeschichte immer bekannter, daß unsere Vorzeit uns immer bewußter wird— dazu sind aber mehr Erläuterungen, inchr Deutungen nötig. Die Töpf« und Geräte selbst sind tot. Sie werden erst leben durch da» Er- leben der Kultur der Zeit, sie gewinnen erst Sein durch die Cr- kenntni» der Menschen, die sie In Ihren Händen hatten. Wir freuen uns der Arbeit, die geleistet worden ist und danken den Leitern dafür; aber wir hoffen, daß sie ihr Wert weiter au»- bauen, damit es ein dauernder Besitz werde nicht nur sür die Ge- lehrten, sondern wie Schliemann wollte, dem ganzen deutsche» Volke. vr.«. Mozarts Sraut. Von Artur Eilbergleit Wenn Mozcrrt fröhlich war, pflegte er auch in feinen Worten in himmlischer Heiterkeit zu musizieren. So ant» wartete er auf die vertrauliche Frag« eines Iugendgespielen» wen er eigentlich seine Braut nenne:„Eine Wolke am Früh» lingshimmel." Und wie Mozarts Freund ungläubig fein Haupt wiegte, als beliebte Amadeus mit ihm zu scherzen, b«» kräftigte der irdische Genius seinen Ausspruch mit den Worten: „Gewiß; denn eine lenzhafte Wolke ist immer mädchenhaft anmutig, immer reigenselig, leicht hintänzelnd und schwebend, jugendlich heiter, perlmutterzart und ewig lächelnd/ Al» wollte der Frühlingshimmel jene Worte der Lüge zeihen, per- finsterte er sich plötzlich:«ine schwarze Wolke zerbarst, und große Tropfen sanken wie Zähren Gottes in einem rauschen» den Crescendo zur Erde hernieder. Da wies Mozarts Jugend» gespiele seinen seraphischen Freund auf den eingedunkelteN Aether hin. Aber Amadeus ließ sich nicht durch die Schau» spiele der Finsternis beirren, und der gläubige Glanz fein« Seele überstrahlte mit altarhafter Kerzenhelle allen Schatten» trug, al« er gleich einem Priester der Weltandacht mit klar«H Stimme sprach:„Wie auch immer der Himmel sich wandl«, die Wahrheit meiner Perkündigung bleibt unwandelbar: denn meine Braut weint nur Tränen der Freud» und Dankbarkeit, daß ich mich zu ihrer Schönheit bekenne!" Der �Zerfall" öer Welt. Von R. H. F r g n c e. Wer hötte sich nicht schon gewünscht, in seinem Leben der Zeit- genösse großer und wclwmqestaltendcr Ereignisse zu sein. Man malt es sich aus, wie man zu den Ersten gehört hätte, die von der kulturumwiilzenden Bedeutung des Buchdrucks gepackt, ausgewühlt und erschüttert von dem Brand der Geister in der französischen Revolution, aufs mächtigste interessiert durch die ersten Nachrichten von der Entdeckung Amerikas, sich in den Dienst der neuen Ideen und Möglichkeiten stellen und Vorkämpfer einer neuen Zeit sind. Ein solches großes und weltumgestaltcndes Ereignis hat vor wenigen Iahren stattgesunden, spätere Jahrhunderte werden uns glücklich preisen, daß wir derartiges erlebt haben, und sie werden die Gewiflenssrage an uns stellen, wieviel wir denn davon oer- standen haben. Und wir? Soweit in späteren Jahrhunderten über- Haupt noch Spuren unserer Tritte vorhanden sind, wird die Nach- weit lächelnd und verzeihend genau da» gleiche feststellen, was wir von den Menschen jedes vergangenen Jahrhunderts wissen, daß die „Zeitgenossen" niemals ein« Ähnung davon haben, was das bedeutet, was soeben ihre geistigen Führer und die weltumgestaltenden Geister tun, daß sie stet» das wichtigste übersehen, ihr cherz und ihre Hoffnungen aber an Nichtigkeiten hängen, die schon binnen Jahrzehnten im Nicht» aufgehen. Da» Geist-, Kultur- und Zeitumgestaltende. das ich mein«, ist die Entdeckung des Radiums. Gewiß, es hat ungeheures Auf- sehen erregt, als um 18SS die ersten Nachrichten darüber in die Welt gingen, aber es war ein Aufsehen, das man allen Merkwürdigkeiten entgegenbringt: der Erreichung der Erdpole, der Besteigung des höchsten Berges oder der Auffindung neuer Goldfelder. Man wun- derle sich über diese merkwürdigen strahlenden und zerfallenden Stoffe und ging dann zu Dingen über, die nützlicher schienen. Es gibt erst ganz wenige Köpfe, denen es heut« schon klar ist, daß das Radium das gesamte Menschenleben, die Kültur, die Technik, die Weltanschauung, das Denken noch ganz anders umge- stalten wird, als einst die Buchdruckerkunst, die Entdeckung eines Weltteils oder eine politische Revolution. In aller Stille, gewissermaßen ganz verborgen vor den Augen der Menschen, vollziehen sich in den letzten Iahren durch das fort- schreitende Wissen um das Radium große Dinge. Es hat sich jetzt zur Genüg« gezeigt, daß die radioaktiven Stosfe zerfallen, daß die„Radioaktivität" sie gewissermaßen zersprengt, aber kein Gegengewicht dazu hat sich bisher finden lassen, dem Zerfall teht keine Möglichkeit von Synthese(Wiederaufbau) gegenüber, und o steht man gegenwärtig vor einem Dilemma, dessen Folgen ein» ach unausdenkbar sind. Entweder es gelingt, aus den Gasen, in die alle strahlende Materie zerfällt, wieder Elemente von festerer Beschaffenheit auf- zubauen, und dann ist das Geheimnis, um das die alten Gold- wacher Verstand, Lebensblut, oft genug das Leben hergaben, in unseren Händen. Dann kann man künstlich Eisen, Kohle, Kupfer, Gold machen. Welche Umwälzung solches bedeutet, braucht man niemanden auszumalen. v Aber man ist meilenweit von solcher Möglichkeit entfernt: e» besteht gegenwärtig gar keine Aussicht dazu. Und so muß die ander« Konsequenz auf da» ernsthafteste er- vrtert werden: Was ist, wenn dem Zerkall der Materie kein Aufbau gegenübersteht? Der Zerfall ist unzweifelhaft: er ist gewissermaßen mit Händen zu greifen. Wenn auch die Angaben über die Dauer des Zerfalles und feine letzten Produkte noch einander wider- sprechen, so ist doch die„Dematerialisation" der Welt«ine bereits heute unleugbare Tatsache. Man frage jeden Physiker oder Chemiker(denn die Radium- frage geht beide an) darum, man lese in der wissenschaftlichen Lite- ratur nach, wo man will. Becquerel meint, daß ein Gramm Radium eine Milliarde Jahre brauche, um zu zersallen, Curie dagegen nur eine Million Jahre: Ruthersord schätzt diese Zeit auf iOOO Jahre, Csooker nur auf ein paar hundert Jahre. H e y d- weiler hat das neuesten» gemesien und fand, daß sich S Gramm Radium in 24 Stunden um 0,02 Milligramm vermindern, da» heißt: ein Gramm Radium demoterialisiert sich in 137 Iahren vollständig. Die Zahlen wechseln, aber keine leugnet die Dematerialisation der Welt. Gibt e» keinen Wiederaufbau, dann kann man nicht daran zweifeln, daß auch die Materie stirbt. Wir wisien nicht, wa» au» ihr wird. Für unser« Unten fuchungsmethoden verschwindet die strahlende Malerte in Nicht», womit natürlich t«ine»weg» gesagt ist, daß sie nichts wird. Aber die Unzillängtichkeit unseres vrbeitskönnen» gibt uns nicht die Mög- lichkeit, diese»„Nichts" wieder in etwas zu verwandeln. Wenn sich nun die Behauptung, die der französische Forscher G. L e Bon ausstellt und die ohnedies, angesichts der nicht mehr dezweiselten Unwandeldarteit der Elemente, mehr al» Wahrschein. lichkeit für sich hat, bewahrheitet und all« Substanzen radioaktiv sind oder werden können, dann steht der sinnende Menschengeist vor der erschreckenden Tatsache, daß alle» in»..Nicht»" hinübersließt. Da» ist die Sachlage, welch« die Chemie von heut« vor dem Denker ausbreitet. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder ist die Welt»in rhythmische» Pendün von materiellem Werden und Vergehen. Und dann wird der Mensch eine» Tages die Zauberformel in Händen haben, um alles zu machen, wa« er braucht. Oder der Weltprozeß hat, soweit er„Dielgestaltigkeit" und Körperlichkeit ist, nur«nne Nichttmg, nämlich die des Zerfalls. Dann ist unsere �technisch« Lage" auf die Dauer hoffnungslos, und man muß sich«n den Be» griff eines Weltunterganges gewöhnen. Ein drittes gibt es nicht. Die allergrößten Dinge und Um, wälzungen gehen im Menschengeist in diesen Iahren vor sich: wir sind Zeitgenosicn von Entdeckungen, deren Tragweite gar niemand ermesien kann. Und alle Welt läuft dem kleinen Spielzeug de» All- tags nach. Manchmal- bleibt einer besinnlich stehen und sägt unver- nünstig und seufzend: Wie schön wäre es gewZen, damals zu teben, al« noch große Dinge der Menschen Kopf und Herz bewegtenl Neöeblüten. Von Fritz Müller, Chemnitz. Ein Redner sprach statt von einer Sisyphu»- von einer Siphi- l i» arbeit und wünscht«, daß nun endlich D i r« k t r i e« n sDirek- tiven) für die beiden Inspektoren des Kinderheims geschaffen«ü»- den.—„Der K a t a st« r gehorsam hat nun ein Endel" verbündete gleich nach der Revolution ein Beamter seinen Kollegen.— Et?» anderer sagte, das letzte Mittel vor dem Streik fei die passiv« Rest» d e n z I— Ein sonst sehr tüchtiger Redner, der einen Ministerpost«,» bekleidet, meinte einmal,»venn die Arbeiter und Beamten so hohe Steuern bezahlen müsien, sollen auch einmal dl«, deren Einkommen viel höher ist, ihren Obolus ö f 1 n e n.— Ais ein Debatteredner sich gar zu viele Kalauer leistet«, hielt ihm der Versammlungsleite» vor:„Mit solchen Landauern langweiligen Sie nu» die An- wesendenl" Vom Haushaltplanetat und von Lotumsvvr» sch lägen hört man oft sprechen. Beide» aber tst falsch, da Etat bereit» Haushaltplan und Votum schon Vorschlag bedeutet. Merkwürdig muß e» im Magen der Bewohner von Annaberg i. Sa. aussehen, wenn— wie einmal gesagt wurde ihr« Haupt» nahrung in Posamenten besteht.— Ein Stadt verordneter führte, als er gegen die Verstadtlichung der Müllabfuhr sprach, fol» gende» aus:„Vedenken Sie doch, daß viel« Prioatfuhrleute ihr Brot in den Müllkästen finden I"— Allen Ernstes wurde einmal oerlangt, weibliche Angestellt« sollten nicht vom Stadtarzt, sondern von einer weiblichen Aerztin untersucht werden!— Da» erinnert an folgende Stell« aus einem Bericht über ein« Stadtver- ordnetensitzung:„Dann entspann sich zur allgemeinen Erheiterung eine Redeschlacht zwischen dem deutschnationalen Fräulein Br. und unserem Genossen M„ beides Junggesellen!"— Zwei Frauen, die aus dem Etadtoerordnetenkollegium ausschieden, rühmte der Vorfteher nach, sie hätten wacker Ihren Mann ge» st a n d e n I— Von einem Entwurf, den man sehnsüchtig erwartet«, wurt>« gewünscht, er solle nun endlich einmal da« Licht der Drucker- schwärze erblickenl—„Alle» Ist teuer geworden, alle» was wir anziehen, von der Fußsohl« bis zur Hutspitzel" führt« ein Redner bei einer Interpellation über Teuerungemaßnnhmen au» und sagt« dann einem, der ihn beständig unterbrach, nun wolle er mit ihm ein Hühnchen pflücken.—„Ich habe einen breiten Rücken und werde auch diese Vorwürfe schlucken!" int- gegnete ein Stadlrat einem Stadtverordneten, der sich über verschie- den« Maßnahmen des Jugendamtes aufregt«.— Der Feuerwehr- dezernent hingegen wünschte, die S ch a t t« n, die sich auf das Feuer- wehrwesen gelegt haben, möchten zur allgemeinen Zufriedenheit ge- löscht werden!— Sie wäre bei einer Gasvergiftung mit einem blauen Auge davongekommen, behauptet««ine Rednerin und fuhr dann fort:„Sie werden mit den Gassperrzeiten den Krug solange zu Wasser gehen lassen, dl« er in den Brunnen fällt 1" — Schlimm muß es um da« Deutsche Reich bestellt sein, wenn— wie einmal behauptet wurde— die gegenwärtige Finanzlage nicht mehr der stolze Adler von»Hedem ist, sondern einem P l« I t e g« i e r gleicht, den man bi« auf« Hemd ausgeraubt hat.— Ein anderer Redner stellte in Aussicht, die Steuerschraub« werde noch so st eigen, daß unter der La st de» Cteuerzettel» der größte Teil der Bevölkerung zusammenbricht.— Al» man abermals von ihm verlangle, er solle für die Fortbildungsschule Zimmer freimachen, die der Volksschule gehören, rief«in Volksschul- dezernent entrüstet au»:„Fohren Sie nur so fort! Nehmen Sie un» einen Raum nach dem anderen! Dann hat die Volksschule nicht» mehr, wo sie ihr Haupt hinlegen kann!"— Derselbe Herr schloß einmal die Aussprach« über einen Punkt vorläufig und meint«, wetter« Wortmeldungen hätten trotzdem da» Recht, sich bemerkbar zu machen.—„Da wahrscheinlich heut« abend die Sünden der Kapitalisten noch öfter gegeißelt werden," führt« in einer Versammlung«in Fabrikdirektor au»,„möchte ich darauf aufmerk- som machen, daß der Betrieb, dem ich vorstehe,»in ehrliches Unter- nehmen tst. Ich bitte energisch darum, ihn nicht mit anderen ähnlichen Schwinbelfirmen zu verwechseln!" Wetterpropheien. Neuerdings tauchen wieder ph.vrijleÄegaate Wetterpropheten auf, die die Redaktionen mit ihren Geiftesprodukten bedrängen und verlangen, daß ihre menfchhsitsbeglückenden Eni- deckungen gedruckt werden. Daß diese wilden Wetterpropheten aus- sterben, wird ja nicht erwartet werden, ebensowenig wie die Gilde der Kurpfuscher und Wunderärzte In der Medizin verschwinden wird. Aber es ist, so führt Privcttdozent Dr W. Peppler in der Zeitschrift „Das Wetter' aus, recht bezeichnend, daß in unserer Nachkriegs. zeit diesen Propheten so viel Interesse entgegengebracht wird. Man wird nicht fehlgehen, wenn man die tiefere Ursache dafür In der Geistesverfassung selber sucht, in die weite Bolkskreise im Kriege und in der Revolutionszeit hineingeraten sind. Ucber die Wetterpropheten, die vorgeben, endlich„entdeckt' zu haben, wie des Wetter für Wochen, Monate und Jahre auf das genaueste vorausgesagt werden kann, könnte die Wissenschaft mit einem verzeihenden Lächeln hinweggehen, wenn nicht die Gefahr bestände, daß das Ansehen der ausübenden Wittcrungskunde schweren Schaden nimmt. Die Schwierigkeit rascher und weiter Verbreitung der Prognosen des öffentlichen Wetterdienstes und noch viel mehr die drohende Gefahr, daß der telegraphische Voraussagendienst infolge der ungeheuren Kosten(41) bis 60 Millionen Mark jährlich im Reiche) eingestellt werden muß, arbeiten den wilden Wetterpropheten in die chände, da sie jetzt leichter als früher Absatz finden für ihre langfristigen Prognosen. Bereits jetzt findet man in vielen Zei- tungen zwar keme Prognosen des öffentlichen Wetterdienstes, aber Voraussagen irgendeines lokalen Wintelpropheten. der der Einfach- hcit halber„das Wetter gleich für eine ganz« Woche oder einen ganzen Monat macht". Es ist anzunehmen, daß alle diejenigen, die sich verleiten lassen, Prognosen für längere Zeiträume und ganze Jahreszeiten zu vor- breiten, nicht wissen, daß sie den Boden der wissenschaftlichen Wahr- haftigkeit verlassen. Es gibt bis heute noch keine Beziehung oder Gesetzmäßigkeit zwischen den Witterungsverhästnissen Mfeinander- 'olgcnder Zeiträume, die so ausgeprägt sind, daß sie'einer lang- 'ristigen Wetterpronose zugrunde gelegt werden dürfen. Wenn man sich aber darauf beschränkt, den allgemeinen Witterungscharaktcr für einige Tage in geeigneten Fällen vorauszusagen, so ist dagegen nichts einzuwenden. Aber auch so dürfte es nicht möglich sein, regel- mäßig Prognosen für zwei bis drei Tage zu geben, die eine einiger- maßen genügende Wahrscheinlichkeit des Eintreffen» verbürgen könnten. Der gewissenhafte Prognosenstellcr ist sich darüber klar, daß es genug Fälle gibt, in denen eine Prognose für die nächsten 24 Stunden Schwierigkeiten bereitet. Was soll man aber dazu sagen, wenn im Jahre 1922 Wetterkalendcr umlaufen und leider auch Beroreitung und Glauben finden, die für jeden Tag des kommenden Jahres genaue Wettervoraussagen entholten. Leider gibt es mehrere dieser Art. Das Aergste auf diesem Gebiete leistet der Wetter- kalender für jeden Tag des Jahres von M. Schmucker, Stadtpfarrer in Gundelfingen. Dieser Kalender, der in Süddeutschland eine be- denkliche Verbreitung zu haben scheint, bringt Prognosen für jeden Tag des Jahres 1922. Beschämt sieht die Wissenschaft und muß ihr Nichtwissen ein- gestehen gegenüber dem Wetterpropheten, der anscheinend die tiefsten Naturgeheimnisse entschleiert hat. Man möchte ihm und allen seinen Kollegen die treffenden Worte ins Stammbuch schreiben, die chelm- Haitz in einem Vortrag auf eine gewisse Sorte von Aerzten prägte: „Solange es Leute von hinreichend gesteigertem Eigendünkel geben wird, die sich einbilden, durch Blitze der Genialität leisten zu können, was das Menschengeschlecht sonst nur durch mühsame Arbeit zu er- reichen hoffen darf, wird es auch Hypothesen geben, welche, als Dogma vorgetragen, alle Rätsel auf einmal zu lösen versprechen. Und solange es noch Leute gibt, die kritiklos leicht an das glauben, wovon sie wünjchen, daß es wahr fein möchte, solange werden jene Hypothesen noch Glauben linden.' spektroskopische Untersuchung ließ weiterhin eine große Aehnlichkeit mit den Orionsteruen erkennen, die die größten und heißesten Sonnen darstellen. Wie bei ollen RIesensonn-en ist auch die Dichtigkeit der beiden Sterne sehr gering und beträgt nur etwa ein Hundertstel der Dichtigkeit unserer Sonne. Plaekett fand, daß der größere der beiden Sterne einen Durchmesser von 30,6 Millionen Kilometer hat und daß seine Helligkeit löOOOmal so groß wie die der Sonne ist. während der kleinere Kongioncnt bei einem Durchmesser von 27 Millionen Kilometer die Helligkeit der Sonn« um das 12 000 fache übersteigt. Die Entfernung des Systems von unserem Sonneissystem wurde auf 10 000 Lichtjahre berechnet. Die beiden Sterne sind also 630 Mil- klonen mal so weit von uns entfernt, wie die Erde von ihrem Zentralgcstirn. Erziehung und Unterricht Eine Linder- Sprochheilfchule. Unter den 210 000 Berliner Schulkindern befinden sich etiva 3000, die ganz normal veranlagt sind, aber an irgendwelchen Sprachstörungen leiden. Durch die Be- , inühungen von Ernst S ch o r f ch ist die Aufmerksamkeit auf diese i durchaus nicht unbedeutenden Störungen gelenkt worden, und es wurde in Berlin eine Kinder-Sprachhcilfchule ins Leben gerufen, ! die sich dieser Leiden mit bestem Erfolg annimmt. Seine Grund- � sätze in der Bekämpfung der Sprachstörungen hat Schorsch in einem i Buch„Das Sprachheilwesen an den Berliner Volksschulen' dargelegt, über das er selbst in der„Deutschen Medizinischen Wochenschrift berichtet. Die Kinder, um die es sich hier handelt, sind nicht schwerhörig und taub, sondern sie sind In der Erfassung der Sprache oder im i sprachliche» Ausdruck mehr oder minder erheblich gehemmt. Die i Zahl dieser 2320 Schüler mit Sprachgebrechen betrügt 1,15 Proz. der Gesamtheit. Darunter befinden sich 140Z Stotisrer, 624 Stamm» , ler und 288 Kinder mit anderen Sprachfehlern. Die Knaben unter- liegen diesen Sprachstörungen sehr viel zahlreicher als die Mädchen; : so tritt z. B. das Eiottern bei ihnen fast dreimal so häusig auf. Das Lebensalter spielt dabei eine nicht unbeträchtliche Rolle. Vom sechsten bis zum zmöisten Jahre wückst die Zahl der stotternden Kinder auf das Dreifache. Dagegen nimmt die Zahl der Stammler ? vom sechsten bis zum zehnten Jahre immer mehr ab. Die Kinder erlangen nämlich eine zunehmende Fähigkeit im Erkennen und Unterscheiden der Woribllder und werden geschickter im Gebrauch � ihrer Sprachwertzeuge. Die Svracbgebrcchcn wirken auf die(5e- samterscheinung der kindlichen Persönlichkeit ein, drücken sie unter ihre Jahre und ihre geistige Stufe herunter: das Gemütsleben der Kinder wird verdüstert, die Charakterentwicklung und die Teilnahme an gemeinfchaft'ickten Spielen usw. beeinträchtigt. Die Ursache des Stotterns ist auf seelische und nervöse Erscheinungen zurückzuführen, i die sich etwa vom vierten Lebensjahr ab bemerkbar machen und � zunächst als einfache Silben- und Worlwicdcrholung auftreten, dann � aber immer schwerere Formen annehmen. Die bisherigen Kurse ! für stotternde Schulkinder brachten in mehr als 60 Proz. der Fälle i Heilung, aber auch viele Rückfälle. Da das Stottern innerhalb der Sprachentwicklung auftritt und sich, je länger, je mehr im Sprechen ! des Kindes festsetzt, ist es zu empfehlen, die Behandlung der stotte-n- ! den Kinder sogleich nach ihrem Schulcintritt auszunehmen und ! täglich mehrere Stunden durchzuführen. Dies geschieht in der Sprachbeillckmle, in der besondere Klassen eingerichtet ssnd. Erdkunde ingsiDlfafeia Ein Giganl unter den Doppelsterneu. Dr. I. S. Plaskett. der Direktor des Observatoriums in Victoria(Britisch Columbia), l)A kürzlich im Sternbild des Einhorns einen Doppelstcrn entdeckt, der sowohl in bezug auf seine Ausmaße wie sein System alle bisher be- kannten Doppelsterne übertrifft. Es handelt sich um einen längst bekannt gewesenen Stern sechster Größe, also mit ein Objekt, das gerade noch für ein scharfes Auge als winziges Lichtpünktchcn er- kennbar ist. Bei der Beobachtung des Spektrums dieses Sternes stellte Plaskett fest, daß es sick bier um einen Doppelstern handelt, dessen zwei Komponenten sowohl an Helligkeit wie in der Umlauf- geschwindigkeit nahezu gleich sind, und die sich um einen gemein» samen Schwerpunkt drehen In kurzen Zwischenräumen hergestellte photographssche Aufnahmen des Spektrums erbrachten im Zu- sammenhang mit den Messungen der Verschiebung der Spektral- linten den Beweis, daß die beiden Sterne sich in der ungewöhnlich kurzen Zeit von 1454 Tagen nnt ihren gemeinsamen Schwerpunkt drehen, und zwar in einem Abstand von nur 99 Millionen Kilometern. Die Schnelligkeit der Rotation ist dcnientsprcchend außer- ordentlich groß, sie beträgt bei dem einen der beiden Komponenten 232, bei dem anderen sogar 277 Kilomeier in der Sekunde. Eine einfache Berechnung zeigte, daß die Gesamttnasse dieses Systems die unserer Sonne um inindestens das 139 fache überttifft. Die Lebende und tote Dünen. Das Herannahen der Wanderdünen bedeutet für die betroffenen Ortschaften ein noch größeres Unheil als Stürme oder Ueberschwemmungen, da ihre Opfer langsam, aber sicher der vollkommenen Vernichtung anheimfallen. Nach einer Sturmflut wird ein Dorf wieder rnisblühen können, schwerlich jedoch, wenn es bis zum Turm seiner Kirche im Sand begraben worden Ist. Nun war, wie das„Wissen' hervorhebt, bereits vor zwei Jahr- Hunderten die Bekämpfung der Wanderdünen durch den Franzosen de Ruhat mit bestem Erfolg aufgenommen, doch ist diese Methode unbegreislicherweise nach seinem Tode wieder In Vergessenheit ge- raten. Das Verfahren bestand darin, daß de Ruhat Kiefern auf den Sandhügeln von La Teste, einer Stadt in der Gironde, pflanzte, wodurch der treibende Sand befestigt wurde. Dann und wann machte man wohl Anstalten, der Angelegenheit wieder größeres Interesse zuzuwenden; so war es Bremontier, der sich 1737 eingehend damit befaßte, die Revolution legt» jedoch seine Bemühungen brach. Erst im Jahre 1801 beschäftigte sich die ftanzösische Regierung von neuem damit, und gegenwärtig bekämpfen alle zivilisierten Nationen die Dünen mit dieser Methode Es ist festgestellt worden, daß Dünen bis zu 15 Fuß Höhe bei besonders starkem Wind täglich um mehr als 3 Fuß sich vorwärts bewegen. Man kann dabei die Beobachtung machen, wie der Sand in parallelen kleinen Wellen über die Abhänge weht, um sich au den Ausläufern als Staub zu zerstreuen. Tie Düne„raucht", sagt das Volk zu diesem Vorgang. Ilm der dadurch entstehenden Vorwärts- bewegung Einhalt zu tun, ist es notwendig, diese leichten Abhänge der Dünen zu befestigen; das geschieht, indem man gewissermaßen einen Pflanzentcpp'.ch darauf entstchni läßt. Die in solcher Weise befestigten Dünen werden..tote Dünen" genannt, währcnd Jitnn solche, die bei jedem Wind ihre Farm verändern, als„lebend" be- zeichnet. Das Bepflanzen der Wanderdünen geschieht hauptsächlich im Frühjahr und Herbst.