Nummer 35 � 14. September 1922 _ Heunw-� AntsrhaltunHKbsilaHe öes vorwärts Notflagge. Von Hans Fr. Blunck. Der Ewer lag mit dem Siemen in jeder Gischt. Die über- geschlagene Ladung drückte das Schiff vornüber. Notflaggen knat- terten an seinem kahlen Großmast und am Fockstumpf. Der Wind pflückte an den Leinwandfetzen und trieb das Fahr- zeug stößig auf die Elbbucht zu. Er gab nicht mehr viel drum, er legt es mit denen an, die ihm die See bestreiten. Um die lecke Stein- ladung war es doch in einer dieser Stunden geschehen. Der Schiffer am Steuer spürte es wohl. Er starrte ohne viel Hoffnung mit übernächtigen Augen in die einförmige Fläche. In seiner tauben Müdigkeit war ihm mitunter, als führe der Ewer längst jenseits der Wirklichkeit. Um ihn war's nicht schade, wllrs es schon so weit. Leid tat's ihm um feines Bruders Weib, das vor ihm an der Luke hockte, die Arme fest um die Hölzer geschlungen. Die Notflagge hing über Hinnerk Neels. Fünf Kriegswinier hatte er verzweifelt gegen die Not über seinem Land gekämpft. Erst zum Ende, als sein Weib verhungerte, war er zusammengebrochen. Von da ab mar das Leben ihm ein langsames Verdämmern ge- worden, das an einem dieser Tage zu Ende gehen mußte: ob jetzt, ob später, er fragte wenig danach. Der Himmel lag wie eine graue! Steppe tief überm Wasser, die Brecher, die vorm Wind näher! kamen, schienen aus ihm niederzustürzen. Mitunter sprangen ein paar helle Wege dazwischen auf, aus denen schäumende Böen übers Meer stürzten. Dann neigte sich der Ewer tiefer vornüber. Der Schiffer fiel wieder in fieberndes Träumen, das die Cr- fchöpfung der Nacht in ihm weckte. Einmal dachte er an die, die vor ihm kauerte. War feines Bruders Witwe, hatte in Hamburg Arbeit suchen wollen. Sie halte die Nacht über mit ihm wie ein Tier um ihr Leben gekämpft. Jetzt, da der Sturm nachgelassen hatte, war sie zusammengebrochen. Er empfand ein tiefes Mitleid nüt ihr, wagte nicht, sie hinunterzuschicken, weil niemand wußte, wie rasch es mit dem Schiffe zu Ende gehen würde. Der halbwachs Schlaf kam wieder über Neels und mit ihm eine entspannende Nachgiebigkeit. Wie eine Erlösung schien es ihm, wenn seine Einsamkeit mit der Tiefe eins würde. Er fühlte keinen Zwang, zu bleiben, eine bleierne Müdigkeit dämpfte seinen Willen. Im Westen stieg das Gewölk dunkler auf, der Himmel zerriß i und zerlappte, das Rollen der See hallte von oben wieder und schlug dumpf zur Ferne. Die Wogen brachen härter gegen das Heck, einmal leckte ein Spritzer hoch in die Notflaggen der Focr hinein. Die Frau war plötzlich ausgefahren, riß einen Augenblick verzweifelt an den Stricken, mit denen sie sich angebunden hatte und begriss dann, wo sie war. Mühselig, mit halb erstorbenen Gliedern, löste sie sich, richtete sich hoch und stierte über die graue Wüste, auf der kein Segel sichtbar war. Ihr Blick blieb fragend auf i)inncrk Neels hasten. Der sah an ihr. vorbei, sie störte ihn in seinen dämmernden Gedanken. Da kroch sie langsam an der Luke entlang zu ihm ans Steuer. „Wie weit ist es?" fragte sie. Er nickte nach vorn, der Bug tauchte tiefer, warf im Aufspringen einen hohen Gischtflug übers Deck und rollte wieder in die nächste Woge hinein. Einmal schien] es, als wollte eine Ohnmacht über die Frau kommen. Aber ehe. der Schiffer zupackte, hatte sie selbst ein schlingerndes Tau ergriffen: und um sich geschlungen. Ihr Lebenswille rührte Neels. Cr wußte, die, die zu ihm kam, kämpfte gegen das Unvermeidliche, störte ihn, der in dämmernder Müdigkeit auf das Schicksal wartete.„Hilft uns nichts," dachte er dann und biß die Zähne zusammen.„Es geht aufs Ende." Aber das Weib ward wach und das Entsetzen mit ihr. Hilfesuchend starrte sie in die Weite. Ihre Kraft schien mit der Furcht zu wachsen, ihre Augen klüftcten durch die tiefhängenden Wolken, bohrten in die verhängten Weiten. Sie war zu ihm gekrochen. Hinnerk Neels fühlte, wie sie sich gegen ihn stemmte, er sah ihre Verzweiflung, die über die See nacy Hilf« schrie. Etwas wühlte in ihm, vielleicht war es die Nacht, die sie füreinander gekämpft hatten. Der Schiffer sah dumpf vor sich hin. Die Frau reckte sich, als wollte sie ihm helfen, das Ruder zu halten. Wußte sie nicht, daß es zu Ende ging? Er sah die Sturm- böen im Rücken näherkommen, wie dunkle Tücher schleppten die Regen hinter ihnen her. Kälte trieb voran, er suhlte sie schüttelnd in seinem Rücken stehen. Neels wußte, irgendwann in Augen- blicken oder nach einer Weile, mußten die Brecher das Schiff quer werfen und die Luken vollschlagen. Langsam spürte er, wie die Er- schöpsung als Dämmerung, die er nicht mehr durchdringen konnte, sich wieder um ihn wand. Einmal fuhr er auf. Die Frau hatte das 5)olz in seiner Hand gepackt, sie schrie ihn an, er verstand es nicht. Da wies sie rück- wärts. In den Böen querab stand gespenstisch ein grauer Leib, eine blasse Masse von Segeln, die oben in den Regen tauchten. Der Schiffer sah stumpf, ungläubig hinüber, wollte etwas sagen und taumelte. Der Regen war rasch, deckte wieder alles ein. Aber das Weib packte und schüttelte ihn und gab nich�nach, ihre Finger krallten sich ir> seine Schultern, schrill schrie sie ihn an. Der Schiffer sah noch einmal ungläubig hinüber, der Fremde kam wieder als grauer Schatten. Da verstand der Schiffer, daß es Wirklichkeit wurde. Er blickte die Frau erstaunt an, als käme das Unbegreif- liche von ihr und sah, daß der große Segler rascher zu fahren schien als die dunklen Sturmwolken, die noch im Westen umein- ander kreisten. Er kämpfte um die Betäubung um sich her, wollte überlegen, aber seine Knie schwankten. Da knotete das Weib schon die Stricke auf, die ihn hielten, stieß ihn, schrie, wies zum Notsegel und packte das Ruder mit beiden Händen. Er begriff, was sie von ihm wollte, fühlte, wie sein Kopf kreiste und kroch doch über die Luke, glaubte, jeden Augenblick müsse ihn ein Brecher über Bord spülen. Aber während er das Segel packte, der Besan zu schlingern begann und mit den gelösten Tauen die Leinwand von oben stürzte, war es, als zwänge ein fremder Befehl ihn körperlich, als bewegie er sich für das Weib, mit der Kraft der Fäuste, mit der sie ihn ge- weckt hatte. Das Schiff begann hilfloser zu treiben, Neels blickte zum Steuer zurück, hörte die Schreie der Frau, er sah, wie der fremde graue Rumpf ihnen nahe war, sah, wie er unklar wurde und dann, nach einer Weile, wie ein tanzendes Boot auf den Gischtköpfen stand. Da kam es auch über ihn, daß das Leben noch einmal in ihm ausfieberte, er arbeitete sich mit stoßender Brust zurück, schlang die Stricke um und wartete Körper an Körper mit dem Weib auf das dunkle Boot, das sich näher und näher arbeitete. Und während er sich gegen sie lehnte, spürte er dumpf, wie ein Trieb zum Leben von ihr ausströmte. Der Ewer stampfte und schlingerte unier den Brechern, das Deck tauchte schräg vornüber, hob sich und bog sich wieder voll in den brechenden Gischt. Es kann jeden Augenblick aus sein, dachte Hinnerk Neels noch einmal, aber er fühlte, wie die Angst von der andern zu ihm kroch, die Angst um ihrer beider Leben. Ein Tau flog herüber, Schreie kamen mit der Gischt. Er lockerte die Stricke, begann zurückzufchreien und dann, einen Augenblick, stieß der Wille zu leben, gewaltsam in ihm hoch. Wie ein Baum reckte sich der Schiffer, faßte den Leib der Frau und warf sich, als das Boot mit einer der Wellen längsseit kam, mit einem gewaltigen Satz drüben unter die Ruderer. Er schlug schwer auf, hob sich wieder, ihm war, als müsse er zurück, als sei er nur aufgelebt, um die zu retten, die das Schiff gerufen hatte. Aber er fühlte, daß ihre Arme sich fest um ihn klammerten, er sah, wie Wogen und Gischt drüben um den sinkenden Ewer brandeten. Und er fühlte ein neues dämmerndes Bewußtsein in sich und stöhnte tief und glücklich, dem Leben enl- gegen, Die Bedeutung Luörvig Beuerbachs. Zum 50. Todestage des Denkers(13. September). Ludwig Feuerbach ist einer der edelsten Vertreter des deutschen Geistes und eins wahrhaft große Persönlichkeit. Er war kein Schildknappe der Theologie wie L)egel. sondern ein freier, unab- hängiger Denker: dazu ein Mann von echt republikanischer Ge- sinnung, ein Freund des Volkes, ein Anwalt der Unterdrückten, nicht, wie Schopenhauer, ein Parteigänger der politischen Reaktion. Und doch haben seine Werke nicht Wurzel geschlagen im deutschen Volke: selbst in der deutschen Arbeiterschaft ist er nicht so bekannt, wie es ihm, dem Republikaner und Volksmann, von Rechts wegen zukäme. Woran liegt das? Die Universitätsphilosophen würden wahrscheinlich antworten: Feuerbach ist eben widerlegt. Die Vertreter der offiziellen Wissen- schaft haben das immer gesagt. Weiß man aber, daß sie von jeher einen zähen, rücksichtslosen Kampf gegen alle unabhängigen Denker geführt haben, zum Teil mit unlauteren Mitteln, so wird man ihren Worten von vornherein Mißtrauen entgegenbringen. Im Falle Feuerbach sind sie von Anfang an planmäßig zu Werke gegangen. Zuerst haben sie ihn totgeschwiegen und dann, als das nicht mehr möglich war, als— rückständig gebrandmarkt. (Was sie bei solchen Riachenschaften leitet, hat Schopenhauer in seiner glänzenden Schrift„Ueber die Universitätsphilosophie" in schlagender Weise auseinandergesetzt.) So ist es denn nicht zu verwundern, daß Feuerbach bei der Masse der sogenannten Gebildeten kcine Stätte gefunden hat. Un- verbildete, aufrichtig nach Erkenntnis strebende Menschen, die das Glück hatten, auf ihn hingewiesen zu werden, haben ihn stets als Führer und Wegweiser verehrt. Auch bci der deutschen Arbeiterschaft könnte er heimisch werden, wenn wir eine wirkliche Volksausgabe seiner Schriften hätten, wie er sie selber eine Zeitlang plante. Was von ihm lebendig geblieben ist, würde in etwa drei nicht allzu starken Bänden Platz haben. Worin, liegt die Bedeutung Feucrbachs? Cr ist der Ueber- winder der Theologie und der mit der Theologie vcr- fchwesterten spekulativen Philosophie. Er war der erste Philosoph, der Hegels bestehndes System aus gründlichster Kenntnis heraus kritisiert und überwunden hat.(„Kritik der Hegelschen Philosoph, der Hegels bestehendes System aus gründlichster Kenntnis heraus kritisiert und überwunden hat.(„Kritik der Hegelschen Philosophie", 1839) Hegel harte Theologie und Philosophie, Glauben und Wissen miteinander versöhnen wollen, und zwar mit Hilfe einer ver- schwitzten Dialektik. Feuerbach zerstörte diese künstlich geschaffene Harmonie. In seiner klassischen Streitschrift„Ueber Philosophie und Christentum"(1839) und in seinem Hauptwerk„D a 5 Wesen des Christentums"(1811) wies er nach, daß Religion und Philosophie nur durch Sophismen miteinander versöhnt werden können, daß Hegel die religiösen Glaubenssätze in einem anderen Sinne nehme, als sie ursprünglich gemeint seien, und daß sein System weder der Religion noch der Philosophie gerecht werde. Feuerbach selber fthrt den zwingenden Nachweis,?aß die Glaubens- fätze, wenn man sie ohne Deuteleien ansieht, auf Schritt und Tritt in Widerspruch mit der Vernunft geraten. Aber nicht genug dainit! Er zeigt auch— und hierin liegt vielleicht sein Hauptoerdienst—, wie wenig das moderne, verwaschene Christentum mit dem cigcnt- lichen, dem klassischen Christentum gemein hat, wie wenig das Christentum für den modernen Menschen noch Herzensangelegenheit ist, und daß dieser nur noch aus Heuchelei oder aus Eigensinn an dem Namen eines Christen festhält. Hier ist nun ein grandioser Irrtum Fcuerbachs einzugestehen, den er freilich mit fast allen Romantikern, auch mit Schopenhauer, teilte. Er glaubte nämlich, die christlichen Dogmen, die ganz und ungeteilt freilich mit der Philosophie unvereinbar seien, enthielten Grundwahrheiten, und diese könne man aus ihnen gleichsam heraus- schälen. Heute wissen wir, daß solche Wahrheiten nicht dem Dogma eigentümlich, sondern dem Denken entlehntes Gut find, und daß sich dieses Gut nur in den Glaubenssätzen hochentwickelter, mit der Philosophie im Kampfe stehender Religionen findet. Dieser Irrtum schadet aber der Rcligionskritik Feucrbachs durchaus nicht. Der christliche Gott ist nach Feuerbach das vergegen- st ä n d l i ch t e(besser vielleicht: zur Gestalt verdichtete) Wesen des Menschen: eine ihrem Kern nach überaus wichtige, frucht- bare Erkenntnis, die später vornehmlich Heinrich Heine und Gott- fried Keller eigenschöpferisch verwendet haben. Dann ist Feuerbach, der den besten Willen hatte, sich von der Romantik und vom Intellektualismus zu befreien, weitergegangen und hat die Wurzeln der Religion überhaupt bloßgelegt(„D a s Wesen der Religion", 1815, und„Vorlesungen über das Wesen der Religion" gehalten, aber nicht an einer Universität, 1818/19. veröffentlicht 1851): er findet sie im Abhängig- kcitsgefühl des Naturmenschen, in dessen Furcht vor blinden Gewalien, überhaupt in den Affekten und Gefühlen. In- wiefern seine Sätze überholt sind, kann hier nicht dargelegt werden. Nur soviel: neuere und neueste Forschungen sind durchaus nicht im Sinne der religiösen Reaktion und der mit ihr befreundeten Universitätsphilosophie ausgefallen, im Gegenteil: es hat sich gezeigt, daß der Ursprung der Religion noch tiefer im Irrationalen liegt, als Feuerbach glaubte. Feuerbach dachte sich den Menschen der Urzeit zu sehr nach dem Bilde des Kulturmenschen. Und der Mensch, den er gleichsam als Bodensatz des Christentums zurückbehält, und dessen Wesen sich in den Lehren des Christentums spiegelt, ist ein geschichtsloses, im leeren Räume schwebendes Geschöpf. Die ersten, die hier mit fruchtbarer Kritik einsetzten, waren Karl Marx und Friedrich Engels, die beide ursprünglich starke Ein- flüsse von Fauerbach empfangen hatten. Engels sagt in seiner ge- haltvollen Schrift„Feuerbach und der Ausgang der deutschen klassischen Philosophie"(1888):„Der Kultus des abstrakten Menschen mußte ersetzt werden durch die Wissen>cyaft von den wirklichen Menschen und ihrer geschichtlichen Entwicklung" und weist auf Marx'„Heilige Familie"(1815) hin, die diese Fort- entwicklunq eröffnet habe. Und Marx, der Begründer der matcria- listischen Geschichtsauffassung, betont in den berühmten, aus dem Jahre 1815 stammenden Thesen, die der Schrift von Engels bei- gegeben sind, daß es darauf ankomme, die W e l t, die die Philo- sophen bisher verschieden ausgelegt hätten, nun endlich zu verändern. Feuerbach, der sich feit 1879 zur Sozialdemokratischen Partei bekannte, hätte sich gegen solche Einwände wohl kaum verstockt: wie er denn in einem Briefe an Friedrich Kapp vom 11. April 1868 Worte hohen Lobes für Marx'„Kapital" findet. Er war eben kein Dogmatiker wie Schopenhauer, und fein Leitspruch hieß:„Ehr- lichkeit und Redlichkeit sind zu allen Dingen nütze— auch zur Philosophie." Seine Aufgabe war begrenzt, und er hat sie auf seine Weise gelöst. Den Wahn, ein endgültiges und abschließendes System auf- gestellt zu haben, hat er nie gehegt. Und so darf trotz aller bercch- tigten Kritik gesagt werden: FeuerbachgehörtindicReihe der großen Befreier. Er hat, wie vor ihm Herder für die Sprache, wie nach ihm Nietzsche für die Moral, so für die Religion einen irdischen Ursprung nachgewiesen und damit die Beweisreihe gegen die gcoffenbarte Religion geschlosien. Und endlich: er war ein Charakter von antiker Größe und Schlichtheit: frei von jeder Eitelkeit und Rechthaberei. Der Wahr- heit hatte er seine Lausbahn als Universitätslehrer geopfert, der Wahrheit diente er bis zum letzten Atemzugs. Deutschland hat nur wenige seinesgleichen! Karl Quenzci. Das tzeimatlieö. Von Erna Büsing. Der Machthunger und die Launen einiger Gewaltiger warfen Tausende und aber Taufende auf die Schlachtfelder— auch die vier. Wie bei allen anderen waren auch ihre Willen am Gängelband, und sie taten, was man ihnen für Pßicht ausgab. Sie gehorchten jedem Befehl, wehrten sich, stünnten oder krochen Schleichpatrouille, wie es gerade kam. Sie hungerten und froren, suchten sich die Läuse ab und tranken auf obrigkeitlichen Wunsch ermutigenden Schnaps. Ihrem Seelenleben sang die Not des Tages das Schiummerlied. Schließlich wurden sie gefangen. Sie dösten hinter Stacheldraht und versuchten kaum, ihr Denk- vermögen zu ordnen. Nichtigkeiten in der Hand von einigen Großen, Schicksale, die man nach Belieben hin und her beordert. Doch auch in ihnen schrie es einmal nach Selbstbestimmung, da trugen sie schwer an dem Ballast ihrer verlorenen Jahre. Ein Aufruhr brach im Lager aus, man lärmte, plünderte Lebensmittellagsr, schlug Wärter tot und gewann die Freiheit. Viele entkamen, die vier fing man ein. Verflackernde Wut, die sich noch einmal austoben mußte, biß sich in ihnen fest. Man schickte sie weit weg, damit sie als Sträflinge in Steinbrüchen arbeiteten. Sie schlössen sich eng aneinander— die vier. Bald hatten sie sich nichts mehr zu erzählen. Sie blieben stumm in Geröll und Schutt und dem zerfressenden Staub. Doch wußten sie, zwei von ihnen waren Heimwehkranke, und zweien von ihnen brannte das Fernweh in den Augen. Brach nach siedendem Tropentag, ohne durch den Vorboten Dämmerung angekündigt, die Nacht herein, dann sang einer der Heimwehkranken ein Hcimatlied. Das war die Zeit, wo sie träumten, die vier. Die Heimwehkranken sahen ihr Dorf. Sie kannten jeden Baum, ganz gleich ob er an der Straße oder im Garten stand, jeden Einwohner am Schritt und jeden Hund am Gebell. Mochten sie auch zwischen Steinen im ewigen Sonnenbrand leben, sie wußten, welche Blumen daheim blühten, ob über- ! schwemmte Wiesen dem Frühling entgegenharrten oder der Herbst- wind rauh über Stoppeln ging. Das Heimweh nahm von ihrer Seele ganz und gar Besitz und es begleitete sie tief hinein in ihren Schlaf. Manchmal lächelten sie leise im Traum, weil der Mond- schein, abprallend von der Steinwüste, grell ins Fenster der Baracke sah: sie aber wähnten, er liebkose daheim bleiche Rosenbcete. Auch in den Fernwchkranken regte sich die Wanderlust, doch sie wies ihnen kein Ziel. Sie hatten nicht einmal eine Vergangenheit, der sie nachtrauern konnten. Arm waren sie gewesen und gehetzt. Stets unterernährt, die Augen schwer und müde, ein Frieren im Körper, und ihre Lebenslust vegetierte am Nullpunkt. Sie waren die Leibeigenen des Fabrikherrn, denn der konnte mit ihrer Existenz Fangball spielen. In der stickigen Lust des kleinen Städtchens mit seiner satten Vürgermoral war der Begriff„Achtung vor der Arbeit" nach nicht geprägt worden. Unruhigen Geistern kam man mit der Belohnungsmoral des Christentums, die viel köstliche Dinge vom Jenseits aufzählte. Darum hatten sie kein Heimweh. Heimatgefühl haben, heißt zugleich Glauben an sich selbst haben, und sie hatten nichts, woraus sie ihn saugen konnten, diesen Glauben an sich selbst. Doch einmal in einer großen Stadt hatten sie Freiheitslieder gehört. Denen galt ihr Erinnern und ihr Fernweh. Sie wußten im sichern Empfinden, dort draußen wird irgendwo das Fundament gebaut, auf denr eine lichte Zukunft ruhen soll. Da kam ein Tag, brennender als alle andern und die Wärter brutaler als sonst. Auch sie wurden ausgedörrt von der Hitze, und t'-men blieb keine andere Crquickung als der Rausch an den eigenen Macbtbefugnissen. Plötzlich kam es über einen der Heimwehkranken. Cr warf das Arbeitsgerät über die Schulter und faßte den erstaunlichen Eni- schluß, das Heimatlied in den hellen Mittag hineinzusingen. Zorn- bebend gebot der Wärter Schweigen. Doch der Heimwehkranke sang desto lauter. Aus der Nebenabteilung drang gedämpftes Geschrei, denn der dort tätige Wärter schlug mit der Knute drein, um seelischen Wirkungen zu begegnen und den Sträflingen ein für allemal das Aufhorchen abzugewöhnen. Der Wärter stieß dem Sänger den Gewehrkolben in den Rücken. Der Gestoßene taumelte ein paar Schritte vorwärts, das war Grund gcnua, um anzulegen und den Sträfling auf der Flucht zu erschießen. Die drei gruben das Grab. Sie schaufelten tief, weil sie an die Raubtiere der Nacht dachten. Kein Wort wurde laut. Ten Heim- wchkranken erfaßten alle Schauer des Heimwehs, die Fernweh- kranken dachten an den Trotz der Freiheitslieder. Sie legten die Leiche in die Grube, kein Gebet wurde gesprochen, — doch drei Menschen sangen das Heimatlied. Kennst öu öie Net? Kennst du die ttol?— So hat man mich gefragk, And lachend habe ich daraus gesagi: Wie oft schon mußt ich b?>leln mir das Brot... Ich kenn' die Not! ?!och eins größ're Not. rührt sie dein Herz? Des Belkes tiefe Schmach, der Blenschhcit Schmerz!... Wie SchwerterrHrren hat mein Wort gedroht: Ich kenn' die Not! Jedoch die schlimmste Not kennst du wohl nicht?— Da stürzten Tränen mir vom Angesicht: Der Zweifel ist's, der ärger als der Tod.... Ich kenn' die Not! Robert C. Gast. Die Sache mit Lcmörats. Bon Josef Maria Frank. Hauptpersonen: „E x", Llnidrat o. fe., Ehrkr.mitqlied hts H?V.(5«ifrn!rci!gcr de» Wegen»). „5 i c", geborene„von" an» dein„Meinen Uoiserreich" Potsdam. D c r M a n n inderblauen Jacke, solide Erscteirning, treudiedere: Snp. Sie geht sticht und geht nicht: sie streikt: nämlich seine Tür. klingcl. Er bestürmt deswegen den Portier, der zuckt die Achseln. Er schreibt deswegen dem Hauswirt eingeschriebene Brief«: der ist dickfellig. Sie hat deswegen ihre Zustände: ihre Friseuse konnte nicht binein. Da trommelt es an die Tür. Er öffnet: vor ihm steht der Mann in der blauen Jacke... Er lLandratston): Was woll'n Sie hier? Betteln verboten! Schild nicht gesehn...?!? Der Mann in der blauen Jacke(kommt nicht aus der Ruhe): Ick wollte nur noch de Klingel sehn. Soll kaputt sind. Komme von— Gr:-'merklich freundlich) vom Hauswirt?! Sieh'mal an! Endlich! Aha, erst wenn man mit dem Mierseinigungsaint droht, läßt der Herr sich herab! S i c(hinter ihm): Sind— das— Zeiten! Tz-tz-tz! Unter Wilhelm hätte ein Hauswirt sich das nicht erlauben dürfcnl Aber — diese Republik. E r(drückt st« rückwärts): Liebste Celly! Sei doch...! Der Klingclmann... l Der Mann in der blauen Jacke(gemütlich): Na, Madamekcn, unte: Willem, da jab et aber ooch keen Mieteinigungs- amt! Er(zeigt dem Mann den Klingelkasten und zieht sich ins Zimmer): Liebste Celly, du weißt doch! Diese Leute sind alle rot. Sei doch diplomatisch! Nur nicht reizen, wenn man sie brauchtl Er(bestürzt): Himmel, mein Hakenkreuz! Hoffentlich hat er's nicht gesehn.(Er steckt es unter die Weste: dann nimmt er aus einer Kiste eine Zigarre. So— damit werde ich den Mann schon warm machen!— Ab!) Der M a il n in der blauen Jack«: Allerhand Arbeet. Der janze Kasten vcrdrecktl Js lange nischt mehr jemacht war» den...? l Er(vertraulich): Tja— tja! Sehr richtig! Zustände! Wissen Sie, lieber Freund, diese Hauswirte... I Die Leute lassen nichts machen! Der Mann in der blauen Jacke: Sind Se selber schuld! Sie müssen die Leute eben zwingen! E r: Tja, aber wie? Wie, wie? DerMann in der blaueiJacke: Wie...? Ecnfachl Da müssen Se eben Stank machen! Stank, vastehn Se? Bei uns in de Partei— wir kriejen die Briedcr schon uff die Beenel Jawollja! E r(diplomatisch): Sie... e stehn wohl links? Sozialdcmo- krat...? Der Mann in der blauen Jacke: Sozi...? Nee! War'mal! Ick bin Kommunistel Det eenzige Richtige bei die Zeiten! Alle fcr alles und alles for alle, muß det jetzt Heeßen. Sonst moch'n Iva nich mehr mit! Gr: Ich denke ja gerade so wie Siel Nur... Sie verstehen: Ich bin Beomter... und meine Frau... alter Adelt Der Mann in der blauen Jacke: Det ha'ck schon jemerkt: Ihre Olle...1 No, Schwamm drieberl Den Dreck soll der Deibel holn! K'mecne die Klingel. E r(ängstlich): Aber— Sie werden doch heute noch— Der Mann in der blauen Jacke: Ick wer' schon! Se müssen nur aus'm Licht— C-: s Er(springt beiseite): Darf ich Ihnen vielleicht eine Zigarre anbieten: dann geht es besser... und ich werde Sie nicht weiter stören. Nur eins noch: Sie'e verlangen doch... die'e... äh' Enteignung des Privateigentums, nicht wahr...? Der Mann in der blauen Jacke(hämmert wie bei sessen): Tjawoll! Eijentum is Diebstaht vastehn' Sei E r(verschwindet): Sehr interessant, tja!(Im Zimmer zu ihr): So! Den Mann habe ich eingeseift! Der macht die Klingel wieder! Nur Diplomatiel * Nach einer halben Stunde steckt er seine Nase wieder in den Korridor: der Mann in der blauen Jacke ist verschwunden. Statt dessen liegt aus dem Boden neben dem Klingelkasten«in Zettel: „Sehr jeehrter oller Dussel! Det stimmt schon. Eijentum is Dieb- stahl! Und umjekehrt is ooch richtig! Solange sie mir nich kriejen! Und kriejen kriejen sie mir nicht Uff Wiederschn! Ihr Klingel. fohrer." Er ist starr: dann ruft er sie. Er reicht ihr den Zettel, aurgelt und starrt sie sprachlos an. Da stürzt sie in die Garderobe: ihr Sealmantel ist verschwunden, ihr Seidermanlel auch, ihre Leder- jackz ebenso. Sie slürzi ins Eßzimmer: ihr massiosilberncs Tafel- besteck ist fort! Sie stürzt ins Schlafzimmer: ihre Perlen und Brillanten sind futsch! Sie verdreht die Pupillen, nennt ihren Friedrich Wilhelm ein Kamel und fällt in Ohnmacht. Das Kamel leert die Wnsierkaraffe über ihr und rennt ans Telephon. Er tippt auf die Gabel:„Hallooo!": er schlägt Trammelfcuer:„Halllloooo!": er lanzt auf der Stelle wie in Schimpanse, der Hämorrhoiden hat. Nach fünf Minuten meldet sich das Fräulein:„Biet— täll?I" E r:„Fürchterliche Mißwirtschaft! Warte schon eine halbe Stunde!" S i e: So...? Ach...! Welche Nummer?" E r: ..Werde mich besch.verenl 23 371" Im Apparat:„Nrrrrrr— sssssss— tä— fit— tii." E r; Hallal Herr Schulze? Hausbesitzer Schulze? I m Apparat:„Also— ich würde die Mark absetzen und Dollars kaufen..." Er:„Gehn Sie aus der Leitung!" Im Apparat:„5)ikr is Schulze!" Er: 5)ier Landrat Zelt! Sie haben mir da einen Mann geschickt, die Klingel reparieren. Dieses Subjekt lxit mich bkstohlen Hören Sie?"' Schulze:„Nanu? Ich Hab keenen g'eschicktl Sie wollten doch vor? Mietcinigungsamt?" E r:„Aber der Mann kam doch von Ihnen!" Im Apparat: „Also sie stinken tatsächlich!" Er:„Was...? Ich stinke?!? Uli- cchörtl" I ni Apparat:„Sie nicht! Aber Ihre Speckseiten. Die müssen Sie zurücknehmen. Er:„Aus der Leitung!" Im Apparat:„Zlljo Frednl In der Lunadielc um Fünf! Sei lieb, mein Schnuckel!" E r: Aus der Leitung, perverses Frauenzimmerl Im Apparat:„Wanns?!? Pervers?!? Selber pervers! Idiotl„ Er fällt in Ohnmacht. Sie hat inzwischen den Portier geholt. S i e(erledigt): So— wasl Das wäre unter Wilhelm nicht passiert! Er lwie ein Truthahn): Ja, Ihre Republik! Da ist die schul!» daran! Ihre— Der Portier(gemütlich): Erlcoben Sie, Herr Landrat, wat hat nu die Republik mit Ihrem Klingelfahrer zu tun, un denn, wat kann icke schon for die Republike, un denn, warum Hain S i e denn keene bessere jemachtl Sic sind doch Landrat! Un wat ihre jeklauten Sachen angeht, da müssen Sie schon zur Kriminal! Mir jeht det jar nischt an!" Wissen und Schauen Wenn die Heide blüht. August und September sind die Zeit, I in der die norddeutsche Heide in voller Blüte steht. Die weiten � Flächen im Oldenburgischen und im hannoverschen sind in diesen! Wochen bis in den Oktober hinein ein einziges, endloses, rötlich- lilafarbenes Blütenmeer. Zwar lagern an den Vormittagen recht häufig graue Nebelschwaden über diesen Gegenden, doch wenn die Sonnenstrahlen den feuchten undurchsichtigen hauch vertrieben haben, dann leuchtet die stille Pracht der Erika um so schöner. Ein einziger Zaubergartcn, rosenfarbig hingebrcitct und umsummt von Bienen, Märken und Käsern. Eine Weide für die Millionen und Milliarden der Goetheschen Brüder aus dem stillen Busch, der kleinen, fleißigen, gelben Honigsammlerinnen aus den verschiedenen Gehäusen der' an den heiderändcrn wohnenden Imker Die niedersächsische Heide ist eine einzige Idylle. Kilometer an Kilometer kann man reihen, ohne Mensch und Baum zu begegnen. Stil! und abgeschieden, wie sie Lilicncron und Storm besungen, weitet sie sich, Stimmungen und Empfindungen wachrufend, wie sie der Natursinn eines Löns miedergegeben, wie sie die Worpsweder j Maler mfl Stift und Pinsel festgehalten haben. Nur hier und dort s steht verlassen ein von den Winterwinden verbogener Baum, eine Strauchgruppe, die die Eintönigkeit der Landschaft durchbricht, und noch viel seltener eine heidebauernkate mit einem Strohdach, so niedrig, daß man es fast von der Erde aus besteigen kann. Die eigenartige Zauberschönheit der Heide berührt den Nord- deutschen besonders wohltuend. Sind doch gerade in den Küsten- bezirken, in den Marschgegenden die Herbstfärbungen lange nicht so interessant und bunt wie drinnen im Binnenland. Noch che das Blatt am Baume vergibt ist, fegt es der Sturmwind mitleidslos vom Stamm: Laub, das mit seinem rötlichen, braunen oder gelben Schein das binnenländische Gehölz wochenlang schmückt, mußt hier allzu früh vom Zweig. Der feuchte Nebel und der scharfe Küsten- wind, sie sind keine Freunde der bunten 5)crbstlaubstimmu!lgen. Um so mehr weidet sich das Auge an dem alten, jährlich zur herbst- zeit wiederkehrenden Reiz der Heide. Freilich auch der Heide bleibt das Sterben nicht erspart. Nicht nur den regelmäßigen Wintertod muß sie erleiden. Dauernde Ber- änderungen schafft auch hier die Not unseres Bolkes. Bezirke, die jahrhunderte- und jahrtausendelang einen Dornröschenschlaf träum- ten, und deren ganze Aufgabe es war, die Honigbiene zu locken, hier und dort eine Viehweide in Nahrung zu setzen und im übrigen das schönheitsuchende Auge des Städters zu erfreuen, bergen ja vielfach reiche Torfschätze und unter ihnen leicht fruchtbar zu machen- des Ackerland. Was wunder, wenn da hacke und Spaten, Pflug und Egge ihres Amtes walten: wenn Millionen und aber Millionen Zentner Torf aus den weiten Moorflächen geholt werden, und wenn dort, wohin noch vor wenigen Jahren kein Klang der aufgeregten Gegenwart drang, in diesen Erntewochen schon weite Zlehrenselder von neuer Kultur Zeugnis gaben. lind so wird es weiter gehen. Die drängenden Lebensnöte ver- scheuchen die alten Idyllen, und in nicht zu ferner Zukunft wird nur da, wo der Staat ein privilegiertes Naturschutzgebiet geschaffen hat und so ein vorläufiges ehernes Vetorecht einlegt, noch alter, stiller, rötlich leuchtender' Erikablütenzauber junge und alte Heide- schwärmer grüßen Der Gorilla unterscheidet sich vom Schimpansen in seiner Lebens- weife dadurch, daß er im Bewußtsein seiner Kraft sich mehr auf der Erde bewegt, während der Schimpanse lieber auf Bäume flüchtet und von einem Baume auf den anderen springt, um dem Menschen zu entgehen. Es gelang aber, junge Gorillas einzusaugen und durch Negerinnen aufziehen zu lassen, so daß man ihr Aufwachsen gut beobachten konnte. Im allgemeinen sind diese Affen, auch der mächtige Gorilla, dem Menschen nicht sehr gefährlich. Sie leben als Vegetarier, in Horden, die ihren Ort ständig wechseln. Unter den Gorillas gibt es allerdings alte Männchen, die von den übrigen abgesondert leben und sich als wahre Wegelagerer herumtreiben. Diese greifen gern menschliche Wanderer an, und der waffenlose Neger ist in solchem Falle meist rettungslos verloren. Was den Gorilla zu Angriffen auf den Menschen treibt, ist nicht Nahrungs. sorge, denn er lebt rein vegetarisch. Die Triebfeder ist reine Bos. heit, und auch hierin zeigt sich die menschliche Verwandtlchaft WsP7q!!i�i]fB] HZmmeiskunSe Naturwissenschaft Wie alt wird die Kleidermotte? Unsere Sfenntnis von der Kleidermotte, jenes bekannten Schädlings unserer Kleider und Möbel, ist in jüngster Zeit durch eingehende Untersuchungen sehr gefördert worden, die Dr. T i t s ch a ck im Zoologischen Laboratorium der Farbenfabriken vorm. Friedrich Bayer u. Eis., Leverkusen bei Köln am Rhein, hat durchführen können. Interessant sind Titschacks An- gaben über die Lebensdauer der Motten, die er in seinen„Beiträgen zu einer Monographie der Kleidermotte"(Verlag Gebr. Bornträger, Berlin) macht. 71 zur Beobachtung gelangte Männchen lebten bei einer Zimmertemperatur von 20— 25 Grad Celsius durchschnittlich 28,3 Tage, 53 Weibchen dagegen lebten unter den gleichen Be- dingungen nur 16 Tage, hielt Titschack die Ti-ws aber kälter, so z. B. im Winter in einem nur ein paar Stunden täglich geheizten Zimmer, so konnte er dadurch das Leben nicht unbeträchtlich, bis auf die doppelte Zahl von Tagen, verlängern. Da die Lebensdauer davon allein abhangt, wie schnell die Reservcstoffe im Körper der Falter ausgezehrt werden— die Kleidermotte selbst nimmt ja keine Nahrung zu sich— und die Schnelligkeit des Verbrauchs an Reserve- stoffen durch die Temperatur bedingt wird, ist der hohe Einfluß, den die Temperatur auf die Lebensdauer der Kleidermotte nimmt, leicht einzusehen. Die Menschenaffen. Je mehr man sich mit den höchsteniwickel- ten Affcnformen beschäftigt, desto deutlicher tritt ihre Aehulichkeit mit dem Menschen zutage. Professor Reichenow in Hamburg, der lange in Kamerun gelebt hat, konnte dort mehrfach die Entwicklung junger Gorillas und tochimpansen verfolgen. Diese Affen sind bei der Geburt von hellbrauner Farbe und werden erst nach und nach schwarz, wie ja auch die Negerkinder fast weiß zur Welt kommen und erst allmählich nachdunkeln. Das Fleisch der Gorillas und Schimpansen soll nach Angabe erfahrener Menschenfresser aus jenen Gegenden von Mcnlchenfleisch nicht zu unterscheiden sein und wird deshalb gebührend geschätzt. Freilich ist die Jagd auf den Gorilla eine gefährliche Sache und nur mit einer guten Flinte auszuführen. Eine kleine astronomische Rechnung mit großen Zahlen. Unter diesen! Titel macht der Züricher Pros. Brunner in der Zeitschrift „Natur und Technik" einige interessante Angaben über die Vcwc- gung unseres Sonnensystems im Kosmos. Der Mond kreist um die Erde, dos Erd-Mond-Systcm und auch alle anderen Planeten mit ihren Monden fahren um die Sonne. Aber auch die Sonne ruht nicht im All. Sie führt ihre große Planctenfamilie auf noch unerforschten Wegen in immer neue Himmeisräume. Durch sorg- fältige Bergleichungen der Lage der Sterne am Himmel, wie wir sie jetzt messen und wie sie in den Sternkatalogen von 50, 100 und 200 Jahren angegeben sind, hat man bis jetzt die Tatsacke dieser Bewegung des ganzen Sonnensystems, ihre augenbliche Richtung und erste angenäherte Werte für ihre Geschwindigkeit ermitteln können. Bemerkenswert ist, daß uns diese Bewegung in den rund 2000 Jahren, seit denen die Menschen auf der Erde die Erscheinun» gen sorgfältiger beobachten, noch nicht so weit geführt hat, daß der Ausblick von der Erde in die Himmelsräume ein wesentlich anderer geworden wäre. Nur durch sorgfältige Messungen und Unter- suchungen hat man klein« perspektivische Verschiebungen von Fix- slernen nachweisen können, aus denen man dann eben die Bcwe- gung der Erde mit dem ganzen Sonnensystem erschließt. Für den gewöhnlichen Menschen ist trotz der langen weiten Fahrt der Ans- blick in die große Welt der gleiche. Das verstehen wir, wenn wir ausrechnen, wie weit uns die Erde auf ihrer Fahrt mit der Sonne in 2000 Jahren geführt hat und dann diese Zahl mit der Entfernung der Fixsterne vergleichen. Die Astronomen geben 20 Kilometer an für den Weg des Sonnensystems in der Sekunde. Das macht in 200 Jahren 1,26 Billionen Kilometer. Das Licht, das in der Sekunde 300 000 Kilo- meter zurücklegt, braucht für diesen Weg der Sonne in 2000 Jahren 49 Tage. Vom allernächsten Fixstern zu uns braucht das Licht 4 Jahre und von den vielen kleinen Sternen der Milchstraße wahrscheinlich 10 000 bis 20 000 Jahre. In der Zeit von 2000 Jahren hat uns unser Sonnensystem trotz seiner großen Geschwindigkeit nur soviel weitergeführt im Himmels- räum, daß wir dem nächsten Fixstern, der Nächbarsonne, nur um ein Dreißigstel ihrer Entfernung von uns näher oder ferner gerückt sind. Vom Halbmesser des großen Milchstrnßen-Slernsystcnis be- trögt dieser Weg des Sonnen-Erdsystems vielleicht kaum den hunderr. tausendsten Teil. Dieser Weg ist so klein im Verhältnis zu den Ausmaßen des großen Sternsystems, von dem die Sonne ein kleines Glied ist, das es wohl noch lange Zeit dauern wird, bis die Astro- nomen ber Erde die Bewegungsgesctze des Sonnensystems heraus- gefunden haben werden. sD>�«misaK=i- weit sind, werden wohl noch viele Jabre vergehen. Aber die be- stehenden Verfahren lassen jetzt schon Verbesserungen zu. Bei der Koterei gewinnen wir aus dem Gas das Benzol, die Solventnaphtha, das Amnioniak für die Landwirtschaft usw. Dagegen jagen wir mit dem Verbrennen des Kokereigases jährlich etwa 30 000 Tonnen Schwefel in die Luft(das sind etwa 40 vollbeladene Güterzüge!), die niemandem nützen, vielmehr schädlich auf die Pflanzenwelt wir- ?«n. Wohl aber könnte man mit diesen Mengen 100 000 Tonnen Schwefelsäure erzeugen. In ähnlicher Weise verhält es sich mit dem Zyan und dem Aethylen: aus letzterem könnte nach bekannten Methoden Spiritus gewonnen werden.