Nummer 49 iinterhaltungsbeilatze öes Torwarts 2S. dezember 1922 Der �uüenjunge�. Von Paul Georg Münch. Mit Jungen und Mädels aller Klassen und niügllchst vieler Nationen hol der Berfasser diesen Sommer»inen Monat aus der erweisen, das wir Münchs Bericht: ,,Mit Jungvolk aller Länder aus Sylt" tDllrrsch« Buchhandlung, Leipzig) entnehmen. Die Wort« über Duldsamkeit, di« ich bei unserer Rathenau« Feier gesprochen hatte, waren zum guten Teile längst oerpufft. Ein Narr aus der Kaiserzeit wäre es, der nicht einsähe: Das ist das wohlverdiente Schicksal oller Festreden! Etliche meiner Jungen sprachen wieder über unseren Saul in der üblichen schnoddrigen Weis« und hängten ihm alberne Namen an. Eines Tages fand ich ihn niedergeschlagen, weinerlich. Er schüttete mir sein cherz aus: wieder hatte ihm einer mit dumm» dreister Rede wehgetan. Ich sprach mit meinen Hamburgern über Saul. Alfred Iehm« lich, dieser bedachtsame Junge von vierzehn Jahren, sagte, ich solle um Saul ohne Sorge sein, er hätte schon selbst mit seinen Ham- burgcr Kameraden darüber nachgedacht, was zu tun sei. Sie wollten nächstens ein« kleine Feier veranstatten und auf die Gesinnung der Kameraden einzuwirken suchen. Sie hätten nur dos Programm noch nicht fertig. *** Ein paar Tage später. Acht Uhr abends. Hamburger Mädels stehen am Gonghäuschen und alarmieren das Lager. Was gibt's? Einen Sonnenuntergang gibt's zu sehenl Den ersten nach Regen- tagen. Wir stampfen durch den Sand die Düne hinauf, die unser Lager gegen den Weststurm schützt, und schauen: Roch blendet der Sonnen- ball das Auge. Langsam gleitet er ins Meer. Das ist, soweit das Luge reicht, von Gold überflutet. Dann verglimmt die grelle Lohe. Purpurne Tinten färben das Meer. Korallenrot wird allgemach zu Dernsteingelb. Jetzt liegt das Meer wie ein Aehrenfeld, und der Wind streicht darüber hin. Langsam und feierlich zieht der Licht- schweif der Sonne nach. Die letzten Lichttanken verzehren sich traumflüchtig wie Feuerwerk. Run glüht am Erdensaum nur noch ein schmaler Streifen. Es steht aus, als sei ein Bronzereif um das Meer gelegt. Dann ver- glimmen alle Lichtscheine an der Horizontlinie, der letzte Glanz rieselt der Sonne nach ins Abgründige. Und wie wir uns nach Osten umschauen, stehen wir im Bann« eines neuen Forbenwunders. Ueber dem Wattenmeer ziehen dicke Bäusche von Wolken. Die holten noch den Glanz der Sonne fest und geben dem Watt von ihrem Farbcnschatz, sie färben es bluttot, derweilen Im Westen das Meer stahlgrün wogt. Jede Minute wird man von neuen großen Eindrücken gepackt! Jetzt hält Alfred Jehmlich die rechte Stunde für gekommen. Er bittet, daß wir uns an den Hängen eines Dünentessels lagern. Er hat ein Mädel mitgebracht, eine junge Künstlerin von siebzehn Jahren, die soll aus ihrer Geige spielen. Das Mädel ist von ihrer schwä- bischen Heimat durch Thüringen und durch Lönsland gepilgert und als einsam ttollender Wandervogel nach Sylt gekommen. Ein un- scheinbares Mädel ist's, tiefgebräunt, von dürftigem, wildgewach- senem Haar. Barfuß, in schlichtestem grauen Wandertleid steht sie in unserem Kreise und spielt ergreifend eine Sarabande von Händel. Jeder Bogensttich verrät ein ernstes, tiefbeseeltce Menschenkind. Das Bild wird uns bleiben: Wie der Sturm an ihrem Kleid riß, ihr Haar zauste, wie der rinnende Sand ihre nackten Füße ein- grub. Wtt vergaßen Sturm und Kälte, ließen uns von der Geige den Sinn des Dasems deuten und unsere Gedanken auf letzte Dinge richten. Di« Geige in der Hand einer Künstlerin redete in allen Sprachen, diese Geige redete in allen Sprachen meiner ausländischen Jungen und Mädchen. Sie redete jedem Ins Herz hinein: Sei duldsam... Als das Mädel ihr Spiel beendet hatte, ttat Alfred Jehmlich wieder in den Kreis. „Jungen? und Deernsl Jetzt hört mal taul Jetzt könnte uns Saul Smolinfty vertelln, wie bat to Hus bi em utsehn deitl Er könnte uns etwas aus seinem Leben erzählen!" Alfred tat, als käme ihm dieser Einfall ganz von ungefähr, Sauls Erzählung Aus meinem Leben sollte aber ein klug berech. neter Programmpunkt dieser Abendscier sein. Saul erzählte in russischer Sprache, und Ewgenij übersetzte: Er hatte bei einem polnischen Boltsschullehrer deutscher Ratio- nalität Deutschunterricht gehabt. Bor zwei Jahren hatte die pol- nische Regierung von diesem Lehrer einen neuen Diensteid ge- fordert. Weil dieser Eid mit der Anerkennung politischer Thesen verquickt war, hatte der Lehrer den Eid verweigert. Er war seines Amtes entsetzt worden Saul war nun aus eine höhere Schule ge- kommen, wo bisher Deutschunterricht zu den Pflichtfächern gehörte. Obwohl die Entente der polnischen Regierung aufgegeben hatte, die Kultur der Minderheit zu schützen, wurde dieser Schul« plötzlich di« staatliche Unterstützung entzogen. Saul mußte aus Fortbildung im Deutschen verzichten und sich dem Russischen zuwenden. Er ließ darlegen, wie gern er mit Hilfe der deutschen Sprache sich auch die deutschen Kulturgüter erobert hätte! Wenn er richtig deutsch reden könnte, wäre er heute sicher ein ganz anderer. Di« Kameraden könnten sich kaum eine Vorstellung machen, wie weh es täte, wenn man auf einem geistigen Gebiete, noch dem einem der Sinn steht, hungern müsse! Saul war mit einem Male in ein anderes Licht gerückt. In der Stille, di« diesen Worten folgte, fiel wohl in manches Herz ein ernstes Samenkorn der Duldsamkeit... Jetzt geschah etwas, das Alfred Jehmlich nicht in seinem Pro- gramm vorgesehen hatte. Unsere Muriei, di« den Sinn der Feier sofort begriffen hatte, ttat in den Kreis. „Ich uill nur vier Uörter sagen. Meine Mutter liest gern deutsche Dichter. Die vier Uörter hat sie bei eurem Gerhart Haupt- mann gefunden: Uas ttennt, ist Irrtum! AU right!" Das waren vier Pfelle mit Widerhaken. Di« saßen in den Herzen fest. Dem nächsten Programmpunkt ging ein Scharmützel zwischen Saul und seinem Dolmetscher voraus. Alfred Jehmlich hatte Ew- genij dazu bewogen, Sauls Tagebuch an sich zu nehmen und un» daraus vorzulesen— der Zweck sollte hier einmal das Mittel hei. ligen. Saul wollke das nicht dulden, es gab ein russisches Wort- geplänkel. Ewgenij schien aber Saul überzeugt zu haben, daß e» sich nur um sein Bestes handle, und er schwieg. Ewgenij übersetzte:* „Kann Ich denn etwas dafür, daß ich bin Jude...?„Beim Gott meiner Bäter: werde ich sein ein minderwertiger Mensch...?" Er las eine Reihe solcher Randbemerkungen vor, und sie verfehlten wohl nicht ihre Wirkung., Aus Alfted Iehmlichs feierlicher Art war zu schließen, daß jetzt die wichtigste Nummer des Programms folgen sollte. „Iungens und Deernsl Nu wöllt wi uns noch vertelln loten, wohin der Haß de Minschen bring'n deitl" Und jetzt schilderte Rikohos Judenpogrome und die Greuel der armenischen Massenmorde! Wenn irgend etwas über Haß und Duldsamkeit kann nachdenken lehren, dann waren es die Bilder un- seres Armeniers von den �Massenobschlachtungen unter Abdul Ha- mid, der aus Armeniens Erbfeinden, den Kurden, Hamidjehregt- menter bildete und sie wie Hyänenrudel auf die Armenier losließ! — Das war ja auch der Grund, weshalb ich mich gerade um einen jungen Armenier bemüht hatte: er sollte uns bei Gelegenheit zeigen, daß blinder Haß in seiner letzten Auswirkung zu grauenhafter Metze- lei führen muß. Es war Abend geworden. Auf der Himmelswiefe blühten die ersten' Sternblumen auf. Der Hörnumer Leuchtturm warf seine grellen BlinMchter ins Meilenrund. Möwen flogen zu Nest und schrien mit fragender Betonung. Walter Linde stimmte unser Leiblied an:«Es dunkelt schon in der Heide, nach Hause laßt uns gehn..." Ich hatte oermutet, die Jungen und Mädel würden Saul durch Handschlag ein Gelübde geben. Sie taten es nicht. Der Hamburger neuen Jugend ist alle schöne Geste vor Zuschauern zuwider. Aber die Bürschlein, die unseren Saul immerzu mit ihrem Spott verfolgt hatten, gingen auf dem Heimweg hinter Saul her wie Besiegte. Wir schlössen uns immer mehr zu einer Sinnesgemeinschaft zu- sammen, und nie wieder siel ein dummes, schnoddriges Schmähwort. Als der„Judenjunge" voo dazumal aus familiären Gründen vor» zeitig aus unserer Runde scheiden mußte und alle meine Jungen und Mädels ihm gute Wünsche mit auf die Fahrt in die Heimat und' auf die Reise durchs Leben gaben, buchte ich den ersten, de- scheidenm Erfolg meines Unternehmens. Sarajevo. Bon HermannWendel. Sarajevo ist der Untergang des Morgenlandes. Im Treppen- flur des Landesmuseums hängt eine große Photographie von 1878, Jahr des Einriickcns der Oesterreicher. Bosna-Saraj, wie es damals nicht nur im Munde der Moslems hieß, war eine große Stadt mit ansehnlichen Gebäuden, Kasernen und Kanals, aber rein türkisch, in den tiefsten Orient gebettet. Reisende aus unseren Breitegradcn wagten sich nach Sarajevo wie nach Smyrna, Damaskus oder Eski- Echehir. Europa dämmerte irgendwo weit drüben gen Sonnen- Untergang. Den Franken, den Oesterreichern lag vielleicht gar nichts daran, das Morgenland zurückzudrängen. Sie stützten sich ja, weil es so am kommodesten war, auf die islamische Herrenschicht der Begs, hätschelten die Moslems auf Schritt und Tritt, bauten ihnen hier eine Moschee und dort eine Moschee, und das neue pompöse Rathaus von Sarajevo gehört mit seinem strengen maurischen Stil innen und außen geradewegs nach Marokko. Aber die westliche Zioili- sation ist fressende Säure: vor Ihr löst sich alles Romantische, Mittel- alterliche und Orientalische In Nichts auf. Heute geht man durch wohlgepflasterte Straßen mit hohen Häusern und geleckten Laden- scheiden und am Kai der Miljatschka mit wuchtigen Amtsgebäuden entlang wie durch Agram oder Laibach, wie durch Wien oder Buda- est. Nur die verhüllten Frauen, wandeln als Gespenster einer oer- nkendcn Zeit über den europäerhafte» Hintergrund dieser Stadt. Und in ein paar enge Gasten der Tscharschija, des auch immer mehr einschrumpfenden Bazars hat sich der Onent geflüchtet. In schmalen Schrägen wachen geruhsam würdige Handelsleute über ihre Warenbestände: Haloa lockt und die anderen unvermeidlichen Süßig- leiten des Morgenlandes-, ein Fesbügler wartet geduldig hinter seinen kupfernen Formen auf zerknautschte Kopsbedeckungen. Zwei, drei Stände nebeneinander bieten Lederwaren feil, grobe Opanken und zierliche für einen feinen Frauenfuß, geschmückte Taschen und Täschchen und Geldbeutel: alte Hadschis, mit eisgrauem Bart, die ungefüge Brille auf der Nase, ein Buch mit krausen Schriftzeichen vor den Augen, weise wie Marabus, nehmen, auf dem Boden ihres Geschäfts sitzend, weltentrückt die Lehren des Koran in sich auf: andere halten ganz einfach ihren Kef, indem sie sich einem zeitlosen Borsichhindöfen überliefern. Hinter einem Giftkrämer, der mit untergeschlagenen Beinen dahockt, baut sich eine ganze Mover grüner und brauner, großer und kleiner ovaler Holzschachteln mit Drogen und Arzneien auf, von der niederen Decke baumelt geheimnisvolles Wurzelzeug und Kräuterwerk, und seitab harrt an den Wänden eines Glosgefäßes »in halbes Dutzend Blutegel der letzten Erfüllung ihres Seins. Ein Kaffeefchank ist nicht umfangreicher als eine größere Seifentiste, ent- hält eine Bank, einen Tisch, ein 5)olzkohlenöfchen. und der helle, schwache, doch schmackhafte Trank, der dir vorgesetzt wird, heißt Adschik. Nirgends schnelle Gebärden und heftiges Atmen, nirgends Betriebsamkeit und Geschäftigkeit, und überall blickt dich Tausend und eine Nacht aus RätDlaugen an. Auch kommt man in den Vorstädten an verschlossenen, abweisen- den Landhäusern mit geschützten Veranden und verborgenen Gärten vorbei und weiß Bescheid. In aller Welt liebt der Moslem bei schwatzendem, Wässerchen, unter sin�nden Vögeln, vor blühenden Blumen und mit Kaffee und Tabak' das beschauliche Auskosten der Tage, die unaufhaltsam, ohne den kleinsten Halt pahinrinnen. * Alle Geräusche des Westens, Auto, Elektrische, Lokomotiven übertönend, ist die Moschee des Gazi Husrefbeg ein heller Ruf zu Allah empor. Ihr Erbauer, gewaltiger Kriegsheld und Oberherr Bosniens in den Tagen Sulejmans des Prächtigen, hat aus den Dukaten reicher Feldzugsbeute Bosna-Saraj mit Bädern, Klöstern, Handels- Häusern, Haus und Herbergen verschwenderisch ausgestattet, aber kein schöneres Denkmal kündet seit vierhundert Iahren seinen Namen als diese Dschamija. Vier Marmorsäulen tragen ihren arkadenähn- lichen Vorbau: da klebt über vergittertem Fenster ein Schwalben- nest, eine Kanzel für den Muezzin, der täglich um die Zetydes Nachmittags- und Abendsgebets den Gläubigen Gottes Won einprägt. Aber erst von weitem gesehen, entfaltet die Begooa Dschamija, Kuppeln und Minarets über elendes Dächerzeug hebend, ihre zvuch- tigen und doch anmutigen Reize: man begreift sie als Wahrzeichen Sarajevos: ja, sie ist, was die Hagia Sophia für Konstantinopel, was der Stephansdom für Wien, was dos Münster für Straßburg bedeutet. Und welch ein Schwärm von geistlichen und weltlichen Bediensteten hängt an ihr, alle aus dem Vatuf, dem Kirchenoermögen, schlecht und recht gespeist! « Alle Moslems, an die sechsmalhunderttaufend in Bosnien und Herzegovina, find nach Stamm und Sprache leibliche Brüder der christlichen Bevölkerung: Kr Serbe ein orthodoxer, der Kroate ein katholischer, der Moslem ein islamischer Südsiawe, alle drei ein Volk, ciye untrennbare Gemeinschaft. Nur Glaube und historische Tra- dition errichten Scheidewände: Hie Bnzanzl Hie RomI Hie Mekka! Hinter dem religiösen Gegensatz zwischen Moslems und Christen springt auch ein sozialer Widerstreit aus. Die Grundherren, die Begs und Agas, glauben an den Propheten, die Grundholden, die 5imeten, sind Christi Lehre zugetan. Und wenn die Begs mit Kind und Kegel noch nicht ein Zehntel aller Moslems ausmachen, die Religion bildet eine feste Klammer um alle, denen der Ruf des Muezzin vom Minaret gilt: reiche Herren und arme Teufel, alle sind leicht unter einen Fes zu bringen. Durch die religiöse Hülle ist das nationale Bewußtsein noch nicht durchgebrochen: Glaubensbindung war auch für den mittel- und west- europäischen Menschen des siebzehnten, noch des achtzehnten Jahr- Hunderts stärker als alles andere: erst dann leuchtete auch bei uns nationales Gefühl auf. Frage hier den Moslem in Stadt und Land: Was bist du? Die Antwort zögert nicht: Ich bin Türke! Damit legt er religiöses, nicht nationales Bekenntnis ab: Türkisch, du lieber Himmell versteht außer der Handvoll Geistlicher niemand. Frage weiter: Welche Sprache sprichst du?, und du vernimmst: Bosnanskil Von hundert Moslems wissen auch gerade sechs zu lesen und zu schreiben, aber die islamische Bildungsschicht ist sich über die nationalen Zusammenhänge im klaren. Ihrer viele nennen sich, nach der Zugehörigkeit befragt, Kroaten, andere Serben. Aber ihr« politische Partei heißt nicht Kroatische, nicht Serbische, sondern Süd- slawische Muselmanische Organisation: die Massen der Moslems werden, wenn sie, in eine notwendige Entwicklung hincingerissen, eines Tages doch zum Nalionalgefühl erwachen, ohne serbischen oder kroatischen Umweg sofort zur höheren Einheit beider, zum Süd. slawentum, durchstoßen. SermaiM Wendel« Licde«ehürt feit lano-m den Tltdslawen. Mit Land und Leinen, mit ihrer Spratfie, Literatur und Geschichte innig vertraut, mill er dem Verstehen diese« so oft mißverstandenen Voile« dienen. Dazu sollen auch die beiden Sammlungen seiner sildslawischcn ReiseeindrUite dienen, die er jetzt unter dem Titel„Are uz und Quer durch den slawischen Sild e n" vereint(ssranifurter Societätsdiuckerci, ffranlfurt o. M.) und durch slowenisch« Reisetage erweitert. Wendel« persönlich«, Leben sprühend« Rrt hebt sein Buch weit über die üblichen Reisebeschreibungcn. Cln Psalm öer Arbeit. Ich habe der Menschheit Jahrhunderte hindurch gedient, ich habe Zeitalter hindurch die Bürden der Welt getragen. Ich habe die Erde durchackert und Hab« reicheres Wachstum aus ihr hervorgebracht. Ich habe die Wüste blühen gemacht und die Wildnis zum Garten gewandelt. Ich Hab« das Korn in die Speicher getragen, ich habe di« Frucht eingesammelt. Ich habe die Welt ernährt, ich habe olle Menschen mit Nah. rung versorgt. Ich habe wilde Tiere gezähmt und sie zu Dienern des Men- schen gemacht. Ich habe den Faden zum Stoff gewoben, ich habe die Kleider geschaffen. Ich habe di« Menschen bekleidet. Ich habe Berge abgetragen und den Fels zur menschlichen Wohnung gemacht. Ich habe die Riesen des Forstes umgehauen und Hab« sie dem Menschen Annehmlichkeit schaffen lassen und Schutz. Ich bin in die Eingeweide der Erde hinabgestiegen und Hab« sie gezwungen, ihren Schatz herauszugeben. Ich habe im blendenden Glanz des Schmelzofens mein Wert getan, ung«schreckt vom Gezisch des Dampfes und vom Geklirr des Stahls. Ich habe die Nationen reich gemacht. Ich habe den Wohlstand der Nationen geschaffen. Aber meine Augen sind« dabei blind geworden und mein« Hände sind gebunden worden. Ich sah nicht, daß der Wohlstand, den ich schuf, mein war, noch daß die guten Dinge des Lebens mir gehörten. Aber nun fallen mir die Schuppen von den Augen und ich be» ginne zu sehen. Ich will in meiner Kraft auferstehen. Ich will meine Ketten zerbrechen. Ich will mir nehmen, was mein ist. Ich will von meinem Eigentum Besitz ergreifen. Ich will allen Menschen Wohlergehen und Fülle bringen. Ich will allen Frieden und Freude bringen. Denn Ich bin größer als die Habsucht. Ich bin mächtiger al« Mammon. Ich bin die Arbeit. Unterwegs. Don Max Dort». Unterwegs— Ein Wort: das dem Seßhaften das Herz höher schlagen läßt. Unterwegs— Heißt das nicht Wandern! Reisen! Abwechslung! Erlösung vom täglichen Einerlei! Heißt„Unterwegs" nicht: Herausgerissen sein aus dem Joch der harten Pflichten?! Gewiß! Das läßt sich beim Worte»Unterwegs" erfühlen. Jedoch immer nur vom seßhaften Menschen. Für uns aber: für die weltbereisenden Pflasterer, bedeutet das Wort„Unterwegs" nichts Angenehmes— Unterwegs sein ist für den Pflasterer etwas Unfreundliches. Das„Unterwegs" ist nur dann schön: wenn es turzbegrenzt ist. Dehnt sich das Unterwegs-sein auf viele Wochen, auf Monat« und Halbjahre aus— Dann ist es etwas Unangenehmes, etwas Häßliches, etwas: an das man nicht gerne denkt. Jeder Mensch liebt seine Heimat. Wo ist die Heimat des einzelnen Menschen? Dort— wo die Familie wohnt. Solange wir jung waren, sind wir wohl ganz gerne da draußen w der Welt herumgeflogen. Und wir sind weit über Land gekommen. Vor dem Kriege zog der hessische Pflasterer bis nach Amsterdam, Brüssel und London; bis nach Kopenhagen, Zürich und Wien. Hat man sich aber die Wanderhörner abgestoßen, dann sehnt man sich nach einer eigenen Heimatstätte. Man heiratet, zeugt Kinder— und findet alle seine Interessen im engeren Bezirke der Heimat. Und die Heimat der weltbereisenden Pflasterer ist schön! Wir llebm unser Hessenland. Das Land des schwarzblauen Basaltes. Die Sonne scheint uns daheim schöner zu sein al» fonftoo. Hell singen unsere duftenden Wälder. Unsere Berge haben etwas Weiches und Mildes in ihrer Wesensart. Und die Pfastererdörfer strahlen«in besonderes Geistgepräge. In den Pflastererdörfern weht Aufklärungsluft. Vom Rheinland, von Westfalen und von den deutschen Groß- städten her bringen die Pflasterer die gute Idee allmenschlicher Ge> meinsamkeit mit heim. In den Pflastererdörfern des Hessenlandes ist neben der Schön- heit einer herrlichen Natur auch der gut« Sozialismus daheim. Heimat! Wir lieben dich.— Und du liebst uns, Heimat! Aber die geistesrückständigen Bauern unserer Heimat, die lieben wir nicht— und sie lieben auch uns nicht. Ein schweres Ringen um die Macht. In den Steinbrüchen unseres Hessenlandes steckt größter Reich- wm. Basalt könnte Gold sein— Wenn, ja! wenn die Ausbeutung der Brüche Cemeinwirtschaft wäre. Aber die Steinindustrie liegt in Händen der stachstirnigen Kapi- talisten. Wir Arbeiter, die wir die Fremde bereisen müssen, wir erstreben die Sozialisierung unserer heimatlichen Basaltbrüche. Und wir werden unser Ziel erreichen! Unser Wille ist hart wie der Wille d«s Steines. Haben wir die Profitwirtschaft durch die Bedarfswirtschaft ein- mal abgelöst: dann werden die vielen hundert Pflasterer in ihren hessischen Gebirgsdörfern Heimarbeit finden. Das„Unterwegs-sein" wird für uns nicht mehr drohendes Muß sein. Und in den Großstädten und in den Industriegebieten werden die ortsansässigen jungen Leute wieder den Pflastererberuf erlernen können. Man wird unserer dort dann nicht mehr bedürfen. Heimat! schönes Wort. Heimat! nur der liebt dich wirklich— der den größten Teil de» Lahres notgedrungen auf Reisen sein muß. W«r sein Weib liebt, der möchte es nicht verlassen. Daheim bleibt daheim! die Zarbenlehre von C. v. Heß. Bon Prof. Dr. H. Erhard- Gießen. Die wissenschaftliche Farbenlehre, vom Physiker und Physio- lögen Helmholtz begründet, vom Physiologen Herinö in genialer Weise fortgesetzt, verdankt in d«n letzten beiden Jahr- zehnten eine ungeahnte Erweiterung d«m berühmten Augenarzt E. v. H e ß. Seine ersten Arbeiten beschäftigen sich mit der prak- tischen Medizin des menschlichen Auges, aber schon hier tritt ein Zug, Fragen der Physik und Physiologie neben den klinisch-prakti- schen Gesichtspunkten zu erörtern, zutage. Die Heßschen Arbeiten über den Farbensinn des Menschen und der Tiere gehen dann von der grundlegenden Feststellung Herings aus, daß die Farb«n für den Totalfarbenblinden etwa den gleichen r-lativen Helligkeitswert haben wie für das normale Auge in tiefer Dämmerung, in der die Farben nicht mehr als solche, sondern nur mehr als verschieden abgetönte« Grau gesehen werden. Mit anderen Worten: vom Spektrum Rot, Orange, Gelb, Gelbgrün, Grün, Grünblau, Blau, Violett, erscheint bei Tageslicht zwar am hellsten Gelb, dann folgt Gelbgrün und Orange, Grün, Rot, Blau, Violett; bei tiefster Dämmerung ist dies dagegen ganz anders, hier ist Gclbgrün das hellste Grau, dann folgt Gelb und Grün, dann Grünblau und Blau, dann Orange und endlich Rot. Eine tiefblaue Kornblum« erscheint bei tiefer Dämme- rung zum Beispiel viel heller als leuchtend roter Mohn. Zeichnet man, wie dies Hering getan hat,«ine Kurve, deren Gipfel die größte Helligkeit angibt, so ist dieser Gipfel beim Dämmerungssehen im Gelbgrün; am auffallendsten ist, daß hier Rot fast wie Schwarz erscheint. Ebenso verhalten sich die Helligkeiten der Farben sür den Totalfarbenblinden im normalen Licht. Prof. v. Heß untersuchte nun eine große Menge von Tieren, und fand, daß alle wirbellosen Tiere und die Fische sich Farben gegenüber wie der Totalfarbenblinde verhalten. Für ein Tier, das jeweils die hellste Stelle eines Untersuchungsgefäßes aufsucht, ist Gelb nicht am hellsten, sondern G«lbgrün, Rot ist für dasselbe ganz unverhältnismäßig dunkel, viel dunkler wie Dunkelblau usw. Be- kanntlich verengt sich die Pupille des Menschen um so mehr, j« helleres Licht einfällt. Heß fand nun, daß die Pupille des äußer- lich dem Menschenauge ähnlichen Tintenfischauges sich am meisten im Gelbgrün, am wenigsten im Rot verengt, da die crstere Färb« den größten, die letztere den geringsten Helligkeitswert für da» Tintenfischaug« hat. Ebenso reagiert das Auge des total färben- blinden Menschen. Die Untersuchung des Menschen auf totale oder teilweise Farben- blindheit geschah bei Eisenbahnbeamten bisher so, daß man sie auf- forderte, aus einer großen Anzahl farbiger Wollfäden Rot, Grün usw. auszulesen. Der Lokomotivführer, welcher 1918 das Eisenbahnunglück in Dresden, bei dem 42 Menschen getötet wurden, ver- chuldet hatte, war fünfmal mit dieser Methode von Aerzten al» arbentüchtig bezeichnet word«n. Heß hatte schon vorher einen Apparat gebaut, das„Pupillo- skop", bei dem der Arzt durch ein Vergrößerungsglas das Auge des Palienten beobachtete, während abwechselnd farbiges und graues Licht in dessen Auge geworfen wird. Das grau« Licht wird durch zwei verschiebbare Krauglaskeile erzeugt, fällt das Licht durch die dünnen Enden, so ist es hellgrau, fällt es durch die dicken, so ist es dunkelgrau. Es wird nun eine Farbe, z. B. Grün genommen und so lange werden die Graukeile verstellt, bis beim Wechseln von Grün und Grau keine Pupillenbewegung mehr stattfindet. Auf diese Weise vermittelt man genau den Hellig�eitswert jeder Farbe für das Auge. Da die Helligkeitswerte der Farben für das Auge d«s Farbenblinden ganz andere sind wie für das normale Auge, lo läßt sich auf diese Weise rein objektiv sofort Farbenblindheit fest- stellen. Heß hat denn auch in der Tat an dem betreffenden Loko- motioführer mit dem Pupilloskop in wenigen Stunden Rot-Grün- Blindheit ermittelt. Da sich beginnende Rückenmnrkslähmiing zurrst durch träges Reagieren der Pupille kundgibt, so ist das Pupillcllop auch für Frühdiagnose dieser Krankheit unentbehrlich. Heute fehlt der genial erdachte Apparat in keiner modern.m Augenklinik der Welt. Aus der Menge der Heßschen Untersuchungen über Lichr und Farbensinn seien nur noch einige wenige herausgegriifen: Die Eni- deckung, daß die Vögel blaublind sind, weil lie gelbe Körner in der Netzhaut besitzen, die genaue Feststellung, daß zahlreiche wirbellose Tiere infolg« Fluoreszenz ihrer Augen das uns unsichtbare ultra- violette Licht sehen, genaue messende Untersuchungen über den Helligkeitssinn der Tiere, welche zeigen, daß niedwe Tiere ebne Augen unter Umständen fast ebensogut Helligkeit-unterschiede wahr- nehmen wie das menschliche Auge, nergleichende Untersuchungen über die Akkomodation usw. Die Verdienste von Geheimrar v. Heß um die Förderung der wissenschaftlichen Farbenlehre baben denn auch ihre Anerkennung gefunden; ein internarionoles Preisgericht verlieh Ihm kürzlich die alle zehn Jahre mr die hervorragendsten Forschungen auf dem Gebiete der Opü'k zu verteilende Goldene rielmholtz-Medaille, die bisher erst vi al verliehen wurde und alle r-ermal einem deutschen Gelehrten zuteil wurde Zrieüenskampf. Von Werner Drei bürg. lieber die Grenzen unseres Lebens, dorthin, wo die Ewigkeit unseres Todes winterlich weiß liegt, in das Gefilde der Zukunft, in das Land der Kinder und Kindeskinder schleudern wir die Fackeln der Vernunft, gießen wir die Gloriole der Freiheit, predigen wir den Geist und die Tat. Damit die Götzen von gestern zerbröckeln, damit die alt« Glocke schweigt, dmnit zwischen Usern aus Gesetz und Granit die neu« Ueberemkunft und die gleiche Freiheitsbeteiligung aller innner rausche und unabänderlich siegreich sei, send?n wir in seierliche Ferne unseren Trommelruf. Träumerisch ober aus miserem Antlitz tanzen die Sonnen der Ge- wißheit weit, leuchtet der Strahl eines Lächelns lang über die Bitter- mss« und Berge hin, hinter denen die grenzenlose Erfüllung blüht: „Nie wieder Krieg!" voraussagen auf 1925 Januar. Das Reichskabinett Cuno stellt den Ausgleich zwischen Repu- blikanern und Monarchisten her, indem es den 27. Januar zum »Feiertag der Republik" erhebt. Nichtfeiernde machen sich nach dem revidierten Gesetze zum Schutze der. Republik strafbar. Unterrichts- minister Boelitz ordnet an, daß oie Schüler der Unterrichtsanstalten „in geeigneter Weise" auf die Bedeutung des Tages hinzuweisen sind. Der Unterricht fällt aus. Februar. Infolge wachsender Papiernot werden Zeitungen und Bücher auf geeignete Gebrauchsgegenstände gedruckt. Die Romane der Courths-Mahler erscheinen als Zuckertüten. Das»Berliner Taqe- blast" veranstaltet Ausgaben auf der Rückseite der neuen Fünf- Hundertmarkscheine.»Kreuzzeitung" und»Deutsche Tageszeitung" bevorzugen Toilettenpapier in Rollen als Erscheinungssorm. März. Die Aborte der Münchener Bierteller zeigen neuerdings Plakate: »Diese Räum« dürfen zu Verschwörungen nicht benutzt werden. Zu- widerhandelnde sind hinauszuweisen." Auf eine sozialistisch? Anfrage erklärt der bayerische Innen- minister Dr. Schweyer, daß er von den nationalsozialistischen Hitler- banden keinerlei Gefahr fürchte, denn er, Schweyer, würde auch unter einer Hitlerschen Fascistenregierung bayerischer Innenminister bleiben. April. 1 1> i, Der Evangelist Matthäus wird von der 4. Strafkammer des Landgerichts II wegen Gotteslästerung zu 1000(tausend) Mark Geld- sstafe verurteilt, weil er in seinem Evangelium(Kap. 1 Vers 1— 16) Christus als einen Iudenstämmling darstellt. Die Beschlagnahme des Evangeliums Matthäi sowie die Vernichtung der Platten wird im UrteU ausgesprochen. Mai. Reichswehrminister Geßler stellt 1(einen) Republikaner in die Reichswehr ein, die somit zu 0,001 Proz. aus Republikanern besteht. Der Dichter Otto Ernst geht infolge eines patriottfchen Tob- fuchtsanfalls in Stücke— aber nicht In feine eigenen! Juni. Die Gründung eines jüdischen Freistaates Palästina veranlaßt den„Hochschulring deutscher Art" folgenden Antrag an den Völker- bund zu richten: Palästina möge den Juden wieder entzogen und kraft historischen Rechts dem jetzt in Deutschland ansässigen Stamm der akademischen Philister übergeben werden. Herr Hergt, Vorsitzender der Deutschnattonalen Partei, rüstet sich zur Erfüllung seines Wortes, daß er ins Volk gehen werde. Er numeriert bereits seine Knochen. Juli. Nach einer Bergwur im Allgäu erklärt Herr Stinnes, daß selbst er sich nunmehr von der Undurchführbarkeit des Zehnstundentages überzeugt habe. Der soeben erscheinende 10. Band der Ludendorfffchen„Erinne- rungen" bringt den verblüffenden Nochweis, daß die Weltgeschichte seit 1918 auf einem fundamentalen Irrtum beruht, da tatsächlich Ludendorff im November 1918 die Entente vernichtend besiegt hat. Die bisherige Entwicklung ist, da falsch, sofort abzustellen. August. Hermine Hohenzollern überrascht ihren Gatten mit Drillingen. Wilhelm erhält die frohe Kunde bei der Niederschrift eines neuen Rechtferttgungsbuchcs, während er gerade die Worte schreibt:»Mein Gott, ich habe es nicht gewollt!" Die bayerischen Herrscherhäuser Wittclsbach und Hitler gehen durch Einheirat eine Familienallianz ein. September. Die Deutschvölkische Iugendwehr wird auf Vorschlag des Herrn Paul Bäcker, Chefredakteurs der„Deutschen Tageszeitung", statt mit Gummiknüppeln mit Klistierspritzen bewaffnet. Ludendorfs besichttgt den ersten Spritzenzug und verleiht dem Führer das Hakenkreuz mit Blausäurefüllung. Oktober. Deutschland wird in den Völkerbund ausgenommen und erhält durch Antrag Mussolinis das ehrenvolle Mandat, für die gesamt« Well eine Meuchelmörderzentrale(Sitz München) zu unterhalten. Die Nationalpolen, die Fascisten sowie die»Erwachenden Ungarn� belegen je zehn Freistellen. Die Leitung der Akademie wird der O. E. überiragen. Preisaufgab« für das erste Jahr:»Wie wird ein Schwein gekillet?" November. Der RenMer Ottomar Stippekohl ist bei der Lektüre von Wil? Helms Buch„Ereignisie und Gestalten" eingeschlafen, hat dabei die Petroleumlampe umgestürzt und Brandwunden erlitten. Das Reichs- gericht weist Stippekohls Schadenersatzklage gegen Wilhelm zurück, da jeder normale Mensch diesen Erfolg der Lektüre hätte voraus» sehen müsien. Dezember. Die Markstabilisierung bricht aus. An der Börse schlägt man sich um die Fetzen der Papiermarkscheine, deren einer mit 100 Dollar bezahlt wird. Gänse kosten S Pfennige, Perscrteppiche sind Stück für Stück mit 1 Mark angeboten. Dollarbcsitzer fertigen sich aus amerikanischen Noten Paplerdrachen, um sie noch einmal steigen zu sehen. Ganz Amerika hofft sehnlich aus eine deutsche Anleihe. Die Verteidiger im Harden-Prozeß, Rechtsanwälte Schiff und Bloch, legen ihren Kindern ein reizendes, von ihnen erfundenes »Kinderspielzeug" unter den Weihnachtsbaum: getreue Nachbildungen des von dem Attentäter Ankermann benutzten Totschlägers. Für das Ei-ntveffen sämtlicher Voraussagen garantiert: Mich, von Lindenhecke it.