Nummer 3 18. Januar 1923 _ � � � ö x-, Unterhaltungsbeilage öes vorwärts Sie �Uten. Die Fernen verdunkeln, nun sich der Tag neigen will. Der Mond steigi, kalke Sterne funkeln, und die Müden stehn still. Dornen an brennenden Degen zerrissen ihr Gewand. Schweres Werkzeug legen die Gebeugten ans der mageren Hand. Und bellen die welken Gebeine der feuchten Erde ein, zufrieden, nur für eine kleine liebe Blume Boden zu fein. Fritz Martin Rintelen. Der Dichter unS öer Sillionär. Aon I. Vinzenz(Wien). Der Dichter saß in seiner Stub« und schrieb. In gefiihlvollen Romanen schreiben die Dichter immer in Dach- kammern, durch deren Luken de: Wind pfeift. Auch haben sie alle' lange jhaare. Dieser Dichter hier sah zrvar In keiner löcherigen Dachkammer, sondern wohnte als„möblierter Herr' in einer langweiligen Miet- kaferne in der Borstadt. Aber lange Haare trug er. Diese ver-. dankten ihr Dasein jedoch nicht etwa der Eitelkeit des Dichters, son- der» dessen völliger Geldlosigteit. Er brachte die 5000 Kronen für! den Barbier nicht auf. Unser möblierter Diäter hatte monatelang geschrieben. Wäh- rend dieser Zeit waren seine guten Kleider zu Brot, seine Taschen- uhr zu Papier„umgewertet' worden, bloß die Miete war er schuldig geblieben. Weshalb ihn Frau Linsmaier, die Zimmerwirtin, mit scheelen Augen ansah. Als sie eines Tages, böser Absichten voll, in seine Stube trat, schrieb der Dichter soeben auf das letzte Blatt Papier das letzte Wort. „Liebe Frau Linsmaier," rief er fröhlich aus,„bitte, lesen Sie mir dieses eine Wort vorl' Frau Linsmaier blickte dos Wort ungnädig an und knurrte: „Na, Ende heißt's kalt." „Ja, es heißt End« und bedeutet das End« vielen Denkens, rastloser Arbeit und ungezählt-- Entbehrungen, lind von diesem Ende erhoffe ich mir auch das Ende all der trüben Zeit." „Und ich hoffe, daß es auch jetzt zu Ende fein wird mit Ihren Schulden, und daß wir jetzt bald ein Geld sehen werden," brummte die Unfreundlich« und verließ die Stube. Der Dichter eilt« zum Verleger. Klopfenden Herzens gab er das Manuskript ab. Hierauf vergingen zwei Wochen. Dann kam das'Manuskript zurück.„Ich habe es mit großem Interesse ge- lesen, sind« es außerordentlich reizvoll, kann es aber infolge der hohen Produktionskosten nicht zum Druck übernehmen, falls Sie nicht eine Million Kronen als Vorspesen erlegen." Der Dichter war dem Weinen nahe. Tagelang saß er in seiner Stube und brütete vor sich hin. Herr Linsmaier, der besser war als seine„bessere Hälfte", horte von des Dichters Mißgeschick und versuchte ihn zu trösten. „Schaun S', geben Sie das Schreiben auf," sagte er in seiner gemütliche» Weise,„Sie verhungern ja dabei. Sie wissen ja, wie in der Jetztzeit geistig« Arbeit geschätzt wird. Nur herabgekommene Herrscher und hinaufgekommene Schieber können noch Bücher her- ausgeben. Versuchen Sie«? mit einer anderen Arbeit. Ich wüßt« gleich eine. In unserer Fabrik wird ein Nachtwächter gesucht____ Der Dichter griff zu. Aber nicht nach der Nachtwächtersteve, sondern nach einem Gedanken, der in den Ausführungen Herrn Linsmaiers lag: Die Sckiebcrl Di« Schieber, welche„Erinnerungen" schreiben! Er kannte selbst eine-, solchen. Der wollte kein Schieber mehr sein und zählte s.ch schon zu den loliden Geschäftsleuten. Sein Vermöaen wurde über lünfhundcrt Millionen Dollar geschätzt, er war also nach österreichischen Begriffen ein Billionär. Außerdem war er Sammler, Philantrop, Mäcen. Neben seinen Spekulationen griff der Mann der verhungernden Kunst unter die Arme, ließ sich m Wasser- und Oelfarben, in Brcnzc, Marmor und Eips der Nach- welk zur dauernden Erinnerung ausführen. Auch tal er, was bis- her noch alle„großen Männer" getan: er schrieb seine„Memoiren". Was für ihn kein Kunststück war, da er die Druckkostcn gleich im voraus bezahlen konnte. Zu diesem Mann ging jetzt der Dichter. Und wurde in das Arbeitszimmer geführt. Es glich einem Raritätenkabinett. Auf dem Stuhl, auf welchem der Billionär laß, hatte angeblich Maria Stuart ihre letzt« Nacht zugebracht. Aus dem Schreibtisch, wo jetzt der„Börsenkurier" und ein Stoß Kurszettel lagen, sollte der Kar- dinal Richelieu sein politisches Testament geschrieben haben. Der Morgenstern des Bauernführers Stephan Fadinger und die Streit- axt des Hulstten Ziska waren um eine verbeulte Monstranz gruppiert. An den Wänden hingen mottenzerfressene Gobelins, die die Krönung Karls V. gesehen haben sollten, und ein großer Eichentlsch, aus der Burg Götz von Berlichingens, trug eine Anzahl schweinslederner Folianten. Der Billionär schob beim Eintritt des Dichters den letzten Börsenbericht zur Seit« und ergriff einen Bürstenabzug seiner Memoiren. „Was kann' ich für Sie tun." fragte er freundlich. Der Dichter zückte fein Manuskript uno wollte in beredten Worten seinen glücklicheren Kollegen bitten, ihn durch den Pump einer Million ebenfalls zu Bürstenabzügen zu verhelfen, da klingelte das Telephon. Der Billionär nahm das Hörrohr und horchte. Und steine Stirne umdüsterte sich. Dann rief er in den Apparat:„Ja. kaufen Sie alles zusammen. Kchle, Eisen und Elektrizität!" Hier- auf legte er unmutig das Höriohr weg. Es ist eine betrübliche Sache, wenn sich Börsengeschäfte mit Menschenliebe kreuzen. Die letzlere schneidet dann immer schlecht ab. „Ja, also, was kann ich für Sie tun?" fragte der Billionär noch- mals. Man sah es ihm aber an, daß er nicht-wehr bei des Dichters Manuskript, sondern bei Kohle, Eisen und Elektrizität war. Mit heißen Worten begann der Dichter nochmals seine Bitte herzustammeln und reichte!>abei dem Billionär das Manuskript hin. Schon wollte er danach langen, da trat der Diener ein und meldete Herrn Weißfisch. „Ich lasse bitten," sprach der Billionär zum Diener und„Sie entschuldigen," zum Dichter. Das Manuskript blieb in des Dichters Hand. Der erhob sich und der Billionär sprach freundlich:„Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann!" Dann trat Herr Weihfisch ein und der Dichter ab Herr Weißfisch war sozusagen der Leibantiquar des Billionärs. Das ganze Gerümpel hier hatte er zusammengeschleppt. Jetzt schälte er, geheimnisvoll tuend, einen Gegenstand aus seiner Lederhülle, hielt ihn behutsam dem Billionär vor die Augen und sprach an- dächlig:„Hier bringe ich ein seltenes Stück. Es ist eine Flinte, aus welcher Karl IX. in der Bartholomäusnacht auf die Hugenotten geschossen hat. Diese Flinte müssen Sie kaufen, dann haben Sie nicht nur ein würdiges Seitenstück zur Pistole Gustav Adolfs aus der Schlacht bei Lützen, sondern Sie haben auch einen Gegenstand von unschätzbarem, historischem Wert. Die Flinte ist Besitz eines französischen Marquis, der sich in Not befindet und st« verkaufen muß. Sie kostet nur zehn Millionen. Der Billionär nahm Band„B" des Konverfationzlerikons, suchte«Bartholomäusnacht", fand sie und auch alles bestätigt, was Herr Weißfisch über sie erzählte. Also kaufte er die Flinte. Dann wandte er sich seinen Kursen zu und später diktiert« er dem Tipp- fräulein einen Brief an den Dichter. Der Dichter hatte einem Tag und eine Nacht in nicht gelinder Aufregung verbracht. Dann kam der Brief. Der Empfänger las aber nur das eine Wort:„Bedaure... dann warf er den Brief zur Erde- und sich selbst auf das ärm'lche Lager. So fand ihn Herr Linsmaier, als er abends aus der Fabrik kam. Cr setzte sich zum Dichter hin und versuchte es wieder mit Trostworten und bemerkte, daß die Nachtwächtersteve in der Fabrik noch immer unbesetzt sei. Der Dichter seufzte tief und ging am andern Morgen mit Herrn Linsmaier und bekam richtig die Stell«. Nun bewacht er das große Fabrikgebäude vor Dieben, bekommt ein Gehalt, da» immerhin zum Sattesten und zur Bezahlung der Miete reicht, worüber niemand froher ist als Frau Linsmaier. Der Billionär aber, der setzt Geld genug hat, hat sich von seinen Geschäften zurückgezogen und betreibt die Schriftstellerei im großen, worüber niemand froher ist als sein Verleger. Jn öer rujpsthen SaKstube. Don R. Kaulitz-Niedeck(Estland). An der wellenblouen Meeresbucht steht ein glutrotes kleines Häuschen. Zerfaserte düstere Erlen strecken ihr Gezweig über das Dach und klopfen im Winde gegen Tor und Scheiben. Irgendeine verträumte Stätte kann man dahinter vermuten und ist doch nichts anderes als die Badstube des Städtchens. Die Badstube, die jedem Russen und Estländer die unentbehrlichste Einrichtung ist. Mag mancher von ihnen ein ungepflegtes Aeußere zeigen, den Körper aber reinigt er: er hält sein Generalreinigungsbad in gewissen Zeit- abständen, sein Gesundheitsbad, fein Vorbeugungsbad. Die russische Badstube beschert dem Besucher andere Genüsse als eine deutsche Badeanstalt, und der deutsche Fremdling erlebt hier zahlreiche Seit- samkeiten. Dreimal wöchentlich ist Badstubenbetrieb mit Frauen-, Männer- und Familientag. Da lebt in heimlichen Freuden das ganze Städtchen und zum Besuch lassen sich alle Alters-, Standes, und Berufsschichten anschreiben... Ein spielerisch enger Borraum öffnet sich zunächst, wo Badfrauen und„Nummeroerkäufer" ihr Reich beherrschen. Nebeldichte, feuchte Dämpfe quillen durch die Türspalte, sobald ein- und ausgegangen wird. Diese Tür der gemeinsamen Badstube ist ein wirres Tauben- tchlagtor. In der Tagesfrllhe öffnet sie sich schon. Da kommen die jungen Mädchen, manche vor Beginn ihrer Tagesgeschäfte, dann die Hausfrauen, die Mütter und Tanten und Großmütter mit ihren Kindern und Enkelkindern, mit Taschen, Decken, Garderobenstücken und Ehvorräten beladen und dem„Quast". Das ist der Badebesen aus Birkenzweigen, ohne den ein russisches Dampfbad überhaupt undenkbar ist. In Deutschland, wo die Badeanstalten moderne Einrichtungen, jegliche Bequemlichkeit zeigen, würde die russische Badestube wie etwas Borsintflutliches angesehen werden und eine lusttge Sehens- Würdigkeit bedeuten Hier zu Lande wird sie aber durchaus ernst genommen Man empfindet die Unzulänglichkeiten überhaupt nicht, wird mit allem großartig fertig, überwindet beispiellos Schwierig- keiten, richtet sich ein wie der erste Mensch, fühlt sich ein wenig Diogenes. In göttlicher Unschuld entkleiden sich Menschen vor einander, die sich nicht kennen. Harmlos treu legt jeder sein Garde- robenhäuflein auf ein Plätzchen der langen roh gesägten Holzbänke des Borraumes, den schwatzende, essende, Toilette machende Truppen füllen und— spaziert wie ein Cnglein nackt und bloß(ein Bade- kostüm ist hier direkt unstatthaft) durch den zweiten Wärmeraum. Hier riecht es nach angekohlten Hölzern, nach Dampf, nach Schweiß und frühlingsherben Birkenzweigen. Das„Tepidarium" der alten Römer könnt« man es nennen, denn hier muß der Badende kurze Zeit verweilen, um sich auf die höhere Temperatur des folgen- den Raumes vorzubereiten— wie im alten Rom. An die Bequem- lichkeiten, an Schönheit, Glanz oder Feierlichkeit der alten römischen Bäder erinnert hier freilich gar nichts. Nur rohe hölzerne Bänke füllen den Raum, ein gemütlicher Lehmofen, der in der Wand klebt und einem Backofen ähnlich sieht. Keine Badewanne. Bon den grauen Kalkwänden rinnt das Wasser wie in einer Tropffteinhöhle. Eine Reihe gefüllter Wassereimer bildet die eigentliche Einrichtung. Und sie werden umlagert von den Badenden, die ihr Reinigungsbad in dieser Enge in zauberhafter Erfindungsgabe und staunenswerter Gründlichkeit beginnen. Mütter klatschen und bürsten und begießen ihre Kinder. Frauen säubern sich gegenseitig. Andere rennen umher, treiben Freiübungen, und alle diese Beschäftigungen begleiten muntere Erzählungen. Denn auch die russische Badstube ist wie einst der römische Badepalast eine Art Erholungsstätte, an der man plaudert, kritisiert und scherzt. Man zählt keine Stunden in der allgemeinen Badstube und darf darin bleiben bis in die Mitternacht hinein. Endlich spaziert man in den letzten, heißesten und wichtigsten Raum, in das„Caldarium" oder in das Schwitzbad, wie es auch die Römer hatten. Weiße Dampswolken stehen wie Säulen da, zwischen denen die Menschenleiber hübe verschleiert, geheimnisvoll und ge- spensterhast durchleuchten. Heiße Dämpfe stoßen aus einer Luke hervor. Es herrscht eine Temperatur von 40 bis 50 Grad. Und die Hitzwellen rieseln über die Glieder, es ist, als strecke die Sonne ihre Strahlenfinger über den ganzen Körper aus und tose jede Pore. In der nächsten Sekunde schon wird die Hitze unbequem qnd man stürzt zu den Wassereimern, die Master in jedem Wärme- und Kälte- grad enthalten und kühlt, taucht, begießt sich. An den Wänden laufen Treppenbänke. Je höher man steigt, desto heißer wird es. Ganz oben befindet sich der förmlich« Schwitz- kästen oder Bratofen. Hier streckt man sich aus und läßt sich mit dem Quast bearbeiten Alte Badefrauen, nur mit Schurzfell be- kleidet, besorgen dieses Geschäft mit großer Plötzlichkeit und ohne besondere Aufforderung. Sie klatschen, peitschen, prügeln mit ihren bald heißen, bald kalten Dirkenbesen den ganzen Körper bis. zu den Fußsohlen. Nach dem Quast folgt der„Matscholka", ein aus Wurzeln zusammengeknutschter russischer Waschlappen, dessen feine weich« Fasern ungemein wohltuend die Haut berühren. Bon ollem Prügeln und Klatschen wird der Körper endlich rot wie eine Mohnblume. Rüsten und Estländer schwören, daß auf dies« Weise Krankheit und Erkältung buchstäblich aus dem Badenden herausgeklopft oder ge- schwitzt werden und daß er nach langsamer Abkühlung über den Wastereimern ein neugeborener Mensch ist. Jetzt stürzt man In den Lauraum zurück, dann in die Abkühl- stub«, geht noch einmal in da« Schwitzbad, um endlich jn den Bor- räum zu seiner Garderobe zu rennen. Alles In Eil«, denn es ist notwendig, daß der Körper in Bewegung bleibt. Unter den männ- i lichen Badegästen befinden sich oft Lust- und Wasserfanatiker. Sie I rennen aus dem Schwitzraum im eisigen Winter direkt in den ver- schneiten Hof, wälzen sich im Schnee und kehren in das Schwitzbad zurück, ohne sich eine Erkältung zuzuziehen. Im Vorraum packt man sich in Mäntel,»Decken und Schals ein. Es gibt förmliche Maskenvermummungen dabei. Und einzelne Famil-ien, die ihr Einzelbad bis 10 und�ll Uhr nachts benutzt haben, sehen in ihren Pelz- und Deckenverhüllungen wie Eskimotruppen aus. Im Lauf- schritt geht es dann heimwärts. Zu Hause wird die Teemaschine angezündet, und oft bis über die Mitternacht hinaus gegessen und gehunken. Der Stil öes Eisens. Von Willy M ö b u s. Ein Ideal ist etwas, was noch nicht verwirklicht wurde. Werden uralt« Ideale bis zum höchsten Grade menschlicher Vollkommenheit erreicht, so erkennt der kritisch prüfende Verstand neben den Vor- zügen, an die bisher ausschließlich gedacht wurde, auch die Mängel. So hört denn dcjs Erreichte auf, ein Ideal zu sein. Trotzdem dürfen wir sagen, daß die Technik menschliche Ideale verwirklicht habe. Und gerade auf technischem Gebiet konnten und können wir noch alltäglich beobachten, wie diese Verwirklichung oft schroffste Abnei- ung hervorruft. Der Ingenieur habe, so wird behauptet, die Schön- eit des Landschafts- und Stadtbildes zerstört. Es kann nicht geleugnet werden, daß viele Konstruktionen neuzeitlicher Technik in ihrer Anlehnung an Stilarten, die für andere Materialien die gege- denen Ausdrucksformen sind, abscheuliche Kompromihgebilde dar- stellen. Dieser Uebergangssttl, der so entstand, konnte nicht de- friedigen. Aber der Ingenieur hat sich langsam freigemacht von einem Stilempfinden, das für seine Schöpfungen aus Stahl und Eisen nicht zuständig war. Ein neuer Stil ist entstanden. Und nun erleben wir es, wie Kinder der alten Zeit, die nur die bisher be- kannten Stilarten anerkennen wollen, welche sich aus der Verwen- dung von Stein und Holz als Hcuptbaumatercalien ergeben haben, diese neuen, überaus kühnen Formen des eisernen Zeitalters ab- lehnen. Gewiß, es ist ein ungeheurer Gegensatz zwischen dem ge- heimnisvollen Halbdunkel gotischer Kathedralen, mit ihren bunt- bemalten Fenstern, durch die das Tageslicht nur geheimnisvoll und gedämpft in das Innere dringt und den schlanken, hochragenden Hallen aus Eisen, bei denen sich die Eisenträger wie dünne, unendlich zarte Fäden eines Spinngewebes ausnehmen und die das Licht in breiten Strömen durch tausende von hellen Glasscheiben hinein- fluten lassen. Wer völlig aufgeht in den Stilen der Vergangenheit, der wird schwerlich den Zauber der schlanken Ingenieurbauten erfassen. Als der Eistelturm in Paris geschasten werden sollte, protestierten eine Reih« angesehener Architekten und Maler, Bildhauer und Schrift- steller, die sich berufen fühlten, über die„makellose Schönheit ihrer Stadt Paris" zu wachen, empört gegen die Errichtung dieses„un- nützen, monströsen Eiffelturmes". Eissels Antwort hierauf aber klingt wie das Evangelium des neuen Stils, der sein eigene, dem Material angemessene Schönheit in sich birjst:„Ich glaube fest, daß mein Eiffelturm seine eigenartige Schönheit haben wird. Sttmmen die richtigen Bedingungen der Stabilität nicht i«derzeit mit denen der Harmonie überein? Die Grundlage oller Baukunst ist, daß die Hauptlinien des Gebäudes vollkommen seiner Bestimmung entsprechen.' Welches aber ist die Grundbe- dingung bei meinem Turm? Sein« Widerstandsfähigkeit gegen den Wind! Und da behaupte ich, daß die Kurven der vier Turmpfeiler, die der statischen Berechnung gemäß von der gewaltigen Massigkeit ihrer Rasen an in immer lustigere Gebilde zerlegt, zur Spitze empor- steigen, einen mächtigen Eindruck von Kraft und Schönheit machen werden. Birgt doch auch das Riesenhafte an sich einen eigenen Reiz." Inzwischen ist der Eiffelturm zu einem Wahrzeichen der In- genieurbaukunst geworden. Darüber hinaus hat ihn die drahtlose Telegraphie noch einem besonderen Zweck als„Funkenturm" zuge- wiesen. Zwiefach ist nun das Geheimnis des Eiffelturmes: der wunderbare Ausgleich der Kräfte, die das Bauwerk fest und stark machen, und die unsichtbaren Schwingungen, die diesen Turm jetzt mit der ganzen Welt verbinden. Die Technik ist zum Träger der modernen Kultur geworden. Der heutige Mensch findet jedes Wistensgebiet so unendlich weit be- arbeitet, daß er sich damit begnügen muß, die Umrisse des gesamten riesenhaften Geistesgebäudes zu erkennen. Andererfeits ist er jeder Mystik, jeder Geheimniskrämerei abhold geworden. Licht ist ihm Lebensbedürfnis, und so entsprechen die Eisenkonstruktionen, bei denen die Träger nur die Umrisse der Gebäude geben, die im Innern hell und lustig sind, vollkommen dieser Geittesrichtung. Wer diese Ingenieurbauten betrachtet, der möge sich klar darüber werden, daß jeder Träger und jeder Bogen unsichtbare Energien fortleitet, daß das ganze Gerüst aus Kraftlinien besteht. Kräfte sind vereinigt, die sich gegenseitig bändigen. So Ist beispielsweise ein Brückenbogen nichts anderes als„eine von zwei verbundenen einander gegenüber- liegenden Schwächen erzeugte Kraft"*). Die Bauten sind auf Grund mathematischer Berechnung entstanden. Dennoch muß der Konstruk- teur bei Beginn der Arbeit die endgülttqen Formen im Gefühl haben. So vereinigt sich der künstlerische Genius mit dem rechnenden Ver- stand, und das Produkt ist ein Bauwerk von höchster Vollendung» vesten„ihauptlinien vollkommen seiner Bestimmung entsprechen", und das seine eigene Schönheit und Harmonie besitzt •) Mereschkowski in„Lionardo da Vinci" Eine verfassunggebsnös Versammlung. Von Hans Otto Hensel. Bayern war durch Jährt? änderte hindurch Objekt immerwährenden Erbschachers absolut regierender europäischer Fürsten gewesen. Am Ausgange des achtzehnten Jahrhunderts wurde durch die un- glaubliche Korruption des Adels und der Beamten, durch die Wühle. reien der Jesuiten- und Jlluminatengesellschasten die ohnehin frag- würdige Preßfreiheit fast ganz unterbunden, und der geistige Hon- zont des Staates drohte gänzlich zu verfinstern. Das Wetterleuchten der großen französischen Revolution, die Ideen, die bayerische Soldaten aus ihrer Waffengemeinschaft mit Franzosen während der Napoleonischen Kriege mit in die Heimat brachten, waren aber doch nicht ohne Einfluß auf die breiten Schichten der Bevölkerung ge- blieben, und der neugebackene König von Napoleons Gnaden, Maximilian, entschloß sich schon 18l>8, als vorbeugendes Mittel gegen manche Eventualitäten seinem Volke eine Konstitution zu geben. Sie erschien aber selbst ihm so zweifelhaft, daß er 1814, noch dem Pariser Frieden, eine Kommission ernannte, die eine neue, zeit- gemäßere Verfassung ausarbeiten sollte. Diese Kommission, die dem bayerischen Volte eine Verfassung geben sollte, bestand aus fünf- zehn durchgängig hochari st akratischen Mitgliedern—. ein Blumenstrauß, in dem außer einem einzigen fähigen Manne, dem Ritter v. Lang, alle Blüten von Trottelhafttgkeit, Anmaßung, Ignoranz, Bestechlichkeit, Dummheit und Volksfremdhcit in Pracht- cxemplaren vertreten waren. Acht Mitglieder gehörten dem unbe- dingten Hochadel an, sieben waren Geheimräie und Referendarien. Selbst wenn diese Sieben einen etwas volk�mäßigen Gedanken in die Vertasiung bringen wollten, mußten sie überstimmt werden. Vorsitzender war der Justizminister Graf Reigersbera, dessen Gattin eine hohe Hofstellung bekleidete. Die weiteren Mitglieder Majoratsbesitzer Graf Preyssinq und Altenpreyssing, ein achtzig- jähriger Greis, Graf Arco-Zinneberg, Graf Thürheim, Baron Aretin, der Sproß eines Liebesverhältnisses zwischen der Kurfürstin Therese und ihrem Jesuiten-Beichtvater, Baron Cetto, Baron Lerchenfeld, Graf Törring, dann die Geheimräte und Referendare v. Zentner, v. Krenner, v. Cffner, v. Widder, v. Schilcher, v. Sutncr und Ritter v. Lang. Der Präsident suchte die Verhandlungen so viel als möglich ab- zukürzen und wurde unruhig, wenn einer der Gchsimräte noch reden wollte, wo er schon eine Mehrheit ersehen zu haben glaubte. Dann fing er an:„Mein Gott, Sie sehen ja, die Sache ist schon durch die vorangegangenen Sttmmen der gnädigen Herren entschieden, und weitere Ausführungen der Herren von Nummer 9 an führen zu nichts." Besonders aber scheute der Herr Präsident Stimmengleich- heit,„weil er dann die Gründe beider Parteien hätte ausführlich ab- wägen und der einen beitreten müssen. Ein einziges Mal ereignete sich dieser Fall. Der Sekretär rief voller Schrecken:„Jhro Exzellenz! Jhro Exzellenzl parial(Stimmengleichheit!)" Der Präsident wurde feuerrot, rutschte auf seinem Sessel hin und her, zählte die Sttmmen und sagte schließlich:„Es kann nicht sein, Herr Sekretär. Wieder- holen wir noch einmal die Abstimmung." Wiederum war das Er- gcbnis 7 gegen 7. Der Präsident seufzte ratlos:„Ich begreif's nicht, es ist mir doch anders vorgekommen." Da stand der Geheime Rat v. Effner auf und befreite den Präsidenten und Justizminister aus der Verlegenheit:„Ich habe zwar mein« Meinung dahin geäußert, aber es kommt mir nicht darauf an— ich geh' zur anderen Meinung über." Freudestrahlend und händereibend rief der Herr Präsident: „Vortrefflich! Vortrefflich!" Dann fuhr er den Sekretär an, daß er die Meinung des Herrn Geheimen Rats o. Effner nicht richtig auf- gefaßt habe, und behauptete schließlich,, wo ein gutes Präsidium sei und die Verhandlungen verständig geleitet würden, könne Stimmen- gleichhcit überhaupt nicht vorkommen, wie es ja bei ihm auch nie der Fall gewesen sei. Beim Abgang drückte er dem v. Effner die Hand und lud ihn zur Tafel ein. Mehrere der Herren sprachen während sechs Wochen nicht ein Wort. Der Graf Thürheim pflegte nur mit einer Kopfneigung zu lächeln und überlieh es dem Sekretär, sein Lächeln in eine zustim- mende Protokollphrase zu übersetzen. Als der Herr v. Cetto beim Minister Montgelas zur Tafel geladen war und dort erfuhr, daß der Minister seine Abstimmung mißbillige, befahl er unverzüglich dem Sekretär, seine Abstimmung sofort im Protokoll in dos Gegentell zu verkehren— ein Verfahren, dem sich drei, vier andere Mitglieder der Kommission anschlössen. Der Graf Preyssing pflegte stets zu schlafen, bis die Abstimmung an ihn kam. Er wurde leise aufgeweckt, fuhr hoch mit der Frage:„Was ist's? Was ist's?" Dann mußte der neben ihm sitzende Herr v. Zentner den Gegenstand der Abstimmung noch einmal demonstrieren. Sobald Seine Exzellenz Graf Preyssing den Vortrag v. Zentners verdaut hatten, kamen sie mit der Frage: „Ja, wie ist's denn hernoch? Geht das au mei Hofmart Eichau aan?" Bei Bejahung dieser persönlichen Frage erklärte der Alte dann kurz:„Na, no tu i's net!" Oesters kam es vor, daß, als der Graf nach dieser erschöpfenden Auskunft wieder in Schlummer fallen wollte, der unangenehm plebejische Sekretär sich noch die Angabe von Gründen für das Protokoll erbat. Dann stemmte der Graf die beiden Fäuste auf den Tisch, beugte sich vornüber und rief dem vor- lauten Aktenmenschen zu:„Herr Sekretär! Schreib' Sie, der Proassink tuats halt net!" Und Präsident und Versammlung waren über diese bajuvarisch« Kürze erfreut. Ja, wie war doch ehedem die Regierung eines Volkes so �einfach und bequem! vom Reif. Don Johann Eharlet. Zu den Naturerscheinungen, die uns dl« kalte Jahreszeit be» schert, gehört auch der Reis. Wenn wir jetzt des Morgens hinaus- gehen, dann können wir häufig die Bäume und Sträucher wie von weißem Puder bestäubt finden, sie sind bereist. Wold und Flur verleiht die Zauberkraft des Reifs ein völlig verändertes Aussehen; zu eigenartiger Schönheit gestaltet er das Landschc.� rbild. Der Reif ist der kalte Bruder des T a u s? er ist ebenfalls niedergeschlagener Wasserdampf. In der Nacht strahlt die Erde Wärme aus gegen den kalten Weltenraum. Je weniger, der Him- mel von Wolken bedeckt ist, desto stärker ist die Ausstrahlung: denn die Wolkendecke verhindert die Wärmcousstrahlunq und somit die Abkühlung. Die Gegenstände aut der Erdoberfläche kühlen sich in- folg« der Ausstrahlung ab, besonoers die Pflanzendecke verringert ihren Wärmczustand um mehrere Grad. Die umgebende Luft kühlt sich dagegen weniger ab. Die Lust enthält bekanntlich jederzeit größere oder geringere Mengen Wasscrdampf, der aus den Ge- wässern der Erde aufsteigt. Dieser Damvf ist unsichtbar und farblos und daher ebenso durchsichtig wie die Lust selbst. Das Vermögen der Lust, Wa'serdampl in sich aufzunehmen, steht nun mit ihrer Temveratur in engeni Zusammenhang, es wächst mit dieser. Wenn die Luft mit Wasierdampf gelättigt ist, dann vermag sie den lieber- schliß nicht mehr in Dampffonn zu behalten: der Dampf verdicktet sich zu Walser. Der Wärmegrad, bei der die llebersättigung eintritt, ist der Taupunkt. An den Gegenständen, die sich stärker ab- gekühlt haben als die umgebende Luft, lo daß der Tauvunkt er- reicht wird, schlägt sich der überschüssige Wasierdampf in Tröpfchen- form nieder, sie betauen. Ein solches Betauen können wir auch sehen, wenn wir im Winter einen kalten Gegenstand in ein warmes Zimmer bringen. Die Zimmsrluft in der Nähe des Gegenstandes küdlt sich plötzlich ab, so daß sie unter dem Taupunkt und unier die Temperatur ge- langt, bei der sie mit dem in ihr enthaltenen Wasierdampf ge- sättigt war. Dadurch wird sie übersättigt und setzt den Ucberschuß Wasserdampf in zahllosen winzigen Wasserkügelchen an dem kalten Gegenstand ab. Auf diese Weise ist das Beschlagen der Brillen» gläser zu erklären, wenn ihr Träger ans der kalten Außenluft in einen warmen Raum kommt. Auch das Schwitzen der Fenster eines geheizten Zimmers ist auf die gleiche Ursache zurückzuführen. Ist die Kälte stärker, dann bilden sich kriftallarttge„E I s b l u m e n". Kühlen die Körper, an denen der Tau sich niederschlägt, bis unter den Gefrierpunkt ab, dann erstarren die Tautröpfchen zu Reif. Die Vorbedingungen sind jedoch heiterer Himmel und Wind- still-: denn bedeckter Himmel verhindert die Abkühlung, und der Wind fuhrt dauernd trockene Luftschichten herzu, die den Nieder- schwq der Feuchtigkeit unterbinden. Der R«tt überziebt Bäume und Sträucher, Gräser und Blätter, Spinngewebe und Leitungsdrähte mit zarten Eiskristollcn. Leuchtet die Sonne vom blaßblauen Dim- mel auf diese weiße Herrlichkeit, dann glitzert es wie funkelndes Gestein. Jedoch schwindet die Schönheit bald vor den wärmenden Strahlen der höherstcigenden Sonne. Das Eis wird In Wasser zu- rückverwandelt. Don Vusch und Baum tropft es zur Erde herab, und auf Blatt und Halm bilden sich Tautropfen: der zarte Puder ist vergangen. Noch größere �Pracht zeigt der Rauhreif: er ist von dem eigentlichen Reif wohl zu unterscheiden. Rauhreif entsteht stets bei nebliger Luft und mehr oder weniger Wind. Meist tritt er nach Zeiten strengen Frostes auf und kündet einen Wirterurigsumschlag an. Der Rauhreif bildet sich aus feinen Nebeltröpfchcn, die unter dem Gefrierpunkt erkaltet, also unterkühlt find. Bei der Berührung mit festen Körpern erstarren die Tröpfche» sofort zu Eis: jedes neu hinzukommende Tröpfchen setzt sich wieder an und so entstehen oft ziemlich starke Rauhreisschichten. Besonders.reichlich setzt sich der Rauhreif an Körpern mit rauher Obersläche ab. Verscheucht die Sonne dann den Nebel, so sehen wir ein Winterbild von seltener Pracht. In Gebirgen tritt dieses Naturereignis meist viel gewaltiger auf. Hier kommt es häufig vor, daß unter der Last der Eiskristalle Bäume erdrückt werden. Aeste brechen und Leitungsdrähte reißen. In unserer Gegend hoben wir dagegen seltener Gelegenheit, ein« rechte Rauhreifbildung zu bewundern. Dem Rauhreif nahe verwandt ist da« G l d t t« i s. Es kann auf zweierlei Art Zustandekommen. Einmal, wenn feiner Regen oder Nebel auf Gegenständ« trifft, die weit unter 9 Grad ab» gekühlt sind, wobei diele von einer Eisschicht überzogen werden. Oder, wenn„überkolteter" Regen, d. h. Regen, der beim Fallen durch eine frosttalte Lustschicht bis unter 9 Grad abgekühlt wird, ohne sogleich zu erstarren, auf feste Körper austrisft. Diese unter- kühlten Tropfen gefrieren dann sogleich und verwandeln den Boden in ein« spiegelglatte Fläch» oder bilden an Baumästen und-zweigen sowie an Leitunasdrähten dicke Ueberzüg», wodurch ebenfalls viel- fach großer Schoden angerichtet wird. Der Krieg ist in Wahrheit eine Krankheit, in der die Säfte, die zur Gesundheit und Erhaltung dienen, nur ver» wendet werden, um ein Fremdes, der Natur Ungemäßes zu nähren. Goethe, Wissen und Schauen LuMchiffverkcht der Zukunft. De.ß uns in der Luftschiffahrt der Zukunft große Uebcrralchungen bevorstehen und daß wir schon in zehn Jahren einen weltumspannenden Luftschiff» o e r k e h r haben werden, betont Marinebaurat Engberding in einem Aufsatz der„Umschau". Deutschland ist durch die Verbote des Verfailler Vertrages zwar in seiner Mitarbeit an dem Ausbau der Luftschiffahrt schwer behindert, wird sich aber doch allmählich seinen Platz wiedererobern. Das Wichtigste beim Lustschisfverkehr ist die schnelle Ueberbruckung großer Entfernungen. Das Luftschiff ist seiner ganzen Art nach das gegebene Verkehrsmittel zwischen Welt- teilen und über Weltteile hin. Man braucht sich sein« Bedeutung nur an einem praktischen Fall klarzumachen. Wenn heute ein Groß- kaufmann oder Diplomat oder Berichterstatter von Berlin nach New Bork fahren will, so braucht er dazu unter Benutzung von Eisenbahn und Schnelldampfer 6 bis 7 Tage. Mit einer direkten Luftschiffoer- bindung würde er dieselbe Strecke in 2 bis Tagen zurücklegen können! Auch die Rentabilität dieses Luftschiffverkehrs steht nach genauen Berechnung n außer Frage, und die Fahrpreise dürsten 'wenig höher sein als d'e Preise für die erste Klasse unserer modernen Schnelldampfer. Berücksichtigt man jedoch noch den Gewinn an Zeit, so stellt sich die Luftschiffahrt tatsächlich billiger als Dampfer- und Eisenbahnverbindungen. Ein Masscnrxrkehrsmittel wird das Luftschiff allerdings niemals werden, dazu ist feine Tragkraft im Vcr- hältnis zu den Kosten des Betriebes zu gering. Mit einem Luft- schiff, wie es für den geplanten Berkehr zwischen New Park und Deutschland in Aussicht genommen ist, können etwa 100 Personen befördert werden, die dann freilich auch alle Bequemlichkeiten ge- nießen, wie sie an Bord unserer modernen Schnelldampfer vor- Händen sind. Für die Rentabilität des Luftschiffes ist sodann die Postbefördcrnng wicht. g. di« in kurzer Zeit und für billiges Geld auf diesem Wege von Erdteil zu Erdteil erfolgen kann. Es erscheint durchaus nicht als Utopie, wenn man für die Zukunft mit reinen Postluftschiffen auf gewissen Strecken rechnet, die ausschließlich Post und hochwertige Waren befördern werden. In Amerika hat man damit schon sehr gute Ersahrungen gemacht. Es wird nämlich quer durch die Vereinigten Staaten von New Pork nach San Francisco ein Flugzeug am Tage mck Briefen geschickt, das sie abends an den in derselben Richtung fahrenden Schnellzug abliefert, der sie wiederum am nächsten Morgen einem Flugzeug anvertraut. Dadurch wird eine beträchlliche Zeitersparnis erzielt. Eine Beförde» rung mit Flugzeugen des Nachts ist mit den heutigen Mitteln noch nicht durchzuführen, da dos Fahren und Landen bei Nacht gefährlich ist. Anders lieat es beim Luftschiff, das die ganze Strecke quer durch Amerika ohne Aufenthalt und ohne Behinderung durch die Dunkel- heit zurücklegen kann. Ueberhaupt müsien sich bei dem Luftverkehr der Zukunft Luftschiff und Flugzeug ergänzen. Wäh- rend das Luftschiff die Scknellverbindung über große Strecken dar- stellt, ist das Flugzeug mit seiner größeren Geschwindigkeit, aber seinem heute noch viet kleineren Aktionsradius für kurze Strecken geeignei. [BtaK�aü] Naturwissenfchafi Das größte siegende Geschöpf. Ob unter den lebenden Vögeln das Ideal eines Fliegers zu finden ist, erscheint fraglich, denn es müßte di« vorteilhaft sten Bedingungen des Körpergewichts, der Muskelkraft und der Flügelspannweite besitzen, wie sie für eine Flugmaschine berechnet werden. Die Vögel mit der größten Flügel- spannweit« sind nicht die stärksten, und gerade die kräftigsten unter ihnen sind wiederum zu einem sehr langen Flug nicht fähig. Es ist ausfallend, daß der Vogel, der sich vielleicht am längsten In der Lust zu erhalten vermag, der Fregatwogel, verhältnismäßig schwache Muskeln hat und feine Flugkraft bemnach mehr feiner Geschicklichkeit als feiner Körperstärke verdankt. Das Beispiel des Albatros zeigt wiederum, daß ein großes Körpergewicht dem Flugvermögen nicht hinderlich ist, denn dieser Vogel erreicht ein Gewicht bis zu 8 Kilo- gramm, hat dafür aber auch eine Flügelspannweite bis zu 3 Meter. Trotzdem ist die glänzende Flugkraft dieses Vogels merkwürdig, weil die Flügel außerordentlich schmal sind und nur eine Fläche von 0,6Z Quadratmeter haben, was für einen so plumpen Vogel recht gering erscheint. Der Kondor und der kalifornische Geier wiegen eftva ebensoviel wie der Albatros; ihre mächtigen Flügel besitzen aber eine weit größere Tragfläche. Um eins Vereinigung der besten Flugbedingungen zu finden, muß man auf die ausgestorbenen Vögel zurückgehen, und eigentlich ist auch unter diesen das Ideal noch nicht zu erkennen, sondern eher unter den großen beflügelten Reptilien, die zur Kreidezeit namentlich in Nordamerika zahlreich vorhanden gewesen sind. Das größte dieser Wesen, deren Gruppe mit dem Namen Pterodaktylier bezeichnet wird, das Onithostoina irgcns, ein in Amerika entdecktes vogelähnliches Reptil, befaß Flüg>?l von 2,70 Meter Länge, dabei aber ein auffallend geringes Körpergewicht; wenigstens ist der Körver klein und das Knochengerüst von äußerster Feinheit gewesen, so daß sie fedenfalls verhältnismäßig leichter als alle bekannten Vögel gewesen sein müssen. Man schätzt das Gewicht eines solchen Tieres auf höchstens 12 Kilogramm, was mit Rücksiibt auf die Größe sehr wenig ist. Mau darf sich also vorstellen, daß dies« Wesen vermöge der Zartheit ihrer Knochen und der außerordentlichen Tragfläche und Spnnnfähigkeit der Flügel leicht wie Schmetterling« geflogen sein müssen. TNaulwurfsappelik. Der Hunger des Wolfes ist sprichwörtlich geworden, der des Maulwurfs verdient es nach Untersuchungen des Professors Roerig weit mehr. Dieser Forscher tat einen Maulwurf von 77, S Gramm Gewicht in einen Kasten mit angefeuchteter Erde und fütterte ihn bloß mit Regenwürmern. Nach Verlauf von 20 Tagen hatte das Tier 2937,5 Gramm Würmer gefressen und sein Gewicht hatte um 6 Gramm zugenommen. Roerig berechnet die tierische Substanz, die in jenen Würmern enthalten war, auf 1302,16 Gramm, der Rest kommt aus die verschlungene Erde. Danach hatte der Maulwurf täglich 90 Gramm Wurmfleisch, also mehr als sein eigenes Gewicht betrug, zu sich genommen. Leuchtende Vögel. Die in den Sagen verschiedener Völker auf« tretenden leuchtenden.Vögel beruhen vermutlich, wie jetzt festgestellt ist, auf einer richtigen Naturbeobachtung; es dürfte sich hierbei um eine elektrische Erscheinung, um das sogen. Elmsfeuer, handeln. Prof. Kirschmann hat auf Snlt bei einem Gewitter in der Dämme- rung beobachtet, wie die Möwen an Schnabel-, Schwanz- und Flügelspitzen kleine bläulichrote Flammen trugen. Nach jedem Blitzstrahl verschlvanden die Flammen, und die erregt schreienden Vögel beruhigten sich wieder. Diese elektrischen Entladungen können dadurch zustande gekommen sein, daß die Vögel aus einem Gebiete hoher elektrischer Spannung in ein Gebiet niedriger Spannung geraten sind oder daß sie Zonen verschiedenartiger Elektrizität durch- flogen haben. Die Beobachtungen von Prof. Kirschmann beweisen jedenfalls einwandfrei, daß derartige sonderbare Lichterscheinungen an fliegenden Vögeln vorkommen können. himmelskunöe M Wie man Meieore pholographierk. Jedermann hat schon einmal des Nachts ein« Sternschnuppe beobachtet, die sich am Himmel hin bewegt und bisweilen unter den anderen Sternen verschwindet. Manche dieser Meteore bewegen sich sehr schnell, für ein paar Augen« blicke einen leuchtenden Schweif zeigend, während andere langsamer dahinziehen, etwa wie eine Rakete. Die Astronomen wissen, daß diese Sternschnuppen zu verschiedenen Sternschwärmen oder Fa- Milien gehören, von denen jede aus einer großen Zahl kleiner Telle besteht, die im Weltraum herumreisen und von denen einige in die Atmosphäre der Erde geraten, wenn die Erbe ihre Flugbahn kreuzt. Ein aufmerksamer Beobachter kann feststellen, daß viele dieser beob- achteten Sternenschweise von einem Punkt am Himmel auszustrahlen scheinen. Jede Sternfamilie hat ihren eigenen Strahlungspunkt. und durch die genaue Bestinnnung der Lage dieser Strahlungspunkte beobachten sie die Astronomen. Nun mag es manchen als eine ziemlich langweilige Beschäftigung erscheinen, den Himmel des Nachts nach Meteoren abzusuchen, aber das Phctographieren dieser„fliegenden Sterne" mit HUse einer Kamera ist eine sehr intcresiante Aufgabe, von der der bekannte eng- lische Astronom Dr. Loclyer, der Direktor des nach ihm benannten Observatoriums, in einem englischen Blatt plaudert. Meteore zu photographicren, ist ganz einfach. Man stellt in einer klaren und mondlosen Nacht die Kamera— und zwar kann man jede beliebige benutzen, je größer, desto besser— auf ein festes Gestell entweder im Freien oder an einem geeigneten Fenster und stellt die Kamera genau nach dem Polarstern ein. Hat nian den Apparat gegen jede Erschütterung durch den Wind gesichert und richtig eingestellt, dann braucht man nur den Deckel abzunehmen und kann dann die Kamera für mehrere Stunden sich selbst überlasten. Je längere Zeit dies geschieht, desto mehr dieser im Weltraum herumircenbcn Sterne wird man auf die Platte bekommen, und desto größer ist die Aussicht, einen Meteor einzufnngen. Wenn solch ein leuchtender Meteor während dieser Zeit des Belichtens an der Kamera vorbeigeht, dann wird sein Schwei; automatisch photographiert. Nur einig« Vor- sichtsmaßreaeln find anzuwenden. Man muß einen Platz wählen, wo keine Lichter, wie z. B. Straßenlaternen, vor der Kamera sind, man muß den Apparat gegen jede Erschütterung sichern und die Linsen gegen Tau schützen. In jeder Nacht ist es möglich, einen inleresianten Meteor zu photographieren, aber die günstigsten Nächte find natürlich diejenigen, in denen besondere Schwärme erwartet werden. Neuteeei im Ruhrs�diet .Zngcgicu? yir. 3«veiZeri sich, ins Eft.ed clnjyfretcn." (Au» bfm Partfcr„S'Oeuorc".)