Nummer 13 Ak A' 28. März 1923 � Hennwe/t Unterhaltungsbeilage öes Torwarts esxa <« Der Mann, öle Iran unö üer andere. Nociurno. Von Troll. Aus jedem Hause drängten Schatten gleich wle Aengst« hinter dunkeln Fenstern horchender Menschen, strömten in Straßen füllende Finsternis, die zwischen Mtetekosernenfronten wie die Wässer der Smtftut stieg und über den Dächern auseinander floß. Zwei Men« schen schritten untergefaßt durch die stille Nacht, Mann und Frau; äußerlich einig, wie Kettenringe hingen ihr« Arme ineinander,— innerlich veruneinigt durch Mißtrauen, und schwiegen grollend. Der Weg war lang und die Worttosigkeit peinigte, erregte die Nerven, ängstigt« wie Schwül« vor Gewitter. Dunkel flatterten Bedanken. Einer spürte des anderen Verstörtheit. „Dort liegt eine Leiche." Wie zu sich selbst sagte sie'». Er fuhr zusammen und hemmte den Fuß und fand ihren Blick in die Spalten der Jalousie vor geöffnetem Fenster und sah unter flackernden Ker- zen aufgebahrt einen Toten, gefaltete Hände, das bleiche Haupt auf weißem Kissen wie au» Wachs, und vor der Bahre, geneigt unter schwarzem Tuch, ein Weib, das Gesicht in die Hände gelegt.„Toten- wacht." Geschreckt eilten sie weiter; aber der eisige Tote lief mit ihnen. Sein wächsern Geficht stand im Lichthof" jeder Straßenlaterne; dürr griffen nahblanke Aeste danach, und Schatte» kauerten trauernd umher. Der staubfeine Regen legte sich, durchdringend, wie ein neu leinend Hemd auf die Haut. „Wenn ich'» nun war?" fragte er in sich hinein; und Mitleid dämpfte sofort seinen Groll. Sie füllte allein, einsam ihre Straße wandeln, allein mit dem Gesindel fertig werden, das breitbeinig wie Betrunkene, glotzend, Arn» in Arm sich stützend, ihr den Weg ver- träte: die Not und die Sorgen, Verstellung, Heuchelei und Lüge, dazu ihr heiße» unruhig Blut,— sie, noch immer das liebe«igen« sinnige, verwöhnte Kind wie damals, da er als übermütiges Fohlen sie mit dem Lasso der Lieb« sing?! Urplötzlich war dt« Liebe ge» kommen, wie die lluelle springt aus Gestein. Sie sammelte sich zum Flüßchen und strömte dann breit und ruhig durch das Ehebett, die Landschaft der Ufer befruchtend, vor mancherlei Hindernis sich gabelnd, doch, immer rasch wiedervcreinigt. dem Endziele zustrebend. der Mündung in den unendlichen Ozean, in'e Delta des Tode». Nebenflüsse traten hinzu, liebedurchsonnte Freundschaft, des Strome» Kraft vennehrend.» Da kroch aus der Freundschaft die listige Schlange, bot Even al» prangende Frucht eines andern Lieb« dar: sollte es wirtlich dem freien, modernen Weibe verboten sein, Ihrer zu genießen? Konflikte häuften sich und störten heilige Zweieinigteit. Seinen wachen Sinnen ist nicht entgangen, daß von ihm selbst, wie die Pflanze vom Dunkel ab, zu dem„Andern", dem Licht, sie sich hin neigt,— sein flirrender Blick, wie die Morgensonne die Blüte, die Wange ihr färbt,— sein lüstern Lächeln in ihrem Auge wie Mondglanz in der Perle von Tau sich spiegelt,— Verlangen sie zu ihm drängt, wie die Spiellust das Jungpferd auf die Wiese,— die Lieb« zwischen Ihnen glitzernd« Fäden spinnt wie der Spät- sommer zwischen Birken, die gern zueinander möchten und es doch nicht können,— ihre Ha, che sich heimlich suchen, und die Berührung sie durchschauert.— ln bebenden Untertönen Ihrer Stimmen die Liebe singt. Er blickt der Schreitenden in» Gesicht: wie finster, hart, die feinen Brauen zusammengerückt, die Lippen gepreßt. „Strindberg" murmelt er, und„Tatentanz' höhnt sie. Zweifel schnüren sein Herz, das enge: Wissen will ich. wieweit da, tändelnde Spiel nun gediehen: wissen, ob ich in«kliger Dritt- gemeinschaft leb«! Wahrheit soll sein, damit Lüg« und Heuchelei uns nicht vollends verderbe! So schrie es in ihm; doch sein Mund blieb verschlossen. BWl Ungewißheit ihn martert, wünscht er Gewißheit und fürchtet doch, sie nicht tragen zu kÄuie»: war sie ihm doch Weit und Menschheit, Daseins Inhalt und Zweck. Allmählich hatte sie ihm sein Selbst entwunden. Zug für Zug seiner Besonderheit unter- jocht. Ihr zu gefallen, ihr zu genügen, sie zufrieden und glücklich zu sehn, hatte er sich verkrochen ins tiefste Innere, bis er sich selbst nicht mehr wiederfand, alle Leidenschaften erloschen, die eigenen Wünsch« verdorrten, er ganz und gar von ihr allein erfüllt war, ihr Leben lebte, ihre Wünsch« wünschte, ihr Leid litt. Einer Met- nung, eines Sinne», wußte joder, was der andere dachte, einer dachte. einer sprach des andern Gedanken aus. Und Langeweile begann sie zu quälen. Da trat der Freund in ihren Kr«is: eigenwillig, unbeugsam, knochig, sehnig, witzig, von Dust galanter Abenteuer umweht, und roch dabei nach Stall, Wald, Feld und Wiese.-- Tin dunkle» Haustor oerschluckte sie, und alle Angst der Straß« schleifte hinter ihnen brem in die tiefere Finsternis über den Flur, den nassen, übelriechenden Hos, die vielen Treppenstufen hinauf bis in die Wohnung unterm Dach. Armselig Licht über armseligen Hausrat. Auf hartem Bettraird saß sie, das Kinn auf die Fä liste gestenunk .... schüchtern wagte er die Frage, die Frage, die ihm in der Seele brannte. „Laß wicht laß mich!" schrie sie.„Ohrwurm! bohrst mir mein Herz durch und durch!" Angst rief erschütternd an« ihr. Die Wände horchten, da» ganze Haus und die Straße lauschten, und Schatten dürftiger Möbel lagen wi« erstarrt. Die schluchzende Frau füllte dm Raum mit beklemmender Bangigkeit. Er sank vor ihr nieder und umspannte ihren Schoß, flüsterte bebend ihren Namen, rieb wie ein treuer Hund seinen Kopf an ihrem Knie. Aber nachdem der Sturm sich gelegt hatte, redete er In seiner Seelennot vor sich hin: „Ich sehe dunkel schwelende Kerzen an einer Bahre--. Müde frivol«« Spiels, wird er dich abtun, ablegen wir irgend was nach dem Gebrauch, und das wächserne Ideal deiner Liebe wird zerfließen in deinen heißen Händen.— Dann hast du nichts mehr; denn mich hast du heute verloren--." 3n dieser Nacht riß das Band der Liebe. Er löste sich innerlich los von ihr, trat wie au» dumpfer Stube in sternfunkelnde Nacht hinaus in die schrankenlose Einsamkeit. Weimar. Von Ma x P r« l». Zwei Stunden in Weimar. Elektrische Straßenbahnen zerschneiden di«„Atmosphäre". Ein Fabritschlot dichtet in das Strahenbild hinein ein Trtstlchon. Am Fwuenplan da» Goethe-Haus Di« Schaufenster der An- sichtstartenhändler haben einem das Motto eingepaukt: „Warum stehen Sie davor? Ist nicht Türe da und Tor? Kämen Si« getrost herein, Würden wohl empfangen sein". Tür ist da und Tor— von 2 bis 4— und ich will wohl empfangen sein. Der Eintritt tostet öü M.(Bei Schiller, sieb« unten, die Hälfte.) An der Bahnsperre vor der Reis« in ein klassische» Land ein feudaler Billettvertäufer. Dann: aus den Treppen, tn den Sälen uniformierte Bolladenerzähler. Alles feierlich, olympisch. In jedem Raum eine Handvoll Besthauer, die schier«ine Olympiade lang ver- weilen. Unerhört geheimrätlich. Haben nicht heute di« Herzogin zum live ocloclt befohlen? Zwechundert Schritt weiter das Schiller-Haus. Eine liebe, alte Frau empfängt. Wem Goethe zu teuer ist, der spricht für 2S M. bei Schillern vor. Ja. also«ine seine, weißhaarige Frau empfängt. Unkontrolliert steigt man drei sanft« Treppen hman. Einsamtelt.— Ach. auch hier atmet das Requisit, das«rinnerungsgeMte. verklärt« Ding. Iambenluftl Skandierte Seele. Aus Schillers Bett und auf feinem Schreibtisch liegen frisch« Bluinen: Schneeglöckchen, Prie- meln...«in paar früh« Beiichen.— Niemand wird sie anrühren, sie werden hier opfernd welken; niemand sah auch, iver sie spendend streut«. Aus Schillere Schreibtisch liege» Blumen— ach, aus Goethes Schreibtisch müßt« man schon bronzene Lorbeerkränze legen— mindestens Das schön«, junge Fräulein slüstert-- verzeiht, aber das schöne, jung« Fräulein sieht nicht ganz vestalisch aus— flüstert zu dem Geliebten, mit dem sie eben in Schillers Kterbezimmer ist: .Ich würde so gern« die Alpenveilchen, dt« du mir geschenkt hast, hinlegen, aber ich glaube, das wäre unzart." Wie niemand hinsieht, steckt dos Fkaulem die Alpenveilchen sehr heimlich in«ine Nische aus der"Treppe. Keiner wird die Zyklamen dort finden: in Iahren werden sie Staub sein. Das Fräulein hatte ein« jambisch« Minute. Dieses Zimmer umschließt das Deutsche Reich und deutschen Reich- tum. Hier ist nationales Reservat. Auf der Straße ein Zeilungsaushang:„Die Franzosen im Ruhr. gebiet: Neu« Gewalttaten!" Di« Franzosen haben das Ruhrgebiet besetzt. Die Franzosen könnten ganz Deutschland besetzen: sie könnten Weimar besetzen. Ab«r sie können nicht Schillers Sterbe- zimmer besetzen— sie können es nicht— Das vorpariament. Ein« Erinnerung an den Zl. März 1848. vi« Revolution von 1848, die kein« richtige Revolution werden sollte, war in der Idee das Werk von drei Jahrzehnten. Die geisti- gen Führer der Bürgertums sanden allmählich zur Forderung einer allgemeinen deutschen Nationaloersammlung hin. Seit dem Jahre 1889 wurde diese Idee in jährlichen Zusammenkünsten der führenden Köpfe, vor allem Süddeutschlands, gepflegt. Landtagsmitalieder Badens, Hessens Württembergs, Sachsens und anderer Staaten nahmen in diesen gemeinschaftlichen Sitzungen Fühlung miteinander, um den Weg zur staatlichen Einheit Deu'schlands zu finden. Als im Jahre 1847 dies« sährliche Zusammenkunft in Heppenheim an der Bergstraße in Hessen stattfand, war man darüber einig, daß der Schlange Partikularismu» der Kopf abgehauen werden müsse. Mit neuen Treuschwüren, die Sache der Freiheit und der Einheit zu fördern, ging man nach Hause. Neun Monat« später war die fran- zösische Republik geboren. Frische Luft weht« über den Rhein. In aller Eile lronimelten die Bertrauensmänner die alten Zusamnien- künftler nach Heidelberg zusammen, um möglichst rasch in den Gang der Ding« in Deutschland eingreifen zu können. Einundfünszig Männer des Vormärz saßen bereits am S. Mörz in Heldelberg am Tilch und kamen zu folgendem Resultat: Die Regierungen und Völker zusammen müßten die deutsch« Einheit und Freiheit zustand« bringen. Da die alr« Bundesbehörde, der Bundestag, keinen Schuß Puloer wert sei, sei ein« deutsche Nationalversammlung anzuordnen. Bis diese gewählt sei, solle ein« Kommission von sieben Vertrauensmännern erstens eine größere voll- " ständige Versammlung von Vertrauensmännern aus ganz Deutsch« land nach Frankfurt a. M. einladen und zweitens einen Verfasiungs- entwurf für die Wahl des Parlaments ausarbeiten, der dem dann regelrecht zu wählender. Parlament als Verhandlungsbosis vorgelegt werden könne. Diese Siebener-Kommission, von den Radikaleren und schärfer Sehenden später die ,.B ö s e S i e d e n" geiwnnt, arbeitete mit Hoch- druck. An etwa fünfhundert deutsche Kapazitäten erging die Ein- ladung zur Frankfurter Versammlung, der man dann später den Titel„Vorparlament" gab. Am 30. März bereits, noch nicht vier Wochen nach Heidelberg, war dieses halbe Tausend Vertrauens- männer Deutschlands versammelt, darunter bereits alle die, die auch im Hauptparlament hervortraten: Gagern, Reichensperger, Nenedey, Welcker, Mohl, Jordan, Biedermann, Struve, Hecker. Blum, Gervinus, Bafserinann, Dahlmann, die Brüder Grimm, Iocoby, Simon, Uhland usw. Diese» deutsche Vorparlament war ein durchaus revolutionärer Kongreß. Er war nicht durch Wahl zustande gekommen, er maßt« sich— was eben das Zeichen revolulionären Vorstoßes gegen bestehende Mächte ist— autonomisch eine neu« Macht an, die bis dahin noch nicht vorhanden mar. Als dieses Vorparlament am ZI. März 18 4 8 in der Paulskirche, an derselben Stätte, an der die National- »ersainmlunq sieben Wochen später tagte, eröffnet wurde, war die Möglichkeit gegeben, mit einem einzigen energischen MehrhcitS- beschluß die Macht an sich zu reißen. Die deutschen Fürsten wären in diesen ersten Wochen nach den Wiener und Berliner Kämpfen einer solchen Situation nicht gewachsen gewesen. Sogar der Prinz von Preußen, der, wie später sein Enkel, in der Stunde der Gefahr fliehenderweise seinen Mut bewiesen hotte, hatte ln London zu Lunsen das große Wort gesprochen:„Man muß jetzt Demut üben: denn die Throne wackeln." Und der Bundestag hatte einen Revisionsausschuß ernannt und bat um Beiräte Doch es kam anders. Bereits die Eröffnungssitzung bewies, daß an eine einheitliche starke Aktion dieses Vorparlaments nicht zu denken war. In der ersten Stund« prallten Monarchisten und Repu- blikaner zusammen. Doch war diese lachliche Differenz lange nicht so bedeutsam wie die Debatte, die am Nochmittag des 31. März über die Kompetenz der Versammlung und daran anschließend über ihre P« r m a n r n z« r k l ä r u n g stattfand. Geradezu rührend ist es, die stenographischen Berichte zu lesen. Die Majorität dieser Männer, die sich selbst an die Spitze der Einhcits- und Freiheitsbewegung gestellt hatten, grub sich selbst das Wasser ab, indem sie erklärte, lie je i nicht„kompetent", Beschlüsse zu fassen! Sie siegten auch in der Frage der sundomentai-ioichtigen Per- manenzerklärung dcs Vorparlaments, die Hecker in einer scharfen Rede als A und O der neue« politischen Machtsetzung erkannte. „Wenn wir uns nicht in Permanenz erklären", sagte er. den d e bürgerliche Geschichtsschreibchig glücklich zu einem Phantasten gestempelt hat, mit tiefer Erfassung der politischen Situation,„und nicht die einzige Drohung, die un» aus legalem Wege zu Gebot« steht: die des Beisammenbleibens gebrauchen, so haben wir die Sache der Freiheit um fünfzig Jahre zurückgeschoben." Er wußte, daß in dem Moment, in den, da» Vorparlament wieder auseinander ging, ohne daß die endgültige Nationalversammlung durch Wahl zu- sammengebracht war, der hilflos geworden« Bundestag die Macht wieder in die Hand bekam und die Einzelregierungen erneut ihre partikulorstisch-dynastischen Zwecke voranstellen würden. Mit 388 gegen 143 Stimme» wurde die Permanenzerklärung abgelehnt. Da aber selbst die Kompetenzzweisler ahnten, daß man irgendwie eine Verbindungsbrücke zu ter zu wählenden Nattonalversammiung schlagen müsse, so kam der lahme Kompromiß einer neuen Kam- Mission zustande. Diesmal war es ein Fünfziger-Ausschuß, der die vorbereitenden Arbeiten für die Nationalversammlung besorgen sollte. Man war also im Grunde nicht einen Schritt weiter g«. toinmen als in Heidelberg, als man noch sechs Tagen, am 4. April, das Vorparlament schloß. Man war zu einem großen revolutionären Schlußakt nicht gelangt. Dies sollte bittere Folgen haben. Als am 18. ütöai die auf Anordnung des Bundestags durch Wahl zustandeaekommene Ratio- n a l v e r I a m m l u n g in der Paulskireh« eröffnet wurde, hatten sich die Fürsten von ihrem ersten Schrecken längst erholt. Preußen und Oesterreich tchlossen den schimpflichen Vertrag von Malinö, den das Parlament nicht anerkennen wollte. Preußen und Oesterreich. auf ihre Armeen gestützt, kümmerten sich den Teufel um den Protest de« Parlaments. Friedrich Wilhelm lehnte die angetragene Kaiser- kröne ab, da er sie nicht von Volkes Gnaden, sondern nur aus den Hände» seiner Gottesgnadengenosien annehmen wollte. Ansang November war die kroatisch« Soldateska Herr von Wien, am 19. November zog Wrangel in Berlin ein. Der preußische Landtag flog in die Lust. Ein halbe» Jahr daraus folgte ihm die National- Versammlung. Die Reaktion stand Mitte 1849 bereit« wieder m schönster Blüte. Frühlings Crwachen ln öer Tunöra. Bon E. M ir s k y, Ieniffeisk. Di« Natur bereitet sich auf den Frühling vor. Das heißt sür euch in deutschen Landen; nun grünt bald Wald und Wiese und duften bald die Blumen und enthüllen ihre Farbenpracht, nun hallt bald Feld und Hain vom lustigen Gesang der Vögel. Nicht überall hat der Frühling ein solches Gepräge, sondern ein traurig- melancholischer Frühling ist es, ein Frühling, der nicht zur Freude komme» kann, weil ihm kein richtiger Sommer folgt, weil da, wo in Deutschland eine höhere Wörme mit ihrer reifenden Kraft ein- zieht, bei ihm schon wieder, Ende Juli, das Eis einsetzt— der Frühling der Tundra. Die Tundra uinfaßt den ganzen Nordrand Sibiriens, der aller- ding» noch nicht zur Region des ewigen Eises gehört, abet ihr doch sehr nahe verwandt ist, ein Gürlel, der eine Breite von mehreren hundert Kilometern hat. Immerhin einen Frühling hat auch die Tundra, besonders im Vergleich zu ihrem Winter. Denn im Winter ist sie nur eine unabsehbare Wüst« von Schnee und Eis, ein Reich des Schreckens und des Todes. Wo die Kälte häufig schon im September da» Quecksilber im Thermometer derartig gefrieren macht, daß e» gehämmert lverden kann, da erstirbt alle» Pflanzen- leben, und nur wenige Tierarten, die spezifischen Tiere de» äußer- sten Nordens, wie Rcnntiere, Baren, Wölfe können sich halten. Aber auch sie sühren ein karges Leben, und wehe ihnen und weh? noch mehr dem Jäger— die Samojeden, wie olle die übrigen Rand. Völker, die Ostjaken, Tungusen, Jakuten sind Jäger aus Not—, der ooltt wilden Steppenschneesturin ersaßt wird! Wer»In Bild von der Gefährlichkeit solcher Schneestürme, selbst in weit südlicheren Gegenden Rußlands, erholten will, leje nur Tolstois kleine Erzäh- luiig„Der Schneesturm", und diese„Metjeli" sind nur die kleinen Brüder von dem sehr, sehr großen Steppenschneesturm. Mensch und Tier sind unrettbar verloren. Doch auch ettvas wahr hast Schöne». Erhobenes birgt die winterlich- Einöde der Tundra. Es ist ein herrliches Schauspiel, ivenn das hier so häufige Nordlicht seine Strahlengarben über den dunklen Nachthimmel wirft und die groß» Schneewüste in Purpur und Rubin funkeln läßt. Der Frühling wirkt indes Wunder auch in der Tundra. Der Schnee löst sich, der Eisponzer wird gesprengt, die Todesste>rre ge- brachen. Die mächtigen Flüsse, wie Ob, Ienissei, Lena, die mehrere Meter tief gefroren waren, zerbersten ihre l�ismassen und fluten wieder in starkem Laufe. Der vereiste Moorböden beginnt zu tauen, fre.iich nur einige Zentimeter tief: weiter reicht die Kraft der Sonne nicht. So können die geschmolzenen Schneewasier nicht in die Tiefe dringen und es bleiben Seen, größere und kleinere. Tümpel, Rinn- sale, Sümpf- Zliruck. Aber da, wo das Wasier nicht steht, treibt die Natur zur Blüte. Freilich da» Auge sucht vergeblich nach einem grünenden Baum oder auch nur nach einem höheren Geskränch: die setzten Wurzeln voraus, welche weiter in die Ties« dringen, und daran hindert, wie gesagt, da» sich nie auslösende Grundeis. Doch der Frühling will sein Recht, die unabsehbare Fläche bedeckt sich, soweit sie eben Land ist, mit dichtem, leuchtendem Moos, mlt Gros, darunter viel Wollgras, mit Flechten an dem nackten Gestein, mit bunten Blümchen: an festeren Stellen wächst der höher« Wachoi- der, tauchen Sträucher mit kleinen Beeren aus, steht niedriges Ge- büsch im grün«» Kleid— kein überwältigentes Bild, aber doch reizvoll, wenn man so die tote Einöde plötzlich voll Leben sieht und den großen, grünen, leuchtenden Teppich durchzogen mit blauen, weißen, roten, grauen Blumentupfen. Auch w der Tierwelt wird es lebendig. Es herrschen nicht allein Bär und Wolf, sondern vom Süden her kommen zahlreiche Scharen von Enten. Gänsen, Schwänen und anderen Wasiervögeln; !ie treten bisweilen in solchen Mengen auf, daß von ihrem durch- »ringenden Gekreisch und Geschnatter in den Lüsten das Ohr des Jägers betäubt wird. Aus den weiten Rasenflächen tummeln sich die Nenntier«, die wilden wie die gezähmte»! sie spielen eine außer- ordentlich wichtige Rolle für den Samojeden, den Tungusen, für alle Nordvölker. Nicht allein, daß sie ihnen als Zug- und Reit- tiere dienen— sie jagen mit unglaublicher Schnelligkeit dahin—, sie schaffen ihnen auch ihre ganze Existenz durch ihr« Milch, ihr Fleisch, ihre Knochen, ihre Geweihe, �uis denen diese Jagdvölker Angeln und Fischspeere machen, ihre Sehnen, die als Zwirn ver- wendet werden, ihre Felle, die ihnen Kleidung gebe». Es durch- ziehen die Steppe auch Unmengen von.�afen und Mardern und dann die von uns so geschätzten kostbaren Pelztiere des Transurals, die Hermeline, die Schwarz-, Blau- und Silberfüchse, und vergessen wollen wir nicht, weil es ein Naturwunder ist, hier huscht im Moos und Steinicht die sibirische Spitzmaus, das kleinste Säugetier der Erde. Die Flüsse sind überaus reich an Fischen— in den Flüssen von ganz Sibirien steckt ein noch ungehobener riesiger Schatz. Das viele stehende Wasser, die Sllmpse, der Morast locken aber auch eine furchtbar« Plage herbei, der lelbst die Eingeborenen kaum gewachsen sind, die für den Reisende» aber geradezu unerträglich ist: Myriaden von Mücken und Bremse», die bisweilen in solchen Schwärinen zu- sammengeballl sind, daß sie den Himmel vollkommen oerdunkeln. So sieht der Frühling m Nordsibirien aus, dieweil bei euch des Flieders Knospen springen und die Primeln blühem Strinöberg im Miauen Turm". Aus den Erinnerungen von Fanny Falkner. Slrindberg hat von der Ehe gefordert, daß sie ihn„mit der Menschheit durch das Weib veriöhn«", und drein, al ist er an dem Versuch, dieses Ideal zu erreichen, gescheitert. Wahrend die Ge- schichte dieser drei Ehetragvdien in seinen Werken mit so schonungs- josem Bekennerdrang dargestellt ist, wußten wir bisher von feinem vierten Versuch einer„Versöhnung mit der Menschheit durch das Weib" sehr ivenig. Und doch hat der Sechziger noch einmal die feste Absicht gehabt, die von ihm so furchtbar empfundenen Ehe- banden �>us sich zu nehmen. Es war eine Zwanzigjährige, mit der er sich»erlobte: die Nialerin und Schauspieierin Fanny Fat k- Ii e r. Er kam zu dem Mädchen in nähere Beziehung, indem er in das Haus zog, in dem die Familie Falkner wohnte, und sich bei Fannys Mutter in Pension gab. In diesem Haus, das er den „Blauen Turm" lauste, hat er noch einige Jahr« glücklichen Schaffens verlebt, und Fanny trug nicht wenig zu der milden, müden Heiterkeit seines Herbstes bei. Er lebte mit ihr und mit der Familie S vertraut, wie es bei einem sochen mißtrauischen Fanatiker der rbeit möglich war Er bringt Fanny zur Bühne, nennt sie sein „Ostermädchen", weil sie sein Bild von der Heldin des Dramas „Ostern" verwirklicht«, studiert mit ihr die Hauptroll« in„Schwanen- weiß" ein, in der sie große Erfolge erringt. Sie wird sein«„««kre- tärin", er läßt sich von ihr malen, und schließlich nach einer langen Zeit des aufreibenden Anziehens und Abstohens, während deren auch sie unter dem dämonischen Zauber des Genies steht, verlobt er sich mit ihr. Aber Fanny konnte sich nicht entschließen, den ge- alterten Dichter zu heiraten. Der Altersunterschied war zu groß. Ihre Beziehungen zu ihm Hot sie später in einer Schrift„Strind- berg im Blauen Turm geschildert, die jetzt in der Ueber- tragung von Emil Schering bei Georg Müller in München erscheint. Die Eindringlichkeit der Beobachtung und die schlichte Ehrlichkeit der Darstellung niocht dies Buch zum wichtigsten Zeugnis von den letzten Schoifensjahren des Dichters. Mit allen Einzelheiten Hai sie seine Lebensweise Im „Blauen Turm" erzählt.„Am 10. Juli 1908 zog Strindberg in den „Blauen Tunn". Alles, was er aus seiner Wohnung im„Roten Hause" mitbrachte, waren einige Koffer mit Büchern. Photographien und Kleidern, die fast alle ans den Boden kamen. Die Möbel hatte er irgendwo in Berwahrung gegeben. Er schien übel daran zu sein, als er zu uns kam: leidend, qualvoll, schlecht gepflegt und abgetakelt. Er gab sich auch als krank und müde aus und sprach von Krämpfen. die nach seiner Ansicht von Krebs herrührten. Er hatte es sicher nicht gut gehabt unter seinen vielen wechselnden Diensimädcheii. Die Tagesordnung wurde sofort bestimmt, bis in jede Einzelheit. Er ging sehr früh spazieren: nachdem er eine Tasse Kaffee getrunken hatte. Etiva um acht Uhr kam er zurück und setzt« sich sofort an den Schreiblisch. Dann arbeiieie er bis elf. bis ihm das Frühstück heruntergebracht wurde. Es bestand auf seinen Wunsch nur aus einigen Buttcrbrödchen mit Anschovis und Nenntierbraten. Als Strindberg in den„Blauen Turm" einzog, hatte ei die Vorstellung. ein spartanisches Leben werde ihm gut tun. Er begann auch mit diesen drei Butterbrödchen mit einfachem Belag: als aber mein« Mutter dielen Belag immer appetitlicher machte, gelang es ihr auch allmählich, die Ration zu vergrößern, und es zeigte sich, daß es ging. Die Folgen blieben nicht aus. Strindberg lebte wieder auf, wurde ruhiger, munterer, setzte so viel Fleisch an. daß der Schneider leine Anzüge weiter machen muß!«. Daß sein Interesse für das Häusliche stieg, drückte sieh u. a. darin aus, daß er Tischzeug, Silber, Kassceservic« einkaufte. Einen Kajfeekocher hatte er bereits: den b«. nutzte er jeden Tag für seinen Morgenkaffee, den er von keinem anderen kochen ließ. Strindbergs Neigung zu asketischer Lebensart, die er am Anfang dieser Epoche zeigte, hing sicherlich damit zu» sammen, daß er sich wirklich krank fühlte. Es ist jedoch möglich, daß dieses G«fühl zum Teil auf Einbildung beruhte— er hatte eigentlich nichts dagegen, sich gequält zu fühlen, der zu sein, der die größten Schmerzen zu tragen hatte. Ueber den Arbeitstisch, der groß und bequem war, breitete sich eine von den orientalischen Decken aus, die früher in Stockholm von umherwanderNden Süd« ländern verkauft wurden. Diese Decke nahm Strindberg fort, um sie an die Wand vor dem Schreibtisch zu hängen, dann kaufte er sich selbst eine andere in mehr.grobischem Stil, die er auf den Tisch legte. Er hat selbst erklärt, dieser einfach« Wandbehang, den er beständig vor Augen hatte, habe seine Gedanken auf die alten Ge- schichten von„Abu Eafems Pantoffeln", geführt und ihn zu dem Märchenspiel mit diesem Titel inspiriert. Dies« Arbeit war die erste, die er in seinem neuen Heim ausführte. Von meinen kleinen Ge» Ichwistern lieh er, was sie von„Tausendundeiiier Nacht" besaßen:«r kaufte sich mehrere Bände der Bibliothek„Saga", darunter einige deutsche Märchen." Strindberg verkehrte mit der Umwelt am liebsten schriftlich und schrieb auch dem jungen Mädchen, das ihm besonders nahe stand,' täglich„Promemorias. Di« innere Spannung, in der sich sein un- ermüdlich schassender Geist stets befand, strahlte eine nervöse Unruhe um ihn aus: auch war er außerordentlich mißtrauisch.„Mit allen leinen großen Zügen legte er Kleinigkeiten oft eine Bedeutung bei, die bestürzte. Alles in feiner Nähe wurde leicht unruhig. Er war ganz unberechenbar. Darum wußte man niemals, was kommen würde, wenn er im Telephon läutet«, oder wenn man in fein« Tür trat. Immer hing über unseren Köpfen die Gefahr, daß er eine» Tage« all« um sich vernichten könnte. In Geldsragen war er auch unberechenbar Doch muß man sagen, daß er äußerst sparsam lebte. Einst überraschte er uns durch eine Kart« mit folgendem kräftigen Inhalt:„Wo ist meine Wäsche und mein Silber? Ich kaufte für 12S Kronen, als ich hierherzog." Ms Antwort bekam er eine Ab» Handlung, die ihn aufklärte. Das SiI6er würde sich auf feinem Platz im Büfett wiederfinden, sobald e» geputzt worden sei, was nach einem eben abgehaltenen Festessen geschehen müsse. Von der Wäsche lieg« soundso viel im Schrank, dos übrige fei bei der Wäscherin. Diese nicht unwesentlichen Einzellheiien hatte er ganz übersehen bei der strengen Revision, die er plötzlich vorgenommen. Wenn eine Idee bei ihm entstand, mochte es sich um etwas Großes oder Kleine» handeln, wurde sie sofort in Handlung umgesetzt, rücksichtslos, im» pulsio, ohne daß er daran dacht«, wie dieses Vorgehen auf andere wirken'könnte.... In der Frage des Aufräumens konnte er raffi» nierte Methoden erfinden, um den zu erreichen, den er für den Schuldigen hielt. So fiel es ihm ein, aus der obersten Latte einer Jalousie einen Knops anzubringen, um zu sehen, ob es dem ge- lang, sich die Aufmerksamkeit der Aufwärterin beim Staubwischen zuzuziehen. Da all« Fenster und Balkontüren Jalousien besaßen, so war es wohl zu verzeihen, wenn eine Lotte übersprungen wurde und der Knopf unberührt blieb. Denselben Trick wandte er beim „Grünen Sack" an, wie jp den Schrank mit grünen Glasscheiben nannte, in dem er seine wissenschaftlichen Manuskripte verwahrte. Er legte einen Knops auf den Schrank und sah später nach, ob er liegengebliel'en war Falls er die Sache humoristisch genommen hätte, könnte man diesen Kunstgriff als unschuldige Zerstreuung de- zeichnen, aber das war kaum der Fall. Sein gutes Herz zeigte sich auf andere Art. Besonders gegen die vielen Armen, von denen er heimgesucht wurde, und die er sein» ..Kunden" nannte. Unter den Günstlingen befand sich eine Madam Nilssan, die so groß und dick war, daß sie kaum Platz im Fahrstuhl hatte. Sie stellt« sich eines Tages«in, als wir noch nicht wußten, daß sie zu den besonders Begünstigten gehört«. Da Strindberg gerade ruhte, baten wir sie, etwas später am Nachmittage wieder» zukommen. Als er hörte, daß sie dagewesen sei und ihn habe sprechen wollen, rief er aus:„Potztausend, ein« Kundin! Die dürfen Sie nicht ohne Hitse gehen lassen!" Dann steckte er fünf Kronen in einen Umschlag für die Alte. Weihnachten wurde immer ein« Reihe> Umschläge mit Geld an dies« Kunden verteilt. Unter ihnen befand sich ein origineller Mann, der Aldion hieß und behauptete, ein' Schulkamerad von Strindberg gewesen zu sein. Er soll früher i Strindberg geholfen haben und auch anderen Dichtern. An einige von diesen wurde er von Strindberg empfohlen, um Mannskripte> für die Bühne abzuschreiben. Man kann nicht sagen, daß Strindberg gab, ohne zu prüfen: und er glaubte sicher nicht all die Geschichten, die ihm ausgetischt wurden. Im Gegenteil gebot er uns, diesen Betrügern nicht zu glaiCbcu, die sich für seine Schulkameraden aus- gaben, um etwas Geld oder abgelegte Kleider zu erpressen. Ost konnte es auch geschehen, daß er Mina morgens in die Stadt schickte, um vornehmeren Kunden Geschenke zu bringen. Zuweilen gab er rücksichtslos seine Kleider fort. Einst konnte er seinen ollerseinsten Anzug nicht finden. Er schlug gewaltigen Lärm und sprach heslig« Beschuldia ungen aus. Natürlich war der Anzug gestohlen worden. Da kam Mina auf den Gedanken, er habe ihn vielleicht selbst mtt alten Sachen zusammengepackt, die sie ihn hatte fortgeben sehen. Sie erinnerte sich sogar, wer dieses Paket erhalten hatte. Man schickte zu dem Betreffenden. Der war sehr enttäuscht, als ihm der elegante Anzug wieder abgenommen wurde. Nach dieser Lektion zeigte sich der freigebige Echenke-r iehr verdutzt, hat ober keineswegs um Entlchuldigung: äußerte auch kein versöhnendes Wort über die Umstände, die er gemacht hatte." Altersgrenze der menschlichen Intelligenz, lieber das Alter, in dem die geistig« Leistungsfähigkeit der Menschen sich der absteigenden Richtung zuwendet, sind sich die Gelehrten durchaus nicht einig. Di« Jugend insbesondere ist nnr allzusehr geneigt, die Ausgeglichenheit und Mii&igung, in der da» Alter die reis« Frucht einer reichen Lebenserfahrung sieht, als Zeichen seniler Schwäch« anzusprechen, und sie sieht sich in dieser Annahm« durch eine wissenschaftliche Strö- tmmg gestützt, die das 40. Lebensjahr als die Altersgrenze der menschlichen Geisteskraft angeseben wissen will. Den, gegenüber ver» weisen andere darauf, daß ganz im Gegenteil die Mehrbeit der G«. lehnen, Schriftsteller und Mnstier ihre Meisterwerk« erst im vorge- rückten Lebensalter geschaffen haben, ein Hinweis, der durch«in« Reih« berühmter Beispiele«in« überzeugungskräfttge Unterstützung erhält. So war beispielsweise Galilei bereits(50 Jahre alt, als er fein« großen wissenschaftlichen Entdeckungen machte. Im gleichen oder noch höherein Alter malte Tintoretto sein„Pawdies", Tizian „Benus und Adonis", koinponterte Berdt„Othello" und„Fafstaff", beendete Goethe den zweiten Teil des„Faust", schrieb Meyerbeer die „Afrtkanerin", die„Ethik" de» Confucius, das„Weltgericht" Michel- angelos, der„Don Quixote" des Cervantes, Wagners„Parsifal" und die beste Dramen Ibsens sind neiterhin Schöpfungen, die von der unverminderten Schaffenskraft ihrer övjährigen Erzeuger beredtes Zeugnis ablegen. Und zwisiyen öv und 60 Iahren verfaßt« Caesar die„Kommentare" und gab dem Kalender seine endgültige Gestalt, erfand Kepler die Logarithmentafeln und Mors« den Telegraphen, fügt« Hegel am Gebäude feiner Philosophie den Schlußstein ein, komponiert« Verdi die„Aldo" und Wagner die„Meistersinger und den„Nibelnngenring". Und was gar die Meisterwerte anbetrifft, dte ihre Autoren zwischen dem 40. und S0. Jahre geschaffen haben, so ist ihre Zahl so groß, daß man darauf verzichten muß, sie einzeln aufzuführen. Man darf indessen den Bersechtern der These der mit dein 40. Lebensjahr erlahmen«» Geisteskraft gut und gern zugeben, daß es sich hier um Ausnahmefäll« der Genies handelt, und daß sich sonst allerdings mit dem 40. Jahre ein Ruhebedürfnis einzustellen pflegt, das sich bei dem Gros der Menschheit in einem Nachlassen der geistigen Spannkraft zum Ausdruck bringt. Kulturgeschichte Kultur und Rasse. Was du ererbt von deinen Vätern hast, er» wirb es, um es»u besitzen. Unsere Grundeigenschasten kommen aus der Vererbung: unsere Eigenschaften stammen von den Vorfahren. Daneben laufen die Einflüsse der Lebenserfahrung, des Milieus, der Erziehung de» einzelnen Menschen. Das Verhältnis dieser beiden Gruppen von Einflüssen ist eine alt« Frage. Ist es wohl möglich, durch Erziehung einer Generation auf die Anlagen der späteren Generation einzuwirken? Die Frage wird jetzt von den Biologen durchgehend im verneinenden Sinne beantwortet Durch Erziehung ist die Rasse nicht erblich zu verbessern! Unsere Kinder kommen nicht mit besseren Anlagen zur Welt als ihre Vorfahren vor vielen tausend Iahren. Unser« ganze Kultur muß also von jeder neuen Generation von neuem erworben werden. Die Völkererzichung hat nicht jene berühmte Eigenschaft, die dem Lehrer als Ziel vorschwebt, nämlich sich selbst mit der Zeit entbehrlich zu machen. Diese Er- kenntnls hat ohne Zweifel etwas Niederdrückendes. Was nutzt unsere ganz« Kultur, unser ganzes Streben, wenn wir uns sagen müssen: e» leben immer wieder dieselben Menschen, wir erzielen keine Veredelung de« Ganzent Aber der Wert der Erziehung des einzelnen Menschen wird durch diese Betrachtung nicht vermindert. sondern im Gegenteil ausiorordcntlich gehoben. Die Erziehung er» scheint al» der Grundpfeiler, aus dem unsere ganze Kultur beruht. So kann als» ein Volt durch zielbewußte Erziehung in kurzer Zeit, vielleicht ein, zwei Generationen, schnell auf eine Kulturstufe gebracht werden, während man bei einer Kulturvererbung mit einer äußerst langsamen Veredelung durch lange Reihen von Geschlechtern rechnen müßte. Naturwissenfthaft IEir»�C3llB| Metalle in Meerestieren. Daß die Seetiere außer Eisen oft auch Kupfer enthalten, wußte man schon früher. Austern bekommen durch ihren Kupfergehalt manchmal eine deutlich grüne Farbe und einen metallischen Geschmack. Auf das Vorhandensein von Zink In tierischen Körpern ist man erst neuerdings aufmerksam geworden. Eine junge Amerikanerin, MIß Levery, hat letzthin ein große Menge von Seetieren auf ih«n Gehalt an Kupfer und Zink untersucht: Steammonen, Seeigel, Muscheln, Krebse, Fische, Robben und Wal- fische. Diese Untersuchungen sind nicht so einfach, denn das Kupfer findet sich in recht geringen Mengen: 5 Teile im Durchschnitt aus 10 Millionen. Etwas reichhaltiger stellt sich das Zink ein: 4 Teile auf l Million. Man nimmt an, daß das Kupfer im Tierkörper«tn« ähnliche Aufgab« erfüllt wie das Eisen, nämlich die, Träger des Sauerstoffs zu sein, den dl« Körpergewebe benötigen. Ueber die Roll« des Ztnts tappt man dagegen noch im Dunkeln. Manch« Gelehrte»ermuten, daß es irgendwie mit der Verdauung zu tun hat. Es scheint aber, daß das Zink verbreiteter ist al» das Kupfer. Dt« großen Meersäugetiere, z. B. die Walfische und die Robbe», enthielten kein Kupfer, wohl aber Zink. Sonst fanden sich beide Metalle b«! allen untersuchte« Körpern. Die Frag« nach der physio- logischen Funktion der beiden Metalle wird sich schwer beantworten lassen. Man müßt« da länger« Zeit Probefütterungen mit tupfer- und zinkfreier Nahrung durchführen,, was bei den geringen Pro» zentsätzen der Beimischung«Ine äußerst feine Kontrolle bedingt«. In der Praxis wird sich ein solcher Versuch auf längere Zeit kaum durch- führen lassen. Technik Aus der Geschichte des Bleistifts. Von wem die Erfindung des uns heut« so unentbehrlichen Graphitbteistifts stammt, wissen wir nicht: des Erfinders Name ist verschollen und vergessen. Nach einem Bericht von Martell wurden die ersten Bleistift« im Jahr« 1665 tn England bergestellt. Primitive Schreibstifte und Farbstift« kannte man allerdings schon früher, aber erst nachdem im Jahre 1664 zu Borroudal« tn Cumberland ein« Graphitgrub« entdeckt worden war, begann man, den Graphit als Schreibmaterial zu gebrauchen. Di« neeu Graphitgrube scheint auch gleich stark ausgenutzt worden zu sein, denn bald wurde ein Gesetz erlassen, daß die Gewinnung de» Graphits nur sechs Wochen im Jahre erlaubt sei. Auf dem Weg« über Frankreich aelangt« der Bleistift zu End« des 17. oder zu Anfang des 18. Jahrhunderts auch nach Deutschland, wo alsbald Nürnberg der Mittelpunkt der neuen Industrie wurde. Anfang» waren an der Herstellung zwei Gewerbe beteiligt, und zwar die Schreiner, deren Arbeit es war. die hölzerne Einfassung der Stifte zu liefern und in dies« sodann die Graphitstäbchen zu leimen, und die sogenannten Schroter oder Bleirveißschneider, denen dl« Bearbeitung des Graphits oblag. Beide Handwerker führten den Namen der„Bleyweißstoffmacher", aber keines der beiden Gewerb« galt als selbständig. Es dauerte daher nicht lange, so entstand unter den Schreinern und Schrotern ein ganz erbitterter Kampf, der sich jahrelang hinzog, bi» endlich im Jahre 1731 die Bleistiftmache ret al» selbständiges Handwerk erklärt wurde. Zunächst gab es aber noch sehr strenge Gesetze für die Bleististmacherei. So dursten z. B. nur die eigenen Söyne des Meisters in der Werkstatt beschäftigt werden oder die Söhn« anderer Bleist'stmacher. Ebenso war es untersagt, daß Frauen sich an der Bleististmacherei beteiligten oder die Arbeit als Heimarbeit vergeben wurde.— Außer den zunftgemäß innerhalb der Stadt Nürnberg arbeitenden Bleistiftmache rn tauchten nun ober allgemach auch außen vor der Stadt Bletstiftmacher auf, und diese hatten den Vorteil für sich, daß ihr Gewerbe keiner polizeilichen Beschränkung unterlag. Diese„Stümpier"— so nannte man sie— waren ein großer«chaden für die alteingesessenen Nürnberger Meister. Endlich gestattet« man Im Jahre 1785 auch den Stümplern die so lang« versagte Aufnahme in die Zunft, und nun erst aelangt« die Bleististsabritation auf ihren Höhepunkt. Zu den Sl»nplern e hörte übrigens auch der Gründer der später so derühmten Bleistift- drik, der Bleistiftmacher Anton Wilhelm Faber. Seitdem t sich die Bleististfabrikation längst über die ganz« Welt verbreitet: allein das Berdlenst, die deutsche Bleistiftindustrie als ein Vorbild für die ausländische auf ihre heulig« Höl>« gebracht zu haben, gebührt gleichwohl für all« Zeiten der alten Reichsstadt Nürnberg und ihren „Bleyweißstistmachern". Die Fehler und Irrtümer eines Volkes haben immer etwas Ehrwürdiges. Eine Pflanze mit tausendjähriger Wurzel kann wohl ungenießbare oder giftige Früchte bringen, aber Untraut ist eine solche Pflanze nicht zu nennen. Börne. die bayerische Justiz drückt ihr rechte» Auge zu. während sle«ach link» barmherzig die Wohnungsnot lindert,