Nummer 17 tM. ilnkerhaltungsbeilage öes Vorwärts SMprilm? Das Kreuz öer Ehrenlegion. Von Henri Barbusse. Durch einen überraschend geführten Schlag drangen wir in das Dorf Karatou(oder so ähnlich) ein. Es waren nur Frauen, Kinder und Greise daheim. Alle Krieger Loiobes(so ungefähr nannten sich die Scidenaffen, aber beschwören kann ich es nicht) waren zufällig an diesem Abend aus die Jagd gegangen. Dank der dichten Dämmerung und der Tatsache, daß einer der unseren in aller Stille einen Hanswurst mit einem Gesicht voll Runzeln gleich einem alten gewichsten Schuh niedergeschlagen hatte, der, nahe der Einfriedigung hockend, das Dorf zu bewachen glaubte, konnten wir bis zu den Anfängen des Hauptplatzes herankriechen, ohne die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Hinter den Hütten verborgen, machten wir unsere Gewehre fertig und legten an, um aus unserer gedeckten Stellung alle diese nichtsahnend«» Schatten niederzuknallen, die auf der Erde und den Steinen herumhockten oder hin und her gingen. Gerade vor mir saßen auf einer Bank gegen eine Wand ge° lehnt zwei Neger, unbeweglich und stumm, einer ganz nahe beim anderen, und einer dem anderen ganz gleich, und ich fragte mich, was sie sich wohl alles nicht sagen mochten... Das Siznall Von allen Seiten zugleich brach das Knallen unserer Gewehr« los Es war schnell geschehen; alle diese schwarzen Schatten wurden in zwei Minuten zu den Vätern geschickt; man hätte fast glauben können, die Erde hätte sie verschlungen oder sie seien fortgeflogen und hätten sich verflüchtigt wie Rauch. Gewiß, ich gestehe, daß wir die paar überlebenden Neger und Negerinnen, die wie Ratten in ihren Hütten hockten und so unserem Gewehrfeuer entronnen waren, ein wenig unsanft hinüber be- förderten. Diese Ausschweifungen, im Kriege ganz natürlich und menschlich, waren durch die Sicgessreude entschuldigt und dadurch, daß wir betrunken waren— weil wir im Frauenhaus ein Fäßchen Zuckerbranntwein entdeckt hatten, das durch irgendeinen erbärm- lichen englischen Händler den Lolobes verkauft worden war. Was mich anbelangt, so muß>ch zu meirwr Entlastung sagen, daß ich nur eine außerordentlich wirre Erinnerung an das habe, was vor- ging. Doch, trotzdem, eine Einzelheit! Die zwei Wilden, die mir gegenüber gesessen hatten, während ich mein Gewehr lud und von denen ich einen aufs Korn genommen hatte, die sah ich wieder: ich fiel fast über sie. Zu Füßen der Bank, auf der sie sich noch vor einem Augenblick so komisch ongeschwjegen hatten, bildeten sie einen einzigen Leichnam. Es waren ein kleiner Neger und eine kleine Negerin, eins ans andere geklammert und gekrampft wie zwei Hände... Zwei Liebende! Di« Sachs ging mir wider meinen Willen nach in einem Maße, daß ich im Laufe dieses historischen Abends nicht umhin konnte, ein paarmal darüber zu scherzen. Dann ist in meinem Gedächtnis olles durcheinander: die Orgie, unser Geschrei, unsere Tänze, unsere Grimassen und unsere Be- wegungen und plötzlich ein schorser Schmerz im Schädel... Ich falle... Nichts mehr. Erst sechs Wochen später kam ich wioder zur Besinnung, im Spital zu St. Louis: eines Morgens öffnete ich die Augen in einem weißlichen Raum, in dem es nach Jodoform roch. Man berichtete mir nach und nach, in Neinen Dosen, was sich ereignet hatte: Unsere Kolonne halte sich untlugcrweis« in dem eroberten Dorf verspätet und war auf dem Platze eingeschlafen So hatten die Krieger Lolobcs, als sie zurückkamen, all« die unseren, alle, bis auf den letzten Mann, getötet. „Und ich?" machte ich. Man erklärte mir, daß ein Zufall mich gerettet habe: der Einsturz einer Hütt«, deren Trümmer mich zu Boden geschlagen, aber auch verborgen hatten. Am folgenden Tag hatte das Gros der Expedition das Dorf wieder in Besitz genommen und dem Erdboden gleichgemacht, alle Lolobcs getötet und mich an den Füßen unter den schützenden Trümmern herausgezogen. ... Aber es kam noch schöner: der Gouverneur trat an mein Bett, um mir anzuzeigen, daß ich zum Ritter der Ehren- legion ernannt worden sei. Alle meine Kameraden tot. ich aus- gezeichnetl In unaussprechlicher Aufregung und ungetrübter Glück. seligkeit schlief ich an jenem Tage ein. Ich brauchte nicht lange um gesund zu werden: ich hatte solche Eile, mit dem Kreuz, das ich erworben hatte, in mein Dorf zurück- zukommen! Ich baute Luftschlösser, in denen ich mir vorstellte, was für Gesichter sie alle machen würden: Vater, Mutter, Nachbarn. Meine früheren Freunde, die arme Kerle geblieben waren, würden nicht wagen, mit mir zu sprechen: der Werkmeister der Fabrik würde mit mir Brüderschaft trinken. Wer weiß, ob nicht sogar das reiche Fräulein Mounier, trotz ihres Alters, einwilligen würde mich zu heiraten! Der heiß ersehnt« Tag kam heran: an einem Julimorgen landete ich in Villeneuve, das Bein nachschleppend, den Kopf hoch. mit meinem alten Mantel und meinem neuen Kreuz. Welcher Empfang, meine Herren! Der Bahnhof war voll- gestopft mit Musik, und es gab eine Reihe Ehrenjungfern, von den kleinen, die zum erstenmal kommuniziert, bis zu den großen, heiratsfähigen, mit Fahnen und Blumensträußen. Ein in einem zu engen Gehrock eingezwängter Mann, so rot wie eine Kuh, be- grüßt« mich mit einer Rede, als ich noch auf dem Trittbrett stand, und der Herr Gras von Vilvert, dem das Schloß gehört und der im Jagdkostüm war, lächelte inir zu. Die Leute pufften sich, stießen sich, einander zurufend:„Da ist erl", so wie man schreit:„Es lebe der König!" Und in der Menge blähten sich mein« Eltern, in Sonntagsgewändern fast unkenntlich. Man schleppte mich zum Frühstück ins Rathaus: vorher wur- den Ansprachen geholten und nachher. Bei alledem war nur die Rede von mir. Man nannte mich„den glorreichen Ueberlebenden von Karakou", den„Helden von Senegal". Man erzählte mir meine Tat in zwanzig verschiedenen Fassungen, mit einer gewissen Art, plötzlich Dinge wie Frankreich und Zivilisation damit zu ver- mischen... Schließlich fand ich mich allein in der Abenddämmerung, nahe den Fabriten. Ich folgte dem Pfad, der rund um die Kirche führt, um heim- zugchen. Obwohl die Nacht hereinbrach, blinzelten meine Augen wie geblendet, und meine Füße waren schrecklich schwer. Ich hatte einen leeren und hohlen Kopf, und trotzdem quälte mich etwas... ... Da sah ich bei einer Wegbiegung im Halbdunkel auf der Bank einer Hütte zwei Wesen nahe beieinander sitzen. Sie mußten sich bei der Hand halten, sie sprachen nicht; aber sie schienen sich diesem gegenseitigen Stillschweigen wie einer wichtigen Sache hin- zugeben. Man sah im Abendnebel nichts weiter von ihnen, als daß sie menschlicke Gestalten hatten und daß sie Besseres als Worte tauschten. „Ahl" machte ich und stand von neuem still. Und sogleich sah ich, die Augen starr auf diesen dunkeln Winkel des Dorfes gerichtet, ein anderes Dorf vor mir, das jetzt vernichtet, mit all' seinen Bewohnern vom Erdboden verschwunden war, vor allen Dingen aber mit diesen zwar kleinen schwarzen Geschöpsen, die zusammen vor mir gezuckt halten, und von denen ich nichts kannte als ihre Menschenfonn und ihr umschlingendes Schweigen... Und dieses schwarze Paar glich in der Vereinfachung der Nacht genau diesen beiden Schatten da. Diese Schatte», diese Neger... Es war wirtlich einfältig, Zusammenhänge zu sehen... Aber ich sah sie. Wenn man zuviel gettunken hat, wird man sozusagen unschuldigen und einfachen Geistes. Und ich mußte ordentlich betrunken sein, denn dieser spaß- hast« Vergleich, der mich hätte lachen machen sollen, machte mich � weinen, und ich griff nach meinem Kreuz, nahm es ckon der Brust und verbarg es schnell wie ein gestohlenes Gut In meiner Tasche. (Aus der Novcllensammlung„Wir Anderen", M. Pascher- l Verlag, Zürich.) Ein techm'sther Usbermensth. Von R. France. Man hat als das größte Erfmdergenie aller Zeiten den Anieri- kaner T h. E»d i s o n bezeichnet, nicht wegen der Bedeutung seiner Erfindungen, sondern wegen der großen Zahl erfincerischer Ideen und der icchnischen Vielseitigkeit dieses Kopfes. An sich dereicherten ein L i e b i g durch die Erfindung des Kunstdüngers, oder Solvay durch feine Verbesserung der Sodafabrikation oder Haber durch den Luftsiickstoff die Menschheit mehr als Edison, besten Kopf die Erfindungen entsprangen, wie man Telegraph, Telephon, Mikro- phon, Glühlampe, Phonograph und Kinematögraph verbessern könne. Trotzdem aber muß unser Geschlecht den Ruhm, das besonders erfindungsreiche zu sein, abgeben an ein« Gestalt langvergangener Jahrhunderte, deren festgefügter Ruhm auf ganz anderen Gebieten längst feststeht und die gewissermaßen nur als Liebhaber den tech- nischen Erfindungen nachging. Das ist der Italiener Leonardo da Vinci, wenn man dein merkwürdigem Buche vertraut, das der bekannte technische Sll>nftsteller F. M. F e l d h a u s*) über ihn als Ersinder in die Welt sendet. Gewöhnlich wird dieser iNS2 geborene Künstler als Maler be- zeichnet und wenn inan seine durch den seinerzeitigen Diebstahl noch mehr als durch ihre Schönheit berühmte„Monna Lisa" betrachtet, wird man zuaebcsi, daß Leonardo mit den ersten Meistern des Pinsels für olle Zeiten wetteifern kann. Aber ebenso bedeutend scheint er als Bildhauer gewesen zu sein, wenn sich auch auf diesem Gebiets sein Hauptwerk nicht erhallen hat. Aber diesem Mann war von Beruf gar nicht Künstler, sondern eigentlich„Gcnerrlingenieur" in den damaligen Kriegswirren, der umfangreiche Festungsbauten und Kanäle anlegte. Rebenbei macht er Gedichte, schreibt natur- wissenschaftliche Abhandlungen, studiert die Anatomie des Menschen und— bedeckt Tausende von Blattern mit Entwürfen zu Maschinen, Werkzeugen, Erfindungen aller Art. Aus diesem Nachlaß, der sich überaus reich erhalten hat, bisher aber merkwürdigerweise.noch tech- nisch gar nicht richtig ausgewertet wurde, schöpft das Feldhaussche Buch und führt hinein in eine verwirrende Welt der merkwürdigsten Einfälle, in einen �deen- und Kenntnisreichtum. von dem man ge- trost sagen kann, daß er wohl keinem unser-r Zeitgenossen zugemutet werden könne. Um so erstaunlicher ist es also für einen Zeitgenosten des Kolumbus und eines Jahrhunderts, das technisch geradezu ur- weltlich anmutet. Was erfand Leonardo in seinen Mußestunden? Man hör« und staun«. Er untersucht den Vogelfluq und konstruiert danach eine Flugmaschine, d'e bis zum versuchsfertigen Apparat gediehen ist. Sein Diener steigt damit auf, stürzt aber ab und bricht das Bein. Er entwirft eine Befeftigunasart für Städte, die erst Jahr- hunderte später in Preußen ausgeführt wird. Er niüht sich um den inneren Städtebau: schlägt vor, unter- irdische Straßen für die gesundheitswidrige» Arbeiten zu bauen, er- ndet Schornsteinaufsätze, Hebezeuge für Bauten, Bagger und unststeine. Eine besondere Spezialität in seinem Kopf sind die Kriegserfindungen. Unermüdlich entwirft er Hinterlader. Geschütze und deren Verschlüsse, ein Maschinengewehr und neue Geschoß- forme». Es gibt ein« Leonardische Zentrifuqalpumpe von großer Genialität, neue Gebläse, einen Erdbohrer, Bohrmaschinen, Walz- werke zum verjüngten Walzen, Gewindeschneidzeuge und Schleif- Maschinen, Presten und Gclenkketten. Er erfindet o o r den Hollän- der» die Windmühle, macht Dampfversuche, die ihn ganz nah« an die Möglichkeit bringen, die Dampfmaschine dreihundert Jahre vor ihrer Erfindung zustande zu bringen. Er ist der Erfinder des Weckers, konstruiert die erste Dunkelkammer, wobei er gleich auf demselben Zettel eine Mellentheorie für Licht, Schall und Magnetismus aufstellt! Dieser seltsame Wunderman» ist auch der Erfinder eines ganz modernen Scheinwerfers: er macht Vorschläge klänge vor der Er- findung des Fernrohres), wie man Gläser machen müste,„um den Mond groß zu schenk Cr denkt an ein Huarometer, an einen Schrittzähler, einen Rettungsgürtel und an ein Wasserfahrrad. Be- sonders viel beschäftigen ihn die Konstruktionen einer Luftschraube, solche des Fallschirmes und der Touckunanzüge. Er denkt aber auch an Destillieropporate, Spinn- und Tuchlchermaichinen: Drehbänke und Dampsgebläse, Schneebrillen und ffällenmaschinen. Krane und ein mechanisches Relais, Turbinen und Wärmekrastmaschinen, Zahn- räder und Lampenzylinder, das ist die innere Welt dieses Mannes, der seinem Zeitalter um vier Jahrhunderte vorauseilt und das Bei- spiel eines so vielseitigen technischen Genies ist, wie seitdem keines mehr auf Erden erschien.. Aber alles das bleibt Idee und Entwurf, flüchtig« Skizze und Tagebuchblatt vertrauter Stunden und außer den zu Beginn ge- nannten Leistungen fördert er die Menschheit praktisch nicht. Sein ganzes Leben vergeht, als ob er ein vorweglebendes Gespenst der Zukunft wäre, ein zu ftüh Erwachter, der mit seiner Zeit und mit dem die Zeit nichts zu beginnen weiß. So hat man sich das Problem:„Leonardo, der Techniker" bis- her zurechtgelegt und so deutet es auch F e l d h a u s in der Ein- leitung, die er den Taoebuchblättern dieses technischen Wunder- mannes vorausschickt. Ich glaube aber, das ist nicht der richtige Standpunkt.' Und ich meine, es gebe eine ganz andere Deutung für *) F. F e l d h a u s, Leonardo, der Techniker und Erfinder. Jena(E. Diederichs). Quart. Mt 10 Tafel» und ILO Skizzen nach Leonardo. diese Explosion von Einfällen in einem Kopf, für diese Ueber- schwemmung mit Ideen, die aus ihrer Zeit ganz unerrlärbar sind, und nnt ihr in gar keiner Weise zusammenhängen. Man beachte nur einmal Folgendes: Zllles, was Leonardo zur Hand nimmt, wird die Quelle von Erfindungen: jeder Gegen- stand, dem er sich zuwendet, zeigt ihm neue Seiten und Möglich- keiten. Es sind also nicht Einzelkenntniste und Erfahrungen, die ihn da und dort eine neue Anwendungsmöglichkeit erblicken lasten, sondern es mutz eine alles umfastende, grundlegend neue Idee sein, in deren Licht ihm die Welt so verwandelt erscheint. Sucht man nach dieser einheitlichen Idee, die ihm die Augen so hellseherisch öffnet, entdeckt man bald eine Verwandtschaft mit einer ähnlich universellen Bewegung der Gegenwart. Leonardo war Naturforscher und ein ausgezeichneter Natur- kenncr, der denkend nach der Dinge Wesen trachtete. Und als solchem ging ihm eine der großen Wahrheiten des lebendigen Seins auf. Daß die Natur das Vorbild der Schaffenden sein muß. Mit anderen Worten, daß die technische Leistung nur auf einerlei Weise zustande kommen könne und oft genug schon von einem Tier oder einer Pflanze oder einer Naturerscheinung bereits verwirklicht sei, diesen Vorbildern daher nur nachgemacht zu werden' brauch«. Man nennt diese Denkungsart heute Biotechnik und aus ihr quillt gerade in den letzten Jahren ein ebenso unerschöpflicher Springquell technischer Anregungen hervor, wie aus der gleichen Einsicht in jenes alten Italieners Kopfe. Ucberblickt man die Liste seiner Einfälle, wird man tatsächlich finden, daß immer die Natur- beobachtuno, die Nachahmung des natiirlilhen Geschehens ihn leitet. Nach dem Bogelflug macht er feinen Apparat zurecht, genau wie wir den unseren, den Naturselbstdruck wendet er an, die Tierklaue ahmt er nach im Bagger, das Auge in der Dunkelkammer und so fort in hundertfacher Abwandlung. Ein Genie war er zweisesohue, aber das Genie eines begna- beten Gedankens— kein Techniker, denn dazu fel?lt ihm der p r a k- tische Antrieb und die Freude an der Auswertung, dafür ein Naturforscher und Denker, der, wenn er Philosoph geworden wäre, die Jahrtausende mit seinem Geisterlicht erhellt hätte, wie nur die ganz Großen aus der Reihe der Konfutse und Pythagoras- genien. Das ist meine Lösung des Problems, das uns der„Techniker Leonardo" ausgab und das so lang« nicht verstanden werden konnte, bis man nicht denselben Gedanken wiederfand, der aus ihm so ma- gisch glüht._ Die Schwinöfucht im öeutsihen voike. Wenn ein Volk durch einen Krieg oder eine Seuche dezimiert wird, so verliert es jedes zehnte Glied seiner Bevölkerung. Zu solchen„dezimierenden" Seuchen gehört die Tuberkulose oder Schwindsucht, jedoch mit dem Zusatz, daß nicht jeder zehnte Deutsche wirNich an Tuberkulose stirbt, sondern früher oder später von der Tuberkulose-Krankheit befallen und in seiner Gestmdheits- und Erwerbsmöglichkeit geschädigt wird. Und gerade im erwerbsfähigen Alter fordert diese Krankheit die meisten Opfer, denn von vier Menschen, die im Alter zwischen 15 und SO Jahren sterben, ist immer einer der Tuberkulose erlegen! Im deutschen Reiche stehen weit über eine Million Lungenkranker in ständiger ärztlicher Behandlung. Und wie viele mögen es sein, von denen der Arzt nichts erfährt und die ihre Krankheit Jahr um Jahr hinschleppen, bis sie zuletzt an Entkrästunq zugrunde gehen. Auf dem Lcichcnschauschein steht dann„Entkräftung und Herzläh- mung" als Todesursache, der Schwmdsuchtsbazillus aber weiß es besser, wer schuld ist und hat während der lanqen Krankheit längst Gelegenheit gefunden, auch die andere» Familienmitglieder anzu- stecke», so daß auch sie langsam aber sicher dahinsiechen. Wir sind gewohnt, die Tuberkulose als W a h n u n g s k r a n k- h e i t zu bezeichnen. Denn je enger die Wohnung, desto sicherer wird ein Lungenkranker säm liche Mitbewohner anhuste» und so durch die in seinem Speichel vorhandenen Tuberkelbazillen CT.stecken. Wenn wir also die Tuberkulose ernsthaft bekämpfen wollen, müssen wir olle Kranke, solange sie Bazillen aushusten, aus ihrer Wohnung absondern. Dazu gehört aber zweierlei, was wir nicht besitzen: 1. große Geldmittel und 2. eine weit fortgeschrittene gesundheitliche Volksaufklärung. Denn nur mit großen Mitteln und bei Zustimmung des gesamten über diese Dinge unterrichteten Volkes könnten die nötigen Räume beschafft werden. Nur so wäre die Durchführung gesetzlicher Maßnahmen nach dieser Rickckung möglich! Bis jetzt verfügt Deutschland über 170 Heilstätten für Erwachsene mit 18 000 Betten und 257 Ltei'stätten für Kinder mit 19 000 Betten, ferner über 339 Tuberkuloscstationen in Krankenhäusern und Pflege- Heimen. Walderholunqsstätten haben wir 164, Genesungsheime 37, Beobachtungsabteilungen 86. Waldschulen 21. Die Versicherungs- anstauen verausgabten im Jahre 1921 zur Vehandluna van Lungen- und Kehlkopfkranken in Heilstätten 81� Millionen Mark, zur Be- Handlung anderer Tuberkulose-Erkrankungen wei'ere 64 Millionen Mark. Das Bestreben. Lungenkranke, die Invalide geword?" sind, nicht nach Hause zu schicken, sondern sie wegen der Anst-ck ngs- gefahr>» Anstaltspflege zurückzul>ol!en, ist zumal bei den Bersiche- runqsanstalten von Schlesien, Rbeinlond und Westfalen zu beob- achten Durch Einrichtung von Tubsrtulosefürsorqestellen suckit man immer mebr alle Lungenkranke ausfindig zu machen, um sie und ihre Angehörigen der nötigen Untersuchung, Behandluirg und Be- lehrung zuzusllhren. Di« Belehrimg müßte auch noch in ganz anderer W«ise alz bis. r verallgemeinert werden. Wanderlehrer müßten in Städten und Dörfern durch Lichtbildervorträge die VeoölKrung aufklären, in txn Schulen müßte die Tuberkulose ein wichtiges Kapitel in der Stunde für Gesundheitspflege bedeuten. Die Lehrer müßten schon auf dem Seminar über die Krankheit, die ja auch ihnen selbst droht, aufge- klärt werden. So wäre zu hoffen, daß de« einzelnen Bazillenstreuec immer früher erfaßt und für die Allgemeinheit unschädlich gemacht werden könnten I jftiieeld, öas nebenbei ging. Von 5) e n n i L e h m a n n. „Das ging neb«nb«i', pflegte meine Freundin Hanna Hetiterle zu sagen, wenn sie in der Schule irgend etwas auswendig hersagen sollte und es regelmäßig falsch herausbrachte. Zum Behalten langte es eben bei ihr nicht. Aber mit diestm„Das ging nebenbei" hatte sie sich dann mit ihrem Schicksal, Schelte, Schulftrafe usw. abge- funden und war zufrieden. Der Spruch kann deshalb als Lebens- Weisheit für passende Gelegenheiten empfohlen werden. Es geht jedem vieles nebenbei. Man ä'gert sich dann, und die andern finden es oft komisch, wie wir Hanna Hetiterles Versprechen beim Auf- sagen komisch fanden.— Ucberhaupt das Versprechen!— Besonders schön ist das auf der Bühne. Ich vergesse nicht den Schauspieler einer kleinen Bühne, der mit der damals berühmten Tragödin Klara Ziegler zusainmen in der Iphigenie spielte, und— wahrscheinlich von der Ehre oerwirrt— pathetisch erklärte, er müsse fremder Leute Tische unter seine Füß« stecken, woraus sie, ohne sich zu versprechen, ihm wütend ei» hörbares„Schafskopf" zurief, �llnd die liebe junge Sängerin, die a» der gleichen Bühne als Elsa im Lohengrin auf Engagement gastierte, und als sie an die Stolle kam: „Unselig holder Mann", mit Schmelz und Hingebung ihren Lohen- grin ansang:„Unholder Scligmann!" Bej einer recht ernsthaften Gelegenheit, bei einer Leichenrede am offnen Grabe versprach sich einmal der frühere Oderbürger- meister von Berlin, Max von Forckenbeck, der erste deutsche Reichs- tagspräsident. Der Berstorbcne war ein frommer Mann gewesen, und Forckenbeck, der ja Katholik war, wollte sagen:„Der Herr war sein Schuß und Schirm." Leider wurde aus dem Schuß und Schirm ein„Schiß und Schurm", dann bei der Verbesserung ein„Schruß und Schrimm", ein„Schriß und Schrum" und so verhedderte er sich weiter, als glücklicherweif« cm paar Regentropfen fielen und eine Dame ihren Schirm aufspannte. Da stieß er erlöst das Wort „Schirm" lxervor, was die Fassung der Trauergesellschaft etwas auf die Probe stellte. Nett war auch, als der Rostocker Universttätsreltor Prof. Berlin In einer feierlichen Sitzung immer von dem„Lehnstuhl der Philo- sophie" sprach den ein verstorbener Kolleg« innegehabt hatte. Was ist aber alles Bersprechen gegen das Berdrucken. dem man mir Recht nochsagt, daß ein Teufel dabei seine Hand im Spiele hat? Sicher war es ein Teufel, der eine» historischen Druckfehler zuwege brachte, von dem ich berichten kann nach Ueberlieferung. Es ist in den vierziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts gewesen. Die Ernte war sehr schlecht, das Brot wurde sehr teuer. Man wollte Hilfe der Regierung, Heranziehung der Landwirte,— ganz wie heut. Aber damals hatte man kein Parlament. Deshalb schickte man in einem Bundesstaat eine Deputation zum Kronprinze-, Seine Kömgliche Hoheit jedoch fand das anmaßend, knurrte die Ab- gesandten höchst ungnädig an und entließ sie kurz. Die Zeitung druckte einen Bericht, in dem aus dem„Kronprinz" ein Knorrprinz wurde. Der Zensor befahl streng den Druckfehler zu korrigieren. In der Berbcsienmg wurde aus dem„Knorrprinz" ein„Kornprinz". In einer Kritik über e'ne Sängerin stellte der Drucksehlcrteusel ihre„hervorragende Leiblickckeit" fest, was ihr nicht so angenehm war, als wenn es richtig„Lieblichkeit" geheißen hätte. Mir hat er eininal aus einer schwarzen Liste, die ich im Vortrag erwähnte, ein schwarzes Licht gemacht, das die llnternehmer über Mißliebige sllhrien. Bunte Weihnackßslichter kannten wir in bessern Zeiten. Schwarze Lichter sind selbst in Unternchmerhänden einigermaßen neu. Einmal jedoch habe ich den Druckfehlerteufel besiegt. Eines meiner Gedichte beginnt:„Wir gleiten sacht den Strom hinab im Boot". Der Drucke« druckte jedoch in der ersten, zweiten, dritten und vierten Korrektur höchst hartnäckig:„Wir gleiten sacht den Strom hinab im B e t t was doch höchst unpassend gewesen wäre und mich in ein falsches Licht gcsejst häitc. vielleicht auch in ein schwarzes. Bei der fünften Korrektur vor Fertigstellung des Ban- des hgtle ich ober den Teufel besiegt und aus dem Bett mar wieder ein Boot geworden. Sehr klug war der Teufel, der neulich in einem Bericht über Bücherpreise aus den„Grundpreisen"„Grunzpreise" machte. Wer grunzt heut nicht über Bücherpreise?— Aber zum Schlüsse benckte ich von dem Drucker, dem es neben- bei aing, als er am Sckßusie eines Buches über das Druckfehler- verzeick-rnz druckte:„Drecksehlcr" Das verbesserte e« bei der zmei- ten Auslage und setzte über das Berzeickmis:„Drufkchler." Wenn ich dies Feuilleton schreibe, so habe ich nur eine Hofs- »uni. daß es mir nickt nebenbei gebt und der Teusel mir keinen Drucksehln hineinpraktiziert, denn leider ist auch der„Vorwärts" N'ckt darüber erhaben. Er Hat neul'ch aus einem„Deulfchna'i"nalen Taschentuch" in dem kleinen Artikel von Lena ein„Deutschnatio. nales Taschen buch" gemackt. In das hinein sich beim besten Willen niemand schnauben kann. Also bitte, lieber Teufel! Wie entstehen öie Sonnenstecken? Neuere Ansichten. Bei der Wichtigkeit, welche die Sonnenflecken für unsere Wetter« gestaltung haben, ist die Frage nach der Entstehung und der Perio- dizität der Sonnenslecken auch über das wissenschaftliche Interesse hinaus für unsere Kenntnis sehr wesentlich. Immer mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß die Sonnenflecken nicht allein mit inneren Vorgängen auf unserem Zentralgestirn zusammenhängen, sondern daß äußere Einflüsse dabei eine maßgebende Rolle spielen. Allerdings soll nicht verschwiegen werden, daß auch Astronomen noch an der älteren Ansicht festhalten. So hat erst vor kurzem der Russe Peter Tschirwinsky von der Donischen Sternwarte Nowoischcrkasl die Ursache der Periodizität dieser Gebilde in der magmatischen Zir» kuiation innerhalb des Sonnenkörpers gesucht. Einer der Haupt» Vertreter der gegenteiligen Ansicht ist der kalifornische Astronom See, dessen Arbeiten kürzlich in diesem Blatte besprochen worden sind. Er leitet bekanntlich die Sonnenflecken hauptsächlich von der Ein- Wirkung des großen Planeten Jupiter ab, der eine Umlaufszeit von 11 861 Jahren hat und daher alle elf Jahre mit seiner Kometcnsamili« in Sonnennähe kommt: daraus würde vielleicht auch unter Mit» Wirkung des Saturn sich die bekannte etwa elfjährige Maximum- Periode erklären. Slllcrd-ings ist diese Periode nur eine ungefähre Durchschnittszahl: in Wirklichkeit kehrt das Sonnenflecken-Marimum manchmal schon nach acht Jahren wieder, manchmal läßt es auch dreizehn Lahre auf sich warten. Jetzt ergreift nun der Baseler Astronom Zchnder das Wort, um diese Ansicht von der Mitwirkung der Planeten noch bedeutend zu erweitern. Nach den Ausführungen Sees würde man sich die Sonne mit dem Jupiter einem außerhalb des Systems Stehenden als eine Art Doppelstern darstellen, wie wir solche am Himmel in großer Menge kennen. Nun bildet aber die Sonne in der Tat mit jedem ihrer Planeten solchen Doppcistern. Betrachten wir zum Beispiel die Erde allein mit der Sonne, so ist es eigentlich nicht richtig, zu sagen, die Erde drehe sich um die Sonne, sonder» beide schwingen um. ihren gemeinsamen Schwerpunkt. Das macht praktisch keinen großen Unterschied, den» infolge der gewaltigen Masse der Sonne liegt dieser gemeinsame Schwerpunkt mitten in der Sonne. Etwas an- deres ist es niit den großen Planeten Jupiter. Saturn, Uranus und Neptun. Wenn wir Sonne und Jupiter allein ins Auge fassen, würde der gemeinsame Schwerpunkt der beiden Körper schon vier Erddurchmesser oder 18 000 Kilometer außerhalb der Sonne liegen; um diesen Punkt würden also beide kreisen. Ebenso ha! die Sonne mit Saturn, Uranus und Neptun einen solchen gemeinsamen Schwer- punkt außerhalb ihres Körpers, während die Cinflüsie der kleinen Planeten Merkur, Venus. Erde und Mars, von den Asteroiden ganz zu schweigen, so gering sind, daß man sie übersehen dars Infolg« dieser Einwirkungen der großen Planeten beschreibt nun die Sonne eine eigene Bahn, die als Resuilante der Einzelläuse einiacrmaßen kompliziert ausfallen wird, da die Masten und die Umiaufszeit«, der Planeten recht verschieden sind. Eine regelmäßige Periode wird sich da höchstens für sehr große Zeiträume herausrechne» lasten. Auf dieser seltsamen Bahn, die im einzelnen viele Ausbuchtun- gen zeigen muß, kommt nun die Sowie dem Ring von Meteoriten, der sich uns sonst als Zodiakallicht zeigt, in verschiedener Weise nahe. Bei jeder Ausbuchtung schneidet oder schält die Sonne aus diesem Meteoritenring Streifen und Schale» heraus, die dann langsam oder schneller in spiraligem Laufe aus die Sonne zustreben, schließlich in sie hineinstürzen und sich dabei erhitzen. Aus ihnen entstehen die Sonnenslecken. Es folgt daraus, daß es eine eigentlicbe Sonnen- fleckenperiode von etwa elf Jahren nicht geben kann� Der Jupiter hat eine Umlaufszeit von etnm 1l bis 12 Jahren, der Saturn von 29, der Uranus von 81 und der Neptun von 165 Jabren. Wären die Zahlen des Saturn usw. einigermaßen genaue Bieifaäx von der Lupiterzahl, 3 X 11 usw., so würden sie sich zu einer harmonischen Wcltvcriode vereinigen, was eben nicht der Fall ist. Die Umlaufs- zahl des Saturn ist immerhin um 1 bis 5 Jahre zu knapp dazu, und derselbe gilt in geringerem Maße von den beiden übrigen. Die aus dem weiten Weltall kommenden Meteoriten und Ko- mstentrümmer, auch diejenigen, welche der Jupiter mit sich heran- scbleppt, stürzen dagegen in schiefen Richtungen in die Sonne hinein. Sie lnldcn keine Sonnenslecken, denn ihre Masten sind zu gering, um direkt sich'bar zu werden'; aber die durch sie bewirkten Störungen werden als Protuberanzcn wahrnehmbar, indem die Sonnengase sofort in die entstandenen Schußkauäle hineinstrudeln. Es ist verständlich, daß die Vorgänge auf der Conus unser irdisches Wetter stark beeinflussen. Jahre mit einem Minimum von Sonucnsleckcn. wie wir sie gerade jetzt haben, machen sich immer durch ein mehr ausgeelichencs Klima bemerkbar: wir haben dann kühle Sommer und milde Winter. Tagegen wird durch die binein- stürzerden Meteore, die große Sonnenslecken hervorrufen, der Sonne Wärme zugeführt, was auf der Erde starke Temperaturfchwankun- gen bewirkt. Dazu kommen elektrische Erscheinungen. Tie Elektri- zität ist nach Zehnders Ansicht als eine etwas»"ränderst' Wörme- schwingung des Aetkers aufzusasten also eine Art„Wärme des ?srth"rs": als ihre Fcruwir'ung haben wir auf der Erde magnetische Felder. Gewitter, Rordlichicr u. a. m Möolicherweif« kommt auf di"le Weise auch allmählich etwas Licht in die noch eivas lchleier- hasten Voroänoe des Strahlungsdrucks, für den sich besonders Swante Arrbenius ins Zeug a-'leqt bat. Die rechnende Slnronomie wird noch viel zu arbeiten haben, bis in allen diesen Zusammen- hängen genügend Ordnung geschaffen ist. Dr. M. WWn und Schauen Ein glückliches Volk. Nordensfjöld frogte einst einen grönlän- dischsn Eskimo, ob er nicht zugebe, daß der dänische Gouverneur mehr bedeute als er selbst, erhielt jedoch die Antwort:„Das ist nicht so sicher; der Gouverneur hat zwar ein größeres Besitztum und scheint inehr Atacht zu haben als ich, allein es gibt Leute in Kopenhagen, denen er gehorchen muß— über mich aber hat niemand zu befehlen." Eine stolze Antwort! Und locs für eine Selbstsicher heit, was fü' ein Tlucksgefühl spricht aus diesen Worten! In der Tat sind die Eskimo-, zumal die Polareskimos an der nördlichen Westküste Grön- lands, ein glückliches Volk. Knud Rasmussen, der unlängst in einem bei Brockhaus erschienenen Buch, die„Heimat des Polaemenschen" aus genauer Kenntnis anschaulich geschildert hat, nennt diese Eski- mos die sorgenfreisten Menschen der Erde. Trotz des steten Kampfs ums Dasein, in den sie die rauhe Natur ihres Landes hineinzwingl, führen die Polareskimos ein glückliches Leben, völlig zufrieden mit den: nach unserem Empfinden so harten Los, das ihnen die Ungunst des Schicksals verliehen hat. Sie werden mit Eigenschaften geboren, die für ihren Unterhalt erforderlich sind, und die Fertigkeit im Ge- brauch der Masten und Geräte, die sie später zu meistern wissen, er- reichen sie während des Heranwachsens fast mühelos und spielend. Die Jagd, die ihnen Lebensbedürfnis ist, betreiben sie mit Ausdauer und Geschicklichkeit; alle Strapazen ertragen sie gleichmütig und mit Todesverachtung. Die Polareskimos glauben an keinen Gott und verehren kein überirdisches Wesen— dieser kleine Volkstamm ist nicht christianisiert worden—, aber das Gefühl der Andacht ist ihnen keineswegs fremd, und gewisse sagenhafte Ueberlieserungen aus alter Zeit, die von Ge- schlecht zu Geschlecht weitergegeben werden, stehen in hohem Ansehen Froh leben sie miteinander in einer Art von primitivem Kommunis- m»s und suhlen sich familienweise verknüpft durch ein Band von An- hänrlichkeit, das oft ergreifend zutage tritt. Auch den Fremden ge- geniiber, die ihnen freundlich entgegenkommen, sind sie hilfreich und freigebig. Liest man diese und ähnliche Mitteilungen in Nasmuis'ns fesselnden, Bericht über die zweite Thule-Expedition, die er 1916 bis 1918 ausgeführt hat, so drängen� sich cin'em unwillkürlich Schillers Verse aus die Lippen:„Wo ifär' die sel'ge Insel aufzufinden, wenn sie nicht hier ist in der Unschuld Land?" H. M. m HesunöheitspfZeze I[5 W Die ärztliche Schweigepflicht. Gar oft wird ein Arzt von einem Bekannten gefragt:„Herr Dokwr, was fehlt denn der Frau Mayer? Ich sehe Sie oft in Ihre Wohnung gehen." Aus solche Fragen ant- wartet der Arzt dann meist-„Wäre es Ihnen recht, wenn Sie krank wären und ich würde altes haarklein der Frau Mayer erzählen?" Und der Frager sieht die Torheit seiner Frage ein und schweigt. Aber was hier eine Selbstverständlichkeit erscheint, die ärztliche Schweigepflicht, kann oft für den Arzt zum schweren Gewissens» konflikt werden. Der 8 399 des Strafgesetzbuches bedroht bekanntlich die Rechtsanwälte, Nolare, Verteidiger, Aerzte, Wundärzte, Heb» aminen oder deren Gehilfen mit Strafe, wenn sie unbefugt Privat- gehumnisie offenbaren, die ihnen kraft ihres Standes oder Ge- werbes auvertrmit sind. Wie nun, wenn ein junges Mädchen zum Arzt kommt und ihn fragt:„Ist mein Bräutigam gesund?" So- lange der Arzt nicht von diesem selbst ermächtigt ist. Aussagen iib<-r dessen Gesundheitszustand zu machen, muß er schweigen, auch wenn er fürchten muß, daß das Mädchen durch die beabsichtigte Che un- glücklich wird. In solche» Fällen wäre der Austausch von Gesund- heitszeugniflen wobl die beste Lösung! Naturwissenschaft s@iIlii>== bikzentimeter) auf den Inhalt von 1329 �traßensprengwagen verteilen, eine beinahe 19 Kilometer lange Prozession. De» astro- nomischen Zahlen von 26 Trillionen für die roten Blutkörperchen und 39 Billionen für die weißen steht man genau so fassungslos gegenüber wie der Tailache, daß diese ganze Blutmenge 63 bis 299 Milligramm Harnsäure enthält. Ein mittlerer Mann hat Fett genug für 7 Stück Seife, genug Eisen sür einen mittelgroßen Nagel, genug Kalk, um einen Hühnerkorb zu weißen, Phosphor für 2299 Streichhölzer. Erkennungsdienst beim Rindvieh. Einem amerikanischen Kri- minalisten beim polizeilichen Erkennungsdienst, dem 5)errn Enos in Colorado, ist es gelungen, festzustellen, daß die Nasen der Kälber, Kühe nid Ochse» sich ähnlich verwerien lassen, wie die Fingerspitzen des Menschen. Auch sie tragen gewisse Liniensysteme, die individuell verschieden sind; sie können zur Wiedererkennung gestohlenen Viehes benutzt werden Daß diele Linien- und Nillenaänge ähnlich wie die der menschlichen Fingerkuppen bei den einzelnen Tieren zeit- lebens konstant bleiben, ist allerdings noch nicht einwandfrei nach- gewiesen. Bisher hat man nur ein Jahr lang von den Nasen der Kälber allmonatlich Abdrück« genommen und die Vermutung be» stätigt gefunden. Die Zeit seit dem Auftauchen der Jde« war zu kurz, als daß man zu abschließenden Ergebnissen gekommen wäre. Dt—iD Erökunöe iD�kDlfq�kü Der Stoffwechsel der Erde. Unsere Erdkruste ist aus chemischen Elementen aufgebaut, die einstmals gleichmäßig gemischt waren. Es hat dann aber allmählich eine Entmischung eingesetzt, die der Er- forscher der Erdkruste, Prof. Goldschmidt in Christiania, als den „Stoffwechsel" der Erde bezeichnet hat. U«ber diese interessanten Vorgänge im Innern des Bodens, auf dem wir wandeln, berichtet Rudolf Hundt in der Leipziger„Illustrierten Zeitung". Die Erde wirkte bei den Stoffwechselvorgängen als Schwerefeld. Auf diese Weise kamen die schwerste» Bestandteile in den Kern und die leichte- ren in die Hülle. Als dann noch eine Abkühlung eintrat, gestaltete sich unser Planet zu einem System, das als flüssig, fest und gas- sörmig sich darstellt. Es kam zum Schalenbau unserer Erde. Di« einzelnen Schalen lassen sich durch verschiedene Dichte und verschie- denes spezifisches Gewicht unterscheiden. Zur äußeren Schale ge- hört die Lust-, die Wasser- und die Silikathülle. Ein« äußere Silikathülle, die aus den Salzen der Kieselsäure besteht, bedeckt eine innere Silckotschale, die ein höheres spezifisches Gewicht l>at. Die'e innere Schale nennt man Eklogltschale; sie reicht bis in eine Tiefe von 1299 Kilometer Unter dieser Schale befindet sich dann eine andere, die aus Schwefel- und Sanerstoffverbindungen des Eisens, Chroms, Titans besteht; sie läßt sich wieder in zwei Schalen zer- legen, in eine untere sulfidische und in eine obere oxydische, und reicht bis zu einer Tiefe von 2999 Meter. Den Kern unseres Erdballes bildet Nickel. Der sogenannte„Stoffwechsel" stellt die Auswirkung des Schwerefeldes auf die Erde dar, die noch immer vor sich geht und der mir die Entstehung unserer Erzlagerstälten verdanken. Beim Abkühlen des Erdballes stellte sich außer der Gashülle eine Silikat-, Sulfid- und auch Metallschmelze ein. Früher war die Silikat- schmelze reicher an Schwermetallen als heute, da diese inzwischen in die Tiefe gesunken sind Deshalb liegt das Platin im Eisenkern; auch Nickel hat sich im Eisenkern angesammelt. Gold, Silber, Kupfer finden sich in der Sulfid-Oxyd-Schale. Weitere Stoff- Wechselgänge vollziehen sich in der Silikaihülle unter unseren Augen. Sie sind mechanischer Natur als Gesteinsschiebungen und haben physiko-chemische Natur, soweit es sich um Einwirkungen des Wasser- und Luftreiches auf die Erdkruste handelt. Aus diese Weise entstehen Erzlagerstätten am Boden der Silikatgesteine. So gärt und wandelt es sich noch immer im Innern unserer Erde.. „Wenn der Arbeiter den Reich-bauklurs nicht siähte, wäre i Ich längst mit der Mark unten."