Nummer 18 4. Mai 1423 _ öx� �lnterhaltuntzsbeilatze öes Torwarts > <« Der alte Krug. Von FrltzInngnitsch. Er ist ein Stück von der Straße aus hineingebaut. Wieviel Jahre auf seinem Schindeldache ruhen, weiß ich nicht. Ich Hab ihn sonst kaum angesehen. Seitdem mir Mutter Kerker von ihm erzählt hat, Hab ich eine besondere Liebe zu ihm. Ich muß immer mit jener Verehrung zu ihm hinübersehen, mit der wir Jungen das Alter, be- sonders das verdienstvolle Alter, betrachten sollen. „Ja, det war friha unsa Kruch... ach, wissen Se.. sagt Mutter Kerker, und ihr Blick geht in die Ferne und hat den Glanz der Erinnerung. Der wortkargen Frau geht beim Erzählen das fierz auf. Dinge und Leben malt sie so wirklich, als waren sie gestern. Und doch kann ich's mir kaum vorstellen... der.Saal" war » groß— ja, so groß eben, wie Büdnerstuben auf dem Lande sind. illle acht Wochen war Tanz. Auf ein paar Brettern an der Wand standen die Schnapsflaschen, ein Tisch in der Ecke für den Wirt— vi« Schenke war fertig. Die beiden kleinen Holztische und die vier klapperigen Stühle waren rausgeräumt. Es mußte doch Platz sein, der Kümmel mit Kirsch wurde schnell im Stehen getrunken. Der älteste Bursche war der Tanzmeister, ein Kreideoiereck auf dem ge- scheuerten Fußboden war schnell gezogen. Die Musik machte ein Fachmann, ein Pfiffiger auf der Harmonika, manchmal kam auch der Nachtwächter mit der Fiedel. Da» Repertoire war nicht groß, man kannte die Lieder. Das war schön. Die Mädchen sangen so gern mit, und die Burschen pfiffen dazu. Dn war schon Rhythmus dabei, das ging nur so. Die Mädcken wurden rot, und der Kirsch macht« auch warm. Da zogen die Burschen die Jacken aus, warum auch nicht.„Aber uffsepaßt wurde, det kann ick Ihn' sagen..." Immer drei Paare tns Kreideviereck, jede» erst wieder,„wenn'» die Reih cum war..." Di« anderen standen wartend und sehnsüchtig auf der Schwelle oder im Flur, oder sie hockten aus dem Kellerhals im Garten und kühlten sich ab: die Burschen rauchten dabei eine richtige Dreier- zigarre. Kam mal eine gerade voin Abendmelken, nacktbeinig mit Holzpantinen, dann konnte sie schnell einen mitdrehen.„Et i» schonst um de fufzig her,..." meint Mutter Kerker noch und nickt wehmütig. Das ist Jugenderinnerung und Werturteil über die neue Zelt zugleich. Der alte Krug kriegte dann Konkurrenz. Doppelte sogar. Zwei „Gasthäuser" machten sich auf. Der alte Krug war vergessen. Sein Nimbus n>ar dahin. Er tat. was das beste war, er ging ein. Ein paar Jahre hat er leer gestanden. Dann wurde er Gemeindehaus. Hin und wieder hockte ein mickriges Männlein oder Weiblein in seinen armseligen Kämmerchen und wartete auf den Sterbetag— vielleicht gerade früher seine Treusten, Lustigsten... Dann stand er wieder leer. Im Kriege besann man sich auf ihn, wie aus so vieles. Er wurde Gefangenenkager. Eines Tages lagen ein paar Militärbettstellen und Strohsäcke vor seiner Tür. Er bekam Spinnennetze aus Stachel- draht vor die Fenster und sah sehr wütend aus. In die große Stube kamen die Gefangenen, in die kleine Kammer etablierte sich ein Land- sturmmann zum Durchhalten. Er pflanzte Kohl auf den paar Quadratmetern vor der Tür, ließ ein paar Hühner laufen und hamsterte sonstwie für die Seinen in der hungernden Stadt, er transportierte seine Gefangenen morgens mit geschultertem Gewehr auf die Bauernfelder und brachte sie am Abend ebenso gemächlich wieder zurück. Nach dem Essen saßen sie vor dem 5iause, der Kosak, der Sibirier, der Pole, später noch ein junger Franzose dazu. Sie schnitzten dann au» weißem duftigen Kiesernholze ihre Sächelchen und sangen dabei ihre traurigen, leisen Lieder. Die Bauernmädchen waren zu stolz, um offen und neugierig hinzusehen, aber ein paar Mal mußten sie.schon vorbeigehen— es waren doch eben Männer, und was für welche, kräftige, braune Kerle. Als der Krieg verloren war, konnte der Landsturinmann nach Hause gehen: fast tat es ihm ein wenig leid. Den Rüsten nicht. Als die Heimkehrer da waren und die Wohnungsnot, bekam der alte Krug neue Gäste. Er war erstaunt und beunruhigt. Die Ratten unter den Dielen auch Es ging das Ausmisten los. Vater kannte das noch vom Felde der. Die Frauen schimpften, die Flachsköpfe grölten. Die Leutewohnungen im Gut sollten ja bald fertig wer- den.— Es war nur wieder ein Uebergang... Neulich bin ich wieder beim alten Krug vorbeigekommen. Ja, was war das? Ein Wunder? Hier mitten in unserem vergessenen Dorfe, zu dem nur selten ein gerissener Aufkäufer den Weg findet? Es geschehen ja im Frühling manchmal Wunder. Und um Pfingsten herum besonders. Sollte etwa...? Nein, wirtlich, das war der alte Krug nicht mehr... Jungfräulich glatt waren die alten, rissigen Wände, ein paar Mörtelkleckse hatten ihr Bestes getan. Und der Pinsel auch. Was muß auch nicht heute noch so ein Pinsel alles reparieren. Aber hier hatte er es wirklich gut gemeint. Und Ge- schmack hatte er auch gehabt: himmelblau die Wände, schokoladen- braun die Fensterkreuze. Wie die Scheiben glänzten, und die gold- gelben Strohflicken auf dem moosgrünen Schindeldache auch. Sogar der Zaun war geflickt und schützte stolz seine Pfingstrosen, Iris und Stiefmütterchen vor den herumlungernden Dorfkötern, die sich in der Dämmerung immer hier trafen. Ja, das war ein Bild, wie es die Jungen in der Schulstube mit ihren Wastersarben ins Zeichenheft tuschen. Ganz schüchtern und beklommen bin ich um alle vier Wände herumgegangen. Wenn ich nur wüßte, was das da am Giebel ist? Ach so, ich weiß schon... Wasser tut's freilich, meinte der Alte und reichte nun doch noch mit dem blauen Rest im Zimmer. „Schäme dich," grollte Petrus, und sein Frühlingsregen wusch lange helle Streifen hinein in den frischen Malerhimmel, wie wenn blanke Tränen über Kinderbacken kullern. So sieht der Giebel immer ein bißchen verweint aus, aber es ist ja nur ein Giebel. Und er wird sich trösten, die Sonne bescheint auch ihn. „Nu sind de Flüchtlinge ooch oll Widder raus," sagte einmal Mutter Kerker zu mir,„de armen Lüde, wo nu widder hin: man weeß nich, wie jut ma's hat..."„Wat aus den alten Kruch jetz wird? Ach, wissen Se, ma redt so allahand..." Im Dorfe sprechen sie von einer Siedelung. Es ist eine neue Zeit. Ein Witziger blinzelt zum alten Krug hinüber. Weiß man's?? Junge Herzen in der Enge hoffen auf eigenes Glück. Ja, es ist eine neue Zeit. Und der Frühling ist auch wieder da. Nervofltät. Bon Wilhelm Lichtenberg. „Sprechen Sie doch nicht so laut— das macht nstch nervös!" „Stellen Sie sich doch nicht immer so dicht vor mich— da» macht mich nervösl" „Schlürfen Sie Ihren Kaffee nicht— das macht mich..." „Tragen Sie nicht diese Krawatte— das macht..." „Lächeln Sie doch nicht immer— das.. Ach, tausend und aber tausend Dinge gibt es, welche die Unleid- lichen. Unausstehlichen„nervös" machen und wenn sie gerade wollen, dann können es noch zehntausend beliebige Ding« mehr sein. Man kann sich gar nicht vorstellen, was einen unausstehlichen Menschen alles nervös machen kann und weil man es nie vorher wissen kann, gerade deshalb werden diese Menschen sich selbst und den andern zur ständigen Qual! Daß sie unausstehlich sind, wollen sie nicht zugeben. Also sind sie— nervös... Das soll ihnen Achtung verschaffen, einen Aus- nahmezustand, der ihnen sonst nicht zukäme, das Recht, auf Kosten einer falsch angebrachten Gutmütigkeit, über andere zu herrschen, sie mit ihren Launen zu tyrannisieren. Denn, wo geben sie sich„nervös"— diese Guten? Doch nie- mals dort, wo es ihnen schaden könntet Immer nur dort, wo sie, kraft ihrer sonstigen Lebensstellung, ein Ucbergewicht haben und nicht fürchten müssen, sich unleidlich zu machen. Oder dort, wo eben nichts mehr daran liegt, unmöglich zu sein, weil die Partner nicht die Macht oder nicht die Kraft besitzen, sich gehörig zur Wehr zu setzen. Also— im Restaurant, in der Eisenbahn, im Theater: im Amt— wenn es sich um Untergebene handelt— und in der Familie... O. in der Familie! Die bürgerlichen Ehemänner sind alle nervös! Schrecklich nervös. Im Leben find sie dann manchmal die liebenswürdigsten Menschen. Aber wenn sie die Tür ihres Heims aufklinken, dann kriegen sie es mit den Nerven. Irgendein bißchen Galle hat jeder Menjch— auch der Sanftmütigst«— und irgendwo will er doch auch was für seine Galle haben. In der Familie ist's am be- quemften. Die Gattin meint, es müsse so sei», rveil doch alle Ehe- Männer so schrecklich nervö- sind und weil es Immer noch besser ist, einen nervösen Monn zu haben, als gar keinen, und die Kinder, IU„nervös" noch eher aussprechen lernen, als„Pappi" und „Mammi", glauben, es gehvrt zum Attribut der Väterlichkeit, nervös zu sein und träumen nachts von einem schrecklichen Ding das die Großen Nerven nennen, und wo dann die Kinder ruhig sitzen und nicht mehr spielen dürfen und die Mutter nichts zum Vater reden darf, weil er dann immer sagt, das Gefrage mache ihn nervös... O, es sind gräßliche Träume, welche die Kinder träumen! Und dann sehnen sie sich danach, auch schon bald groß zu sein, weil sie dann auch so nervös sein dürfen, wie der Vater und weil es dann keine Schelte mehr gibt, denn, wenn man nervös ist, darf man alles ungestraft machen und keiner traut sich zu sagen, daß es nicht recht war. In dex Eisenbahn zum Beispiel kann man sich ruhig mit allen Leuten verfeinden, den» man sieht sie ja nie mehr im Leben und sie können einem, wenn man noch so grob zu ihnen war, doch nicht schaden... Deshalb ist es am allerschönsten, in der Eisenbahn nervös zu sein. Es ist schließlich wirklich ganz wurscht, ob das Fenster auf dieser oder jener Seite geöffnet wird, ob das Visavis die Beine etwas gemütlicher von stch streckt, ob einer eicke verbotene Zigareite raucht, ob man dreimal revidiert wird... Aber Herrgott, die Leute sollen doch sehen, daß sie keinen Bauern vor sich haben, sondern schließlich einen Menschen mit Nerve» und das erreicht man am besten, indem man so ekelhast als möglich ist! Nicht wahr, lieber Mitmensch? Im Restaurant sind die Kellner angewiesen de» Gästen unter keinen Umständen zu widersprechen. Hallo— hier kann man also seine überschüssigen Nerven weiden lassen. Bist du wo zu Besuch und willst ou Eindruck schinden, dann oertilgst du ohne Murren den ekligsten Fraß. Denn in gute Gesellschaft nimmt man seine Nerven nicht mit. Je gröber du ober zum Kellner bist, um so groß. artiger kommst du dir vor.— Auch die Untergebenen sollen fühlen, daß man nicht ihresgleichen ist und mehr Verantwortung trägt, als sie all« zusammengenommen Die Nerv«n gehen eben durch— was läßt sich da machen? Im Chefzimmer muß man hübsch ruhig blei- ten, denn der unausstehliche Kerl peinigt einen mit seiner Nervosität! O, wieviel hat man so tagsüber einzustecken! Da sollen es die andern nun auch fühlen, daß Nerven ein schreckliches Ding sind und daß nicht alles ,n der Welt so rosig aussieht! Für seine Nervosttät kann man eben nichts. O, ihr Nervösen, ich durchschaue euch! Wißt ihr, was ihr seid? Ihr seid Cäsarenwahnsinnige im Taschenformat! Aber ihr seid doch wieder die klügsten Menschen. Den» ihr vergeßt euch nie und irrt euch nie zwischen Menschen, die es sich gefallen lassen müssen und jenen, die euch grob kommen können! Nie! Wenn mir es nicht mein medizinischer Bruder, der kürzlich ins anatomische Examen stieg, auf Ehrenwort versicherte, so würde ich die Behauptung auf'tellen. es gäbe überhaupt keine Nerven!— Nur eine unglaubliche Portion Bosheit!... In der Eisenbahn, im Restaurant und— ganz besonders in der Familie! Na, ich werde euch nicht ändern, ihr lieben Mitbürger! Zrühlingskünöer öes Laubwalds. Bon Johann Charlet. „Winterstürme wichen dein Wonnemondl" Der Lenz ist jetzt endlich gekommen. Die Erde legt ihr Blumengewand an, um ihn zu begrüßen: Wiese und Rain sind geschmückt mit Blüten, die aus dem Grase heworlenchten. Und auch der Wa!dboden will nicht zurückstehen in diesem Freudenreigen, auch er sendet sein« Kinder empor zum Licht, den Frühlina zu künden. Am Blumenteppich des Laubwalddvdens wirken die verschie- densten Pflanzen mit. Nur die Frühlingstage sind geeignet, die Blüten zu entfalten. Jetzt fällt das Sonnenlicht noch unbehindert durch die unbelaubten Bäume und gelangt bis auf den Waldboden hinab. Schreitet die Jahreszeit weiter fort, dann wölbt sich das grüne Dach des Waldesdoms und läßt die Sonnenstrahle» nicht mehr hindurch. In Dämmerung gehüllt liegt dann der Waldes- boden. Also heißt es für die Pflan.zcn, die hier gedeihen wollen, sich beeilen, denn sie sind alle Sonnenkinder. Sonne, Sonne brauchen sie, um blühen zu töiinen. Deshalb blühen die Bodenpflanzen des Laubwalds im Frühling, wenn die Sonne sie noch erreicht. Am besten kommen sie fort, wenn der Wald reich an Unterholz ist. Hier- durch werden die Lichtverhältniss« günstiger. Je dichter dagegen die Baumkronen sich schließen, desto schwieriger ist es für die tief unter ihnen wachsenden Bodenpflanzen, sich behaupten zu können. Außerdem wird in solchem dichten Walde durch den jährlichen Laub- ball der Boden mit einer dicken Schicht welker Blätter bedeckt. Di« Wurzeln der kleinen Pflanzen können nicht atmen, und die Pflanzen müssen ersticken. Im Pflanzenreich finden sich Immer unter bestimmten gleich- artigen Verhältnissen des Klimas, der Bodenbeschaffenheit unv der Beleuchtung die gleichen Pflanzen zu einem natürlichen Pflanzen- verein zusammen. Wenn uns an einer Stelle einige Pflanzen eines solchen Vereins begegnen, dann können wir sicher sein, auch noch «indere Vereinsmitglieder zu finden. Am ursprünglichsten sind diese Pflanzenvereins oder Pflanzengemeinschaften erhalten, wo der Mensch mit seiner die natürlichen Verhältnisse umgestaltenden Kultur gar nicht oder nur sehr wenig hingekommen ist. Besuchen wir in der jetzigen Jahreszeit«inen Laubwald, dann werden wir bald die weiß« O st e rb l u m e oder das Busch- Windröschen(Anemone ncmorosa) finden. Allenthalben sprießen die häufig etwas hängenden, zarten weißen Blüten aus dem Waldboden auf. Auch den Sauerklee(Oxalis acetosclla) bemerken wir. Seine dreiteiligen Blätter erinnern an die des Klees. Eine Eigenart der Blätter ist die sogenannte Schlafstellung. Die Blättchen sind am Tage wagerecht ausgebreitet, während der Nacht jedoch nach unten an den Blattstiel geklappt. Auch an K inigen Stellen klappen sie oft zusammen Die Pflanze schützt sich durch vor zu starker Abkühlung während der Nacht und vor zu starker Sonnenbestrahlung. Der Gehalt der Blätter an oxalsaurem Kali verleiht ihnen einen säuerlichen Geschmack. Die Blüten des Sauerklees sind kleine, hängende Glocken von wsißlich-blauer Farbe und aicherordentlicher Empfindlichkeit. Ein steter Buchenwaldbegleiter ist der Waldmeister fAzpei-ula odorata). Er fällt uns auf durch seine quirlig gestellten Blätter und seine weißen Blüten. Die Blätter enthalten einen an» genehm riechenden Duftstosf, das Cuinorin, dem der Waldmeister seine Beliebtheit für die Maibowle verdankt. Auch anderen Pflanzen ist dieser Stoff eigen, so dem Ruchgras, von dem das Heu seinen Wohlgeruch erhält. Der Hahnenfuß(Rammeulus auricomus) sowie die Primel oder das Himmelsschlllsselchen(Lrirmila olfi- cinalis) sind unter den Frühlingskündern des Laubwalds ebenfalls vertreten: sie blühen gelb. Aus der Familie der Liliengewächse sind vier Gattungen zur jetzigen Jahreszeit auf dem Boden des Laubwalds blühend anzu- treffen. Da ist zunächst die Schattenblum«(Majantherauni bifolium) mit ihrer weißen Blüte, die aus der Verlängerung des Stengels wächst, und den beiden herzförmigen Blattern. Blüht die Pflanze nicht, dann ist nur ein Blatt vorhanden. Weiter das Maiglöckchen(Convallaria majalis), das an den bezeichnenden zwei Blättern zu erkennen ist, auch wenn«s nicht blüht. Ein« nah« Verwandte des Maiglöckchens ist die große Maiblum«» das Salomonssiegel oder der Waldweißwurz(Lalx- gonatum multiflorcm). Die Pflanze Ist verhältnismäßig groß und hat Zwei Reihen etwas herabhängender Blätter. Die kleinen Blüten hangen ebenfalls herab, sie sind grünlich-weiß und von glockenförmi» ger Gestalt. Die vierte der Familie ist die vierblättrig« giftige Einbeere(Pam quadrifolia). Bei ihr sind die Blätter und Blütenteile vierzählig, im Gegensatz zu den übrigen Mitgliedern der Familie, bei denen die Dreizahl vorhanden ist(3 Blumenblätter, Z Staubgefäß« usw.). Di« Einbeere besitzt ein« Insekten-TSusck- blum«. Diese sondert keinen Honig ab: der dunkelgefärbt« Frucht» knoten glänzt jedoch täuschend, als wenn er feucht wäre. Die In» sekten werden dadurch angelockt, sie bekriechen den Fruchtknoten und kommen mit den Blütenorgonen in Berührung, wobei sie die Be- fruchtung bewerkstelligen. Die erwähnten Pflanzen bilden in der Hauptsache den natür» lichen Pflanzenverein des Laubwaldbodens. Sie sind die Frühlings- künder des Laubwalds. Zeitig im Jahr blühen sie, sobald der Lenz seinen Einzug bei uns gehalten hat. Die nördlichsten Menstben. Wir Wissen, daß die eisigen Einöden der Arktis nicht völlig menschenleer sind. Besonderrs die Bevölkerung von Grönland hat man eingehender kennen gelernt, und sie hat in Knud Ras« müssen, dem kühnen dänischen Forscher, der selbst auf Grönland geboren ist, einen liebevollen Schilderer ihrer Wesensart und ihrer Lebensverhältnisse gefunden. Doch die Bevölkerung der ungeheuren vereisten Insel, die sich vom 60. Breitengrad an ihrer Eüdspitze, also aus der Breide von Stockholm und Christiania, nordwärts bis weit über den 80. Grad hinaus erstreckt, bildet keineswegs einen einheit» lichen Stamm. Schon als Knabe yatte Rasmussen von den Polar- eskimos gehört, die im äußersten Norden der Insel wohnten, die aber im südlicheren Grönland nie jemand zu Gesicht bekommen hatte. Denn sie waren von den übrigen Grönländern durch die unüber» steigliche Barre des mehr als 1000 Meter hohen Inlandeises getrennt, und nur zu Schiff wäre es möglich gewesen, zu ihnen zu gelangen. Rasmussen widmet in seinem soeben lbei Brockhaus in Leipzig) erschienenen, textlich und illustrativ übrigens vorzüglich aus- gestaticten Neifcwcrk über die zweite Thule-Erpcdition ISKPZg diesen nördlichsten Menschen der Erde eingehende Kapitel, und seine Liebe zu diesem kleinen, aber zähen und intelligenten Dölkchen ist so groß, »aß er seinem Buch den Titel ,Ln derr Heimat des Polar» menschen" gegeben hat. Hundert Jahre sind es erst her, daß die Kulturwekt Verbindung mit diesem Eskimovolk erlangt hat: denn wenn auch der erste historische Bericht über ihr Land schon aus dem Jahre 1616, dem Jahre, in dem es von Bassin entdeckt wurde, stammt, so kam doch erst im Jahr« 1818 James Roß mit dem Stamm in Berührung, von dem im südlichen Grönland noch bis in die letzten Jahrzehnte hinein uralte Sagen unustngen. Diese wußten von wilden Menschensressern und gefährlichen Jägern zu berichten, die oben in der Heimat des Nordwinde« wohnten, wo immer Nacht herrscht, und wo kein Sommer, so meinte man bei den Südgrönländern, das Eis des Meeres zum Schmelzen bringt. Rasmusien hat, seinem schon In Knadenjahren gefaßten Borsatz getreu, den Polarmenschen in seine» Heimat mehrfach aufgesucht, hat Jahre unter ihm gelebt, mit seinen Männern gejagt und ist schließlich, als Freund und Iagdkamcrad, in ihren Stamm ausgenommen worden, der überhaupt nur 260 Köpfe zühlt. Die Polareskimos sind Nomaden, die ihrem Iagdwild auf seinen Zügen und Wanderungen folgen. So beginnt der Polareskimo fein Leben auf Reisen, wie er es auch aus der Wanderung endet. Schon eis Neiweborener begleitet er seine Mutter im Rucksack. Niemand nimmt Rücksicht auf die Jahreszeit, und die N einen Kinder werden in einer unbarmherzigen Kälte abgehärtet. Oft muß das jammernde Kleine über wilde Gletscher, durch Dunkel und Kälte getragen wer- den, und meist endet die Tragreise in einer kalten, eben errichteten Schneehütte. So spielt die Zweckmäßigkeit der Kleidung für jeder- mann die größte Rolle. Es ist die Aufgabe der Frau, die Kleider des Mannes zu nähen und instand zu halten, während der Mann als Jäger für den Unterhalt feiner Familie zu sorgen hat. Nicht umsonst sagt daher der Polareskimo, daß ein Mann als Jäger das ist, was feine Frau aus ihm macht. Alle Kleidungsstücke der Polar- eskimos bestehen aus Fellen, und sie haben das Glück, die Tiere mit den wärmsten Pelzen der Welt jagen zu können. Aus dem Körper wird ein leichtes, weiches Vogelbalghemd mit den Federn nach innen getrogen, darüber im Frühjahr, Sommer und Herbst ein Seehundpelz mit den Haaren nach außen. Im Winter wird dieser mit einem Blausuchspelz vertauscht, der die leichteste und wärmste Kleidung darstellt, die es gibt. Als Beinkleider benutzen die Männer Bärenfelle, eine Art Kniehosen, die bis unterhalb des Knies reichen. Aus hübschen, weißen, vom Frost gebleichten Eechundsfellen ohne Haren werden die Stiefel angefertigt, die mit Hasenfellen gefüttert sind. Aus langen Schlittenreisen benutzt man auch langhaarige Stiefel aus den Vordertatzen des Bären oder aus dem Fell von Renntierbeinen. Die Kleidung der Frau weicht nicht wesentlich von der des Mannes ab. Der Hauptunterschied bestehr in den Bein- k leidern, die aus Fuchssellen und kürzer als die des Mannes find, so daß die Stiesel fast die Länge des Beines bekommen. Die Winterwohnungen bestehen aus kleinen Häusern mit einem Kuppeldach, die aus großen, flachen Steinen so ausgebaut find, daß die Steine sich selbst ohne Stützen tragen. In der Regel wohnt jede Familie für sich. Als Eingang dient«in sehr niedriger Gang, durch den man in den Wohnraum von unten her hineinkriecht. Die Stein- Pritsche, die dm größten Teil der Stube einnimmt, ist immer mit einer dicken Lage Heu bedeckt: darüber sind Bären- oder Renntierfelle ausgebreitet. Licht und Wärme spenden zwei bis dm Tranlampen aus Stein, die mit ihren langen Moosdochte» eine Hitze entwickeln können, der das Adamskostüm entspricht, das im Haufe üblich ist. Auf der Pritsche könnm gerade vier Menschen nebeneinander sitzen »der liegen; die Decke ist so niedrig, daß man nur selten aufrecht- stehen kann. Dem Eingang gegenüber befindet sich ein Fenster aus zusammengenähten Darmhauten, in dessen Mitte immer ein kleines rundes Guckloch ist. Durch ein anderes Loch oben an der Decke zieht die schlechte Luft ab. Außer dm Winterhäusern baut man aus großen Schneebiöcken Cchneehäuser, und zwar mit großer Kunst- iertigkeU. Ihr Inneres ist ganz so eingerichtet wie das der Stein- läuser, und kein Blockhaus in der Welt kann fich an Wärme mit «inem dichten Schneehcws messen. Der kurze Sommer ist die Zeit pir das Freikuftleben im Zelt. Die Feldzette bestehen aus zwei Lagen von Seehundfellen übereinander und halten daher bei jedem Wetter dm Regen ab. Auch hier brennen die Tranlampen, die dem Zeit eine solche Temperatur verleihen, daß man darin wohnen bleibt, bis Ende September der Winter den Herbst ablöst. Kein Polareskimo bleibt länger als ein oder zwei Jahr««n tiner Stelle wohnen: dann erwacht feine Sehnsucht, in neue Der- Hältnisse zu kommen und in anderen Jagdgebieten zu jagen. Ihre sinnreiche Anpassung an das rauhe Land macht diese Menschen, �die nach einem einfachen und praktischen, allen gleiche Rechte und gleiche Chancen gebenden Kommunismus leben, zu den sorgenfreiesten Erdenkindcrn, die frohe Eememschost miteinander halten, ihre Frauen und Kinder gut behandeln und sich samilienweise durch ein Band der Anhänglichkeit verknüpft fühlen, das sich oft in ergreifender Weife kundgibt.. Hauchtanz- öle letzte Ereungenlchast. Von Josef Maria Frank. Eigeniümliche Erscheinungen wetterleuchten durch das Abend- kaidt Wir werden orienialifch, langsam, aber sicher infiziertl Nicht nur unser Geist: durch sabberlatzähnfich mit langen Barten be- hosteten Rablndranatagoris, durch nirwanaschlastaumelnd« Schulen der Weisheit, in deren„Leuchtern" nur leider keine Lichter stecken und die infolgedessen mit ibrcn Kunkeln karsunkeln dunkel munkeln: nicht nur unser« Moral: durch Koronkommentare, Smymaimpact und„Die tausmd und ein Liebcsgeheimnisse aus dem Harem Abdul Hamids" oder„Die leichtfaßliche Methode zur Erlernung der achtzig Rcgeldetris des Kamasuiram": nicht nur unsere Weltpolitik: durch die Orientalisieruno der Methode und die Rückkehr zu Harun al Raschids und Mustaphas bewährte» Gebräuchen im Umgang mit Menschen, die einem im Wege stehen! Spengler scheint doch recht zu haben: wir nähern uns fatal den Sitten des Orients I Diesmal ist es die Mode, die uns in richtiger Erkenntnis ihrer welthistorischen Bedeutung ihm wieder ein Stück näher bringt. Ei« Importierte als letzte Errungenschaft den herrlichen Bauchtanz� den bisher nur in Kairo die Fellachinnen den staunenden und mit Stiel- engen glotzenden, in ihrem tiefsten Innern getroffenen Europäern »orwackelten. Di« Mode sagt« fich mit Recht: warum soll man nur In Kairo bauchtanzen? Man kann das ebensogut in Berlin! Zum Beispiel auf dem Kurfürstendamm müßte die Wirkung phänomenal (ein! Der Bauchtanz im eigenen Heim, in der Diele, in der Bar. m Theater, aus der Straße muß von berauschender Wirkung sein und die Erschlaffung der im Untergang des Abendlandes danieoer- liegenden Verven wohltuend beheben! Bon!— Der Bauchtanz ist dal Zur besseren Einführung des Bauchtanzes ersann die Mode» industrie«inen sinnreichen, neuen Kleiderschniit, der die herrlichen Formen und hormonischen Linien von Bauch und Podex, die ein enger Gürtet umschließt plastisch durch besagte Enge und Stoff- knappheit hervortreten läßt. Das Kostüm scheint reißenden Absatz in unseren„besseren" gebildeteren Kreisen zu finden, gleichwie bei uns Proleten und be- jchrönkteren Kreaturen Aschingers„Erbsen ohne Speck". Seit eini- ger Zeit kann ich infolgedessen reichlich den Bauchtanz in Berlin studieren. Ich nehme wohl mit Recht an, daß die Mcdeateiiers den neuen Modejchöpfungen„Peroerfltas" eine Gebrauchsanweisung beifügen. Etwa so: 1. Unsere neueste Schöpfung, das Kostüm„Perversitas", ist dle ideale Kleidung der mondänen Dame, die Wert darauf logt, durch plastische Wirkungen ihrer harmonischen Formen angenehm aufzu- fallen I Leicht und mühelos erwirbt sich die Besitzerin unseres Kostüms Grazie, Beweglichkeit und Zauber der Orientalin, weil der Schnitt unseres Kostüms eben das erzwingt! 2. Um jedoch durch eigen« Mitwirkung und Nachhilfe diesen gewünschten und für die mondäne Dan� erforderlichen Eindruck schneller hervorzurufen, gewöhne sich die Besitzerin unseres Kostüms „Perversitas" daran, den Oberkörper mit Büste unbeweglich gerade zu halten, den geschätzten Bauch voll und prall heraus und den dito gescyätzten P.. hereinzudrücken: Arme und Hände nehmen dt» aus Celly de Rheydts Nackiballett genügend bekannten Stellungen und Bewegungen ein. 3. Befolgt unsere geschätzt« Kundin gewissenhaft unsere An- Weisungen, so wird sie bei dem Versuch, sich mit kurzen kleinen Schritten vorwärts zu bewegen, feststellen, daß die vorgeschrieben« Haltung durch eine eigenartige, dem orientalischen TanzrHyiHmus angepaßte mondän wirkende plastische Beweglichkeit der Formen jene Grazie und jene» Zauber der Erscheinung hervorrufen, den wir on der Orientalin schätzen!(DRP.) Man scheint diese Gebrauchsanweisung in unseren„besseren" Kreisen gebührend zu befolgen! Zuerst bemerkte ich es natürlich auf dem Kurfürstendamm:.'ine ältere Dame, die wie ein merk- würdig verbogenes Fragezeichen aussah, wackelte dort an mir vor» bei: Bauch raus, Podex rein, darüber eine unbewegliche Bohnen- stcmge mit zwei wulstigen Auswüchsen, rechter Arm holbtiel linke» Arm halbhoch, Fingerübungen a la Celly, ganz kleine Schritt«, krotziöse Bewegungen: eins— zwei, eins— zwei! Es war de- rauschend: der plastisch heroorgetreiene Bauch wackelte wie Gral Kayserlings verzückte Hupille vor der Vuddhastatue in Singapur! Der Podex wippt« schelmisch wie ein breites Standuhrpergendikel wuppdich nach links, wuppoich nach rechts! Die Arme sülzten da» bei ein Spiel aus, das mich merkwürdig an Faustball und Sport- palast erinnerte. Es war— mit einem Wort gesagt— Orient! Der Bauchtanz macht Schule: jetzt erst, wo mir die Sache aus- gefallen ist, sehe Ich, wie intensiv„unsere Damen und Dämchen schon bauchtanzenl Es ist ein ebenso wohltuender Anblick wie di« 0 und X und Stöckelbeine unserer kurzberockten»törichten Jung» srauen"! Gestern, als ich mit Ottel, meinem Freund aus Hinterbayern, im Belleoue meine» Kaffee trank, kam wieder ein« hereingewackelt: Bauch raus Podex rein, oben Bohnenstange mit zwei Auswüchsen, Finger- und Armballett„Kimmt a Begerl geflogen l", Gesicht wi» Mostrich ohne Wiener Würstchen I(Außerdem schielte sie: aber das tun hier sehr viele Damen und muß deshalb andere Gründe haben I) Sie wackelte»nd bauchtanzte langsam, wie in Trane«, aus unseren Tisch zu. Meinem Freund Ottel war seine Dreihundertmarkzigarre mit Bauchbinde aus dem Mund gewackelt: er starrte mit offenem Mund die Bouchtänzerin an. Dann brach es aus ihm heraust „So— a mei, was is denn dööös da? Dös is jo die Umbakumba, wo i am Kongo drunt kennen g'lernt hob! Wie kommt denn di« do herein? Un' daß je weiß is im G'sicht wie a Preißl Oder soll dös doch nit die Umbakumba fein? Himmiherrgottsakra ment?!?" Schonend brachte ich Ottel bei, daß das nicht die Umbakumba vom Kongo sein kann, sondern daß das eine mondäne Berlinerin ist, die nur di« Mode mitmacht"nd bauchwackett!„Dos ist eben Orient I Der Untergong des Abendlandes! Dritter Ergänzung». bandl Die letzte Errungenschaft, Ottel!" Da knallte aber Ottel seine Bildhauerpranke aus den Tisch, daß die Kaffeetassen klirrten und brüllte lochend los„Jo— o mei! Was is den» dööös do?I? D' Eaupreißen wackeln mit den Väucherln?!? HimmihcrrgoUsakrament, und da fchlagts ihr net drein, in so a©'stell, in so a saudumms damichtes dreckichte» Weiberg'ftelll?! Oeös seid's doch am End! Ioa mei, do muah I lachenl Oeös wackelt mit den Bäucherlnl Himmihmgott» fa-tztztzl" Ottel konnte sich nicht beruhigen und es nicht sassen, was dk Mode erfordert, und daß unsere„besseren" Damen und Dämchen doch auf der Höhe bleiben müssen. Ich habe mich schon längst b«» rutsigt: ich hatte immer so Sehnsucht nach Kairo und den Pyr» miden, wo die Fellachinnen so schön bauchtanzenl Ich habe mein« Sehnsucht niedergerungen: die Pyramiden sehe ich mir in meinem Postkartenalbum und den Bauchtanz aus dem Kurfürstendamm an. Dabei spare ich klotzig Geld— und es ist viel amüsanterl Was wäre das Leben ohne die Frauen? Ein Trauerspks, nur ein Truuerspiell Oder sollt««s am Ende doch...? HimmÄ, schweigen wir davon! Ex estl Wissen und Schauen �Waschzettel" nennt man betannttich heute die empfehlenden Worte, die die Verleger ihren Neuerscheinungen beifügen. Es ist MM ein Streit entbrannt, woher dieses merkwürdige Wort kommt. Im„Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel" äußert Otto Rie- Hecke die Ansicht, daß das Wort Waschzettel auf die Goethe-Nachlaß- Schnüffler zurückgehe. Unter den fjoushaltszetteln, die die Philologen veröffentlichten, hätten die Notizen über die chemden- und Strunipfwäsch« des Olympiers einen nicht kleinen Raum einge- Nammen, und von diesen durch die Wissenschaft geheiligten„Waschzetteln" sei dann das Wort allmählich in den allgemeinen Sprach» jgebranch übergegangen. Die Unrichtigkeit diefer Behauptung weist nun der bekannte Goethe-Forfcher Prof. Georg Wittowfki in einer Zuschrift an das„Börsenblatt" nach. Zunächst betont er, daß man zwar die verschiedenartigsten Schriftstücke von Goethes Hand auf- Befunden habe, aber zufällig noch niemals einen— Waschzettel. Das Wort selbst hat erst in der zweiten Hälfte des IS. Jahrhunderts d!« übertragene Bedeutung erhalten, und zwar wurden so zunächst die regelmäßigen offiziellen Mitteilungen genannt, die von Amts wegen in der offiziösen Presie erschienen und nur scheinbar eine eigene Meinung ausdrückten, in Wirklichkeit aber die Anschauung der Regierung vertraten. Da man diese Nachrichten, die sich nicht immer gerade mit den wichtigsten Dingen beschäftigten, wohl ver- Kchttich als„Gewäsch" bezeichnete, so erhielten sie allmählich den Titel„Waschzettel". Als den frühesten literarischen Beleg für elne solche Verwendung des Wortes wird ein Saß aus dem 18S1 er. ichienenen Roman„Neues Leben" von Berlhold Auerbach ange- führt„Ihr Vorgänger, der sich in leßter Zeit so verrannte, daß er lieber die ganze Welt zugrunde gerichtet hätte, ehe er seinen poli- tischen Waschzettel änderte." Kulturgeschichte Die Junggesellen sieuer bei Plalo. Daß schon die alten Griechen die bei uns immer wieder auftauchende Idee der Junggesellcnsteuer aetannt haben, dürfte wenig bekannt sein. Im sechsten Buch Platos Uber die„Gefeße" findet sich die folgende Stelle:„Wenn jemand bis »um 3S. Lebensjahre kein« Ehe schließt, der soll alljährlich eine Geld- strafe zahlen. Außerdem soll ihm von den Jüngeren durchaus keine Ikhronbezeugung erwiesen werden. Niemand von der jüngeren Klasse soll ihm in Irgendeinem Stücke gehorchen. Will er einen deshalb »lichtigen, so soll jedermann dem Angegriffenen Hilfe und Beistand leiste!?? Wer dazu kommt und nicht Beistand leistet, soll von Gc- fcßes wegen für eine feige Memme und einen schlechten Bürger er- klärt werden. Wir sehen, daß Plato die bloße Besteuerung, die er als eine jährliche Geldstrafe bezeichnet, nicht für wirksam genug er- achtete, sondern sie durch allerlei Schande noch oerschärfen wollt«, wemi es ihm gelang, seinen Idealstoat zu verwirtlichen. Naturwissenschaft Zucker und Sacharin kann der Mensch mit Hilfe seines Geschmacks nicht unterscheiden, wenn diese beiden Stoff« in geeignet« Lölunge» gebracht werden und so den gleichen Grad von Süßigkeit aufweise». Es ist bemerkenswert, daß diese beiden chemisch so sehr verschiedenen Stoffe die menschlichen Geschniacksorgaire in gleicher Weise erregen, während man doch erwarten sollte, daß sie infolge threr großen chemischen Verschiedenheit auch verschiedenartige Ge- ' nackscmpfindungen hervorrufen würden. Denn das Sacharin mit dem Zucker, einem Kohlehydrat, nicht die geringste chemische rwandtschaft, da es einen Abkömmling der Benzoesäure darstellt. Lnteresiaiiterweise besitzen aber manche niedere Tiere die Fähig- kett, jene beiden Substanzen scharf zu unterscheiden. Di« Stuben- fliege z. B. leckt begierig die Zuckerlösung auf, während sie an die Sacharinlösung überhaupt nicht herangeht. Aehnltch verhalten sich tnanche Schnecken welche die Zuckerlösung ohne weiteres annehmen, während sie das Sacharin stets meiden. Di« chemischen Sinnes- organe dieser Tiere besitzen also In jener Hinsicht ein bedeutend feineres Unterscheidungsvermögen als der Mensch. Die Vernichtung des Albatros. Der Albattos, dieser prächtig« Flieger des Meeres, der den Schiffen folgt und jedem Seemann wohlbekannt ist, trotz seiner Gefräßigkeit ein friedfertiger Vogel. Um so verwerflicher ist der Vernichtungskrieg, der in letzter Zeit gegen diese großen Sturmvögel geführt worden ist und die Gefahr seiner völligen Ausrottung nahe erscheinen läßt. Wie I. H. Schult« in der Zeitschrift„Naturschutz" ausführt, brüten die Albatros« aus einigen Inseln des Atlantischen und Stillen Ozeans, besonders aus L a y s a n, einer Insel der Hawoi-Gruppe, di« zu den Vereinigten Staaten gehört. Die Böget brüten in jedem Nest nur ein Ei aus, doch war die ganze Insel dicht von ihnen besetzt und stand unter dem Schutz der Union. Leider ist trotzdem in diesem Vogelporabies auf das grausamste gehaust worden. Die Agenten amerikanischer Feder Händler wurden durch den Reiherschmuck der Albatros« angelockt und vernichteten sie in der rohestei� Weis«. Di« Vögel, di« von ihren Brutstötten nur schwer weichen, wurden von den Räubern mit Knüppeln lahm geschlagen und dann in eine groß« Grube ge- warfen. Dort liefzen sie die Tiere langsam verhungern, und da die Vögel bei diesem Hungertode alles Fett verbrauchten, sparten sich dl« Rohling« die Arbeit, dos Fett von der Haut abzuschaben. Sie raubten die Bälge der toten Tier» und fuhren mit ihrer Beute da- von. Erst nach einiger Zeit kam man dieser Scheußlichkeit auf dl« Spur, und als sie von einem amerikanischen Zollkutter festgenommen wurden, fand man bei ihnen 250 000 Albatrosbälge: sie hatten aber schon mehr als die dreifache Anzahl verschickt. Jedenfalls sind durch die Hand dieser Räuber mehr als 1 Million Albattose auf die qualvollste und grausamst« Weise umgekommen. Damit war aber der Bernichtnngskrieg auf Laysan noch nicht beendet. Das Be- gehren der Damen nach Reihern verführte immer wieder dazu, einen Raubzug unter den Albatrosen abzuhalten, und so sind in der letzten Zeit wieder 150 000 der großen Bogel vernichtet worden. Es ist jetzt eine Bewegung im Gange, um einen Wachdienst auf der Insel Laysan einzurichten, damit das Gesetz nicht immer wieder umgangen werden kann und damit diese Segler der Lüfte nicht ganz ausgerottet werden. EHl I Gesundheitspflege|[E*3llillEiH3l Die Heilkraft des Meeres.„Seeluft macht frei" heißt ein stolzes und wahres Wort. Es ist nicht nur der stete Kampf mit den Ele- menten, der den Menschen kühn und frei macht, es sind auch direkte gesundheitsfördernde Kräfte, die das Meer in sich birgt und dem Meerfahrer und Küstenbewohner zugute kommen läßt. Nicht um- sonst spricht man von der reinen würzigen Seelust. Rein, das heißt frei von Staub und Batterien, denn all diese schädlichen Stoffe sind bei der langen Seereise der Winde von den Wellen des Ozeans wegfiltriert. Würzig ist die Luft infolge des Salzgehaltes: denn die Luft birgt immer einen gewissen ProzSntsatz Feuchtigkeit und da diese Feuchtigkeit dem brandenden schäumenden Meere entstammt, so Ist sie auch salzhaltig, ein naturgeschaffenes Gradierwert mit all seiner Annehmlichkeit für die gesunde wie kranke Lunge.— Die Güte de» Windes ist verschieden, ze nachdem es sich um Seewind, um Küsten» wind oder um Landwind handelt. Bei letzterem sind die obigen Eigenschaften natürlich nur in geringerem Grade festzustellen. Bon den Seebadeorten werden darum jene höher bewertet, die di« meisten Tage mit Seewind aufzuweisen haben. Die verstärkte Lichtwirtung an und auf der See ist bedingt durch die Spiegelung der Sonnen- strahlen im Wasser. Dies« Lichtfülle wirkt in erster Linie auf die Haut, kräftigt und bräunt dieselbe. Der gesamte Stoffwechsel kommt in ein rascheres Tempo, Appetit und Blutbildung werden gesteigert. Ein drittes, aber nicht für alle gleicherweise verwertbares Heilmittel ist das Bad in den Wellen. Es darf nur solchen Menschen angeraten werden, die gesund« Schlagadern und ein gesundes Herz besitzen. Schlaganfälle würden den Herzkranken drohen infolge der starken Einwirkung des Bades auf den Blutkreislauf. Auch für Menschen mit empfindlicher Haut, mit Neigung zu Rheumatismus ist Bor- ficht geboten, sie müssen sich erst durch Sonnen- und Sandbäder di« nötige Widerstandsfähigkeit zu erringen suchen. Für Schwächlinge sind überdies in den meisten Badeorten auch warme Seebäder vor- gesehen. Krankheiten, die besonders zu einer Seebadekur sich eignen, sind Erschöpfungen jeder Art, Unterernährung, nervöse Störungen, daneben werden vor allem die Lungenkranken mit Borteil sich einer Badekur unterziehen, wenn sie nicht vorziehen, dauernden Aufenl- halt im Bereich der Seebrise zu suchen. Die englischen /lrbeitslosen. fokyJtl-i, Der Kapitalist:„Ich hätte Euch betrogen? Schon zu Be- istnn des Krieges habe ich Euch gepredigt: Wenn wir siegen, o werden die Deutschen zahlen und Ihr braucht nicht mehr zu arbeiten. Jla— das habt 3hr doch nun!"