Nummer 20 Heimweh 17. Mm 1023 ilnterhaltuntzsbeilatze öss vorwärts- � yr* � Der weg. Von Ernst Preczang. Nebel ballten sich und kreisten. Weltmateri« glüht« auf und feiert« Hochzeit mit dem Allweltgeist. Flüssiges Erz schwang durch den Raum. Ein Stern ward geboren. 1km ihn das große, finstere Nichts. Flammendes Feuer im eisigen Meere der Dunkelheit. Rinde erstarrte. Rinde brach ein. Wasser fluteten. Land tauchte empor. Schollen türmten sich. Zacken und Schroffen bauten Gebirge. Weltgeist enlflüchtet« dem Erz, stieg in glutbrodelnde Tief«. Tote Hänge trieben ziellos auf flüssigem Feuer. Finsternis baute Eis. Gletscherberg« begruben den Stern. In der Tief« brannte die Flamme. Auf und ab. Jahrtausends. Jahrmillionen. Ab und auf. Sonn« schmolz Gletschergebirge. Allweltgeist befruchtet« das Meer, vermählt« sich dem Staube. Urschleim begann sich zu regen. Grüne Halme sproßten. Leben ward geboren. Leben in wallenden Fluten, Leben auf toter Rinde. Sonn« lockte und rief aus strahlender Höhe. Sehnsucht schwang auf in Halm und Amöbe: zu wachsen, zu zeugen. Welken und Sterben. Gebären und Auferstehn. Auferstehn in neuer Gestalt. Größer, schöner, gewaltiger. Jahrmillionen. Auf und ab. Schöpfung, Vernichtung, Neu- »erden. Rastloser Trieb zur Vollendung. Blume und Aehre ward. Strauch und Baum. Fisch und Vogel und Tier. Aus dem Tiere stieg der Mensch. Allweltgeist lächelte froh: Du sollst Ich werden. Baute sich eine labyrinthische Höhle in ihm, versteckt« sich im Hirn. Eisen floß ins Blut, Flamm« suchte ihren Herd im Herzen. Sehnsucht ist im Winde, Sehnsucht im Baum: die gewaltigste Sehnsucht ist im Menschen. Schöpfersehnsucht: Dunkles zu erhellen, Kaltes zu erwärmen, Totes zu erwecken. Leblos ruhte das Erz. Ein Stein ward Hammer. Zwei Steine wurden Funke. Aus der Hand des Menschen rann das Feuer. Iahrzehntaufende....-. Spaten umwühlten die Schollen der Erde. Spitzhacken dröhnten im toten Gestein. Werde Leben! grollte der Mensch. Feuer und Erz ward Eisen. Wasser ward Dampf. Dampf Bewegung. Eisenblöcke streckten sich zu schlankem, blinkendem Weg fauchen- den Maschinen. Schwimmende Häuser durchfurchen sicher den Ozean. Hochöfen flammen. Kräne klirren am Hafen. Von Eisen- geräusch donnern die Maschinenhallen. Allweltgeist vermählt« sich der schaffenden Hand. Idee und Materie fanden sich wieder. Tausendfältige Wunderwerk« zeugten sie. Ruhloser Schöpfer wardst du, Mensch. » Brücken von deiner Hand schwingen sich weit über den Fluß. Metallene Kuppeln ragen hoch in die Sonne. Eiserne Türme spießen in Wolken hinauf. Leblosem Stoffe gabst du gigantische Form. Brücke du selber vom Tode zum Leben. Selber Tempelkuppel, darunter Andacht um letzte Erlösung betet. Turm der Sehnsucht du selber: über Wolken hinauszuragen. Klar in der Sonne zu stehn. Ganz freier Weltgeist zu fein. Schöpfer nur noch und nicht mehr Tier. Schneckenbrautfahrt. Von PaulDahms. Eine Weinbergschnecke zog auf schmalem feuchten Pfade, der von der Erde erwärmt wurde, gemächlich ihr« Bahn. Sie kümmerte sich nicht um Lattich und Salat, der zu beiden Seiten den Weg säumte. Es schien, als wollt» sie nach erquickender Regennacht den schönen Maimorgen auf einer behaglichen Wanderung ganz aus. kosten. In bewundernswerter Ergebenheit trug sie ihr stilvolles Haus auf dein weichen Rücken. Sie brauchte sich nicht zu sorgen um ein Heim. Und mochte sie auch von vielen bemitleidet werden, sie war offenbar mit sich und ihrem Los, ein Haus durch ihr ganzes Leben tragen zu müssen, zufrieden. Ihr gepanzertes Eigenheim war ein Bollwerk gegen äußere Gewalten und Gefahren und vor allem ein Schild geKn die Sonnenstrahlen, die sie haßt, weil die Schnecke ihr Dasein zwischen Licht und Dunkel fristen muh. Ihr größter Feind ist die Trockenheit! Dann zieht sie sich in die schlüpfrige Wohnung zurück, verschließt die Tür mit einem festen Deckel und schläft eingekapselt, bis«in warmer Regen sie wieder hinauslvckt auf die reichlich gedeckte Tafel im Gartenbeet an der verwitterten Parkmauer. Nach dem nächtlichen Maircgen schien heut« ein besonderer Tag zu sein. Die Feuchtigkeit hatte alle Lebensenergie der Flelix pomatia) neu geweckt. Sie kroch plötzlich in einem Schneckentempo dahin, wie es sonst nicht bei den Geschöpfen ihrer Art Sitte und Brauch ist. Und das hatte seinen Grund: Auf ihrer Wanderung stieß die Bar- fußllluserin auf eine Schleimspur von der gleichen Masse,, die auch sie aus Drüsen absonderte, wenn sie kroch. Dieser schleimige Läufer der anderen erregte auf einmal die ganze Aufmerksamkeit der stillen Pilgerin. All ihr Stumpfsinn und ihre Trägheit schwanden, und mit vorgestreckten Fühlern ging es unaufhaltsam der einen nach, und mochten die großen Kopssalatblätter, die sich dann und wann gleich einem Baldachin über dem Wege wölbten, noch so verführe- risch zu lukullischem Imbiß locken. In dieser Stunde machte das kleine Weichtier seine Brautfahrt! Das Sinnen und Trachten der freitelustigen Schnecke galt allein der Genossin, die hier des Weges vorausgezogen war. Als Zwitter müssen die Schnecken einander suchen, wenn der Mai ihres Lebens gekommen ist. Im Zickzack lief die im Licht wie Mattsilber glänzende Spur über emen breiten Stein und verriet, daß sich auch die noch Un- bekannte suchend aus dem Liebespsade befand. Auf hoher stumpfer Kante saß sie nun halb zusammengekauert und hob von Zeit zu Zeit den Oberkörper als halte sie Ausschau nach jener, die Erfüllung bringen soll. Die Sehkraft einer Schnecke aber reicht nicht weit. Darum ließ sie ihre Fühler spielen. Und wurde plötzlich in ihren Bewegungen so lebhaft, als wittere sie etwas Besonderes im kleinen Umkreis ihres Bezirks. Wenn Mephistopl)eles hier zufällig des Weges gekommen wäre, hätte er sicher sein« Worte wiederholt, die er in der Walpurgisnacht feinem Begleiter zuruft:„Sielsst du die Schnecke da? Sie kommt herangekrochen: mit ihrem tastenden G» ficht hat sie mir schon etwas abgerochen..." In diesem Augen- blick aber fürchtete die Lebhafte weder Menschen, die sie beobachte- ten, noch den Sonnenstrahl, der sich vergeblich bemühte, den nassen Stein zu trocknen. Auf schleimigem Pfade hatten sich die Schnecken gefunden. Und das Liebesspiel, dos nun folgte, ist einzig in seiner Art. Es ist im Nehmen und Geben sein seltsam mmniglich-sinnigss Werben um Liebe. Man möchte meinen, daß die Schnecke ein ver. wunschener kleiner Amor mit dem Liebesvfcil ist. der hier im wahrsten Sinne des Wortes der Liebe Höchste Glut entfacht und Tribute fordert. Erst„tanzen" die Tierchen einen 5)ochzeitsreigen, bei dem sie sich lustig umkreisen und umschmeicheln, sich mit den Fühlern leise betasten und zärtlich streicheln. Dann heben sie die weichen Vorder- körper pressen die Fußsohlen eng zusammen und verharren regungs. los wie zwei Menschen in liebender Umarmung. Und immer von neuem beginnt das Schäferfpiek: die Tierchen gleiten neckisch auf und ab und hin und her und belecken sich kosend mit den Mündern, um auf einmal voneinander zu lassen. Scheinbar ruhig sitzen sie Seite an Seite, doch wer ahnt oder weiß, was jetzt im Innern der sonst so kaltblütigen Geschöpfe vorgehen mag. Handelt es sich hier ftctf um Rivaliunen, die nur darauf sinnen, wie sie sich aus dem Unterhalte Schaden zufügen können? Der Uneingeweiht« kann leich zu dieser Mutmaßung kommen. Denn urplötzlich schießt die zuerst Verfolgte einen schneeweißen, winzigen dolchanizen Pfeil ab. oer in dem zuckenden Köroer der Partnerin stecken bleibt. Er kam aus einer veffnung. di« sich— und das ist auch wieder eine Merkwürdigkeit, wie man sie nur bei diesen Weichtieren feststellen kann— gleich hinter dem Kopfe auf der rechten Seite befindet. Dieser Pfeil aus hartem Kalkgebilde schlägt je nach dem Tempera- ment der Schnecke mehr oder weniger tiefe Wunden. Das Ge- schoß aber soll weder verwunden noch töten, denn es ist der Schnecke Liebespfeil! Und siehe, nun gerät auch die Getroffene in höchste Erregung und erwchert den Angriff mit dem Abschuß eines gleichen scharfen Sätzen Pfeiles, der fein Ziel nicht verfehlt. Das Duell entfacht alle eidenfchaften der liebestollen Schnecken, bis sie endlich in hingeben- der Vereinigung die rechten Kopfseiten lang« und innig eng an- einanderschmiegen im letzten und wonnigsten Hochzeitsrausch. Und damit ist der Brautsahrt Spiel und Ernst zu Ende. Langsam, in alter Stumpssinnigkeit und dennoch guter Hofs- nung zieht jede wieder ihres Wegs, hinüber nach den Kraut- und Kohl- und Salatblättern. Alle Gefräßigkeit ist neu erwacht. Nun wird chochzeitsmahl gehalten. Gierig zermalmen sie mit scharfer Zunge, die mit vielen lausend winzig kleinen Hakenzähnchen einer Rcibeplatte gleicht, im nie ermüdenden Schneckentempo die breiten und saftigen Blätter. Es ist ein emsiges Lecken und Reiben und Speisen, bis sich die vorderen Zähnchen lösen und das kleine Wunderding Bissen und Gebiß verschluckt, ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen. In kurzer Frist ist die Lücke durch eine neue Zahnreihe gefüllt, so daß die Schnecke ungehindert ihre Freß- lust fortsetzen kann und oft die Mahlzeit erst beendet, wenn heiße Sonnenstrahlen den zarten Leib in das kleine Häuschen bannen. Doch wenn der Hochsommer kommt, dann gräbt das Tier im Erdreich eine kunstvolle Höhl« mit senkrechtem Eingang, zwängt dort den Vorderkörper hinein und legi nun in mütterlicher Geduld ein ganzes Schock Eier als Ergebnis einer lustigen Freitefahrt im Wonnemonat Mai. So ist die Schnecke ein kleiner wunderlicher Balg, ein märchen- Haftes Wesen, ein verwunschener Amor mit dem Liebespfeil.... Amerikanische verkehrswunöer. Bon Felix Schmidt. New Bork, im April. Der Europäer, der heute nach New Dort kommt, ist im Geiste schon so erfüllt von der Borahnung der technischen Wunder, die ihm die Neue Welt verheißt, daß er über deren sinnfälligst« Erschei- nungen, die Wolkenkratzer, weniger staunt als über solche Errungen- fchaften, an die er vorher gar nicht gedacht Hab. aus dem einfachen Grunde, weil er von ihnen nichts wußte. Und wenn in dem unge- Heuren Gewirr der Sechsmillionenstadt irgend etwas imposant, ver- blüssend.�überwältigend selbst für den Anspruchsvollsten ist, so ist das gewiß an erster Stelle das geradezu ins Riesenhaft« ausge- dehnt« System von Untergrundbahnen, die teils parallel, teils über-, teils untereinander die Riesenstadt nach allen Himinelsnchtungen hin durchziehen. Der East River, der weit hinauf für Ueberseedampser befahrbar ist, wird an drei Stellen von Untergrundbahnlinien untertunnelt, deren jede eine durchschnittlich« Läng« von 20 bis 3S Kilometern hat. Alle Linien find viergleisig; die beiden inneren Gleise dienen nur dem Expreßverkehr. Einig« der Ilntergrundbahnhöf« sind von einer Ausdehnung, daß es für den Fremden geradezu unmöglich ist, sich allein zurechtzufinden. Das gilt besonders für die Station der 42. Straße„Times Square", wo mehrere Linien zum Teil untereinander zusammentreffen. Ohne auf das Straßenniveau hinaufgehen zu müssen, findet man dort Anschlüsse nach ollen Richtungen der Weltstadt. Ueberraschend ist die geradezu raffiniert praktische Art der Ver- kehrsregelung. Der Hauptwert wird dabei auf die Sicherheit gelegt.' Man muß zugeben, daß in dieser Beziehung alles überhaupt Menschenmögliche getan ist. Das Signalsystem wirkt durchweg automatisch. Ist ein Zug über ein Signal gefahren, so leuchtet von selbst sofort das rote Licht auf, das sich ebenso automatisch in mattrosa verändert, wenn der Zug das nächste Signal passiert. Erst wenn der Zug den dritten Blockabschnitt erreicht hat, leuchtet das erste Signal wieder grün auf. Für den Fall, daß der Motorfllhrer doch einmal das Haltesignal übersehen tollte, schaltet sich durch eine sinnreiche Einrichtung der Motor des Zuges von selbst aus, und der Zug bleibt stehen. Selbst für den seltenen Fall, daß dem Führer in seinem Abteil etwas zustoßen sollt«, sind Vorkehrungen getroffen. Ter Motor wird nämlich d-'rart bedient, daß der Führer einen Hebel herunterdrücken und ihn dauernd so halten muß, so lange sich der Zug in Bewegung befindet. Sollte nun dem Motor- führer etwas zustoßen, ihn z. B. der Schlag treffen, so würde der Hebel augenblicklich b.ochschnellen, die Krafr wäre ausgeschaltet, der Zug bliebe stehen und blockierte in demselben Augenblick auch den Signalabschnitt, auf dem er stehen bleibt. Das New Borker Unter- grundbahnsystcm hält also, was es verspricht:„Safety first"— „Sicherheit an erster Stelle". Während man in Berlin immer no-y nach dem besten und prak- tischsten W a g e n s y st e m für di« geplante Elektrisierung der Stadtbahn Aueschau bält, ist diese Frag« längst in denkbar bester Weise von der New Borker Untergrundbahn gelöst. Di« Züge be- stehen aus 6 bis 8 visrachsigen Wagen, deren jeder etwa eine Länge eines der Berliner Untergrundbahnwaggöns hat. Di« Wagen haben drei Türen an jeder Seite, zwei an den Enden und eine in der Mitte. Das Oeffnen und Schließen der Türen sowie das Geben des Abfahrtsignals erfolgt von innen auf automatischem Wege durch den Zugführer. Aus diese Weise sind Türschließer und Äufsichts- beamte auf den Stationen entbehrlich, und das Aufspringen auf «inen schon in Fahrt befindlichen Zuq ist ein Ding der Uninögllchkeit. Das automatische Oeffnen und Schließen der Türen erfolgt so, daß der Zugführer, der sich in der Mitte des mittleren Wagens besindet, auf einen Knopf drückt. Ter Mechanismus arbeitet aber infolge einer besonderen Vorrichtung nur, wenn der Zug steht. Durch die gleiche Vorrichtung kann der Motorführer den Motor nicht in Wirk- samkeit setzen, solange nicht alle Türen geschlossen sind. Auf jeder Station tritt der Zugführer aus dem mittleren Wagen heraus und sieht die Wagenreihcn nach beiden Seiten hinunter. Erst wenn er wahrnimmt, daß die Fahrgäste ein- und ausgestiegen sind, läßt er die Türen sich automatisch schließen. Jeder einzelne Wagen des Zuges enthält solch« automatischen Schließvorrichtungen, kann also jederzeit als mittlerer Wagen benutzt werden. Ein unbefugtes Drücken auf die Knöpse der automarischcn Schließvorrichtung bleibt erfolglos, wenn nicht vorher ein Schlüssel in den Apparat hinein- gesteckt und einmal herumgedreht ist. Einen solchen Schlüssel hat aber nur der Zugführer. Durch diese sinnreichen Vorrichtungen kann der gesamte Unter- grundbahnverkehr bei allergrößter Betriebssicherheit mit Verhältnis- mäßig geringem Personal aufrechterhalten werden.-Das Ausrufen der Stationen erfclgt durch den Zugführer vom mittleren Wagen aus, indem er in ein Telephon, das er in der Hand hält, den Namen der nächsten Etaüon hineinspricht. Das Telephon ist mittels einer durch den ganzen Zug laufenden Leitung cm große Phonographenschalltrichtcr angefchlossen, von denen sich zwei" in jedem Wagen befinden. Der Zugführer hat auch den Namen der nächsten Station stets zweimal auszurufen, etwa in folgender Weise:„'übe net stap is Washington Avenue; Washington Avenue is tue net stop!"—„Die nächste Haltestelle ist Washington Avenue; Washington Avenue ist die nächste Höltestellel" Die vom Zugführer im mittleren Wagen in das Telephon ge- iprochenen Worte sind durch die Schalltrichter deutlich in jedem Wagen des Zuge? vernehmbar. Höchst praktisch sind auch die Stationen eingerichtet. Nir» g e n d s werden Fahrscheine verkaust. Man entrichtet«in- fach das Fahrgeld und geht dann durch ein Drehkreuz. Bei jeder Vierteldrehung kann immer nur eine Person hindurch. Mit dem Drehkreuz ist ein Zählapparat verbunden. Die Aufzeichnungen der Drehungen des Kreuzes müssen sich dann mit den Einnahmen decken. Aus diese Weise ist eine einfache, trotzdem aber zuverlässige Kontrolle ohne Fahrscheinausgabe, ohne Knipsen, ohne Fahrschein- abnahm« und ohne besondere Kontrolleure gegeben. Durch eiserne Geländer sind auf jeder Station verschiedene Gänge ge- schaffen, in die man, auch wenn man mit den Verhältnissen der Etation nicht vertraut ist, sozusagen zwangsweise hineininigsicrt wird. Dadurch wird verhindert, daß sich Ankommende und Ab- fahrende je begegnen oder drängen. Nach einer städtischen Ver- ordnung müssen in der kalten Jahreszeit alle Wagen— auch die Straßenbahnen— elektrisch geheizt werden. Erwähnt sei zum Schluß noch, daß das Ausspeien aus den Fußboden der Stationen oder im Innern der Wagen sowie Rauchen strengstens ver- boten ist. Der Berliner, der an das lebensgefährliche Gedränge in der Untergrundbahn oder auf der Stadtbahn denkt, mag vielleicht ein» wenden, daß sich bei großem Andrang auch auf der New Uorker Unter- grundbahn der Verkehr sicherlich nicht so glatt abwickeln wird. Und doch geschieht das. Ein Oeffnen der Türen von außen und Auf- springen während der Fahrt ist einfach unmöglich, da die Türen nur von Innen geöffnet und geschlossen werden können. Sollte jemand einmal versuchen, sich mitten in die Tür zu-stellen, und dadurch das automatische Schließen der Türen zu verhinde-'n, so würde er sofort festgenommen werden. Das wird in New Bork ober niemals jemand versuchen. Das New Borker Publikum wahrt eben eine für Berliner Begriffe geradezu musterhafte Selbstzucht und O r d n u-n g. Zrühling. Aus Blülenbäumen fällt die Nacht dustschwercn Flügels in den Schoß der Erde, und über ihre dunkle Pracht lockt noch ein Dogelruf das Licht.--- Die Erde atmet schwer in des Empfangens herber Lust, und tiefer sinkt die Nacht verlangend in den warmen Schoß und zieht den Duft der Blüten nieder. Ein leises Aechzen schleicht, ein Seufzen wie von heißem Ringen, darin das Unterliegen— Siegen. Und alle Skerne fteh'n wie Lichter, steil und still ein Brautgemach--- mir aber will das herz zerspringen, all, oll mein rotes Blut ist wach. Paul Vourfeind .(in linier iicut» Sedichlsammlung„SB i t Wandere« in der Höh e", Rheinland-Berlaa, Nöln). Die erste Zigarre. Von KarlEttlingcr, München. Eva saß im Paradies unter einem Palmenbaum und schmollte. Sie war bereits einen Tag alt, und dennoch schmollte sie zum ersten-, mal. Sie sand, dah Adam sich skandalös benehme.„Mir muß eine Rippe sehlen," hatte er gesagt. Eva war tief gekränkt.„Da sitze ich nun neben ihm und warte darauf, daß er mir etwas Liebes sagt, und dieser Barbar zähtt seine Rippen nach! Aber so sind sie alle! Ich kenne zwar erst diesen einen, aber so sind sie alle!" Wütend mar sie aufgestanden und hatte Adam alleingelassen. Unter dem Palmenbaum wollte sie sich ausweinen. Aber da war die Schlange herangekrochen und hatte ihr ins Ohr gezischelt:„Eva, Mcnschenskind, weine doch nicht! Ich will dir ein Mittel sagen, wie man die Männer zur Berzweiflung bringt!" „Ah, großartigl" hauchte Eva und trocknete stracks ihre Tränen. „Soll ich ihm die Augen auskratzen?" „Rein," zischte die Schlanze,„du mußt schmollen!" „Schmollen? Welch süßes Wort! Schnell, schnell, sage mir: wie macht man es?" „Du muht kein Wort mehr mit ihm reden!" „O, wie schwierig! Nicht reden, glaubst du, daß eine Frau das aushält?" „Es ist ja nicht für immer! Und dann ziehst du ein Mäulchen. „Wird mich das auch nicht häßlich machen?" „3m Gegenteil: es wird dich entzückend kleiden!" „Kleiden? Was ist das? Hab ich noch nie gehört!" „Du mußt mich nicht immer unterbrechen, Eva! Also du ziehst «in Mäulchen, und wenn er dich anspricht, kehrst du ihm den Rücken zu; wenn er dich küssen will, stößt du ihn zurück!" Und Eva üble ll-h im Schmollen. Sie brauchte es gar nicht lang« zu üben— merkwürdig, sie halte angeborenes Talent dazu. Unterdessen lag Adam am andern Ende des Paradieses unter einer blühenden Staude und zupfte nervös Blätter. „Was sie nur hat?" dachte er.„Ich Hab ihr doch gar nichts ' getan? Das ist das merkwürdigste Tier, das mir bisher im Paradies begegnet ist. Eigentlich sollte ich sie in einen Bach werfenl Ja, das werde-ich tun!" Er schmunzelte befriedigt und spielte mit einem Blatt, während er weiterdachte:„Nein, ich werde es doch nicht tun! Sie könnte »ah dabei werdenl Und sie hat so eine zarte Haut!... O, was für eine weiße, schöne Haut!... Aber weshalb ist sie so frech?... Ich werde es doch tun!... Nein, ich tu's doch lieber nicht!... Oder tue ich es doch?" Adam war sehr unglücklich. Bor der Erschaffung der Eva hatte er Immer genau gewußt, was er wollte; aber seit seine Rippe herumlief... „Ob ich einmal hingehe und ihr ein gutes Wort gebe?— Unter keinen Umständen! Ha, das könnte ihr so passen! Adam, sei ein Mann! Sie muß zu mir kommen! Ick) war zuerst dab-- Wenn sie aber nicht kommt?... Sie hat einen so harten Kopf... Ach was, st« wird schon kommen! Das heißt: ich glaube kaum, daß sie kommt! Auch recht! Unter keinen Umständen tu« ich den ersten Schritt!" Mit diesem felsenfesten Entschluß erhob sich Adam, um Eva zu suchen. Er fand sie unter dem Palmenbaum. „Und wenn ich aus der Stelle aus dem Paradies gejagt werde," sagte sich Adam,„ich rede sie nicht an!" Und flüsterte zärtlich: „Eva— Eochen!" Hörst du mich nicht? Eva drehte ihm den Rücken zu.' „Euchen, dein Adamchen.ist da! Dein kleines braves Adam- männelchenl" Eva seufzte herzzerbrechend. Wie die Schlange es Ihr bei- gebracht halte. Dabei legte sie aber das Gesicht ins Gras, um das Lachen verbeißen zu können. Erschrocken beugt« sich Adam über sie.„Tut dir etwas weh, Eva? O Gott, neulich hat ein Nashorn die Grippe gekriegt! Und hier unter dem Palmenbaum zieht es so! So sprich doch ein Wort! Ich beschwöre dich, mein Engel!" Als Eva unseren Stammvater also zittern sah, empfand sie Mitleid mit ihm. Sie war eben die erste Frau und kannte sich nicht so aus. Ähre Töchter verstchen es besser. „Ich bin kerngesund, Adam!— Und nun laß mich allein!" „Nicht eher, als bis du mir wieder gut bist!" „Also ich bin dir gut! Aber jetzt gehe!" „Und der Bcrsöhnungstuß— Eva?" „Vielleicht morgen! Laß mich, ich habe Migräne!" „Ich werde sie dir wegküssen!" „Rühr' mich nicht an!" Ei« war aufgesprungen und wollte gehen. Da kam Adam ein Gedanke:„Wenn du meine Lippen nicht küssen willst, so gib mir einen Fernkuß!" Eva stutzte. Ein Fernkuß? Das war etwas ganz Neues, und für dos Neue l)aben die Frauen stets was übrig.„Ein Fernkuß? Was ist dos?" „Ganz«insach, mein Ripperl. Ich stecke dieses zusammengerollte Blatt in den Mund, und du küßt mit deinem Schnäuzchen das andere Blattende!" Und weil Eva den dummen Adam, allen Schlangen zum Trotz, doch so furchtbar lieb hatte, küßt« sie das Blattende so feurig, daß es zu glimmen anfing. Aus Adams Mund quoll eine fein« duftige Wolke. „Ah, das schmeckt gut!" lächelte er und zutzelte eifrig an dem Blatt. „Laß mich auch mal ziehen!", bat Eva. Aber es schmeckte ihr nicht, denn sie war eine ganz unmoderne Frau. Der gute Adam fand ein solch großes Wohlgefallen an dem Glimmkraut, daß er sich fortan täglich fünf bis sechs Blätter rollte. Di» Schlange aber biß sich vor Ingrimm in den Schwanz. Ganz umsonst hatte sie der Eva die Kunst beigebracht, den Adam durch Schmollen zur Verzweiflung zu bringen. Denn wenn Eva fortan wieder einmal schmollte, zündet« sich Adam einen Glimmstengel an und— lächelte. Und so machen es die klugen Adams heute noch. Witterung unö vogelgefang. Bon Dr. H. W. Frickhinger- München. Der tägliche Beginn des Frühgcsanges der Vögel erfolgt nach einer gang bestimmten Reihenfolg« der„Vogeluhr". Es sangen der Reihe nach an zu singen: Rotkehlchen und die beiden Rot- schwänzchenartcn; Singdrossel �imd Amsel; Kuckuck; Kohlmeise; Pirol; Wcidenlauboogel und Schwargplättchen; Buchfink; Girlitz; Sperling. Dies« große Regelmäßigkeit, ferner das gelegentlich beob- achtete' allgemeine Verspäten bei trübem Wetter' liehen eine Gesetzmäßigkeit vermuten und wiesen vor allem auf die Unter- suchung der Helligkeitsverhältnisse hin. Dr. Albrecht Schwan vom Naturhistorischen Museum in Darmstadt hat sich durch etliche Mo- nate hindurch der Mühe unterzogen, allmorgendlich die Anfangs- Zeiten des Gesanges der einzelne» Vögel aufzuzeichnen und gleich« zeitig durch genaue meteorologische Beobachtungen den Einfluß der Witterung auf die Zeit des Beginnes des Gesanges festzustellen, Versuche, über die der Forscher in den„Verhandlungen der Ornitho- logischen Gesellschaft in Bayern" berichtet hat. Der Vergleich der Helligleitswerte mit den Anfangszeiten be- wies sehr bald, daß die Helligkeit das Erwachen und damit den Fruhgesang auslöst. Einmal beweist das der vollkommen parallele Verlauf der Anfangszeiten mit dem Sonnenaufgang: die frühesten Anfänge sind Mitte Juni, zur Zeit der längsten Tag«. Vergleicht nian weiterhin die Anfangszeiten von zwei Nacbbartagen, von denen der eine infolge dunkler Bewölkung eme verspätete Dämmerung hat, sv gehen die Anfangszeiten diesem Helligkeitsverlaus parallel. Die einzelnen Vogelartcn sind demnach auf eine gewisse Hclligkeitsstufe aboestimmt, die durch das Photometcr(Lichtmesser) bestimmbar ist. So beginnt z. B. die Singdrossel und auch die Amsel bei durchschnittlich 0.) mk(— Meterkerzen) ihren Gesang, die Kohlmeise bei 1,8 mk, der Pirol bei 1 mk, der Sperling bei 20 mk usw. Die Angehörigen einer Art beginnen fast gleichzeitig, also bei derselben Helligkeit. Diese Beobachtungen Dr. Schwans konnte ich selbst bei einigen Kästgvögcln bestätigen: so beginnt mein Zeisig alltäglich mit Sonnenaufganz sein Gezwitscher, ihm folgt etwas später das Schwarzplättchen mit seinen Flötentönen. Als letzter beginnt dann endlich von meinen Zimmergenosien der Star seinen Gesang. Der Gesang der Vögel ist weiterhin vom Wetter abhängig: schlechtes Wetter äußert sich in einer schlechten Gesangsstimmung, und diese uueder in einen, späten Anfang, und umgekehrt. Die Wetterempfindlichkeit steht ja im Tierreich durchaus nicht vereinzelt da,»nd auch wir Menschen sind in unserer ganzen Stimmung, Arbeitslust und Arbeitsfähigkeit stark vom Wetter abhängig. Auch noch andere atmosphärische Einflüsse konnte Dr. Schwan feststellen; so wirkt hoher Lustdruck angenehmer als niederer; Tem- peraturzunahm« ebenso. Eng mit der Temperatur hängt die Feuchtigkeit zusammen; hohe Grade der Feuchtigkeit erschweren beim Vogel die Feuchtigkeitsabgobe der Haut und verhindern so einen Wärnieverlust. Der Vogel kennt offenbar das Unangenehme des„Naßkalten" infolge semes Federklcides nicht. Wind wirkt einnial abkühlend und als solcher in Uebereinstimmung mit dem Temperatureinfluß. Besonders empfindlich aegen diese drei Kom- ponenten des Temperaturgefühls sind Drossel, Kohlmeise. Lust- bewegung wirkt außerdem noch rein mechanisch, als Luftbewegnng an sich, namentlich bei größeren Windstärken. Außerordentlich empfindlich ist die Amsel, während bei Droste! und Weidenlaubvogel fast keine Reaktion beobachtet werden konnte. Regen wirkt erst von größerer Stärke an. Holle und geringe Bewölkung wirkt ange- nehmer aus die Stimmung als dunkle Wolken, offenbar infolge der dann vorhandenen größeren Lichtintensität. Während bei den echten Sängern also. Answachen und Gesangesanfang zusammen- fällt, ist das nicht immer der Fall dein, Kuckuck, Grünspecht, bei der Rinneltaub« und wahrscheinlich auch bei den Grasmücken. Völlig regellos ist der Anfang beim Haus- und Psauhahn und bei den Enten, etwas regelmäßiger bei den Haustauben. Kärrnerlos! Von Willi Birnbaum. Mein Alltag ist Kampf, Ringen mit den Mühseligen, mein Sonntag aber Sammlung, Rast, Friede, mein Festtacj war: der Tag, da ich mir selbst genüge! Ewig-unruhig-sprudelnder Geist... stetig geht von neuem ein Ringen: Die Umwelt ist nicht für uns, wir sind für sie da!!. Wissen und Schauen Negermusik und Negerlied. Was als Negsrmufik, als Begleitung zu Cakewalk früher und zu Jazz und Shimmy heute nach Europa gelangt, ist unecht, ist mehr bezeichnend dafür, wie der Weiße den Neger sehen will als für diesen selbst. Den wirklichen Beitrag der Schwarzen zur Kulturleistung der Vereinigten Staaten stellen viel- 'mehr die„Spirituals" dar, ihre geistlichen Gesänge, die größtenteils noch aus der Zeit der Sklaverei herrühren. Vor dem drohenden Vergessen hat sie die aufopferungsvolle Sammelarbeit der Neger- Universitäten in Tuskegee und Hampton während der letzten Jahr« bewahrt. Das seltsame Tongefüg« der Negergesänge mit ihren Syn- kopierungen, die ein Ueberbleibsel der afrikanischen Musik darstellen, durch ein Notensystem völlig zu erfassen, ist bis heute nicht ge- lungen. Ihr« Stimmung ist— im Gegensatz zu den auch außer- halb Amerikas populär gewordenen sogenannten Niggersongs, die einen meist von Weißen verfaßten Blödsinn darstellen— zumeist die einer tiefen Klage und oft auch einer starken Tragik.„Bis- lveilen bin ich wie ein mutterloses Kind", beginnt eines:„Manchmal bin ich wie eine trauernde Taube", ein andere«:„Ich wollt, ich wäre nie geboren", lautet der Refrain eines dritten. Da der Neger in seinem Sklavenleben gezwungen war, seine wahren Gefühle seinem Besitzer gegenüber zu verbergen, ergossen dies« sich in Gesänge, in denen nichts von Widersetzlichkeit und Empörung erklingt. Er, der Mühebeladene, fand Trost in Ge- sängen wie„Gott wird alle Not verjagen". Da es den Negern auf vielen Pflanzungen nicht gestattet war, Gottesdienst abzuhalten, ver- anstalteten sie heimlich religiös« Zusammenkünfte in den Wäldern. Ihr« Prediger, zumeist ihresgleichen und völlig ungebildet, wußten ihren religiösen Bedürfnissen wenig zu bieten und so flüchtet« sich alle Glut der Empfindung und überirdischen Sehnsucht in den ge- meinsamen Gesang. Daher das Ueberwiegen des religiösen Moments in diesen Liedern, die dem Neger oft das einzige Mittel waren, um mit ihrem Gott zu reden. Angesichts des Elends dieser Welt steigerlen sie sich in glühende Vorstellungen von der Welt jenseits des Grabes hinein. Perlentor«, goldene Straßen, Engel in lichten Kleidern, die mit Harfen spielen, die glänzenden Kronen, Kleider, Schuhe, die sie tragen werden,„wenn sie durch Gottes ganzen Himmel wandern werden" als Gottes Kinder— dies alles spielt immer wieder eine große Rolle in den Liedern und dazu die stete Gewißheit, daß auch er, der arm« Schwarze, ein« Seele habe, die im Himmel' mit einer klaren Flamme brennen werde. 3 ZW vom Menschen 3 E53: Die Erblichkeit der Augenfarbe. Eine blaue Iris besitzt kein blaues Pigment, sondern ist frei von Farbstoff, und erhält ihre Farbe nur dadurch, daß das Licht durch eingestreute Körnchen ge- brachen wird. Solche Augen besitzen jedoch schwarzen Farbstoff in der Aderhaut, während die roten Augen der Albinos auch hier des Pigments ermangeln. Ist schwarzer Farbstoff in der Iris vor- handen, so erscheint sie je nach der Menge des Farbstoffes entweder hellbraun oder dunkelbraun oder schwarz. Kommt dazu noch ein gelber fetthaltiger Farbstoff, so erscheint die Iris grün oder bei blauem Grundtypus grau. Für die Vererbung der Augenfarbe auf die Nachkommen dominiert natürlich der pigmentreichere Zustand über den pigmentärmeren oder pigmentfrcien, braun steht über grau, und grau über blau. Daraus ergibt sich: Blauäugige Eltern können nur ebensolche Kinder haben, graue und braunäugige El- tern dagegen können Kinder mit der elterlichen Augenfarbe oder einer dieser untergeordneten Farbe haben. Braunäugige Eltern können Kinder mit braunen Augen, aber auch solche mit grauen und blauen erzeugen, grauäugige Eltern haben dieselbe Farbe bei ihren Kindern, daneben auch blauäugige Kinder, aber nie braun- äugige oder gar. schwarze. Gesundheitspflege Ijilll Die wichtigkeik der Vitamine. Wenn es auch noch nicht gelungen ist, die Vitamine, diese für unser« Ernährung äußerst wichtigen Stoffe, chemisch rein darzustellen und zu analysieren, ist inan in der Erkenntnis ihrer Wirksamkeit schon bedeutend vorgeschritten. Wir wissen, daß viele Stoffwechselkrankheiten, die englische Krankheit oder Rachitis, die Bcriberi, die Pellagra, der Skorbut usw. auf Mangel an Vitaminen zurückzuführen sind. In Wien erkrankten Säuglinge, die nicht genügend Milchfett erhielten, an sogenannter TerophthalMie, es zeigten sich Bindehautentzündungen unter Schwel- lunq und Entzündung der Augenlider, Hornhautgefch.oüre usw., und in schweren Fällen führte die Krankheit zur Erblindung. Gab man rechtzeitig Butter, Lebertran, Rübensaft, so trat infolge der Vita- mine Heilung ein. Es darf daran erinnert werden, daß die Heilkraft des Lebertrans gegen englisch« Krankheit, beruhend auf dem Vita- min A, schon lange benutzt wurde, ehe man den Zusammenhang ahnte. In Dänemark führte die vorwiegende Ernährung der Kinder mit Buttermilch und Mehlsuppen zu häusigen Erblindungen, und ähnliche Beobachtungen sind in Hospitälern und Waisenhäusern ge- macht worden, wo die Kinder nie Grünes und Butter, sondern nur Magermilch und Margarine erhielten. Butter ist sehr vitaminreich, wogegen Margarine und Schweineschmalz diese Stoffe nicht ent- halten. Sehr reichhaltig an Vitaminen, und zwar an allen drei bis jetzt bekannten Arten, die man als Vitamin A, B und C bezeichnet, ist die Tomate. Der Genuß dieser Frucht ist deshalb sehr anzu- empfehlen, am besten in rohem Zustande, denn Erhitzen und Kochen schwächt die Wirkung der Vitamine oder zerstört sie ganz. Die neue Lehre von den Vitaminen wird auch für die Viehfütterung immer mehr Wert und Wichtigkeit erhalten. iWpIlipD Naturwzssenschafl künstliche Verschiebung des Geschsechtsverhältnisses. Bei den meisten Organismen werden unter normalen Lebensbedingungen gleichviel Männchen und Weibchen erzeugt, bei anderen dagegen überwiegt dauernd das eine Geschlecht zahlenmäßig das andere. So kommen Z. B. beim Schwein auf 100 Weibchen 117 Männchen, beim Habicht dagegen nur 87 Männchm. Dieses Verhältnis der Ge- schechter, das bei den einzelnen Tier- und Pflanzenarten einen an- nähernd stetigen Wert besitzt, kann künsttich durch experimentelle Eingriffe verschoben werden. A. Bluhm führt seit längerer Zeit der- artige Versuche bei weißen Mäusen durch, die von großem theoreti- scheu Interesse sind. Bei den weißen Mäusen kommen normal auf IVO Weibchen nur 80 Männchen. Diese Zahl kann durch Einwirkung chemischer Stoffe auf den Organismus beträchtlich verschoben werden. Durch Einspritzung bestimmter Mengen von Alkohol stieg die Männ- chenziffer von 80 auf 122, es wurden also infolge der Alkoholisierung bedeutend mehr Männchen geboren als vorher. Durch Einwirkung von Yohimbin stieg die Männchenziffer ebenfalls von 80 auf 120: aber nur, wenn die Männchen dieser Einwirkung ausgesetzt wurden. Weibchen, die ebenfalls mit Uohimbin behandelt wurden, sich aber mit normalen Männchen paarten, zeigten keine Zunahme der Männchengeburten. Hieraus geht hervor, daß das Yohimbin nur auf die männlichen Geschlechtszellen einwirkt. Etwas verwickelter sind die Ergebnisie bei Behandlung mit Koffein. Die Männchen mußten sich erst an dieses Gift gewöhnen: vorher war die Sterb- lichkeit bei ihnen groß, und in ihrer Nachkommenschaft traten noch weniger Männchen auf als vorher. Nach der Anpasiung an das Koffein stieg ober die Männchenziffer plötzlich auf 126, um dann später, als wahrscheinlich die Reizwirkung des Koffeins nachließ, etwas zu sinken. Das Zustandekommen der veränderten Zahlenverhältnisse erklärt sich Bluhm folgendermaßen: Es existieren zweierlei männliche Ge- schlechtszellen, Weibchen bestimmer und Männchenbestimmer, die nach einer Annahme von Lenz verschieden große Beweglichkeit besitzen. Bei den Mäusen sind unter normalen Bedingungen die Weibchen- bestimmer beweglicher, so daß von ihnen mehr Eizellen befruchtet werden als von den Männchenbestimmern: daher überwiegt die Zahl der geborenen Weibchen. Durch die Einwirkung des Koffeins nimmt dann aber die Beweglichkeit der Männchenbestimmer zu, so daß nunmehr die Männchenzifser steigt. Wenn diese Deutung vielleicht auch noch keine endgültig« ist, so zeigen die Versuche doch mit ziem- lich großer Sicherheit, daß zwei verschiedene Arten männlicher Ge- schlechtszellen existieren, die in verschiedener Weise auf äußere Ein- flüsse regieren. Statt der Göttin mit den verbundenen Augen hat die französische Tyrannei den 3ustizgöhen eingeführt, der seinen Herren ihre Diktate absieht und das Recht unter die Aüße tritt.