Nummer 31 Heimweh 2. fiug. 1923 � Anterhaltuntzsbeilatze Zss vorwärts Der LoUe Homberg.*) Von Josef W i n ck l e r. mih1*. wae� D i e Kußepidemie oder praktisches Christentum. In früherer Zeit zogen viele westfälische Bauernjungen als Pöltker, das heißt Kiepenkerl?, über die Grenze nach Holland oder Holstein. Man nannte sie Tödden, Zugvögel. Manche brachten es zu großen Kaufmannshäufern und sitzen jetzt däftig und breit zu Amsterdam auf der Kalwerstraat. Die Brenningrncicr, die Aoß, die Peeck und Kloppenburg sind solche ehemaligen Pöttker. Kamen diese Tödden in der Vakanz nun heim zu ihren Fa- milien, die meist auf den Dörfern wohnen blieben, so spielten sie den dicken Wilm, ritten und fischten, tranken, schtuodronierten und schütteten die Gulden und Dubbeikes wie Flöh« aus dem Sack. Auch wußten sie mit Findigkeit sich um die Steuern zu drücken. Ergo waren sie nicht beliebt, wie schon der Holländer als feister Wynheer seit je vom Westfalen herzlich verachtet wurde. Der Holländer rächte sich und nannte den Deutschen„Muff", lieber die Entstehung dieses Schimpfwortes sind sich beide Grenzvölker noch nicht einig geworden. Nun wohnte ein Tödde als Nachbar des Barons, und jene Abneigung übertrug sich auf beide Teile. Schließlich haßten sie einander, daß der Tödde mit bramstigen Tatzen die Haustür zu- knallte, wenn der Baron nur fern vorüberritt, und dieser seiner- seits schrie ihm aus dem Sattel durchs Fenster:„Di� bnseliq Sisse- männkenl", obwohl keiner von beiden den eigentliche? Grund dieses Hasses kannte. Der Baron hatte schon durch einen Mittelsmann versucht, den Tödden einfach aufzukaufen, war aber abgeblitzt. Der Tödde erwarb vielmehr noch das Tonncnwäldchen hinterm Garten dazu und um- friedete seine ganze Siedlung mit einem grünen Lattenzaun. Ja, er hatte die Dreistigkeit, eine wallende, knatternde Fahne bei je- weiliger höchst persönlicher Anwesenheit wie ein regierender Fürst hochzuziehen. Da er zu Amsterdam ein Konfektionsgeschäft betrieb, ließ der Baron zum Hohn nachts eine alte Hose an die Fahnen- stange hängen. Dafür strüppte dieser ihm �ewilderie Hasenschwänze an die Schloßpforte. Di« Kinder, hintern Zaun versteckt, riefen:„Cousin, Cousin!" denn so hießen die Zirkusnarren. Dachs ging auf eigene Faust los und band im Dunkeln der Frau des Tödden die Röcke überm Kopf zusammen— daß sie sluddernd stundenlang irrlief und mitten im Dorf als Verrückte landete. Der Tödde warf dem Baron eine faule Katze durchs Fenster auf die Tafel. Niemand sah den jeweiligen Uebeltäter, und doch wußten beide Parteien, wer die Knoten in den Faden schlug. Der Baron ließ ihm sämtliche Fensterscheiben schwarz streichen. Da fing der Tödde ihm die Gänse weg. Wer sollte es sonst sein? Es roch tagelang sehr lecker aus dessen Küche. Der Haß ward groß wie der Zuider See. Nun kam Mission ins Dorf. Der Bater wetterte gegen Feindschaft und Haß und rief:„Christus gab sogar Judas den Licbeskuß!" �. Sofort erhob sich der Baron vor der ganzen Gemeinde und küßte den Tödden.. Am folgenden Tag ging er offen in das Hans hinein. Der Tödde sonnig verbiestert vom Sofa, als blieb ihm ein Kabeljau in: Halse stecken.„Lieber Bruder!" schon umarmte ihm Bomberg und küßte ihn gewaltig ab. Bei dieser Szene trat die Frau ins 5?aus, und der Baron stürmte mit ausgebreiteten Armen aus sie los, die durch den Flur davon, er hinter ihr her:„Schwester! Schwester!" und kriegte sie im Garten ans Schlafittchen und sckmatzte sie ab. Schon war Dachs gefolgt und küßte gerade in der Stube den Ehemann. *) Einige Anekdoten aus dem„Tollen Bomber g", west- Mischer Schelmenroman von Josef Whickler(Deutschs Verlogs- anstalt, Stuttgart). Der toll« Baron von Bömberg lebte und wirkte in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts als der west- fälische Eulenspiegel! sein« Streichs und Abenteuer sind noch heute in ganz Westdeutschland in aller Munde wahres Legendengut des Volkes geworden. Winckler ljat das umfangreiche Material ge- sammelt und zum erstenmal zu einem Lebensbilde abgerundet. Abends brachte eine Musikkapelle ein Ständchen. Der Baron erschien in Gehrock und Zylinder und feierte vor den Versammelten die Liebe. Dann küßte er das widerstandslose Ehepaar unter der Haustür. Wo Dachs den Mann oder die Frau sah, stürzt« er zum Küssen herbei. Wo der Baron sie sah, stieg er vom Wagen und umarmt« beide. Die Bauernburschen machten sich schon den Sclzerz und küßten das Dienstmädchen, so oft es sich nur blicken ließ. Bald stürzten die Dorfrangen über die flüchtenden Tödden- linder und küßten sie. Alle Schikane gegen den Mynheer entlud sich im Kuß. Ohnmächtig erlagen sie der allgemeinen Vützerei: Küsse, Küsse, Küsse! Der Tödde verkaufte Haus und Hof und floh wieder ins Tulpen- und Käseland. * „M eine Herren: die Lerche!" Wohl wenige wissen, woher die Redensart stammt:„Meine Herren: die Lerche!"— Der Antisemit Stöcker gehörte zu den deutschen Sieben, die den Juden nicht lieben, und hielt in Münster nach der großen Judendebatte in der Sitzung des Preußischen Abge- ordnetenhauses vom 22. November 1880 eine Brandrede. Er fuhr die fossilsten Geschütze auf: die Juden bekämen heimlich Steine in die Särge, um nach dem Tode, falls sie Christen begegneten, sie bombardieren zu können. Wer enmal im Leben ein« Jüdm geküßt hätte, sei im Blute verdorben, denn das jüdische Gift dringe sofort durch die Poren ein! Schaddei heiße Teufel und sei des- halb der Gott Abrahams! Der Meineid würde von seiner Sippe bis heute als Religion gefordert, zu Ritualgebräuchen verpflichtet, die einen Christen schaudert, auszusprechen!„Der internationale Mädchenhandel ist ihre Domäne! Versippt über alle Länder, zehren sie den Völkern das Blut aus! Die Presse, die Kunst wird von ihnen beherrscht, die Wissenschaft ist schon halb erobert! Die Land- Wirtschaft seufzt nach Befreiung von jüdischen Viehhändlern, die städtische Kaufmannschaft von ihrer unsauberen Konkurrenz!„Man glaubt, die Juden zu kennen, weil man ihre Bärte gesehen," spottet Heine, aber man kennt sie nicht, sie sind ein wandelndes Geheim- nis!"„Und"— der Redner hob die Fäuste—„schlafen wir denn alle noch? Wer besitzt die erst« Stimme, die uns weckt?" Da erscholl die tief« Grabesstimme Dombergs aus der hintersten Saalecke:„Meine Herren: die Lerche!" Als ungeladener Leidtragender. Der Adel mied ihn mehr und mehr. Bei Taufen, silbernen Hochzeiten, schließlich sogar bei Begräbnissen überging man ihn wie fressend Feuer.„Wir wollen auch ihre Scheinheiligkeit züchtigen!" sagte er zu Dachs. Eine uralte Gräsin rvar gestorben, und der amtierende coan- gelischc Geistliche hielt die öffentliche Beileidsrcde vor der schwarz drapierten Gleichgültigkeit. Der einfältigen alten Schachtel, ohne nähere Verwandtschast, gaben alle aus bloßer Konvention das Ge- leite: der ganze Hochadel umstand vor zuschauender Menge mit Aplomb und Trauermiene die Gruft. Plötzlich schluchzte jemand tief auf. Man reckte verwunderle Hälse. Der Pfarrer Hub befriedigt die Stimme, und jetzt erkannten ! sie erst Bomberg, der ein Tuch vor die Augen führte. Je weiter die 1 Salbadereien gingen, desto heftiger schluchzte er auf. Verwunde- ! rung, Argwohn der Versammlung wandelt« sich zu Efsronterie, doch vermochte niemand dem Pfarrer einen Wink zu geben oder diesen brüskierenden Ausbruch des Schmerzes zu hindern. Der Pfarrer hingegen glaubte einen Verwandten oder Freund zu sehen und kostete wenigstens diesen«inen Triumph in gesteigerter Suada aus. Aber sieh!— schon begann ein zweiter voll Ergriffenheit, der Baron sing den Taumelnden aus, denn in diesem Moment begann Dachs in gelben Stulpen und blauer Livree zu heulen, und der Baron tröstet« ihn, heftig die von Zwiebeln tröpfelnden Augen ihm wischend. Doch Dachs war nicht mehr zu beruhigen:„O Gott! O Gott! O Gott!" Der Pfarrer zog jetzt alle Register. Die hohe Versammlung litt machtlos ihre offene Persislaze. Es lag keine Handhabe vor, aus ihrer zum Bersten geschwollenen Erregung gegen zwei Leidtragend« einzuschreiten, die nur den Worten des Pfarrers gemäß„von Schincrz zerrissen dem unermcß- liehen Jammer um die teure Verblichene sich hingeben—." Dann traten Dachs und der Baron ordnungsmäßig an die Gruft und warfen noch drei Schippen Sand herab. Loblied der Sonnenblume. Von Alwin Rath. Wo sich van Gogh in der alles überglutenden Farbe weit aus- gebreiteter Lupinenfclder austobt oder in strahlenden Sonnen- blumengloriolen schwelgt, da wälze ich mich mit in diesem Pracht- glutengold der Sonne. Wie zart, wie weich aber klingt diesen starten, vom Saftgrün und Chromgelb der Sonnenblum« strotzenden Bildern gegenüber das„Bild" eines anderen Künstlers:„Der Sonnenblume gleich steht mein Gemüte offen." Malt Mörike, eigenartig, erst srapp erend, und doch so großartig Sonst wissen die Künstler vom Wort nicht recht mit der prangenden Blumenriesin fertig zu werden. Man begegnet ihr selten in der Klause der Poeten. Eher in der Glas- stube der Dekorateure, hinter glitzernde» Schaufenstern. Ein anderer Künstler der Wirklichkeit aber versteht sich mit der Sonnenblume direkt häuslich und sommerlich luftig einzurichten, der„Berliner Agrarier". Mit Vorl'ebe und auch mit Geschmack bisweilen pflanzt der Laubenkolonist in seinem Landgütchen die �ochschastige, diese Sonne unter den Blumen, die beim Herannahen des Herbstes mit ihren kolossalen gelben Blumenkelchen dem von Wind und Wetter mitgenommenen Sommerhcim«in« lichte freudige Traulichkeit gibt und mit ihren ungeheuren Blättern die Häßlichkeit der oft geradezu tecrpappencn„Erholungsstätten" angenehm tapeziert! Als der Mensch noch in einem mühselig ausgebrannten und ausgeschürften Einbavm sich über die Flüsse wagte, hatte der Lebensgeist in dem kleinen chlorophyllgrünen Zellchen, das sich in dem Kieselpanzxr der Alge vermauert, bereits das Prinzip der Müngstener Brücke, überhaupt jedes modernen Brückenbauwerks „ersonnen". In jedem unters Okular gebrachten Wassertropfen unserer Tümpel kann man noch heute solche winzige Diatomeen, Kicselalgen, hinschicßen sehen. Bald kuglig, bald sichelförmig, bald wie ein zierliches Boot anzuschauen. Bei allen aber ist in wunderbarer Regelmäßigkeit der Aus- sührung, so daß jedes der kleinen Kielelfutteräle wie ein minutiöses Kunstwerk wirkt, aus den zarten Wandungen Material heraus- gespart. Unwillkürlich denkt man an die kunstvollen Durch- brechungen gotischer Bauwerke, wie des Rathauses zu Münster, und an das kostbare Arabeskenwerk in den Tempeltüren arabischer Moscheen. Und an die Müngstener Brücket Denn hier ist schon die modernste Wissenschaft des heutigen Ingenieurs tätig gewesen, die bei Eisenbauten cder überhaupt, wo größte Sparsamkeit im Materialoerbrauch notwendig ist, nur„die Drucklinien massiv her- stellt und die Füllungen leer läßt". Dies Kunststück im Bau des Hauses hat auch die Sonnenblume mit der Zeit herausgeklügelt. Sie, diese Hochragende und doch so schlanke, die unter jedem Windhauch pendelt, unterm Sturm bis zur Erde geschleudert, doch wieder elastisch und lebenszäh aufschnellt, sie hat in ihrem Innern, in diesem schmalen Schaft ihres Stengels ein Konstruktionsgcrüst von solcher Zähigkeit, solcher Leichtigkeit und solcher Federkraft sich erbaut, daß dagegen die Müngstener Brücke oder der Eifellurm Etümperweri bleiben. Dieser immer- hin dreihundert Meter Hohe, sollte er unter einem Taifun in ein Pendeln, ein Schleudern kommen, daß Ihn fast die Seine bespritzte, wie würde es ihm ergehen? Würde er wieder aufspringen wie das gelbe Ris'enkind, die Peruanerin, die doch neben ihm ein« Zwergin, ein Grashalni ist? In seinem Halm hat es den Eifelturm in kleinem, aber um so zäherem und festerem Maße federleicht aufgebaut. Zwischen die das grüne Leben strömende Protoplasmamasse, in dies grüne Lebensmark der Pflanzen steigen zahllose zähelastisch« Säulen aus fast reiner Zellulose auf. Säulen! Röhren! Was bricht schwerer als eine Röhve? Diese zahllosen Röhren aber schließen sich gleich unter der Oberhaut des Schaftes ringsum sozusagen zu einem einzigen Rohr zusammen, das als„Kollenchymstruktur" die Widerstandsfähigkeit der Sonnenblume gegen die auf sie anschmetternden Stürme bedingt. Der bald weihe, bald schwarze Samen ist nicht nur«in gutes Mittel, um der„süßen Lora" die Langeweile des Käsigstumpssinns erträglicher zu machen. Im Kriege haben wir ganze Sonnen- blumenwälder an den rollenden Zügen vorbeifliege» sehen. Aber auch ftllher war schon ein gut Teil des„Olivenöls" aus dem Teller der peruanischen Emigrantin geflossen. Hellgelb, hat das Oel der Sonnenblume einen sehr angenehmen, mandelartigen Geschmack und eignet sich prächtig zu jenen Fälschermanipulationen. Was für ein gutes Nutzviech die Peruanerin doch ist! Sie macht uns nicht nur die Augen blank mit ihrer Blühpracht, sie macht uns auch von oben bis unten blank, wenn's sein muß, und läßt sich geduldig in der höllischen Aetzlauge des Sodasteins, im Brüh- kessel zu Seife kochen: läßt Firnis gar aus sich schmoren und bietet noch mit ihren nackten Wurzelknollen dem Geschmack der Süd- lönder ein eigenartiges Mahl. Welche Schmausereien aber hat sie schon vorher, als sie den Strahlenkranz ihrer Sonne eben entfaltete, den Liebesmittlern der Blüten geboten, denen zu Liebe, um sich ihnen möglichst auffällig zu machen, sie dieses kolossale Konglomerat von Blüten bildete. Und doch hätte sie dies« und ihre Fremd- bestäubung nicht nötig, da aus ihr die benachbarten Blüten bald ein zartes Verhältnis anknüpfen, das in einem Dauerkuß ihrer Narben ousklingt. Nicht nur im Frosch, auch im Sonnenblumenteller kann man un Geschichtskalenter der Liebe und des Lebens blättern._ Eine Hölle zu verkaufen. Von dem gewaltigen, mehr als 4000 Inseln und Inselchen um- fastenden ostasiatischcn Archipel, der das japanische Kaiserreich bildet, ist nur noch ein verhältnismäßig unbedeutender Teil, die Nordhälste der Insel Sachalin, in russischem Besitz. Jetzt hat Japan der Sowjetregierung den Vorschlag gemacht, ihm auch den Nordteil von Sachalin gegen eine Zahlung von 150 Millionen Pen käuflich ab- zutreten. Da der Vertreter der Sowjetregierung jedoch die Kleinigkeit von 1 Milliarde Goldrubel dafür verlangt hat, so haben sich die Verhandlungen einstweilen zerschlagen. Aber früher oder später werden die beiden Kontrahenten sicherlich irgendwie auf der mittleren Linie zusammeckkommen. Denn Ruhland wird sich sagen müssen, daß es seinen Anteil an der Insel Sachalin auf die Dauer doch nicht lvird halten können, wenn die Japaner ihn unbedingt haben wollen. Zudem kann Rußland Sachalin sehr gut entbehren, da es in» Sibirien alles das, was es auf Sachalin zu holen gibt, unendlich viel reicher hat. Den Südteil der Insel bis zum 50. Grad nördlicher Breite hat Rußland im Frieden von Portsmouth an Japan abtreten müsten. Man darf wohl ohne weiteres annehmen, daß sich dos heutige Rußland sehr gern von Sachalin trennen wird, aber natürlich kann kann man es der Regierung in Moskau nicht verdenken, daß sie, die so nötig Geld braucht, mit dem Rest der Insel ein möglichst gutes Geschäft zu machen trachtet. Vor allem sind für das Rußland von heute all zu üble Erinnerungen mit Sachalin verknüpft: denn dort haben sich unter dem zaristischen Rußland die gesürchtetsten Straf» kolonien für politische Verbrecher befunden, und lange Zeit hindurch war Sachalin ein« Hölle aus Erden, in der ver- mutlich mancher von denen geschmachtet hat, die heute das ehemalige Zarenreich regieren. Bei der Abgelegenheit der Insel, die zeitweilig fast nur mit Sträflingen besiedelt war, kamen verhältnismäßig selten Schilderungen über das Leben der Sträflinge nach Europa: aber was gelegentlich von entkommenen Gefangenen über die Leiden der Häftlinge in den Strafkolonien berichtet wurde, war grauenerregend. Und die Flucht war, solange die ganze Insel russisch war, völlig unmöglich. Erst nach 1905 gelang es hie und da einem Sträfling, über die japanische Grenze zu entkommen. Die gesamte Urbevölkerung von Sachalin zählt nur etwa 4000 Köpfe: es sind teils Giljaken und Aino, teils Orotschen und Tun- gusen. Die Russen gründeten zuerst im Jahre 1857 den Post Dui an der Westküste in dem noch jetzt russischen Nordteil. Aber erst im Jahre 1880 b«ann die systematische Verschickung zuerst von ge- meinen, dann auch von politischen Verbrechern. Die Gesamtbevölke- rung betrug am Ende der russischen Herrschaft über die ganze Insel etwa 28 000 Köpfe, darunter nur ein Viertel Frauen. Seither dürfte, da beim Ausbruch der russischen Revolution alle Gefangenen freigelassen worden sind, der Nordteil nur noch eine ganz geringe Einwohnerzahl haben, wogegen die südliche Hälfte der Insel, der japanische Besitz, sicherlich schon eine nach hunderttausende zählende Bewohnerschaft hat: denn die Japaner verstehen mit großem Geschick zu kolonisieren. Warum wollen die Japaner nun auch noch den unwirtlichen Nordteil von Sachalin haben? Zunächst natürlich aus Prestige- gründen; dann aber auch wegen der dmt vorhandenen Wirtschaft- lichen Wert«. So gibt es bei Dui an der Westküste Kohlen, ebenso im Innern und an der Osttüste. Besonders wertvoll ist der Norden aber durch seine ergiebigen Naphthaquellen, die das seefahrende Japan ebenso gut gebrauchen kann, wie die Kohle. Außerdem hat Nordsachalin wertvolle Pelztiere: auch der Zobel kommt dort noch vor. Ein paar Hundert Millionen Pen ist das nördliche Sachalin also schon wert, zumal, da die im Norden noch wenig durchforscht« Insel möglicherweise noch andere Naturschätze in ihren Bergen ver- birgt. Landwirtschaftlich ist allerdings in dem rauhen Lande nicht viel zu holen. Denn das Klima ist sehr rauh und wird nur an der Süd- und Westküste durch die warmen Meeresströmungen gemildert. Im Winter herrschen heftige Stürme, im Sommer kalte dicke Nebel. Di« Vegetation gleicht der Nord-Sibiriens: Tundren und Urwald aus Nadelhölzern nehmen weite Gebiete ein. An wilden Tieren gibt es Bären, Füchse, Moschustiere, Renntiere, Seeottern und besonders zahlreich Zobel. Auch der sibirische Tiger überschreitet im Winter gelegentlich die geftorene Meerenge zwischen Sachalin und dem sibirischen Festland. Das verbreitetst« Haustier ist der Hund, der meist als Zugtier dienen muß, da Pferde und Rinder nicht heimisch sind und erst von den Russen und Japanern eingeführt wurden. Die neue japanische Bevölkerung im Süden widmet sich hauptsächlich dem Fischfang im Ochotskischen Meer, der sehr ergiebig ist. Schon vor 1905 war Japan einmal, 20 Jahre hindurch, Mit« besitzcr von Sachalin gewesen. Aber im Jahr« 1875 hatte es seine Ansprüche gegen die Ueberlassung der Inselkette der Kurilen an Rußland aufgegeben. Sachalin ist übrigens seiner Ausdehnung nach ein recht ansehnliches Gebiet. Der Gesamtumsang beträgt etwas über 75 000 Ouadratkilometer. Das ist fünfmal so viel wie der Flächenraum des Freistaats Sachsen. Wie die Kurilen im Südosten, so sperrt Sackmlin im Südwesten den Eingang ins Ochotskifche Meer: von der sibirischen Küstenprovinz, dem Amurgebiet, wird die Insel durch die Tatarenstraße getrennt, die an der schmälsten Stelle nur 10 Kilometer breit ist. Sie ist allwinterlich Monat« hindurch fest gefroren: denn Temperaturen von 30 bis 40 Grad unter Null sind in dieser unwirtlichen Zone keine Seltenheit. Und wenn Sachalin seit dem Ende der zaristischen Herrschast auch nicht mehr im früheren Sinne eine Hölle ist— ein Paradies wird es auch unter den Ja- panern nicht werden: dasiir ist das Klima zu rauh. Sonnenbad im baperisthen Ried. Von Hermann Horn. Ich bin eben aus dem Wasser gestiegen, das träge neben der reizenden Donau treibt, und sehe zu, wie die Sonne durch einen Weidenbaum hindurch einen Tropfen nach dem anderen von der glänzenden Haut leckt. Die Brücke, auf der ich liege, haben die Bauern selbst gemacht. Eingerammte Balken und viereckig beschnittene Hölzer querüber- gelegt, das? sie unregelmäßig an den Rändern herausstehen. So eine ähnliche schwingt sich wie aus Stelzen stehend weiter drüben über den großen Fluß. Sie sieht aus, als ob Japaner sie gemacht hätten, aber die Landbewohner haben sicher kein« solchen Vorbilder gehabt. Alles ist grün ringsum. Hier zur Seite ein Meer von Rohr, aus dem die Sumpfvögel flöten und kreischen, dort Wiesen und Felder, in denen Störche spazieren gehen. -Vom Grün und dem blauen 5)immel ist man erquickend ge- sättigt. Mitunter verliert sich das Auge an weißen zerflatternden Wölkchen. Wenn eine Fliege oder Bremse der schlagenden Hand erlegen ist und ins Wasser fällt, schießen die Fische danach. Trefflicher wie die Vögel, die zeitweise aufflattern und sich aus der Luft die fliegen- den Insekten holen. Etliche Grillen zirpen, und in der Luft rauscht wie ein gespannter Bogen, summend und dröhnend der Flügelschlag der abstürzenden Bekassinen. Was hier alles lebt und summt-- 1 Stahlblaue Libellen krümmen ihre schlanken Leiber über dem Wasser, und da steht eine große, dickköpfige Wasserjungfrau. Man ahnt ihr Flügelpaar nur gleich sausenden Propellern. Der smaragd- grüne Kops und der schlanke Leib, von den unsichtbaren Flügeln umstrahlt, schwebt still in der Luft; jetzt schnellt sie erschreckt«in-, zweimal, in unbegreiflich von Nervenströmen bestimmten Bogen seitwärts und schießt nach einem Stillstand plötzlich pfeilschnell wie eine Forelle unter der Brücke fort. Eine andere gerät ins Rohr, man hört ihre Propeller laut anschlagen, vielleicht brechen sie, da treibt sie schon das Wasser entlang. Kleine Fische schnappen an dem Wunderwerk ihres Körpers umher, bis ein großes Maul auf- taucht und sie in die dunkle Tiefe zieht, aus der Blasen aussteigen. Wenn ich mich zurücklege und nach vorn blinzele, schwankt ein Busch Gräser vor meinen Augen. Die Abstände der einzelnen Halme sind von der Natur so wunderbar bemessen, das neigt sich zu- einander, strebt auseinander, scheint im blauen Himmel zu stehen, daß man immer wieder vom Anblick tostet und große Augen macht. Biege ich den Kopf völlig zurück, so sehe ich kerzengerade in den Himmel. Das ist etwas ganz anderes, wenn man schräg oder im Gehen aufschaut. Auf einmal schaut man in die Unendlichkeit, man dringt nicht in sie ein, sie kommt zu einem. Ueber die kleinen gräu- lichen und weißen Dünste scheint das Blau des Aethers, umfaßt einen ungehemmt, ist nun zu tiefst im Innern, durchdrängt es. kehrt zurück und schafft selbstvergessene Wechselwirkung zwischen mir und der Ewigkeit des Himmels. � So liege ich sanft, von der durch den grünen Weidenbaum lächelnden Sonne umstrahlt, vom Himmel erfüllt und brauche den Ewigen gar nicht zu sehen. Wenn ich auch die Augen schließ«, ist er in mir....... � �.... Und wie ich die Lider fallen lasse, kommt auch der süßeste Schlummer über mich....„., Kühle Schauer wecken mich, ich weiß nicht, nach welcher Zeit, und ich stütze mich auf die Hände. Die Sonne ist von einer stahl- schimmernden, dunkel aufgetürmten Wolke verdeckt. An mir vorüber zieht ein Fuhrwerk mit honigduftendem Klee. Di« Leiber der Kühe leuchten hell, und einem Mädchen daneben weht das Röckchen hoch, und man sieht zartes, gerundetes Fleisch von Kinderbeinen, von der Sonne bräunlich gebrannt. Aber mich quält nun tief im Innern Trauer. Als höbe ich die Hand schützend gegen etwas Furchtbares, das in mich eindringt und dem ich wehrlos ausgeliefert bin. Es öffnete sich etwas in mir, teilt mich, und auf einmal Hab ich's mit einem Seufzer überwunden und sehe mich, selber lächelnd über das Bild, auf einer Straße unter.blühenden Linden gehen. Mein Kopf ist tief gebeugt, und es arbeitet wild und scharf in mir. Es war das letztemal gewesen, wo ich dem Ansturm begegnet bin den ich seit damals immer wieder überwunden habe, indem ich ihn' bloß in mir durchlebt und nicht gegen die Außenwelt gestellt habe. Manchmal war der Wille geschlosien vorwärts gestürmt, hatte mich fernab von allem Glück, von der Ruh« getragen. Damals hatte ich wieder solchen Weg mit geschlossenem Bisier weitergehen wollen, und hatte klar und deutlich gefühlt, wie es mich mehr kosten als mir geben werde, und hatte von jenem Tage die lächelnde Ergebenheit und die Hingabe an das Schauen gelernt, und die Freude an der inneren Beweglichkeit, wovon ich mich allzu oft getrennt hatte. Ich ziehe mich an, die Kleider tragen noch die Wärme der Sonne in sich, und an einem Quell steht ein älter Bauer, den ich kenne, und hat seine Kühe mit den Beinen ins Wasser gestellt. Der Alte seufzt. „Kommt«in Wetter?" Die beiden Tiere haben traurig« Augen. Alle Kühe, die man hier sieht, haben so traurige Augen. Vielleicht haben die schweren Wagen, die sie hier seit Generationen ziehen müssen, sie allmählich niedergedrückt. I Vielleicht bilde ich mir's auch nur ein, und weil ich mich selbst so wohlig und frei fühle, seh« ich die Qual der geknechteten und ihrem eigentlichen Leben entfremdeten Kreatur stärker denn früher. Und dennoch empfinde ich mit Freuden, wie ich von Lonn<� Himmel und Grün der Erde gesättigt nach Hause gehe. Hochseefischerei. Im Verlaus des letzten Jahrzehntes ist der Verbrauch an See� fischen besonders im Binnenlande gewaltig gestiegen. Um diesen Bedarf zu decken, schwimmen Hunderte von Fischereifahrzeugen dau- ernd draußen auf der Nordsee und bergen die unermeßlichen Schätze des Meeres. Eine wirklich ausreichende Versorgung nur Seesischen wurde erst möglich, als die Fischerei von den Segelfahrzeugen los» kam und mit Hilfe besonderer, für die Fischerei«ingerichteter Dampfer auch die küstenfernen Fischzründe der westlichen und nördlichen Nord» see bis nach Island hinauf ausbeuten konnte. Diese F.schdampfer sind kleine Fahrzeuge von ungefähr 35 Meter Länge und 6 Meter Breite. Vorn am Bug befindet sich der Wohn- räum der Matrosen und Heizer, unter dem Vorderdeck Eisrauni und Fischraum. Die Mitte des Schiffes wird vom Maschinenraum eingc. nommen, und unter dem Hinterdeck liegen die Räume für Kapitän, Steuerleute, Maschinisten und Koch. Vor dem Dache des Maschi- nistenraumes erhebt sich der Ausbau der Kommandobrücke, deren unteres Stockwerk als Küche zum Trankcchen aus den Lebern der Fische dient. Vor der Brücke schließlich steht ein« große Dampf» winde zum Aufziehen und Hinablassen des Netzes. Ist der Dampfer in seinem Fanggebiet angelangt, das je nach Jahreszeit und Weiter für die einzelnen Fischarten verschieden liegt, so wird das Netz klar gemacht. An jeder Bordwand befindet sich vorn und hinten ein„Galgen", ein« starke, verkehrt U-förmig ge» bogene T-Eis«nschieiie,in deren Biegung«ine Rolle befestigt ist, über welche die von der Winde herkommenden Stahltaue laufen. Die beiden Siahllrosscn, an welchen das Retz hängt, laufen immer nur über die Galgen einer Bordseite. Um nun das auf den Meeresgrund hinabgelassene Netz auch wirklich im Wasser mit größtmöglicher Oeffnung ausgespannt zu halten, sind die sogenannten Scherbretter angebracht. Das sind große, mit Eisenschienen beschlagene Bretter, an denen die Zugtaue an einer Kettenwage befestigt sind, wie die Leine an einem Drachen. Zwischen diesen Scherbrettern ist das Netz ausgespannt. Durch die Fahrt des Schisfes wird aus die Bretter ein Wasserdruck ausgeübt und dieser hält die Bretter ausrecht im Wasser wie der Wind den Drachen in der Luft, so daß sie nicht platt auf dem Boden liegen. Durch die besondere Befestigungsart des Zugtaues wird außerdem erreicht, daß die Bretter nach beiden Seiten nach außen gedrängt werden so daß das Netz zwischen ihnen immer ausgespannt bleib». Der obere Teil, das Dach des Netzes, reicht weiter nach vorn als der Boden: daher werden aufgescheucht« Fische, die nach oben ausweichen wollen zurückgehalten und unweigerlich in den im Ende befindlichen Beutel, den„Steert" des Netzes, hinein- getrieben. Ist das Netz eine bestimmte Zeit, die sich ganz nach dem Fisch- reichtum richtet, über den Meeresgrund dahingezogen worden, so wird„gehievt", d. h. das Netz wird emporgewunden, bis die Taue vollständig auf die Windentrommeln ausgelaufen sind und die Scher. breiter Mit Donnerkrachen an die Galgen schlagen. Nun sieht man draußen auf dkm Wasser ein�n hellen Fleck auftauchen-, es ist die Stell«, wo der Steert, der durch die in ihm zusammengepreßten Fisch» leider etwas Auftrieb erhalten Hot, an der Oberfläche erscheint. Da- rauf achtet der Fischer natürlich besonders: denn je nachdem der Steert langsam oder schnell erscheint, kann man auf eine» guten oder. schlechten Fang rechnen. Sobald die Scherbretier bis an den Galgen herangcwunden find, fassen alle Mann in die Maschen des Netzes und ziehen den Beutel bis dicht an die Bordwand heran: mitiels einer Schlinge wird dann der Steert hochgemunden, bis er über das Vorderdeck zu hängen kommt. Der erste Steuermann hat nun die weniger an» genehme Aufgabe, unter den triefenden Beutel zu kriechen und ihn am Hintergrund« aufzuknüpfen. Nun platscht der ganze Fang in die Fächer, die auf dem Vorderdeck aus Brettern aufgebaut find, um beim Schlingern des Schiffes das Hinunlerrutschen der Fische zu oer, hindern. Man könnte meinen, daß die Fische, deren große Lebens- Zähigkeit ja bekannt ist, heftig hin und her springen würden. Aber sie sind durch den großen gegenseitigen Druck im Netzbeutel meist schon getötet, wenn sie an Bord kommen und nur hie und da schlägt noch einer matt mit dem Schwänze. Infolge der-außerordentlichen Wasserdruckoerminderung beim Herausholen ist bei vielen Tieren de» Magen und die Schwimmblase aus dem Maule herausgetrieben worden. Die ausgeschüttete Beute wird nun sogleich verarbeitet: alle Fische werden aufgeschnitten und die Eingeweide mit großer Sorg- folt entfernt. Die Leber wird zur Trangewinnung aufgehoben, wäh. rend das andere gleich über Bord geworfen wird und den zahllosen Möven zur Nahrung dient, die sich mit gierigen Schreien darauf stürzen. Wenn das Ausschlachten beendet ist, wird Seewasser an Bord gepumpt, um die Fische peinlich sauber zu waschen. Die letzten Reste der Eingeweide und des Blutes müssen weggespült werden, um die 5)altbarkeit der Beute nicht zu beeinträchtigen. Nach den«in. zelnen Arten sortiert werden die Fisch« dann in den Fischraum auf Eis gebracht, wo sie sich bei vorausgegangener guter Behandlung ausgezeichnet halten und nach 2 bis 3 Wochen genau so gut schmecken, wie am ersten Tag. Wissen unö Schauen Der Bau des Atomkerns. Der Bau der Atome, der der Physik so lange rätselhoft mar, ist in neuester Zeit immer mehr aufgeklärt worden, bis es schließlich auch gelungen ist, eine Vorstellung von den Atomkernen zu erhalten. Früher hielt man jedes Atom für den kleinsten Teil der Materie, also unteilbar.. Es hat sich aber gezeigt, daß jedes Atom ein außerordentlich kompliziertes Gebilde darstellt, das aus vielen Bausteinen zusammengesetzt ist. Jedes Atom besteht aus einem materiellen Kern von sehr kleinem Durchmesser, um den eine mehr oder weniger große Anzahl von Elektronen, d. h. kleinsten Teilchen der Elektrizität, kreisen, ebenso wie die Planeten um die Sonne. Die Physik dieser Elektronenwolken, die den Atomkern um- hüllen, ist in den letzten Jahren sehr weitgehend aufgeklärt worden. Ueber den Bau der Sltomkcrne, die die materielle Masse des Atoms in sich tragen, ist es ober erst jetzt gelungen. Genaueres zu ermitteln, und zwar durch die neuesten Versuchs des großen englischen Physikers Rutherford. Rutherford brachte es fertig, den Atomkern auf eine besondere Art zu zertrümmern und die bei der Zertrümmerung ausgeschleuderten Atombestandteile zu messen. Er benutzte zur Zer- triimmerung die sogenannten Alphastrahlcn vom Radium C. Diese Alphastrahlung besteht aus einem Geschoßhagel aller kleinster Teilchen, die mit großer Wucht aus den radioaktiven Elementen heraus- geschleudert werden. Da die Alphateilchen so klein sind, wie die Durch- messer der Atomkerne, so kann man mit ihrer chilfe die Zertrümme- rang eines Atomkernes herbeiführen. Ruiherford beobachtete die erste Zertrümmeruna von Aionikernen beim Stickstoff. Neuerdings hat er in ähnlicher Weif« wie Stickstoff auch Bor, Fluor, Natrium, Aluminium und Phosphor unter dem Bombardement von Wpha- strahlen zerlegt. Die wichtigst« Neuentdeckung ist nun, daß der Energieaehalt der aus diesen Elementen herausgeschleuderten Teilchen größer ist als der Energisgehalt der stoßenden Alphateilchen, und daß die ausgeschleuderten Teilchen noch allen Cesten hin ausstrahlen. Daraus läßt sich schließen, daß die Energie der aus Atomen heraus- geschleuderten Teilchen zum großen Teil aus der inneren Atom- energie stammt, die im Atomkern eines jeden Elementes aufgespeichert ist. Es ergibt sich des weiteren aus diesen Versuchen, daß jeder Kern aus Wasserstofs-Atomkernen aufgebaut ist. [EI3 Ii E±3 Gesunöheitspfisge W lleberempfindlichkeitskrankheiten. Daß es Wen chen gibt, die an einer Ueberempfindlichkeit gegenüber gewissen Reizen leiden, hat man oft beobachtet. Daß aber diese Ueberempfindlichkeit die Grundlage für verschiedene Krankheitsbilder darstellt, ist erst in allerjüngster Zeit erkannt worden. Die Erforschung der Ueberempfindlichkeit steht noch in den Anfängen, erschließt aber ein ganz neues Gebiet der cheilwifsenfchaft, über dessen Bedeutung W. Storm van Leeuwen in den„Naturwissenschaften" berichtet. Das Leiden, das man zuerst als eine Ueberempfindlichkeitskrankhsit erkannte, mar das ch e u s i e b e r, das in einer ungewöhnlich starken Beeinflussung durch Blütenpollen bestehk Run fand man aber, daß etwas Aehnliches auch bei anderen Krankheiten ein« Rolls spielte. Der Arzt de Besehe, der selbst Asth- matiker war, bemerkte 1909, daß er immer Anfälle bekam, wenn er sich in der Nähe eines Pferdestalles aufhielt. Nach einer Einspritzung von Pferdeferum unter der Haut traten heftige Asthma-Anfälle bei ihm auf, dann war er aber einig« Monate weniger empfindlich als früher. Andere Forscher wiesen nun nach, daß auch A st h m a eine Uebercmpfindlichteitskrankheit ist. Nicht nur die Einatmung von Ausdünstungen vieler Tiere, sondern auch der Genuß bestimmter Nahrungsmittel, wie von Milch, Eiern usw., riefen bei dazu veran- lagten Personen Asthma-Erscheinungen hervor. Ebenso wurde der Zusammenhang gewisser Hautkrankheiten mit Ileberempfind- lichkeitserscheinungen aufgedeckt. Ganz gewöhnliche Stoffe, wie Milch, Eier, Butter, Schweinefleisch, Spinat usw. riefen bei dazu dispo- nierten Personen Hauikrankheiten hervor. Das gleiche gilt bei an- deren Krankheiten, wie Migräne und sogar Epilepsie. Wenn man einem Tier, z B. einem Meerschweinchen, eine kleine Menge Eiweiß einspritzt und nach 14 Tagen dasselbe Eiweiß noch einmal, dann treten heftige Ueberempsindlichkeitserscheinungen auf, da das Tier durch die erste Einspritzung eine Disposition dafür bekommen hat. Da die Ueberempfindlichkeit aber in etwa 70 Proz. aller Fälle vererbt ist, so muß wohl eine erbliche Disposition angenonimen werden. Die meisten Personen, die an Ueberempfindlichkeit keiden, werden durch mehrere Substanzen beeinflußt. So zeigte z. B. ein Kind von 3 Jahren eine deutliche Ueberempfindlichkeit gegen Eigelb: dasselbe Kind ist aber auch gegen Eiweiß, gegen Milch, Butter und anders Substanzen überempfindlich. Die Heilung dieser Krankheiten erfolgt am einfachsten dadurch, daß man die Patienten von den Stoffen fernhält, die die Erscheinungen bei ihnen hervorrufen. Bei einer Ueberempfindlichkeit gegen Eier oder Milch, gegen viele Nah- rungsmittel oder gegen Tierhaare ist aber die Vermeidung oder Ent- fcrnung des auslösenden Stoffes oft unmöglich. Man führt daher die Heilung mit Einspritzungen von kleinen Mengen des betreffenden Stofses oder einer anderen Substanz durch. Man hat nun heraus- bekommen, daß die Einspritzung des betreffenden Stofses geföhr.icher ist und stärkere Reaktionen hervorruft: man verwendet daher Haupt- sächlich einen Ersatz, und zwar ist das Tuberkulin besonders geeignet. Die Erkenntnis, das eine ganze Anzahl Krankheiten auf lieber- empfindlichkeit zurückzusührcn ist und daß man diese Krankheiten durch Einspritzung verschiedener Substanzen lindern kann, ist von großer Wichtigkeit. Naturwissenschafi Der nützliche Marienkäfer. Ein beliebtes kleines Insekt ist der Marienkäfer. Meist ist er zweifarbig, wobei die eine Farbe als Grundfärbung, die andere in Punkten, Flecken oder Zeichnungen erscheint. Der nach den sieben dunklen Punkten, die seine roten Flügeldecken schmücken, SiebenpUnkt genannte Käfer gehört zur Gruppe der Blattlauskäfer, die sich durch Aertilgen der schädlichen Blattläuse nützlich erweisen. Weil sich die Käfer sowohl wie ihre Larven ausschließlich von solchen nähren, fällt der Nutzen, den sie stiften, um so mehr ins Gewicht. Den großartigen Nutzen der winzigen Tierchen im Freien erkennend, versucht man, sie zahlreich in die Wärmhäuser der Gärtnereien, m deren feuchtwarmer Luft sich die Blattläuse ungeheuerlich mehren, einzuführen. Auch zur Beseitigung der Läuse auf den Blättern der Rosen und Blattpflanzen in Zimmer» sind sie das beste und zugleich sur die Gewächse unschädlichste Mittel. Zu diesem Zweck sängt igan auf einem Spaziergang einige dieser Käser ein, trägt sie in einer durchlöcherte», Luft zulassenden Schachtel heim und setzt sie auf die zu reinigenden Gewächse aus. Für die geleistete Arbeit vergesse man nicht als geringe» Dank, ihnen die Freiheit wiederzugeben, wofür das Oefsnen eines Fensters genügt: sie spüren den frischen Luftstrom und lasse» sich bald von ihm entführen. Pflanzen als Hilfen für den Bergbau. Schon lange hat man beobachtet, daß bestimmte Bodenarten auf das Borhandensein von Erzen öfters durch gewisse Pflanzen gekennzeichnet werden. Ter Strauch A.mc>rpba canceccns, eine Beguminoje, von dem eine Ver- wandt« auch bei uns als Parrpflanze gezüchtet wird, dient in Michigan und Wisconsin in Nordamerika als Leitpflanze für das Vorkommen von Bleiglanz. In Missouri sind Verwandte des Gift- sumachs als Vleipflanzen bekannt. Buchen haben schon ost zur Ent- deckung von Kaltlogern Anlaß gegeben. In Spanien ist eine Windenart als Anzeiger von Phosphoritlagern geschätzt. In Man- tana sind sogar Silberlager durch Vermittlung der Pflanze Erigonuni ovaliiolimn festgestellt Ivo» den. In Oberschlesien, Westfalen und Belgien deutet das sogenannte Ealmei-Beilchen auf Lager von Zink. Bei Siegen in Westfalen ist ein Eisenerzlager auf lange Strecken dadurch kenntlich, daß der Boden mit Birken bestanden ist, während die ganze Umgebung nur Elchen und Buchen trägt. Der neue Mias. Der Bürger:„großartig, wat dar Breitbart äffet tragen duht. Mehr kann keeuer»ich." Der Arbeiter:„Was der Arbeiter an Last und Not aus sich nehmen iims;. ist viel schwerer. Er trägt eine ganze Welt auf seinen Schultern".