Nummer 34 23. flug. 1923 _ �___ �lnterhaltuntzsbeilatze öes vorwärts Vieöerfehen. Von Wilhelm Lichtenberg. Es war in den späten Nachmittagsstunden eines brütend heißen Tages, als sie beide, in den Anlagen eines öffentlichen Gartens Ruhe und Erquickung suchend, nebeneinander auf eine Bank zu sitzen kamen. Es war ein Zufall und einer von der besondersten Art. Denn— zwölf Jahre hatten sie nun einander nicht mehr zu Gesicht bekommen, nichts mehr voneinander gehört. Zwölf lange Jahre. Und es lag soviel dazwischen.— Heinz und Richard waren Kameraden einer nicht allzu sonnigen Jugend. Altersgenossen, später vereint durch gemeinsam getragene Kümmernisse einer widerwillig erduldeten Schule, hatten sie sich dereinst ganz eng anein- andergeschlossen, voll Trotz gegen alles, was ihre Jugend bedrückte, und im festen Gauben, daß sie das Leben immerfort Seite an Seite finden würde. Die jungen Köpfe gärten von großen Taten, Un- sterblichkeit war ihr geringstes Verlangen. Sie lasen sich ihre Ge- dichte vor und himmelten sich gegenseitig an: verachteten gemein- sam die Philister und Genießer und suchten neue Wege, die sie sich durch wildestes Gestrüpp nur mühselig bahnten. Das war eigent- lich alles, was es zwischen diesen beiden Jugendgesährten gegeben hatte. Der Alltag war nie an die beiden herangekommen. Dann war es mit einemmal aus.— Sie verloren sich unversehens aus den Augen, jeder mußte seine eigenen Wege gehen. Das war da- mals geschehen, alz die Schule die jungen Menschen entließ, als die Eltern die Früchte ihrer vielen Mühen und Opfer sehen wollten und es mit dem Vorlesen der lyrischen Gedicht allein nicht mehr ge- tan war. Und nun, nach zwölf wechselvollen Jahren, führte sie ein Schicksal wieder zusammen. Heinz hatte sich achtlos neben Richard niedergelassen. So blieben sie eine Weile. Sie erkannten sich nicht gleich, oder wagten es doch nicht, an diesen Zufall zu glauben. Aber— dann erfolgte doch gleichzeitig das Erkennen. Nicht etwa stürmisch und froh, wie es ihrer einstigen Freundschaft angestanden hätte. Zwölf Tren- nungsjahre schassen eine Mauer von Verlegenheit zwischen zwei Menschen. Sie versuchten ein wenig zu lächeln, reichten sich die Fingerspitzen und oerwunderten sich über den Zufall, der sie hier, gerade hier zusammengeführt hatte. Es war auch sonst eine Distanz zwischen den beiden. Rein äußerlich. Richard repräsentierte jetzt den Typ des Bürgers, der mit sich und der Welt zufrieden ist. Heinz gemahnte viel eher noch an die gemeinsame Jugend. Man merkte, daß er den Kampf gegen das Leben nicht aufgegeben hatte, nicht hatte aufgeben können. Richard ermannte sich als erster und schlug eine dürftige Brücke zwischen dem Einst und Heute. „ÜBie kam es nur, daß wir damals so mit einem Male aus- einander kamen? Ich war nicht schuld, du warst nicht schuld— und doch.. .Das mußte wohl so kommen I Aber daß wir dann später auch nicht mehr den Weg zu einander gesunden haben, obwohl wir doch in einer Stadt lebten— das war vielleicht nicht recht. Aber ich glaube— keiner wollte den Anfang machen. Wir hatten Furcht. Denn es war doch zu schön, und wer weiß, wie es dann gekommen j wäre!" i „Lugendfreundschaften bröckeln immer ab. Es ist, als schämte man sich, daß einer alle Torheiten und Ueberspanntheiten des ande- ren weiß und als wiche man dieser Zeugenschaft aus. Denn es ist so— man schämt sich seiner Jugend, man will es nicht wahr haben, daß man einmal jung und überschwänglich war." Dann wußte plötzlich wieder keiner mehr etwas zu sagen, und seder von den beiden empfand die Peinlichkeit eines solchen Wieder- sehen». Richard mußte auch hier wieder mit seiner größeren Welt- gewandtheit helfend eingreisen und das Gespräch in Fluß bringen. „Und wie geht es dir— was hast du die Jahre über getrieben? Reichtümer haben wir wohl beide nicht gesammelt, das sehe ich." Heinz lächelte etwas wehmütig.„Nein— wenn man nur das niederschreibt, was einem so gerade am Herzen liegt, sammelt man keine Reichtümer. Aber gerade freudlos ist man deshalb auch nicht. Manchmal fällt auch schon ein Abglanz der großen Herrlichkeit aus uns arme Schreiber, und dann wissen wir auch, daß das Leben schön sein kann. Na— dasselbe wirst du ja auch empfinden!" Jetzt hielt der andere eine kleine Pause, die Verlegenheit war an ihm. Heinz merkte das weiter gar nicht; er hielt es für das Gefühl eines allgemeinen Verzichtens, um' den Preis einer Selig- keit, die nur nach Minuten zählt.— Richard sah vor sich hin und wich dem Blick des Jugendfreundes aus. Langsam und etwas un- sicher sagte er: „Ich schreibe nichts mehr. Das Leben hat mich dann später abgebogen, und ich habe auch die Aussichtslosigkeit einsehen ge- lernt... Und siehst du— deshalb habe ich's dann sein lassen. Schweren Herzens— aber das Leben und das zwingende Muß ist doch stärker als alles in uns!" „Und du warst doch der Begabtere von uns beiden! Ich dachte immer, daß dir der ganz große Wurf gelingen werde. Mich selbst habe ich ja doch nur für ein bescheidenes Lichtchen gehalten." „Ach— du hast mich vielleicht doch nur mit den Augen einer überschwänglichen Liebe gesehen.... In Wirtlichkeit wird nicht soviel dahinter gewesen sein." „Du hattest nicht die Kraft, durchzuhalten! Die Bürgerlichkcit hat dich eingefangen. Lange schon?" „Gleich damals, wie wir auseinanderkamen.... Mir fehlte der Ansporn, mein Ehrgeiz entzündete sich, an keiner Anerkennung, da ließ ich es fein." „Und jetzt? Es geht dir gut?... Du bist glücklich? Wünschst es nicht anders?... Bist mit dir zufrieden." „Ich bin Beamter. Das ist ein bißchen eintönig, aber man reibt sich auch nicht auf dabei. Die Gedanken fliegen über den Amtstisch hinaus und mahnen manchmal an verflogene Ziele. Aber man meistert sich doch wieder. Siehst du, Heinz, am Monatsletzten bezieht man sein Gehalt, es ist nicht viel— aber es langt zur Not. Und wenn man Frau und Kinder hat..." Heinz fuhr herum und packt« ihn an der Schulter. Es klang fast feindselig, wie er ihn jetzt anschrie:. „Kinder hast du auch, du..., du... Beamter?!" Und dann wehmütig vor sich hin:„Kinder hat er auch! Ja, dann lohnt es vielleicht, Drucksachen zu befördern und am Monats- letzten fein wohlabgezähltes Gehalt zu beziehen. Dann schon... Ich habe keine Kinder. Kinder kosten Geld, und für mich sorgt der Staat nicht.— Aber ich liebe Kinder über alles. Und ich verzehre mich in Sehnsucht nach meinem Kind. Aber— das bleibt wohl eine unerfüllte Sehnsucht." Richard begann das Gespräch unbehaglich zu werden, lieber- Haupt, dachte er, wäre diese Begegnung besser unterblieben. Wozu alte Wunden aufreißen und neue schlagen. Er wollte aber nicht der sein, der ein Ende machte, und versuchte zum letztenmal, die Situation zu retten. „Aber auch du mußt doch viel Freude haben. Du bist Künstler geblieben und siehst auf uns Normalmenschen doch mit Verachtung nieder. Du sagtest doch vorhin..." „O ja,— ich klage nicht. Ich hätte nicht abbiegen können. Ich tauge zu nichts anderem. Und jo ist es schon gut. Den großen Wurf mache ich ja wohl nicht mehr, dazu langt es nicht. Aber man kann sich auch an Bescheidenerem freuen. Man muß nur denken, daß man doch immer ein Stück seiner selbst gibt, etwas, das kein anderer schaffen könnte und das mit uns versinkt. Dann hat man auch an diesem armseligen Leben Freude. Und wird ein wenig stolz. Denn manchmal blitzt doch etwas auf, was viele Herzen be- wegen kann, und das macht glücklich. Aber du hast eine Frau und hast Kinder. Das habe ich nicht. Und deshalb schätze ich deinen Entschluß." „Und du lebst weiterhin in deiner Welt und mußt nicht über deine Arbeit hinausträumen. Mußt nicht Verstellung üben, wie ich, ein ganzes Leben lang, und kannst vor dir selbst bestehen. Ich schäme mich heute vor dir. Jetzt können wir ja wählen, wer« von uns beiden besser getroffen hat." Richard brach als erster auf. Heinz folgte ihm langsamer. Sie reichten sich nur so ganz obenhin die Hände und trennten sich. Es fiel keinem von beiden ein, eine neuerliche Zusammenkunft zu ver> abreden, sie fühlten zu deutlich, daß sich der abgerissene Faden ihrer Gemeinsamkeiten nicht wieder knüpfen ließ. Sie empfanden es befreiend, auseinandergehen zu können. An diesem Abend gab es zwei Menschen, die mit sich und ihrem Leben unzufrieden waren. Heinz und Richard. Richard träumte von einer Jugend, die er verleugnet hatte und nach der er sich zu- rücksehnte. Heinz dachte, wie es sein müsse, wenn man am Monats- letzten sein Gehalt bezieht, auf das Frau und Kinder warten,., Ulrich von Hutten. (1523— 1923.) In der Schweiz, Asyl und Grab so vieler Berfolgten, starb vor vierhundert Jahren Ulrich von Hutten, eine der unser Empfnden am sympathischsten berührenden Gestalten aus der Reformations- zeit. Erst 35 Jahre alt schloß er in der Fremde die Augen, die tiefer als die der anderen Zeitgenossen die Uebel erkannt hatten, an denen die Zeit krankte: Herrsch- und Habsucht aller maßgebenden Krose, Adel, Geistlichkeit und Bürger, Sklaverei der arbeitenden Klassen, vor ollem des Bauern, und außerdem pfäffischc Un.duld- samkeit gegen jeglichen modernen Geist, der sich nach den die Welt r-oo- lutionierenden Taten des ausgehenden 15. Jahrhunderts auch in Deutschland zu regen begann. Ulrich von Hutten und sein Freund und Beschützer Franz von Sickingen ersehnten einen Umschwung der damaligen Verhältnisse: erstcrer, noch wotergehend als der typische Stegreifritter, dachic an eine Neuordnung durch Adel und Städte, letzterer an eine solche zugunsten des Adels. Fürsten und Geistliche waren freilich die gemeinsamen Feinde, und Huttens Streitschriften gegen beide schlugen, nachdem er die latein sche Sprache mit der deutschen vertauscht hatte, einen so scharfen Ton an, daß man es versteht, wie groß der Haß der Gegner war. Ulrich war der Erstgeborene(geb. 21. April 1488) aus einem berühmten, aber nicht reickwt Geschlecht: sein Vater, der aus Schloß Steckelberg unweit der Kinzig residierte, schickte ihn 1499 nach Fulda, damit er Mönch würde. Sechs Jahre ertrug der heran- rasende Jüngling das klösterliche Martyrium, dann floh er, ging nach Köln und wurde Student. Die ganze Misere des fahrenden Scholaren hat er kennen gelernt. In Erfurt, in Frankfurt a. O., tn Leipzig, in Greifswald, in Rostock, in Wittenberg und in Wien nahm er Aufenthalt. Aber fein« Pläne scheitern und er z'eht gen Italien. Aeußerst« Not zwingt ihn, der in Pavia und Bologna Juristerei studiert, Kriegsdienste zu nehmen: sein von den Folgen einer Ansteckung geschwächter Körper ließ diese Laufbahn aussichts- los erscheinen. Bon 1613— 1515 ist Ulrich wieder in Deutschland, wo er in Mainz Unterstützung findet. Bald sollte die Stunde der Berühmt- heit, ja der beginnenden Volkstümlichkeit für den Homgekehrten schlagen. Am 7. Mai 1515 war ein Mitglied der Huttenschcn Fa- milie von seinem Fürsten Herzog Ulrich von Württemberg ermordet worden. Ulrich trat mit Heft gen Reden gegen den fürstlichen Mörder auf, was eine Annäherung an seinen Vater zur Folge hatte. So konnte er wieder nach Italien zurückkehren. 1517 war er, jetzt ein von dichterischem und politischem Ruhmeskranze um- wobenes Mitglied des deutschen Humanistenkre sez, wieder in der Heimat: wurde er doch am 12. Juli 1517 von Kaiser Max mit dem Dichterlorbeer gekrönt. Tann trat er in den Dienst des Erzbischofs Albrecht von Mainz. Ein absonderliches Bespiel fürwahr: der Mann, der gegen Papst und Klerisei bereits die schärfsten Worte geschleudert hatte, als„Angestellter" eines Mitgliedes der Kirche! Freilich war die Verbindung nur wenig drückend und wurde noch lockerer, als Hutten sich 1519 am Feldzuge gegen Herzog Ulrich von Württemberg beteiligte, wodurch er Franz von Sickingen kennen lernte. Schon im nächsten Jahre hatte Hutten sein Programm entwickelt, das die nun deutsch geschriebenen Streitschnftcn variieren. Er bietet dem Kaiser für dessen geforderte Lossagung von dem päpstlichen Einfluß eine Schmälerung der Fürstenrechte, eine Verringerung der Zahl der unproduktiven GeisUichkat, einen Zu- sammenschluß von Rittern und Städten, ein nationales Reichsheer, endlich eine Befreiung des geistigen Lebens vom pfäff fchen Druck. Lange hat er gehofft, daß der neue Kaiser— Karl V.— diesem Programm sich geneigt zeigen würde: er wurde enttäuscht, wie es immer geht, wenn die Masten nicht hinter dem einzelnen stehen. Noch war die Zeit nicht gekommen, um so kühnen Ideen zum Durchbruch zu verhelfen. Inzwischen war Rom auf ihn aufmerksam geworden und begab sich daran, den gefährlichen Mann unschädlich zu machen. Da bot Sickingen ihm Zuflucht auf seinen Burgen, der „Herbergen der Gerechtigkeit". Mt Spannung verfolgte Hutten de Haltung Karls V. gegen Luther. Rasch flammte der Zorn auf über den Entschluß des Kaisers, Luther nicht zu hören, dann ließ er sich, anders belehrt, dazu verleiten, gewistermaßen in des Kaisers Dienst zu treten— Sickingcn war ja auch kaiserlicher Feldherr ge- worden—, um endlich nach dem sdnen Vorstellungen nicht ent- sprechenden Verlauf des Wormser Reichstages diesen Dienst wieder aufzugeben. Im Sommer 1521 verließ er die Ebernburg und tauchte Irgendwo unter, doch bleibt er in Verbindung mit Sickngen, dessen Stellung zum Kaiser sich auch geändert hat. Durch Briefe und ! Schriften wissen wir, daß er seine Idee des Kaisertums hochhält und j sie auch gegen den nicht wollenden Kaiser durch Herabdrückung der Furstenmocht auszuführen hofft. Dadurch trat er naturgemäß in Gegensatz zu Luther, der am politisch Gegebenen festhielt. 5)utten dürfte in Sickingens leichtsinnig unternommenem Kampf gegen den Trierer Kurfürsten wohl einen Anfang zur Verwirklichung seiner Hoffnungen gesehen haben. Als Sickingen in Trier gescheitert war(Herbst 1522) ging dieser Traum zu Ende. Hutten inußte fliehen: End« 1522 ist er in Basel, wo das Haupt der Human sten, Erasmus, ihm die erwartete Hilfe verweigerte. Einige Monate bringt er dann in Mülhausen zu, aber nach Sickingens Ende (7. Mai 1523) ist auch dort seines Bleibens nicht mehr. Mitte Sommer 1523 flieht er nach Zürich, wo Zwingli ihm Unterstützung angedeihen läßt. Gegen sein Leiden suchte er, vergeblich, Heilung in den Bädern von Pfäfsers: nach Zürich zurückgekehrt, begibt er sich auf d e Insel Ufnau im Züricher Sc«. Dort ist er Ende August oder Anfang September gestorben, bettelarm. Ulrich von Hutten war ein revolutionärer Geist, er hatte sich losgelöst von den Anschauungen seiner Kaste, die nur das eigene Wohl im Auge hatte. In dem kleinen kranken Ritter schlug ein warmes Herz für die Unterdrückten, die Armen. Aus diesem Grunde hat das arbeitende Volk Ursache, seiner als eines Kampf- genossen zu gedenken._ P. D. Der Kampf öer Säume. Der Kampf, der durch die ganze Natur geht, macht auch vor den imposanten, kampfstrotzenden, festgegründeten Raumriesen nicht halt. Zwischen den Bäumen herrscht Krieg,«in zäher, unerbittlicher Krieg, der nicht nach Jahren, sondern nach Jahrtausenden zählt und nie zur Ruhe kommt. In den Braunkohlengruben der Lausitz, da wo die Mark Brandenburg, Sachsen, Schlesien zusammentreffen, bildete einst ein Nadelbaum gewaltige Wälder, der jetzt in ganz Europa nicht mehr vorkommt. Wir können den Stamm der ver- kohlten Bäume noch mikroskopisch untersuchen, wir sehen die Wurzeln noch in ihrer ursprünglichen Lage, Nadeln und Zapfen haben sich in Massen erhalten: es ist die Sumpfzypresse, die jetzt in Amerika, in den Südstaaten der Union, in großen moorigen Waldungen, „Swamps" genannt, meilenweite Gebiete bedeckt. Damals hatte Mitteldeutschland«in ähnliches Klima wie heute jene amerikanischen Länder Virginia, Carolina, Georgia, Alabama, Florida: es war wärmer und wasserreicher. Aber dann kam die Eiszeit, und es war mit der Herrlichkeit zu Ende. Auf den Moränen und Schotterfeldern, die nachher übrig blieben, siedelten sich hunderttausend Jahre später andere Bäume an, hauptsächlich Eichen, und heute finden wir nur noch Kiefern in dem gelben Sand, In Skandinavien waren vor langen, langen Jahrtausenden die zitternden Espen, eine Pappelart, die Herren des Landes. Ueberall breiteten sie sich aus, bis hinab an die Küste. Dann kamen die Kiefern, erst einige wenige, dann immer mehr und meht. Durch den Wind waren ihre Samen über das Meer gebracht worden und hatten sich hier und da im Boden festgesetzt. Sie schössen empor, wuchsen über hie Espen hinweg, nahmen ihnen das Licht und unterdrückten sie. Die Espen verkümmerten im Schatten und hielten sich nur noch an vereinzelten Stellen. Die Kiefern wurden Sieger, aber nicht für lange. Schon lauerten die Eichen auf den günstigen Auacnblick, in dem die Kiefer den Platz räumen mußte. Aber auch ihre Herrschaft war nicht von langer Dauer. Ihr folgten im Laufe der Zeit die Erlen und diesen die Buchen. Der Kampf von Nadelhölzern unter- einander und zwischen Nadel- und Laubwald spielt sich überall intensiv ab, und es liegt wohl nur an der kurzen Lebensdauer des Menschen und an der Mangelhaftigkeit der geschichtlichen Aufzeich- nungen, daß wir nicht mehr davon wissen. In großen Strecken Norddeutschlands herrscht heute die Kiefer, nicht ohne Zutun des Menschen, der dem schnellen Ertrag verheißenden Nadelholz zu Hilfe kommt. Ueber die Art der Einwanderung der Fichten, der Tannen und der Buche in das norddeutsche Tiefland sind die Gelehrten sehr verschiedener Ansicht. Ueber die Entwicklung der Waldverhältniste in Deutschland haben wir große Untersuchungen von Wimmer. Die vielverbreitete Vorstellung, als fei das ganze Land von einem einzigen großen Wald überzogen gewesen, ist schon längst aufgegeben. Es gab auch in alter Zeit große Flächen mit Suinpfland, Bruch, Waldstcppen u. a. m., wie es ein Nomadenvolk brauchte. Die Zeit der großen Rodungen fällt in die Jahrhunderte von ö00 bis 1300. Später erfolgen im Gegenteil Rodeverbote. Gegen Ende des Mittelalters wurden Waldordnungen erlassen. Kriege, große Seuchen, Ueberschwemmungen störten allerdings die gesunde Entwicklung. In der alten Zeit überwog der Laubwald. Nadelholz fand sich im Gebirge und in der Gegend des römischen Grenzwalls. Die alten Ortsnamen, die sich auf Bäume beziehen, deuten in 90 Prozent auf Laubbäume. Noch 1300 fehlten Nadelhölzer ganz oder fast ganz in Schleswig-Holstein, Nordwestdeutschland, in der Rauhen Alb, in der Gegend von Frankfurt a. M. und den Rhein entlang von Mainz bis Karlsruhe. Nadelwälder gab es dagegen massenhaft in Ost- und Westpreußen, im Harz, im Thüringer Wald, auf den Gebirgen um Böhmen, in den Alpen und im Schwarzwald. Wo man gemischte Bestände hatte, herrschte der Laubwald vor. Heute dagegen tragen zwei Drittel alles Waldlandes Nadelwald. Vom 14. bis zum 18, Jahrhundert wurde abgeholzter Laubwald meist durch Nadelwald ersetzt. Als im Dreißigjährigen Kriege viel Wald vernichtet wurde, bürgerte sich auf Oedgrund Nadelwald ein, weil die Nadelhölzer schneller wachsen, ebenso' nach den Verwüstungen Im 17. und 18, Jahrhundert. Noch im 19. Jahrhundert wurde bei Auf- forstungen der Nadelwald bevorzugt. Lassalle als öürgerwehrmann. In dem zweiten Bande von„Lassalles Briefwechsel", den Gustav Mayer mit größter wissenschaftlicher Sorgfalt bei der Deutschen Ler- lagsanstalt herausgibt, wird das Konzept eines Briefes mitgeteilt, den Lassall« an den Hauptmann der VIII. Bürgerwehrtompagnie in Düsseldorf richtet«. Lassalle war nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis, in das ihn die Anklage wegen des Hatzfeldtschen Kassettendiebstahls geführt hatte, sofort in der Bürgerwehr und im Voltsklub tätig geworden. Der Brief, der Lasialle als energischen Verteidiger seiner Volksrechte zeigt und in jeder Zeil« seine Klau« spüren läßt, lautet: Düsseldorf. S. Oktober 1848. Es ist mir soeben durch Sie ein Schreiben des stellvertretenden Chefs der Bürgerwehr, Herrn Lorenz Clafen, zugekommen, worin derselbe auf Grund dessen, daß ich durch richterliches Erkenntnis der bürgerlichen Rechte verlustig sei, und daß nur unbescholten« Bürger an der Bürgerwehr teilnehmen dürfen, meinen„vorläufigen Aus- tritt" zu oerordnen sich erlaubt. Ich übergehe das Erstaunen, welches mir die Zuschrift ver- Ursachen mußte, und begnüg« mich, darauf folgendes zu erwidern: 1. Ist diese sogenannte Verfügung des stellvertretenden Chefs «ine völlig ungültige und beispiellose Anmaßung, welche der ousdrllck- lichen Vorschrift der Statuten zuwiderläuft. In Z 1 des Statuts heißt es ausdrücklich:„Ueber die Beslyoltenheit entscheidet die Kompagnie." Es ist klar, daß dies« Machtüberschreitung des Chefs keine Gültigkeit für mich beanspruchen kann und daß ich somit vor wie nach Bürgerwehrmann bleibe bis auf den desfalsigen Antrag die Kompagnie selbst anders entschieden haben sollt«. 2. Was die Sache selbst betrifft, so bin ich nach zwei freisprechen- den Urteilen der Instanzgericht« durch das Kassationsurteil vom 10. Januar des Jahres wegen Verbreitung einer gedruckten Schrift, also wegen eines durch die Press« verübten Vergehens zu zwei- monatlicher Gefängnisstrafe und fünfjähriger Suspension der bürger- lichen Rechte verurteilt worden.*)— Das Bürgerwehrstatut macht die Bescholtenheit nicht von einem Verlust der bürgerlichen Rechte, geschweige denn gar von einer zeitweiligen Aufhebung derselben abhängig. Es setzt sie einzig und allein in die frei« Entscheidung der Kompagnie. Seit wann aber hat ein durch die Press« verübtes Vergehen«ine Bescholtenheit konstituiert? Seit wann verstäßt es gegen Ehre und Ruf, wegen eines durch die Presie verübten Ver- gehens bestraft zu sein? 3. Aber ist jene durch das Kassationsurteil vom 10. Januar über mich verhängte Suspension der bürgerlichen Rechte bereits durch die Königlich« Amnestieordre vom 80. März des Jahres aufgehoben worden. Es heißt in dteser Amnestieordre:„-- verkünde ich Vergebung allen denen, welche wegen politischer oder durch die Presse verübter Vergehen angeklagt oder verurteilt worden sind." Der Chef hat sich also nicht nur einer unerhörten Machtüber- schreitung schuldig gemacht, indem er sich für seine Person«in Recht anmaßte, welches nur der Kompagnie zusteht, er hat sich ferner nicht nur einer total finster-reaktlonären Verkennung dessen, was beschilt und nicht beschilt, schuldig gemacht, indem er bei einem durch die Presse verübten Vergehen eine Bescholtenheit annimmt,— es muß ihn auch der Vorwurf großen Leichtsinns treffen, indem er eine Suspension der bürgerlichen Rechte bei mir noch voraussetzte, welche, wie gezeigt, nicht mehr vorhanden und schon gesetzlich aufgehoben ist. Wollen Sie dies Schreiben dem stellvertretenden Chef zur Nach- achtung mitteilen, damit er seinen Antrag vor der VIII. Bürgerwehr- kompagni«. die allein hier entscheiden kann, erhebe. Es versteht sich von selbst, daß ich ein« so unbefugte, leichtsinnige und unerklär- liche Beleidigung— erklärlich nur dann, wenn ich annehme, daß sie durch reaktionärer Personen Einflüsterung, wie das Reskript selbst in seinem Eingänge zu zeigen scheint, zustande gebracht worden— nicht auf sich beruhen lassen kann, sondern sie mit der größten Energie und jedem gesetzlichen Mittel zu rügen verpflichtet bin. Mit Hochachtung F. Lassalle. Bürgerwehrmann der VIII. Kompagnie. Di« Folge des Briefes war Lassalles sofortig« Rehabilitierung als Bürgerwehrmann._ Der Stachelbeerwein. Von Anna Haag. Mit großem Eifer brauten sie ihn im ersten Jahre ihrer Ehe nach einem bewährten Rezept. Sie füllten das etlle Naß in einen großen Glaskolben, der mit einer Strohhülle umsponnen war. Dann trugen sie diesen vorsichtig in den Keller. Hier sollte er stehen, bis er sich geklärt haben würde. Dann wollten sie ihn in Flaschen ab- lüllen, gut verkorken, versiegeln und sachgemäß lagern. „Du wirst sehen, Oskar, das gibt einen guten Wein, lind so billig," sagte sie befriedigend. ') Es handelte sich um«ine Verleumdungsklage im Rahmen der Hatzfeldtschen Prozesse. Dergl. Hermann Oncken, Lassall«. 3. Aufl.. Stuttgart 1920. S. 54. Oncken nimmt dort an. daß dieses Urteil nicht rechtskräftig«worden fei. Der vorliegende Brief läßt erkenne� daß die Amnestie der Märztage es aus der Welt ge- schafft hat. „Die erste Flasche wird geleert, wenn der erste Sohn erschienen ist," bestimmte er und zog seine Frau zärtlich an sich. „Oder die erste Tochter," verbesserte er,„oder wenn ein guter Freund kommt! Oder wenn wir so recht Kaulich auf unserem Sofa sitzen---" Von Zeit zu Zeit besuchten sie gemeinsam ihren Kolben. St« konnten jedesmal feststellen, daß sich die Flüssigkeit wunderbar klär« und die Farbe eines südlichen Weines annehme.— Die Zeit flog dahin. Schon war bald ein Jahr vergangen, seitdem sie ihn ge« keltert hatten. Da sagte er eines Tages zu seiner Frau:„Du, Minnas chen, wir sollten unfern Wein abfüllen." „Weshalb, warum?" „Es gibt nun neue Stachelbeeren und wir könnten wieder keltern, wenn der Kolben leer wäre—* „Das sehe ich nicht ein, die Beeren sind teuer, und auch der Zucker ist in die Höhe gegangen." „Aber Minnachen, das können wir uns doch leisten." „Das finde ich nun nicht!— Allerdings— wenn man alles ver« brauchen will--" „Das will ich ja gar nicht," beschwichtigte er.„Damit, daß wir den Wein in Flaschen füllen, ist er ja noch nicht verbraucht." „Man weiß, wie das so geht— jetzt ein Fiäschchen, dann wieder mal ein Flöschchen.— Nein, ich will sparen und vorwärts kommen.� „Ich doch auch—" „Dann machen wir auch keinen Stachelbeerwein, so lange wir den anderen haben," entschied sie bestimmt. Ihr Mann schaute ratlos auf und erblickte in dem lieblichen Gesicht seiner Frau zwei harte Falten. Er ging schweigend zur Tür hinaus, und sie nahm ihre Arbeit wieder vor.— Der Sohn wurde geboren, und eine Tochter kam zur Welt. Auch gemütliche Abende kamen auf dem Sofa, wenn auch ver« hältnismäßig selten. Der Kolben blieb aber unberührt. Frau Minna wußte allen Anspielungen ihres Gatten bald scherzhaft, bald ii, hartem Ernst zu begegnen.— Im zwölften Jahre seiner Ehe wurde er krank. Der Arzt ver« ordnete Glühwein und eine Schwitzkur. „Nun ist es gut, Minna, daß wir einen Tropfen im Keller haben," meinte er. Seine Frau aber kaufte einen Schoppen Apfel« most, bereitete hieraus einen Glühwein und setzte diesem einig« Tabletten Aspirin zu. Der Erfolg war überraschend. Nach einigen Tagen war er gesund, wenngleich eine Bitternis, die sich in dein letzten Winkel seines Herzens eingeschlichen hatte, nicht von ihm hin» ausgeschwitzt werden konnte. Cr warf seiner Frau Lieblosigkeit vor. Sie aber sagte:„Was willst Du? Du bist gesund geworden. Jetzt ist er so lange gestanden, nun steht er wohl noch bis zur Konfirmation der Kinder." Schließlich gab er den Kampf auf, denn auch er mar sparsam und hatte seine tägliche Freude an dem Wachstum seines Vermögens. In dieser Freude hätte er wohl dann und wann ganz gerne anderen Freuden des Daseins in bescheidenem Maße gehuldigt. Dafür hatte seine Frau jedoch gar keinen Sinn. Für sie gab es nur einen Weg, eine ganz glatte Rechnung: Das Vermögen mußt« wachsen, jedes ihrer Kinder mußte mindestens einmal so viel be« kommen, als sie selbst In die Ehe gebracht hatte.-- Längst sagte er nicht mehr„Minnachen" zu seiner Frau. Zärt« lichteiten wurden auf das Unerläßliche beschränkt. Ein Kuß auf dem Bahnsteig etwa, vor oder nach einer Reise etwa. Schließlich hörte auch das auf.„Als ob es etwas koste," pflegte er aus dem verbitter-. ten Winkel seines Herzens herauszuspritzen. „Das nicht." antwortet« sie.„Aber solche Albernheiten sind meistens der Anfang zu einer kostspieligen Dummheit. Man läßt sie lieber." Eines Tages wurde der Lattenverschlag im Keller ausgebessert. Der Handwerker stieß bei dieser Arbeit den Kolben um. Der ehr« fürchtig geschonte Wein rann im Verlauf weniger Sekunden in den Sand und oersickerte. „So," sagte Oskar, der gerade dazu kam. Er rief die Treppe hinauf:„Wilhelminei Herunterkommen!" Seine Frau eilte in die Tiefe. Schon auf der Treppe drang ihr ein süßer, berauschende? Duft in die Nase. „Nun hat er ihn doch abgefüllt," murmelte sie und rüstete sich zu einer gewaltigen Rede. „Hier," sagte Ihr Mann, als sie unten angekommen war, und deutete auf die Scherben. „Wo— wo ist der Wein?" „Im Sand! Grab« ihn aus!" „Du lachst," schrie sie.„Du hast es mit Absicht getan" „Natürlich," höhnte er.„Ich hätte ihn ja doch nie bekommend „Oh— oh!" jammerte sie.— In einem größeren Scherben stand noch ein armseliger Rest. Sie führte das Glas an die Lippen und schlürfte die oaar Tropfen heraus.„Der reinste Malaga," jammerte sie nun wieder.„Was kostet eine Flasche Malaga? Nimm das 20 mal und rechne aus, um wieviel wir heute ärmer geworden sindP „Mir ist es wahrhaftig nur um den Kolben," brummte er, dreht« seiner jammernden Frau den Rücken zu und stieg die Treppe hinauf. „So? Dir ist es wieder nur mn den Kolben! O, so ein Ver« schwender!" Sie klagte noch eine Weil« fort. Dann setzte sie sich auf den Rand des Krautfasses und begann zu überlegen, wie und wo man ehestens diesen entsetzlichen Verlust wieder hereinbringen könn«. Sie kam zu befriedigenden Ergebnissen. Mit einem Ruck erhob sie sich und sagte:„Diese Mahnung mußte kommen. Ich war ent« schieden zu verschwenderisch geworden." Damit stieg sie die Treppe hinauf. Wissen unö Schauen Von Terenlius Varro zu Robert Koch. Daß es klein« Lebe- wesen gibt, die vom unbewaffneten Auge nicht mehr wahrgenommen werden können, wurde zum erstenmal um das Jahr 37 v. Chr. in einem Werk über die Landwirtschaft erwähnt, das von dem Römer M. Terentius Varro verfaßt ist. Varro empfahl, bei Haus- bauten auf dem Lande darauf zu achten, daß sich fließendes Wasser einfül/en ließe. Die beste Lage des Wohnhauses fei vor einer waldi- gen Anhöhe. Er warnte vor Anlagen in sumpfiger Gegend, weil dorr winzige Lebewesen entstehen, die man mit den Augen nicht wahrnehmen kann, und die mit den Lüften durch Mund und Nase in den Körper gelangen und dort schwere Krankheiten ver- Ursachen. Dieser Gedanke Varros taucht dann 1600 Jahre später wieder auf in einem Werk eines überaus vielseitigen Forschers, des Jesuiten Athanasius Kircher über die Pest, der als Ur- fache der Uebertragung der Pestkrankheit die von den Pestleichen ausgehenden Dünste annahm, durch die die Organismen und un- belebten Stoffe in das Innere des menschlichen Körpers gelangen. Daß diese Ausdünstungen unsichtbare klein« Lebewesen enthalten, schloß er fälschlich daraus, daß aus den Leichen haufenweis« Würmer hervorzugehen pflegen. Das war 1671. Kirchers Gedanke wurde wieder aufgenommen im Jahre 1762, in dem Marcus Antonius Plencig die Mikroorganismen als Entstehungsursache für Krankheiten heranzog und die Fäulnis durch die Entwicklung und Vermehrung der Keim«„wurmartiger" Wesen erklärte. Es vergingen weiter« 74 Jahr«, bis die Annahme vom Vor- handensein winziger Lebewesen durch die Wissenschaft einen tatsäch- lichen Rückhalt erhielt. 1836 stellte Th. Schwann fest, daß zur Erregung der Fäulnis lebendig« Keime notwendig stnd, wie auch, daß die i) e f e ein Pilz ist, der wächst, sich oermehrt und die Ur- fache der alkoholischen Gärung wird. Bezüglich der Hefe kam etwa zur selben Zeit Cagniard-Latour zu dem gleichen Ergebnis. Angeregt durch die Arbeiten vcn Schwann und Cagniard-Latour gelangte dann 1840 H e n l e, einer der Lehrer Robert Kochs, dazu, die Ursach« der ansteckenden Krankheiten auf organisierte Gebilde, belebt« Organismen, zurückzuführen. War dieser Schluß vielleicht noch verfrüht, weil zur Begründung einer sicheren Theorie viele feststehende Tatsachen notwendig sind, die damals noch nicht zu Gebote standen, so zeigt sich immerhin, daß von der Erkenntnis der Hefe als einer Pflanze ein neuer Pfad zur Erkenntnis der Krank- heitserreoer ausging. Es konnten dann auch tatsächlich Pilze als Krankheitserreger nachgewiesen werden, so ein Fadenpliz als Er- reger einer ansteckenden Krankheit der Seidenraup«, und ein an- derer als Erreger einer menschlichen Hautkrankheit. Auch die pflanzliche Natur des Bazillus des Milzbrandes wurde 18SS nachgewiesen, wenn auch die Frage, ob es stch um den An- steckungsstoff selbst oder nur um dessen Träger handele, noch nicht aufgeklärt wurde. Die vollständig« Beantwortung dieser Fragen fand erst 1876 durch Robert Koch statt. P a st e u r hat dann pflanzliche mikro- skopische Parasiten als Ursache der Wein- und Bierkrankheiten er- kannt und sie als Krankheitsorganismen bezeichnet. Auf den Fort- schritt der Technik hatten die Arbeiten Pasteurs aber wenig Einfluß. Einen Umschwung von tiefer wissenschaftlicher und praktischer Be- deutung brachten erst die Arbeiten Robert Kochs, zu dessen wissen- schaftlichen Erfolgen auch die Gärungstechnik in engster Beziehung steht. Durch fein Reinkulturverfahren, das von der Einzelzelle ausgeht und auf der Benutzung eines festen Nährbodens kür die Züchtung der Mikroorganismen beruht, führt« er die For- schung zu wissenschaftlich völlig einwandfreien Ergebnissen. Es hat wohl noch keine nützlicheren Kartoffeln gegeben als jene gekochten, halbierten Kartoffeln, an denen Kcch seine ersten zufälligen Beobachtungen über isoiierte�Bazillenkolonien macht«, denn dies« brachten ihn auf die Erfindung seines Verfahrens, nach dem E. Chr. Hansen dl« ersten Reinkulturen von Hefen darstellte. heraus, jenen pfeiisörmigen, harten und zugleich spitzen Körper, der sich in die Ränder der Fußsohle des Partners bohrt. Dadurch werden dem also Betroffenen nicht nur Schmerzen, sondern unter Umständen sogar gefährliche Verletzungen zugefügt. Momentan zuckt das Tier unter dem Anprall des Liebespfeiles zusammen, zeigt aber alsbald eine solche Erregung, daß es ebenfalls dazu übergeht, einen Liebes» pfeil abzuschießen. Wiederum tritt eine Ermattung, und zwar beiderseits, ein, um in kurzer Frist eine neue Erregung auszulösen. Die Körper werden wieder hoch aufgerichtet, Fußsohle gegen Fuß- sohle gepreßt, die Erregung wird immer größer. Längere Zeit ver« streicht während dieser unablässigen Liebkosungen, ohne das irgend- welche weiteren Veränderungen stattfinden, bis dann schließlich bei beiden Tieren mit einem Ruck die Begattungsteile zur Entfaltung kommen. m Himmelskunöe Der dichteste Stern, d. h. der Stern, dessen Waffe am meisten kondenffert ist und deshch� das größte spezifische Gewicht aufweisen würde, soll nach Proseffor Jordan vom Älleghany-Observatorium en Sternchen elfter Größe im„Haar der Berenike" sein. Er ist also mit bloßem Auge nicht sichtbar, aber auch im Fernrohr nicht immer, denn der Stern besteht eigentlich aus zweien, die um ein- ander kreisen, und von denen der eine periodisch den andern aus- löscht. Professor Jordan hat ihm den einfachen Nomen„New Variable", ü. h. der neu« Veränderliche, gegeben. Auf Grund besonderer Berechnungen behauptet er, daß die Masse des Sternes hart wie Granit ist, also 3— 5mal so schwer wie Waffer, und 2— 3mal so schwer wie die Masse der Sonne. Man schätzt die Masse der Sonne etwa anderthalbmal so dicht wie die des Wassers. Der Durchschnitt der Sterne hat eine fabelhaft gering« Dichtigkeit, nur ein Zehntel der Masse des Wassers. Wenn die Fixsterne nicht aus glühenden Gasen beständen, wenn man sich ihre Masse kalt vor- stellen könnte, so könnte en Jules Verne auf einer abenteuerlichen Reise in diese Sterne eindringen, ohne etwas davon zu merken, so leicht und dünn ist ihre Masse. Als den dichtesten Fixstern be- trachtete man bisher den Stern W im Großen Bären, aber der neue Veränderliche im Haupthaar der Berenike soll ihn noch be- deutend übertreffen. m. Naturwissenschaft Das Liebeswerben der Schnecken beschreibt Prof. Dr. B a st i a n S ch m i d, München-Solln, in seinem lesenswerten Büchlein„Liebe und Ehe im Tierreich"(Verlag Theod. Thomas, Leipzig). Eine begattungslustige Schnecke ist in ihrem äußeren Benehmen unschwer zu erkennen. Sie kriecht langsam, wie suchend, umher, hält oft auf ihrem Wege an und verharrt dann längere Zeit mit erhobenem Vorderkörper. Treffen stch zwei solcher Schnecken zufällig, so be- ginnen sie sofort mit d«m die Begattung einleitenden Liebesspiel. Sie richten sich zunächst hoch aneinander empor, die senkrecht empor- gehobenen Fußsohlen beider Tiere sind einander zugekehrt und fest aneinander gepreßt. Unablässig gleiten beider Fußsohlen aufein- ander hin und her. In ständiger Bewegung sind ferner die Mund- läppen, die sich lebhaft gegenseitig betasten, in lebhaftem Spiel sind die übrigen Fühler begriffen, kurz, der ganze Organismus verrät allenthalben eine hochgradige Erregung. Meffenheimer beobachtete, daß dieses Vorspiel nur einige Zeit dauert und die Tiere in zu- sammengekauerter Haltung, Fußsohle gegen Fußsohle gepreßt, eine viertel bis zu einer halben Stunde verharren. Sodann beginnt eine rreue Phase im Liebssspiel, ein erneutes Aufrichten der Körper, ein erneutes Hin- und Herwiegen. Jedoch verhält sich das eine der Tiere anders wie sein Partner. Es bläht seinen Vorderkörper auf, schleudert eine wässerige Flüssigkeit und bald darauf den Liebespfeil Erökunöe Australiens neue Hauptstadt. Aus Australien eingehende Nach- richten besagen, daß das neue Bundesparlament, das in zwei Iahren gewählt werden soll, seinen Sitz in der neuen Bundeshauptstadt finden wird, mit deren Bau auf einem nördlich von Melbourne gelegenen Terrain man gegenwärtig beschäftigt ist. Mit den Bau- arbeiten hat man bereits vor zehn Jahren begonnen, und«in großer Teil der öffentlichen Gebäude, die die Ministerien und das Parlament aufnehmen sollen, ist schon fertiggestellt. Die neue Bundeshauptstadt wird den Namen Camberra erhalten und soll für Australien das lverden, was Washington für die Vereinigten Staaten und Ottawa stir Kanada ist. Die neue Stadt erhebt sich inmitten einer wellen- sönnig verlaufenden Hocheben«, die von Wäldern und Wiesen be- deckt und von drei Seiten von Gebirgen umgeben ist. Die viert« Seite öffnet sich nach der Richtung des Meeres. Das Klima ist über alles Lob erhaben und vor allen Dingen der großen Hitze nicht aus- gesetzt. Die ganz« Hochebene ist zum Bundesgebiet erklärt worden und infolgedessen politisch und verwaltungstechnisch unabhängig von den einzelnen australischen Staaten. Um dem Bundesgebiet das höchstmögliche Maß von Freiheit und Selbständigkeit zu sichern, ist es durch einen Korridor mit dem Meer« verbunden. Den Korridor durchquert ein« Eisenbahn, die eigens für diesen Zweck gebaut wurde. und die in Iarvis Bay mündet, einem Riesenhafen, der groß genug ist, um die gesamte britische Flotte oufnehnien zu können. Völkerkunde MpsZU Eigenarllge Impfungen. Wie man sich die Kräste eines anderen dadurch aneignen zu können glaubt, daß man sie sich körperlich ein- verleibt, so sucht man sie bei den Kulturvölkern sich gelegentlich auch äußerlich in den Körper einzuimpsen. So wird bei den Basuto in Südafrika bei Unglücksfällen, die den ganzen Stamm betreffen, da» Volk mit der Asche verbrannter Tier« und Pflanzen, die als glück- bringend betrachtet werden, geimpft, um so jedem einzelnen neues Glück mitzuteilen. Aehnlich impfen Kaffemstämme bei den Mann- barkeitsfcsten die Jünglinge mit Asche, die von der verbrannten Leiche eines tapferen Feindes genommen ist. Auch andere Impf- Methoden kennt man dort, so mit Zaubermitteln, die gegen Schlangengift schützen oder Jagdglück bringen oder vor Blitzschlag bewahren sollen. Roch urtümlicher berührt eine bei australischen Stämmen verbreitete Sitte, sich mit dem Fett eines Erschlagenen oder dem Lcichensaft eines Verstorbenen einzureiben, um so dessen Kräfte aus sich zu übertragen: das letztere wird auch aus dem in- dischen Archipel und von Madagastar berichtet. Kalifornische In- dianer benutzen zu gleichcm Ziveck die Asche verbrannter Leich- name. Vielfach werden auch Salbungen mit Leichenteilen getöteter Tiere vorgenommen, um deren Kräste zu erlangen: so reiben sich brasilianische Indianer mit den Augen getöteter Falken ein, um scharssichtig wie diese zu werden, und im alten Mexiko taten die Priester das gleiche mit einer Mischung aus Schlangen- und Skor. pionengift, um die für ihren Beruf notwendigen un heimlichen Fähigkeiten dieser Tiere zu erwerben.