Nummer 36 6. September 1923 AnterhaLtunßsbeLlatze öes i)orwLr�s °- Wunder- und Hexengeftbichten. Kulkurhistorisches von Paul Enderling. In alter vergilbten, in Schweinsleder gebundenen Bänden stehen diese Geschichten, in denen, wie tn der Zeit, in der sie er- standen, Glaube und Aberglaube, naive Kindiichkeit und toller Wahnwitz ihren Neigen tanzen. Im 20. Kapitel des dritten Buches von Schott,„Physica curiosa", einem dickleibigen, ehrwürdig dreinschauenden Folianten, finden wir folgendes:»Ein Priester reiste einmal nach Medien. Da er sich verirrt, mußte er mit seinem Knaben die Nacht unter einem Baume zubringen. Unvermutet kommt ein Wolf zu ihnen, und als sie erschreckt fortlaufen wollten, ruft er ihnen zu, sie sollten sich nicht fürchten� er hätte nur etwas mit ihnen zu sprechen. Wir sind, fing der Wolf mit ernster Stimme an, von dem Volt der Assyrier, und alle sieben Jahre müssen unserer zwei, ein Mann und «ine Frau, auf die Bitte des heiligen Natalis aus unserem Lande fort und Wolfsgestalt annehmen. Wer diese Prüfungszeit glücklich übersteht, wird von anderen abgelöst und kommt wieder in sein Vaterland. Meine eheliche Hausfrau und ölende Gefährtin in der Wolfsschaft liegt nicht weit von hier in den letzten Zügen, da sie sich an die Lebensart nicht gewöhnen tonnt«. Ich wollte dich als Priester Gottes bitten, ihr mit dem Trost der Kirche beizustehen. Zitternd folgte der Priester dem Wolf zu einem hohlen Baum nach, wo er eine scheußliche Wölfin antraf, die ganz menschlich stöhnte und seufzte. Kaum erblickt« sie den Priester, als sie mit heller Stimme Gott zu danken anfing, daß er sie nicht ohne geistlichen Zuspruch wollte sterben lassen. Der Priester betete mit ihr und reichte ihr auch das Abendmahl. Der Wolf war sehr dankbar, führte den Priester auf dem nächsten Wege aus dem Wald hinaus, erzählte ihm, daß bereits zwei Drittel seiner Wolfszeit vorüber seien, nahm darauf beweglich Abschied und ging zu seiner kranken Gefährtin in den Wald zurück/— Wohlgemerkt, dies steht in keinem Märchen- buch, sondern in einem streng wissenschaftlich sich gebärdenden Werk! Ein frommer Mann, Superintendent Rimphof, erzählt in seinem„Drachenkönig", wie zu Gesicke ein Ehepaar ausging, Holz zu suchen. Bald habe sich der Mann absentiert und darauf in Gestalt eines grausamen Wolfes fein eigenes Weib angefallen, ihr aber nur den roten Rock zerrissen. Llls er sich wieder in menschlicher Gestalt habe sehen lassen, habe er noch im Bart die Fräslein ihres roten Rockes gehabt(!), sei hierauf von seiner Frau angegeben und justifi- zieret, d. h. verbrannt worden. 'Nach demselben Autor sind die Wolfsoerwandlungen in Asien zu jener Zeit sehr häufig gewesen. Als Sollman 1542 die Regierung antrat, war Konftantiopel so voll Wehrwölfen, daß er mit einer kleinen Arme« wider sie zu Felde ziehen mußte. ISO wurden erlegt. Bei genauer Zählung zeigt« es sich, daß 150 Bürger fehlten. Der regierende Bürgermeister Dr. jur. Pelzer in Osnabrück sieht einmal in einer mondhellen Nacht zwei oder drei Katzen in seinem Hof sich lustig machen. Er zweifelt keinen Augenblick daran, daß es— Hexen sind, leitet den Prozeh ein: es werden viele Frauen und Mädchen eingezogen und auf die Geständnisse,- die sie auf der Folter machen, hingerichtet! In Indien gab es Zauberer, die sich in Löwen und Tiger ocr- wandeln konnten. Zwei solche Zauberer, Juan Gomez und Se- bastian Lopez, beH�neten sich einmal in dieser Bestiengestalt und erkannten sich sofort. Eine Feindschaft hatte sie lange entzweit, und so benutzten sie denn diese Gelegenheit, wütend übereinander her- zufallen. Nach blutigem Kampf ward Löwe Gomez vom Tiger Lopez so übel zugerichtet, daß er an der erhaltenen Wunde starb. Der„Tiger" wurde darauf unschädlich gemacht.— Thomas Gage, der dies im dritten Band seiner„Reifebeschreibungen" erzählt, fügt hinzu, daß er dem Verurteilten auf dem Wege zum Nichtplatz bei- gestanden habe... Der beMchtigte Remigius sagt in seiner„Dämonolatrie"(l.Bd.): „Es ist kein Zweifel, daß solche Sachen über allen menschlichen Ver- stand und Glauben bei vielen Menschen sein werden. Jedoch kann ich in Wahrheit sagen, daß mehr denn 200 Personen, die ich unter meinem Richteramt zum Feuer verdammt habe(!), selbst bekannt haben,„daß zu Zeiten die Hexen haufenweise zusammen kämen an einem Bach oder See. Daselbst schlagen sie so lange mit Gerten oder Ruten, die sie vom bösen Geist empfangen hoben, in das Wasser, bis sich ein dicker Dunst und N«bel daraus erhebt und sie mit dem Nebel zugleich in die Höhe fahren. Die Dünste werden nachmalen zu schwarzen Wolken, in welchen sie mit den Geistern hin- und herfahren, wohin es sie gelüstet, auch endlich mit Hagel und Donner wieder auf die Erde niederkommen usw. Eine der Hexen, Barbara Rayel, sagte— auf der Folter— aus, daß Zauberer und Hexen mit Htlfe der bösen Geister in den Wolken dicke Fässer überquer und durcheinander wälzten, so lange, bis sie an den Ort gekommen, den sie sich zu verderben vorgenommen. Alsdann zersprängen besagte Fässer und es kämen Stein«, Hagel, Regen, Blitz und Donner heraus und v erderbeten alles.. Die„Kernchronika" des Eberhard Werner Hoppelius vom Jahre 1065 enthält als Pendeut hierzu folgende Geschichte:„Zu München war dies Jahr ein großes, übernatürliches Donnerw«tter, Als nun ein frommer Priester vermerkt, daß solches ein Teufels- donnerwetter wäre, beschwor er es, wobei ein 70jähriger Erzzauberer ganz nackt aus den Wolken herabfiel und das Gewitter gleich auf- Hörtel Der Zauberer„bekannte" hernach, daß er solches Wetter- machen nebst einigen hundert Gesellen an die 40 Jahre betrieben und an Menschen, Dieh, Früchten und Gebäuden großen Schaden getan Hütte, weshalb er mit glühenden Zangen gezogen, erwürget und zu Asche verbrannt Wurde." Das es auch in diesen flüsteren Zeiten nicht an Köpfen fehlte, die das Sinnlose dieser Theorien erkonnten, ist selbstverständlich. So erzählt Schott in der oben zitierten„Pbysica curiosa" von zwei Jesuiten, die an dem im Voltsmund verrufenen Hexensee im Badisckzen gingen und dem Teufel und seinen Gesellen Hohn sprachen und lachend zur Stadt zurückkehrten. Aber der Teufel rächt« ficht Die Nacht darauf entstand ein entsetzliches Gewitter mit Sturm und Platzregen. Dies währte einen Monat lang, und alle Badenfer Bürger und Bauern glaubten nicht allein, daß der TeuföE dies Gewitter gemacht, fondern hielten auch die Jesuiten fiir Mitschuldige des Teufels, wodurch die armen unschuldigen Patres in arg« Be- drängnis gerieten... Wie lange tüeser Glaube an die Möglichkeit einer Bändigung oder Entfesselung der Element« durch Zauberhokuspokus währte, lehrte die interessant« Feuerverordnung, die zu Mecklenburg, das kulturell ja allezeit voran war, noch im Jahre 1742 erlassen wurde: Sie lautet:„Da durch Brandschaden viele bisher in großes Unglück geraten, befehlen wir, dergleichen Unglück in Zeit zu steuern, daß in einer jeden Stadt und Dorf verschiedene hölzern« Teller, worauf schon gegessen gewesen, mit den Figuren und Buchstaben, wie unten beschrieben(es ist das ein richtiges Befchwörungs-Adakadabraf des Freitags bei abnehmendem Lichte mittags zwischen 11 und 12 Uhr mit frischer Dinte und Feder geschrieben, vorrätig seien. Sodann aber, wenn ein« Feuersbrunst, wovor Gott hiesige Lande in Gnaden bewahren wolle, entstehen sollte, alsdann solchen bemalten Telloc mit den Worten: In Gottes Nomen! ins Feuer geworfen, und, woferne das Feuer wieder um sich greifen sollte, dreimal solches wiederholt werde, dadurch dann die Glut ohnfehlbar gedämpft wird. Dergleichen Teller nun haben die Bürgermeister in den Städten, auf dem Lande aber die Schnltheiße und Gerichtshalter in Ver- lvahruktg aufzubehalten und bei entstehender Feuersgkut, da Gott für fei, beschriebenernwßen zu gebrauchen, hiernächst ober, weil solches jedem Bürger und Bauer zu wissen nicht nötig ist, solches bei sich zu behalten. Hierin vollbringen diese unseren gnädigsten Willen. Gegeben den 24. Dezember 1742." Es war ein hübsches Weihnachtsgeschenk, das Serenissimus dort seinen Untertanen gab. Nur schade, daß nirgends erwähnt wird, wie es sich bewährte. Irankreichs Reparationszahlungen 1$71-73 Von Studienassessor Dr. G« r t h in Stade. „Im Frühjahr 1872," so erzählt Ludwig Bamberger,„fuhr ich in Begleitung eines französischen Bekannten von Köln nach Lüttich. An einer Haltestelle zwischen Aachen und Herbesthal, an der zahl- reiche Arbeiter beschäftigt waren, die Geleise auf Seitensträngen und Abzweigungen zu vermehren, klopfte mir mein Gefährte auf die Schulter und sagte halb ironisch, halb schmerzlich lächelnd:„Da ist nichts zu verwundern, das wird alles mit unseren K Milliarden bezahlt." Vergeblich bewies ich ihm, daß die Arbeiter durch den Krieg jedenfalls verniindert, nicht vermehrt worden feien, daß die Schienen aus dem Eisenwerk von Bürbach, daß der Tagelohn aus unserem Talervorrat und die Kapitalien aus dem alten Betriebs- fonds der Eisenbahn stammten: er blieb dabei, daß dies alles nur das Werk der S Milliarden sei." Bamberger hätte hinzufügen können, daß S Milliarden Frank von den Franzosen im Frühjahr 1872 noch lange nicht bezahlt waren. Deutschland forderte ursprünglich 6 Milliarden Frank Kriegs- entschädigung von Frankreich. Die Franzosen aber versuchten mit Hilfe Englands aus allen möglichen Gründen eine Ermäßigung der Summe zu erreichen. Bereits am 8. Januar 1871 weist der eng- tische Minister, des Aeaßern, Granville, auf die möglich« Un- fähigkeit Frankreichs hin, Deutschland für die Kosten des Krieges schadlos zu halten. Tatkräftiger wurde die Herabsetzung der Summe betrieben, seitdem der Herzog von Broglie als französischer Botschafter die Vertretung der Intcr- essen Frankreichs an der Themse übernommen hatte. Er verständigte die englisck)e Regierung, daß es für Frankreich nicht möglich sei, eine solche Summe zu zahicn, und es sei nicht ehrenhast, eine Zahlungs- Verpflichtung zu übernehmen, die zu erfüllen außer seiner Macht stehe. England wird gebeten, der deutschen Regierung die Unmög- lichkcit einer solchen Zahlung darzustellen. Auf Frankreichs Bitten sollte England seinen Schiedsspruch in der Festsetzung der Eni- schädigungssumme anbieten, eine Sache, di«„gleich wichtig für die Sieger wie für die Besiegten wäre und die zugleich alle handeltreibenden Länder inter- essiere, die viel von der finanziellen Störung zu leiden haben würden, die eine übermäßige Kontribution verursachen würde." Bereits am 26. Februar, dem Tage des Ab- schlusses des Nersailler Vorfriedens, konnte der englische Vertreter auf dem deutsthen Kriegsschauplatz melden, daß die Kriegsentschäoi- gung von 6 auf 5 Milliarden Frank herabgesetzt und von Thiers genehmigt sei. Wurde so die 5)öhe der Zalsiungen bereits im Vorfricdcn fest- gesetzt, so bestimmte der Frankfurter Friede vom 10. Mai die Z a h- lungstermine: Innerhalb eines Monats nach d«!N Sturz der Kommune war die erste halbe Milliarde sijftig. Die Kommune hatte übrigens der deutschen Regierung angeboten, die 500 Millionen zu zahlen, wenn ihr die nördlichen Forts von Paris eingeräumt würden. Bismarck hat ihnen wahrscheinlich gar kein« Antwort gr- geben. Der Straßenkampf in Paris war am 28. Mai zu Ende; die Zahlungen mußten also am 28. Juni beginnen, und zwar mit einer halben Milliarde. Bismarck erwartete diese Zahlung spätestens am 1. Juli, während die französische Regierung sich erst für den 20. Juli zu zahlen bereit erklärte. Schließlich war Bismarck damit einverstanden, daß die Zahlungen am 1. Juli anfingen und am 7. Juli endigten. Aber auch jetzt versuchten die Franzosen es nochmals mit der deutschen Langmut. Waldcrsee, der damalige deutsche Geschäfts- träger in Paris, trägt unter dem 30. Juni 1871 in sein Tagebuch ein:„Ich habe französische Minister für leidlich ehrliche Leute ge- halten und sehe, daß ich mich täuschte... Nachmittags 3 Uhr er- hielt ich ein Schreiben von Favre, der mir ganz harmlos mitteilte, es würde am 5., 10. und 15. gezahlt werden. Das war mir nach den vorherigen Versprechungen zu stark. Ich fühlte mich düpiert und blamiert und war so wütend wie kaum je zuvor. Ich schrieb Favre sogleich mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig ließ und bestand auf meiner Forderung, morgen Geld zu erhalten." Ueber die erste Zahlung berichtet Waldersee unter dellr 1. Juli: „Heute abend 7 Uhr übergab mir Pouyier-Ouertier im Louvrr 100 400 000 Frank in Wechseln auf Berlin und London. Es ist ein eigentümliches Gesühl, mit solchen Summen sich herumzutragen.... Der Minister war scharmant und gab das Geld, als ob es nur 5 Taler wären. Ich schickte die Wechsel sogleich durch Feldjäger nach Berlin." Am 4. Juli ober mußte Waldcrsc« den Finanzminister schon wieder mahnen, anzugeben, wo er morgen zu zahlen gedenke. Die weiteren Zahlungen erfolgten vom 5. Juli ab in Straßburg. Die erste halbe Milliarde, die also am 1. Juli fällig war, hatten die Franzosen erkt am 31. Juli gezahlt, ahne daß Bismarck zu Repressalien oder Rc- torsionen gegriffen hätte. Viellnebr gab Wilhelm I. am 20. Juli, obwohl die erst« Zahlung noch nicht ganz geleistet war, bereits den Befehl zur Räumung einiger Departements. Eine ganze Milliarde war bis Ende 1871, eine weitere halbe bis Mai 1872, die verbleibenden 3 Milliarden bis zum 2. März 18.74 zu zahlen. Durch ein besonderes Abkommen wurde diese Frist auf französischen Wunsch uin ein Jahr verlängert. Die Zahlung dieser Summen mar die größte Geld- operation der Weltgeschichte. Die Weltwirtschast mußte aufs stärkste davon beeinflußt werden. Die Mitte! für die erste Zahlung brachte Frankreich durch eine Anleihe auf. Darüber Walder- fee am 27�Iuli� 1871:„Die Anleihe ist giänzend gegangen. Paris hat sie gedeckt, und man rechnet auf eine Zeichnung von 5 Milliarden. Lfiivohl Favre als Thiers merkte ich an, daß das Ergebnis ihnen sehr angenehm war. Sie renommierten eigentlich mit ihrer Ehr- lichkeit, sagten, sein Wort müsse man halten, seine Verpflichtungen pünktlich erfüllen usw." Der Erfolg der Anleihe wurd« auch im Ausland bewundert. Frankreich zahlte 4� Milliarden in Wechseln, hauptsächlich aus deutsche Firmen lenkend, die für Rechnung der französischen Re« gierung in verschiedenen Ländern ausgekauft wurden, auch Wechsel auf das Ausland, besonders auf London. Ein bis zwei Monat« vor Fälligkeit wurden sie der deutschen Regierung zur Einlösung übergeben. Konnten sie nicht eingelöst werden, so mußte das fran- zösische Schatzamt sie zurücknehmen. Unter den Banknoten entdeckte man einmal bei der Nachprüfung auch sogenannte Blüten, die zu Reklamezwecken in Deutschland verausgabt und wahrscheinlich durch die Truppen in die Hifodc der französischen Bevölkerung und von da in die Kamniern des französischen Schatzamts gelangt waren. Insgesamt 105 Millionen Mark hatte das französische Schatzamt aus den Händen der französischen Bevölkerung an sich gezogen.— Bamberger berichtet in seinen politischen Schriften S. 242:„Eine der anfänglichen Operationen bestand darin, daß die Berliner Bank- Häuser von Paris aus Auftrag erHilten, jede Nachfrage nach fran- zäsischen Wechseln vermittels Ziehung aus Paris zu befriedigen. Alle Anschaffungen, die der deutsche Handel in Frankreich gemacht hatte, wurden dadurch so geregelt, daß die französische Regierung ihren Staatsangehörigen die nach Deutschland verkauften Waren zahlte, während die deutschen Staatsangehörigen der Reichsretzierung den Preis der Waren entrichteten, die sie von Frankreich gekauft hatten." Die Einwirkungen der Milliardeuzahlungen auf die deutsche Volkswirtschaft saßt H ü b e n e r,„Die deutsche Wirtschaftskrisis von 1873", in folgendes Urteil zusammen:„Die Kriegskostenzahkung Frankreichs an Deutschland entsprach nicht den in sie gesetzten Hoss- nungen, war kein unerjchöpslich auf die Volkswirtschaft herab- stürzender Goldregen, der da machte, daß das Geld auf der Straße liegt, aber sie war auch nicht als ein Danaergeschenk zu bezeichnen, das über die Beschenkten ungeahntes Elend bringen mußte. Man wird ja nicht umhin können, zu gestehen, daß die wirtschaftlichen Erschütterungen Deutschlands durch sie verstärkt sind." Den Reichen. Von Edward Carpenter. Sind sie nicht mei?», die ewigen Hügel, sagt der Herr, von wo aus ich über di« Föhrengipfel hinweg in die Täler blicke? Die saftigen Tristen mit braunem und weißem Weidevieh und die Ströme mit Wehren und Wasicrnrühlen? Und die sachtblühenden Achren und die Kelche der leuchtenden Apselblüte— Von meinen Bergterrasscn überschau« ich wie von einem Throne meine Länder— Sind sie nicht mein, wo ich wohne— und für meine Kinder? Wie lange wallt ihr sie mit dem Netz eures Schleimes über- ziehen und mit dem Geschwätz von Rechten und Eigentum? Wie lange wollt ihr eure 5)äuser bauen, um euch und euer Zeug darin zu verbergen: um euch von euren Brüdern und Schwestern abzuschließen— und von mir? 5)ütet euch!— denn ich bin der Sturm; mich scheren eure Eigentumsrecht« nichts! Mit Blitz und Donner, mit Flut und Feuer will ich eure Fel- der zerstören und verheeren! Eure Erstgeborenen will ich in eurem Hause schlagen und ich will euren Reichtum, zum Spott machen!. Narren, die von Tag zu Tag, von Stund' zu Stund' nicht wissen, ob sie leben werden! Und die dennoch einander die Dinge entreißen wollen, die ich ihnen in Fülle gab!» Denn ich will keinen, der nicht allen seine Tür öffnet und anderen gibt, was ich ihm gpgebcn habe! Die Bäume, die ihre Aesie gegen den Absndhimmcl strecken, der Marmor, den ich seit Millionen Jahren in der Erde bereitete, das Wcidevieh, das über Miriaden von Hügeln stvsift— mein sind sie für alle mein« Kinder— Und wenn d» deine Hände auf sie legst, um sie allein für dich zu haben— dann bist du verflucht! Der Fluch des Eigentums wird sich an dich Höngen! Mit belchwerter Brau« und bedrücktem Hetzen, matt, der Freude unfähig, ohne Froheit! �Wirft du, ein Fremder im eigenen Lande, das ich zu deiner Wonne schuf, umherlriechen! Der kleinste Vogel auf deinem Tu!« wird in den Zweigen Freiheit singen, der junge Ackersmm.n wird in der Furche pfeifen— Ader du wirst ocrdroffen und einsam fein— vergessen und ein Abgeschlofseuer unter den Menschen! Denn genau soweit du dich vom geringsten meiner Kinder abgelcklossen hast, hast du dick' von mir abgeschlossen! Ich, der Gott Demos, habe es gesprochen— und die Berge sind mein Thron! Erübeben. Au«: Vulkan« und Erdbeten, von Prof> Dr. R. Brauns,«inrr populären, gut illultrisrten Darstellung, dl« ln der Nowrrviss-nslhaftlichen Bldlwihek erschien(Verlag von Quell« u. Meyer in Leipzig). W«nn auch nach rein geologlichen Gesichtspunkten die Wirkungen eines Erdbebens wlmerhin geringfügig sind und nicht so merkbar wie die vulkanischen Aufschüttungen, so sind sie doch für Menschen- werk und Menschenleben zerstörender als die heftigsten Ausbrüche der Vulkane. Dörfer undStädts sinken in wenigen Sekunden in Trüm- mer, ausgedehnt« Landstrecken versinken in wenigen Sekunden in das Meer, Teile des Landes verschwinden für immer in den aufgerissenen und wieder zugeklappten Spalten, Feuersbrünste entstehen, die Gas- leitungen brechen auf, arr elektrischen Leitungen entsteht Kurzschlusi, die Wasserrohre brechen, alles vereinigt sich, um die Zerstörung voll- ständig zu machen. So sind denn die Verlust« an Menschenleben enorm. Bei dem Erdbeben in Lissabon im Jahre 1763 sind 60 000 Menschen umgekommen; bei dem Erdbeben von Mino in Japan sollen 26 000 Menschen und 130 000 Gebäude vernichtet worden sein; bei dem von Messina um die Jahreswende 1908 sind gar 200 000 Menschen umgekommen. Der Ausbruch des Mont Pele kostet« 32 000 Atenschen das Leben, die größte Zahl, die je durch einen vulkanischen Ausbruch umgekommen ist: im deutsch-französischen Krieg 1870/71 beklagte das deutsche Heer 40 000 Tote, fünfmal soviel Menschenleben hat das«in« Erdbeben von Wessina in wenigen Sekunden vernichtet! Vulkanische Ausbrüche fördern immerhin fruchtbare Aschen, auf denen bald wieder neues Leben erblüht, sie liefern nutzbringende Gesteine, sind häusig Erzbringer, Erdbeben wirken schlechtweg zerstörend. Bei den meisten Erdbeben erfolgen mehrere Stöße kurz hinter- einander, meist so, daß schwächere Stöße den starken vorangehen und diesen folgen: sie dauern zusammen nur wenige' Minuten. Oder es folgen sich schwächere und stärkere Stöße' in großer Zahl hintercin- ander, bisweilen während vieler Tage und Monate: man spricht dann von Erdbebenschwärmen. So nilvben bei dem vogtländischen Erd- bebenschwarnt vom 13. Februar bis zum 18. Mai 1903 an 93 Tagen 44 heftig« und 645 schwächer« Stöße tvahrgenommen: die Provinz Phokis in Griechenland wurde in den Jahren 1870— 1873 durch nicht weniger als 300 starke und 60 000 schwächere Erdstöße in steter Un- ruhe gehalten: ähnlich wieder im Jahre 18V6. Durch die Wellen, welchs von einem großen Beben ausgehen, werden nicht selten auch in entfernter liegenden Gegenden Erdbeben ausgelöst: so mögen die zahlreichen schwächeren Erdbeben, die im Jahre 1909 in den Mittelmeerländern eintraten, durch das äußerst heftige Erdbeben von Messina ausgelöst worden sein. Man kann sich vorstellen, daß in der Erdkruste im Lauf« der Zeit Dehnungen und Zerrungen eingetreten sind und das Gleichgewicht zu einem sehr labilen geworden war. so daß«in nur geringer Anstoß genügte, es völlig zu stören, ein Erdbeben zu verursachen: und ferner, daß die Spannung nicht auf einmal ausgelöst wird, sondern zunächst da, wo sie am stärksten war. Es tritt danach nicht sofort stabiles Gleich- gewicht ein, sondern dieses wird in Etappen— darum die Nachbeben— erreicht: durch die Bodenverschiebungen werden die Spannungen in anderen, entfernteren Gebieten vergrößert, durch geringen Anstoß werden auch sie ausgelöst. � Di« Ausdehnung des Schütlergebietes, in dem ein starkes Erd- beben noch als solches gespürt wird, entspricht nicht immer der Heftig- keit des Bebens, vielmehr kommt dafür noch ein anderer Faktor in Betracht, das ist die Tiefe des Herdes, und man wird im allgemeinen sagen können, daß, je ausgedehnter bei ungefäbr gleicher Stärk« eines Erdbebens das Schüttcrgebiet ist, um so tieser der Herd des Erd- bebens liegt. Das Erdbeben, das im Jahre 1883 aus der Insel Ischia sich ereignet hat, war so heftig, daß der Badeort Casamicciola voll- ständig in Trümmer gelegt wurde, die �Ausdehnung des Schütter- gebieles aber so klein, daß die Erschütterung in anderen Teilen der Insel nur schwach, in Neapel gar nicht mehr gespürt wurde: der Herd lag sicher dicht unter der Oberfläche, wahrsäiemlich im Epomeo, der damit oerkündete, daß er doch noch nicht völlig erloschen sei. Das Erdbeben von Lissabon dagegen, vom Jahre 1776, wurde in Nord- asrika, Schottland, Norwegen und Böhmen gespürt, sein Herd lag sicher tief. Di« Rechnungen führen, je nach den Annahmen, auf denen sie basieren, auf Tiefen bis zu etwa 36 Kilometer, andere auf erheblich größere Tiefen. Nach der Form des Schüttcrgcbietes find zentral« und lineare Erdbeben zu unterscheiden. Wenn die Erdkruste völlig gleichmäßig beschaffen wäre, müßten die Erdbeben wie die Wasserwellen sich nach allen Richtungen gleichmäßig fortpflanzen, müßten alle Erdbeben zentrale sein. JiZie Verschiedenheit der Gestein«, die Störungen im Bau verhindern dies: namentlich hindern Verwerfungen die gleich- mäßig« Fortpflanzung und bewirken, daß an ihnen Erdbeben zu linearen werden. So war das Erdbeben von San Franziska vom 18. April 190(7 ausgesprochen linear: das Hypozentrum im Erdinnern iE gewiß schon linear gedehnt gewesrn. das Schültergebiet mar«in Ichmales, längs der Küste laufendes Areal von etwa 400 Kilometer Länge bei nur 80 Kilometer Breite und fiel mit Verwerfungsspalten zusammen. Di« Ausdchnungsform der Erdbeben führt zur Frage nach der! Ursache der Erdbeben oder vielmehr nach den Beziehungen zwischen Erdbeben und dem Bau der Erde. Hiernach kann man unterfcijeiden: Vulkanische Erdbeben. Tätig«, aber auch ruhende Vul- tone bilden in der Regel Erdbebenherde. Fast jede Eruption wird durch Erdbeben angekündigt: Pompeji war 16 Jahre vor seinem Untergang durch Erdbeben zerstört worden. Das Crschütterungs- gebiet ist immer klein, wenn auch die Erschütterung bisweilen recht heftig ist. Bei der Eruption des Aetna im Jahre 1910 wurden durch ein Erdbeben im Observatorium sämtliche Weinflaschen zu Boden geworfen, in dem 10 Kilometer vom Bebenherd entfernten Nicolosi wurde das Erdbeben nur sehr schwach/ in dem 25 Kilometer ent- fernten Catania gar nicht gespürt. Auch das vorher erwähnt« Erd- beben von Ischia war sicher ein vulkanisches Beben. Aus den Schilderungen der vulkanischen Ausbrüche ist zu ersehen, daß die Mehrzahl von Erdbeben begleitet ist. Tektoniscke Erdbeben sind solch«, die mit der Tektonik, dem Bau der Erve In Beziehung stehen. Noch ihrer Ausbreitung sind es häusig lineare Beben, das Erschütteruugsgebict erreicht die größte Ausdehnung. Sie treten vorzugsweise in solchen Gegenden auf, in denen junge geologische Veränderungen in großem Maßstabe stattgefunden haben, in geologisch jungen Faltengebirgen und Sen- kungsgebieten. Solche Schüttergebiete sind in Deutschland das Rhein- tal mit seinen Randgebirgen, Schwarzwald, Vogesen, Odenwald: die Gegend von Groß-Gerau, das sächsische Vogtland. Ferner Laibach in Kärnten, die Alpen, Italien, Griechenland, die Inseln im Aegüischen Meer, der Kaukasus und Himalaia, Kalifornien, Mittelamerika mit den westindischen Jnszln, Chile, Peru und vor allem Japan: im Durchschnitt zählt man auf den japanischen Inseln etwa 600 Erdbeben im Jahr. Im allgemeinen sind die Hanpt-Schüttergebieie der Erde die- selben wie die, ipelche die tätigen Vulkane enthalten, d. h. die Haupt- bruchzonen der Erde. Dazu kommen aber die Gebiete der jungen Faltengebirge und ihr Vorland, der Himalaia, Kaukasus, die Alpen. Schbießr. Nach Hans Reimann. »S Lähm is wärglich mch mähr fcheen." „Sah Hamm Se rächd. Wo jedzd ä lumbjes Schdigge Bliddp 25 Cents goßd. Ich sraache Sie: wo soll das hinfiehrn?" „I jah, nee, siß wärglich nicht mähr scheen. Wemmr dahdre gshjn bedengkd, wies ftiehr wahr, hee«? Ich saachs eega zu meinl Grooßn." „Dähr soll doch jedzd se> scheen srdien, Ihr Grooßr. Wiefiel haddr dnn, wemmr fraachn birst?* .Nu, öhr bringd jedzd jehde Woche seine zwee Dollar midd heeme. Airwr was ihn das jedzd,, wo ä lumbjes Schdiggj» Budde 26 Cents goßd?" „J ja'H da Hamm Se rächd. S Lähm iß ahm z« deir. Mp hadd wärglich nischd mähr ze feixn." „Nu, schlechd schdehd r sich je grahde nich. Wenns Lähm ahm nich so deir währe, dah genndr ganz guhd ausgomm midd sein zwee Dollar." „Awwr was sinn dnn jedzd zwee Dollar? Die sinn doch weck, wie ä gahrnischd sinn die doch weckl Wemmr dadrgehjn bedengkd, waßde friehr unsre Walluhda währd wahr, heee?" „Freilich, Frau Babbrd, das isses ja ähmd. Siß fiel, zwee Dollar, unn siß awwr ooch widdr nich siel. Wohse Heide sr ä lumbjes Schdiggjn Buddr 23 Cents bezahln mihn." „Wemmr sich dah iwwrlehjd, waßde sriehr de Walluhda wahr!* „Blohs ahm das deir« Lähm. Dah iß unser Geld gahrnischd." „Awwr dah schdehd sich Ihr Grooßr däßdrwähjn nich schlechd — midd zivee Dollar. Aehr iß doch noch gechrni aus dr Schuhlc." „Ree, schlechd schdchdr sich nich. das gammr nich behaubdn. Awwr laßn Sn doch feine Bangknohdn midd heeme bring, die sinn doch weck wie reen« gahrnischd. S langkd doch hindn unn sorne nich" „Dah haddr awwr doch drodzdähm« enn ganz hibschn Frdiensd, Ihr Grooßr!" „Ich saachs ja. Schlechd schdehd r sich nich. Das gammr nich saachn. Awwr s Geld gilb ähmd nischd mähr. Wemmr fr ä labbjes Schdiggjn Buddr 26 Cents bezahln muß! Dahdrsohr gonnde mr doch friehr sohrn Grieje enne ganze simfgebbj« Fam- mihlje ernährn." „Awwr mr grijjd« dahdrsohr ähmd ooch nischd bezahld sr seine Arwcid. D-ngk> Se doch cmmahl an, wie de Arrweedr friehr gcschdälld wahrn. Was mei Baule iß, dähr brachde noch neinzn- hundrtferrzn zwanzj Margg Wochnlohn ongcschläbbd, daß alles buffde unn grachchde. Zwanzj Margg— das wahr back) nstchb!* „Ree, da Hamm Se rächd. Frdien duhd eenr Heide ganz scheen, wennr uffn Damm« is. Zwee Dollar, siß ä ganz hibbsches Schdigge Geld gehjn de Hungrlchne vo,, friehr." „Bloß ahm im- grijjd nischd drfohr. Friehr, dah gonnde mr doch weißesgodd midd zwanzj Margg mähr ansang wie Heid« midd zwee Dollar." „I jah siß nich dr Haufn, zwee Dollar, wemmr bedengkd, daß ä labbjes Schdigge Buddr 25 Cents goßd. Awwrs iß doch ooch widdr ä ganzr Vadzn Geld!" „Freilich isses ä ganzr Bahzn Geld. Ich saachs je: ähr schdehd sj gahritz iewl, Ihr Grooßr. Siß ähmd bloß schahde, dosies Geld geen Wahrd mähr hadd. Dr Gaisr muß ahm widdr Höhr." „I jawohl! Das fählde noch! Daß mr widdr midd zwanzj Margg d« Woche anftmg! Nee! Ich will fonn geen Gaisr nischd wissn. Swahrn doch Hungrlehn« friehr nndr Wilhelme!" „I jah, dah Hamms« ooch widdr rällid. Siß ähmd/ wies ih.� „Schee» isses sehdnfalls nich mähr." (Das Gespräch beginnt von vorne.) Aus de» Svottvsqkls Hans R e i m o n y neucsllm Opus(Ar. Vi»):„B o n Karl May bis Max Pullenberg in fil) Minuten"(Kurt Wolfk Verlcfl, Mllncben). worin er nilfit nur andere schreibend« Zeitgenossen, sondern auch sich selbst sehr nett parodiert. wissen unS Schauen Vom Seeleuleben gesangener Vögel. Der Mensch, der mit den Stubenvögeln in trautem Verein lebt, ist nur allzu leicht geneigt, ihre Lautäußerungen und Bewegungen aus seiner Empsindungswelt heraus zu erklären und so das innere Leben des Tieres zu oer- menschlichen. Es bedarf der innigsten Vertrautheit mit dem Bc- nehmen der Vögel und einer intimen Versenkung in ihre Wesensart, um sich von diesem Fehler zu befreien. Fritz Braun, der im Laufe von 40 Jahren gegen 4000 Vögel längere Zeit genau beobachtet hat, sucht in feinen interessanten Betrachtungen über das Seelenleben ge- fangener Vögel, die er in den„Naturwissenschaften" veröffentlicht, den Vogel ganz aus seiner spezifischen Eigenart zu erklären. Der Vogel bleibt auch in der Gefangenschaft seinen in der Freiheit be- währten Instinkten nach Möglichkeit getreu. So erzählt der Ver- fasser, daß er den größten Teil seiner lebenden Sammlung in einem luftigen Badenraum halte, in dessen Dach sich ein paar kaum taler- große Löcher befinden. Rothänflinge und Buchfinken flogen nun wochenlang in dem Gebälk des Dachstuhles herum, ohne den Weg ins Freie zu finden; dagegen waren Meisen und Haussperlinge in kurzer Zeit auf und davon. Dabei darf man nicht sagen, die Häuf- linge und Finken seien dümmer gewesen, sondern Meisen und Sperlinge sind eben durch ihre Lebensweise viel mehr an das Benutzen verborgener Schlupflöcher gewöhnt, so daß sie aus solchen Oertlich- leiten in kurzer Zeit herausfinden. Der Einfluß der früheren Lebensweise wirkt auch aus die Art ein. wie die gefangenen Vögel die sie umgebenden Gegenstände benutzen. So klammerte sich ein Stieglitz an den Sprossen einer Seitenwand des Käfigs an, ohne die Stange zu benutzen, und ganz dasselbe tat ein anderer Stieglitz, der später in denselben Käfig gesteckt wurde. Während ältere ge- fangene Vögel leicht sehr nervös werden und deshalb eingehen, tritt bei Jungvögeln die Angst vor dem Menschen mitunter überhaupt nicht hervor, und gerade diejenigen Tiere, die im Freien am wenigsten mit Menschen in Berührung kommen und sie daher nicht fürchten, gehen mit ihnen wie mit ihresgleichen um. Die Instinkte find schon bei ganz jungen Vögeln stark entwickelt, und vor einem ungewohnten Gerät zeigt der wenige Wochen alte Star die größte Scheu, kann sich z. B. an einen neuen Wassernapf zunächst gar nicht gewöhnen und wird erst durch großen Durst zur Benutzung ge- trieben. Durch die Veränderung der Umwelt beim Käfigvogel wird sein Bewegungstrieb sehr gemindert. Im allgemeinen sitzen die Gefangenen von Jahr zu Jahr immer ruhiger, denn der größte Teil der Sinneseindrllcke fehlt, die im Freien diese Bewegung auslösen. Ueberhaupt dürfte man das Selbsttätige bei den herkömmlichen Be- wegungsreihen der Vögel überschätzen. So kann z. B. von einer Nahrungssuche nicht eigentlich gesprochen werden, denn der Vogel sucht in der Gefangenschast niemals seine Nahrung, sondern ver- hungert, wenn er nicht die richtige oder gar keine Speise bekommt, meistens ganz still und unauffällig. Die Frage, ob der gefangene Vogel seinen Pfleger kennt, glaubt Braun bejahen zu können. Allcrdmgs interessiert ihn nicht wie unsere Mitmenschen das Antlitz am meisten, fondern die Gesamterscheinung der Kleidung und Be- wegungen. himmelskunöe Neues über die dunklen Himmelsnebel. Seit etwa 100 Iahren find zahlreiche Stellen des Firmamentes bekannt geworden, welche nicht selbstleuchtende, sondern nur anderes Licht widerstrahlende oder völlig dunkle, kalte Nebel enthalten. Der nordische Astronom Arrhenius hat diesen Gebilden im Kreislauf des Kosmischen des- halb eine sehr große Bedeutung zugeschrieben, weil er von ihnen annimmt, daß sie die Warmestrahlen, welche von den Sonnen aus- gehen, speichern und dadurch der Euttophie, dem Wärmetod des Universums, entgegenwirken. Seine Hypothese hätte groß« Wahr- scheinlichkeit, wenn diese kalten Gebilde in mindestens ebenso großer Zahl vorhanden wären, wie die wärmeausstrahlendc� Zentren und Ihnen auf diese Weise das Gleichgewicht halten würden. Da ist es denn nun höchst beachtenswert, daß es durch die zehn Jahre hindurch fortgesetzten Studien des italienischen Astronomen G. Hagel!, wie dieser soeben in den„Asttonomischen Nachrichten" mitteilt, zur Sicherheit geworden ist, daß nicht bloß 182 dunkle Himmelsnebel existieren, wie noch der Engländer B a r n a r d im Jahre 1919 feststellte, sondern eine Unzahl, die sich in der Mehrzahl außerhalb der Milchstraße befinden und dort den Himmelsraum mit einem wahren Nebelschleier überziehen. Im ganzen genommen, wurde er zu der Ansicht gedrängt, daß die dunklen Nebel sozusagen der Urstoff des Weltalls sind und einen Ausgleich zu den leuchtenden vnd warmen Gebilden im Himmelsraum bilden. Es sind dadurch die Schwierigkeiten, die sich der Ansicht von einem. Kreislauf der Wärme und damit der gesamten Weltenergi« entgegenstellen, erheblich geringer geworden. Das ist von größter Tragweite für das Weltbild der Gegen- wart. Denn es ist dadurch das gesamte Geschehen eingespannt in eine Kreislinie, und der Begrisf einer Entwicklung der Welt hat nur mehr den Sinn einer Aenderung, die sich periodisch wiederholt. Auch die Vorstellungen Weltenschöpsung und Weltuntergang wären dann bloß Teilbegriffe in diesem Kreislaus ohne den Sinn der End- gllltigkeit. Die Hagen scheu Feststellungen rühren also an die letzten und höchsten Fragen des menschlichen Denkens, und man muß gespannt sein, wie sich Wisienschast und Philosophie zu ihnen stellen werden. Exökunös Die Entstehung des Anihrazils. Ein amerikanischer Professor Turner, an der Lahigk-Universität in Pennsyloanien, hat dieser Tage ein« Reihe von Untersuchungen abgeschlossen, welche vielleicht die Frage der Bildung des Anthrazits endgültig entscheiden werden. Während es längst gelungen ist, die weicheren Kohlenarten in dünne Schnitte zu zerlegen, die man mikroskopisch untersuchen kann, leistet der Anthrazit noch dem Messer und dem Mikrotom hartnäckigen Widerstand. Professor Turner ist ihm nun dadurch beigekommen, daß er zunächst eine Oberstäche auf trockenem Weg« zu einer glänzenden Fläche polierte und dann diese polierte Fläche einer Hitze aussetzte, die etwas unter Rotglut blieb. Das geschah einfach durch Einwirkung der Flamme eines Bunsenbrenners. Dadurch brannte von der Oberfläche etwas Kohle weg, und das Zurück- bleibende erschien wie skelettiert. Es konnte nun im Mikroskop des auffallendem Lichte beobachtet werden, und das reflektierte Licht gab auch ganz hübsche deutliche photographische Aufnahmen. Man unterschied mit großer Deutlichkeit, daß verschieden« Holzarten bei der Anthrazitbildung beteiligt sind, Hölzer von der Art unserer Laub- und Nadelhölzer, etwa Ahorn und Kiefern u. dgl. Ferner Bambus und Baumfarne, wie bei den Steinkohlen überhaupt. Das Inter- essante ist, daß dem Holze keine Quetschung oder irgendein« Druck- Wirkung anzusehen ist. Man vermutete bisher meist, daß das Anthrazit und die gewöhnliche Steinkohle entstanden fei, indem große Hitze und starker Druck auf sie gewirkt hätten. Di« Hitze- Wirkung wird man beibehalten dürfen, dagegen wird der Druck aus- zuscheiden haben. Gesunüheitspfiege m Die Ursache der Krebskrankheit. Der Erreger der Krebskrankheit soll nach immer wieder auftauchenden Behauptungen schon wieder« holt gesunden worden sein, doch konnte sich nicht eine einzig« Be« hauptung aufrechtzuerhalten. Mit Sicherheit bisher festgestellte Er« reger sind lediglich Reize verschiedenen Ursprungs. Wie Prof. Dr. Caspar!, Letter der Kreibsabteilung am Staatlichen Institut für experimentelle Therapie, Frankfurt a. M., in der„Umschau" mitteilt, kommen nach den neuesten Forschung®' ergebnissen chemische, mechanisch« und Wärmereiz« dafür in Vetracht, Zu den rein chemischen Reizen gehört z. B. der Krebs der A n i l i n- a r b e i t e r. Daß Köchinnen, die die Speisen heiß abzuschmecken pflegen, besonders häufig an Magenkrebs leiden, ist eine seit langem beobachtete Tatsache, die man auf die sich stets wiederholenden Hitze- reize zurückführt. Eine große Wirkung auf die Krebsbildung hat auch der inechanische Reiz. So hat man z. B. beim indischen Haus- rind beobachtet, daß sich an der Wurzel des rechten Hornes, wo die Tiere ausgeschirrt werden, eine Geschwulst bildet, die sich niemals am Horn der anderen Seite entwickelt. Verschiedene Forscher haben durch Verfütterung von nicht ent- bülstem Hafer an Ratten und Mäuse schwer« Entzündungen der Zungenschleimhaut mit geschwulstartigen Wucherungen und sogar echte Krebs« erzielt. Anderen ist es gelungen, durch Reizung der Haut mit Teer oder Teerprodukten echte Krebse am Kaninchenohr hervorzurufen. Diese Versuche Miurden an weißen Mäusen fort- gesetzt, und es gelang schließlich, Hautkrebse zu erzeugen, die auch andere Organe infizierten, und selbst auf Tiere gleicher Art übertragen werden konnten. Eiiie große Roll« bei der Entstehung des Krebses spielen ober vor allem die Parasiten. Den experimentellen Beweis dafür hat Fibiger gebracht. Er fand bei einigen Rotten sehr häusig Magenkarzinome. Als er seinem Befunde weiter nachging, stellte er fest, daß sich diese Ratten hauptfächlich von einer Schabenort nährten, in denen ein Rundwurm schmarotzte. Er verfütterte die Muskeln der infizierten Schaben selbst oder den Kot von mit Schaben infizierten Ratten an ander« Ratten, und nach kurztr Zeit zeigten sich bei diesen schwere Entzündungen der Zunge, der Speise- röhre und des Vormagens, in einer großen Anzahl von Fällen auch echte Karzinome, die vom Blutstrom auch nach anderen Organen verschleppt wurden.— Man wird also bei Krebs nicht von einem spezifischm Erreger in der Art der Diphtherie- oder Cholera-Erreger sprechen, sondern von zahlreichen verschiedenen Ursachen, die eine Krebsgeschwulst erzeugen können. Naturwlssenschafl[üi]|D)�