Nummer ol 27.SeptemberIH2Z _,___ AnterhaltungsbeLlage öes Vorwärts <♦> Zwei Zaust-Legenden. Von Gustav Müller-Wolt I. Dn heilige Krieg. Alz Satan dem Faust den Kriegsspektatel mit einigen Opern- spästchen vorgeführt hatte, sagte Faust zum Teufel:„Fort mit dem falschen Zaubert Laß mich die Wirklichkeit des Kriegs erfahren! Vielleicht erlebe ich hier qrofinwnschliches Heldentum mid begeisternde Tat." Alfogleich setzte Satan das Kino der Historie in Bewegung und »vies dem Ertebmswütigen den Dreißigjährigen Krieg. Bunte Bilder pluderhosiger Landsknechte zuckten vorüber. Trommler, Fahnen- schwing». Würfler, feistbusige Dirnen, wolkig« Federbaretie. Boll»- tarosfen, Marketenderplanwagen. Faust murrt«:„Scheckiae Prahlerqeste geckig» Söldnerzunstt Nicht Kraft noch Größe!' Satan grinst« und kurbelte weit». Der„schwedische Trunk' ergoß st h mit allen widerlichen Einzel- heiten: wie die Söldner dem Bauern in den Bauch traten, ihn auf den Mist schmissen, ihm einen Kübel Jauche— nebenan ward setn Weih vergewaltigt— zwischen die Zähne zwangen, bis ihm vor grausigem Grimmen d» Bauch barst. Solan grunzte vor Wonne. Faust winkle ungeduldig:„Wozu die Scheußlichkeilen?' Da stolze» tcn die Schlösser der Konig« aus. In Riesenjälen goldene Throne. Auf Polsterkissen die feisten Gesäße europäisch»« Potentaten. Bor Landkarten an der Wand die ehrgeizigen Minister und Generoce mit Zeigestock und Degen. „Um Länderfetzenl' höhnte Satan,„und Grabinschriften!" „Du machst deine Sache schlecht", erwiderte Faust.„Liebst du nicht den Krieg mehr als alle deine anbeten Schurkereien? Aber mir verleidest du ihn." Der Teufel»»beugte sich und legt« ein anderes Bildband ein. Der Siebenjährige Krieg marschi«te auf. Lange Kerle mit Blech- Hauben und Bärenmützen. In«veiten Ebenen breite wankende Schlachtlinien, die sich umarmten, rangen, zerbrachen. Blitzende Feldherrnaugen funkten auf, der alte Fritz. Dann... „Geistreiches Schachspiel, wie?" meinte Faust. Der Teufel schüttelt« hämisch den Kopf. Di« russische Katharina, dle französisch« Pompadour steckten ihr« Larven dazwischen. Der Teufel meckert«:„Launen meiner Kreaturen! Zufall! Zufallt Di« ehernen Würfel fallen nach dem neckischen Schicksal meiner Willkür. 5li» bin ich Herr!" „Und wozu die Narretei?„ Mit tomischer Fei»lichkeit wies der Teufel auf die Karte von Schlesien. „Länderfetzenl Und dafür die Komödie?" „Ohol Länderfetzen? Die Land» sind Baterländerl Die Men- fchen wickeln ihr« Liebe und Leidenschaft in solche Fetzen. Sieh dir die neueste Blüte der Kriegskunst an!" Und Satan nötigt« Faust aus die magische Wolke, um über die Schlachtfelder des Weltkrieges zu kutschieren. Sie schwebten tief, sie hörten von allen Türmen voll und schwer Glockenschwall, aus allen Straßen und Plätzen flammten Lied» durch rauschende Fahnen; blitzende Blicke und herzwvgende Opfergelübde stiegen aus. „Woher die Begeisterung?" fragte erstaunt d» nüchterne Faust. Der Teufet wies in das Malchinengetriebe einer großen Zeitung. Fernschrist rasselte auf Papierstreif«». F»nruf flüstert« aus Trich- tern in gehörsame Schreibtrohren. Schreibfingcr tippten Schreibklaviere. Setzer tippten Parole, Blei spritzte Matritzen, Druck- »naschin« spie feuchte fettig« Pap!»b»gs aus.„Die Parole", setzte Satan hinzu,„wird in der Zentrale gemacht". Da war sie: Herren saßen um«inen grünen Tisch, rechneten, rechneten...„Rechen- erempel", sagte Satan,„und das Ergebnis":» wies auf den großen Platz:„die Begeisterung". „Ach," sagte Faust geringschätzig,„das sind Heimkrieger, papierne Sensation! Aber der Krieg selbst?" „Du wirst sehen." Sie sausten hinaus. Sie fuhren in meilenhohen Lüsten.„Ah!" rief Faust,„rvelch zaubrisches Schauspiel!" Ein ungeheures Feuerwerk sprühte, platzte, schnob, spritzte zuweilen bis zu ihnen herauf durch Qualm und puffeirde Wölkchen. Auch Satan nickte beifällig:„Fast so schön wie meine mittelalterlich« Hölle. Na, vielleicht koinmt sie»vieder in Mode. Doch senken wir uns näher,»vir sind ja unverletzlich." Es war ein ohrenbetäubendes Krachen und Dröhnen. Und Faust sah dort unten, wo unaufhörlich Wirbel von Stahlsplittera I strudelten, sah mit Staunen, niit Ergriffenheit, wie tausende blühen- d» Jünglinge singend mit Siegstiedsgesicht»» in den Geschoßhagel stürmten, tanzten, jauchzten. !„0 Satan", rief Faust, laß mich ihr Führer feint" „D» General fitzt dort hinten", bemerkte Satan,„fern vom Schuß. Er sieht nicht» von denen da. Set du mit Zusehen zu- frieden!" Ab» Faust sah— nichts mehr von den Knaben— doch— dort lagen st« starr im Blut. Geschlachtet... Faust begehrt« mit dem Teufel auf dle Erde hinabzusteigen. Sie querten wüste Feld», stolperten über Granatlöch», umgestürzt« Wälder. Zwischen geplatzten Pferdebäuchen und Menscheuaas hingen in Stacheldraht»»strickt Benvundet« und flüsterten:„Bater- landt für» Baterlandl" Gegen Menschenhaufen h»an wälzten sich getbe und grüne Gtftnebel, stickten ängstliche Lungen, wühlten zappelnde Eingeweide. Sterbende nieste» sich zutode, erbrachen sich zutode, mußten sich vom teuflischen Kitzel zutode lachen. U»d nun spritzte, regnete flammen- des Oel uu.'öschbores Feuer auf di« zuckenden Menschenleiber, daß die Lebendigen mit gräßlichem Geschrei aufloderten; stinnm schwelten di« Toten... heiser krächzte Satan:„Chemie, meine beste Magd." Faust schau»te. Aber er beugte sich zu den Sterbenden und rief ihnen ins Ohr:„Fürs Baterland, ihr Helden I" Aber schon ertost« Feindeswell« über den Blutacker. Andere Mann», ebenso verschmutzt, verwundet, verzehrt und verzerrt, stürmten voll Wut mid schrien, schrien:„Fürs Baterland! fürs Vaterland!" Betroffen taumelt« F«vst auf. Wo war das„Baterland?' Welches Baterland? Im Getrümmer eines Dorfes aus einem Kell» kroch ein blasses Weib. mag»es Kind an der Hand. Flüsterte:„Kommt Wir müssen eine andere fjeimat suchen. Nimm noch das Röschen aus dem Gärt- che»! Bat» ist tot. Brüder tot. Schwester, wo mag sie sein?" Lüfte surrten. Flieger. Kracht« Bombe. Zerriß die Mutter. Faust, das Kind im Arm:„Wo willst du hin? Zu den Deut- schen?" Das Kind schüttelt« das Köpfchen.„Zu den Franzosen?" Das Kind fchütMie.„Aber du Host keine Heimat mehr. Zu wem willst du?" Das Kind schwieg. „Menschenkind!' rief Faust. Und erschrak. Menschen? Wo find Menschen? Hi» sind Deutsche und Franzosen und Engländer und Amerikaner. Ab» wo find Menschen? Gibt es kein Menschenland? Keine MenfchenheimÄ? Das Kind sank zu der Mutter. Faust herrschte Satan an:„Wozu Krieg?" Der zuckte die Achseln:„Erzgruben— Kohlenzechen— Stahlwerk«— Wälder—" „Ist nicht genug für alle da?' „Jeder will olles haben. Beste Grundlage meiner Geschäft«.' Faust wankte vom Schlachtfeld. II. Da» neue Reich. Faust mar enttäuscht, o so bitter enttauscht von dem� was das Leben Großes zu bieten schien. Er oerzweifelt« an dieser durch Imperialismus, Militarismus. Kapitalismus verseuchten Menschheit. Aber Faust verzagt« nicht am Leben. Mit seiner unoerwüst- lichen Kraft gläubiger Tat beschloß er, eine neue Welt zu schaffen. Er kaufte für ein Nichts die flache Zuid» See um sie zu entwässern. Das gewonnene Neuland sollte als Bürger nur gute Menschen auf- nehmen, tüchtige, tätige, freie, gütige, brüderliche Menschen, das Ge- schlecht der Zukunft. Staatlos und glücklich sollten sie leben in „Freireich", in„Bruderland". Welche Götterkraft mußte von der erhöhten Menschheit ausstrahlen! Mephisto Heuertc Arbeitslose und Unternehmungslustig« aus alle« Ländern, um Dämm« gegen das Meer auszuwerfen und Kanäle zu furchen, in denen das träge, faulige Wasser zwischen hohen Ufern widerstrebend zum Meer abzog. Das neue, noch sumpfige Land- gebiet wimmelte von seltsame» und verwegenen Gestalten. Denn Mephisto zahlte gut und führt« wenig Aufsicht über die Arbeit: sollt« doch dos neue Land aus neuem Vertrauen erwachsen. Mephisto zahlte gut. Er hatte, um das Unt»n«hmen seines Herrn zu finanzieren, Aktien ausgegeben mit dem Kennwort:„Aus Sint- flut steigt Reuwelt!" Und olle Spekulanten arbeiteten mit dem neuen Papier, alle Schieber, alle Neureichen, und wer alles sich vorn an die Lotterie des Lebens drängte. Dieser idealistische Werbebetrkb Mit skmcm humnn«» Wortschwall, Mit d'nd Aufklärung bedürfen. Brasilien ist ein Land etwa Iß mal so groß wie Deuiscblond mit nur Zl) Millionen Menschen. Dies« Zahl ist also viel �n klein, um das überaus fruchibare Riesenland und seine Naturschätze auch nur zu einem Teil auszunützen und der Menschheit dienstbar zu machen. Das Land ist darum einer starken Einwanderung drin- gend bedürftig. Der Zustrom afrikanischer Neger, der zur Zeit des Sklavenhandels Brasilien bevölkerte, hat vollkommen ausge- Hort. Die Neger bilden auch heute noch eine große soziale Unter- schlcht der Bevölkerung, werden aber immer mehr aufgesogen, zu- mal ein-' Mischheirat schon in der zweiten Generation onnnhcrnd weiß« Nachkommen hervorbringt. Die Hauptcinmanderung erfolgt auch heute noch aus dem frühere» Mutlerlande Portugal, dann aber in erster Linie aus Italien, ferner auch aus Japan, neuer- dings mehr aus Rußland, der Türkei/ Syrien usw. Die Deutschen bilden infolge früherer Einwanderung, die sich in den letzten Jahr- zehnten vor dem Krieg« icdoch sehr verringert hatte, die drittgrößt« Fremdenkvionie in Brasilien und leben in großen geschlossenen Kolonien in den südlichen Staaten Rio Grande da Sul, Sao Catha. rina, Parana: als Kaufleute. Handwerker usw., aber aucb in alle» anderen selbst in den am Aeguato? gelegenen Teilen Brasiliens. Ilm die Aussichten der deutschen Einwanderung!:> Brasilien richtig verstehen und erwägen zu können, muß man sich zunächst einmal aus die Bedürsnisse, Interessen und Wünsche der Brost Iioncr dzm. der brofi.icniSdjc t Regicrting«iiistcllcn. W!« in der� ganzen Welt, so hat sich auch in Bcasuicn in den leßteu Jahr-' zehnten der Zug nach der Stadt in grohcin Ausmaße bemerkbar «gemacht. Die großen 5zofenstcidte haben sich mächtig entwickelt. Rio de Janeiro sucht durch Einebnen eines großen bewohnten Hügels dem Meer« Raum für sein« Ausdehnung abzugewinnen, Sao Paulo hat sich in zehn Jahren verdoppelt und ähnlich ist die Entwicklung auch der übrigen Städte. Mit der Entwicklung der Industrie und der Zunahme der Städte geht auch hier die Abnahm« der Landarbeiter aus den großen Kaffee-, Baumwoll- und Zucker- plantagcn(„Fazendas") einher, die Urbarmachung des Landes nimmt ab anstatt zu. Brasilien braucht also in erster Linie Landarbeiter, und zwar braucht es diese vorwiegend in den mittleren und nördlichen Staaten, wo im Innern des Landes noch groß« Strecken unbebaut liegen. Nach meinen Beobachtungen und Erfahrungen kann jedoch der Deutsche diesem Bedürfnis, oder besser den für den Einwanderer sich ergebenden Aufgaben als privater ländlicher Siedler; fei es als einzelner oder sei es in kleinen Gruppen, nicht entsprechen. Abgesehen von den notwendigen Mitteln für den Beginn und die Einrichtung der Ansiedlung, ab- gesehen von den Schwierigkeiten des Klimas mancher Gegenden, ist der Lebensstandard auch des einfachsten Landarbeiters Ostelbisns heute ein so hoher, daß sich dieser nicht mehr durchschnittlich in die Verhältnisse des brasilianische» Landarbeiters einfügen könnte. Ich denke dabei nicht nur an die leiblichen Bedürfnisse und die Lebens- weise namentlich auch des selbständigen Siedlers, von deren Ein- achheit und Anspruchlosigkeit sich der deutsche Bauer und der in ozialer Fürsorge und gewerkschaftlicher Organisation ausge- wachsenc deutsche Landarbeiter nicht die geringst« Vorstellung machen können, sondern auch an die für dies« abseits von der Ge- meinschaft in fremdem Land« sich«rg«bend«n geistigen Entbehrun- gen. Nur eine vollkommen« gegenseitige Unkenntnis der Menschen und Verhältnisse konnten darum obwalten, als man mit den zahl- reichen ersten Auswanderern nach dem Kriege, die zum Teil auf den von der brasilianischen Negierung gestellten Schiffen die lieber- fahrt unternahmen, derartige Versuche anstellte. Ihr Ergebnis ivaren eben die bereits geschildert«» Szenen an d«n deutschen Dampfern. Das größte Entgegenkommen bei der Ueberlassung von Land usw. kann di« Menschen nicht fesseln, wen» sie ohne ein« genügende Vorbereitung und ahn« eine nötige nachhaltige Unter- stüßung, ohne Führung und fest« G«m«inschaft den unbekannten Elementen einer fremden Natur, eines fremden Klimas und einer fremden Bevölkerung gegenübergestellt werden. So wie ich das Land und fein« Verhältnisse kennenlernte, und so wie ich meine deutschen La»dsl«ut« kenne, mächt« ich mit großer Sicherheit be- haupten: Auf diesem Wege können deutsche Einwanderer für die ländliche Siedlung in Mittel- und Nordbrastlien höchstens ganz vereinzelt in Betracht komme». Freilich in d«n von ein«m gemäßigten Klima begünstigten südlichen Staaten Parana, Sta Catharina und Rio Grande do Sul leb«n zahlreich« Deutsche als von der brasilianischen Regierung hoch geschätzte Landwirt«. Hier wäre auch gewiß noch für Tausend« von Einwanderern Existenzmöglichtcit bei ländlichen Arbeitgebern. Allein eine weiter« deutsche Einwanderung in diese Staate» ist nicht im Sinne der brasilianischen Regierungl Die Gründe dafür sind politischer Art. Schon seit Generationen wohnen in den genannten Staaten geschlossene deutsche Kolonien. Obgleich sie längst alle brasilianische Staatsbürger sind, haben sie die deutsch« Sprache, deutsche Schule, deutsche Kirche, deutsche Kultur in fast reinegn'Zustande erhalte». Ja, viel« beherrschten, obgleich in Brasilien geboren, bis vor kurzem nicht einmal die portugiesische Sprache. So traf ich z. B. in«ao Paolo im Hotel ein Zimmermädchen mit einem unverfälschten Heilbronner Dialekt. Als Württemberqer sprach ich die vermeint- lichc Landsmännin natürlich auf ihre Herkunft an, worauf sie mir aber erklärt«, daß weder sie selbst noch ihre Eltern jemals in Deutschland waren, sondern daß schon ihre Großeltern von Ruß- land(!) her eingewandert seien! Die antideutsche Propaganda, der man leider vor dem Kriege zur Zeit der„gepanzerten Faust" noch weniger Bedeutung bei- legt«»nd entgegenarbeitete als heute, bat die Existenz diese- Kolonien ausgenützt, um das Deutsche Reich bei den Brasilianern in den Verdacht zu bringen, daß diese Kolonien als Stützpunkt für die Errichtung einer Art deutschen Dominions mitten in Brasilien ausersehen seien. Besuche von deutschen Kriegsschiffen, Festreden usw. wurden systematisch als Bestätigung dieses Planes ausgelegt. Ich weiß nicht, ob diese Idee je in einem deutschen Hirne ihr Spiel getrieben hat, jedenfalls aber gibt es— was bei der Vorstellung der fremden Völker namentlich von den persönlichen imperial!- stischen Absichten Wilhelms II. durchaus begreiflich ist— kaum einen Brasilianer, der daran zweifelt, daß dieser Plan im Falle eines gewonnenen Krieges durchgeführt worden wäre. Nur unsere heutige Schwäche kann uns von diesem Annerionsverdacht be- freie» und läßt die brasilianische Regierung eine gewisse Weit- Herzigkeit bei der Einwanderung in diese Staaten befolgen. Neuer- dings sind allerdings Maßnahmen im Gange, welche von den Deut- ichen die Kenntnis der portugiesischen Sprache durch den Unterricht in der Schule und durch die Einführunug der portugiesischen Amte- spräche usw. erzinqeu. Eine wesentliche Unterstützung erfahren jedenfalls neue deutsche Einwanderer i» diese Staaten nicht, denn e? ist der brasilianischen Regierung nichts daran gelegen, diese wenn auch landwürischastlichen Kolonien durch weitcr-m deutschen Zuzug zu vermehren. So ist also auch hier keine Möglichkeit zu einer bedcuiendcn Einwanderung landwirtschaftlicher Arbeiter gegeben. Moöerne Erfindungen im alten China. Von Dr. E. E r k c s. Es ist ein« merkwürdige Tatsache, daß China, dessen technisch« Entwicklung bis in die letzte Zeit so weit hinter der des Westens zurück- geblieben war, ein« Menge Erfindungen Jahrhunderte früher als das Abendland gemacht, ja diesem sogar mehrere seiner wichtigsten Errungenschaften übermittelt hat. Eine solche Erfindung ist z. B. das Papier, das in China im Jahre lOS n. Ch. erfunden wurde. Im Jahre 7S1 gelangte es durch chinesische Papierarbeiter, die in der Schlacht von Eamarkand gefangen wurden, zu den Arabern und damit nach Europa. Chinesischen Ursprungs ist ferner der Buch- druck, der auf die Abklatsch« zurückgeht, die man schon seit 17S n. Chr. von in Stein gemeißelten Inschriften nahm. Im 4. und 5. Jahrhundert leinte man solche Abklatsche auch von Holzplatten zu nehme», und aus dem Jahre S94 stammt die erst« Nachricht vom Druck eines größeren Werkes. Im 9. oder 10. Jahrhundert gelangt« der Druck, wie in Aegypten gesunden«, nach chinesischem Muster ge- arbeitet« arabisch« Plattendruck« beweisen, durch Vermittlung der Araber nach dem Westen. Die sogenannt« Erfindung der Buch- druckerkunst durch Eutenberg bestand nur darin, daß er die Block- druck« in einzeln« Lettern zerschnitt; aber auch diese Verbesserung war in China schon früher gemacht worden. 1941 stellte ein Schmied namens Pi Scheng zuerst bewegliche Lettern aus Ton, dann auch aus Metall her; aber in China fanden diese wenig Anklang und kamen erst in neuester Zeit mit dem Ausschwung des Zeitungswesens allgemein in Gebrauch. Aus China stammt ferner der Kompaß, der angeblich schon im 12, vnrchirstlichen Jahrhundert bekannt war, sicher aber im 4. vorchristlichen Jahrhundert als alt« Erfindung galt. Cr wurde ursprünglich nur auf Landreisen mitgeführt; erst 342 n. Ehr, ist von einem Schifsskompaß die Red«, und erst iin 9. oder 19. Jahr- hundert scheint sein Gebrauch bei der Seeschiffahrt ollgemein ge- worden zu sein. Um dieselbe Zeit müssen auch die Araber den Kompaß kennen gelernt und ihn nicht viel später auch nach Europa gebracht haben, wo er um 1199 zuerst in der Provence erwähnt wird. Sehr alt ist in China auch das Schiehpulver, dessen Entdeckung wohl den Lllchimisten des Altertums zu danken ist. Echo,, zu Anfang unserer Zeitrechnung kannte man Raketen und Spreng- stofs«, und bereits im 4. und 5. Jahrhundert führten die chinesischen Handelsschisfe Feuerwaffen, Di« erst« Feuerwaffe der Chinesen scheint di« Handgranat« gewesen zu sein, die aus den Bambus- tuben hervorgegangen ist. mit denen»lau seit alters Krieg gegen wilde Stämme führte. Sie best-aiden in frischen Bambusstücken, die, angezündet, mit entsetzlichem Krachen zerplatzten und durch die scharfen Splitter sehr gefährlich wurden. Später wurden ste m;t Explostvstoffen gefüllt, was ihre Wirkung noch bedeutend steigerte, und endlich durch eisern« Tuben ersetzt. Ein Regiment Handgranaten- werfer wird in der chinesischen Armee schon im 12. Jahrhundert genannt. 1232 finden sich zum«rstennial Kanonen, 1262 G e- wehr« erwähnt, und auch betäubende Gase fanden in der chinesi- sckjen Kriegssührung damals schon Venvendung; so vernichteten die Mongolen 1241 in der Schtachl bei Liegnitz di« deutsche Armee durch einen Gasangriff, den-lhre chinesischen Ingenieure vorbereitet hotten. Di«'Araber haben zusammen mit dem bengalischen Feuer und einer Menge anderer Feuenverkskörper, die sie aus China übernahmen, sicherlich auch das Pulver kennen gelernt und nach Europa gebracht: auch das Torpedo haben sie im 13, Jahrhundert von den Ehinesen kennen gelernt. Wie dieses find auch einig« andere Erfindungen moderner Seekriegstechnik den Chinesen nicht unbekannt gewesen, so das Unterseeboot, das schon zu En!« des 3. vorchristlichen Jahrhunderts erfunden wurde, aus Mangel an Verwendung aber bald in Aergessenheit geriet, und das Panzerschifß mit dem man 1593 gegen die japanisch« Flotte kämpft«. Eine merkwürdige mechanische Erfindung muß auch der Flug- ap parat gewesen sein, den der Philosoph und Ingenieur Mo!) Tih im S. vorchristlichen Jahrhundert konstruierte, dann der Taxa- meter des 3. vorchristlichen und die Proviant-Automobile des 3. nachchristlichen Jahrhunderts, das Fernrohr, das im 6. Jahrhundert unserer Zeitrechnung erwähnt wird, und der schon in vorchristlicher Zeit genannt« Seismograph, der nach dcr erhaltenen Beschreibung genau so konstruiert tuar wie um 1869 die ersten europäischen Erdbebemnesser. Wahrscheinlich ist auch die Stellungsarith m ctik, dieses fundamental« Hilfsmiilel unserer ganzen Mathematik und Raturerkenntrns, über Indien ans China gekommen: denn sie wird schon in China um 542 o. Chr. ermähnt, während s'e in Indien erst in nachchristlicher Zeit auftriit. Daß dos Porzellan und die L a ck te ch n i k aus China stamme». ist allgemein bekannt; weniger bekannt ist dagegen, daß einige medi- zinische Erfindungen, wie di« Impf u n g und die Akupunktur lNadelstecheni von dort entlehnt sind. Chinesischen Ursprungs sind endlich noch die Briketts, die Ende des 18. Jahrhunderts von dort gekommen sind, serner der K l a p p f ä äi e r, der zusammenklappbar? Schirm, und vielleicht sogar der Z n l i n d e r h u i, der in seinen alteuropäilchen Formen eine merkwürdige Aehnlichkeit mit einer in Korea noch beute gebräuchlichen altchinesischen Beamten- mutze besitzt. Das enroväische Harmonium ist die Nachbildung des Prinzips der chinesischen Zungenflöte; ein« solch: gelangte zu Anfang des 18. Jahrbundcrts in die Hände eines Petersburger Orgelbauers, der ihr Prinzip aus die Orgel iiliertrug. Auch das D i a b o l o- Spiel ist zu Anfang des 19. Jahrhunderts von China nach Europa gekommen. WMn unö Schauen W!e die kohle entdeckt wurde— elne Ruhrlage. Wie man in der Ruhrgegend zuerst den Brennwert der Kohle erkannte, darüber gibt es alt« Sagen, von denen eine im„Rheinischen Beobachter" mitgeteilt wird: Ein Hirtenknabe entzündete einst an einer Stelle, wo eines seiner Schweine unter einem Baum ein Loch gewühlt hatte, ein Hrlzseuer. Als e>- am nächsten Mvrgen zurückkehrte, fand er das Feuer auf der Heide noch in voller Glut, und zwar nicht infolge des vorhandenen Holzes, sondern der daselbst sich befindenden schwarzen Steine, die zu brennen angefangen hatten. Der Hirtenknabe er- zählte dies Erlebnis als ein Wunder seinen, Vater. Dieser unter- suchte die Sache und soll bald nachher die Kohlenzechs ,0p der M u t t e"— gleich Mutierschwcin— angelegt haben. woher kommt das holz der Pseisenköpfe? In unserer Zeit, ln der die wahnwitzig« Teuerung der Zigarren und Zigaretten die Tabakpfeife wieder salonfähig gemacht hat, wendet sich die Auf- inerksamteit auch dem Wurzelholz zu, aus dem die beliebt« Brxyere-Pfeif« gefertigt wird. Es handelt sich um das schöne, hart«, feinfaserige Holz der„Eric»»rbore»", einer Art Heidekraut, das fünf Meter in der Höhe mißt und in den brach- liegenden Gegenden Italiens, hauptsächlich aber auf dem un- kultivierten Boden der Insel Sardinien üppig wächst. Der nutz- bar« Teil des Strauches ist die Wurzel, die das eifenlmrt« Holz von dunkelroter Farbe liefert, aus dem die Pfeifenköpf« geschnitzt werden, während die Halm« der Pflanzen zu Besen für den Hausgebrauch verarbeitet werden. Das Wurzelholz läßt sich mühelos bearbeiten und nimmt die Politur leicht an. Vor allem aber eignet es sich deshalb für Pfeifen, weil es der Berkohlung vollständig wider st eht. Di« Bearbeitung des Holzes zu Pfeifen ist auf Sardinien ein« Haueindustrie, die der annen Bevölkerung«inen leid- lichen Verdienst sichert. Di« faserig« Masse der Wurzel wird zunächst nnt Stroh und nasser Erde umwickelt, um sie vor den Sonnenstrahlen zu schützen, die das Holz austrocknet und unbrauchbar machen würden. Man schneidet es dann in handlich«, viereckig« Stück«, die vermittels der Kreissäge weiteroerarbeitet werden. Di« so bearbei- teten Stück« werden dann 12 Stunden im Wasser gekocht und bleiben iveiter« 1Z Stunden zum Abkühlen im Kessel liegen, ein Verfahren, das die Schnitzarbeit wesentlich erleichtert. Spielkarten als Schreibmaterial. Die Spielkarte hat in früheren Zeilen der Papierteuerung auch als Ersatz für das Briefpapier gedient. Die Kaufleute schrieben auf die Rückseite der Karten Firma und Wohnung und überreichten die Karl« den Kunden als R«- k l a m e. Später machte man aus den Spielkarten auch Eintritts- karten für die Theater und Lotterielose, wie man überhaupt die Rückseite zur Niederschrift wichtiger Mitteilungen benutzte. Solche Manuskriptkarten befinden sich zu Tausenden in französischen Biblis- thekcn. Flaubert weiß sogar von einem Heiratsprotokoll zu berichten, das die Jahreszahl 17SS trägt und das der die Trauung vollziehende Geistliche aitf die Rückseite einer Herz-Sieben geschrieben hatte, und Henry Lemaitre gedenkt einer Einladung zum Ball, die der Fürst von Ligne in dieser Form versandt«. Benutzte man doch sogar Spielkarten zur Uebermittlung vo tiX o d e s f ä l l e n. Kulturgeschichte Erfiuder-Romaullk. lieber einen Vorläufer Edisons berichtete kürzlich E. Kilburn Scott in der englischen Phoiogrophischen Gesellschaft. E» handelt sich um«inen Franzosen, A u g u st i n L e P r i n ce. Nach Scotts Angaben hätte dieser lange vor anderen einen photographischen Apparat gebaut, mit dem er mehr als sechzehn Aufnahmen in der Sekunde machen konnte: er hätte ferner bereits 188g Cellriloidfilm« an Stell« von Glasplatten verwendet und auch in diesem Jahr zu Leeds in England bereits bewegt« Bilder auf einen Schinn geworfen. Bereits im Jahre 1888 soll L« Prince ein Patent erworben haben auf die Benutzung von perforierten Leit- streifen für Celluloidfilms und dazu passende Räder, deren Knöpfe in dl« Löcher der Perforation eingriffen. Mit einem Worte, wir hätteck«inen vergessenen Erfinder des Kinematographen, der lang« vor Edison alles Wesentliche bereits gehabt hätte, um kine- matographische Aufnahmen zu machen nnd tinematographisch« Vorführungen zu veranstalten. Was nachher kam, war nur noch tech- nischs Vervollkommmmg. Merkwürdig war das Ende de» Mannes. Am 16. September 1896 stieg er in Dijvn in einen Eisenbahnzug: er wollte nach Paris fahren. Seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört: spurlos ist der Erfinder von der Erde verschwunden. Der Engländer Scott scheint mit der Möglich- keit zu rechnen, daß Agenten von amrikanischen Erfinder», die von Le Princes Errungenschaften Wind bekommen hatten, sich seiner bemächtigten, um ihn um die Ecke zu bringen. völkerkunSe Der blaue Mongolen fleck. Die neugeborenen Zapanischen, chinesischen und anamitischen Kinder zeigen so gut wie ausnahms- los bei der Geburt an dem unteren Rückenteil, und zwar an dem letzten Wirbel des Rückgrats einen Fleck, dessen bläuliche Färbung genau den Farbton aufweist, den eine durch Stoß oder Hieb vor- letzte Hautsielle anzunehmen pflegt. Dieser fest umgrenzte Fleck hat ungefähr die Größe eines unserer früheren Zweimarkstücke. Wäh- rxnd er ü, den ersten Jahren stark sichtbar ist, verblaßt er später, um endlich ganz zu verschwinden, wenn das Kind acht oder zehn Jahr« geworden ist. Ausnahmsweise hat man diesen Fleck auch bei Kindern der weißen Rasse, bei denen von einer mongolischen Blutmischung nicht die Rede sein kann, beobachtet. Aber während er bei den europäischen Kindern nur etwa einmal bei 400 Neu- geborenen auftritt, zählt man bei den gelben Rassen rund 90 Pro;. Säuglinge, die den Mongolenfleck ausweisen, und bei den Chinesen, die den reinsten Typ der mongolischen Rasse darstellen, steigt dieser Prozentsatz gar auf 99 Proz. Das Austreten dieses Flecks ist in der Hauptsache somit ein Kennzeichen der Rasse, das allen Völkern rigen ist, die der gelben oder mongolischen Raffe unzweideutig bei» zurechnen sind. Wenn er bei anderen, wie bei den Hovas auf Ma- dagaskar, auftritt, so handelt es sich hier um Völker, die ihren» Ursprung nach mongolischer Herkunft sind. Der Mongolensteck wird weiter auch bei t>en Eskimos von Alaska bis Grönland beob- achtet. Diese Eskimos sind ebenfalls der gelben Raffe beizuzählen. Kurz, man findet den Fleck überall da, wo die gelbe Rasse heimisch ist, oder bei Stämmen, die dieser mehr oder weniger verwandt sind. Nie hat man ihn bei reinblütigen Negern beobachtet, und in den Fällen, wo er bei den Weißen angetroffen wurde, handelt es sich um Kinder mit tief duntten Augen und tief brünettem Haar, deren Eltern immer brünetten Typres zeigten. So erklärt es sich auch, daß dieser Mongolenfleck ungleich weniger häufig bei den nörd- lichen Völkern als bei den südlichen auftritt. Welche Bedeutung ist nun diesem btauen Fleckchen beizumessen? Weshalb tritt es so häufig bei den gelben Raffen auf? Und wes- halb ist es gelegentlich auch bei den Neugeborenen Europas anzu- treffen? Di« blaue Färbung des Flecks entsteht aus der Anhäufung von kleinen schwarzen, nur im Mikroskop wohrznnehrnenden Körnchen, die in die tiefste Schicht der Haut«ingebettet sind. Dies« Pigmentkörnchen gleichen denen, die die Epidermis des Negers aufweist. Statt aber wie hier in der oberen Hautfläch« ihren Sitz zu haben, ruhen die Pigmentkörnchen des blauen Mongolenfleck» in der Tiefe der L«d«haut. Deshalb erscheinen sie un, auch blau, genau wie die mit schwarzem Blut gefüllten Venen durch die Haut blau hindurchschimmern. Eine solche Unterhautschicht von schwarzem Pigment findet sich auch unter der Gesichtshaut bestimmter Affen- arten mit blaugesärbten Backen, wie bei den Mandril». Be- merkenswert ist, daß unter den großen Mmsihenaffm der Orang- Uran, dessen Heimat die der mongolischen Raffe ist, einen Ueberfluh an solchen Unterhautfarbkörpern hat, während die Gibbons wie die Reger auch nur eine epidemisch« Pigmentschicht, dagegen kein Pigment im Untergewebe der Lederhaut zeigen. Weshalb aber tritt dieses Merkmal der gelben Raffe von Zeit zu Zeit auch bet der weißen Bevölkerung in die Erscheinung? Man würde zu weit gehen, wenn man dies« Sonderfälle auf Rückschläge zurückführen wollte, die auf die Zeiten hinweisen, wo die Mongolen oder die der Mongolen raffe angehörenden Hunnen Europa überfluteten. Es handelt sich hier wohl einfach um Anomalien, die vielleicht darauf zurückzuführen sind, daß die mit ihnen Behafteten die Dis- Position dazu durch dauernde Berührung oder Zusammenleben mit Angehörigen jener Rasse erworben haben, bei denen das für uns Anormale normal ist. Der Fleck, der, wie gesagt, bald verschwindet, hat für das betreffend« Individuum selbst kein« Bedeutung, um so größere für die Gelehrten in Sachen der Bestimmung und Klossi- sizierung der Rassen. himmelskunöe Unsere.nächsten Rachbarn". Als nächste Fixstern« galten bisher der Stern Alpha im Zentaur, und der hellfunkelnde Sirius. Vom Alpha im Zentaur braucht das Licht 4,3 Jahre, um bis zur Erde zu gelangen, vom Sirius 8,8 Jahr«. Der Sirius ist nun jetzt nach den Forschungen des Dr. Harlow Spheley. Direktors der ameri- kanischen Harvard-Sternwarte, als zweitnöchstsr Nachbar unseres Sonnensystems entthront worden. An sein« Stelle tritt Epsilon In dl, dessen Licht uns„schon" in 7 Iahren erreicht: im übrigen ist es aber ein kleines, unbedeutendes Sternchen, das gegen den funkelnden Sirius nicht aufkommen kann. lD>SlDllD»�