Nummer 40 4. Oktober 1423 —--___, Anterhaltungsbeilage öes Vorwärts verantwortliche Vernehmung. Ein Erlebnis vonStefanMarjan. Ihretwegen wurde ich aus dam Schlafe gestört; nicht etwa mitten tn der Nacht, sondern schon ziemlich spät am Morgen— furz nach acht Uhr. Heute war aber Sonntag, und ich kam erst gegen drei Uhr von einer Revision zurück. Und hatte am Sonnabend gut zwölf Stunden hinter dem Schrsibttsch tn meinem Dienstzimmer gesessen. „Führen Sie mir die Frau zur Vernehmung vorl' wende ich mich an den verschmitzt dreinschauenden Wärter, der das Polizei» gefängni» zu betreuen hat. Während seiner Abwesenheit sehe ich die kurz« Anzeig« des Beamten durch und tege mir ein Formular zu einer verontwortlichen ver»hmung zurecht. Am Ofen seh« ich zwei Säcke stehen, voll- gepfropft mit verschiedenen Sachen— wie zwei fette Bauern. Sie pusten mich ordentlich aus gut genährten Gesichtern an. Ein schüchternes Klopfen unterbricht mein« Betrachtungen. Auf mein„Bitte" öffnet sich die Tür. Eine Frau tritt ein. An ihrem tummervollen Gesicht, an ihren hungermatten Augen seh« ich, was sie aus Berlin in das Nein« Landstädtchm getrieben haben tonnte. Ich biet« ihr einen Stuhl an und frage st« nach den Personalien. Ruhig, leise, resigniert gibt sie auf meine Fragen Auskunft. Dann komme ich zur Sache selbst: „Es ist eine Anzeig« gegen Sie wegen Kartoffeldiebstahls er» stattet worden." Nicht streng, sondem ruhig sage Ich dies und beob- achte sie. Sie weicht meinem Blick nicht aus. Es liegt ein« so unheimliche Ruhe in ihren Augen. Es ist nicht Gleichgültigkeit— es ist Hunger. Ein« vom Hunger nietergeknüppelte Seele Ist es, die sich gegen diesen Borwurf nicht mehr wehrt. In mir steigt etwa, hoch. „Sehen Sie, lieb« Frau, da» ist doch nicht richtig, wa» Sie da getan haben," zwing« ich mich zu sagen, al» sie wortlos immer noch zu mir herüber sieht. „Ja, Sie haben recht." sagt sie endlich mit einer müden, schleppen- den Stimme. Sie scheint dtes« Stimnte wie eine schwere Last hinter sich zu schleifen.„Ich habe aber schon eine Woche lang kein« Kar- toffeln gesehen. Mit drei Kindern bin ich auf mich aliein angewiesen, und ich hungere bereit» seit dem Kriege." Ich wußte die», noch ehe die Frau es mir sagte— bilde ich mir doch nicht nur ein, ein Menschenkenner zu sein. Mit Gewalt zwinge ich mich b«m Schreiben, um bei der Sache zu bleiben, denn mein« Feder will über da» Papier rasen— sie darf e» aber nicht. Denn sonst würde sa kein« verantwortlich« Ver- nehmung darau», höchstens eine Verieidigungsschrift. Und das darf Ich nicht. Ich beiße die Zähne zusammen und würge meine revolutionären Gedanken, die gegen diese unverdient« Rot und da» Hungerdasein einer Frau, die ebenso auch mein« Mutter sein tonnt«, aufbegehren. Höhnisch, wie«in weiße« Totenlaken grinst mich da» verantwortliche Bernehmungsfoanulor an— und bald liegen meine erwürgten Ae- danken al» starrer Leichnam auf dem Laden. So mutet mich der trockene, starre Amtsstil tnr Gegensatz zu meinen tobenden Ge- danken an. Nun lese Ich der Frau das Protokoll vor und werde rot dabei. Ich schäm« mich, daß ich da» geschrieben habe. Die Frau sagt nichts — sie nickt nur einigemal mit dem Kopse. Erst al» ich im letzten Satz vorlese:„... und au» diesem Grunde bitte ich um milde Bestrafung bzw. Straflosigkeit", zuckt e» etwas lebhafter in ihren Augen auf und sie sagt: „Kann ich mir dann auch die Kartoffeln mitnehmen"? Gut, daß dl« letzten Wort« da» Protokoll beendet hotten— denn ich hätte nicht weiter vorlesen lönnen. In mir weinte etwas auf. well'ch im Leben schon viel gehungert habe. Wortlo» schiebe ich mlt einer mlldm Handbewegung das Pro- totoll vor die Frau und halte>hr den Federhalter zur Unterschrist «ra»«» m.....■■■T«winWTnrrgM<» hin. Zaghaft unterschreibt sie— mit dünnen, geknickten Buchstaben. So ist auch das Leben dieser Frau, denke ich. Sie gibt mir den Federhalter zurück und sagt: „Lieber, lieber Herr! Nur für eine Mahlzeit überlassen Sie mir von den Kartoffeln, denn sonst haben wir heut» nicht» zu essen." Noch während sie spricht, fallet sie d!« Hände und streckt sie gegen mich au». Fast genau so habe ich einmal meine eigene Mutter im Gebet ihre gesalteten Hände gegen ein Heiligenbild ausstrecken sehen, al» ich noch ein Kind war— es ging uns damal» sehr schlecht. In Erinnerung an sene längst vergangene Szene wäre Ich am liebsten vor der Frau niedergekniet, hätte ihr« abgearbeiteten, vom Hunger ausgetrockneten Hände geküßt, und freudig hätie ich ihr zu- rufen mögen: Nimm alles, alles, was dir abgenommen wurde, fahr« zurück zu deinen Kinderchen nach Berlin und eßt euch satt daran--- ich selbst werde für deine Tat büßen. Doch schon stieg das Bild einer sungen Frau, eines siebenjährigen Mädchen» und«ine» vierjährigen Knaben vor meinen Augen auf Die beiden Kinder sagen zu mir„Papa", und die jung« Frau ist meine Ehegefährtin seit acht Jahren. Bel dem Gedanken, daß meine Frau einmal auch so vernommen werden könnte, erstarrt mein Empfinden zu El»— tot wird es in meiner empfindlichen Seele. Wie ein rettender Engel erscheint mir der jetzt in» Amtszimmer eintretende Gefangenenwärter. Während ich noch metn« Gedanken würgend aufs Papier legt«, hatte er die Kartoffeln tn einen Korb ausgeschüttet, damit die Frau ihren Sack zurücknehmen konnte. Tief sohe ich der Frau in ihr« matten Augen. Ich will, daß ihr« Gedanken durch meine Augen den Weg in mein Hirn finden sollen- Dann sag« ich langsam: „Liebe Frau, ich selbst darf Ihnen von den Kartoffeln nicht» geben, denn sonst würde ich ja meine Stellung verlieren." Mein« Stimme ist ohne Klang— etwas kratzt mich im Halse. „Aber nur sür ein« Mahlzeit, lieber Herr! Nur da» kleine Kochgeschirr oollt" sagt sie mit weitgeöffneten Augen— sie gebären das Entsetzen vor dem Hunger de» heutigen Tages. „Packen Sie Ihre Decke, Ihren Rucksack, Ihr Kochgeschirr und di« anderen Sachen«mt Dann können Sie gehen." Noch während ich die» sage, gehe ich zur Tür. „Ich möchte mir die Zellen ansehen," sag« ich zu dem Wärter. Ich habe dort nichts zu tun, absolut nicht»— ich möchte nur dt» Frau allein lassen, wenn sie ihre Sachen einpackt. Wähnend ich mir dt» drei Zellen umständlich ansehe, schreit e« wüst durch meine Gedanken: Nur für eine Mahlzeit!— Nur für eine Mahlzeit!— Davon werde ich so«rgrisfen, daß ich den Wärter nach der Zahl der in jeder Zelle vorhandenen Decken frag«. Erstaunt sieht er mich an und lächelt dumm. Augenblicklich wird mir der Unsinn in meiner Frage klar. Ich wende mich zur Tür und stehe draußen. i Der Wärter schließt langsam die schwer« Gefängnislür. Beim Betreten meines Dienstzimmer» hält die Frau im Packen Inn«. Sie hält meinen Blick au». Ich erschrecke, denn ein kurzer Blick in den Kartosseltorb überzeugt mich, daß die Frau während meiner Abwesenheit ehrlich gewesen war. „Ich geh« frühstücken," sagt der Gefangenenwärter zu mir. Erlost nicke Ich ihm nur zu, und er geht. „Nur für eine Mahlzeit, lieber 5>errl" sängt die Frau wieder an. Ihre Augen schwimmen in Tränen, sie selbst weint nicht. Wa» weint tn der Frau? denke ich. Wieviel Berzweiflung, wieviel Hungerschreie ihrer Kinder mußten wohl auf diese Frau eingehämmert haben, ehe sie sich dazu entschloß, in der Nacht zu stehlen. Und wie- viel Schamüberwindung wird diese Frau haben ausbringen müssen« ehe sie sich zur Tat entschloß... E» erscheint mir, als ob der Himmel selbst sich dieser Frau an- nehmen will: denn plötzlich stürzt c'.n gewaltiger Regen auf da» Pflaster vor meinem Fenster. Es gießt, al» ob die ganze Welt ertränkt nieroen sollte— und knapp vor einer Viertelstunde lugt« mich noch die Sonn« durch das Fenster an. „Erlauben Sie mir wenigstens hierzubleiben, bis der Regen vor- über ist," schlägt es matt an mein« Ohren. Ich wende mich vom Fenster und sehe der Frau wiederum lange in ihre Augen. „Ja, bleibe?« Ci« nur ruhig hier. Und, liebe Frau, degreisen Sie: Ich selbst darf Ihnen von den Kartoffeln nichts geben— verstehen Sie doch: Ich habe Ihnen Zeit genug gelassen...." Sie versteht. In ihre hohlen Wangen steigt die Röte. Ihre matten Augen erhalten einen schönen Glanz. Sie atmet aus— wie die Natur vor Sonnenaufgang. Doch schon verschwindet ihre kurze Freude— denn während meiner Abivesenhett war sie zu ehrlich gewesen, und jetzt war es zu spät... „Ich gehe jetzt aus längere Zeit fort. Wenn der Regen aufhört, dann können Sie gehen!" sage ich kurz und gehe aus meinem Dienst- zimmer hinaus. Im oberen Korridor treffe ich den Dezernenten, der einer anderen Abteilung vorsteht. Er hat heute Sonntagsdienst. Gerade will er zu mir, um Einsicht in ein SchrifistM zu nehmen. Wir leben in einer Zeit, in der man keine Geschenke macht— trotzdem biete ich ihm eine Zigarette an. Cr sucht nach Streich- hölzern, findet aber keine. Ich bedvure ebenfalls und weih be- stimmt, daß ich welche habe. Er geht in sein Schreibzimmer zurück, und ich begleite ihn. Als er auch dort dos Gewünschte nicht findet, schlag« ich mit der flachen Hand vor meine Stirn und ziehe die Streichholzschachtel aus der Tasche. Etwas eigenartig sieht er mich jetzt an, indem er mir mit dem Finger droht: „Na, mein Lieder, ich glaube, Sie haben di» Nacht durch- gebummelt!" „Und ich vertrage es so schlecht," erwidere ich bestätigend. Dabei setze ich mich auf einen Stuhl. Rauchend plaudern wir. Erst als der Dezernent den Zigaretten- stummel im Aschenbecher zerdrückt, fällt ihm das Schriftstück wieder ein. Und langsam gehen wir hinaus. Unten angekommen, gewahre ich, daß die Frau schon fort ist. Mein erster Blick gilt dem Kartofselkorb— und Freude erfaßt mich. Ich beuge mich über einen Stoß unerledigter Sachen und suche das gewünschte Schriftstück heraus. Und nun kann mich nichts mehr in dem engen Raum« aufhalten. Hinaus, in die herrliche Natur, tönt es in metner Seele. .Na, so plötzlich?" sagt der Dezernent, als ich ihn mit gelindem Druck zur Türe dränge. „Ja, ich habe es wirklich eilig!' entgegne ich und schließe die Tür. Und dann umgibt mich wieder heller Sonnenschein. Es ist, als ob es gar nicht geregnet hätte. Schnellen Schrittes durcheile ich zwei Gassen und steh« außerhalb des kleinen Landstädtchens. Ge- sunde, unverfälschte Natur umgibt mich. Um mich wird es plötzlich dunkler. Ich stehe unter hohen, schattigen Baumkronen. Finster steh! ein kleiner, ganz schroff an- strebender Hügel vor mir— es ist der Schloßberg, auf dem vor vielen, vielen Jahrhunderten Raubritter gehaust haben. Auf meine Freude sällt ein Schatten. Fast unbewußt stockt mein Fuß, als ich ihn aus die erste Stufe des unverkennbar künstlich aufgeschütteten Schloßberges fetze. Wehmütig zieht es durch meine Gedanken: Wieviel arme Menschen mögen wohl hier geschunden sein, eh« sie diesen Hügel aufgeworfen hoben?— Für ein einzelnes menschliches Raubtier.... Immer zwei und drei Stufen überspringend, stehe ich oben. Ich nicke der Turmfrau zu und rof« die Tunntreppe hoch. Meine freudige Seele reißt mich empor.--- Herrlich ist der Ausblick vom Turm— göttlich das Panorama tm Sonnenglonz. Jauchzend löst sich meine Seele vom Körper und gleitet mit dem Wind« über die reifenden Getreidefelder, die grünen Wiesen, den dunklen, lauschigen Wald. Ganz weit am Horizont sehe ich häßlich« Nebel in die frische Lust quellen. Sie scheinen einem nefigen brodelnden Kessel zu ent- steigen— es ist Berlin. Bor meinen Augen steigt eine feuchte, elende Kellerwohnung auf. Drei blosse Kinderchen sitzen darin und ängstigen sich um ihr« Mutter— um das liebste Wesen aus dieser Welt. Vom herrlichen Fluge lehrt meine Seele zurück. Fast scheu kriecht sie In meinen Körper und stößt dabei Irgendwo an. Davon haltt es wie wuchtige Schläge in meinem Kops«: Rur für eine Mahl» zeit!— Nur für eine Mahlzeit!--- Entsetzen wirft meine Gedanken um Jahr» zurück. Ich sehe dem Kriegsfunken unter die Völker fahren. Riesige Flammen röten den Himmel, die Ernte verfault aus den Feldern, Wälder werden vernichtet, Dörfer vergehen zu Asche. Städte werden zerstampft— und überall liegen Berge von Leichen. Ich sehe die Frauen wie Lasttiere schassen und heltenhaft hun- gern. Dann sterben in Rußland Millionen Menschen, weil sie nichts zu essen haben— während zu gleicher Zeit in Amerika Weizen und Mais in Lokomotivm verbrannt wird. So will es das Kopital, denn die Kohle ist teuer. Weiter streifen meine Gedanken durch die besetzten Gebiet« in Deutschland. Ich denke nur an Oberschlefien, den Rhein und die Ruhr. Junge, kraftstrotzende Männer, wie geschaffen zur Arbeit, lungern zu HunderUaufenden umher. Sie werden der Arbeit ent- wöhnt und verdammen in militärischem Zwange. Wie Wohnsinnig« erscheinen sie mir bei ihren Kriegsübungeii— und größenwahnsinnig werden sie olle davon. Menschen von Intelligenz, d« der gesamten Menschheit den Weg zur wahren Kultur ebnen könnten, prostituieren ihre Weisheit und erdenken die grausamsten Mordwertzeug«.... Und vom Altar werden sie gesegnet.--- Denn so will es das Kapital. Und dos deutsche Boll windet sich in Hunzerkrämpsen— vor Kapital mtd Altar. Wann werden wohl die Beiden verantwortlich ver n om m en?l... Mit diesen Gedanken verlasse ich den sriedlichen Echloßberg, der vor vielen Jahrhunderten als Fundament zu einer Raubrittcrzwing- bürg gedient hotte. Deutsthe Inöuftriearbeiter in Srafllien. Don Prof. Dr. weck. Fritz Münk. De» interclsanicii, in der vorigen Nummer der„KeimwoU" rerigfentlichten Ausführungen des dekonnl«» Mediziners iU,cr «iinmanderung iruisiher Landarbciter in Zi rastlien lassen wir heut« «inen zweiten Artilcl solgcn, de« dieselbe grage sür den Industrie- «rdeilec erörtert. Die Möglichkeit, der Landflucht durch Zuzug fremder In» dustrieller Arbeiter in die Städte und Industriezentren vorzubeugen, kann und will die brasilianisch« Regierung mit Rücksicht aus die einheimischen Industriearbeiter nicht benutzen. Hierfür kommt also ein« Unterstützung größerer Gruppen deutscher Ein- Wanderer nicht In Frage. Für den einzelnen ist es aber geradezu unmöglich, sich durchzusetzen. Nicht etwa weil dem Deutschen gegen- über eine gewiss« Feindseligkeit bestehe, keineswegs, die Schwierig- leiten sind, abgesehen von der Sprache, rein materieller Natur. Schon die allererste Zeit erfordert reiche Barmittel, bis der laufende Lohn die Existenz gewährleistet. Solange Ersparnisse fehlen, die bei dem teuren Leben nur bei größter Bescheidenheit in den Lebens- anspnichen zu machen sind, bringt z. B. im Krankheitsfalls schon der erste Tag schwere Not über den Arbeiter und sein« Famiti«, da eine sozial« Fürsorg« nicht besteht. In srüheoer Zeit waren besonders die deutschen Handwerker sehr gesucht und viel« haben es in Brasilien zu einem gewisien Wohlstand« gebracht. Bei einer großen Anzahl von Handwerkern, die angelockt und veranlaßt durch diese Beispiele nach dem Kriege Brasilien aufsuchten, stellt« es sich aber heraus, daß ihre meist in Fabriken erfolgt« Ausbildung zu einseitig war und sie obn« die gewohnten Maschinen in ihren Leistungen gehemmt waren. Kurzum, die mancherlei Schwierigkeiten sind so groß, daß es für den einzelnen immer ein sehr gewagtes Unter- nehmen bedeutet, kein Fortkommen selbständig zu suchen. Eine Einwanderung größeren Stil» könnte meines Erachtens darum nur in der Form einer geschlossenen deutschen Organisation zu Irgendeinem Unternehmen in Frage kommen, etwa bei einer Konzession an deutsches oder gemischtes Kapital zum Aus- bau einer Fabrikanlage, einer Eisenbahn, eines Bergwerkes, Straßen- oder Kanalbau, Urbarmachung usw.,'wo es auf dl« Anwendung großer technischer Anlagen ankommt. Ber einer solchen Organisation müßten mindestens für den Anfang die deutschen Arbeiter in Gemeinschaft unter deutscher Führung und Fürsorge stehen, den veränderten Berhältnissen angepaßt aber ähnlich wie bei den großen militärischen Organisationen im Balkan und in Kleinasien während des Krieges. Wenn ich mir ins Gedächtnis zurückrufe, welche wunderbar- Erfindungsgabe, welch vergnügten Eifer und welches technische Geschick unsere Soldaten aufbrachten, um ihre Siellungen möglichst wohnlich zu gestalten, so habe ich keinen Zweifel, daß sich deutsche Arbeiterstedler, wenn sie in kamerad- schoftlicher Gemeinschaft leben, auch m den wilden ober immer schönen und fruchtbaren Londschosten und Urwäldern Brasiliens«in erträgliche� gesundes und ihren Ansprüchen dock etwas angepaßtes Leben einrichten könnten. Nachdem sie dann auf diesem Wege Fuß gefaßt, durch entsprechenden Berdienst und eigene Kenntnis der Ber- hältniss« sich im fremden wenigstens einige Bewegungsfreiheit ge- schafft haben, mit Land und Menschen vertraut geworden sind, so können aus ihnen durch Gründung oder Nackxsiehen ihrer Familien, sei es im Rohmen der großen oder In selbständigen Unternehmen wertvolle Ansiedler und Pioniere der Kultur werden, so daß Brasilien aus dies« Art an das Ziel feiner Siedlungswünsche ge- langen würde. ' Dieser Form der Einwanderung stellt sich allerdings die brasilianische Regierung vorerst noch entgegen, insofern sie rein ausländische Unternehmen weder seitens des Kapitals noch seitens der Arbeiterschaft, d. h. überhaupt kein« rein ausländischen Organi- sationen zuläßt. Maßgebend sind für diesen Standpunkt die Cr- fahrnngen, die Brasilien namentlich mit italienischen und portr gi«si1ch«n Einwanderern gemacht Hai und noch macht. Diese über- führen ihr« Ersparnisse großenteils in ihre Heimatländer und viele von ihnen halten sich überhaupt nur solange in Brasilien auf, bis ihnen ihre Mittel«in« Rückwanderung und eine auskömmlich« Existenz in der Heimat ermöglichen. Nicht nur der Arbeiter, sondern auch das Kapital selbst nimmt vielfach diesen Weg, was naturgemäß der brastlianischen Finanzwirtschost sehr zum Schaden gereicht. Di« brasilianisch« Regierung verlangt darum daß bei neuen derartigen Unternehmen mindestens die Hälft« der Arbeite? und Angestellten Brasilianer sind und auch das brasilianische Kapital zum großen Teil beteiligt ist. Di« letzter« Forderung bildet an sich kein Hinder> nis, wohl aber würde«ine erzwungen« Zusammenarbeit Deutscher und Brasilianer im Betriebe schon allein wegen dem Aeitauswand des Anlernen? jedes jung« Unternehmen stark belasten. Dennoch, dieser Boden des Zusammenwirkens und Entgegenkommens aus der Grundloge eines besseren gegenseitigen Berstöndnisses und Vertrauens scheint mir der einzig fruchtbare sowohl für die deutsche Einwanderung als für die kulturell« Durchdringung und Urbar- mochung der großen Naturschätze Brasiliens. Hier liegt der Schlüssel für die zukünftige Entwicklung Brasiliens und hier ist auch der Hebel anzusetzen, soweit dabei deutsch« Arbeit sich beteiligen darf und kann. Bielleicht führen private Unterhandlungen, Verträge und Unternehmen mit mehr Glück zu einem Ziel als diplomatische Vermittlung. Freilich ohne absolut vertrauenswürdige Wirtschaft- liche»nb sanitäre Garantien geht es nicht? die Erinnerung an die Madeira-Compagnia und ihr« zahlreichen Opfer unter den Deutschen im Jahre 1908 ist noch lebendig genüg, um die verantwortlichen Kreise aus die Gefahren abenteuerlicher Unternehmen im Innern Brasiliens hinzuweisen. Bei der Erörterung der Einwanderung In Brasilien dürfen jedoch gerade an dieser Stelle Momente nicht übergangen werden, die bei einer heute in Frage kommenden Auswanderung deutscher Arbeiter ganz allgemein von größter Bedeutung sind, nämlich die sozialen und sozialpolitischen Gesichtspunkt«. Politisch« Hindernisse machen sich wohl In keinem Lgnd« Süd- emerikas gcltend. Dem Deutschen an sich bringt man nirgends eine feindselig« Gesinnung, meist sogar im Gegenteil«in anerkennendes Wohlwollen und feinen Leistungen überall groß« Achtung entgegen. Man muß auch zugeben, daß sich der einzeln« leicht in fremd« Ver- Hältnisse einfügt und selbst die Sprachschwierigkeiten leicht über- windet.» Dagegen empfindet der deutsch« Arbeiter oft die von den deutschen durchaus verschiedenen sozialpolitischen Ver- K ä l t n i s s« als ein« große Enttäuschung. Staatlich organi- siert« Kranken-, Unfall- und?noalid!tätsv«rsicherungen gibt es, wie bereits erwähnt, dort nicht. Es muß jeder ganz und gor für sich selbst sorgen, wenn auch in größeren Fabriken vereinzelt privat« Einrichtungen für Familien- und Kinderfürsorge der Arbeiter vor- landen sind. In Rio de Janeiro fehlt bis heute noch«in deutsches Krankenhaus, in Soo Paulo sind in einem deutschen Sanatorium einige Betten von der deutschen Kolonie für mittellos« deutsche Kranke reserviert. Für arößere Dedürsnisi« würde ober schließlich die private wohltätige Hilfe unserer deutschen Landsleute bei aller Opfsrwilliqbeit naturgemäß nicht ausreichen. So kommt es, daß im Krankheitsfalle meist schwere Rot für die Familie«iniritt. Endlich ist auch die politisch« und selbst die moralische Einstellung in Brasilien, einem Lande, in dem der Kamps ums Dasein bei weitem nicht«ine so scharje Form angenommen bat wie tn unserem über- völkerten Europa,«ine durchaus ander«. Ein sester Zusammenschluß der Arbeiter im Sinn« unserer Gewerkschaften icher selbst«in« polltisch« proletarische Bewegung, wie überhaupt prinzipiell«inge- stellte politische Parteien sind nicht vorhanden und dt« soziaiistisch« Parteistellunq beschränkt sich, wenn sie überhaupt hervortritt, höchstens aus theoretisch« Diskussionen. Ein« tiefgehend« Abneigung der Bevölkerung gegen jede Disziplinierung verspricht einer organisierten Arbeiterbewegung auch wenig Aussicht aus Erfolg. So ent- stand z. B.«in spontaner Streik in Rio de Ianeiro infolge des Ver- bots der Sonniagsarbeit, das die Arbeiter als ein« Beschränkung thres freien Willens betrachteten. Der deutsche Einwanderer darf nicht glauben, daß er die Vorstellungen, die er aus seiner Heimat mitgenommen hat, obn« weiteres auf die Verhältnisse Südamerikas übertragen könne. Sonst setzt er sich qefäbrlichen Mißverständnissen und Enttäuschungen aus. Andererseits ist In ganz Amerika der repubiikanllche Gedanke so lebendig, daß unsere heutige Verfassung ein« gegenseitige Annäherung vielfach begünstigen dürft«. Der gemildert« Daseinskampf gibt schon den Umgangsformen der Bevölkerung«in aufsallend freundliches Gepräge. Auch der ärmst« und einfachst« Mann befleißigt sich noch allen Seiten hin einer großen Hoslichkeit oder bester, sie ist ihm Herzenssache. Ein äußerer gesellschaftlicher Drill ist darum nicht das Merkmal einer besonderen Klasse, sondern der Berkehr spielt sich allenthalben in gkeichmäßig liebenswürdiger Natürlichkeit, in wirklich demokratischem Geist« ab, wie er bei uns allenfalls In Süddeutschiand heimisch ist. In den gleichen Ursachen wurzelt auch die tn Brasilien besonders ausgeprägte Achtung vor dem Eigentum. Diebstahl und Betrug sind selten« Verbrechen. Da dte Bedürfnisse des— abgesehen von einer febr wohlhabenden Oberschicht in den Städten— überaus anspruchslosen Leben» der Bevölkerung durch Berdtenst und Lohn in hin- reichender Weis« befriedigt werden und Gelegenheit zu luxuriösem Aufwand kaum gegeben ist, so fehlt auch der Anreiz zu unredlichem Grmerb. Leider haben«ine Anzahl Abenteurer und dunkle Existenzen unier den ersten Einwanderern nach dem Kriege dem Putschen Namen in dieser Hinsicht Unehre gebracht I Im geschäst. lichen Leben legt der Brasilianer dem gegeben«» Wart«in« absolut verbindliche Bedeutung bei. Es ersetzt durchaus den schriftlichen Vertrag. Um so größer ist die Entrüstung, wenn dieses Vertrauen «täuscht wird. Es muß dannn jeder Deutsche tm Ausland« von dem Bewußtsein seiner großen Verantwortung für das Ansehen seiner dortigen Landsleut« und seines ganzen Voltes erfüllt fein und dar- nach fein Verhalten und seine Handlungen einrichten. Dieser Leit- faden wird aber auch ihm selbst den sichersten Weg zu seinem eigenen Fortkommen und zu einem glücklichen Leben fuhren. 2�0?ahre Fußball. Der Fußball, das beliebteste Spiel in England, hat sich auch bei uns im letzten Bierteljahrhundert mehr und mehr eingebürgert, und gerade jetzt ist die Saison der großen Fuhballwettkämpse in ihrer Hochblüte. So verhältnismäßig jung nun auch die Psleg« dieses Sport» bei uns ist, so gehört der Fußball doch zu den ältesten Spielen der Welt. Es gibt ein« Zeichnung in einer alten chinesischen Handschrift, dl« ins S. Jahrhundert v. Chr. zurückdatiert wird, auf der wir Männer sehen, die einen Fußball treiben. Aber über diesen chinesischen Fußball in so früher Zeit sind wir nicht unterrichtet, dagegen können wir seine Geschichte 2900 Jahr« zurückverfolgen. Bekannt ist aus den Schilderungen antiker Schriftsteller ein Ballspiel, das die Römer„Harpastum" nannten und das auch schon bei den Griechen gepflegt wurde. Di« ..Sphäromachie'. der Ballkamps, an dem sich die sparttatischen Jüng- linge erfreuten, wird bereits eine Art Fußball gewesen sein, und Pros. Koch hat in einer eigenen Schrift wahrscheinlich zu machen gesucht, daß das griechisch« Ballspiel Episkyro? und das altrömische Harpastum ein und dasselbe Spiel waren. Jedenfalls misten wir aus einem Briefe Senecas, daß des den Basikämpsen nicht nur die Hände, sondern auch tie Füße Verwendung fanden, und Galen entwirft in seiner Schrift„lieber das Spiel mit den kleinen Bällen" ein lebendiges Bild von deni antiken Fußballkampf:„Wenn die Spieler gegeneinander stehen und den in der Mitte am Aufraffen des Balles zu hindern suchen, da wird es am wildesten und leiden- schaftlichsten: da wird Kops und Nacken geübt bei den Halsdrehun- gen, Seiten, Brust und Bauch beim Umschlingen, beim Wegstoßen, Aufstemmen und sonstigen Rwgerkünsten. Da werden auch Hüften und Bein« gewaltig angestrengt." E» entstand bei solchen leiden- schastlichen Ballkämpsen ein wirres Durcheinander, das Galen mit dem Zufammenprali zweier Heere vergleicht und bei dem es auch an Verletzungen nicht fehlte. Dieses antike Fußballspiel findet bei den primitiven Völkern manche Parallele. Am merkwürdigsten dürft« der Steinball der nordomerikanllchen Indianer sein, den man bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückführt und der zweisel- lrs mit den Füßen sortgeftoßcn wurde. Jni Mittelalter gab es volkstümlich« Bollspiele, von denen di« Minnesänger viel erzählen. Ob es sich dabei um Fußball handelt, können wir nicht sicher an- geben. Es finden sich aber in deutschen Liedern des 12. und 13. Jahrhunderts Erwähnungen von einem«Kampfspiel um eine Blase", bei dem«in« Schweinsblase als eine Art Ball benutzt wurde. An diesen Ballspielen beteiligten sich nicht nur tü« Jünglinge, sondern auch die Jungfrauen, wobei Neidhardt von Reuenthal erzählt, daß man aus das schönere Geschlecht wenig Rücksicht nahm und di« Mädchen durch die kräftigen Stöße der Burschen gelegentlich hart Ketrossen und umgeworfen wurden. Die älteste Erwähnung des Fußballs mit seinem heutigen Namen findet sich im Jahr« 1147, wo das Fußballspiel am Fastendienstag als«in« allenglische Sitte bezeichnet wird. Im 14. Jahrhundert begegnen wir dann den ersten Verboten des Spiels, das als«nutzloser Ilnsug" bezeichnet wird. Jedoch gelang es den Behörden nicht, den Fußball zu verdrängen, imd auch S h o k e- speor« erwähnt dies briliiche Rationalspiel mehrer« Male, so in der«Komödie der Irrungen", wo der hin und hergehetzte Drumio cusrust:„Bin ich so rund für euch, wie ihr mit mir,— Daß wie 'nen Bußball ihr mich treibt und stoßtl— Der stößt mich her, der stößt mich wieder hm:— Soll w dem Dienst ich währ'n, ia näht in Leder mich." Auch die italienische Renaissance liebte das Fußvallfpiel, wie feine ausführliche Behandlung in der 1353 erschienenen«Abhandlung vom Ballspiel" von Antonio Eoaino beweist. Der Fußball wurde auf einem quadratischen Platz gespielt, und zwar kämpften große Scharen, bis zu.1000 Mann, gegeneinander, die in Reih und Glied in einer Art Paradeschritt marschierten. In Frankreich finden sich die ersten Regeln fiir das Fußballspiel in den Kirchenbüchern von Auxerre von 1396, und e» war im Mittelalter üblich, daß Geistliche an bestimmten Tagen und Festen ein Fußballspiel als zeremonielle Hand- l u n g vorführten. Während so die Kirche des Mittelalters den Fußboll gleichsam sanktionierte, eröffnete das unduldsam« Puri- tanertum des 17. Jahrhunderts, wie gegen Theater. Tanz und alle Vergnügungen, so auch gegen den Fußball eine heftige Fehde. Bischofs Stubbs nannte es„eine blutige und mörderisch« Handlung, aber keinen anständigen Zeitvertreib. Sie brechen sich bei diesen wüsten Schlägereien Arme und Beine, ja sogar die Hälse und schlagen sich die Augm au». Dars solch mörderisches Beginnen am heiligen Sobbottag geduldet werden?" Die Puritaner brachten es denn auch dahin, daß der Fußball in England im 17. und 18. Jahrhundert zurückgedrängt wurde. Erst mit der beginnenden Romantik kam auch wieder die Pflege des Spiels, das Walter Scott in einem Gedicht verherrlichte, und von England aus ist dann der Fußball im Ist. Jahrhundert«in überall beliebter und geübter Sport geworden. Wissen und Schauen Neue Wörter. Von Zeit zu Zeit werden neue Wörter geboren, Nicht nur solche, die als Vezeichmmgen für Reuerscheinungen auf geistigen, oder materiellem Gebiet sich meist aus der Sache selbst ergeben, so z, B. Kubisinus, Expressionismus. Auto- mobil u. a, oder solche, die«in irregeleiteter Sprachsinn auf den Markt wirst, wie Hapag, Kaden, eh und andere Mihgeburien, sondern solche, die eine glückliche Neubildung darstellen und sich dauerndes Bürgerrecht in miserer Sprache erwerben � Von einigen dieser Wortbildungen, deren Entsdchung man aufgespürt hat, soll hier die Rede sein. So schuf Goethe das Wort„Weltiite- ratur". das in den nahezu hundert Iahren seines Daseins(Goethe gebrauchte es am 31. Januar 1827 in einem Gespräch mit Ecker» mami) unzählige Mal« mit Stolz von uns Deutschen gebrauchst wor- den ist: Unser« Literatur ist ein«„Weltliteratur", da sie durch muster» Etige Uebertragungen die besten Schöpfungen aller Nationen in aufgenommen hat. Naturgemäß sind politisch erregte Zeiten beste Nährboden für das Entstehen neuer Wörter, die gewisser- maßen als Schlagwörter geboren und in die Voltsmassen geworfen werden. Man denke nur an das Wort„Kladderadatsch", das die Berlincr Revolution von 1848 an dl« Oberfläche und zur größten Popularität brachte.— Aus dem revolutionären Wien von 1848/49 stammt das Wort„Sing st röhre" für Zylinderhut— der Volks« miß bezeichnete hiermit die Zylinderhüte der Wiener Studenten- schaft. Auch dieses Wort ist ungemein volkstümlich geworden, wozu allerdnigs wohl der Umstand besonders beitrug, daß di« Examt» iwndeu in Deutschland im Frack und dem dazu gehörigen Zylinder zu erscheinen haben.— Eugen Richter, der«s ja liebte, seine Reden mit allerhand spitzen Bemerkungen gegen die damaligen Machthaber zu würzen, hat das Wort„Angst" in einem anderen Ausdruck ver» wsrbct:«r sprach 1887 von dem neugewählten Reichstag als dem „An g st p ro du k t der Wähler", die ja bstanntlich eine von alle» üblen Instinkten eines aufgeregten Patriotismus durchsetzte Wahlkampagne durchzumachen gehabt hatten.— Hierher gehört auch das Wort„boykottieren", das sich an den Namen eines in Irland begüterten Engländers Boykott anlehnt, gegen dessen eng- (Ische Arbeiter das irische Volk gewalttätig auftrat. Am 13, No- veniber 1880 von einem Zeitungsschreiber in einer Dubliner Znitung K prägt, hat es seitdem wohl In allen Kultursprachen Aufnahm« ge- nden,— Eines der ältesten„neuen" Wört?r, deren Ursprung man teniit, ist das Wort„B an-da l i s m u s", das der französisch« Ab» geordnete Henri Gregoire in einem Bericht an den Nationalkonvent 1794 gebrauchte, um die rohe Art zu brandmarken, in der ein- zelne Nevolustonsmännsr mit wertvollen Kunstschätzen umgegangen waren. Auch dieses Wort ist populär geworden.— Aufmerksame Leser, verden noch heute auf neu« Wörter stoßen, so namentlich in Dichtungen und Prosaorbeiten allermodernster Aittoren. doch bleibt von diesen gesuchten Wortbildungen nur wentg im Geiste hasten: finnlos zusammengefügte Wortteil« geben noch kein neues Wort. Ein anderer Uebelstand— das scheinbare Schaffen neuer Wörter durch eigenartige Uebertragung vorhandener— wird ebenfalls von einein feineren Geschmack abgelehnt werden. Die deutsche Sprache ist reich genug, um für alles und sed-s auch einen malerische» Aus- Eeökunüe laisiDiia�sal Das Geheimnis des Denser See». Sn der Nähe der Hessisch- Thüringer Grenze bei dem Orte Dens(legt ein ungefähr 400 Meter langer See, der seit langen Zeiten den Bewohnern dieser Gegend ein Rätsel aufgegeben hat. Ab und zu färbt sich nämlich in der kühlen Jahreszeit das Wasser blutrot, was der Bevölkerung zu allerhand abergläubischen Deutungen Anlaß gab. Im Kirchenbuch von Nentershausen findet sich aus dem Jahr« 1779 ein« Eintragung des Pfarrers Simon, in der berichtet wird, daß der See wieder ein- mal rot geworden sei, daß die Farbe aber nicht von Blut herrühre, wie abergläubische Leute angenommen hätten. Seinen Namen hatte der Pfarrer mit dem roten Wasser geschrieben. Der Denser See ist nun natürlich auch wissenschaftlich untersucht worden. Er stellt ein 9 bis 13 Meter tiefes Becken ohne sichtbaren Zu- und Abfluß dar und wird wahrscheinlich durch unterirdische Quellen gespeist. Sehr auffallend ist der ungeheure Reichtum des Sees an Planktonorganismen, welcher seine Ursach« in der guten Düngung durch Enten und Gänse hat. Es ist kein See weiter bekannt, in dem solch« ungeheure Mengen von W a s s« r s l ö he n vorkommen— und dieselben Wässerflöh« verursachen die Rot- färbung des Wassers. Im Herbst und Winter sammeln sie sich unter der Oberfläche o» und lassen das Wasser oder Eis blutrot erscheinen. Wie Prof. Halbsaß feststellt«, ergeben die zerdrückten Wasserflöh« einen rötlichen Br-i, der ohne weiteres als r o t« T t n t e verwendet werden kann. Daß flache und klein« Gewässer sich manchmal rot färben, ist kein« so groß« Seltenheit: der lles« Denser See stellt da« gegen mit seiner Rotfärbung eine Merkwürdigkeit ersten Range» dar. NatunvUensihast flta>S(DlSlil himmelskunüe Menschen aus der Venus? Di« Frage, ob die anderen Planeten such von Menschen bewohnt sein können, ist immer wieder erörtert worden, und zwar hat man am häufigsten an den Mors gedacht, dessen Bewohner man stch auf mehr oder weniger phantastische Weise ausgemalt hat. Wie Rudolf Hundt in der Leipziger„Illustrierten Zeitung" ausführt, ist es aber nach den neuesten Untersuchungen von Soante Arrhenius ausgeschlossen, daß der Mars bewohnt ist. Die mittlere Temperatur des Planeten Mars liegt weit unter Gelrierpunkt: sie wird mit— 40 Grob Celsius angenommen: die höchste Temperatur beträgt vielleicht-st 8 Grad Celsius. Die Luft- hüll« des Rtars ist an Sauerstoff und Wasserdampf«rMj so daß dort ein trockenes Wüstentlima herrschen muß. Die Temperatur- 1 unterschiede zwischen Tag und Nacht dürften so groß sein, daß> organisches Leben weder entstehen noch bestehen kann. Die Mors- i kanäle, in denen man künstliehe Bauten vermutet hat, sind nichts anderes als gewallige, von Bereversungen begrenzte Senkunqsfelder, wie wir sie ähnlich in Kalabrien, Sehweden und vstafrita kennen. Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun können nicht bewechnt sein, da sie sich in einem ähnlichen glühenden Zustand ml« di« Sonne be- finden. Auch der Merkur kommt als Heimstätte für Menschen nicht in Frage, denn er»»endet der Sonn« immer nur die eine Seite zu, hat also stets auf der einen Seite große Hitze, auf der der Sonne abgekehrten Seite eisige Kälte. Es bleibt also nur die Benue übrig, und es wäre gewiß ein verführerischer Gedanke, auf diesem Stern, der den Namen der Liebesgöttin führt, verwandte Wesen zu suchen. Arrhenius hat eine ganz« Reih« von Tatsaehen zusammengebracht, die eine Bewohnbarkeit diese» Planeten in den Bereich der Möglichkeit ziehen. Nach den neuesten Untersuchungen muß auf der Venus ein« mittler« Temperatur von-st 47 Grerd E�lsius herrsehen. Die Feuchtigkett ist größer al» auf der Erde, Ein Teil der Sonnenwärme wird von der dichten, wasierdampf- reichen Atmosphäre adsorbiert: an den Polen herrschen mittlere Temperaturen, die denen der Aequatorlalgegenden auf der Erde«nt- sprechen. E» wären also die Bedingungen für die Entwicklung höherer Organismen da. Eingewanderte pflanzen. Von Tieren ist es ziemlich allgemein bekannt, daß sie von Mensehen absichtlich oder unabstchtlieh von einem Erdteil in den anderen verschleppt werden und sich sehnell tn der neuen Heimat einbürgern. Auch zahlreiche Pstanzenarten haben, ohne daß der Mensch es wollte, auf ähnlich« Weis« Ihr Verbreitung»- gebiet erweitert und sich manchmal fast die ganx« Erde erobert. Ihr« Sennen oder selbst ganze Pflanzen sind dureh den Güleraustausch und ble Verkehrsmittel oft weithin verschleppt worden und haben sich dann vollkommen in die Pflanzenwelt der neuen Heimat ein- gefügt. Oft ging das nicht ohne„Kämpfe" ab, d. h. alteingesessen« Pflanzen versehwanden immer mehr und mußten den Fremdlingen den Platz räumen— ein Beweis dafür, daß dies« besser„angepaßt" waren. So hat z. B. unser schönes großblütiges Spring- kraut In den Laubwäldern an vielen Stellen dem tlelnen Spring- kraut weichen müssen, wesches aus der Mongolei und dem südkiehen Sibirien einwanderte. Der äußerst giftige Stechapfel, welcher Schutthaufen und wüste Plätze gern bewohnt, lst seit Ende de» 17. Jahrhunderts bei uns heimisch: er stammt vermutlich aus Süd- rußland. Di« Nachtkerze, eine für das Problem der Art- enfftehung so wichtig gewordene Pflanze, ilt aus Nordamerika zu uns gekommen: 1814 wurde sie zum ersten Mal« in Europa bemerkt und hat sich dann weit verbreitet. Jetzt findet stch diese präihtig« blaßgelb blühende Pflanz« überall an Flußufern, Bahndämmen usw. Ein bei uns recht häufig gewordenes Unkraut, das man selbst zwischen den Pflastersteinen der Großstadtstraßen beobachten kann, ist das Knopfkraut, ein Korbblütler mit kCetnein Köpfchen ans weißen Sirahlenblüten und gelben Röhrenblüten. Sein« Heimat ist dos westlich« Südamertta. Zu den HSufigsten Ackerunkräutern gehört das kanadlsch« Berufskraut oder Gretsentraut,«benfall» «in Korbblütler mit sehr zahlreichen, kleinen, weißlich-violetten Blütenköpfchen. Um die Mttte des 17. Jahrhunderts sind die ersten Samen in einem Bogelbolq« aus Kanada nach Europa gelangt; 1855 wurde das Kraut bei Paris schon ln großer Menge gefunden, und jetzt ist es als eines der gewöhnlichsten Unknhtter über ganz Europa verbreitet. Aus dem wesllichen Nordamerika hat sich bei un» an vielen Stellen an Fluhufern di« prächtig« gelbe Gaukler- blume eingebürgert, die besonders dadurch berühmt geworden ist. daß sich die beiden Lappen der Narbe gegeneinonda: bewegen, wenn sie berührt werden. Die große Verbreitung, die die kanadische W a s s« r p e st in unseren Gewässern im Verlauf weniger Jahrzehnt« zeigte, ist allgemein bekannt. Außer den angeführten Pflanzen gibt es natürlich noch zahlreiche andere, die sich hier und da angesiedelt haben, ohne aber eine solehe Rolle in der heimischen Flora zu spielen wie dt« genannten Arten. völkerkunöe Tibeks bessere Zukunft. In einem kürzlich gehaltenen Vortrag« äußert« sich Sven Hedtn über die kllmatlschen Berhältnisse Tibet» In der Entwicklung der Zeiten. Zurzeit ist Tibet«in abfluh- lose» Hochland, durchzogen von zahlreichen parallelen Geblrgs- ketten, deren südlichste der Himalaya ist. 168 klein« und groß« Seen hat da» Land, wozu noch etwa 1000 klein« Becken kommen, di« im Austrocknen begriffen sind. Es find ober Anzeiihen genug vor- Händen, daß die Täler Tibet» tn früheren Zeiten von fl>«ß«nd«n Wass«rmeng«n«rfüllt waren. Hedin ist der Ansicht, daß die Aus- troeknung, di« da» Land setzt erleidet, In Zusammenhang steht mit einer periodischen Kliinasehwantung. Es wäre also zu«rivart«n, daß d i« setz I g e Trockenzeit später«tnmat von«iner and«r«n Zeit abgelöst werde, in der wieder reiche Wasser Massen da» Land durchströmen und Fruchtbarkeit verbrelten wert»-