Nummer 43 Ak � 1. November 1923 Heimweh _.___ Unterhaltungsbeilage öes Vorwärts- Sei einem öeutstben �lrbeiteröichter. Aus dem Tagebuch:.Als ZNärchenerzählerin durch Deutschland'. Von Lisa Tetzner. Ich wollte ihn schon lange einmal wiedersehen, um zu spüren, wie es diesem guten Menschen geht, und wie er und seine Frau mit ihrem Leben fertig werden. Spät abends am Ziel angekommen, pilgerte ich zu Fuß nach dem 5>aus, in dem der Dichter wohnt. Es liegt an einem Bahndamm im westlichen Industriegebiet. Das Haus selber sieht seltsam wohl- habend aus, und während ich die Stufen hinaufgehe und den Klingelzug ziehe, habe ich das Empfinden, zu einem gutsituierten, wohlhabenden Bürger zu kommen. , Beide sind setzt glücklich wie Kinder am Weihnachtsabend. Sie untersuchen einsehend die Pakete, die Knaben klettom auf Stuhl ! und Tisch, um besser sehen zu können. Ich gehe mit Heiner die Treppe hinauf. Links liegen zwei � Räume, die unbewohnt und kaum berührt sind. Es ist ein gut bürgerliches Eßzimmer und ein„Salon". Die kleine Frau stammt aus Industriekreisen. Als sie den armen unbekannten Arbeiter- dichter heiratete, überwarf sie sich mit ihren Eltern. Die Ehe wurde dann gegen den Willen der Eltern geschlossen, und sie bekam das zu ihrer Ausstattung als pflichtschuldigste Mitgift. I Ich muß lächeln. Nach wie vor meidet er fast feindlich diese > Räume. In seinem Arbeitszimmer ist es, seit ich es nicht mehr be« ' trat, noch leerer geworden. Ich sehe mich suchend um. Hah," lacht er auf,„da staunst du, ja, es hat manches Stück -> � Ä rJlber»Uf- rf M Hemdsmmel ohne Kragen, daran glauben müssen. Aber weißt du. Lisalinka. er legt seine beiden sein« Weste steht Halb o fen. Es sit die nur wohlbekannte kleme. �e ernst auf meine Schultern und tritt vor mich hin„wenn ich geduckte und magere Gestalt, m.t dem blassen Gesicht, aus dem dl«> bem'<. ,,nh zwei guten, ehrlichen Augen lebhaft herausleuchten. Das Haar fällt bei seinen raschen Bewegungen immer wieder in die Stirn zurück. Er erkennt mich nicht gleich in der draußen herrschenden Dunkelheit. „Mädchen mit Rucksack, einsames Weibsbild in der Nacht?" murmelt er fragend. Als ich näher trete, bricht seine Freude durch: „Lisalinka, Mädchen, Mütterchen, Täubchen, wer anders als du! Frau, Herz meiniges, die Sonne geht auf, komm, wir haben Besuch!" Seine Freude ist unbeschreiblich. Aus der erleuchteten Küche tritt die junge Frau. Sie hat noch ganz die holdselige Schlichtheit, die ich als Mädchen an ihr kannte. Ihre Gestalt ist kindlich und unbeholfen wie ehedem. Nur blaß ist sie, und die Kleider sehen abgetragen aus. Mit ausgebreiteten Armen kommt sie mir entgegen. Hinter ihr fängt ein dreistimmiges Kindergeschrei an. Die Küche, in die wir setzt kommen, sieht unge- wöhnlich aus. Ich weih nicht, wo ich treten und stehen soll. Zwei der Knaben balgen sich um eine Zwiebel, ein ganzer Korb dieser Pflanzen scheint umgeschüttet zu sein und sein Inhalt auf den Boden zerstreut. Vorm Kllchenschrank sitzt das Jüngste und ist damit be- schäftigt, Töpfe, Tiegel und anderes Gerät mit großem Geschrei in die Stube zu schleudern. Auf dem Tisch neben dem Ofen liegen zwischen Kartoffeln, Brot und Strümpfen dick« Stöße beschriebener Blätter, und ein riesiges Tintenfaß steht inmitten. „Jünkcn, Männekenl" ruft Frau Eva und klatschte lachend in die Hände,„Heiner, sieh doch nur, was Iünken macht!" Der Kleine jauchzt vor Vergnügen. „Laß Ihn, laß ihn," sagt dieser. Er hat die Hände in den Hosen- taschen und steht stolz und breitbeinig vor seinem Jüngsten.„Immer raus damit, jawohl, du bringst es weiter wie Ich.— Siehst du, Lisalinka, das ist der jüngst« Anarchist und Syndikalist. Ich bin noch so dumm, für die bürgerliche Gesellschaft zu arbeiten wie ein Vieh.! Das wird ein anderer Kerl, der zerschlägt beizeiten alles, sogar i seines Vaters Hausrat." Er hebt dm schreienden Knaben hoch und küßt ihn heftig. Ich bin endlich auf einen Stuhl gekommen und kann atmen. „Ja, Lisalinka, da erschrickst du, was? Ich habe drei wilde Rangen, ich selber bin ein Rabenvater und krähe dazu. Und ich bin der Schrecken aller guten Bürger, aller Verleger und Polizisten. Aber weißt du, Mädchen," er reckt sein« Arme hoch und versucht mich zu umfassen, nun du da bist, wollen wir uns oben ein warmes Feuer anstecken, ein Bett für dich habm wir auch und Brot und Kartoffeln auch, oder— Frau?" Er schweigt betroffen. Frau Eva ist jetzt hausfraulich besorgt. Die Essenfrage ist ihr schwer aufs Herz gefallen. Ich kenne ihre Nöte und drücke ihr einige Paket« aus dem Rucksack in die Hand. Sie küßt mich stürmisch auf die Stirn, Mund und Augen.„Oh du bist gut, ja," sagt st«�„nun ist ja alles gut geworden." Er wiroelt mit einem der Knaben durch die Küche:„Siehst du, Mädchen, nun sollst du auch wissen, daß wir heute merkten, daß wir nur noch Kartoffeln und Brot essen tönntm, bis wieder Geld kommt, wenn, Hab ich gesagt, wenn kein Wunder vorher geschieht. Nun sag einer an, ob das Wunder nicht geschieht?" von dem Erlös einen Monat schreiben kann und meinen Roman dazu beenden werde, dann ruhig fort mit dem unnützen Zeug. Wozu auch? Haben wir nicht genug darin? Stuhl und Tisch, sogar Schreibtisch und Ruhebett, der Bücherschrank kommt nächstens dran, alle Bücher müssen auf ein Bord. Das ist nicht schade, denn das sage ich dir: Wenn es nötig ist und sein muß, dann gebe ich auch noch den Schreibtisch her." Sein« Augen leuchten fast fiebrig. Er stützt sich mit der Hand auf den schweren Eichentisch.„Soll ich dann in die Schmiede gehen, schuften wie«in Vieh und am Abend zerschlagen, müde heimkehren? Was soll ich dann noch schreiben?" Er steht mit einer großen, hilf- losen Gebärde vor mir.„Wie denken sich das die Herren Verlsger?" Mit großen Schritten geht er im Zimmer herum.„Ach, sie soll der I Teufel holen und das ganze Abendland dazul Drangsalieren einen, schreien nach Manuskripten wie das Kind nach dem Zulp, posaunen uns in die Welt mit Reklametamtam, und der gute Bürger fällt rein auf den ganzen Schwindel, nimmt in den Arm die Bücher, liegt auf dem Sofa dabei und vergießt Tränen der Rührung darüber.„Was," | sagen sie,„was, ein Arbeiter, ein Bergmann, ein Kesselschmied singt ! solche Verse? Ach Gott, wie schön!— Ja, aber Geld fürs tägliche i Brot.— Tut uns leid, wir haben an ihnen Desizi.. Weiß Gott, j Mädchen, du weißt das wohl, ich arbeite gern und ich stehe an � meinem Amboß und mache meinen Werktag und meinen Sonntag, ! und ich verdien mein schönes Stück Geld und kann mit meinem 1 Weibe in Frieden leben. Aber wenns hier oben hämmert und saust im Schädel und man fast betrunken ist davon..." Er bleibt vor mir stehen und schüttelt sich wie im Fieber. Ach, zum Teufel damit, ! jetzt will ich mich freuen, freuen sag ich, weil ein lieber Mensch zu > mir kam. Und weißt du was? Ich habe noch einen guten Schnops im 5)aus, so einen richtigen Klaren, der spült vieles runter, den laß uns trinken heute abend, dann lese ich dir aus der Arbeit vor." Er hat schon allen Ernst abgestreift und lacht wie ein Kind Es herrscht noch«in furchtbarer Tumult im Haus. Die Kinder sind nicht zur Ruhe zu bringen Sie jagen treppauf treppab. Frau Eva irrt hilflos klagend, dann wieder übermütig lachend zwischen ihnen umher. Heiner sitzt mit angezogenen Beinen aus dem Schreibtisch, dicke Stöße Manuskripte um ihn, den Klaren zur Seite: „Ist das nicht närrisch?" Er lauscht mit verzückten Augen»ach den tobenden Knaben.„Je chaotischer es um mich zugeht, um so mehr freut mich das Leben." Endlich ist Ruhe im Haus. Die beiden Menschen sitzen auf dem Diwan eng aneinander geschmiegt wie zärtliche Kinder. Heiner hat lang« vorgelesen, zwischen den Worten sprang er auf, weil ihn neue Bilder packten. Jetzt hebt er seine Arme zum Himmel und ballt die Fäuste:„Und das sage ich dir. Das ganze Proletariat soll darin leben. Ich will es der Bourgeoisie mit all seiner Schönheit, seiner Wonne und Lust und seiner ganzen Oual und Not zeigen, daß sie einmal davon gepackt werden, und wenn mein Kadaver dabei zu- gründe geht und ich verhungern muß dadurch. Was schadet das?" „Heiner, liebster Mann!" Sein Weib streckt erschrocken die Arme nach ihm aus.„Du," sagt sie,„du, komm, rede doch nicht sol" t„Ach. Schnack, mein lieber Schnack/ seine Stimme ist ganz weich nnd gütig geworden:„Schau einer die gute Frau an. Nein, ich will nicht zugrunde gehen." Er nimmt sie zärtlich in die Arme. Denn, Lisalinka, habe ich nicht eine liebe, gute Frau, och, die best« Frau aus der Welt? Hat mir drei Buben geschenkt, ist mir gefolgt, das gute Kind, und wußte doch, daß es nur in Not und Hunger ging. Aber willst du mir glauben, nach nie hat sie geklagt und hat doch Bater und Mutter hingegeben darum. Ach, könnte ich denn loben ohne sie, und Gott wird mir verzeihen, wenn ich ihr wehe tat." Frau Eva lächelt schon wieder glücklich wie ein Kind. Am nächsten Nachmittag muß ich bei ihnen Märchen erzählen. All« Kinder der Nachbarschaft werden zusammengerufen. Am Abend sitzen wir wieder allein. Ich nähe aus einem Stuck Stoff, das ich im Rucksack habe, für Jllnke» ein Kleid. Frau Eva sitzt auf einer Fußbank am Boden.„Daß du das kannst," sagt sie staunend.„Ich bringe dos nicht fertig." Sie hält ein großes, schwarzes Ausgabenbuch auf den Knien, und mit ihrer säubern, gleichmäßigen Schrift trägt sie Zahlen und Posten ein. Von dieser ihr anerzogenen Ordnung weicht sie in dem sonstigen Chaos nicht ab.„Ich weiß nicht," sagt sie und zieht die Stirn in Falten,„wir haben in dem Vierteljahr schon wieder so viel gebraucht, denk mal, so viel." Sie n«nnt«ine wirklich höh« Summe.„Und dabei haben wir doch nur eine einzig« Reise gemacht und gar keine Feste gs- feiert. Ja, aber die Reife hat es wohl gemacht. Wir hatten am Anfang des Monats reichlich Geld, da find wir nach München ge- fahren. Ach— sie läßt das Buch sinken und lächelt—, das war schön, und Heiner war die ganz«n Tage so glücklich! Aber dann hatten wir nicht mal das Geld zur Rückfahrt und mußt«n erst an einen Freund telegraphieren, daß er es uns borgte. Denn von den Eltern nehme ich nichts. Nein, lieber hungere ich." Ihr rundes, kindliches Gesicht bekam einen trotzigen Zug. Ich fragte sie, ob die Reise nach München nötig war. Das weiß fi« nicht zu sagen.„Wir waren so glücklich— dabei lächelte sie wieder—, so glücklich, ein- mal in der Bahn fahren zu können und andere Städte zu sehen und Berge." Während der ganzen Zeit hat Heiner mit zugesehen, wie aus dem Stoff ein kleiner Kinderrock entstand. Seine Züge haben sich seltsam verzogen. „Du bist doch eine Hexe." sagt er und schüttelt sich. Dann steht er wieder auf den Stoff herunter:„So schau bloß, was das Mädchen olles kann, dieses Weib wird mir unheimlich. Heute morgen hat sie irns das Essen gekocht, am Nachmittag hat si« Märchen erzählt, und jetzt macht sie ein richtiges Kleid nur so vor dem Schlafengehen. Und hn Schrank drüben stehen Bücher, die auch das Weibsbild ge- schrieben hat. Du, weißt du, ich bin froh, daß Ich dich nicht zum Woibe habe. Ich würde Angst haben vor dir." Er reißt sein eigenes Weib hoch und umschlingt sie mit beiden Armen. Si«, die ihn um Kopfeslänge überragt, neigt sich mit zart- sicher Gebärde nieder und küßt fein Geficht, und so stehen si« wie zwei große Kinder mrd füllen den Raum. Im Zaubergarten des Meeres. Von Alfons Paquet. Di« Museen von Neapel sind«In Schatz Europas. Die F«isen- weg« des Posilipp, der Weg nach Sorrent, d«r Palmenstrand, all das schwingt in der Erinnerung derer, dl« einmal das höchst irdische Glück dieses Ort«s genossen. Ich sind« aber hier In Neapel das Schönste in den Juwelen des Meeres. Ich tat einen Blick in die an Land gehoben« M««reswelle: diese Welle heißt di« Zoolo- gische Station. Es Ist die übliche kllerartige Grott« mit den Guckkästen. Aber sie zeigt Wunder, die farbiger sind als di« des Mikroskops. Das Mikroskop vermag nicht viel mehr, als in das farblose Gewimmel der kleinsten Leboivesen einzudringen und die geheimnisvoll« Ordnung im Gewimmel nachzuweisen. Hier aber vor diesen Glas- senstcm hebt sich plötzlich der saphirn« Deckel der mittelländischen See. Wer später wieder über dies« Fläch« hinsieht, der hat die Er- innerung an die unergründlichen Geheimnisse im Palast des Posei- don, dem ist es, als sei er einmal in unausdentlichen Zeiten In die Tiefen dieses Meeres eingetaucht gewesen. Einst sah ich Im Nor- dischen Panorama In Stockholm einen Versuch, die bepelzten L«be- wesen des Polargebietes in ihrer Natürlichkeit darzustellen: aber es waren Tiere der Oberfläche, Möwen, Pinguin«, Füchse, Bären: In dieser einzigen Zoologischen Station dagegen erschließt sich das füdsiche Meer als ein Zaubergarten, dessen Blumen im ersten Anschauen nichts als ein Entzücken des Auges sind, bis sie bei näherer Betrachtung ihre erschreckende und gleichnishoste Form enthüllen. In den besonnten Wassern raufen sette Fisch«, deren Schuppen wie syrische Seidenstosfe schillern, vom Rande der hellen satigrünen Algrnblätier. die auf dem Sandboden ihrer Gefängnisse wachsen. Liier Hausen rote Seesterne, gelbe, spinnenähnliche Tier«. Igel mit grstränbten purpurgcsärblen Slacheln sind unbeweglich an Steinen festgeklammert. Seltsam« Mollusken wachsen da mit taschenförmi- gen Köpfen, die wie Gerippe von Orchideen sind. Auf Felsenvor- sprüngen leben Büsche von Tierpflanzen. Brnnbuswlesen der zar- | testen Stengel, die statt der Blätter paxageienfarbene Sichelblüttcr tragen oder windmühlenartig angeordnete Federkiele. Hier sind Wnrzelknollen, die mit malvenfarbenen Blüten besetzt sind ohne Stiele und ohne Blätter, rostfarben« Schnecken, porzellanene Muscheln, Lebewesen, die großen Edelsteinen, dunkelglänzend:n Achaten oder alabasternen Urnen gleichen. Andere sint»'mennigrot wie von glühendem Eisen, ode� wie kleine, daumenlange Röhren von rotbreniKndem Glas. In irgendeinen Felsenwinkel dieser Ge- wasser drängen sich stach-lige Fische, winzig klein, unnatürlich kolk- weiß, kalkbraun und fleischrot, scheu wie Nachtschmelterlira. Riesige Hämmern waber-n am Boden, die kleineren grünlich und braun gefleckt, die alten wie in braunes Elfenbein gepanzert, die Augen schwarz wie Holunderbeeren, die Scheren schwer und furcht- bar, die Fühler zart und nadelförmig. Stengellos« Meeresblumen, geballt wie Schwämme oder zusammengefaltet wie Haarpinsc!, wiegen ihre Fäden als ein Büschel leichenfarbener Blätter, wie welke Asterblüten. Andere sind von Orangenfarbe oder gleichen riesigen Chrysanthemen: ihr schwaches atmendes Sichöffnen und Sichschließen verrät mimosenhaft« Empfindung. Zarteste Röhren aus Milchglas hängen biegsam ins Wasser herab: dort ist eine Oase der zierlichsten unterseeischen Palmen, aber ihre Stämme sind Säulen aus Stein, die oben in spitze, glatte Blätter ausbrechen und aus einem fahleren, unklaren Grau ins Violette spielen. Faust- große rötlich gefleckte� Krabben sind da, und kleineve, die gerönne- neu Blutstropfen gleichen. Einige erscheinen zart, perlenhast, wie schimmernde Blasen, sie schwimmen wie Bällchen in der Lust voll- kommen durchsichtig oder schweben wie ein musselinener Fallschirm, in dessen Mitte d«r Magen wie ein gelbliches Täschchen hängt. And«re«rscheinen als zarteste Gerippe, fein wie Kreidezeichnungen auf einer Silberxlatte. hirnvehend wie Spinngewebe, wi« ein Atemhauch am Herbstmorgen linienlos. Ihre Nachbarn sind Aale, blauschwarz, wi« Riemen zusammengefaltet oder bis zum Zerreißen wie Gummistränge auseinandergezogen, Tiere, deren gestreckte Beweglichkeit einen Eindruck von Kraft erweckt, der stärkste wie ein enormer, mit Ziermuscheln besetzter Gürtel aus Elefanten- haut, wie der barbarische Schmuck eines Negerhäuptlings. Schild- kröt«n steigen im Wasser auf wie Bogel mit schwerfälligem Flug, sie durchstoßen die Oberfläche, sie trinken Luft und sinken' satt. Ein Polyp, aufgestört, taumelt in einer Sepiawolke. Aber unter allen diesen Wasserbewohnern sind die Fische die merkwürdigsten, weil sie den Menschen vertrauter sind, selbst jene schwarzweiß getigerte Scholle, die sich im schwarzweißen Kies ver- birgt, dem Auge kaum erkennbar. Aufgescheucht, flattert sie empor wie ein Stück dieses Kiesbodens, schwimmt, hält Umschau und sinkt träge auf ihre Lagerstätte zurück. Ein Schwärm winziger Fische steht wie eine Schar von Kinderdrachen in der Lust: nur ihre Bart» säden, ihre seidenzarten Flossen spielen: plötzlich, auf eine unmerk- liche Warnung hin, ziehen sie die Fühler ein und setzen sich in karusiellortig? Bewegung. Hier steht in seiner Zelle ein indigo- blauer Fisch, einsam, mandarinenhaft. Ein anderer ist von oben nach unten gestreift als sei er auf dem Rost gebraten. Eine Herde von Zebrafischen steht auf dem Sandboden still wie witterndes Wild in der Steppe. Silberblinkende Lanzettfifche erscheinen in ihrer zugespitzten Form wie Zeppelin«. Stahifarbene Fische schim- mern wie gehämmert und mit Gold und Silber tauschiert. Am erschreckendsten sind diese unruhigen und beunruhigenden Tiere, deren Melustnenleiber Menschenanttitz zeigen. Es sind Fische mit Schnauzen. Römernasen. Sattelnäsen, mit silberfahlen glattrasierten Wangen unter runden, kalt und mißtrauisch glotzen- den Augen und fliehenden Stirnen. Diese Fische ziehen unablässig ihre Kreise, bleiben nachdenklich stehen, schauen dir einen Augen- blick Ins Gesicht und setzen verächtlich ihre Wanderung fort. Trotz der Enge des Behälters sind sie in einer ständigen, nervösen Orts- Veränderung: sie scheinen einander nicht auszuweichen, berühren einander niemals, stoßen nie zusmnmen und kommen nie bis an die Glasscheibe. Zwei englische Damen In Begleitung eines alten Herrn können sich von dem mystischen Anblick dieser Fische nicht trennen. Sie wenden sich ab und kehren immer wieder mit Ausrufen des Stau- nens: sie nennen die Namen von Staatsmännern, von Größen des Parlaments. Diese Vergleiche sind sehr nett, aber sie schmecken«in wenig nach der Zeitung. Ich finde, daß die Mienen dieser Fische die Mienen von Beftssenen und Verdammten sind: sie scheinen mir eher für die Odyssee geschaffen. Nur im Hades kann es so unheim- liche bleiche kalte und gequält« Wesen geben. Techniker öes Mittelalters. Von Willy M ö b u s. Techniker hat es zu allen Zeiten gegeben, nur der Gang der technischen Entwicklung ist nicht immer der gleiche gewesen. Auf Perloden angespanntesten technischen Schaffens folgen in der Mensch- heUsgeschichte solche, in denen der technische Fortschritt nur mühsam schreitet, oft sogar stockt, um dann wieder mit unerhörter Schnellig- keit alle Versäumnisse einzuholen. Eine Periode des technischen Stillstandes scheint uns, die wir diese Dinge unter dem Gesichtswinkel der modernen Technik be- trachten, das Mittelalter zu fein. E- wird sich sedoch nie objektiv der ganze Umfang und Inhalt der technischen Arbeit in diesem Zeilabschnitt ermitteln lassen. Die Kirche und die Inquisition sorgten dafür, daß ein großer Teil, wahrscheinlich der größte, der über tcch- Nische, mathematische, naturwissenschafisiche Dinge berichtenden Werke verbrannt ober zum mindesten geheim gehalten wurde. Viele Forschcr mögen auch ihr Wissen mit ins Grab genommen haben. Trotzdem war es den reaktionären Mächten nicht möglich, die Entwicklung völlig zu hemmen, ja eine Anzahl von Beobachtun- gen und Erfindungen, die für spätere Zeiten grundlegend geworden sind, wurden in dieser Zeit der kirchlichen Hochkonjunktur gemacht. In einem jetzt im Verlag von Seifert in Stuttgart-Heilbronn erschienenen Wierke von®. N e u de ck„Geschichte der Tech- n i E" wird der Versuch unternommen,«ine Darstellung'der tech- nlschen Entwicklung in geschichtlichen Zeitabschnitten zu»eben. Es wird hier nicht ein technisches Gebiet nach dem andern gesondert de- handelt, sondern das Werden der Technik kunterbunt dargestellt, wie es sich im Laufe der Zeiten ergeben hat. Die Namen der einzelnen Techniker. Mathematiker, Astrononzen usw. sind dabei gleichsam Kennworts, und der heute auf fein umfangreiches Spezialwiflen so stolze Mensch stößt immer wieder aus die Erkenntnis, wie imi- ver eil, wie vielseitig in früheren Jahrhunderten noch der einzelne ei» konnte, ohne oberflächlich zu erscheinen. In dem erwähnten Werke ist nun auch ein besonderer Abschnitt den Technikern des Mittelalters gewidmet. Es ist bedauerlich, daß der bedeu- tendste unter ihnen, Leonardo da Vinci, viel zu kurz behau- delt ist. Ew großer Teil seiner Ideen ist erst in neuerer Zeit ver- wirklicht worden. Trotzdem aber gibt der Abschnitt einen guten Ueberblick über die tapferen Leute, die, von inneren» Drange ge trieben, den Inquisitoren, der Verleumdung und abergläubischer Furcht ihrer Mitmenschen trotzten. Auffällig ist die große Zahl von Mönche», die sich mit solchen „Teufelsdingen" beschäftigten. Da ist der Dominikaner Albertus Magnus, der mit seinem gewöhnlichen Namen Graf von Soll- städt hieß, der, an Aristoteles anknüpfend, zahlreiche Gebiete der Physik, Chemie und Mechanik behandelt. Er hat sich hierbei nur als Ueberlieferer, nicht als Neuerer bewährt. Die Legende aber machte ihn zum großen Zauberer und in mancher Sage lebt fein Name fort. Dann zwei Franziskaiwrmonche. Zunächst der Deutsche Konstantin Anklitzer, den man wahrscheinlich seiner „Schwarzkunst" wegen Berthold Schwarz nannte und dem die Erfindung des Schießpulvers zugeschrieben wird. Doch gibt Marcus Graccus in seinem Werke„lüder ignurn" schon 846 n. Chr. die Pulvermischung an. Immerhin bleibt den Deutschen der zweifelhafte Ruhm, das Puloer zuerst in Feuerwaffen angewendet zu haben. Der andere Franziskaner ist der„Doktor Mirabilis" der Oxforder Universität, Roger Bacon, der Erfinder des Ver- größerungsglafes und Berfaffer zahlreicher technischer, naturwissenschaftlicher, philosophischer und medizinischer Werke. Er wurde als Hexenmeister und Ketzer ins Gefängnis geworfen und seine Schriften endeten, soweit man ihrer habhaft werden konnte, auf dem Scheiter- Haufen. In der Reihe der aufgeklärten Geistlichen, die auf natur- wissenschaftlich-technischem Gebiete Hervorragendes leisteten, nimmt Nikolaus Kopernikus einen hervorragenden Platz ein. Er war als Arzt, Mathematiker und'Astronom gleich berühmt. Sein Hauptwerk aber, das in der Erkenntnis gipfelte, daß die Sonne und nicht die Erde den Mittelpunkt unseres Planetensystems bilde, trug er viermal neun Jahre bei sich, ehe er es verosfenllichte und dem Papste widmete. Auch Johannes Kepler, der große Nachfolger des Kopernikus, war ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt. Der Augustinermönch Michael Stiesel führte 1544 an die Stelle von Zahlen Buchstaben in die Rechnung ein, um allgemein gültige Formeln zu erhalten. Er wurde so zum Begründer der Algebra, ohne die die nioderne Technik gar nicht gedacht werden kann. Mit besonderer Energie setzte der Kampf gegen diese Art von Gelehrten nach der Einführung der Buchdruckkunst durch Johann Gensfleisch von Sorgenloch ein, der sich im geschäftlichen Leben auch Johann Gutcnberg nannte. Zahlreiche Werke kamen auf den Index der Kirche. Die Arbeiten Leonardos da Vinci zu würdigen, fehlt hier der Raum. Er ist einer der größten Techniker aller Zeiten gewesen. Praktisch hat er zahlreiche Befestigungswerke sowie mehrere Kanal- bauten ausgeführt. Daneben betätigte er sich auf allen technischen Gebieten. Er war der große Neuerer, und sein Denken war seiner Zell um Jahrhunderte vorausgeeilt. Trotzdem ist jahrhundertelang weniger der Techniker als der Künstler- Leonardo geschätzt worden. Der Grund dafür ist eben in der allgemeinen Mißachtung der Technik zu suchen, die auch heute noch nicht gänzlich überwunden ist und hier und dort noch leise anklingt. Auf die mathematischen Arbeiten des Simon Stevinus geht die Graphostatistik zurück, die dem Brückenbauer, überhaupt den Eisenkonstrukteuren, ein unentbehrliches Rüstzeug geworden ist. Hieronymo Cardanus lehrte um 1LSV als Professor der Matl)ematik und tf�Arzt in Mailand, Pavia und Bologna. Cr er- gründete die UrsMe der Verbrennung, von ihm rührt die so- genannte Cardanische Formel her- die«ine Lösung der kubischen Gleichung ergibt. Henry Briggs gab 1617 die ersten Logo- rühmen tafeln her aus, die das Rechnen außerordentlich erleichterten und auf denen die Einrichtung des in der Technik allgemein üb- iichcn Rechenschiebers beruht. Galileo Gallilei, der ausgezeichnete Astronom, der u. a. die Fallgesetze fand, ist auch der Erfinder des Proportionalzirkels und des Thermometers. Seine Arbeiten über die Schwere der Luft gehen den Versuchen des Erfinders der Luftpumpe, des Magdeburger[ Bürgermeisters Otto v. Gnericke, voraus. Wie diese Arbeiten, zu denen manche andere ergänzend genannt werden müßte, bereiteten fast unmerklich den Boden fiir die heutige Technik. Das Mittelalter erscheint uns wie eine Zeit der Ruhe. Es war aber die Ruhe vor dem Sturm, der alsbald die mittelalterlichen Geistesmauern zertrümmerte und die Bahn fiel- macht�'sür die Auswirkung technischer Großtaten. vom Schlafwanöeln. „Eine groß« Zerrüttung in der Natur, zu gleicher Zeit die Wohltat des Schlafes zu genießen und die Geschäfte des Wachens zu verrichten." klagt' der Arzt, als Ladi, Macbeth schlafend um- geht und versucht, sich die Hände zu waschen. Diese Szene macht aus der Bühne stets einen besonders tiefen Eindruck. Aber auch im Leben dürfte es kaum einen erschütternderen Anblick geben als den eines schlafwandelnden Menschen. Es kann darum nicht wunder- nehmen, daß die Phantasie den Menschen, die solche Zustände haben, allerhand mystische Kräfte und Fähigkeiten angedichtet hat. Sie fallen auf steilen Dachfirsten und Dachrinnen mit Sicherheit wandeln können, geistige Arbeiten verrichten, die sie im wachen Zustande nicht zu bewältigen vermögen. Bücher in fremden Sprachen lesen, die sie nie gelernt haben. Alle solch« Berichte stammen aber, wie in dem zugleich lehrreichen und unterhaltenden„Buch der tausend Wunder" van Artur Fürst und A. Mofzkawsk!(Berlaq 2l. Langen, München) ausgeführt wird, van Menschen, auf deren Beobachtungs- galx und Urteilskrast man sich nicht verlassen kann. Der Zustand hat auch trotz der weitverbreiteten gegenteiliaen Ansicht nichts mit irgendeiner geheimnisvollen Wirkung des Mondes zu ttm. Der „Mondsüchtige" wandelt, ob das Gestirn scheint oder nicht scheint, ob es ab- oder zunimmt. Aber auch sanft begibt sich hier nichts Ueberfinnliches. Sellen sind die Handlungen Schlafwandelnder zursrigsfig beschrieben worden. Ein verläßlicher Bericht aus der Feder eines Vieslauer Arztes schildert dessen Pslegesohn, einen inunteren auf- geweckten Knaben, der zur Zeit der Beobachtung elf Jahre alt war. Lautes Sprechen im Schlaf, Aufstehen zur Zeit des Vollmondes, zweckloses Umhergehen, automatisches Anfassen dieses oder jenes Gegenstandes, ruhiges Ausweichen vor absichtlich hingestellten Hinder- Nissen, Oeffnen des Fensters und 5)inausschauen, Uncmpfindlichkeit gegen vorgehaltenes Licht bei halbgeschlosienen Augen, ebenso gegen Anrufen, endlich freiwillige Rückkehr in das Bett und Mangel an Erinnerung des Traumwandclns, alles das ist klar irnd einfach be- schrieben, aber es fehlt dem ganzen Verlauf jede Spur von Mystik. Der Nachtwandler verstand keine fremde Sprache, nahm aber aus dem Repofitvrium u. a. den Rousseau heraus, setzte sich hin und tat, als läse er darin. Welch prächtige Gelegenheit, das Erwache» höherer Geisteskraft im Traumwandeln z» konstatieren I Das potz- liche Verständnis einer fremden Zunael Der Pflegevater, Medizinal- rat Ebers, aber macht dazu die Bemerkung, der Wandler habe beim Blättern in diesem Buch ebenso automatisch ausgesehen wie bei jedem anderen: er könne nicht glauben, daß er auch in einein deutschen Buch irgend etwas gelesen habe. Als Ebers ihm einmal, nachdem er ihn eine halbe Stunde hatte wandeln lasten, mit der Reitpeitsche kräftig eins überbieb, lief er schreiend in sein Bett; später scheint dann das Geräusch der Peiische allein ausgereicht zu haben, das Aufstehen zu verhindern. Es wurden ferner wurm- treibende Mittel gegeben, worauf einige Würmer abgingen. Nach dieser Zeit kam kein Nachtwandeln mehr bor. Aus feiner eiaenen Beobachtung berichtet ein anderer Arzt, Bins, folgendes:„K., ein stets gesunder Mann aus gesunder Fo- milie, in der Regel mit vorzüalichem Schlaf begabt, litt während seiner Jünglings- und frühen Mannesiahre an Schlafwandeln. Er war von lebhaftem Temperament. Seine aewöhntichcn Träume äußerten lich in Sprechen unzusaimiienhängender Worte und Auf- sitzen im Bett. In einer Nacht, er mochte damals 1? Jahre zählen, stand er auf, machte Licht, kleidete sich an, rafft« feine Schulbücher zusammen und stieg die Trepve hinab bis in den Hausflur..Hier oar einer großen Uhr mit kräftigem Schlagwerk angekommen, blieb er stehen und leuchtete, wie regelmäßig im Winter des Morgens früh, nach dem Zifferblatt. Der Zufall wollte, daß die Uhr In diesem Augenblick zwölf schlug. Bei den letzten Schlägen war er so wach geworden, daß er das Unsinnige seiner Lag« erkannte und, erschreckt über sich und die Geisterstunde, eilte er zu mir, seinem damatigen Schulkameraden, weckte mich und erzählte mir den Bar- fall. Ick beruhigte ihn, und er ging darüber ruhig wieder zu Bett. Ob die Bücher die für den folgende Tag richtigen waren, wurde nicht untersucht. K. hatte geträumt, es fei morgens gegen 7 Uhr und er müsse zur Schule gehen. Automatisch tat er. was er fast täglich feit Sexta zu tun hatte, iind erst die vollen Töne der Uhr weckten ihn auf. Drastischer und mehr an die Klettcrberichte über Nachtwandelnde erinnernd war folgender Borsall, der stch ereignete, als K. 32 Jahre alt und verheiratet war. K. wurde nachts gegen 2 Uhr wach, weil ihm die Knie schmerzten. Das Zimmer war vom Mond genügend beleuchtet, um ihn feine absonderliche Lage erkennen zu lasten. Er kniete nämlich im Hemd auf dem sechs Fuß bohen Porzellan afen des Schlafzimmers und hielt sich mit beiden Händen krampfbaft an dessen Seitenrändern fest. Durch Zuruf weckt« er feine Frau: dies« hielt den vor dem Ofen stehenden Stuhl und, auf seine Lehn« tretend, stieg K. herab. K. war als guter Turner auf denselben hlnoufzcftt Den w-nk-n Ofen batte er akieribar für ein Objekt feines Traumes gehalten, von dem übrigens keine Erinnerung übrig geblieben war. / Wissen unö Schauen Vom Kropf. Es ist eine bekannte Erscheinung, daß in bestimmt«» Gegenden ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung schon seit Generationen am Kropf erkrankt ist. Diesen sogenannten ..endemischen Kropf" findet man vor allem im Gebirge, in den Zentralalpen sowie in Himalaja, den Anden und Kor- dilleren: er ist also nicht auf ein bestimmtes geographtsches Gebiet beschränkt. Doch auch in der Ebene ist der endemische Kropf anzn- treffen, so z. B. in der l o m b a r d i s ch e n Eni e n e, im Elsaß, am Ganges, Brahmaputra usw. Schon lange sucht man nach den Ursachen dieser eigenartigen Erkrankung, die in einer Ber- größernng der Schilddrüse besteht. Oft ist diese Vergrößerung mit einer Degeneration des Drusengewebes verbunden und ergibt dann die Ersdjdnung des Kretinismus: zwerghaft gebliebene Menschen mit pergamentartig trockener und runzliger Haut und völlig unent- wickelten Geistesfähigkeiten. Da der endemische Kropf auf ganz bestimmte Gebiete beschränkt ist, vermutete man Sange Zeit eine Abhängigkeit von dem geologischen Untergründe: und zwar soll durch das Quellwasssr dieser Einfluß auf den Menschen ausgeübt werden. Es sind zahlreich«„K r o p s b r n n n e n" bekannt, deren Wasser als kropfbrinaend angesprochen wird. Diese Abhängigkeit des Kropfes von der Bodenart und dem Wasser ist aber längst bestritten worden. So ist es ausfallend, daß auch in einem Kropfgebist die Krankheit in recht r>erschiedener Verbreitung auftritt; Kropf findet sich oft nur in bestimmten Dörfern oder nur wieder in einzelnen Häusern eines Dorfes. In letzter Zeit wurde besonders darauf hingewiesen, daß der I o d g e h a l t des Wassers von größter Wichtigkeit für die normale Schilddrufenfunktion fei. Wenn das Wasser'zu arm an Jod sei, dann vergrößert sich die Schilddrüse, um den Jodbedarf des Körpers trotz der geringen Zufuhr decken zu können. Diese Ab- hängizkeit des Kropfes vom Jodqehalt des Wassers ließ sich aber auch nicht für alle Fäll« nochweisen. So ist in der Po-Ebene der Kropf sehr verbreitet, obwohl Wasser und Luft stark jodhaltig sind. Ferner findet sich schwerer Kropf und Kretinismus in den Gebirgs- tälern, weniger dagegen in der Höhe, wo der Jodgchalt des Wassers aber gerade abnimmt. Da die unmittelbare Beobachtung keine befriedigende Lösung des Kropsproblemes brachte, wandte man sich dem Experiment zu. Es ist gelungen, Kropf experimentell sowohl zu erzeugen wie sein Entstehen zu verhindern. Es scheinen Berunreinigmigen und viel- leicht auch Bakterien zu sein, die den Kropf erstehen lassen. So bekommen Fische typische Schilddrüsenvergrößerungen, wenn sie in mehreren aufeinander folgenden geschlossenen Becken gehalten werden; bei Ratten und Ziegen tritt Kropf auf, wenn sie Kot gefressen haben, und bei verschiedenen Tieren hcct man Kropf hervorrufen können, wenn man ihnen Bakterien verfütterte, die aus Kotmassen stammten. Unter bestimmten Bedingungen kann also der Kropf in derartigen Berunreinigungen seine Ursache haben, und darauf deutet auch die Tatsache hin, daß oft die Zahl der Kropfertrankungen beim Menschen flußabwärts bei zunehmender Wasssrverunreinigung steigt. Wichtiger sind die Beobachtungen über Verhinderung der experimentellen Kropferkrankungen. So kann die Kroofentstehung unterdrückt werden durch Verabreichung von Thymol, Arsen, Subli- mal, besonders aber von Jodocrbindungen. Heutzutage wird die Behandlung mit Jod in Kropsgebieten als w i ch t i g st e vorbeugende Maßnahme mit gutem Erfolg geübl, besonders in Rmdmiierita. Alle derartigen Maßnahmen haben das Ziel, die Schilddrüsenfun ktilm in der Zeit der größten Inanspruchnahme zu unterstützen und so zu beeinflussen, daß sie sich nicht vergrößern muß, um alle ihre Leistungen zu erfüllen. Zum Schluß sei erwähnt, daß außer dem endemischen Kropf zwei andere Formen vorkommen Der„epidemische Kropf" tritt, wie schon der Ranie sagt, als Epidemie auf. Sehr berühmt ist der Fall von Nancy geworden: In einer Kaserne erkrankte 1873 «in Teil der Soldaten, während die Offiziere und Unteroffiziere ver- schont blieben. I» anderen Kasernen derselben Stadt war dagegen kein Kropf festzustellen. Aehnliche Beobachtungen sind auch später »och oft gemacht worden, manchmal traten die Erkrankungen nur in einem beschränkten Teil eines Gebäudes, in«inem Stockwerk usw. auf Die letzte Form ist schließlich der„sporadisch« Kropf". der unvermitielt in sonst kropffrcien Gebieten erscheint. Er ist viel häusiger, als für gewöhnlich angenommen wird, und ganz besonders verbreitet sind diejenigen Fülle, die nicht weiter aufsallen und oft erst bei der Sektion zutage treten. Kulturgeschichte Das Geheimnis der alten Geigen. Bei der Untersuchung alt- italienischer Geigen von Amati, Alban!. Stradivari usw. ist unter dein Lack eine e l a st i s ch e G r u n d s ch i ch t aufgefunden worden. Diese Grundschicht würde also dazu gedient haben, die Poren des Holzes dauernd zu verstopfen, so daß eine einheitliche Fläche ent- steht. Harz würde den Ansprüchen nicht genügen, da es bei Erwär- muilg wieder weich wird und herausquillt, ohne nachher genügend zurückzufließen. Auch Oele genügen nicht. Wie haben nun die alten italienischen Geigenbauer die elastische Verstopfung der Poren zu Weg« gebracht, die jeder Temperaturverschiebung des Holzes nach- gibt? Der Grazer Chemiker Ditnwr denkt an eine Imprägnierung mit einem Milchsaft nach Art der natürlichen Kautschukmilch. Freilich lebt« Amati in Crewona von 15S6 bis 1(584, und Stradivari starb 1737. während die Kunde von den Kautschutsäften aus Ecuador erst 1736 nach Europa gelangte. Aber das ist kein Grund, anzunehmen, daß die italienischen Geigenbauer nicht schon früher Kenntnis von der Gewinnung und Benutzung ähnlicher Milchsäfte hatten. In Italien gibt es massenhaft W o l f s m i l ch a r t e n, die kautschukhaltigen Milchsaft führen. Natürlich war die Anwendung ein Fabrikgeheimnis, das man möglichst sorgsam hütete. Vielleicht sind sogar unsere deutschen Wolfsmilcharten in ähnlicher Weise zu verwenden: so könnte das verachtete Unkraut zu ungeahnten Ehren kommen. himPelskunüe WM Gibt es Eiswolkcn? In Beschreibungen von Bergsteigern und Luftschiffern findet sich oft eine Stelle wie: der Ballon, der Mann oder dergleichen befand sich in einer E i s w o l k e: die K r i st a l l e blitzten im Sonnenschein oder auch im Mondlicht. In der„Meteo- rologischen Zeitschrift" bezweifelt aber 5iilding Köhler, daß die Be- Zeichnung Eiswolke richtig ist. Die Existenz von Kristallen beweist noch nicht, daß Wolke oder Nebel ganz aus Kristallen gebildet war. Man findet sehr oft im Nebel Eiskristalle, wenn die Temperatur unter Null steht. Aber es gibt auch Nebel, die aus flüssigen Tropf- che» unter Null Grad bestehen. Köhler behauptet, daß im Nebel stets bis zu 20 Grad unter Null Wassertröpschen vorkomme» Der Hauptsache nach bestehen die Nebel überhaupt bis zu dieser niedrige» Temperatur aus Wassertröpfchen, auch wenn dabei und dazwischen Eiskristalle vorhanden sind. Es gibt gewiß auch wirkliche Eiswolken, das wird unwiderlegbar durch Halo-Erscheinungen, Glorien bei Nebensonnen u. dgl. bewiesen: aber auch nicht alle diese Glorien ent- stehen durch Ciswolken. Glorien bilden sich in Wolken und Nebet immer dann, wenn die Lichtquelle geeignet orientiert ist, und sie sind gleich schön, ob die Temperatur über Null ist oder darunter. Aber das beantwortet noch in keiner Weise die Frage: ob Eis, ob Wasser? DOiliOW Naturwissenschaft Wasserdichte Stesse in der Natur. Die Stoffe, die wir als wasser- dicht bezeichnen, verdanken ihre Eigenschaft entweder dem Material selbst oder der Substanz, mit der sie imprägniert sind. Diese Sub- stanzen sind aus dem Pflanzen- oder Tierreich bezogen, und deshalb liegt der Gedanke nahe, daß es auch in der Natur schon Borrichtun- gen zum Wasserabhalten gibt. Dem ist in der Tat so. Betrachten wir z. B. die aus Amerika eingeführte Kapuzinerkresse, die sich heute in jedem Bauerngarten befindet. Me man sie auch begießen mag, niemals bleibt ein Tropfen an ihren Blättern hängen, weil eine Wachsschicht alle ihre grünen Teile überzieht. Auch au unseren Kohlköpfen, spitzen wie krausen, grünen wie roten, kann man nach dem Regen sehen,' daß sie vor Befeuchtung geschützt sind. Auch viele Tier« sind in diesem Falle: manche Blattläuse, Schildläuse, Zikaden usw. Bicle Schwimmvögel be- sitze» in der Nähe des Cchwanzbürzels eine Drüse, deren schmieriges Sekret mit dem Schnabel über die Federn gestrichen wird und sv das Tier völlig unbenetzbar macht, obwohl es Stunden auf dem Wasser verbringt. Auch der Pelz vieler Säugetiere wird mit emer natürlichen Pomade eingefettet, die in den Talgdrüsen der Haut zur Abscheidung kommt und von dort direkt auf die Haare gelangt. Aus der Hamslcrsagd. Der Hamster, der in West- und Süd- deulschland fast vollständig fehlt, kommt in anderen Gegend«» Deutschlands, z. B. in Sachjen und Thüringen, so häufig vor, daß er manchmal zur Landplage wird. Die Jagd auf diese gefräßigen Nager ist daher notwendig. Wie sie betrieben wird, davon erzählt anschaulich ein Beitrag des„St. Hubertus". Der Bau des Hamsters befindet sich etwa Itzl- Meter unter dem Evdboden; er besteht aus einem Wohnraum mit anstoßender Vorratskammer, in der oft Ee- treide bis zu einem Zentner„gehamstert" ist. Alte Hamstermänncheir lege» sich sogar mehrere Getreidekammern an und fügen daher der Landwirtschaft empfindlichen Schaden zu. Der Hamster verschmäht neben dem Getreide auch Tiere nicht, raubt Mäuse und junge Böget. Cr ist«in mürrischer Einsiedler, der nur während der Paarungszelt mit dem Weibchen zusammenlebt und sich sonst seiner vielen Feinde wegen sehr verborgen hält. Es ist daher nicht leicht, ihn zu fangen. Bis in den März hinein hält er seinen Winterschlaf, zu dem er sich im Oktober zurückzieht, nachdem er vorher die Röhren seines Baues mit Erdreich verstopft hat. Man erkennt«inen Hamsterbau an den mit Aehrenresten bedeckten Hügel vor der Baueinfahrt. Geoeu seine Feinde ist der Hamster sehr mutig, wehrt Ws aus Leibeskräften gegen Fuchs und Jttis, gegen Eule und Habicht, die ihn angreifen, und rückt in seiner Wut sogar den Ntenschen auf den Leib. Die Hamsterjagd wird am besten mit Fallen aus Holz und Draht be- trieben, die zu diesem Zweck eigens konstruiert sind. Di« Fallen werden direkt über oder in die Fallöcher gestellt, und zwar im Herbst oder im Frühjahr. Man gräbt auch nach Hamstern oder scheucht sie auf, indem man Wasser in den Bau gießt. In diese» beiden Fallen werden die aufgescheuchten Hamster dann von Hunden abgewürgt. Der Gewinn des Hamsterjägers besteht in dem Getreide- vorrat, den er im Bau findet, und den wertvollen Hamsterbälgen sowie endlich in dem Fieisch, das von Kennern als sehr schmackhaft bezeichnet wird.