Nummer 44 16. November 1923 ____ AnterhaltuntzsbeLlatze öes Vorwärts �.......................> Das lächerliche Herz. Von Paul W. Eisold. Unter den vielen, vielen Ramenlo�en, die allmorgens da» große Warenhaustor verschluckt«, war auch Eonja. Täglich geschah da» gleiche: der Pförtner lehnt« mißmutig neben seinem Häuschen, achtet« darauf, daß jede Arbeitsbiene getreulich ihre Mark« entnahm, und schloß dann das große schwer« Tor, dos gefühllos knarrt« u«d nur für die Iufpätkominenden sich widerwillig wieder öffnet«. War eben noch auf der Straß« mit dem Kommen der Mädchen«in Hauch von Frühling und Freud«, von Lachen und Lust gelegen, mit dem Knarren des Tores war alles in hart«, breit« Kälte und Strenge verwandelt. Nahezu fünfzehn Jahre hatte Sonja ihr karge» Lebensflämmchen alltäglich dnrch Frühling und svnnenvvkl« Tage hinter das große Tor getragen, unermüdlich und unbitter. Ha, auch unbitter! Sie war sich kaum dessen bewußt. Di« Jahre liefen lautlos eines hinter dem anderen her, die ewige Gleichheit ließ letztlich nur «in kleines Häufchen Sehnsucht und einen Berg Resignation zurück; dos SchieW r-":'>■-r! S»«in? bis Malcb'ne mit unheimlicher Selbstverständlichkeit gleiche Tour, von keinem Föhhwind des brau- senden Lebens gestört, beglückt, daß den stillen Teich der Entsagung kein Ruderschlag«lnes wunschvollen Bootes in Unruhe versetzl«. Und doch: anch Sonja war einst im Märchenwalde ihrer Kindheit brennend gestanden. Hott« Blumen und Wolken im Wind ihrer Hände vereinigt, war kühn auf den tausend Rossen der Phantasie durch den Weltenraum gestreist— bis an des Nachbarhauses hohen Garlenzaun. Aber die lächelnd« Leichtigkeit und die strahlende Un» beschwingtheik anderer Kinder ging ihr nicht ein: mit ernsten Gesichten wuchsen die Märchengestalten«ms. ein strenger und herber Schein umfloß sie: es schien, als hätten sie schon die leisen, aber desto schrecklicheren Schleier ewiger Resignation umfangen. In der En« und Kleinheit des Elternhauses lernte Sonja früh- zeitig sich bescheiden. Lernt« alles neidlos sehen und die große Kunst. sich aus wenigem ein« für sie große und schöne Welt zu bauen und — festzuhalten. Sie sah auch kaum über den Umkreis der Märchen- gestalten hinaus. Di« Welt dahinter mit ihren tausend Herrlichkeiten und ihrem herrlichen Tausenderlei klang nur durch die In- strumente der ernsten Märchengestalten sie an und fiel ihr wieder ab, ohne das Kleid zu berühren. So mochte es geschehen, daß Sonja frühzeitig die Kammhöh« eines gereiften, geklärten und beschaulichen Lebensanschauens erreicht«, daß sie unbitter und mit einem beinah« übermenschlichen Mähe von Resignation das graue Gesicht der ewig- gleichen Tag« schaut«. Sie hakt« sich durch Treu« und Fleiß das Vertrauen ihrer Vor- gesetzten erworben. Stand gewissenhaft einer Abteilung des großen Bienenstocks vor und war ausgesöhnt und zufrieden in dem Gedanken, ihre Pflicht zu hm und sich anerkannt zu sehen. Mit ihren Kolleginnen pflegt« sie wenig Gemeinsamkeit, meist wanen sie um vieles jimger als Sonja und wußten nur von Tcmz und Vergnügen. Da geschah es wähl manchmal, daß«in« harte Kälte— oder war es Haß?— ihr auskam, daß plötzlich ihr kunstvoller Bau sein« mit Tränen und Herzeleid gekittete Größe verlor und bedenklich zitterte. Dies zu vermeiden, schloß sich Sonja ab: So war das Leben leichler. Da war in den Tagen wachsenden Frühlings eine seltsame Ver- änderung mit Sonja geschehen. Nicht, daß sie nicht immer gut und einfach angezogen gegangen wäre, hegt« sie auf einmal mehr Sorg- falt auf ihre Kleidung. Leise sang sie vor sich hin, und ihre nicht eben mehr jungen und gleichen Züge verschönte ein fernes, nach wnen erschlossenes Lächeln. Ja, sie sprach nun öfter mit den Kolleginnen, ließ sich von ihnen über ihre sonntäglichen Vergnügungen erzählen und verriet sich sogar einmal, als sie sagte, dahin wolle sie auch mit Ihnen gehen. Gleich darauf aber ritten die feuerroten Reiter einer backfischhoften Scheu über ihr Gesicht und taten so noch mehr kund, was ihr Mund bisher verschwiegen. Die Mädchen kicherten und stießen sich an. Sonsa aber schwamm in einer süßen Blindheit und schien wie aus sich selbst herausgefallen in den Frühling, der überall draußen«m Hecken und Bäum« wehte So nahm«in Tag des vergangenen Gesicht an, sa, verschönt« sich und wurde immer inhaltsvoller, bis einer das Fest bracht«, za dem Sonja mit ihm gehen sollte. Aber m dieser Erwartung rudert« i eine böse Angst, ein« bittere Finsternis und fraß die Seligkeiten fast i auf: die bunten Vögel der Eitelkeit hockten auf Sonjas Schultern und i kicherten und flüsterten. Da war dos Kleid nicht schön genug und ■ jenes nicht genug.jugendlich"(ja, auch hinter den verblaßten Photo- graphien der Jugend suchte sich da» aufgescheuchte Herz zu finden s, ! und zum ersten Male wuchsen unter dem Kornfeld der kleinen Rot >die Blumen gelben Neides auf. Und mit dem Neide wackelt« mit i kleinem Finger«in Schreckliches und Böses an dem festgefügten Bau j der Ehrlichkeit, und als dieser klein« Finger sich«in wenig einhake» j konnte, stürzte mit einem Ruck alles zusammen, und gleißend, lockend lag das Land: da war an ihrem Berkaufsstand ein« Bluse, die ihr ; schon lang« aus der Unzahl der Waren aufgefallen. Sonja über- dacht« ihre Barschaft und rechnete: es langt« nicht! Dann wollte si« >sich das Geld borgen, jedoch im nächsten Augenblick lacht« sie sich ] fekbst ans: wer sollt« es ihr geben? Da überrann es sie fieberheiß: ! wenn sie nun gleich... nein, nein, das wäre ja Diebstahl... wen» sie nun dies« Bluse selber borgt«. Jäh war sie etwas erleichtert. Da» ! war«in vortrefflicher Gedanke! Rein Mensch würde so«twas da ovo i erfahren. Sie würde die Bluse am nächsten Morgen wieder an ihrer» Platz legen und— nichts wäre geschehen. Anfangs erschrak sie vor diesem Gedanken. Ihr ganzes Inner« i sträubte sich, und fast wäre sie hingegangen und hätte dem Chef ihr � Vorhaben verraten. Aber-- dann schwenkten die jungen Birke» ; eines neuen Lebens so berauschend ihre grünen Schleier über sie ! hin, daß sie trotzig und durch dies« Reaktion wieder«in Stück die i Straße abwärts geschleudert, immer mehr mit der Tat rechnet« und für deren unauffällig« Ausführung alles vorzubereiten begann. Nun waren alle Schranken gefallen! Die Rosse einer jahrelangen Zurückhaltung gingen im Sturm aus den engen Ställen, und die • höchsten Mäste der Freude und Begeisterung schmückten sich mit � bunten Wimpeln. Wie im Fieber vrnichtete Sonja ihre Garderobe, j fast hätte sie den Spiegel mitgenommen, um jede» Fältchen und | jedes Söckchen in Ordnung halten zu können. Es war etwa» Komisches um diesen sich als Frühling gebärdenden frühen Herbste um dies« krank« Eitelkeit eines alten Mädchens. Und dann stand dieses brausende Herz auf der brausende» Straße, ein bis zum Rande überschäumender Becher von Hoffnung, Freud«. Sehn Oiiendowski, der in mssischm Diknfien in Sivirien tätig war, hat srinr Eri'dnissr während der roten Revolution darin geschildert. Sie lesen sich wie ein Abenteurer- roinaiL aber sie geben unvergleichlich viel medr ttbcr Land und Leute in Sibirien und Tibet und vor allem in der Mongolei Die lamaist'sche Wunderwelt wird hier vor uns autgetan, und die seltsame Gestalt des anti bolschewistischen russischen Barons Ungern-Sternberg, des Organisators der Mongolei, lebendig vorgesiihrt. Das Buch ist in deutscher Iledersetumg unter dem Titel:„Tiere, Menschen. u nd Götter" in der Frankfur:er Societätsdruckerei erschienen. Culenspiegel Nssrüööins Kessel. Einmal bat Nasrüddin seinen Nachbar, ihm«inen Kessel zw borgen, damit er seinen Gästen Pilas kochen könne. Diesen Kessel stellt« er am nächsten Tage wieder zurück und brachte obendrein dem Nachbarn noch ein kleines Kesselchen. „Was soll es mit diesem Kefselchen?" fragte der Nachbar. „Ei, du Dummkopf," antwortete Nasrüddin,„dein Kessel ist doch«in Weibchen und sieh, es hat bei mir entbunden und dieses kleine Kesselchen zur Welt gebracht." Das gefiel dem Nachbar nicht übel und«r trug mit Vergnügen beide Kessel nach Hause. Nach einiger Zeit bat Nasrüddin seinen Nachbar wieder, ihm den Kessel zu borgen. Der Nachbar brachte den Kessel und sprach: „Es kommt mir so vor, als ob der Kessel wieder schwanger war« und wie es scheint, mit Zwillingen. Wenn daher Nachwuchs der der Kesselsamilie erscheint, so liefere mir alles ab." Es oerging ein Monat, aber Nosrüddü: stellte den Kessel nicht zurück. Da kam der Nachbar und fragte, warum er den Kessel nicht zurückbekomm«. „Ach, dein Kessel ist unter fürchterlichen Schmerzen gestorben. und es ist zu keiner Entbindung von Zwillingen gekommen," ant- wartete Nasrüddin. „Kann denn ein Kessel sterben?" schrie entrüstet der Nachbar. „Es ist besser, wenn du mir ihn gutwillig zurückgibst." „O, du Dummkops," erwiderte Nasrüddin,„wenn du geglaubt hast, daß dein Kessel Kinder gebären konnte, so mußt du auch glauben, daß er sterben kann. Geh und sei in Zukunft klüger!" * (AuZ dem jüngsten Bande der„Märchen der-Wellliteratur":„Märchen aus Türke stau und Tibet'. Verlag Engen Dicderichs, Jena) Tto Zichtes Wiege. tag Don Edgar Hahn«wol d.') Ein Nooembertag. Ein schneeloser, schneidend kalter November Bischosswerda stand starr und erfroren, der Kälte preisge- geben. Die Häuser drängten sich regungslos aneinander. Durch die kahlen Gassen schnitt der Wind. Die gebuckelten Hügel zogen als fahle Kulissen ringsum als blasse Schatten der sommerlichen Hugellandschast, die Stendhal entzückt«, als er im Gefolge Napoleons von Dresden her der Schlacht bei Bautzen entgegenzog. * Rundum lag die Landschaft in elner graubraunen, grauen ßiarblosigkeit. Wir stiegen über den Butterberg, einen kleinen bewaldeten Hügel nahe bei Bischosswerda. Durch mageres Stangenholz und Iungfichtenschläg« schlängelt sich«in Pfad hinab ins Ackerland. Auf Feldrainen geht man zwi- scheu gefrorenen Sturzäckern hin, an raschelnden Buschrändern ent- lang, kommt in einen dünnen Bauernwald und steht dann zwischen den Stämmen hindurch jenseits der Felder ein Dorf vor sich liegen: Rammenau. Klein, bedeutungslos liegt es im Novembergrau im Bogen um «inen großen, winterlich kahlen Teich. Es ist ein eigenartiger Eindruck: man kam durch dürftigen Wald, über kahle Felder— und da liegt ein weltvergessenes Dorf, von grauen Nebeln umhaucht, von fernstehenden Hügeln von aller Welt abgeschieden, an einem kalten Teiche. Und aus diesem licht- losen Dorfe ging der Mann hervor, aus den Deutschland, auf den Europa hörte— in diesem Rammenau wurde Johann Gottlieb Fichte geboren. * Man schreitet auf das Dorf zu und weiß im voraus: natürlich lebt in dieser grauen Verlassenheit keine Erinnerung an den großen Sohn— und man findet ein Dorf, schmuck, mit reinlichen, farbigen Fachwerkhäusern, und mitten im Dorf zwischen einem Obstbaum und einer Zypresse«in Fichte-Denkmal. Der mächtige Kopf, überlebensgroß, in dunkler Bronze, auf einem steinernen Block über einer geschwungenen Steinbank, blickt auf die Stätte, an der einst das Elternhaus stand. Hinter dem dunklen Haupte schwebte die Sonn«, von ihm be- deckt, den Kopf umstrahlend— es war, als gmge noch von diesem Bronzchaupt« aus«in Licht, ein Heller Schein in die Welt. * Wahrhaftig: Rammenau hat ein Fichte-Mufeum! Das Schloß liegt hinterm Dorfe, am End« einer hohen, fest- lichen Lindenallee. Ein schönes, weißes Schloß in ländlich heiterem Barock, umrahmt von einem Park mit kostbaren Konljeren, mit Weymuthskiefern und Douglastannen. In diesem Schlosse eutschied stch einst Fichtes Geschick. Freiherr ' Ernst Haubold v. Militz, der Freund Getlerts, weilte damals als (gast des Grafen v. Hofsmannsezg im Rammenauer Schlosse. In- folge seiner verspäteten Ankunft versäumte er die Predigt des Pfar- rers Diendorf, die er gern hören wollte. Als er das Versäumnis bedauerte, sagte man ihm, halb im Scherz, daß«in Junge, der Sohn eines Bandwirkers, im Dorfe sei, der das Talent habe, eine gehörte Predigt wiederzugeben. Militz ließ den Knaben rufen, und der kleine Johann Gottlieb Fichte kam, im leinenen Kittel, mit einem Blumenstrauß und sprach dem Grafen und der Gesellschost, diesen und jene fast vergestcnd, die Predigt vor. Der Knabe sprach, von in- nerem Feuer durchleuchtet, vorn Zuströmen der Gedanken bervegt, bis ihn der Hausherr unterbrach, weil ihm die ernsten Gegenstände der Predigt wenig in die fröhliche Stimmung der Gefellschaft zu passen schienen. Vielleicht auch, weil es ihn seltsam beirrte, seine Gäste von einem achtjährigen Gänsejungen derart bezwungen zu sehen. Diese merkwürdige Stimde entschied über Fichtes Zukunft. Milch holt« den Sohn des armen Bandwebcrs auf fein Oberaucr Schloß und ließ ihn die Meißner Stadtschule, später aber di« Fürstenfchule Pforta bei Naumburg besuchen. Des Vaters kühnster Traum war es gewesen, seinen Sohn der- einst als Pfarrer des Dorfes in der kleinen Kirche der ganzen Gc- n�inde den Segen sprechen zu hären. Davon träumte er, wenn der siebenjährige Gnttlieb der Familie dos Abendgebet vorlas. Und um den Sohn für fernen Fleiß zu belohnen, brachte ihm der Nat«r einst aus Bischosswerda die Historie vom hüru«n«n Siegfried mit. Es war das erste Buch außer Bibel und Gesangbuch, dos dem Knaben in die Hände kam. Und es erfüllte ihn so, daß er darüber im Lernen nachließ und deswegen bestraft wurde. Da entschloß er sich, das geltebte Buch von sich zu tun. Er nahm es und warf es nach langem Kampfe und mit äußerster Selbstüberwindung in den Dorsbach. Aber als es dahinschwamm, meinte er bitterlich. So fand Ihn der Vater, der den Verlust des Buches als nichts anderes als Wir entnehmen diese Schilderung dem Buche Sächsisch« Landschaften von Edgar Hahncwald, der al? 3. Band der Hei- matbücherei im Verlage des Landesvereins Sächsischer Hcimatschutz in Dresden erschienen ist. Es enthält 27 verschieden abgestimmte Schilderungen sächsischer Städte, Landschaften und Menschen. eine Vernachlässigung sein«? Geschenke? ansah, und er bestrafte»m Sohn mit ungewöhnlicher Härte. Später aber, als das vergessen war, kaufte er ihm dn ähnliches Buch, um den Sohn zu erfreuen. Aber da wollte dieser es nicht annehmen, und um nicht neuen Ver- suchungen zu unterliegen, bat er, das Buch lieber feinen Geschwistern zu schenken. So stark regte sich In diesem still gearteten Knaben schon der spätere unbeugsam«, geradeaus denkend« Mann Fichte, at» der Boter noch davon träumte, dereinst der Boter eines Dorfpfarrers zu fein. Die Spuren des Elternhauses in Rammenau hat die Zeit ge> tilgt. Rur einig« ehrwürdige Reste bewahrt das klein« Heimat- mufeum. In einer Ecke liegen in verglasten Kästen die Fichte-Llndenken: Bilder feiner Eltern, Bilder und Briefe von ihm und von Zeitge- noffen,«ine Stammtafel seines Geschlechts, vom Postagenten mit unsäglicher Geduld geschrieben, Erstausgaben seiner Werke. Es sind klein« Dinge, aber man betrachtet sie, erfreut durch die pietätvoll« Liebe, di« das alles zusammentrug, der noch ein winziges Zetrelchen teuer war. Zwei Gegenstände dieser kleinen Sammlung betrachiet man mit stärkerer Bewegung: die hölzern« Wieg« und die bäuerliche Uhr aus Fichtes Elternhaus. Uhr und Wiege— diese beiden Symbole menschlichen Kommens, Daseins und Vergehens blieben erhalten. Die Wiege, di« Ficht«? erste, unbewußt« Atemzüge umschloß, und über die sich seine Mutter neigte, ahnungslos, wessen Mutter sie geworden, und die Uhr, di« die Stunden seiner Kindheit abzählte. Unwillkürlich bringt man di« Wiege zum Schwingen und sieht sin» nend in dieses erste Gehäuse eines Menschen, aus dessen Stimm« eine Nation hörte. * Als wir im winterabendlichen Dunkel, vom Nooembersturm rauh umbraust, unter den Sternen dahin, über wogende Feldhöhen und an nachtbleichen Gewässern vorüber nach Großharthau schritten, klang der gläsern« Glockenschlog der Uhr im Ohr« nach wie eine heile Mahnung, daß die Ideale, die Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation seinem Volte als Ziel setzte, in unseren Tagen er- neut und dringlicher denn je auf Erfüllung drängen: Bildung nicht als auswendig zu lernendes Wissen, sondern als Erziehung des ganzen Menschen, und nicht als Sonderrecht einzelner Stände, son- dern als Angelegenheit der Gesamtheit des Volkes zu betreiben. vüchertisch Hessings Werke In acht Teilen. Unter Mitwirkung von Gustao Kettner. Richard M. Meyer und Arnold Zehme, herausgegeben von Theodor Matthias. 5)esse u. Becker, Leipzig, ö Bände. Der Verlag der Deutschen Klassikerbibliothek löst mit dieser Ausgabe eine Ehrenschuld ein: seine alte Lejsing-Ausgab« genügte den Anforde- rungen nicht mehr, di« wir heute zu stellen berechtigt sind. Das von Theodor Matthias unter Mitwirkung von drei anderen Ge- lehrten herausgegebene Werk ist, um es kurz zu jagen, die Lessing- Ausgabe für weitere und weiteste Kreise. I» acht Teilen wird alles geboten, was von Lessing lebendig geblieben ist. Reben den G«- dichten und den wunderbar prägnanten Fabeln finden wir die Jugenddramen und die fünf klassischen Werke„Miß Sara Sainpson", „Philotas",„Minna von Barnhelin",„Emilia Galotti" und„Nathan der Weise". Die in den Schulen gelesenen kritischen Hauprschriften „Hamburgische Dramarturgie" und„ßaotoon" sind in mustergültiger Form vertreten: der„Laokoon" enthält als wertvollen Anhang die für Lessings Schaffen bedeutsamen Entwürfe. Vollständig erhalten wir auch die„Briefe, di« neueste Literatur betreffend", bekanntlich «ins der wichtigsten Zeugnisse für di« Literaturentwicklung im 18. Jahrhundert. Die Horaz-Ähriften, eine glückliche Auswahl aus den Antiquarischen Briefen, die schone Abhandlung„Wie die Alten den Tod gebildet" und die lang« Reihe der theologischen und philo- sophischen Schriften vervollständigen das Bild des streitbaren Kri- titers und machtvollen Reformators. Mit Anerkennung ist schließ- lich der reichen Auswahl aus Lessings Briefen zu gedenken. Das Lebensbild(aus der Feder des Herausgebers), die Einleitungen und die sorgfältigen Anmerkungen: alles steht auf der Höhe der heutigen Forschung und wird vielen erwünscht« Aufklärung geben. Der Text kann als mustergültig und vorbildlich bezeichnet werden. K. O. Bruno H. Bürgel,..Me«schen unteretnender" und„Zn, Karten Gottes".(Beide im Verleg Ullstein, Berlin.) Im ersten Buchs spricht der Berfasse.' von Menschen, wie sie sind, zu Men- scheu, wie sie sein sollten. In 16 gut geschriebenen Aussätzen zur Lebensführung. Vieles, aber nicht alles können wir unterschreiben. An mehr als einer Stelle wendet Bürgel sich gegen die„Masse". Gerate er, der seine Biigraphie„Bom Arbeiter zum Astronomen" sehrieb, hätte das Problem vorsichtiger und tiefer fassen müssen. Und inzwischen dürfte Ihn auch die Haltung der„Masse" an Rhein und Ruhr im guten Sinn« stutzig gemacht haben. Ausgezeichnet ist dagegen das zweite Buch, abgesehen vom Titel, denn der Verfasser führt uns„Im Garten Gottes" keine Gewächse, sondern abgeschlos« sene Bilder aus der Geschichte der Erdoberfläche, der Sonne und Gestirne und einschlägigen Gebieten vor. Hier ist der Astronom, Physika und bewährte Beherrscher volkstümlicher Darstellung in seinem Element. Ein Buch auch für lernfreudige Arbeiter und Volksbü hereien! L. L. Wissen und Schauen Erökunöe MldgtmZe als Hvhenflikgrr. An txr Nordleeküste kann der Wanderer, der in der Abenddämmerung eines Wintertagss seine Straße zieht, oft leise krächzende Stimmen hören, die hoch aus den Wolken zu kommen scheinen. Bei klarem Wetter kann er beim Schein des Bollmtmds wohl euch einen Schwärm von Vögeln sehen, die m keilförmigem, die Gestalt eines V zeigenden Fluge hoch oben dahinziehen und deren Silhouette sich einen Augenblick lang vom Himmel abhebt. Die schreienden nächtlichen Wanderer erscheinen dem Auge deshalb so klein, weil sie in gewaltiger Höhe fliegen. In Wahrheit hantelt es sich um die größten aller Zugvögel. Es sind Wildgöns«, die betreut und bewacht von den die beiden Fltigil des Zuge» flankievenden Führern dahinziehen, bis sie eine günstige Futtergelegenheit entdeckt haben. Sie haben eine Reise von Tanten- den von Meilen hinter sich. Kommen sie doch aus den arktischen Regionen, die sie, wenn der strenge Frost sie der Futtergetcgenheit beraubt und mit Hungersnot bedroht, verlassen, nin wärmere Län- der auszusuchen. Sie erreichen die Nordseeküste zumeist im Spät- herbst oder zu Anfang des Winters und bleiben hier, bis der Früh- ling kommt, um dann zur Nistgelegenheit Norwegen und die Polarländer aufzusuchen. Wildgänse sind im Flug ungleich aus- dauernder als andere Zugvögel und erreichen Höhen, die minder kräftigen Fliegern unerreichbar sind. Dafür erbrachte jüngst ein« Photvgraphi« bemerkenswerten Beweis, die auf einem großen Ob- fervatorium aufgenommen wurde, um einen schwarzen Punkt, den man beobachiet hatte, festzustellen. Als die Photographie dann ver- größert wurde, bemerkte man mit Staunen, daß dieser angeblich« Sonnenfleck nichts anderes war als«in Schwärm von Wildgänsen, die in der gewohnten keilförmigen Ordnung am Himmel dahinzogen. Unter Zugrundelegung der bekannten Flugschnelligkeit der Vögel konnte man leicht feststellen, daß sie in einer Höhe von rund I000l> Metern vom Boden aus gerechnet, dahinflogen, in einer Höhe, die die de» Mount-Everest-Gipfel» noch um etwa 2000 Meter übersteigt. Natonvissensthast slta>s«ciM Seschühte Büffel. Kürzlich ist hier, wi« erwähnt,«in Verein zur Erhaltung des Wisent gegründet worden. In ähnlicher Lage war Amerika schon lange. Die stattlichen Büffelherden waren durch rücksichtslos« Pelzjäger so zusammengeschossen worden, daß das Aus- sterben de» Büffels in Sicht war. Da gelang es der kanadischen Regierung, vor 16 Jahren ein« Herde von 716 Tieren in die Hand zu bekommen, wohl di« letzt« dieser Größe, die existiert«. Di« Tiere wurden in dem großen Naturpark Wainirright, Alberta in Kanada, angesiedelt und erfreuten sich dort allen Schutzes und ver- hälti�smäßiger Freiheit. Di« Folge war. daß die Zahl in den 16 Jahren seither sich auf«300 Tiere oermehrte. Es wurden szahl- reiche Büsfet an anoer« Naturparks in Kanada, in den Vereinigten Staaten, auch an Zoologisch« Gärten abgegeben. Aber trotzdem waren der Tiere zuviel geworden. Di« Naturfreunde standen vor der seltsamen Tatsache, daß dieses mit dem Untergang bedrohte Tier jetzt im Ueberfluh vorhanden war, wenigstens wenn man den beschränkten Raum eines Naturparks berücksichtigt. Es mußten also 2000 Stück der geschützten Büffel abgeschossen«erden, damit die anderen leben konnten. Das geschah. Natürlich wurde Fleisch. Häute. Hörner und sonstig« Teil« der geopferten Tiere rationell verwertet. Der Naturschutz entwickelt sich also sogar zu einer Ein- nahmequell«. m. Der Aketeorkrater in Arizona. In dem nordomerikanischen Territorium Arizona liegt in einsamer Steppe ein Krater, der die Aufmerksamkeit der Astronomen und Geologen plötzlich aus sich zog. als in seiner Näh« Eisenstücke meteorischen Ursprungs gefunden wurden. Da nämlich der Krate� in einer völlig vulkanlosen Gegend liegt, kam man bald aus die Vermutung, seine Entstehung könne mit dem Meteorttenfall zusammenhängen. Noch eine ander« Tot- fache gab Beranlossung zu dieser Anschauung. Di« Gesteinsschichten an den Kraterwänden sind aus der ursprünglichen wagerechten Lage, wie man sie etwa 800 Meter unter dem Kraterbvden unversehrt vor. findet, steil«ufgekippt, so daß der Krater eigentlich nur durch«ine Explosion der oberen Felsschichten entstanden sein kann. Alis Art und Lagerung des meteoritischen Eisens selbst lassen sich leider nur unsicher« Schlüsse«uf die Entstehung des Kraters ziehen, da ein großer Teil der Meteorsteine von unberufener Hand fortgeschleppt worden ist, ehe Fachgelehrte von der Fundstelle Kunde erhielten. Auch durch Bohrungen im Jnn»rn des Kraters hat man nicht größere Eifenmafsen feststellen können, wie sie zum unmittelbaren Nachweis des meteoritischen Ursprunges erforderlich gewesen wären; doch kann man dem immerhin entgegenstellen, daß durch die ungeheure Hitze, die beim Eindringen des kosmischen Körpers in den Felsboden«nt- standen ist, sicher«In großer Teil des Eisens zum Vergasen gebracht worden ist. Iedensalls hoben die technischen Leiter der Bohrungen einwandfrei festgestellt, daß in der Umgebung des Kraters, der Übrigens ganz dl« Form eines Granottrtchter? zeigt, weit und breit bis zu einer Tief« von fast 600 Meter keine Spur von vulkanischer Tätigkeit zu finden ist und daß nach der Lagerung von Eisen und Gestein der Krater zur Zeit des Meteorselles entstanden fein muß. Damtt scheint also der meteoritische Ursprung der seltsamen Vertiefung ziemlich zweifelsfrei festzustehen, namentlich nachdem sowohl Astronomen als auch Physiker eine derartig« Entstehung für durchaus möglich erklärt haben. i Was enthälk das Erdinnere? Nach den Ergebnissen der Seismik, erklärt G. Tammann vom Institut der phisikalijchen Chemi« zu Göttingen, besteht die Erde aus einem Mantel von 1500 Kilo. metern Dicke und der Dichte 2,3; diesem folgt eine mittlere Schicht von 1400 Kilometern Dicke und der Dichte 5,6. und unter ihr liegt der Kern mit einer Dichte von 3,6. Abgerundet kann man sich als» die Erde als einen Ball von spezifischem Gewicht 10 vorstellen, um den zwei Schalen von etwa gleicher Stärk«(jedesmal 1500 Kilo« meter) gÄegt sind. Die inner« Schale hat«in spezifisches Gewicht von etwa 6, die äußere von 3. Das ist die Dichtigkeit unserer ge. wöhnlichen Stein« und Erden. Es ist daraus zu schließen, daß de» äußere Mantel, wie wir ja auch sonst wisse», hauptsächlich au» Silikaten, di« mittlere Schicht aus Sulfiden der Schwermetalle und der Kern aus Metallen besteht. Die Erde gleicht also in ihrem Ausbau dem flüssigen Inhalt eines Tiegels, in dem sich unter einer Schicht von Schlacken(Silikaten, Kiefelverbindimgen) eine Schicht von Sulfiden(Schwefewerbindungen) und unter dieser ein« metal- tische Schicht befindet. Dieser Metallkern besteht wahrscheinlich zu 88 Proz. aus Eilen, zu 8 Proz. aus Nickel, zu 3 Proz. au» Phosphor- und Schweseleifen und nur zu 1 Proz. aus edler« Metallen. Gold. Platt». Iridium usw. Darüber waren bekanntlich letzthin übertriebene Phantafie-n verbreitet. m. himmelskunöe Wie man BUH« zählt. Di« Meteorologie hat sich in neuefte» Zeit viel mit der Häufigkeit der Blitz« beschäftigt und eine ganA» Reih« gutbeglaubigter Zahlen seftgestcllt, worüber Pros. Kaßner?» der Leipziger„Illustrierten Zeitung berichtet. Man kann di« Blitz« auf verschied«»« Weis« zählen. Das geht bei uns und in den nöt� lichen Ländern, wo die Zahl der Blitz« meist nicht allzu groß kftz sehr viel leichter als in den tropischen Ländern, wo sie Zug auf Zutz folgen. Damit man sich nicht verzählt, ist es am besten,«ine Hand- voll Erbsen in di« Hand zu nehmen und bei jedem Blitz«in« m ei» Gefäß fallen zu lassen. Wer«ine Schreibmasch-ne hat, kann bei jedem Blitz immer denselben Buchstaben tippen. In England wird zum Blitzezählen das Brontometer benutzt. Das ist«in Dofenbaro- meter, das die Schwankungen des Luftdrucks auf einem um ein» Walze gelegten Popterstreifen in zehnmal vergrößertem Maßstab« aufzeichnet; der Streifen läuft um 25 Zentimeter in einer Mmut« vorwärts. Man geht von der Erfahrung aus, daß jedem Blitz«in« kurz« Luftdruckschwankung folgt, die sich an dem Brontometer bemerkbar machen muß. In London fand man so bei Beobachtungen in den letzten 14 Iahren, daß durchschnittlich 12 Blitze In der Minute bermederzucken; es wurden aber auch bis zu 50 Blitze in der Minut« festgestellt. Bei einem sechsstündigen schweren Gewitter wurden ins- gesamt 6924 Blitze gezählt. Ein« starke Zunahme der Blitz« vom Pol zum Aequator ist allgemein beobachtet. Ein einziges schwere» Gewitter in den Südalpen liefert mehr Blitze als sämtlich« Gewitter in zwei Jahrzehnten im Norden Europas. Bei einem Gewitter t» Kärnten zählte man In 14sh Minuten nur in Süd und Südwest 1000 Blitze; in Athen fand der Direktor der Sternwarte, Schinidt, in einer Stunde 7000 Blitze, und>n den Berichten aus den Trope» werden di« Gewitter der Regenzeit als«in ununterbrochenes Feuer» werk geschildert. Der Regen bringt hier durch Zersetzung der Lust salpetrige Säur« herab und düngt die Erde damit so reichlich, Hotz der üppig« Tropenwuchs der Pflanzen möglich wird. Sumerisches Jöpll. Me In der Ordnungszelle die„natiosal« Repubtit" fonffifuierf wurde.