Nummer 47 2Z. Dezember 1023 �,___-. ilneerhaltungsbeilage Ses Vorwärts Sipowachtmeifter Rockstroh. In der Heimal gibl's ein Wiedersehn! Bon Zl l f r e d V e n t« r. Noch heute liegt mir wie Pankenschlag in den Ohren dos aus rouhen Kehlen gesungen«„In der Heimat, i» der Heimat, da gibt's ein Wiedersehn!——" Zu denen, die wir nicht wiedersehen wollten, gehörte Feldwebel Rockstroh(mit dem schärfsten„rr" zu sprechen!). Seine Herkunft war dunkel wie die Homers, doch stritten sich nicht sieben Städte um die Ehr« seiner Geburt: einige wollten wissen, daß er dem Klempnerhandwerk obgelegen, für uns hatte er lediglich dadurch Bed�Itung, daß er bei unserem Eintrefsen in der neuen Garnison als«tatmäßiger„Spieß" Vorsitzender des „Empfangsausschusses" war. Der erst« Eindruck ist bekanntlich der beste, wenn auch nicht immer ein guter.„Also, das ist der' neu« Errrsatzl" sagte er, und seine erbarmungslosen stahlgrauen Ba- siliskenaugen fügten hinzu:„Ihr seid bisher mit Peitschen gezüchtigt worden, ich aber will euch mit Skorpionen züchtigen!"-„Siillge- standen!" Dabei war der seltene Mann nur noch Schnurrbart und — Mund.„Rllüöhrenl Wenn ich„Stillgestanden" sage, dann habt ihr zu versteinern wie Lots Weib, und wenn euch dabei die Fliegen zum Frühstück auffressen! Sonst laß ich euch im Welt- getümmel stehen, bis ihr Wurzeln schlagt!" Menschenkinderl Das war schon keine Stimme mehr, das war ein Phänomen, weniger hervorragend durch Klangretz als durch höchste akustische Voll- kommenheit. Diese Stimme bedeutet« ein Kapital, das Geheimnis seines Erfolgs, es mar die klassische Kommandostimme. Wenn sie einmal indisponiert schien, dann höchstens durch«inen leichten Zigarette,»husten. Ich weiß nicht, ob am Ende der Tage die Völker in Gruppenkolonn« antreten, aber in diesem Falle wäre Feldwebel Rockstroh der geeignete Mann. Ich schreckte empor.„Wenn ich sage die Aaoogen links! da haben die Bouillonköpp« links zu fliegen, daß das Fett an die Mauer spritzt, und wenn alle Fenster blind werden!" Der Mann war prachwoll. Am nächsten Tage lernten wir'ihn in seiner vollen Schönheit kennen.„Angetreten!" Hah, wie sie sausten! Söhn« des Volkes, Maler, Fabritspinner, Tischler, ehemalige und zukünftige Stadträte, Gelehrte und tlngelehrige, Schneider und Schullehrer.„Das nennt ihr Antreten?! Raus aus dem Stall! Rin in den Stall, raus aus dem Stall— Hammel!" Wir schluckten den Hammel geduldig hinunter,«s hätte ja auch noch ein größeres Tier sein können. Rockstroh befand sich auf der Höhe der Situation: er war im Dienst. Dienst stand auf seiner Stirn ge- schrieben, leuchtete auf seiner Nasenspitze. Ausstehen, Fuhrollen, Kirchgang, Essenfassen, Heldentod, Parademarsch bis zum kühlen Grabe, alles war Dienst. Eines schönen Sonnabends verkündete er: „Bataillonsbefehl vom 21. August 1915. Morgen 11,15 Abendmahl. Dort nimmt einer die Knochen nicht zusammen!" Dispeuz gabs nicht. „Abendmahl: ist Dienst." Ilm dem Tage noch eine besondere Weihe zu geben, schritt er boshasterweise die Hinterfront ab und notierte in sein gefürchtetes Album die„Laughängen". Daß wir heute noch die Barbiere arbeiten! Runter mit den Zirkusmähnen und Perücken!" Im Zenith des Dienstes stand er am Sonnabend. Da war sein großer Tag. Da war Revierreinigen. An diesem Tage hätte ihn jede Hausfrau um feine feine Witterung beneiden können. Indes, er machte nur Stichproben. Ein Strich mit der Fingerspitze über die Stubenlampe, an die kein Mensch gedacht hatte, und seinem Munde entflohen die geflügelten Worte:„Affenmäßig!" Dafür gab's dreimal Klimnrzüge an den Schränken unter Absingung des Liedes:„Vom Himmel hoch da, komm ich her!" Für ein aufge- fundenes Streichholz, das er- tückisch in die Fensterecke gelegt hatte, hielt er als Gegenmaßnahme«in nochmaliges Durchschwemmen des Korridors für nützlich. Das war ein Götierlabfah wenn brillant- beringte Fingerspitzen den Hader durch die dumpfe». Hallen, zogen. Rückte die Kompagnie aus, dann verschwand Rockstroh in den blauen Rauchschwaden des Geschäftszimmers, lieber dem stand in unsichi- baren Lettern geschrieben:„Achtung! Bitte eintreten zu dürfen, um anstrcteck zu müssen, hier werden snederizsanische Kulturen angelegt!" Hier war auch der Sitz der nieöeren Götter, der zigaretten- duftenden Kompagnieschreiber, hier schwebten auf ungenagelten Schuhen die unzähligen Ordonanzen mit geheimnisvollen Mienen und Mappen aus und«in. Ganz hinten aber saß Rockstroh an der Regimentskasse und machte, während wir draußen Weltgeschichte fabrizierten,�— Volkswirtschaft. Wehe, wer ihn dabei störte! Wenn draußen' ein« Detonation erscholl, schoß er zwei Blitze, suhr heraus wie eine Natter und schrie, daß der Kalk von der Wand fiel: denn zwei Dinge konnte er nicht ausstehen, erstens das Türenzu- schlagen. Wen er dabei erwischte, dem versprach er, daß er issn so lange zwischen Tür und Angel klemmen würde, bis die Zunge zum Halse heraushinge, im Wiederholungsfälle Abtransport ins Feld. Man muß gestehen: an Sentimentalität litt er nicht.. Zweitens war ihm ein Greuel das außerdienstliche Singen. So muhte ein braver Musketier für den auf dem Korridor hingeseufzten Schmach!» schluchzer„Ich Hab dein Bild im Traum gesehn" dreimal zum Rapport antreten. Das mar sein letztes Liedi'er versank in Flanderns Sümpfen.--- Rockstrohs Heiligtum betrat man, wenn man Ur» laub haben— wollte. Doch waren Neulinge gewarnt.„Kommt mir nicht mit Ernteurlaub, wenn ihr einen Blumenstock zu Haufe habt, oder mit der kranken Tonte in Pillkallen. Rockstroh kannte eben nicht die allumfassende Lieb«, bei 600 Man» selbst für«ine Kompagniemutter ein bißchen viel. Uebrigens war auch Liebe keine militärische Obliegenheit, Lieb« war ihm nicht einmal außerdienstlich — Dienst. Zur Feier des Sieges von Lemberg hielt er Stiefel- appell(sprich Stibbbelappell) mit Spezialdurchsicht der Fußdünming, welcher mit dem von ihm eigens empfohlenen Univerfal-Blitz-Putz- > Nittel„Nigritol" Glanz und Schimmer verliehen werden mußte. Von Zeit zu Zeit machte er sich wie alle großen Männer im« sichtbar. Er wurde, vertreten. Die Kompagnie schöpft« Atem und lustivandelte in der Stadt. Aber plötzlich tauchte er wie die Schlange aus dem Blumenflor auf. Jnftinktmäßig trat eine Erstarrung der Persönlichkeit des Betroffenen ein. Dann ward in irgendeinem Haus- flur eine fürchterliche Musterung vorgenommen. Als genug Stunden geschlagen hatten, schlug auch die Stunde der Erlösung von dem Kulturübel Rockstroh. Nach langem Raunen in Kantinen und Kammern war vollendete Tatsache geworden: es ging iirs Feld. Der„Spieß" war mäuschenstill, er ahnt« ein gemeinsames Sterben. Er wurde sogar freundsich.„Wir wollen uns wieder vertragen!" zitterten feine Nüstern. Da geschah ein Wunder, er „mußte" dableiben. Pech! Seine Lieblings scheiden zu sehen. Ab- gesehen vom Küchenbullen, der so schöne Schnitzel zu klopfen ver- stand, war der Abschied kurz, militärisch und schmerzlos.. Dann aber bekam er Rückfälle.„Führt mir draußen keinen ausfchwei- senden Lebensrvandel," polterte er uns nach,„und hoffentlich kriege ich, wenn ihr hinavs seid, endlich mal richtige Soldaten zu sehen!" Vom„historischen Eckfenster" aus, von dem er sonst heimlich die Ein- nnd Auspassiereiiden beobachtete, sah er uns nach, feixte noch einmal den Referendar Sciiimelmann ans und steckte sich ein« Urlaubszigarre ins Gesicht. Rockstroh, der Diensthahn, hätte den frisch-fröhlichen Krieg»och lange» in der Garnison ausgehalten, eine Weihnachtsgaiis war ihm lieber als zehn Friedenstauben. Aber bekanntlich ging es anders als die anderen wollten, nnd alle Feldwebelherrlichkeit erwies sich vergänglich wie des Grases Wume. Im ziviliftischen Gummi- mantel hat man Woiaii, den Wütenden, gleich Wilhelm wehmütig weichen sehen. Daß Rockstroh einmal außer Dienst sein könnt«, ist schwer vor- stellbar, eher wäre er in den Vesuv gesprungen als ins jämmer- liche Dasein der. Uniformlosen. Es gab ja noch Schupo, Lapo, Sipo und Po-Po(Polizeiposten). Da wollte- es das Schicksal, daß ich endlich neulich in einer fremden Stadt die Ratheiiaustraße aufsuchen mußte. Nun gehöre ich nicht zu deip Leuten, die andere in Versüchung führen, am aller- wenigsten einen Schutzmann, aber an wen soll man sich am sichersten wenden, wenn man in der Fremde eine erschöpfende Auskunft haben will? Der stand geruhig, wie der ruhende Pol in der Er- scheinungen Flucht unicr dcr großen ÜÖlcirfilctterttf. Kind deine Augen! Wen seh« ich? Rocksiroh als grünen Schutzengel. Das war ein« Fr«ud?, und in dcr Heimat, in der cheimat, da gibt's«in Wiedersehen! Mit republikanischem Freimut brachte ich»'.«in An- liegen vor. Wie hätten diese Augen geleuchtet, wenn ich nach der — Bisinarckstraße gefragt hätte, aber bei dem Wort Rathenau- straße flog es wie«in Schatten über Rockstrohs charakteristische Züge. Zudem hatte ich ihn gestört. Er hatte eben einer Schar weiblicher Wandervögel nachgeschaut und mit Wohlgefallen ge- prüft, ob die Röckchen auch die vorschriftsmäßig« Kürze aufwiesen. Mit möchtigem Arm zerteilte er nach verschiedenen Richtungen hin die Lust und wies mir den Weg.„Danke, Herr Wachmeifter! Herr— Rockstroh, alter Knabe!" sagte ich,„nicht wahr, Dienst ist Dienst!" Er jappte nach Luft, seine Bartspitzen sprühten elektrische Funken, mit einer martialischen Runzel im Geficht stotterte er: „Wieder eencr von der 2. Kompagnie, die Kerle scheinen hier aus dcr Erde zu wachsen."„Nichts für ungut, mein—lieber— Herr — Rockstroh!" sagt« ich,„den nächsten Krieg machen wir wieder zu- sammen mit." Ganz ohne Trost konnte ich ihn doch nicht stehen lassen. hungernöes Volk von Bon Egon H. Straßburger. Wenn wir heute auch keine Hungersnot im Sinne der früheren Hungersnöte haben,(die Schaufenster im„vornehmen" Viertel jeder deutschen Stadt sind üppiger denn je: sind wundervolle Freßgcmälde), so hungert die große Masse entsetzlicher, als die Völker der Erde. Sie hungert und stirbt ganz im Stillen und man kann ruhig an- nehmen, daß viele der Aermsten auf dem Totenbett selig lächeln, wenn sie den Erlöser in nächster Nähe fühlen. Der Hunger von heute hat immer dieselben Ursprünge und Be- gleiterscheinungcn... Kriegsfolgen, das Alter, Armut, Krankheit und Abgestumpfthcit!..*. Wir kommen zu früheren Zeiten: kommen in eine Aera, da dcr Bauer Sklave(alias Leibeigener) vom Ritter oder vom Fürsten war. Der Bauer beackerte fein Land, traurig, stumpf und abgcmürbt. Versagte die Ernte, so war er dem Hunger verfallen und hilflos wie ein Tier. Bekriegien sich die hohen Herren gegenseitig, so war das Wichtigste die Zerstörung des platten Landes, die Unterbindung des Lcbensnerns. Ob da oder dort einige Gehöfte in Flammen auf- gingen, war nebenjächlicher Natur. Das genügsame Bäuerlein grub sich in die Erde hinein in feinem„Interregnum" oder, wo es gerade eine 5)öhle gab, schlüpfte es dorthin bis der„Neubau" fertig war. Wenn aber das Gelrcide zerstört war und der ganze andere agri- knlturc Anbau, dann waren Not und Elend da. Neqenlose Sommer, Menschen- und Viehseuchen verursachten oft Hungersnöte. Das Ge- treibe stieg sinnlos im Preis und die Aermsten konnten es nicht er- werben, während die Herren auf den stolzen Burgen ihre«chutz- befohlenen glatt verhungern ließen. Die Erzbischöse, zu denen die Gläubigen hilfeflehcnd ihre Zu- flucht nahinen, segneten das Volk, gaben aber nur der Seele und nichts dem Magen. Dcr Bischof von Köln, gütig wie er war, wies (im 13. Jahrhundert) ein paar Tausend der Aermsten an die Geist- lichen und Klosterbrüder seines Landes. Der Kirchenfürst schaffte sich rasch die Unbequemlichkeiten vom Halse. Jene gaben. Die Not war im Jahre 1905 so groß, daß„die Klöster statt Weißbrot Schwarz- brot" essen muhten; also bcrichlet ein Mönch aus St. Martin. Und auch Wein gab es keinen. Die Klosterherren mußten sich mit Wasser begnügen. Die Bauern aber hatten schlimmes Hascrbrot in kleinen Mengen und verhungerten. In der Hungersnot griff man oft zum Scheußlichsten. Ge- fnllenes, aasiges Vieh, Schlangen, Wölfe, Hunde wurden ver- zehrt und man verschmäh!« kein Gras, keine Wurzel, keine Baum- rinde. Ja, man aß Erde, so berichtet ein Mönch aus Sachsen. Aber die höchste Steigerung der Menschentierheit war die Menschenfresserei im Hunger(vgl. Sowjetrußland vor vier Jahren). Im 13. Jahrhundert grissen die Bestien von Zweisüßlem zu den Kindern. Aber auch zur Zeit der Pipin und im 11. Jahrhundert schon war es keine Seltenyeit, daß die Hungernden die Feinde töteten und sie verspeisten. Die Hungersnöte bewirkten Epidemien (Flecktyphus, Pest usw.). Die unterernährten Menschen starben rudelweise und man ließ sie liegen. Die LeichenmSnner aber �erstanden sich auf Wegschaffung nur bei großen Prämienzahlungen. In Massengräbern blichen die Gebeine der Toten. Ganze Städlc und Dörfer wurden entvölkert. Im Jahre 1316 sollen im Lothringischen an 800 000 Menschen nach einer Hungersnot dem schwarzen Tod verfallen sein. Und wo die Hungersnot ausbrach, raste das Volk fort... Die von Osten flohen gen Westen: die von Milkeldeutschland gen Polen und Rußland. Volk traf sich mit Bolk.... Hunger mit Hunger. Ziellos gingen dies« Heu- fchreckenzügc... sinnlos... nur fort aus den Hungergebieten. Manche reiche Klöster wurden über den Haufen gerannt und leer gegessen. Die Mönche flohen zu befreundeten Palres hin und — erholten sich hier schneller wieder als alles Volk.' Hungersnöte gaben vielen den Willen Kreuzfahrer zu werden, hostend, daß es im anderen Lande mehr zu essen gab als hier. Die Lesperados waren sicher nicht Gottfried von Bouillons Kern- und Eliletrupven. Charitativ wurde manches getan für die Erwerbslosen. Die reichen Städte machten Kolleklivspcndeni aber viele entschlossen sich zu dieser Herzensgute(vgl. Metz und Slraßburg) erst, als das hungernde Volk Bäcker und Schlächter gefaßt hatte und sich in die Häuser dcr Bürger begab, um hier mitzuesseu. Karl der Große verbot in Hungerjahren Ausfuhr- von Getreide und Gemüse. Die Königsgüter lieserteu dem Volks billig Gerste, Roggen und Hafer und vom Reiche wurde die Preisskala gcaen Wucher geregelt. Eine Oase in der Wüste aller Zeiten. Auch müßten Grafen, Bischöfe, Aebte Zwciugsaiileihe zeichnen, um die Not zu lindern. Karls Nachfolger hcktten mehr Sinn für Krieg und Sehlem- mcrei: man ließ das Volt hungern, wenn ein Hungcrjahr ins Land kam. Im 13. Jahrhundert wurde d,'s Bierbrauen in fumgerjahren verboten oder es durfte nur sehr dünnes Bier hergestellt werden. Später gab es keine weitere Wohlfahrtspolitik mehr.' Es fehlte dem Mittelaller an Organisationstalenten. Jeder füllte seine Tasche (genau wie Herne) und jeder ließ die fjerren Nachbarn verhungern, wenn es vom Schicksal so vorgesehen war. Nur im 14. Jahrhundert sangen die Klöster an, des Volkes Not in schlimmen Jahren zu lindern. Die Bischöfe geben und machen sich einen guten Namen. In alten Chroniken liest man, daß gütige Aebte nicht nur hundert Brote- verschenkten, sie ließen auch Ochsen schlachten und das arme Bolk dankte es dem Herrn, indem es ihn zum Heiligen avancieren ließ. Am schlimmsten von Hungersnot heimgesucht waren die Länder am Miltelrhein, Süddcutschland, Lothringen, während die Küste und Böhmen fall nie mit dem Hunger zu kämpfen hatten. Furchtbar muß eine Hungersnot damals gewesen sein, indem «ine Fortbewegungsmöglichkeit schwer war, indem kein« Organi- sanon lmoernd in das Elend eingriff.— Aber zum Vergleich das Heute!! Dort hungerte alles... bis auf den letzten Mann. Heute hungert ebenso furchtbar die Zwndntte.'mehiheit, während das letzte Driitel angenehm praßt und in Wohlleben sich auflöst. Dieser Ueberfluß bereitet dein ungeheuren Elend dieser Zeit den häßlichsten, bittersten und schmack)vollsten Schmerz. Di« 5)una.ersnot in der Zivilisation mit aller Kultur durch- tränkl ist die schlimmste oller Zeiten... dafür hat ein wahnwitziger Krieg, gesorgt..._____ Die Erforsthung öes Vogelzuges. Bon Hans Alexander. Seit zwanzig Jahren ist man fleißig bemüht, die seltsamen Vorgänge des Bogelzuges auf expenmeiitellem Wege zu ergründen. Der geniale Gedanke des Dänen Mortcnsen, Zugvögel durch Fuß- ringe zu zeichnen, um ihre Wanderungen festzustellen, wurde von Thieneman», dem Lecker der Vogelwarte Aossitten der Deutschen vrnithologischen Gesellschaft, aufgenommen und zu einem internationalen Unternehmen ausgebaut. So sind im Laufe der Zeit in den meisten Staaten Europas Institute entstandcu, deren Aufgabe es unter anderem ist, in großer Zahl Vögel zu beringen, von denen eine große Zahl erbeutet wird. Dieser Ringoersuch, wie irnrn das Verfahren kurz bezeichnet, hat unser Wissen vom Zug« der Vögel im weitem Maße bereichert. Die bisherige Annahme, daß unser« Zugvögel im Herbst gen Süden ziehen, trifft nur teilweise zu. Weitaus die meisten Vögel beginnen den Zug in westlicher Richtung und wandern fürs erste nach den Küsten des Allantifchen Ozeans. Bon hier cus.weiiden sie sich südwärts und erreichen über Frankreich und Spanien Afrika. Die Vögel folgen mit Vorliebe auf ihrem westlichen Fluge durch Europa den Gestaden der Ost- und Nordsee. Eine zweite große Zugstraß« führt aus dem südöstlichen Europa längs den Küsten des Adriatischen Meeres über Sizilien nach Tunis. So können wir«ine westiich« Küstenstraße und eine adriatifch-tm,«fische Zugstraße unterscheiden. Es gibt Vögel, die ihre eigenen Zugivegc haben, die sie auch regel- mäßig innehalten. So wandern die Störche, die in Deutschland und Osteuropa heimisch find, über den Balkan, Kleinasien und Syrien nach Afrika, wo sie ihren Zug längs des Niltals bis zur Südspitze des asrikanischeu Kontinents ausdehne». Andere Vögel halte» sich gar nicht an bestimmie Zugwcge, jondcni ziehen in breiter Front über das Festland. Uebcrhaupt machen sich in den Zugverhältnissen der Vögel große Unlerschiede. bemerkbar. Man darf daher nicht ohne weitere? verallgemeinern, sondern es muß der Zug jeder Vogelart besonders erforscht werden, was einzig und ollein durch die Bogelberingunz möglich ist. Sie hat sich bisher auf 134 Vogel» arten erstreckt, deren Ziigverhältniff« ausführlich beschrieben sind. Ferner gelang es mit Hilfe der L u ftf ch i f fa hr t und Aoiatik, wertvoll« Beobachtungen über die Höhe des Vogelzuges zu sammeln. Sie zeigen uns, daß die alte Anschauung von einer ge- walligen Zughöh? in vielen tausend Metern weit übertrieben ist. Die größte bisher festgestellte Zughöhe ist 2200 Meter. Meist ober fliegen die Zugvögel sehr viel niedriger, nur wenige hundert Meter über dem Erdboden, häusig sogar ganz niedrig, d. h. nur etwa 20 bis 30 Meter hoch, wie ich es oii auf der durch ihren großartigen Vogelzug berühnnen Kurifchen Nehrung beobachten konnte. Auch die Ansicht, daß die Zugvögel mit großer G e s ch w i n» d i g k e i t reisen und in einer Rächt ganze Kontinente Lbsrjliegen, trifft nicht zu. Im Gegenteil, techt langsam geht die Reise von« statten, und in den Regel werden nicht mehr als etwa 200— 400 Kilo» Nieter c.o einem Tage zurückgelegt, wobei die Fluggeschwindigkeit gar nicht so groß ist und meistens kaum die Schnelligkeit eines Eisenbahnzuges erreicht. Auch hierfür geben uns erlegte Ringvögel sehr wichtige Anhaltspunkte. Für die Lösung dcr Frage nach der Orientierung dcr Zugvögel, die schwierigste des ganzen Zugproblems, dürfen wir vor allem die Erfahrungen der Tierpsychologie nicht außer acht lassen, die uns zeigen, daß im Seelenleben der Tiere die mechanische und automatische Handlungsweise im Vordergrund steht. Ist doch dem Vogel sogar die Technik des kunstvollen Nestbaues angeboren! Kein Bogel braucht sie erst zu erlernen. Auch wenn er im Brutapparat das" Licht der Welt erblickt hat, von Menschenhand aufgezogen ist, niemals ein Nest gesehen hat und nie mit anderen Vögeln in Be- rührung kam, so erbaut er doch, sobald die Macht der Liebe ihn er- greift, ein ebenso kunstvolles Nest, wie seine Artgenosscn in der freien Natur, und genau nach denselben Grundsätzen. Es handelt sich also hier um eine angeborene Fähigkeit. Aehniiche Beispiele ließen sich noch sehr zahlreich aus dem Leben des Vogels anführen. Ebenso wie der Trieb zum Wandern dem Vogel angeboren ist, der, wie z. B. Kuckuck und Segler, bereits im Hochsommer seine Heimat verläßt, wenn sich noch keine Kälte und kein Nahrungsmangel fühl- bar machen, so scheint auch die Richtung des Zuges dem Bogel bis zu einem gewissen Grade angeboren zu sein. Mehrere erbeutete Ringvögel, die allein ohne Führung von Artgenossen ihr« Reise an- traten, bestätigen dies. So entfloh ein in der Gefangenschaft auf- gezogener Storch im Oktober und wurde dann im Winter in Süd- itallen erlegt, das gar nicht im Zuggebiet des weißen Storches liegt, dessen Reiseweg, wie ich schon sagt«, über Kleinasien und Syrien nach Aftika geht. Der Bogel hatte zwar, den richtigen Weg ohne Führung seiner Eltern nicht zu finden vermocht, hatte aber trotz« dein eine ganz zweckmäßige südliche Richtung eingeschlagen. Wir können diese angeborene Zugrichtung nach einer allgemeinen Himmelsrichtung mit grober Orientierung bezeichnen. Die feine Orientierung, das Auffinden eines komplizierten Weges, erfolgt da- gegen entweder durch Anleitung oder durch Einwirkung äußerer Netze, wie sie z. B. durch Wasserläufe oder Meeresküsten gegeben wird, denen die Zugvögel gern folgen. So hat sich das Experiment in der Vogelforschung glänzend be- währt. Unser Wissen vom Vogelfluge hat weitere Fortschritte gr- macht. Besonders die Fragen nach der Schnelligkeit des Zuges, der Zugrichtung und der Zugstärke, sowie die Orientierung der Sing- vögcl zeigen sich jetzt in einer ganz anderen und neuen Beurteilung. als es bisher der Fall war. So dürfen wir von der«xperimentelken Forschungsweise eine völlige Lösung des rätselhaften Problems des Vogelzuges erwarten. Der Weg öes Meters. Bon W u ly M ö b u s. Nichts Einfacheres gibt es scheinbar als das Messen. Man nimmt feinen Maßstab, vergleicht mit ihm die zu messende Länge und liest die Maßzahl. ab. Das ist sehr leicht und mag für den alltäglichen Gebrauch genügen. Wenn es sich jedoch um höchste Genauigkeit handelt, ist die Sache schon nicht mehr so leicht, sie wird zu einer sehr schwierigen Angelegenheit, wenn es gilt, die absolute Genauigkeit zu erreichen. Diese Ausgabe ist so schwer, daß sie bisher noch nicht gelöst wurde. Die bisher erreichte größte Genauigkeit war immer nur ein Näherungswert, der das erstrebte Maß um einige Tausendstel Millimeter über- oder unterschritt. Und dennoch ist das bereits eine Leistung, die nur mit ganz besonderen Meßwerkzeugen ausgeführt und nur auf Grund sorgsam erdachter Methoden erre-cht werden konnte. Bevor man aber dazu kam, Einheitsmaße zu schassen und so zu bestimmen, daß an der Erklärung nicht gedeutelt werden konnte, war ein langer imd unendlich mühevoller Weg zurückzulegen. Es soll im folgenden nicht auf frühere Maßeinheiten Bezug genommen werden. Es genügt, den Weg des Meters' aufzuzeigen, der über so manche Klippen geführt hat, bei dem sa mancher Irrtum unterlief, che wir ein Maß erhielten, das den Anforderungen moderner Meßtechnik genügen konnte. Früher herrschte aus dem Gebiete des Maßwesens in allen Lan- lern Anarchie. Die einzelnen Maßeinheiten waren zudem oft recht ungenau bestimmt. Normalmaßstäbe waren nicht nur aus unzuläng- lichem Stoff angefertigt, sondern auch den Einflüssen der Temperatur, zuweilen auch der Witterung ausgesetzt, so daß sie ständigen Ver- Änderungen unterlagen. Tayllerand, der Bischof von Antun, unterbreitete daher der französischen Nationaloer- fammlung von 1790«inen Plan zur Vereinheitlichung des Maß- systems. Die Versammlung beschloß zunächst, ein„natürliches" Maß, die Länge des Sekmrdenpendels unter dem 45. Breitengrad, zu wählen. Später einigte man sich, den zehnmillionstcn Teil des Erd- incridianquadrantcn als Nonnalmaß zu bestimmen. Man ließ aber trotzdem die Länge des Srkundenpendels unter dem 45. Breitengrad ftstftellen. In siebenjähriger Arbeit wurde ein Bogen von S?» Grad zwischen Dünkirchen und Manrjuich bei Barcelona ausgemessen. Den stürmischen Drängern in der Nationalversammlung dauerte diese höchst mühevolle Arbeit aber viel zu lange. Schon am 1. August 1793 be- schloß sie die Herstellung eines vorläufigen Meters auf Grund einer um l740 ausgeführten Gradmcffuvg. Nachdem aber die Ergebnisse der Gradmessungen und-berechnungcn vorlagen, fertigte F o r t i n ein Endmaß aus Platin mit einem Querschnitt von 25 X 4,05 Millimeter an, der dem zehninillionsten Teil des Erdmeridianquadranten entsprechen sollte und nun von der Naiioiialversammlung ain 10. Dezember 1799 als das„wahre und endgültige Meter" bestimmt wurde. Dieser Maßstab aber, der im Archiv niedergelegt wurde, wich um etwa lli»o Millimeter von der tatsächlich errechneten„natürlichen" Länge ab. Außerdem hatten spätere Messungen des Erd- Vogens anders Ergebnisse, nach denen der Norinalmaßstaü nur um'/immo von dein„natürlichen" Maßstab abwich, während nach' neueren Messungen dieses„Normalmetcr" gar um Vs Millimeter zu kurz war. Trotzdem bedeutete oicsc Arbeit einen großen Fortschritt, und es kennzeichnet den konservalioen Sinn der Menschheit, wenn das neue Maß fast allgemein nicht beachtet wurde, so daß es in seinem Geburtslande, in Frankreich, erst eines kategorischen Gesetzes bedurfte, nach dem vom 1. Januar 1840 ab keine andere Maßeinheit neben dem Meter benutzt werden durfte. Nach dem Willen der Nationalversammlung aber sollte da» Meter eine internationale Maßeinheit werden. Damit hat es jedoch gute Weile gehabt. Die Menschen der anderen Länder waren genau so konservativ wie die Franzosen. Jedes noch sa kleine Ländchen war stolz auf seine überlieferte Maßeinheit. Als 1860 der Bundesrat in Frankfurt die Einführung des Meiers für Deutsch- land anregte, setzte Preußen dem einen heftigen Widerstand ent- gegen. Es glaubte sich dazu berechtigt, weil es sein Maßsystem gut geordnet und die dazu nötigen Arbeiten erst 1839 vollendet hatte. Nachdem Preußen seinen Widerstand aufgegeben hatte, wurde da» Meter durch Beschluß des Norddeutschen Bundes vom 13. Mai 1863 und dann durch Reichsgesetz vom 1. Januar 1872 in Deutsch- land eingeführt. Als Normalmaßstab wurde eine Kopie des ftan» zösischen Normalmeters bestimmt, die 1817 durch Humboldts Ber» mittlung gekaust und bei einer Temperatur van 0 Grad Celsius einige Tausendstel Millimeter größer war als das Original. Trotz niancher Schwierigkeiten ist der Wunsch der französischen Nationalversammlung von 1791, dos Meter als internationale Maß. einheit anerkannt zu sehen, nach eiwa 100 Jahren in Erfüllung gegangen. Nur England und Nordamerika messen mit dein P a r d, aber sie lassen da? metrische System auch in ihren Ländern zu. Bemerkenswert ist, daß dos in Amerika benutzte Meter gegenüber dem internationalen um fast Hiwo Millimeter zu kurz ist. Am 1. Januar 1876 trat die Internationale Meterkonven- tion in Kraft, der heut« 26 Staaten angehören. Die Beobach» tungsräume dieser Vereinigung im Pavillon de Breteuil in Sevrcs bei Paris sind durch Doppelinauern, zwischen denen ein« Isolier» schicht liegt, geschützt und außerdem von Fluren umgeben. Unter Vermeidung direkter Sonnenbestrahlung werden sie von oben her beleuchtet. Dadurch sind Temperaturschwankungen, die die Meß« stäbe und Meßwerkzeuge beeinflussen könnten, fast gänzlich aufge» hoben. Selbst die Körperwärme eines Beobachters würde sich hier störend bemerkbar machen, daher wird in seiner Abwesenheit ein kleiner Ofen geheizt. Die wichtigste Arbeit dieses Instituts war am 26. September 1889 beendet: an diesem Tage wurde das neue Ur» meter aus der Taufe gehoben. Es ist dies ein Platinstab von Xförinigem Querschnitt, der eine so große Oberflüche besitzt, daß er leicht die Temperatur seiner Hingebung annehmen kann, von ge- ringstem Gewicht ist und verhältuisinäßig wenig Material zu sein«? Herstellung erfordert. Das neue Unneter wurde aus 30 gleichzeitig angesertigten Stäben ausgewählt. Es ist der Stab, der dem ersten von Fortin 1799 gefertigten Maß am genauesten entsprach. Die übrigen Stäbe wurden unier den Verlragzstaaten verlost. Das neue Urmeter ist nicht als Endmaß, sondern als Strich maß ausgebildet. Es wird erklärt als der Abstand der Achsen der beiden Striche auf dem im Bureau International des Poids et Mcsures aufbewahrten Normalineterstobcs bei der Temperatur des schmelzenden Eises. Das Urmeter ist luftdicht in einer Büchse verschlossen, die nur mittels dreier Schlüssel geöffnet werden kann, von denen je einer im Besitz des Präsidenten des Comite International des Poids et Mesures sowie der Direktoren des Bureaus und des fron- zösischen Staatsarchivs ist. Einige Staaten, unter ihnen Deutsch. land, haben sich außerdem Normalmeterstäbe von Xförinigem Querschnitt herstellen lassen, die als Endmaße ausgeführt- sind. In neuester Zeit ist es gelungen, das Meter auf die Wellen» länge des Lichts zurückzuführen. Die Lichtwellen sind frei von ollen Aenderungen, denen stoffliche Maßstäbe ausgesetzt sind. Man nutzt bei der Lichtmessung die Interferenz aus, d. h. jene Er- lcheinung, bei der sich zwei gleich« Lichtwellen beim Zusammentreffen an gewissen Stellen verstärken, an anderen vernichten. Da Lichiwellen ein stets unveränderliches Maß sind, läßt sich mit ihr«* Hilfe jederzeit jedes gewünschte Maß einwandfrei darstellen. Der Weg des Meters konnte nur kurz angedeutet werden. E? führte von der ersten ungenauen Erdbogenmessung bis zur Da» stellung einer festgelegten Längeneinheit durch unveränderliche Licht« wellen. So zeigt sich auch auf diesem Teilgebiet menschlichen Strebens daß nichts still steht, daß sich alles ständig wandelt. ES zeigte sich aber auch, wieviel Zeit und zäh« Arbeit nötig ist, um selbst so verhältnismäßig einfache Dinge durchzusetzen, und es dürft« gut sein, sich das gerade in unseren Tagen vor Augen zu halten. wenn es manchem trotz eifriger Arbeit zu langsam vorwärts geht. Es setzt sich eben nichs schwerer durch als eine vernünftige Sache, wenn sie neu, d. h. wahrhaft revolutionär ist. Die Welt mär' ein Sumpf, stinkfaul und matt, Ohne die Enthusiasten: Die lassen den Geist nicht rasten, Die besten Narren, die Gott selbst lieb hat, Mit ihrem Treiben und Hasten! Ihr eigen Ich vergessen sie, Himmel und Erde fressen sie Und fressen sich nicht satt.(Mörike.) Mjsen und Schauen Anr-izmittel geistiger Arbeiter. Äst es für den Geistesarbeiter besser, am Tage oder in der Nacht zu arbeiten? Die Praxis zeigt an der Hand der Lebensaswohnheiten zahlreicher Schriftsteller, unter denen freilich französische Autoren in der Mehrzahl sind, dass sich der größere Teil für die Nachtarbeit entscheidet. Das ist ja auch natürlich, rveU die nächtliche Ruhe und die absolute Abge- schlossenheit der Gedankenarbeit und der inneren Sammlung die besten Vorbedingungen bieten. War z. B. Balzac einmal ge- nötigt, am Tage zu arbeiten, so schuf er sich die günstige Arbeits- dispösition, die ihm das Tageslicht oersagte, dadurch, daß er die Fensterläden fest schloß und die Lampe im Arbeitszimmer an- zündete. Er war so an das Arbeiten bei Nacht gewohnt, daß er sich wenigstens das Bild der nächtlichen Arbeitsbedingungen vor- täuschen muhte, um in Stimmung zu kommen. In Wahrheit be- steht fast bei allen Schriftstellern und vor allem bei denen, die eine regelmäßige Tagesaufgabe zu erledigen haben, das Bestreben, durch Macht ihres Willens sich sozusagen einen geistigen Dunstkreis her- zzistelle», der der gedanklichen Konzentration günstig ist und den Geist zwingt, die von ihnen gewollte Richtung einzuschlagen. Diese Inszenierung ist manchmal«in recht schwieriges, mühseliges Gc- fchäft. Biels Schriftsteller nehmen deshalb auch ihre Zuflucht zu allerlei Hilfsmitteln, die häufig genug zu ausgesprochenen Manien ausarten. So pflegte der englische Dichter Pope, bevor er an ' die Arbeit ging, die tollsten Verrenkungen auszuführen, um sein dichterisches Temperament anzuregen, Stendhal brachte sich damit in Stimmung, daß er ein paar Seitni im Solle civil las, S ch i l l e r konnte den Duft sauler Aepfel nicht entbehren. Auch fehlt es nicht an Schriftsteilern, die nur beim Auf- und Abgehen fchöpfensch tätig sein und ein Gedicht oder eine Prosaseite nicht eher niederschreiben können, bevor die Sache nicht in ihrem Kopf fix und fertig dasteht. Die seltsamste Zlrbeitsmanier halte aber nir- bestritten Diderot, der wie ein Verrückter herumfuchtelte, seine Perücke in die Luft warf und wieder aussing, sie sich auf den Kopf stülpte, um das Spiel aufs neue zu beginnen, und der dabei unaufhörlich halb erstickte Schreie ausstieh. Als eines Tages ein Freund ihn dabei überraschte, wie er zum Gotierbarmen heulte, antwortet« Diderot auf die teilnehmende Frag« des Freundes, welches Unglück ihn so schwer erschüttere:„Ich weine über«ine Geschichte, die ich zu schreiben im Begriff bin."— Ein« große Rolle spielen auch die narkotischen Anreizmittel, wie Altohol, Kaffee und Tabak. Was den Alkohol anbetrisst, so besteht kein Zweifel mehr, daß er das Gehirn langsam, aber sicher vernichtet. Der Kaffee mag unter der Bedingung hingehen, daß man nicht wie Voltaire, Balzac und Flaubert, die Nacht für Nacht ungezählte Tassen bei der Arbeit hinunter gössen, Mißbrauch damit treibt. In Sachen des Tabaks sind die Akten noch nicht geschlossen. Victor Hugo, Heine, Walter Scott, Zola und andere rauchten gern und viel. Dagegen bestritt Goethe ganz entschieden, daß ein genialer Mensch überhaupt Raucher sein könne. Wenn die Richtraucher auch Na- poleon I. in dem Prozeß gegen den Tabak als Belastungszeugen in Anspruch nehmen, so ist das nur bedingt berechtigt, da Napoleon zwar nicht rauchte, dafür aber schnupfte. Kant und Newton rauch- ton. und schnupften zugleich, kurz,.man kann sagen, daß es in dieser Frage um die Sack)« derer, die das Rauchen als Anreizmittel ver- teidigen, nicht schlecht steht. WV�UWlV Naturwissenschaft ycr Verbrenuungsvorgang ist durchaus nicht allgemein bekannt. Drei Bedingungen müssen bei der Aerbrennung erfüllt sein: Zunächst genügender Brennstasf, dann die nötige Berbrenmingslust und schließlich die erforderliche Entzündungstemperatur. Wenn eine dieser drei Bedingungen nicht erfüllt ist, kann keine gute Ber- brennung stattfinden. Welchen Einfluß das auf den Brennstoffver- brauch hat, möge an einem Beispiel gezeigt werden. Es möge reiner Kohlenstoff verbrannt werden. Dabei sollen folgende Vorbedingungen erfüllt sein: Die FeuerMle ist gut gereinigt, im Feuerungsrauin ist ein Grundfeuer vorhanden, der Kohlen- stvfs soll in nicht zu hoher Schicht auf das Feuer geworfen werden, -so daß er schnell bis zur Eniziindungstemperatnr erwärmt wird, schließlich soll genügende Berbrennnngsluft zugeführt werden. Dann verbindet sich der Sauerstoff der Lust mit bei» Kohlenstoff und verbrennt ohne zu große Flammenbildung zu der gasförmigen Kohlensäure. Dabei werden 8100 Wärnieeinheiten erzeugt. Wenn aber die Feuerstelle misaiiber, der Rost verschmutzt ist, der Brenn- ftoff in«in« zu hohe Feuerschicht geschüttet wird und schließlich die Verbrennungslust unzureichend ist, dann findet der Kohlenstoff nicht genügend Scuierstasf und verbindet sich mit letzterem zu Kohlenoxyd, wobei nur 2�10 Wärmeeinheiten frei werden, d. h. zwei Drittel des Wärmegehaltes ist verloren gegangen. Bei gasreichen Brennstoffen(Holz, Braunkohle, Briketts und jüngere Steinkohls) geht der eigentlichen Verbrennung die Entgasnngs- Periode voraus. Kohlenstoff, Wasserstoss und Sauerstoff gehen dabei eine Anzahl neuer Verbindungen«in. Der Kohlenstoss will sich mit dem Sauerstoff zu Kohlensäure oder wenigstens zu Kohlenoxyd ver- binden, der Wasserstoff will sich ebenfalls mit dem Sauerstoff zu Wasserdampf vereinigen. Dabei beträgt der Heizwert von 1 Kilo- gnrnirn Wasserstoff nicht weniger als Lg 000 Wärinaeinheiten. Da-. neben verbinden sich Kohlenstoff und Wasserstoff zu leichten Kohlen- wasserstoffeii, den sogenannten„flüchtigen Bestandteilen", die bei ungenügender Entzündniigsiemperalur ungenutzt schnell zum Schornstein entweichen. Ferner entstehen noch schcvere, d. h. tcerhaltige Kohlenwasserstoffe, die den Rauch mehr oder weniger dunkel färben. Dadurch können bis zu 2S Proz. Heizverlust« entstehen. Die teer- haltigen Kohlenwasserstoff« verflüssigen sich. Wo sie auf kühl« Flächen treffen, fetzen st- sich als schwarze Schmiere ab. Riesenkräste der Insekten. Der Dichter H. G. Wells l)at In seinem Roman„Die Zeitmaschine" eine Zukunft gefchildert, in der der Mensch aus feiner Herrschaft über unseren Planeten durch die Insekten verdrängt wird. So merkwürdig das klingt, so besten dock? diese kleinen und unscheinbaren Tiere Kräfte, um die wir sie beneiden können. Die Stärke der Ameise ist so gewaltig, daß der Mensch, wenn er im Berhältnis über ebenso große Kräfte verfügte. 2 Eisenbahnlokomotivzn aus seine Schultern nehmen und forttragen könnte. Di« gewöhnliche Käsemilbe, die weniger als«in Viertel Zoll lang ist, kann aus einem ti Zoll tiefen Gefäß heran ssp ringen. Ein Mensch, der über ebenso starke Belnmuskeln verfügte, würde sich ans einem 114 Fuß tiefen Brunnen herausschnellen können. Der Ohrwurm ist ein wahrer Herkules. Man hat ein solches Tierchen an«inen kleinen Karren gespannt, der 4Smal sein eigenes Gewicht schwer war und mit cineni 200mal so großen Gewicht wie dem des Tierchens belastet wurde. Der Ohrwurm zog diese Last: ein»er- hältnismäßig ebenso kräftiges Pferd müßte dann eine Last von 200 Tonnen foriziehen. Fast alle Käfer besitzen unglaubliche Kräfw. Der stärkste unter ihnen ist der S Zoll lange Goliathkäfer, der in Südamerika lebt. Er ist weder giftig noch gefährlich, aber er hat zwischen seinem Hals und den Schultern eins Stelle, die wie ein Schraubstock wirkt. Ein gewöhnlicher Türschlüssel, der leicht gegen diese Stelle gedrückt wird, wird mit einer solchen Kraft gepackt, daß das Metall sich biegt. Ein Finger, der dagegen gelegt würde, wäre sofort gebrochen. Raupen sind imstande, das 80sache ihres Gewichts zu heben. Die Arbeitsleistungen mancher Insekten müssen unser größtes Erstaunen hervorrufen. Südamerikcnüsche Ameisen bauen Tunnel bis zu 3 Kilometer Länge. Die beladenc Biene bringt zn ihrem Stock eine Lzoniglost, die etwa das zweifache ihres Gewichts ausmacht. Was die Schnelligkeit einzelner Insekten anlangt, so hat der. französische Naturforscher de Liste beobaclsset, daß ein kleines Insekt 6 Zoll in der Minute läuft. Wenn wir so schnell laufen könnten, so würden wir mehr als 30 Kilometer in einer Minute zu- rücklegeu können. iWiOkSOG Kulturgeschichte Das Aller des Korkens. Den Kort oder vielmehr die Korkrinde kannten bereits die alten Aegypter, aber sie gebrauchten sie nicht. um irgendeinem Bier sein Aroma zu erhalten, sondern zur Anferti- gung ihrer Särge. Griechen und Römer führten 5korkrinde zur An- sertigung von Bienenkörben ein, da man meinte, daß der Honig in diesem geruchlosen und wasserdichten Stoff am besten gerate. Der Honig von 5)ymettoz, den Horaz besingt, ist offenbar in Korkkörbeir gezogen. Aber als bemerkenswerteste Eigenschaft des Korks hob der griechische Philosoph Theophrastrus sein Schwimmvennögen hervor. Diese Völker der Vorzeit hatten zwar, wie man weiß, mancherlei flüssige Waren, die wohl den Korken hätten brauchen können. Aber was sollte man mit Kork, wenn es keine Flaschen und keine anderen schmalhalsigen Gefäße gab? Getränke verwahrte man in großen Tonkrügen, und ihre weite Ocffnung verschloß mein mit einein Pfropfen von demselben Stoff. Natürlich schloß dieser nicht ohne weiteres luftdicht, sondern wurde mit einer Mischung von Kreide und Oel oder mit Leim gedichtet, oder er wurde auch verpicht, wie man es heute noch macht. Die Aufbewahrung von Wein in Fässern oder anderen gespundeten Behältnissen lernten die Römer erst von den Kelten. Diese Gefäße wurden mit 5)olzpflöckcn verschlossen. Außerdem wurde der Mein, wie man weiß, in Ledcrschläuchen auf- beivahrt, die man zuknotete. Auch die lange Nacht des Mittelalters wurde von keinem Pfropfenknall gestört. Ihren Schnaps verwahrten die Mönche in Krügen, die man öffnen konnte, ohne die Klosterruhc zu stören.— Aber dann kam die Flasche, und damit kam sozusagen Leben in den Korken. Die Ehre der rechten Anwendung des Korkens gebührt dem französischen Pater Pcrignon. Der gute Pater, der die große Ersindmig des Champagners gemacht hatte, brauchte etwas, um die Kohlensäure in diesem Getränk einzuschließen. Und dieses Etwas wurde der Korken. Die erste Untergrundbahn. Die erste Untergrundbahn, die angelegt wurde, war die Londoner. Drei Jahre, von 1860 bis 1863, wurde daran gebaut, und man hatte große Schwierigkeiten zu überwinden, bis am 10. Januar 1863 der erste Zug fuhr. Die Wagen waren mit Gas erleuchtet. Es wurde rühmend hervorgehoben, daß sie so hoch waren, daß eln großer Mann mit einem Zylinder darin ausrecht stehen konnte. Die Empfindungen aber, mit denen die ersten Passagiere dieses in da« maliger Zeit einzigartige Beförderungsmittel benutzten, waren ziem- lich gemischt. Sir William Hardman schildert in seinen Erinne- runge» die erste Fahrt, die er mit seiner Frau machte.„Es ist höchst unheimlich, so in die Tiefe hinabzusteigen," schreibt er.„Sitzt man aber erst einmal im Wagen, dann geht es ganz glatt und schnell, und man fühlt sich recht sicher und ruhig. Wir waren be- rcits ein Stück gefahren, bevor ich noch wußte, daß es überhaupt losgegangen war. Die größte Schwierigkeit besteht davn, an der richtigen Station auszusteigen, denn sie sehen sich alle außcrordent- lich ähnlich, und wenn man nicht genau aufpaßt, fährt man weiter, als man will."