Nummer 6 Ak � � 13. März 1924 �tvmnelt Unterhaltungsbeilage öes vorwärts Die Göttin aus dem Osten. Von Rolf Gustaf Haebler. Ms Herbert Mach zu dem großen Kongreß fuhr, der in einer der schönsten Städte Deutschlands tagte und auf dem er sprechen sollt« als einer der Menschen, welche die Hand am Pulse der Zeit haben und um die Sehnsucht und Bitterkeiten dieser Tage wissen, war ihm längst die froh« Stimmung, mit der er zugesagt hatte, zerflattert und eine müde Wolke stand auf seiner Stirn. Er sagt« sich: Im Grund« ist es zwecklos, heutiger Zeit und diesen Menschen Reden holten, Beschlüsse fassen, hin und her erörtern. Notwendige» und Zweck- mäßiges gegeneinander zu setzen; Spielerei de» Intellekts, der sich freut an glatter Formung geistiger Bewegungen... Und während die Landschaft an den Fenstern seine» Zuge» vorbeijagte, reift« in ihm der Entschluß, all der Geschäftigkeit diese» wachen Sein» die Ruhe entgegenzusetzen, die aus dem Gefühl einer innersten Ab« geschloffenheit stammt, einer Einsamkeit, der diese Ding« nux Spiegelbild eines gebrochenen Wechsels von Farbe, Lust, Leidenschaft und formendem Willen sind. Ich bin müde, meint« er zu sich, müde de» vielen Herüber- und Hinübersprechens, der großen Worte und kleinen Taten, die im Taumel dieser Tag« zerrinnen wie trockener Sand zwischen den Fingern: und er überlegt«, ob er nicht einen, irgend einen anderen Menschen von den vielen bitten soll«, an seiner Stelle zu sprechen. Aber al» er ausstieg und plötzlich in dem Trubel festlicher Leute stand, Menschen begrüßt«, deren Antlitz Ihm Erinnerung gab an schöne Stunden, oder die neu waren und in deren Zügen zu lesen ihm ein« Freude war, und als die nicht lärmend», wohl aber froh • bewegte und herzliche Freundschaft ein« irgendwi« vorhandenen gemeinsamen Innerlichkeit, eine» Verbundensein« in Gesinnung, geistiger Haltung und Wollen ihn überströmt«: da war die lau» und abwehrende Trübung seine» Geistes rasch bezwungen. Er lebt« aus, wurde froh und lebhaft wie viele, sein« Bewegungen sprangen rascher au» den Muskeln, d«r Körper ward mehr und mehr Instrument, auf dem zu spielen, ein« heiter» und beschwingt« Melodie, ihm innere» Vergnügen berettete. Sein Geist löste sich au» den Hemmungen eine» schweren Blute», da» von Träumerei und Schwermut zuweilen dunkler gefärbt erschien. Und al» er droben stand, festlich, in straffer Zucht de» Geiste», da» dunkle Haar leicht sprühend, und sein Auge über eine unruhig« Menge ging, die zu bändigen in der Richtung sein« Ziel« ihm stet»«in» leis« Wollust«schien, ein Reiter, der ohne Sporen und Gerte, nur mit dem Willen straff« Kraft da» Ti« Masse bändigt« und leitete, da strömte über ihn die lange ver- gessene Fröhlichkeit«ine« unmittelbaren Leben»; Beifall berauscht« ihn leicht, lockerte die Fugen sein« mißtrauischen Zurückhaltung, die das Leben jedem einpreßt, den Schicksal in ein« vordere Stellung zwang. Ein« strahlend« Heiterkeit war plötzlich In ihm,«ine Be- schwingtheit,«In Gleitflug der Seele über schönen Menschenland- schaften, jene» herrliche Losgelöstsein, da» dem geistigen Menschen Rausch ist, tausemdmal schöner al, die Befreiungen der Schwere, die . Mit großer technischer Virtuosität schildert Sloninskij alle Schrecken des Hungers und der Menschenfresserei, aber mit teuflischer Ironie wird die Frage in Komik verwandelt: denn das Fleisch, das der Held esien muß, erweist sich nachher als Hammeisleisch. Der produktivste und vielleicht bedeutendste unter den „Serapionsbrüdern" ist W s e w o l l o d Iwanow, der in noch stärkere», Grade als Sloninstij Naturalist ist, aber ohne Ironie. Er taucht plötzlich am literarischen Horizont, am Himmel der sibirischen Nachrevolutio» auf. Sie erfüllt seine Novellen bis zum Rande, und mit Recht hat man ihn den grausamsten unter den modernen Schrift- stellern genannt: denn er weicht keinen Schritt vor dem düsteren Spiel der Wirklichkeit zurück und wirft keinen mildernden und ver- söhnenden Schleier über den Kampf zwischen sterbendem Alten und blutigem Neuen, das er mit eigenen Augen angesehen hat. Un« wisiendc tierische Bauern, grausame und gleichzeitig gutmütige Sol- baten, Weiße und Rote, in Lumpen gekleilÄe Flüchtling«, hungernd« Männer und Weiber, Kirgisen und Tartaren sind seine Helden oder richtiger die Wesen, die ihn am meisten interessieren. Ohne ein Wort der Erklärung oder Entschuldigung schildert er in der Erzählung„Das süße Kind", wie sibirische Rotgardisten, gewöhnliche Bauernjungen ans irgend einem Ort, die einen weißen Offizier und seine Frau getötet, aber ihre Kinder geschont haben,«in gefangenes Kirgisen- weib. das unlängst geboren bat, zwingen, das froinde„süße Kind" an Srell« seines eigenen zu stillen: wie sie entdecken, daß es heimlich seinem e'genen Iunaen die Brust gibt, während das andere bungem muß: wie sie zur Strafe das eigene Kind in die Steppe werfen, wo es sterben muß, und wie sie an jedem Abend sich vor ihrem Zell versammeln, um zu sehen, ob das unglückliche Weib das„süße Kind" nährt, und um sich daran zu freuen, daß es ihm von Tag zu Tag bester geht. Eil» andere Novell«: das Gerüch, von der Revolution ist all- mählich in ein abgelegenes sibirisches„Dorf in der Steppe als eine religiös gefärbt« Legende gelangt, wonach die Bolschewisten Jerusalem eingenommen und einen gcwisten Lenin an Christi Stelle gesetzt, aber sein heiliges Grab vernagelt hätten, da„kein Bedarf mehr dafür vorhanden fei". Da wäre die heilige Jungfrau und Mutter Gottes vorgetreten und hätte zu Lenin gesagt:„Da du mm also Christus tost, so tue auch ein Wunderl" Aber Lenin— er schwieg. In diese Welt der mittelalterlichen Legend«, in der die Bauern, um Gottes Gnade zu erlangen, in feierlicher Prozestion vierzignial einen wundertätigen See umschreiten, sch'ägt plötzlich wie ein unerwarteter Blitz das neue revolutionäre Leben in Form cm, bolschewistischer Kavallerie ein, die sofort alles mobilisiert, was einen mir Erde gefüllten Sack auf dem Rücken tragen kann, und es zu Kampf und Krieg und unbekanntem neuen Leben fortführt, während die anderen in ihren mittelalterlichen Zustand zurücksinken. Iwanaw am nächsten steht R. R. N i k i t i n, der„Bruder Kanonarch", der vielleicht nicht über dasselbe Erzöhlertalent ver- fügt, aber doch in seinen Novellen, die dem Kriege und dem Bauern» leben entstammen, eine große sprachliche Meisterschaft bekundet, aber Konstantin F e d i n. der während des Krieges Zivilqefangener in Deutschland war und dann in einer russischen Laildstadt durch die harte Schule des Kommunismus ging, und K a w e r i n, der ein vielversprechender Novellist ist, folgen in ihrer Kunst mehr Hoff- mann? Spuren als Iwanow und Nikitin: Fedin hat außer zahl- reichen Novellen und Erzählungen einen geschichtlichen Zweiakter „Bakunin in Dresden"(1920) verfaßt, Kawerin das von Hossmaim so oft gewählte deutsche Mittelalter in einer phantastischen„Chrouit von der Sradt Leipzig" verwendet. Der einzige reine Humorist unter den„Serapionsbrüdern" ist Michail Z o st j e n k o, der»ine Zwischenstellung zwischen Hoffmanns seltenen Humoresken und Gogols„Toten Seelen" einnimmt: nicht umsonst ist Zostsenkos Kleinruste.____ Lebensentstehung. Von Otto Deixner. Manch grauer Gelehrienkops mag der Lösung diese« schwierig- stea aller Probleme nachgesorsch: haben. Dem Zeitalter oer Tech- Ilii zum Hohn, trotz Mikroskop und wissensä�stlichen, Fortschritt stehen wir heute noch gerade so unwissend wie der Philosoph und Naturforscher des Altertums vor de», unverratenen Geheimnis, suche» es auf die allerschlauefte Welse zu lüften und müssen doch miede,' zum alten„Ignoramus" zurückkehren. Di« Frage„ach den, Ursprung des Lebens hat von j«d«r den Menschen beschäftigt. Wie er bei allem, was ihm fremd und uner- klärttch war, der Phantasie freies Spiel ließ, so auch hier. Bon de, al:sn Schöpsungslehre wich man bold ab, die galt als unwissen- schafilich und nur zci» Tell hiHt man. dem religiösen Gemissen Konzessionen machend, vn ihr fest. Für lange Zeit war es die U r- zeugungstheorie, die man zur herrschenden Anslchr machte. Leben könne sich ganz einfach durch Umwandlung anorganischer Materie in lebende Substanz bilden. Das unerwartet starke Auf- treten von Regenwürmern nach Regengüssen deutete sich Aristoteles damit, daß eben feuchte Ackererde diese Tiere hervorbrächte. Er nahm sich nicht die Mühe, den Entstehungsursachen nachzuforschen, ihm schien die Deutung vollauf befriedigend und wie ähnlich auch spätere Nawrwisienschaftler dachten, das bewiesen die Ansichten über Reubildung von Lebewesen, die bis ins 17. und 18. Jahrhundert maßgebend waren. Flöhe sollten aus uringemischtem Staub, Läufe aus dem Schweiß und Fliegenmaden aus faulem Fleisch«nlstchen. Besonders kurios ist die Anleitung des heiligen Isidors, um Bienen zu erzeugen. Man bearbeite«inen Ochjenkadaver mit Stockschlägen. Da würden Maden entstehen und aus ihnen endlich Bienen. Diesem Unsinn wurde erst ein Ende bereitet, als die Vorläufer des Mikro- skopes in Gestalt einfacher Bergrößerungsgläser auftauchten. Dank dieser Ersindung imd der kritischen Versoigimg der Lebensentwick- kung sozusagen aus dem Nichts, entdeckte man bald am Entstehung»- ort die früher übersehenen Keime. Francesco Redi widerlegte die - Urzeugungstheorie ohne viel Mühe. Die übliche Madendildung auf Fleisch blieb aus, wenn das Fleischstück mit einem engmaschigen Netz bedeckt wurde. Denn kein Insekt konnte jetzt sein« Eier, die Bedingung der Madenbildung, ablegen. Als man von neuem bei der Entdeckung der Infusorien auf die Urzeugung hinwies, waren es Koch und Pasteur, die abermals dieser Lehre den Todesstoß versetzten. Die Infusorien(Aufguß- tierchen) entwickeln sich in großer Zahl in 5)euaufgüssen. Werden aber die Aufgüsse gekocht und die Gläser gut verschlossen, so bleiben die Infusorien aus. Sie haften vordem au den getrockneten Halmen in verkapsel'em Zustand und wären in die Flüssigkeit ausgeschwärmt, hätte die Hitze sie nicht oetötet. Somit kann sich Leben mir wieder aus Leben, aus einer lebenden Zelle«ine andere bilden. Ein Jahr vor Pastcurs Versuchen glaubte man nahe daran zu sein, auf einem anderen Wege das Problem zu lösen. Man stellte die Behauptung auf, die ersten Organismen seien aus dem Urschleim entstanden, der aus Protoplasma zusammengesetzt wäre, vtun galt es den Nachweis zu erbringen! Als 1857 das erste transatlantische Kabel gelegt wurde, fand man zur großen Freude der Gelehrten den Meeresboden mit einem zähen, gallertartigen Schleim überzogen. Kein Zweifel, man hatte ihn, den lang gesuchten Urschleim. Viel Lärin um nichts! Trotzdem der Fund sofort einen wissenschaftlichen Namen erhielt Bst>dinz Haeckclii Huxley), war er nicht das erstrebte Urprotoplasma, sondern gewöhnlicher Gipsschlamm. Eine heut« gänzlich vergessene Meinung vertritt Fechner. Aus dem Weltemamn, ursprünglich selbst ein ungeheurer Organismus, bildete sich Sonn« und Erde, Mansch und Tier heraus. Der anfangs feurigglühende Erdball kühlte langsam ab. Es entstand das Meer und über ihm die die Erde einhüllende Atmosphäre. In Luft und Wasser befanden sich von Ansang an Lebewesen. Es ist in dieser wunderlichen Theorie ein Körnchen jener modernen Hypothese, die von Svant« Arrhenius stammt. Das Leben muß gar nicht auf der Erde entstanden sein. Kleinste Lebenskeim« finden sich überall. Sie erfüllen den unendlichen kosmischen Raum in unzahligen Mengen. Durch den Strahlungsdruck des Lichtäthsrs werden sie in die Erd- atmosphäre gepreßt und gelangen auf die Erde. Geeignete Nähr- böden fördern ihre Entwicklung Im Lauf von Iahrnüllionen zu höheren, vollkommeneren Lebewesen. Und wo bleibt die Lebens- entstehung, fragt der Leser? Di« hypothetische Antwort Arrhenius' ist unbefriedigend. Denn das Leben sei ewig. Dadurch wird ein Begriff in dies« Theorie gebracht, der uns unfaßbar ist. Dielleicht sind wir heute der Lösung nahe. Vor nicht zu langer Zeit ist eine bedeutsame Entdeckung bekannt geworden. Der fran- zöstsch« Forscher d'Hcrelle fand eine Substanz, die Bakteriophagen oder Bakberienfresser, die einer Bakterienkuitur zugesetzt, alle Bakterien Met. Di« bazillenoernickteirde Substanz ist also allem Anschein nach das. Jmpfmittel der Zukunft. Doch seine Bedeutung für unser Problem? Man weiß von den Bakteriophagen noch sehr wenig, fast gar nichts. Nicht einmal, ob sie belebt oder unbelebt oder ob sie nicht etiva gar ein Uebergang von dem einen Stadium zum anderen sind. Denn dann wäre es gefunden, das Ziel so vielen Kopfzerbrechens. Sei den Cstimos. Interessante und vielfach unbekannte Dinge waren es. die der Polarforscher ChristianLedcn jüngst in cinein mit Lichtbildern, Filmen und Phonogrammen ausgestatteten Vortrag in der Berliner „Urania" über feine Relse zu den priniiavsten Urzeit noch vor- handenen Eskimoftämmen hielt. Die Reis«, die den Forscher drei Jahre voi, seiner norwegischen Heinrat fernhielt, ging zu den westlich der Hudsonbay(östliches Kanada) ansässigen, um den Ehurchull- sl»ß herum wohnenden Stamm der Pard le rn u i t- Es ki m os. Als wicht igst«? Ergebnis glaubte der Forscher auf Grund der Ber- aleiche de, Phonograrnnie von Bolksaesängen der Eskimos und der Indianer eine nahe Verwandtschaft der beiden festzustellen derart, daß die Eskimos von den Indianern abstammet r. Aber beide Völker. die nahe rnieiiuntder grenzen, lieber, sich keineswegs. Der kanadische Indianer geht nördlich nicht über die Baumgrenze hinaus, und der nördlich der Vaumgrenze wohnende Eskimo vermeidet es ängstlich, lich zwischen Bäumen aufzuhalten. Dennoch gibt es zwischen beiden Völkern keinen eigentlichen Streit, wie den Eskimos das Wort. „Krieg" völlig unbekannt ist. Sie wissen nicht, was e« bedeuten soll. Uno wie bei uns das griechische Won„polemos", das ursprünglich Krieg oder Kampf bedeutete, in dem Wort Polemik die edlere Bedeutung des Streites, des unblutigen Kampfes der Geister angenommen hat, so kennt der durchaus friedfertige und ruhige Eskimo nur einen Streit der Geister, nicht der Körper. Läßt sich eine Auseinandersetzung mit einem Gegner nicht mehr oer- meiden, so kommt eines Tages der ganze Stamm mit den Frauen zusammen. Die beiden Gegner treten sich gegenüber und es beginnt nun gegenseitig etwas, was die Bayern mit„Frozzeln" bezeichnen. Der eine beginnt alles, was ihm an seinem Gegner als tadelnswert erscheint, vorzusingen, und Zwar in einer Form, die den andern lächerlich nwcht. Der andere hat zunächst geduldig still zu schweigen, bis er an der Reihe ist. Dann beginnt er dasselbe Spiel mit seinem jetzt gleichfalls stillen Gegner. Das Spie! wiederholt sich solang«, bis all« Gründe der Gegner erschöpft pno. Wer nun den anderen am meisten„durch den Kakao gezogen hat", der ist Sieger und über westen Untugenden am meisten gelacht worden ist. der hat verloren. Es wäre aber ganz verfehlt, aus dieser Art der Eskimos, Streitig» leiten auszufechten, aus Feigheit zu schließen. Der Eskimo beweist Mannhaiiigkeit, Mut Entschloflenheit imd Tapferkeit im höchsten Maß, aber nicht gegen seinen Mitmenschen, sondern gegen einen ganz anderen Gegner, nämlich den Eisbären, der fem schlimmster Feind ist. Wieder ist es ein besonders sympathischer Zug dieser primitiven Menschen, daß sie die Art des Europäers, den Bären durch da» Gewehr zu erledigen, als eines Mannes unwürdig betrachten. Sie meinen, das sei kein Kunststück Mit dem Eisbären ficht der Eskimo ein regelrechtes Duell aus. Er geht nur mit dem Mester auf da» Raubtier los. Nicht selten kommt es vor, daß der Bär dem Eskimo den Garaus macht, aber in der Mehrzahl der Fälle ist der Mensch Neger. Viele Eskimos tragen tiefe Narben von furchtbaren Ver- wundungen, die ihnen der Bär beigebracht hat. Auch die sonstigen Charaktereigenschaften dieser Kanada-Eskimos sind hervorragend, während die Grönlandeskimos durch ihr« Berührung und Mischung mit den Europäern das Beste bereits eingebüßt haben. Wieder im Gegensatz. zu den Gröntandeskimos verfügen di« Kanadaeskimos über eine ausgezeichnete Gesundheit. Hautkrankheiten find ihnen fremd, weil sie kein Ungeziefer hoben, und das hat wieder einen Grund in einer höchst einfachen aber wirksamen Hygiene. Gerade an der Stelle, wo wir Europäer am empfindlichsten sind, nämlich am Unterleib, lassen die Eskimos, Männer wie Frauen, zwischen der Fellbekleidung des Oberkörpers und der der Beine einen Spalt, durch den die kalte Lust an den Körper gelangen kann. Sie halten diese Maßnahme für notwendig, weil sie sich nicht waschen und baden können, denn der Winter dauert zehn Monate. In dieser ganzen Zeit wohnen sie in Schneehütten, in deren Inneren eine höchste Temperatur von minus Z— 4 Grad herrscht Jede Feuchtig» keit würde sofort zu Eis erstarren. Nachts entkleidet sich die ganze Familie, Männer, Frauen und Kinder, bis aus die Haut und ge» meinsam, einer den andern wärmend, schlafen sie in Pelzdecken. Die Grönlandsestimos leiden hingegen un'er Ungeziefer in hohen! Maß. Von natürlicher Reinheit sind bei den Kanaüaeskimos die Liebes- und Ehesitten. Jeder reise Jüngling und jedes Mädchen muß heiraten, Wenn das Mädchen reis ist, beginnt sie ein Gewand zu tragen, das aus dem Rücken eine Tasche hat. In dieser Tasche nämlich tragen die Frauen ihre kleinen Kinder mit sich herum. Sobald ein Mädckien das tttt, begibt sich ein Bote zu ihrem fernen Erwählten— die Eskimos versprechen schon die Kinder zur Che— und teilt ihm das mit. Bedächtig macht sich der Verlobte auf die Reise. Ueberall kehrt er ein und bleibt eine Nacht. Er sagt kein Wort von seinem Vorhaben und man fragt ihn auch nicht, trotzdem jeder Gastgeber weiß, was feinen Gast heimwärts treibt. Ist er bei seinem Stamm angekommen, so bezieht er die am weitesten von seiner Verlobten entfernt« Hütte und kommt jeden Tag etwas näher. Endlich ist er bei ihr, sagt aber immer noch nichts. Bis er eines Abends kurz>md bündig erklärt:„Morgen fahre ich zurück und du kommst Mit." Nun beginnt bei dem Mädchen ein großes Sträuben und Weinen. Am andern Tag steht der junge Eskimo reisefertig da. Wieder langes Parlieren. Endlich sagt er:„Entweder du kommst mit oder ich fahre allein." Das Mädchen kommt dann mit und die Reife geht los. Oft kommt es vor, daß die junge Frau unterwegs entweickt und zu ihren Eltern zurückkehrt, von wo sie sich der junge Ehemann wieder einholt. Dieses Sichsträuben ist eben auch nichts weiter als ein Stückchen der auf dem ganze» Erdenrund verbreiteten Evasitie, sich recht begehrenswert zu machen. Wenn es nun vorkommt, daß ein verheirateter Eskimo ein« große und schwere Reise nordwärts ausführen muß, und er hat nur ein schwächliches Frauchen, dann tauscht er mit einem andern Stammesbruder, der eine kräftigere Frau hat, während der Daheimbleibende sich so lange mit der Schwächeren be- und vergnügt. Die christlich« Mission ist es wieder einmal gewesen, die dazu beigetragen hat, daß die natürlichen Ber- Höllnisse in ihr Gegenteil verkehrt wurden. Die Missionare dangen darauf, daß die Frauen verschiedenfarbige Bänder im Haar trugen, damit man auch äußerlich sehen konme, wer ein eheliches und wer ein uneheliches Kind empfangen sollte oder hatte. Das hatte aber glücklicherweise vielfach die entgegengesetzte Wirkung, denn die Männer sahen nun eine Ehr« darin, ein von den Missionaren bc- makeltes Mädchen erst recht zu heiraten. So könnte man mit dem Dichter auch von diesen Wilde» sagen, daß sie manchrnal doch bessere Menschen seien als wir Europäer. lind der große unschätzbare Werl der vergleichenden Bölkerkund« und Völkerpsychologie, wie Wilhelm Wundt sie gelehrt hat, lieg! eben darin, daß«vir aus den Ergebnisjen der Forschungen zu Vergleichen mil unseren eigenen Kulturen und Unkulturen gebiaugl werocm Wissen und Schauen Eigenartige Kamen. Der englische Major Armbruster hat jetzt den ersten Teil ieine» amharischen Wörterbuches erscheinen lassen. Llmharisch ist die Sprache, die in Abessinien gesprochen wird; sie f'hört zur semitischen Sprachfamilie. Eigentümlich ist, daß diese prache eine Gewohnheit beibehalten Hot, die direkt an die assyrischen und babylonischen Königsnamen anknüpft, nämlich die Sitte, Per- fonennamen durch ganze Sätze zu bilden. So heißt ein abessinischer Männername:„Wer dich ansteht, soll zittern!" Ein weiblicher Name bedeutet:„Du bist eine Perlet", ein anderer:„Wer ist über dir? Auch der berühmte Name Menelik oder Menilet findet so seine Er- klärung. Armbruster leitet ihn von der Form Menlekke, einer Ab- kürzung von Menlekatlan, was bedeuten soll:„Was für ein Maß Hai er!", d h. wie groß ist erl Die sonst vielfach gegebene Erklärung des Wortes Menelik als„Sohn des Weisen", d. h. Salomos, hält der englische Forscher für eine spätere künstliche Konstruktion. Sants Tapete. Kant war in seiner Wohnung sehr puritanisch und begnügte sich mit einfach geweißten Wänden. Infolge des Gwubes und der Dampfwolken seiner Tobakspfeife erhielten die Wände allmählich eine arau« Schicht. Als man sich eines Tages angeregt unterhielt, wischt« der Krlegsrot Scheffner in der Zer- strßulheit mit dem Finger über die Wand und legte dadurch einige Stuckchen des ursprünglichen weihen Untergrunde» frei. Darüber aber war Kant ungehalten.„Lieber Freund", sagte er,„warum wollen Sie den A'tertumsrost meiner Wände zerstören?" Ist eine solche von selbst entstanden« Tapete nicht besser als ein« für teure» Geld gekaufte?" Iliita>StaiW Naturwissenschaft Der Einsamkeitstod der Znsekten. Bei gewissen Insektenarten, deren ganzes Leben sich in engster Gemeinschaft mit ihren Ge» Nossen vollzieht, ist das„soziale Empfinden" so stark, daß st« allein nicht leben können. Beobachtungen über diese„Abhängigkeit so- zialer Insekten vom Nest' hat Wilhelm Goetsch gemocht und ge- währt un»«inen tiefen Einblick in da» Wesen dieser Tier«, die K. u. Frisch in den„Naturwissenschaften" mitteilt. Der Bienen- kenncr weiß bereits fett langem, daß Bienen, die au, dem Bienen- stock genommen und in Enzelhaft gehalten werden, nach kurzer Zeit eingehen, auch wenn sie Honig im Uebersluß haben und für ihr leib- liches Wohl auf das beste gesorgt wird. Sie können die Trennung von ihren Stockgenossen nicht lange überleben. Goetsch hat nun über diese Erscheinung eine Anzahl Versuche mit Bienen, Hummeln und Welpen angestellt. Bienen, die allein oder zu zweit in Be- hällern verschiedenster Art gefangen gesetzt wurden, starben auch unter günstigsten Lebensbedingungen nach t— S Tagen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob man alte Flugbienen nimmt oder junge Tiere. Fast ebenso schnell sterben die Arbeiterinnen der Hum- mein und Wespen bei Einzelhaft. Dagegen lassen stch Tleve der gleichen Art. die nicht auf soziales Leben eingestellt sind, unter den gleichen Bedingungen wochenlang am Leben erhalten. Die» g«. lingt z. B. bei überwinterten Hummel- und Wespenweibchen, dl« im Frühling allein zur Nestgründung schreiten oder bei nahverwandten Formen, die einzeln leben, wie den solitären Bienen. Um die Gründe für dies« Erscheinung genauer festzustellen, mochte Goetsch feine Versuche mit Ameisen, dt« sich wegen der einfacheren Kultur- bedingungen dazu besser eignen al» Bienen, Hummeln oder Wespen. Es ergab sich nun, daß nicht das Alleinsein den Tod der Tiere verursackt, sondern der„Etnsamkeitstod" wird vielmehr dadurch hervorgerufen, daß die Insekten nicht die Möglichkeit haben, ihren Bau- und Brutpflegeinstinkt auszuüben. Auch einzeln gehaltene Ameisen leben wochenlang, wenn sie die Gelegenheit haben, ihr« Brut zu psleqen, und ihnen Erde zum Bauen zur Verfügung steht. Fehlt ihnen«Ins von beiden, so wird ihr Leben dadurch wesentlich abgekürzt: fehlt ihnen beide», so sterben sie schon nach wenigen Tagen, selbst wenn man sie in Gesellschaft zu 2— 4 hält. Al» ein iveiicrer Faktor, der auf die Ameisen lebensvertürzend wirkt, ist das Fehlen einer Königin hervorzli heben. Diese Befund« bei Ameisen scheinen in ähnlicher Weise auch bei Bienen. Hummeln und Wespen zu gelten. Vorsichtsmaßregeln la der Tierwelt. Di« asiatischen Wltd- pferde hoben einen geregelten Sicherheitsdienst. Wenn sie in Rudeln grasen, stellen sie stet»«in Tier als Schildwache auf. Dieses nimmt reine Aufgabe sehr genau, selbst die üppigste Weide wird es nicht verführen, von seiner Wachsamkeit abzulassen. Droht Gefahr, so gibt es durch Wiehern und Aufstampfen mit den Hufen«in War« nungssiqnal. und da» Rudel ordnet stch sofort zur Flucht. Die Affen Südafrikas schicken auf Ihren Wanderungen stet» einen Stamniesangehörigen, vermutlich den erfahrensten, al» iScrhut voran: dieser gibt im Notsall« durch heiseres Bellen ein Zeichen, worauf sich sofort die übrigen Affen sammeln und der Bormarsch stockt, bis ein weiteres Zeichen dos anzuratende Verhalten angibt, ob weiter zu gehen ist oder ob man rückwärts oder seitwärts sicherer ist. Aeu Herst scheu und vorsichtig ist der korsikanische Mousfion, eine Art Gebirgsschas. Wenn W« Herde auf den Höhen weidet, steht auf der höchsten Spitz« immer ein Tier, da» jorgsam die Umgegend be- «bachtet und durch ein Aufstampfen warnt, wenn sich Berdächtiges zeigt. Eine ganze Reihe von Schildwachen stellen die südameri- dänischen Prüriehunde au», kleine braune Tiere, die sofort unter die Erde oerfchwinden, wenn die Wächter ihr scharfes Bellen ertönen ließen. Während vorher die ganze Prärie braun von den kleinen Tieren war, ist plötzlich die ganze Schar wie weggeweht. Daß auch unsere Tiere, z. B. die Füchse, ihr« Jungen beim Herannahen einer Gefahr wirtsam zu warnen oerstehen, weih jeder Jäger. Der lauteste Vogel. Unter unseren gefiederten Sängern ist wohl der Kuckuck der lauteste: man kann ihn zuweilen auf Kilometer- weite hin oernehmen. Aber weit übertroffen wird unser Kuckuck an Tonstärke von dem in Südamerika und Afrika lebenden Glocken. vogel, dessen Schrei nach einem Bericht in„Reclmns Universum" 5— 6 Kilometer weit zu hören ist. Wahrscheinlich bringt dieser „Schreihals", der im Verhältnis zu seiner Größe sicherlich der lauteste Vogel ist. diese weithin schallenden Töne mit Hilfe von schwellbaren Hautwucherungen an der Schnabelgeqend hervor, die die Aufgab« eines Resonanzwerkzeuges haben. Man hat den Eindruck, wenn man den Giockenvogel beobachtet, daß er beim Rufen all« Kraft auf- bietet. Das taubengroße Tierchen öffnet dabei den Schnabel so weit wie nur möglich und stößt den Kopf nach vorn, als ob es auf einen Gegner einhacken wollte. Diese Bewegung ist derart krampf- artig, daß e» so aussieht, al» habe der Vogel Mühe, sew Gleich. gewicht zu behaupten Jedenfalls ist e» für einen so kleinen Vogel ein« erstaunliche Leistung, daß er sich auf ö— 6 Kilometer tstn bemerkbar machen kann. Der Ruf selbst wird von verschiedenen Be- obachtern sehr verschiedenartig charakterisiert. Auf die einen wirkt er wie ein starte- Mockenion, aus die anderen mehr wie ein dumpfer Schlag, dem ähnlich, d«n ein« Axt auf hartem Holz hervorbringt. Völkerkunde Indirekte Kannibalen. Der englisch« Professor Mc. Govern berichtet in seinen Erinnerungen au» Tibet:„Die abscheulichste Sitte der Tibetaner ist die, wie sie sich ihrer Toten entledigen. Das gaitz« Land ist felsig und der vorhanden« fruchtbare Erdboden ist zu gering, als daß er für Friedhöfe oerwendet werden sollt«. Krematorien zu errichten, geht nicht an, da es nur wenig Heizmaterial in Tibet gibt, also schneiden dt« Tibetaner ihre Toten einfach in Stücke und legen diese außerhalb ihrer Ansiedümgen, den Raben, Hunden und Schweinen dt« weiter« Fürsorge überlassend. Deshalb sehen di» ti- betanischen Schweine und Hunde, die bei der Bevölkerung al» Leckerbissen gelten, dann auch immer lehr gut genShrt au». Im übrigen leben die Tibetaner von Gerstenmehl und Te«. Letzterer ist eine scheußliche Brühe, denn er wird mit Fett, Soda und Salz ver- mischt. Trotzdem waren wir gezwungen, ihn zu trinken, um nicht aufzufallen. Die armen Tibetaner essen dag Fleisch roh, die retchen bereiten es durch Kochen tmd Braten am Spieß zu." Die Erdcsser. Im Sudan und in anderen Teilen Afrika», in Südamerika und in Westindien sind e« nicht bloß Kinder, sondern auch Erwachsene, die Erde essen. Die vom NU mitgeschleppte Erde gilt als bekömmlich, und deshalb wird sie in Form von Figuren, dt» an unsere Backwerkfiguren erinnern, verkauft. Besonder, sind«« bleichsüchtige Männer und Frauen, dl« sie essen, weil man glaubt, di« Erde sei gut gegen Weichsucht, während gerade umgekehrt di« Bleichsucht durch da» Erdessen verursacht wird. Die Bewohnh«it entsteht wahrscheinlich schon bei den kleinen Kindern. In Lao», dem französischen Protektorat in Hlnterindien, wird dem Erdessen so «ifrig gehuldigt, daß e» geradezu ein« Leidenschaft ist, wi« der To- bat-, Altohol- oder Opiumgenuß. Dort wird übrigen» die Erde«igen» zubereitet: Man nimmt Lehm au» d«n Müssen, trocknet ihn an der Sonne, zerreibt ihn, feuchtet ihn wieder an, bedeckt ihn mit Reisig und Erde und brennt ihn wie Holzkohlen. Gr sieht dann au» wi« Schokolade und wird auf den Märkten verkauft. Di« Armen nehmen einfach den Lehm au» den Flüssen und essen ihn ohne weitere bereitung. Obschon da, Erdessen sehr nachteilig« Folgen für die sundheit zettigt, lassen die Einheimischen nicht davon ab. W vom Menfthen[ipElini[E*3llll| Wozu dient die Thymusdrüse? Der amerikanisch« Gelehrt« Dr. Oskar Riddle von der Earnegic-Statlon für Entwicklung»» geschichte zu New Port veröfsentlicht«ine wichtige Arbeil über dl« Thymusdrüse. Man wußte bereits, daß sie Einfluß aus den Knochen- bau hat und auch die inner« Sekretion beeinflußt. Jetzt hat ssch er- geben, daß die Wirbeltiere, mit Ausnahme der Säuger, ohne dt« Thynnisdrnse ihre Art überhaupt nicht fortpflanzen können. Bon ihr hängt di« Bildung der Eierschalen und Eimembrane ab. Wenn man Tauben, die minderwertige und mißgestaltete Eier legten, etwa» Thymusdriisensaft gab, begannen sie alsbald normal zu legen. Dt« Untersuchung ergab, daß ihre eigene Thymusdrüse defekt war. Dt« Thymusdrüse liegt zwischen Herz und Brustbein, sie ist in der Jugend sehr groß, nimmt später an verhältnismäßiger Größe ab, bleibt aber dein Menschen während seines ganzen• Lebens erhalten. Sie hat jetzt eigentlich für die Menschheit keinen Wert mehr, aber in früheren Stadien der Existenz des Menschen war sie wichtig. Wenn wir von Wesen abstammen, d!« einmal im Meere lebten, so hat bei diesen di« Thymusdrüse die Eischale und di« Eihaut für di« Jungen geliefert, und cchne sie wäre d!« Entwicklung des Menschen- geschlechtes nicht möglich gewesen. Wir würden nicht leben, wenn unsere Vorfahren keine Thymusdrüse besessen hätten, aber unsere Nachkommen könnten allerdings die Rasse fortpslanzen, wenn wir die Drüse verlören. Es sei denn, daß nicht doch noch eine ver- borgen« Funktion vorhanden wäre: die innere Sekretion und was damit zusammenhängt, kann noch ileberraschungen bringen.