Nummer 15 17. Juli im hlttterhaStungsbeilatze ■!............ wnmeit öes vorwärts Der Hann. Eine fränkische Geschichie von Kuni Tremei-Sggert. Sonndog ist'sl Sonnto�nochmittag! Aber nicht sür bi« Lauern, jetzt, in der Ernte und bei solchem Wetterl Laut rasseln die leeren Wagen über das holperige Pflaster und durchs Fenster kommt mit einem warmen Luftzug der un- angenehm« Geruch des Bremsenöles, mit dem der Bauer seine Ochsenschecken kreuz und quer beschmiert hat, so daß sie aussehen wie Landkarten mit schwarzgezeichneten Flüssen- Di« paar Hühner, die man sonst wohl aus der Gasse sieht, haben sich vor der Hitze irgendwo in eine küht« Ecke gedrückt. Ich gehe ins Zimmer zurück; hier ist es leidlich kühl, und mache mich daran, Briefschaften zu erledigen. Eine Stunde mag so verstrichen sein, da hörte ich von einem vorübergehenden Jungen den Satz:„Sie haben ihn. sie haben ihn eben gefund'n!" Sofort sehe ich ihn vor mir, den Hann, und»un läßt es mir keine Ruhe, ich muß von ihm schreiben und wenn es nur ein keines Blättchen wird. Ich meine, ich bin es ihm schuldig, ihn nicht untergehen zu lassen unter den vielen, zu denen er— nicht gehörte. Er war einer unter den vielen, und er wollt« nichts anderes sein, und eben weil er nichts anderes sein wollte, darum war er so ganz anders als die anderen. Er war noch sehr jung, noch nicht achtzehn, und ging doch immer so einsam für sich herum, wie ein Leidgetrofsener oder ein Uebersatter. Er war aber keiner von diesen. Früh schon mußte er seinen alten Eltern Stütz« und Ernährer werden; er hatte nicht Zeit, erst zu lernen, jahrelang in die Lehre zu gehen, er mußt« gleich, sofort Geld verdienen. So ging er in die Fabrik. Nie und niemandem fiel er auf. Er ging nach dem grellen Pfiff der Dampfpfeife so schnell wie die anderen au« dem großen Tor heim, zum Esten, und beim nächsten Pfiff, eine Stunde später, ging er wieder durchs große Tor hinein, in den großen lärmoollen Saal, in dem die Maschine stand, die er bediente. Tagaus, tagein— jahraus, jahrein— äußerlich selbst nichts anderes als«ine Maschine. Einmal, er ging sonst oft an mir vorbei, ohne daß ich mir etwas dachte, sah ich ihn, nach— es ist noch nicht allzulange her. Mit seinem breiten Rücken sah er von hinten nicht nach achtzehn, eher nach vierzig Iahren aus. Sein Gesicht mar schmal und hatte Zimmerfarb«. Di« Nase war schmalrückig, gebogen und die Ober- lipp« deckte ein leichter, dunkler Flaum. Schön waren seine Augen, tiefdunkelbraun und voller Glanz. Ein paar Tage später begegnete er mir wieder, er kam eben von einem Spaziergang, und der schöne Abend hatte den sonst so Stillea gesprächig gemacht Wir kamen ins Plaudern und wir kamen aus Bücher. Da bot ich ihm von den meinen zum Lesen an, was ihn sichtlich freute. Am anderen Mittag schon kam er, sie zu holen. Ich gab ihm zwei Ullstein-Bücher, einen Rosegger und„Uli, der Knecht". Acht Tage später brachte er sie wieder. Ich war neu- gierig aus sein Urteil und fragte ihn:„Nun, Hann, welches Buch hat dir am besten gefallen?" Da lehnte er sich an die Türfüllung, kreuzte die Füße, legte den Kopf seitlich und sah nach der Decke, dabei schaukelte er hin und her. „Die Ullstein-Dmger", sagt« er nach kurzem Besinnen,„mog ich net. Lauter Große sind do drinn. Gros», Baron, Fabritanten, Gutsbesitzer, Leutnant und Frauenzimmer, wu ihrä Männer aus- schmieren, andere mögn und lauter Dummheiten machn, weil sie nix weiter zu tun honi. Und sowas schreibt aner auf, weil a nix weiter zu tun hat, statt daß er sich schämt, daß die anderen Leut von seiner Faulheit«rfohrn. Ich," er schüttelt den Konk..mig solches Zeug net gern lesen." Er macht ein? Pause. Da fragte ich:„Na, und der Waldbauernbub?" „Der ts mir a alter Bekannter,'n Rosegger sei Zeug kenn ich alles und les ich allemol wieder gern. Aber„Uli", der Hot mir gfalln! Des is wos! Do is des richtige Leben drinn, so wies is, mit all seim Schwindelzeug, und mit'n Uli, der wo so is, wie Menschen sein sollen und net sein. Und eins- is schön, daß die Lieb net so tab is drinn, die Narretei is nix, kümmt nix Gfcheids dabei raus und Hot kan Bestand." Er schaukelt noch immer langsam hin und her, dann sagt er sinnend:„Wenn ich schreib» tät, nix anders wie so. So wie es Lebn is. Von die klan Leut schreibt seltn aner, die müssn arbeiten, daß sie ihr Maul fortbringen, die haben dw Zeit net dazu und vcrstehns a net, so kümmt höchstens amol a Großer, der von die Kleinen schreibt, und des is grad, wie wenn a Fisch von Fliegn er- zählt und a Lerchn von Schwimma. Nein, Prügel muß man selber gekriegt haben, dann kann man erzählen, wies geschmeckt Hot." „Da hast du recht, Hann, und siehst du, es ist eines meiner liebsten Bücher." „No ja, mir Hots gfalln, ober mei Liebsts find halt Reise- beschreib ungen, und am allerliebsten hob ich die von der Türkei. Der Orient intressiert mich am meisw, bin neugierig, wos jetzt noch 'n Krieg do druntn alles werd. Amerika und alles, wo Industrie hat und so a Gejog, das zieht mich net an, aber die Türkei, die möcht ich keniw lern." „Konstantinopel? Den Bosporus? „Ach," sagt er wegwerfend,„Konstantinopel is bei mir ka Türkeil Persien, dort»unter möcht ich. Man liest ja oft, daß sie Reisebegleiter mitnehma, oder Diener, das wär mei Fall. Ich wollte nix wie mein wenig Est» und mein Fohrgeld. Ich könnt jeden führ», do hintn kenn ich mich aus, kenn ich jedes Nest, wo auf der Kartn is und das Klima und die Eignschastn von Land und seina Bewohner." Dabei zieht er einen Pack zerlesen« Landkarten aus seiner inneren Joppentasche, sucht darunter und breitet dann einige Karten auf den Tisch. In einigen Minuten hat er mir fünf, sechs Reise- routen erklärt und ich muß immer wieder staunen, mit welcher Sicherheit er Fluß und Städtenamen ausspricht, als lägen sie für ihn, wie seine Heimat, rechts und links des Mains. Ich gebe meinem Erstaunen Ausdruck, da sagt er leichthin und fährt dabei mit der schwieligen Rechten im Halbkreis über die Karten:„Des is mer bald bekannter wie Bayern." „Wo hast du denn die guten Karten her?" „No, die sind doch überall ausgschriem, laß ich mir sie halt schicken und nach'n Maßstab rechn ich mer nachher die Kilometer und Wege aus und die Beschaffenheit vom Land." Lange höre ich ihm noch zu und seh« mit Staunen, wie sich da» junge, noch mit dem Ausdruck ringende Gesicht verschönt, unter dem glücklichen Glanz der dunkelbraunen Augen. Daraus legt er die Karten sorgfältig zusammen und schiebt sie in die Tasche zurück, dann sagt«r sinnend, langsam, resigniert:„Ja", (Pause)„Türkei, Persien, Indien— ich mach Reisn— im Tram und— mit'm Zeigefinger über die Landkarten, wenn ich draußen im Wold am Sunntag unter an kühlen Baum lieg— morgen» früh um sieben, wenn's pfeift, geht mei Reis wieder an, in die Fabrik und meine Maschin is die Lokomotio, die zieht mich durchs ganze Jahr. Das einzige sind die Bücherl Aber immer mag ich halt a net lesen, nocher lauf ich, ich kenn in Umkreis von acht bis zehn Stund jeds Dorf, jedn Wald und jedn Weiler." „Du bist doch noch so jung, Hann, da weih man nicht, ob du nicht doch noch dahin tomst, wo du so sehr wünscht zu sein, es ist doch leicht möglich--." „Möglich, möglich," fällt er mir ins Wort,„im Leben, wenn was möglich is, is nix Gfcheids, und dies wär was Gfcheids, drum ist es net möglich! So is. Und wer a armer Teufel is, der bleibt einer, bis er sterbt." „Ra, bis dahin hast du noch weit," sagt« ich lachend. Da lacht auch er und nimmt dabei seinen Hut:„No ja, wolln mal fthc», vielleicht kvmm ich doch amol noch da nunter,"— und indem er das sagt, zieht er mit einem Gesicht voll Zwcisel und Sdbstspott die Stirne kraus und dabei glänzen ihm die Augen hell. „T-ann schreib ich dir a Ansichtskarten", lacht er. „Wer weiß, chann, wie bald das schon ist."— Nach einer Weile sage ich:„Willst dir kein Buch mehr mitnehmen?" Er zaudert, besinnt sich, dann sagt er:„A kleines höchstens, jetzt, wo es so schön in der Welt is, geh ich mein« paar freien Stundn lieber naus." Und dann schiebt er das Büchlein zu den Landkarten und geht. Seitdem war er nicht mehr bei mir— es mag vierzehn Tage her sein. Und heute nun— heute sagen sie mir, er sei ertrunken, im Main, beim Baden. Wie weh das tut, zu denken, er ist nicht mehr. Was war er? Wer war er? Ein Fabrikarbeiter. Eine Null unter den Millionen. Was war er? O, viel war er, sehr viel, und in so jungen Jahren schon— er war«in Mensch. Nicht einer von'den vielen, nein, denn er hatte«ine Welt, eine Welt der Ideen, der Träume, eine Welt des Glücks, und die trug er mit sich. Aber nicht in seiner Inneren Ioppcntasche, sondern in seinem sehnsuchtsvollen Jungen- herzen, dessen Sehnsucht nun aufgehört hat zu eilen nach den Län- dern des Orients. Ich meine, die Idee ist viel, sehr viel, wenn nicht alles im Leben, und darum trauere ich um den Jungen, dessen Idee lebte, erstarkte, sein Leben füllte und ihn beglückte. Er wußte es ja gar nicht, wie glücklich er war mit seiner ungestillten Sehnsucht, der dumme Junge. Mit dieser Sehnsucht, die lebte und wuchs, trotz nüchternem Alltag und lärmender Maschinen. Und nun ist er nicht mehr und so viel ist mit ihm gestorben, nicht nur das arme Leben eines Fabrikarbeiters. Warum? Von Paul Glasenapp. Wir saßen beieinander und unterhielten u:rs über die Rätsel menschlicher Wesensart und jeder von uns mußte«in Beispiel aus seinem Leben erzählen: Ich weiß es noch ganz genau, wie eines Tages unser Lehrer in die Klasse trat und uns sagte, daß unser Schulkamerad Georg in der Nacht gestorben sei. Wir kannten ihn ais«inen stillen, freundlichen Jungen. Ein ganzes Jahr hatte er siech danieder ge- legen draußen in einem 5)äusch«n der Vorstadt, un-d nun war er gestorben. Hellmut, reicher Leute Kind, der neben mir saß, war ihm herzlich zugetan und es gab kaum«inen Tag, an dem er ihn nicht besucht hatte. Als der Lehrer den Tod Georgs bekanntgegeben hatte, stieß Hellmut mich an, verzog das Gesicht fratzenhaft wie zum Weinen und lachte dann hinter den vorgehaltenen Händen... Fritz war der Liebling des Apothekers in meiner Heimatstadt. Das galt als eine Auszeichnung, um die er viel beneidet wurde: denn der Apotheker u>ar ein kunstliebender, alter Herr und verstand mehr als Arzneien herzustellen. Fritz wurde wie der Sohn des Hauses geholten, hatte Anteil an den uns so geheimnisvoll dünken- den Kenntnissen des Alten, durste mit dabei sein, wenn er mit dem Kantor und einem kunstliebenden Kaufmann in seinem 5)a»s« musi- zierte und war beneidenswerter Gast des großen Obstgartens. Eines Abends spielten wir beide zusammen Er überredete mich, mit ihm über die' Mauer in des Apothekers Garten zu steigen. In einiger Entfernung voni Hause blieben wir hinter Büschen versteckt stehen. Er zog eine Schleuder und glatte Kieselsteine aus der Tasche und schoß durch eine Lücke im Gesträuch eine der Fensterscheiben des sHaufes seines Wohltäters in Trümmer, und ich sah. wie ein« teuf- tische Freude in seinen Augen aufleuchtete.... Ich habe einen Großindustriellen gekannt, dem zahlreich« Werke im In- und Auslande gehörten. Ich habe niemals erlebt, daß er einen einmal gefaßten Standpunkt aufgegeben hätte, auch wenn er ihn als falsch erkannt halt«. Diese Starrheit gab ihm den Wesens- zug der Härte und Unbeugfamkeit. und alle fürchteten, keiner liebte ihn. Er besaß nur ein Kind, einen Jungen, der damals fünf oder sechs Jahre alt sein mochte. Wenn der Vater nach Haus« kani und Eduard, so hieß der Knabe, zu ihm sagte:„Wir wollen jetzt spielen I", so kam er diesem Wunsche seines Sohnes ohne Säumen nach. Direttoren und ausländische Geschäftsfreunde mußten warten, wenn Eduard es so wollte. Es ist Tatache, daß der Vater auf allen Vieren durch das Zimmer kroch und daß Eduard aus ihm ritt und dabei mit der Peitsche knallte und auch zuschlug.... Von einem scheuen, unzugänglichen Menschen will ich erzähle». Wir teilten in der Knegszcit dieselbe Stube in einem Heimat- lazarett. Eines Tages stiegen wir zu de» Bergen hinauf, um die Ausficht zu genießen. Unterwegs bückte er sich nach einem Schmet- terling. der eben ausgekrochen war und nun matt und unbeholfen mitten auf dem Wege faß. Er hob ihn behutsam auf, betrachtete ihn mit andachtsvoller Neugier von allen Sellen und setzte ihn dann, ohne ein Wort zu verlieren, in das Gebüsch.— Einige Jahre daraus hörte ich, daß gegen ihn die Anklage erhoben worden war, einen Arbeitsgenosscn erschlagen zu haben. Aus Mangel an Beweisen war er freigesprochen worden. Mit einem höhnischen Auslachen hatte er den Richlerspruch vernommen. Seine Mutter l«bte noch. Sie schrieb eiden bestehen Werden diese dünnen Holz- Zylinder durch ein Lüftchen in Schwingungen versetzt, so hebt«in feines Klingen an, das aus weiter Ferne zu kommen scheint und zu träun'erischsm Sinnen anregt. vsm chmefisihen Kmgge. Bon Wladimir Krymow. Es ist nichts weiter als natürlich, daß die gelben Bewohner des Ostens, die Chinesen, die«in« andere kulturelle Entwicklung als wir Europäer durchmachten, auch ein« eigene Vorstellung von Höflichkeit haben. Wie die unfrtgen, so smd auch die dortigen Umgangsformen seit Jahrtausenden festgelegt, und wie bei uns pflegt auch dort alles Gegensätzlich« Anstoß und Widerwillen zu erregen. Der Europäer benimmt sich nach Ansicht des Chinesen geradezu empörend! Er geniert sich z. B. nicht, die älteren Personen durch die Gläser seiner Brill« zu betrachten. „Darf man denn einen Menschen aus nächster Nähe durch«in Opernglas ansehen? Nein... Wie können Sie dann durch«in« Brille ansehen, ist das nicht dasselbe?!..." meint der wohlerzogen« Chinese. Bevor er mit ihnen in e.n Gespräch eintritt, nimmt er selbstverständlich sein« Brill« ab und verwahrt sie sogar in der Tasche. Ueberhaupt darf man einen Mcnjdftn, wenn man mit ihm spricht, nicht in die Augen sehen, man darf ihn höchstens bis zur Höhe der Brust anblicken. In die Augen sehen und ihren Ausdruck abfangen— das heißt: den Menschen zu untersuchen, in seine Seele hineinzukriechen und seine Taschen zu befühlen! Ein jeder sagt selbst, was er sagen will, und das noch Unausgesprochene aus dem Ausdruck der Augen abzulösen, bedeutet in jedem Falle ein« große Frechheit! Der Europäer benimmt sich überhaupt herausfordernd. Er be« wegt die Hände und verleiht ihnen alle möglichen, eigenartigen Haltungen, wenn er mit einem verehrungswürdigen Menschen spricht. Wenn er sich niedersetz', schlägt er den einen Fuß über de» anderen. Die Hände müssen senkrecht zur Erde herunterhängen, und die Füße müssen dicht nebeneinander lind geradlinig auf der Erde(oder der Diele) stehen! Wenn wir auf der Straße gehen, sdiivingen wir wiederum dl« Hände, schauen nach den Seiten, bewegen den Blick von einem zu» fälligen Gegenstand zu dem anderen und sehen uns sogar um. Was kann es Unerzogeneres geben! Es ist dach klar, daß die Hände unbe- weglich herabhängen müssen, und daß»tan nur vorwärts, vor sich hin auf die Erde, sehen darf. Mit den Augen die Straßen durchzu- stöbern ist nicht besser, als wenn man beim Eintritt in ein fremdes Kabinett die Schreibtischfücher durchsucht! � * Die europäische Manier des Grüßens ist heraussordernd und beleidigend. Wir lüften einfach den Hut oder bewegen nur ein« Hand in der Luft. Die Chinesen, die einander begegne», inachen halt, kriechen aus dem Tragbrctt oder der Equipage heraus und dienern mehrere Male tief und ehrfurch isooll. Wenn jemand einen hohen Posten bekleidet und allgemein bekannt ist, müßte er»ach dieser Regel dauernd heraussteigen und dienern: dem ist dadurch abgeholfen, daß neben ihm zwei Diener mit Fächern herlausen und ihn bedecken, womit allen Begegnenden dargetan wird, daß er nicht gesehen werden soll. Wenn ein Chinese durch ein Feuer geschädigt wird, erhält er am darauffolgenden Tage von seinen Freunden und sogar nur von Bekannten so viele Geschenke, all« mögltd)«n Gebraud)sgegenständ« und Geld, daß sein Unglück dadurch wesentlich abgeschwächt wird, und daß er zuweilen davcn sein Haus wieder aufbauen tann. So verfahren die kultivierten Menschen des Ostens, die die kalten und gefühllefen Bewohner Europas, welche die Naivität besitzen, ihre Kultur höher einzuschätzen, als Sonderlinge ansehen. » Andererseits halten wir das für unanständig, was so natürlich ist, z. B. das Aufftoßen nach einem guten Mittagessen oder das laut« Aufhusten. Warum darf man niesen und die Nase, aber nickst die Kehle putzen? Das ist«in lächerliches, europäisches Borurtest. Das Aufstoßen nach einem. Mittagessen ist lediglich ein Gruß an den Wirt, der besagt, daß das Mittagessen gut war. Die Europäer haben jedenfalls nicht den geringsten Grund, über das, was höflich ist. zu disputieren! In Europa sind die Menschen von Natur grob. Wenn in China der Nachtwächter einen Dieb ins Fenster klettern sieht, gibt er ihm höflich den Rat. sein Glück in einem anderen Stadtteil zu versuchen.... (Berechtigt« Uebersetzung von Wilhelm Berg«r.) Wissen und Schauen Gut? Absicht— schlechter Ersolg. Um Schiffbrüchige, die sich auf emsoms, unbewohnte Inseln gerettet haben, mit Nahrung zu versorgen, wird mancherlei getan. Einen sehr eigenartigen Versuch hat man in dieser Ansicht auf der mitten im Indischen Ozean ge- iegenen Insel Neu-Amsterdam gemacht, indem man Rinder aussetzte, die gelegentlich vorlieifahrenden Schissen und Schiffbrüchigen Fleisch tiefern sollten. Di« gute Absicht ist indessen völlig fehlgeschlagen, denn die Rinder, die sich reichlich vermehrt hallen, sind vollständig verwildert. Als am 4. Januar 1899 di« unter Leitung von Prof. Chun stehende Tieisee-Erpedition die Insel besucht«, fielen schon von weitem schwarz« und rötliche Punkte auf, die sich zu großer Ueberraschung der Expeditionsteilnehmer als Rinder entpuppten. Die Herden wurden von gewaltigen Stieren bewacht. Prof. Chun schreibt über das Erlebnis:„Ein rotbrauner Bull« hatte neben dem Flaggstock Posten gefaßt Auf einen so respektablen Verteidiger der Trikolore gegen germanische Eindringlinge waren wir nun freilich nicht gefaßt Unsere besten Schützen brannten darauf, den Stier anzugreifen. Der«ine Bulle wurde gesehlt, ging zum Angriff über und machte erst auf weitere Schüsse Halt, um dann den geflüchteten Kühen nachzueilen. Ein zweiter Bulle konnte dagegen erlegt werden und lieferte der Expedition nach langer Zeit das erste frische Fleisch wenn auch versichert werden darf, daß wohl niemals einer Hackmaschine durch zäheres Fleisch übler mitgespielt wurde."— Den Ziveck, Schiff« und Gestrandet« mit Fleisch zu versorgen, haben diese Rinderherden völlig verfehlt. Sie verschwinden außerordentlich schnell im Innern der wilden, unwegsam«,, Vulkaninsel, so daß ihnen kein Mensch folgen kann. Die angriffslustigen Stiere sind zudem äußerst gefährlich, so daß waffenlos« Schiffbrüchig« durch sie «i neue Lebensgefahr kommen können. Ausgesetzt« Ziegen würden daher diesen Zweck viel besser erfüllen. volksspeifungen mit Rumsordscher Suppe. Di« Rumsordfche Suppe ist am Ende des 18. Jahrhunderts gelegentlich einer Hungers- not in Bayern aufgekommen und auch später dort zu Volks- fareismigen öfter Verwender worden. Die Küchen, in denen die Speisungen stattfanden, hießen Rumforder Suppenanstalten. In Kotzebues„Pagenstreichen" sagt der schalkhafte Held zum Hanswurst Hans: Ich lasse dir täglich ein« Portion„Rumfordsche Suppe" reichen. Damals wußte auch wohl noch jeder, woher der sonderbare Rame dieser Suppe kamHwährend diese Kenntnis heute verblaßt ist. Ihr Erfinder war ein Amerikaner namens Benjamin Thompson, der von 1784— 1799 in München als bayerischer Staatsrat amtiert hat. Er errichtete außer den Suppenanstalten noch Schulen für Soldaten- kinder, Arbeitsstätten für Erwerbslos« usw. Wegen seiner Verdienste auf philanthropischem Gebiet ernannt« Kurfürst Karl Theodor ihn 1792, und zwar nach dem Namen seines amerikanischen Geburtsortes, zu einem Grafen von Rumford. Seitdem führte die von ihm er- fundene billig« Volkssuppe gleichfalls diesen Namen, unter dem sie bekanntlich noch heute, nach dem Rezept ihres Erfinders bereitet, im Handel ist. Er selbst hat sich um München noch mit der Anlage des Englischen Gartens verdient gemacht, wo man ihm ein Denkmal er- richtet hat. volkerkunöe Das tanzende Afrika. Trotz aller Tanzlust unserer Jugend ist bei uns der Tanz doch nur eine Ausnahme im alltäglichen Leben, während er bei den« Afrikaner. zu den regelmäßigen Beschäftigungen gehört und für ihn eine notwendige Lebensäußerung ist. Dies be- tont Leo Frobenius im 1. Bande seines bei 0. C. Recht in München erscheinenden Werkes„Das sterbenäie Afrika", in dem er noch einmal die ganze Herrlichkeit der alt-afrikanifchen Kultur in Schilderungen und Abbildungen vorüberziehen läßt.„Bei Vollmond tanzt ganz Afrika." Dieses Wort entspricht der Wahrheit, denn der afrikanische Bauer muß tanzen, wenn er gesund ist.„Weißt du, woran wir er- kennen, daß ein Kind kränklich ist und nicht recht aufwachsen wird?" sagte einmal ein Neger zu Frobenius.„Daran, daß es nicht schreit. Jodes Wesen muß sich bewegen. Der Hund muß springen, die Ziege muß hüpfen, der Vogel muß stiegen. Das Kind muß von Zeit zu Zeit schreien, der Mensch muß von Zeit zu Zeit tanzen, und wenn er das nicht mehr muß, dann ist es nichts Rechtes mehr mit ihm. Dann ist er alt, Jungsein ohne Tanzen, Arbeiten ohne Tanzen, wirk- liches Leben ohne Tanzen ist nicht möglich." Die abendliche Unter- Haltung im afrikanischen Dorf schließt meist mit einem solchen Tanz. Beim Fest bildet der Tanz den Höhepunkt.„Solch ein bäuerliches Tanzfest unter den schlichten Afrikanern esteben zu dürfen, ist gleich- bedeutend mit einem Bad im Jungbrunnen," schreibt Frobenius. „Ich kann nicht glauben, daß irgendwo auf der Erde ein stärkeres und gesunderes, ein tieferes und eiicheitlicheres Freudengefühl eine Gemeinde von Menschen verbinden kann... Trommler und Bläser treten heran. Männer und Frauen kommen aus näheren und ferneren Wohnungen. Ist der Mond noch nicht da, erhellt schnell ein großes Feuer den ganzen Platz Und dann kann das schöne Estebnis be- ginnen. Erst schüchtern. Die Jüngsten beginnen nicht gerne. LSjährige Männer und 2Zjährige Frauen find wohl meist die ersten Sichwiegenden, Arstspringenlden. Aber auch alte Weibsen von 50 und 60 Iahren sah ich der Jugend mit gutem Beispist vorangehen. Denn die Frauen tanzen hier gern bis an ihr Lebensende, während die Männer später leicht etwas ihrer Würde zu vergeben fürchten. Starken Anreizes benötigt es nicht, um auch batd die Scheu der Jugend zu überwinden und einen ersten Simdel und Wirbel zustande zu bekommen. Dann aber dröhnt die Erde wieder vom Stampfen und Schreiten und vom herstichsten Takt— in welchem dl« Afrikaner angeboren talentiert sind, so daß manches Klavier spielende Iungfräulein Europas hier in die Lehre gehen könnte. Wenn du aber meinst, daß hierbei viel gelacht und gejauchzt wird, so bist du in einem großen Irrtum befangen. Solcher Tanz ist eine ernste Angelegenheit, urtd Männer und Frauen. Jünglinge wie Mädchen verziehen keine Miene. Der Schweiß beginnt ist Strömen an den schönfarbigen dunklen Körpern und Gliedern herabzufließen. Viele Atempausen sind nicht Sitte. Unterbrechungen sind selten, und auch dann geht das Ganze nicht sogleich in eine fröhliche Plauderei über, wie das etwa bei uns nach dem letzten Verklingen eines Wal- zers oder einer Quadrille natürlich erscheint. Auffallend ist in allem da noch ein bemerkenswerter Zug. Man spricht so oft von den häß- lichen, erotischen, unsittlichen Tänzen der„Wilden". Ich aber, der ich so lange mid innig mit so vielen Völkern des inneren Afrikas be- kannt war, kann vor allem das eine sagen: so etwas wäre dem Wesen dieser Menschen durchaus entgegengesetzt. Unendlich reich ist die Form der Tänze und Tanzbewegungen. An der inneren Natur der Bauerntänze äitderl das aber nichts. Jedoch tritt eine deutliche Steigerung ein, wenn die feierliche Gelegenheit den Tanz zu einer religiösen Kulturhandlung vertieft. Dann werden die Vorschriften straffer. Dann nähert sich das Kleid der Tänzer dem fchaufpieimäßigen Aufputz der Maske. Das afrikanische Bouernvolk ist damit auf der Höhe der Entwicklung seines Tanzes angelangt." Naturwissenschast lBtak�kDlsll Die Mahlzeil de» Delphins. Ter bekannte dänische Aolforscher Dr. I. Schmidt berichtete von einem weiblichen Delphin, der an der spanischen Küste im Mittel»»c«r erlegt und auf seinen Mageninhalt untersucht wurde. Man fand in ibm gut erhaltene Fischrest«, vor allem Otrliihen(sogen.„Gehörsteinchen"), von welchen nicht weniger 0(5 15191 Stück gezählt wurden. Der Delphin lzct also mindestens 7596 Fische gefressen, da jeder Fisch zwei dieser„Gehärsteinchen" besitzt. Die vorgefundenen Siems gehörten 5 Fischarten aus den Familien der Heringe, Makrelen und Makrelenhechts an. Meist werden Otolithen nich: häufig im Delphinenmagen vorgefunden, daher ist lder Schluß beeechtigt, daß die 7596 Fische eine einzige Mahl- zeit des Delphins darftellen! Kulturgeschichte WlUZ�llHW Die Herkunft der Gurke. Wie die Kürbisse und die Melonen. deren Früchte zu den Riesen des Pflarizenreichs gehören, stammt auch die Gurke aus Asien. All dies« Frücht« sind noch jetzt di« Lieblinge der südlichen, besonders aber der östlichen Völker- Von Konstanti» nopel kam die Gurke zu den Slawen. Sie gehört noch heute zu den mit Vorliebe genossenen Nahrungsmitteln der Russen. Ohne Gurken kann der Groß- und Kleinrusse nicht leben: er verzehrt die in Salz- wasser eingemachten Früchte den ganzen Winter. Von den Slawen kam die Gurke erst im 16. und 17. Jahrhundert zu den Deutschen. Der Ausdruck„saure Gurken" war damals nur in dem zum Tefl von slawischen Völkern bewohnten Teil Deutschlands üblich und ist erst in neuerer Zeit ellgemetn gebräuchlich geworden. vom Menschen ÜD warum wir lachen.„Die Natur des Lachens" heißt ein Buch des englischen Psychologen I. G. Gregory, in dem er nicht nur die physiologische Natur des Gelächters, sondern auch den Wert de« Lachens für das Menschenleben und seine feineren Fyrmen in der Entwicklung des Witzes, der Komik und des Humors zu ergründen sucht. Nach seinen Darlegungen stellt jedes Gelächter in erster Linie eine Erleichterung dar, und das läßt sich am besten an der primi- tiosten Form des Lachens nachweisen, die dann austritt, wenn man uns kitzelt. Das Lachen, das durch Kitzeln hervorgerufen wird, Ist eine Reaktion der getitzelten Person aus die Berührung, wie jed-e andere unwillkürliche Bewegung, di« zum Schutze des Körpers aus- geführt wird. Das Lochen wird nicht durch irgendein Gefühl des Lächerlichen hervorgerufen, sondern durch die physiologischen Ver- änderungen, die aus der Erkenntnis herrühren, daß bei der Be- rührung keine Gefahr zu befürchten ist. Ueber den physiologischen Vorgang sagt Gregory:„Der Ansporn zu einer Handlung, mit der jede zum Lachen führende Erregung beginnt, oermehrt den Zucker im Blut Dieser Zucker und di« anderen damit verknüpften Ab- sonberungen führen ein« besonder« Quell« der Energie herbei. Wenn dadurch eine Handlung ausgelöst wird, so wird diese vermehrte Menge von Energiestofsen verarbeitet. Da aber bei einer als lächer- lich erscheinenden Sttuatton keine Handlung erfolgt, so würden di« Energiestoffe im Körper bleiben und unbenutzt überflüssig werden. Diese überflüssigen Stoffe würden den Körper belästigen. Um also dt« unnötigen Stoffe sofort wieder fortzuschaffen, tritt an die Stell« der Handlung durch den Körper eine Handlung im Körper, eben das Lachen, die die„Energiestoffe" aufbraucht." Nach dieser Theorie ist also das Lachen zur Erhaltung unseres körperlichen Gleich- gewichtes notwendig, und auch qll« die zahllosen feineren Formen, die nicht durch Kitzeln ausgelöst werden, bezwecken letzten Ende« ein« Fortschaffung unnötiger Produkt«.