Zuaend-VonvÄts Nr. 7 Beilage zum Vorwärts 2». Juli 1H2H Internationaler �ugenöfthutz. Zu den wichtigsten Ergebnissen des Amsterdamer Internationalen Kongresses zählt die Annahme des internationalen Jugendschutz- Programms und die Beschlußfassung über die weiteren Maß- nahmen zur Verwirklichung der dringendsten Gegenwartssorderungen dieses Programms. Das internationale Jugendschutzprogramm ist eine Zusammenfassung der Mindestforderungen für den Schutz der arbeitenden Jugend. Es enthält folgende neun Punkte: I. Vollständiges Verbot der Erwerbsarbeit für die vorschul- und schulpflichtige Jugend. 2. Verbot der Ueberschreitung des Achtstundentages. Ein- rechnung der Pflichtschulzeit in die Höchstarbeitszeit. 3. Obligatorische Berufsberatung vor Zulassung der Jugend zur Erwerbsarbeit. 4. Vollständiges Verbot der Akkordarbeit, der Nachtarbeit, der Arbeit unter Tage und in gesundheitsschädlichen Betrieben. S. 3kstündige Sonntagsnihe. Freier Sonnabendnachmittag. 6. Urlaub unter Weiterzahlung des Lohnes bis zum 18. Jahr. 7. Kontrolle der Durchsührung durch Jugendinspettoren unter Mitwirkung von Arbeitervertretern. 8. Reform des Lehrlingswesens unter gleichberechtigter Mit- Wirkung der Arbeitnehmer in Form paritätischer Lehrlings- tommijsionen. lt. Reform des Berufsschulwesens. Für die Reform des Lehrlingswesens und die Berufsschule sind ein« Reihe von wichtigen Einzelforderungen erhoben worden, die sich vor allem auf die Regelung des Ausbildungsganges und aus die Regelung der Lohn- und Arbeitsbedingungen der Lehrlinge durch Tarifverträge beziehen. Die Berufsschulstunden solle» als Arbeits- zeit gelten und bezahlt werde». In der Erkenntnis, daß es bis zur Verwirklichung dieses Pro- gramms noch ein weiter Weg ist, hat der Kongreß weiter beschlossen, die internationale Aktion für den Jugendschutz in der Weise aus- zunehmen, daß zunächst einige der lebenswichtigsten Forderungen in den Vordergrund der Agitation und des Kampfes der Arbeiter- bewegung um die Besserstellung der Arbeiterschaft gestellt werden. Der Amsterdamer Kongreß hat folgende Punkte genannt: 1. Ratifizierung, Ausführung und Erweiterung der von den Internationalen Arbeitskonferenzen beschlossenen Abkommen und Empfehlungen insbesondere derjenigen Bestimmungen, welche sich aus den Schutz der jugendlichen Arbeiterschaft beziehen. 2. Elementarschulpslicht bis zum Beginn der zulässigen Er- werbsarbeit. Einführung und Reform des obligatorischen Fort- bildungsschulunterrichts. 3. Gesetzliche Festlegung einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit von 48 Stunden bzw. Sicherung des Achtstundentages, soweit nicht eine günstigere gesetzliche Regelung besteht. 4. Gewährung eines gesetzliche» Erholungsurlaubes jiir Jugendliche bis zum 18. Lebensjahre. ö. Fürsorge für arbeitslose Jugendliche. 8. Organisation und Ausbau der Berufsberatung. 7. Kontrolle des Lehrlingswcsen durch Lehrlings- und Jugend- inspektoren aus dem Stande der Arbeiter. In erster Linie wird selbstverständlich der Jugendorganisation die Propagierung der hier genannten Forderungen obliegen. Die Erfahrung beweist jedoch, daß es nicht die Aufgabe der Jugend- organisation ist und auch nicht sein kann, die praktische Durchführung allein anzustreben. Dazu bedarf es der tatkräftigsten Unterstützung durch die Gewerkschaftsbewegung und die politischen Parteien. Der Amsterdamer Kongreß hat den Weg für eine Zusammenarbeit der drei Faktoren, Jugend, Partei und Gewerkschaften gewiesen und damit zum erstenmal die internationale Diskussion über den Jugendschutz über rein theoretische Auseinandersetzungen hinaus in das Gebiet der praktischen Arbeit an der Verwirklichung getragen. In Amsterdam gaben die Genossen S a s s e n b a ch für den I n t e r- n a t i o n a l e n G e w e r k s ch a f t s b u n d und Genosse C r i s p i e n für die Sozialistische A r b e i t e r i n t e r n a t i o n a l e die Erklärung ab, daß beide Jnternalionalen die Forderung der Jugend unterstützen und an ihrer Verwirklichung energisch mitarbeiten werde». Zur Erledigung der dafür»otwenvig werdenden Arbeite» würde ein gemeinsames Komitee aus Vertretern der drei Jnter- nationalen gebildet. Mit diesem Beschluß sind die Jugendschutz- sorderungen zur offiziellen Angelegenheit der gesamten internationa- len sozialistischen Arbeiterbewegung geworden und jede der drei Zweige ist verpflichtet, alles zu ihrer Verwirklichung zu tun. Der Kongreß mar sich darüber klar, daß es gerade auf diesem Gebiet die Aufgabe der internationalen Organisationen sein muß. die angeschlossenen Verbände zu verpflichten, in ihren Ländern für die Durchführung eines besseren Jugendschutzes auf parlamentarischem Wege und auf dem Wege des gewerkschaftlichen Kampfes einzutreten. In dein Amsterdamer Beschluß heißt es: Die sozialistischen Parteien und Gewerkschaftszentralen der einzelnen Länder werden gleichzeitig ersucht, im Wege ihrer Pur- lamentsfraktionen Anträge im Sinne der vorstehenden Minoest- sorderungen einzubringen. Der Kongreß fordert die einzelnen Verbände auf, zur erfolg- reichen Organisation des praktischen Jugend- und Lehrlingsschutze» dahin zu wirken, daß entsprechend den Verhältnissen in den Län- den, Komitees geschaffen werden, die aus Vertretern der Partei, Gewerkschafts- und sozialistischen sowie gewerkschaftlichen Jugend- zentrale» bestehen sollen. Diese Komitees hätten vor allem die praktische Arbeit auf dem Gebiet des Lehrlingsjchutzes zu organisieren und das Interesse für die Forderungen der Jugend in den Reihen der Arbeiterschaft zu wecken und zu stärken. Die hier gemachten Vorschläge bringen für deutsche Verhältnisse wenig Neues. Wir haben in allen Jugendschutzfragen eine enge Zusaminenarbeit zwischen Sozialistischer Arbeiterjugend und Gewert- schaftsjugend. Die Erklärungen, die die Vertreter der Gewertschafts- internationale und der Arbeiterinternationale für die internationale Zusammenarbeit abgegeben haben, die sind für unsere deutschen Ver- hältnisse erfolgt auf unserem Hamburger I u g e n dt a g im August 192S, aus dem bekanntlich die Genossen Hermann Müller- F r a n k e n für die Sozialdemokratische Partei und Peter Graß- n> a n n für den Allgemeinen Deutschen Gewertschaitsbund die volle Unterstützung der beiden deutschen Arbeiterorganisationen zusagten. lind die Hauptiorderungen, die in dem Beschluß von Amsterdam für die gegenwärtige Jugendschutzarbeit genannt sind, gesetzliche Fest- legung der achtundvierzigstündigen Arbeitswoche und eines aus- reichenden Erholungsurlaubs stehen gerade in den letzten Monaten im Mittelpunkt der sozialpolitischen Arbeit unserer sozialistischen und gewerkschaftlichen Jugendorganisation, ja, der deutschen Jugend- verbände überhaupt. Der Amsterdamer Beschluß ist also im wesentlichen eine Be- stätigung der Richtigkeit unserer sozialpolitischen Arbeit. Darüber hinaus hat er aber auch für uns eine große praktische Bedeutung. Wir haben in den letzten Jahren beim Kampf um die Ratifizierung des Washingtoner Abkommens erlebt, daß die Regierungen der Hauptländer sich um die Ratifizierung mit der Begründung heruin- drückten, daß nur eine gleichzeitige gemeinsame Ratifizierung in den Hauptländern in Frage komme, da sonst die wirtschaftliche Kon- kurrenzfähigkeit erschüttert werde. Mit ähnlichen Argumenten wird in Deutschland auch gegen die Anerkennung der Iugendfchutzfor- derungen gearbeitet. Wenn es jetzt aber durch die Amsterdamer Vereinbarungen gelingt, die Jugendschutzforderungen in den wich- tigsten europäischen Ländern in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion und der parlamentarischen Arbeit zu rücken, dann wird das die Aussichten für einen baldigen glücklichen Ausgang des Kampfes um Jugendschutz in unserem Land wesentlich erhöhen. So ist durch den Amsterdanier Kongreß der Weg zur praktischen Juzendschutzarbeit auf internationaler Grundlage gewiesen und unsere Pflicht ist es, sie zu unterstützen durch die unermüdliche Arbeit in den einzelnen Ländern, durch rastlose Agitation für die sozialisti- scheu Jugendorganisationen, für die Gewerkschaften und für die Sozialdemokratische Partei. Zur Krage öes Lebmsgenuffss. Ein Wort an die Zungen. Wie es über die Begrisse schlecht und gut keine allgemein gültigen Lelirsätze gibt, die zu allen Zeiten, bei allen Völkern und ihren Klassen gleich gewesen wären, so scheiden sich auch die Menschen in Ihren Anschauungen über die Frage, was Lebensgenuß ist. Zluch innerhalb der Reihen des Proletariats und der arbeitenden Jugend klaffen Gegensätze, wenn sie ihre Meinung darüber kundtun. Zuerst muß sich der uns noch sremd gegenüberstehende Teil der arbeitenden Jugend von dem Gedanken loslösen, als seien wir Asketen. Auch haben wir nicht die Absicht, die arbeitende Jugend' zu solchen zu erziehen. Mögen die Mönche und Nonnen in asketischer Verzückung und Wcltabgeschiedcnheit ihr Heil suchen:»mser harrt eine andere Aufgabe. Aber wir wollen auch nicht, daß sich, die arbeitende Jugend dem Rausch des Trubels ergibt. Diesem verderblichen, kapitalistischen Zug unserer Zeit wollen wir uns entziehen. Der Drang nach Genuß war wohl noch nie so stark und hat noch nie so brausend in den Adern der Menschen pulsiert, wie gerade jetzt. Ein solches Leben ist aber schändlich, wenn es über alles hinweg- schreitet, kein Gestern und Morgen kennt. Ihr alle habt uns schon zugerufen:„Was seid ihr für Spießer! Ihr entsagt doch so manchem Genuß!" Ihr habt nicht unrecht, daß wir uns manchem Genuß entziehen. Aber die Spießer sind nicht wir, sondern ihr. Wir tun dies nicht, weil wir finstere, vom Genuß abgekehrte Menschen sind, tun es auch nicht der Verlängerung unseres Lebens willen. Der Unterschied zwischen euch und uns besteht nur darin, daß wir in bezug auf das, was Lebensgenuß ist, zu einer anderen Anschauung gekommen sind. Das Leben des Menschen, vor allem aber das der arbeitenden Bevölkerung, ist kein Gebettetsein auf seidenen Kissen und kein Schreiten aus weichem Samt. Im Gegenteil, das Leben ist ein ständiges Kämpfen. Nur im Kampf wird das Weltgeschehen vor- wärtegetrieben, nur im Kampfe können neue Schöpfungen erobert und alte begraben werden. Kamps und Leben ist unzertrennbar und eine Einheit! Wenn die Menschen einmal nicht mehr kämpfen wollten, würde alles, in jahrtaufendlanger Arbeit Errungene ver- fallen und in sich zusammenstürzen, und der Mensch würde selbst aufhören, zu exstiere». Woher gewinnen wir die Kräfte, die wir im Kampf brauchen und verbrauchen? Die Welt, in der wir leben, mit all ihren Gedanken, mit all ihren Erfahrungen, mit ihrer ererbten und selbst gewonnenen Kultur, mit ihren Produktionsstäiten der Arbeit und der Nahriingserzcugung, mit einem Wort, mit all ihrem geistigen und materiellen Sein, das ist das unerschöpfliche Quellbccken, aus dem die Erneuerung unserer Kräfte fließt. Aber wir müssen aufnähme- und erneucrnngsfähig sein! Wer Alkohol trinkt, dem mundet schwerlich das Wasser: wer Tag für Tag im Wirtshaus sitzt, der bleibt kühl gegenüber den wundervollsten Naturerscheinungen: wer Räuberromans liest, hat kein Verständnis mehr sür wahre Dichtung: wer Schundbildcr in seinem Zimmer aufhängt, wird achtlos an großen 5tunstwerken vorübergehen. Warum suchen so viel Menschen mit so großer Leidenschaft diese Genüsse? Das hat einen tiefen, psychologischen Grund. Wir haben in der Gesellschaft zwei gewaltige Kraftkomplexe: Natur- und Menschenkräste. Zumeist besteht ein Gleichgewicht zwischen unserer eigenen Krastentwickiung und den Kräften, die von der Außenwelt aus uns lasten. Wenn die inneren Kräfte des Menschen sinken, so wird er von der äußeren Kraftquelle erdrückt. Steigt dagegen unsere innere Kraftquelle, so strömt eine Kraft auf die Außenwelt aus, und diese Kraft grcist dann umformend auf die Außenwelt ein. Die Menschen loben sich dann und nennen es Bezwingung und Entwick- lung. So kommen Glücks- und Unglücksgcsühl zustande. Wie wirken nun die Kulturgifte auf die Außenwelt? Eicherlich können sie nicht die Summe der Kräfte stärken, die uns gut gesinnt, und die vermindern, die uns feindlich gesinnt sind. Sie können uns aber in dem Vergleich, den wir innerlich anstellen, betrügen. So entsteht das gefälschte Glücksgesühl. lim wieviel glücklicher erscheint nian sich, wenn man berauscht ist! Um wieviel schneidiger wirft man sich in die Positur, wenn man nach einem 5?arry.Piel-Film das Kino verläßt! lind das ist der Zauber der Unkultur! Die Folge ist, daß die Feinheit in der Abincssung unserer Empfindungen außer Funktion gesetzt wird, ja, daß wir überhaupt unsere Lage in der Welt nicht niehr zu erkennen vermögen. Zu welchen Ergebnissen dies für das Proletariat führen kann, zeigt das hofsnungslofe Hin- brüten von Millionen Menschen, die keinen Ausstieg, keine Rettung und Vefreiung mehr sehen und erkennen und den Aufwärtsstreben- den, die einen neuen Sonnenaufgang herbeiführen wollen, als hemmendes Bollwerk in den Weg treten. Nur weil die Menschen so getränkt sind von Eist und Unkultur und zugleich behaftet mit deni" Bewußtsein, an den Kapitalismus gekettet"zu sein, geht durch die Menschen und durch die Zeit ein Zug der Hcssuungslosigkcit. Den Zug der Hofsnungsfreudigkeit vermißt man! Die Hofsnungsfreudigkeit aber ist eine große, starke,»vr- wärtsbewegende Melodie im Konzert des Lebens. Sie ist Bc- jahung. Bejahung ist Kampf, Kampf mit sich und der Welt! Daß der Kapitalismus ein Feind der Kulturumwandlung zum Sozialismus hin ist, brauchen wir nicht lange zu untersuchen. Aber es ist auch die Erbschaft der letzten Jahrhunderte, die uns in die Banden der Gewohnheit geschmiedet hat, und uns fester in den Krallen hält, als die Ketten der Tyrannen. lind die Gewohnheit ist mit schuld an der Zurückhaltung der Entwicklung. Man könnte es begreifen, wenn früher die Menschen der Betäubung sich Hingaben. Da bestand die Menschheit aus Herrschergeschlechtern, so unnahbar und so von Reichtum beladen, daß sie ihr Leben in Betäubung ver- träumen konnten, und aus Sklavengeschlechtern, so elend und hoff- nungslos, daß sie ihr Auge schließen mochten, weil sie keine Alt- strenguna aus dein Elend reißen konnte. Aber heute? Inzwischen ist das Proletariat zu einem Machtfaktor geworden und kann kühn und stolz wie ein Adler, wenn es sich nur aus seine Kraft besinnt, seine Herrschast ausüben. Aber was uns geblieben ist, ist das Ehedem der Betäubung. Und der Riese Prometheus wird so lange ain Felsen angeschmiedet bleiben, und sein Herz wird Immer wieder aufbrechen, so lange er sich nicht von der Unkultur losreißt. Erst dann wird er die Fackel auf die Erde tragen können, die de» Menschen Licht bringen soll. Und will die arbeitende Jugend auch die Erbschaft der Jahr- hunderte ausnehmen und in ihrem Leben mit sich schleppen? Will sie auch ein angeschmiedeter, den Schnabelhieben des Geiers aus- gesetzter Prometheus bleiben? Will die arbeitende Jugend sest- halten an der Kultur? Und will sie die kostbarsten Güter, die geistigen und körperlichen Kräfte, die ihr zu ihrer Weiterentwicklung verliehen worden sind, betäuben, verstümmeln, gebrauchsunfähig machen? Will die arbeitende Jugend die Kette der Trunksucht, der Roheit, des Elends weiter fortsetzen? Die arbeitende Jugend wäre dann mitschuldig, wenn das Prolc- tariat nicht aus den flachen Niederungen des Lebens zu den Stusen des Hohen kommt. Die arbeitende Jugend muß den Mut haben, ihren Blick, statt aus die Vergangenheit, aus die Zukunft zu richten. Was sie dafür eintauschen wird, ist das Gefühl, an dem Elend des Proletariats nicht mitschuldig zu sein, ist der Genuß des Hossens auf eine neue Zukunft der Menschheit, ist die Schürfung ihres Empfindens für die Schönheit der Welt. _ Lorenz Popp. Der Vilöe Daum. Hinter unserem Hause liegt ein weiter Garten, in dem stehen Bäume jeglicher Art. Ich liebe sie so sehr! Ob in der zarten Blüten- pracht des Frühlings, im grünen Vlätterschmuck, wenn die Sommer- sonne heiß berniedcrbrcnnt, oder wenn die Zweige sich tief beugen unter der Last der reifen Früchte im Herbst, ja selbst wenn sie nichts sind, als tote, schwarze Gestalten, stets entzücken sie mich im gleichen Maße.— Mein ganz besonderer Liebling war eine schlanke Pappel. Einst wurde ich gewahr, daß sie litt, ohne ihr Trost spenden zu können, verstand sie doch meine Sprache nicht. Das war ein Leid! Ich hätte wohl nie erfahren, was ihr Kummer bereitete, wäre ich nicht eines Tages, ermüdet von der Sehnsucht, die der Frühling in aller Herzen auslöst, zu ihren Füßen eingeschlummert. Da hörte ich plötzlich ein Stöhnen, ein Seufzen, und als ich erstaunt ausblickte, sah ich, wie meine Pappel ihre Zweige sehnend gen Himmel streckte, hörte, wie sie rief: Ich will wachsen, wachsen, wachsen! Mit meinem Wipfel will ich den Himmelsbogen berühren, will herabsehen können auf euch, die ihr euch wiegt im Winde, selbstzusrieden von der Sonne beschcinen laßt, zu deren Höhe ich hinauf will. Ich will hinaus aus dieser Masse, in deren Mitte ich nichts bin! Erst wenn ich Großes geleistet, ein Wesen bin, das einzig dasteht, dann werde ich Ruhe finden. Die anderen Bäume waren entsetzt über die wilde Art, mit der die Pappel sich gegen die Bestimmung der Nattir auslchnte, unwill- kürlich blickten sie gen Himmel, einen Blitz erwartend, der den Frevscr vernichten würde. Jedoch nichts dergleichen geschah! Nur ein kleiner Kirschbauni fand den Mut, der Pappel einige Worte zu entgegnen: Tu nennst uns gleichgültig, stellst uns hin, als täten wir jahraus, jahrein nichts anderes, als uns zu sonnen. Und doch leisten wir mehr weit mehr denn du! Erst tragen wir holde Blüten, aus denen die Früchte reifen, die dann wieder Samen liefern, daß wir nicht aus- sterben nach einem Sommer der Freude. Wohl gleichen wir einer deni anderen, aber ist es nicht besser, einer starken Einheit anzugc- hören, als ei» schwaches Einzelwesen zu sein? So überzeugend diese Worte geklungen, die Pappel hatte nur eine Antwort darauf: Das ist ein ewiges Einerlei. Unerträglich! Ich spüre Kräfte in mir, Riesenkräfte, die mich verzehren, kann ich sie nicht betätigen. Ein wildes Feuer durchglüht mein Inneres, reißt mich empor zu Sonnenhöhen. Kein kleines Einzelwesen will ich sein, nein, ein starkes, voller Macht, zu dem ihr da unten ausschaut i» maß- losem Erstaunen, sehend, was ein einzelner vermag, wenn er die Ketten zerrissen, die ihn an die anderen fesselten. Ei» Tag nach dem anderen verging nun, die Pappel schoß ficht- lich empor! Lachend schaute sie herab auf die Bäume, die voller Un- gcduld das Ende erwarteten. Alle Säfte führte sie dem Stamme zu. Nur von dem einen Gedanken war sie beseelt: Empor zum Ziel! Schon hatte sie eine Höhe erreicht, wie wohl noch nie ein Baum zuvor, aber ihre Sehnsucht war noch längst nicht gestillt. Es trieb sie immer noch höher.> So kam eine Nacht heran, in der sich ein wilder Sturm erhob. Der brauste daher, niederreißend, was sich ihm nicht beugte, oder nicht zu trotzen vermochte. Die Pappel brach er um wie ein Streich- holz. Mit einem gellenden Schrei stürzte sie zu Boden, verdanimt, zu Staub zu werden, konnte sie doch nicht einmal mehr Holz spenden, das noch irgendwie hätte Verwendung finden können. Dem jungen Baume gleich, so stürmen auch wir himmelan, wir, die wir so ganz von der Begeisterung und dem heißen Willen der Jugend durchglüht sind. Aber wir müssen eines lernen aus der Geschichte der Pappel: Nicht blindlings vorwärts stürmen wollen wir, vom einzigen Wunsche der eigenen Größe beseelt, sonder» Hand in Hand, ein festes Glied in der langen Kette, gemeinsam streben sür Freiheit und Recht der ganzen Menschheit! SentaPcgow. Mit dem nach Steüin. Als? am Vormiitag V2II Uhr trifft sich die Kmdsrfreimdsgruppe „Karl Liebknecht" in der Blumcnstraße 77.„Wir wollen mit der Straßenbahn nach Spandau und von dort mit dem„Baldur" weiter bis Stettin," so sagte ich meinen Kindern an, letzten Gruppenabend. Der Dienstag kam, und pünktlich um �11 Uhr biege ich an der Blumenstratze um die Ecks, da kommen schon zwei Kinder an:„Wir denken schon, du kommst gar nicht, Willi." Alle 18 waren schon vertreten. Nun noch einige mahnende Worte von Muttern und dann ging es mit der„54" noch Spandau, wo sich die Gruppen treffen sollten. Unzählige Fragen:„Willi, wann fahren wir ab?"„Willi, ist es noch weit zum Dampfer?"„Sag doch mal, ist Irma schon da?" Irma war schon da, und kurz nach 1 Uhr zog sie mit den ersten beiden Gruppen los. Zehn Minuten später setzten auch wir uns in Bewegung, und nach kurzer Zeit waren wir am Schiff. Gruppen- weife wurde„eingeschifft".„Wo schläfst du denn?"„Wecst du nicht, wo Willi is?"„Mir ist die Butter im Rucksack jonz zerquetscht." Das waren die ersten Worte, die ich aus dem„Baldur" von nieinen Schutzbefohlenen hörte. Bald hatten alle ihren Platz und die Sachen untergebracht. Dann raus aus Deck! Bei schönem Wetter fuhren wir unter vielen Winken und Zurufen ab. Die Kinder fühlten sich aus dem„Baldur" gleich wie zu Hause. Das war ein Auf und Ab auf den Kabinentreppen; es gab ja sehr viel neues für die Kinder zu sehen. Schon fuhr unser vollbesetzcs Schiff den Spandauer Schisfahrtskanal entlang, überall bestaunt von den Zurückbleibenden. Für uns Helfer gab es nun Arbeit. Jeder Helfer hatte seine Kabine und seine Kindergruppe. Ich hatte Kabine Nr. 31. Hier waren die roten„Falken"«inquartiert, neun an der Zahl. Jede Kabine hatte einen Stubenältesten, der für Ordnung sorgte. Am Nachmittag wurde ein Hans-Sachs-Spiel gegeben und Pfänderspiele wurden reranstaltet. Um Uhr rüsteten wir zum Abendbrot. Abends um S Uhr legten wir dann in Lehnitz zum ersten Male an, um zu übernachten, natürlich auf dem„Baldur". Wir gingen ein Stündchen in den Wald zum Spielen. Unsere be- rühmte Völkerballkolonne war bald zusammengestellt, andere spielten Kreis, einige Räuber und Prinzessin. Ich war bei den letzteren. , Wie ein Wilder bin ich als Räuber hinter den Prinzessinnen herge- rannt, aber die konnten es doch besser. Um lg Uhr ging es an Bord zum Schlafen. Aber, wie soll man schlafen auf einem Dampfer. '■ Erst muß doch noch erzählt, der Rucksack ein- und ausgepackt werden und dergleichen Dinge mehr. Einige Helfer hatten Bücher mitge- bracht, die leisteten uns jetzt gute Dienste. Wir bewaffneten uns ' jeder mit Lektüre, gingen in die Kabinen, und dann wurde vorgelesen . und erzählt, bis alles fest schlief. Bald war die erst« Nacht aus dem„Baldur" um. Um 6 Uhr morgens hörten wir die Motor« arbeiten und weiter gings, nach Stettin zu. � Als erste Arbeit gab es Stullenschneiden, denn um%8 Uhr sollte Frühstück sein, und da mußten allerhand Brote kürzer gemacht werden. Um 7 Uhr sah man die ersten Kinder zum Vorschein kommen. Natürlich war die erste Frage:„Wo sind wir?"„Wann gibt es Kaffee?"„Wann find wir in Stettin?" Nach dem Frühstück ging die Unterhaltung los. Es wurde gesungen, einzelne spielten Pfänder- spiele, Irma und die Dresdener bauten inzwischen das Kasperle- � Iheater. Es dauerte nicht lange und schon lief das erste Stück über die Leiste. Das war ein Spaß. Laut schallte das Lachen über das Wasser. Selbst der dicke Kapitän schmunzelte, wenn er die in froher ' Spannung lauschenden Kindergesichter sah. Viel zu bald verschwand der rote Kasperle mit seiner Truppe in seiner roten Kiste, um sich für neue Taten in Stettin zu stärken. Jetzt ging es wieder an die Unterhaltungsspiele. Sehr beliebt für einige war das„Schinkenklopsen", woran sich sogar die Schiffs- Mannschaft mit großer Hingabe beteiligte. Auch ich beteiligte mich daran und hatte gleich Gelegenheit„meinen Schinken" zu prüfen- tieren. Hätte ich die Hand nicht gesehen, dann glaubt« ich heute noch, es wäre ein Holzhammer gewesen. i An, nächsten Tag« war alles in großer Spannung. Alles freute sich aus unsere Landung in Stettin. Schon von weitem sahen wir die Kinder und die Genossen mit ihren roten Fahnen am Landungssteg. s„Freundschaft!" schallte es vom Land zum Schiff und vom Schiff > zum Land zurück. Kaum konnten die Geister die Zeit erwarten, bis � der Dampfer hielt. Endlich war es so weit. Im Gänsemarsch ging es � über den kleinen Steg, herzlichste Begrüßung, und dann nahmen wir > Ausstellung, um die Stadt zu besichtigen. Besonders interessierte �uns der Hafen. Die großen Schiffe, die freniden Matrosen, das war ' etwas für unsere Berliner. Am Nachmittag gingen wir mit unseren Stettiner Freunden gemeinsam nach dem Sportplatz. Hier wurden ' wir mit Kaffee und Kuchen bewirtet. Dann mußte unser Kinder- freundekasperle den Stettinern seine Künste zeigen. Er mußte es lehr gut gemacht haben, denn der Beifall war groß. Leider ist alles Schöne bald zu Ende, und so mußten auch wir zum Ausbruch rüsten. In langem Zuge ging es zum Schiff zurück. Die Stettiner hoben schön geguckt als wir mit unseren roten Fahnen durch die Stadt zogen. Als wir am Schiff angelangt waren, gings ans Abschied- nehmen. Da war ein Händeschütteln, ein Winken, ein Grüßen, das schier kein Ende nehmen wollte. Noch lange grüßten uns die roten Fahnen der Jugendgenossen von Stettin. Auf dem„Baldur" ging's wieder lustig zu. Die„Schinken- klopfer" verdienten sich ihr Abendbrot, die Mädchen tanzten und sangen, es war zu schön. Wir Großen machten uns nun wieder mit den Broten zu schaffen, denn das Essen war mit die angenehmste Beschäftigung während unserer Reife. Die Zeit sing an kostbar zu werden, es war Do?.nerstag, wir wußien, Sonnabend sind wir wieder zu Hause. Am letzten Abend gingen wir noch einmal an Land. Es war einer der schönsten Spaziergänge, die ick- gemacht habe. Die Frösche gaben uns ein Konzert. Eine Rohrtrommel sang und gab uns Anlaß, eine halbe Stunde zu lauschen. Jugendgenossinncn kramten Crinnerniigen von ihren Fahrten aus. Äm letzten Tags wurde«in Bordfest veranstaltet. Jede Gruppe hatte Künstler zu stellen. Das Fest übertraf die kühnsten Erwart, mgen. Es war einfach„knorke". Gegen 3 Uhr langten wir dann in Spandau wieder an. Jetzt brauste es wieber los:„Freundschaft!"— Felix holte uns ab und mit vielstimmigem„Freundfchastl" begrüßten die Kinder ihren großen Freund. Auch viele Mütter waren erschienen, und es war«in Jubeln, ein Grüßen, ein Freuen, daß alles wieder gesund und munter ange- langt war. Noch ein kräftiges„Freundschaftl" unserer Schisfsmann- fchaft und fort ging's mit der Bahn nach Berlin. Willi B e r g e r. Aussprache Die Berliner Organisation hat in den letzten Monaten eine sehr intensive und fruchtbare Bildungsarbeit geleistet. Außer den reget- mäßigen Vortrags- und Ausspracheabenden in de» Abteilungen, haben eine Reihe von Schulungstursen für die Funktionäre statt- gesunden. Für die leitenden Funktionäre wurde kürzlich eine be- sondere S ch u l u n g s w 0 ch e veranstaltet, in der Fragen der Jugendarbeit, der Führerfchulung sowie allgemeine und wijscnjchaft- liche Probleme behandelt wurden. Die Teilnehmer haben in kurzen Aufsätzen ihre Auffassung über die sie am stärksten interessierenden Probleme dargelegt. Wir drucken zwei dieser Aussätze ab, da sie anschaulich machen, mit welchem Ernst in diesen Kreisen die Bildungs- arbeit betrieben wird. Wenn alle führen. Wenn man von Autonomie in der Jugendbewegung spricht, jo kommen einem doch Zweifel auf, ob diese heute wirtlich vorhanden ist. Ich stehe aus den« Standpunkt, daß es in der Bewegung, wie sie sich heute vor uns offenbart, noch gar keine Autonomie geben kann. Und wenn wir nun»ach der Ursache hierlür fragen, müssen wir das ganze Problem„Masse und Führer" ausrollen. Hier liegt nämlich noch manches im argen, hier ist der harte Boden, der noch zu beackern ist. Dieses Problem ist innerlich wie äußerlich zu allgc- meiner Erörterung reis. Der Führer muß mit der Masse verwachsen sein. Er gehört zu ihr. Jeder Baum muß eine Krone haben, die seiner Gestalt Vollendung gibt, wenn man sie auch gar nicht als einen besonderen Teil empfindet. Und das ist es, was ich aus die Bewegung an- wenden will: Man soll den Führer als solchen gar nicht empfinden. Er darf keine«onderrolle fpielen, wie es heute oft noch der Fall ist, man darf nicht merken, daß er überdaupt führt. Es bedarf keiner Führeraristokratie: denn diese ist es, die einen Teil der Bewegung für sich einseitig oeeinslußt, nicht für die Idee, sondern für ihre Persönlichkeit, ihren Posten, also für eigene Interessen. Andercrfeits ist sie es aber auch, die die Opposition fördert, die Opposition, die meist eine Minderheit ist, ober nicht zu Unrecht besteht. Nun ist ja Opposition unter Umständen sehr förderlich, kann sogar zu einer Gesundung der Verhältnijje führen: nur wird auch sie oft wieder nicht aus der Masse geboren. Wieder einzelne sind es, die sie hervorrufen, und ein Teil der Bewegung, irgendwelchen Neigungen folgend, schließt sich ihr an. Oder irgendeine' Persönlich- kcit macht sich Regungen der Masse zunutze, ganz individuell denkend. Das sührt uns auf die Kernsrage: Wie kann der einzelne aus der Bewegung emporwachsen zum wahren Führer? Wie soll die Führererzichung in unseren Reihen vor sich gehen? Der Führer muß aus der Masse hervorquellen und sich mit ihren Interessen volltonnnen identisch fühlen. Und wie vermeidet man einen individualistischen Rückschlag des Führers? Da bleibt nur die eine Antwort: solidarische Kontrolle der Masse über ihn. Aber der Einfluß dieser Kontrolle ist wieder unmittelbar abhängig von dem Grade der Massenschulung. Hebung des geistigen Niveaus der Masse ist also die Voraussetzung dieser Kontrolle. Hier liegt die große Ausgabe, die uns Jungen vorbehalten ist. Hier ist das Ziel, an dessen Verwirklichung wir mit Stolz arbeiten. Uns ist seine Erreichung vorbehalten, keinem anderen. Durch stetige Arbeit an unserer geistigen Vervollkommnung wachsen in jedem einzelnen Persönlichkeitewcrte heran. Von früh an muß dieses Streben geweckt werden. Wir wollen werben— wir wollen wecken! Erst dann, wenn wir uns nicht nur gefühlsmäßig, sondern auch ver- standesmäßig mit dem Sozialismus vertraut gemacht haben: erst dann, wenn das Wort Marxismus für uns keine Phrase mehr rft: wenn wir die Wirlschafts- und Kulturidee unserer Bewegung so erfaßt haben, daß wir sie in der Gestaltung des gefelljchastlichen Lebens entscheidend zur Geltung bringen können: erst dann haben wir das Rechs, uns wahre Kämpfer zu nennen. Dann erst unter- scheiden wir uns von denjenigen, die es wohl verstehen, ungeschulte Massen durch unklare und zügellose Reden in Erregung zu bringen und aufzuhetzen: die es setig bringen, Kulturgüter zu zerstören, um nachher ratlos vor dem Trunnnerhause» zu stehen, aus dem sie selbst nichts wieder aufbauen können, da sie die größte Beranlwor- tungslosigkeit begangen haben: Mit ungefchnlter Masse zu revolutlo- nicren. Sind wir Anhänger solcher phrasenreichen<;deen? Nein, wir lehnen sie ab> Mit einem systematisch geschulten Organisations- törper. in dem jeder so unterrichtet ist wie der Führer selbst, wollen wir den Kampf führen gegen alle Reaktion, gegen die gesamte Bourgeoisie. Dann erst sind wir geistig unabhängig geworden. Positive Taten werden folgen, und der materiellen wie ideellen lln' abhängigkeit geht es entgegen. Der Führer,, der dann aus bösem Willen oder mangelnder Schulung eine Politik treibt, die nicht zum Wohle der Allgemeinheit ist, wird von der geschulten Masse un- weigerlich erkannt, und ein anderer, fähigerer Mensch wird an seinen Plast gestellt werden. Nur auf diese Weise können wir verhindern, daß Menschen ganz zu Unrecht Posten bekleiden, die einem anderen viel eher ge- bührten Nur so wird sich aus einer solidarischen Kontrolle allge- meines Vertrauen hebe». Nur so wird wahre Autonomie bestehen können, indem sie aus einer Bewegung wächst, in der gesunder Geist steckt, der nicht von irgendwelchen Führerschichten, sondern von einer geschulte» und unterrichteten Masse bestimmt wird. In diesem Sinne laßt uns arbeiten! dann ist es Wahrheit, wenn wir fingen: „Den Feind, den wir am tiefsten hassen, Der uns umlagert schwarz und dicht, Das ist der Unverstand der Massen, Den nur des Geistes Schwert durchbricht." Reinhard Vogel, Charlottenburg. Religion. Kirche und Sozialismus. In der heutigen sozialistischen Bewegung bewahrt man zur Frage der Religion offiziell Neutralirät, sieht man die Religion als Privatsache an. Es kann aber nicht dabei bleiben: wir müssen vielmehr auch zu diesen Probleme» eine klare und eindeutige Stellung gewinnen, da jede geschichtliche Epoche neben bestimmten Formen ihres wirtschaftlichen und staatlichen Lebens auch ihre eigenen Ideen auf kulturellem und weltanschaulichen! Gebiet er- fordert. Diese Klärung ist gerade jestt notwendig, weil die inner- halb der Bewegung bereits bestehenden verschiedenen Strömungen auf religiöse!» Gebiet dazu beigetragen haben, daß diese Fragen, und zwar mit besonderer Stärke in der sozialistischen Jugend, leb- hast diskutiert werden. Bevor wir diese einzelnen Strömungen betrachten, erscheint es angebracht, zunächst einmal über den Begriff der Religion Klar- fielt zu gewinnen: denn erst dadurch werden wir erkennen können, »wieweit jene Richtungen sich wirklich in der Sache unterscheiden und nicht nur einen Wortstreit mit einander führen. Für den Bür- gerlichen ist die Religion begrifflich nicht wesentlich von der Kon- session verschieden. Ein einheitlicher Religionsbegrifs ist für ihn daher unmöglich, und das Gemeinsame der verschiedenen Kon- fesslonen ist lediglich der Glaube an ein beherrschendes, übersinn- liches Wesen, von dem alles menschliche Schicksal abhängig ist. Dein gegenüber finden wir im sozialistischen Lager Aufsassungen vom Wesen der Religion, die über jenen Rahmen hinausgehen: indem ina» nicht nur das Gefühl der Bindung an ein übersinnliches Wesen als Religion bezeichnet, sondern jegliches Aerbundenheits- gefühl überhaupt, also auch das der Verbundenheit in und mit der menschlichen Geniemschoft; oder indem man. noch weiter gehend, alles das, was wir nicht wissenschaftlich ergründen können, aber dennoch bejahen, also gläubig hinnehmen, als Religion anerkennt. Koben wir so die begriffliche Grundlage geklärt, so wollen wir uns jestt mit den einzelnen religiösen Richtungen innerhalb der sozialistischen Bewegung beschäftige», und zwar wollen mir uns zuerst den religiösen Sozialisten zuwenden, da sich diese— wenigstens teilweise— noch ani meisten an die bisherigen Formen anlehnen. Es gibt unter ihnen wiederum zwei Richtungen, von denen die eine der Ansicht ist: wir inüßten in der Kirche bleiben, i» sie eindringen, um sie so zur Bolkskirche zu machen. Die Ber- treter dieser Meinung wollen also von dem Glauben an ein über- sinnliches Wesen nicht Abstand nehmen, sie wollen nur die Organi- saiio» dieses Glaubens, die Kirche, sozial und volkstümlich gestalten. Die andere Richtung der religiösen Sozialisten vertritt fol- aenden Gedankengang: Jeder Mensch versucht, mit HUie der verschiedenen Wissenschaften alle an ihn herantretenden Fragen zu lösen. Bei einer Frage findet er aber keine Antwort, nämlich bei der nach Sinn und Zweck des tnenschlichen Lebens. Diese Frage tauch! bei jedem Menschen auf, und das Forschen nach der Antwort auf sie i st Religion. Bezeichnend ist, daß dies« sicherlich sehr tiefgründige Anschauung jede Anlehnung an die heutige Kirche schroff ablehnt Betrachten wir nun einmal das Freidenkertum, das in unseren Reihen sicherlich am startsten vertreten ist. Nach ihm ist Religion für uns ein überholter Begriff. Wir müssen uns von ledsm Glauben, von jedem religiösen Gefühl frei machen. Wir erstreben eine menschliche Gemeinschaft mit einer ihr eigenen, selbständigen G e m e i n f ch a f t s k u! t u r. Das Gefühl der Gemeinsamkeit und Solidarität, das diese Gemeinschast verbunden hält, ja tragt, ist eine Weltanschauung, nicht aber eine Religion. Ich will nun versuchen, unabhängig von jenen Strömungen eine Ansicht zu begründen, die viele Genossen, oft unbewußt, teilen, und die die meine als junger Sozialist ist. Wir rckollen eine neue Weltordnung aufbauen: mir kämpfen darum auf dem Gebiet der Wirtschaft und Politik. In der sozialistischen Gemeinschaft sollen alle Menschen gleiche Entwicklungsmöglichkeiten haben. Zu diesein großen Kämpfe um und für die sozialistische Gemeinschaft brauchen wir Menschen, die nicht ans irgendwelchen materiellen und ähn- liche» Gründen Sozialisten sind: sondern Menschen, welche ver- standesmäßig den Sozialismus erkannt haben, aber auch mit ihrem ganzen inneren Lebe», mit ihrem Gefühl bei der großen Sache sind, inid dieses, eben die Erfassung des ganzen inneren Menschen für den Sozialismus, ist meine Religion. Religion,— gewiß, wir könnten Ueberzeugung oder Weltanschauung sagen: aber diese Be- griffe sind zu e»g, denn sie berühren ja nur den Verstand, mährend das Gefühlsmäßige dabei nicht berücksichtigt ist. Gerade Religion, nicht in dem Sinne, wie sie von der heutigen Kirche vertreten wird, sondern in dem Sinne der Erfassung des ganzen inneren Mensche» für den Sozialismus, ist etwas, was uns einen sicheren und feste» Halt im Kampfe um die sozialistische Gemeinschaft gibt. G ü n t e r 5) e i n ß. � Ms Ser öewegung ll M»«! 1 fcXVi: 'It'Zl' Tagung der Verbandsleitung der SAX Ends Juni fand in Berlin eine Sitzung des Hauptvorstandes unseres Verbandes statt. Zuerst erfolgte die Konstituierung nach der Reuwahl des Vorstandes in Hildesheim. Es wurden gewählt: 1. Vorsitzender Max Westphal, 2. Borsitzender Ludwig Diederich, Kassierer August Albrecht, Schriftführer Erich Ollenhauer. Als Mit- glieder des Exekutivkomitees der Sozialistischen Jugend-Jnter- nationale wurden die Genossen Max Westphal und Otto Schröier- Leipzig gewählt. Die Spende des Verbandes für die italienische Organisation wurde auf Süll M. festgesetzt. Beschlossen wurde die Herausgab« einer ganzen Reihe neuer Schriften in> Arbeiterjugend-Verlag. In der Reihe der Arbeiter- dichter werden Gedichtbände von Lersch, Engelke, Preczang, Thieme und Schenk erscheinen. Außerdem erscheinen eine Reihe neuer Jugendspiele und Sprechchöre sowie das Bolksliederbuch in neuer Auflage. Die nächste Sitzung des Reichsausschusses wird im Anschluß an die Kulturtagung des Reichoausschusses für sozialistische Bildungs- arbeit, die Anfang Oktober in Blankenburg in Thüringen ver- anstaltet wird, am-1. Oktober in Tännich staltsinden. Ihr folgt vom 3. bis 7. Oktober die diesjährige Bezirksleitcraussprache, die sich vor allem mit der Neuordnung unserer Erziehungsarbeit auf Grund der geänderten organisatorischen Verhältnisse beschäftigen wird. Reichslagyng des katholischen Zungmännerverbandes. Anfang Juni fand in Essen ein Verbandstag des Verbandes der katholischen Jugend- und Jungmännervereine Deutschlands statt. Die Tagung beschäftigte sich vorwiegend mit sozialpolitischen Fragen. Es wurde gesprochen über den sozialen Menschen in der sozialen Wirtschaft, über soziale Bildung und über das Verhältnis der Jung- männervsreine zu den Arbeitervereinen. Weiter wurden behandelt die sozialen Forderungen für die arbeitende Jugend und die Stellung der Jugend zu den Gewerkschaften. Die Zlussprache über die Referate erfolgte in Arbeitsgemein- schasten, in denen dann auch die Ergebnisse der Debatte formuliert wurden. Die Tagung bekannte sich erneut zu den sozialpolitischen Forderungen des Reichsausschusses der deutschen Jugendverbäiide, und wandte sich entschieden gegen die Bestrebungen, die Sonntags- arbeit wieder einzuführen. Für die politische Einstellung dieser größten katholischen Jugendorganisation ist bezeichnend, daß das Tagungslokal mit den Reichsfarbe» geschmückt war, und als im Laufe der Debatten von einer Seite der Wunsch geäußert wurde, man möge bei Kundgebun- gen und Umzügen die Reichsfarbe» weglassen, erhob sich nach dem Bericht der„Germania" stürmischer und entrüsteter Widerspruch. Zum Reichsbanner„Schwarz-Rot-Gold" wurde folgende Entschlie- ßung angenommen: „Einem Antrag des Bezirks Dortmund, der Verbandstag möge die Zugehörigkeit der Mitglieder zum Reichsbanner a b- lehnen, kann der Verbandstag nicht zustimmen. Die Vereine sollen sich je nach den örtlichen Verhältnissen oder Schwierigkeiten entscheiden. Der Verbandstag wüuschk, daß junge Menschen, die noch nicht die polilischen Rechte besitzen, auch keiner politischen Kampsorganisation angehören." Der Verbandstag war von mehr als 500 Delegierten beschickt. Der Verband umfaßt gegen 439! Vereine mit 332 599 Mitgliedern. Mil dieser Mitgliederzahl steht der Verband an der Spitze der deutschen Jugendverbände. Interessant ist die Alterszusammensetzung der Mitgliedschaft. 293 999 stehen im Alier von 14 bis 17 Jahren. 129 999 sind zwischen 17 und 21 Jahre alt und rund 43 999 sind älter. 39 Proz. der Mitgliedschaft rekrutiert sich aus der Land- jugend. Die Menschen sind nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, an die Gesellschaft die Anforderung zu stellen: Sie durch Aervoil- konnnnung ihrer geistigen, sittlichen und körperlichen Fähigkeiten zu immer höherem, reinerem Glücke zu führen. Richard Wagner. Ich bin schon seit einer Reihe von Iahren Sozialist und werde mit jedem Tage mehr Sozialist. Ich bin Sozialist, weil der Sozia- lismus die Gerechtigkeit ist; ich bin Sozialist, weil der Sozialismus die Wahrheit ist: der Sozialismus wird aus dem Lohnsystem so unvermeidlich hervorgehoben, wie das Loknfystem der Leibeigenschaft folgte. Anatole France.